Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Ein altes Paar an der Haltestelle

6. 10. 2014  •  11 Kommentare

Die U-Bahn-Haltestelle ist schlicht gekachelt: gelb, rot, grün, so wie es in den 60ern schick war. Orangene Plaste-Sitzschalen stehen in der Mitte des Bahnsteigs. Eine Plakatwerbung wirbt fürs Plakatieren.

Ein altes Paar schiebt sich heran: Er geht gebeugt, sie sehr aufrecht. Beide tragen Wollmäntel.

„Hat heute Nacht geregnet“, sagt sie zu ihm.
„WAS?“
„HAT GEREGNET! HEUTE NACHT!“
„Was du immer hörst.“
„Mehr als du.“
„WAS?“
„MEHR ALS DU!“

Sie schlurfen zu den Stühlen und lassen sich darauf plumpsen. Auf den ersten Blick scheint er unmittelbar nach vorne auf die roten Fliesen zu kippen. Doch je länger ich ihn anschaue, desto stabiler sitzt er. Ein Mann mit einem Schwerpunkt auf 45 Grad.

„Richtig laut hat’s geregnet“, sagt sie.
„Hab nix gehört.“
„Das ist nix Neues.“

Er grunzt und schiebt sich ein bisschen auf seiner Sitzschale hin und her. Hebt erst die eine, dann die andere Pobacke und verharrt wieder im Nachvornekippen.

„Warum erzählst du mir das?“, fragt er.
„WAS?“
„WARUM DU MIR DAS ERZÄHLST?!“
„WAS ERZÄHLEN?“
„Mit dem Regen.“
„Musst ja nicht zuhören.“
„Tue ich auch nicht.“

Die U-Bahn fährt ein. Beide nehmen synchron Schwung, lehnen sich zurück und schießen dann von ihren Sitzen hoch direkt durch die sich öffnenden U-Bahn-Türen hinein. In der Bahn setzen sie sich schweigend nebeneinander. Mit einem Ruckeln fährt er Zug an. Ihre Köpfe wippen, und sie sind fort.

Braunkohletagebau Inden & Pier

15. 09. 2014  •  15 Kommentare

Am Wochenende war ich in Inden.
(Nicht Indien. Inden.)

Inden ist ein Ort, den es einmal gab und den es jetzt wieder gibt. Das alte Inden liegt im Rheinischen Braunkohlerevier und sieht jetzt so aus:

braunkohletagebau_inden

Es ist ein ziemlich gewaltiges Loch. Später soll es mal ein See werden – viel später, nach 2030. Bis dahin wird dort Braunkohle abgebaut. Die großen Braunkohlebagger, die am und in dem Loch stehen, sehen sehr klein aus. Dabei weiß man ja, wie groß so ein Braunkohlebagger ist.

Neben dem Loch gibt es den Ort Pier. Auch von Pier gibt es eine alte und eine neue Version. Was von der alten noch steht, sieht so aus:

braunkohletagebau_pier_01

Es sind nur noch sechs oder sieben Häuschen übrig, ein paar Gebäude, zwei Straßen.

Als ich in Pier ankomme und dort herumgehe, steht vor einem der Häuser ein Mann und schaut hinauf. Er trägt Rennradkleidung, hat einen Helm auf. Er ist ein bisschen älter als ich, vielleicht Anfang 40. Ich frage ihn, ob er hier aus dem Ort komme.

„Meine Eltern hatten die Kneipe hier.“ Er deutet auf das Haus gegenüber, ein Mehrfamilienhaus. Rechts und links vom Eingang hängen zwei kaputte Außenleuchten. Die Leuchtreklame am Haus ist zersplittert. „Es gibt so eine Facebookgruppe von dem Ort hier. Einer hat dort geschrieben, dass es jetzt soweit ist. Dass diese Woche abgerissen wird. Deshalb bin ich nochmal hergekommen.“

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„Ich habe gedacht“, fährt er fort, „ich finde noch was. Irgendwas, das ich mitnehmen kann. Aus dem Haus, in dem ich zuletzt gewohnt habe, hier die Straße runter, mit meinen Schwiegereltern, da habe ich nämlich so einen Glasbaustein mitgenommen. Nichts Besonderes. Aber er steht jetzt halt da, in unserem neuen Haus, und ich habe was.“

Er macht eine Pause.

„Was hier alles gefeiert wurde! Männergesangsverein, Sportverein. Alles. Mein Vater arbeitetete eigentlich aufm Amt. Wenn er nachmittags nach Hause kam, ging er hinter die Theke, und je nachdem, wer da war, wenn Freunde da waren, blieb er bis morgens um drei. Er hat dann am Ende nur Cola getrunken, er musste ja am nächsten Tag wieder aufs Amt. Meine Mutter allerdings, das war so eine richtige Kneipenfrau. Die hat schon morgens da gestanden und hat über die Theke gewischt, hat alles sauber gemacht.“

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„Haben Sie hier auch mal gewohnt?“, frage ich. „Als Kind?“

„Ich hatte mein Zimmer über der Kneipe. Wir haben alle hier im Haus gewohnt, die Kinder, die Eltern, die Großeltern. Das war so ein richtiges Mehrgenerationenhaus. Als ich zu meiner Frau und meinen Schwiegereltern gezogen bin, hier die Straße runter, konnte ich erst gar nicht schlafen. So ruhig war es.“ Er lacht. „Ich konnte ja jeden Schlager auswendig!“

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„Ich war eben nochmal hinten, im großen Saal. Und habe Fotos gemacht. Das ist schon schwer. Wie das jetzt aussieht. So viele Feiern hat’s dort gegeben! Und nach dem Krieg, da gab’s ja keine Kirche im Dorf. Die war kaputt. Da war der Saal eine Notkirche. Das hat mir mein Vater oft erzählt. Damals haben sie dort Gottesdienste gefeiert und alles.“

Er macht eine Pause.

„Ich kann mich an so viele Feiern erinnern. Alles, wirklich alles haben wir dort gefeiert.“

 

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Ich frage ihn, wie weit er jetzt von hier weg wohnt.

„Ach“, sagt er. „Nicht weit. Acht Kilometer. Aber man muss sagen: Wir haben uns schon verbessert. Also, meine Frau und ich. Bei uns gibts jetzt Einkaufsmöglichkeiten direkt um die Ecke, das ist schon schön. Und die Kinder, naja, die kennen das alte Pier ja gar nicht mehr. Das hier ist nur meine Heimat. Die Kinder, für die bedeutet das hier alles nichts.“

„Wann sind Sie umgezogen?“

„2007. Mit meinen Schwiegereltern. Die wollten nicht die ersten und nicht die letzten sein. Wir, also meine Frau und ich, wir waren damals ja nur Mieter. Mieter hatten keine Ansprüche. Aber weil wir mit meinen Schwiegereltern mitgezogen sind, ging das dann.

Meine Eltern, die waren die letzten. Es gab noch einen Installateur, der wollte auch nicht gehen, aber meine Eltern, die waren tatsächlich die letzten. Die sind vergangenes Jahr erst umgezogen. Am Ende rief mein Vater oft an: ‚Die haben schon wieder bei uns eingebrochen!‘ Ich habe dann immer gesagt: ‚Vater, das sind nur Jugendliche, die denken, das Haus steht leer.‘ – ‚Aber es brennt doch Licht!‘, hat mein Vater gesagt. Naja, manchmal hatten sie aber halt auch schon keinen Strom mehr.“

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„Mein Schwiegervater konnte sich besser trennen. Der hat ja sozusagen die Bagger gefahren.“

„Das ist schräg“, sage ich.

„Ja, das ist es wirklich. Der wollte zwar auch nicht unbedingt weg, aber er hat sich arrangiert, er wusste ja, dass es irgendwann so kommt. Meine Eltern haben das zwar auch gewusst, aber die haben das immer verdrängt.“

Zwei Fahrradfahrer kommen vorbei. Man grüßt sich. Sie fahren hinter uns weiter Richtung Lucherberg.

„Wir hatten nicht die einzige Kneipe hier. Es gab ja vier Kneipen im Ort. Ganz schön viel eigentlich für so ein kleines Dorf. Aber wir, wir waren nah am Sportplatz. Der war nur 200 Meter die Straße runter – hier, links neben dem Haus. Aber da ist ja jetzt auch Ende. Da kommt man nicht mehr weit.“

 

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„Da rechts der Bauernhof, das rote Gebäude, sehen Sie? Da habe ich immer meine Sommerferien verbracht. Rumgetobt, Heu gepresst, sowas halt. Und mittags gabs Klöße. Milch konnten wir uns aus einem großen Bottich nehmen. Ja, so war das. Waren Sie da schon drin, in dem Bauernhof?“

Ich sage: „Gerade eben.“ Wir stehen ein bisschen da. Es weht ein leichter Wind. Es ist staubig. Ich frage: „Wie ist das eigentlich für Sie, wenn jetzt Leute kommen, so Leute wie ich, die in den Häusern rumlaufen und Fotos machen?“

„Ach, das macht mir nichts. Gehen Sie ruhig nochmal rein. Ist ja nichts mehr da.“

 

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„Wurden Sie denn gut entschädigt? Ich meine, lief das fair?“

„Ja, doch, doch. Rheinbraun hat schon gut entschädigt. Nicht so schlecht, wie manche sagen. Natürlich: Die haben auch nichts zu verschenken. Die haben das Haus geschätzt, Zustand und Baujahr und so. Man musste dann auch handeln und kämpfen, aber das war schon alles okay. Man konnte sich auch Dinge in den Vertrag reinschreiben lassen – was man mitnehmen will, alle möglichen Sachen. Mein Vater hat zum Beispiel seinen Gartenzaun mitgenommen, so ein Metallzaun, der war zwar zehn Jahre alt, aber der war noch gut. Den hat er mitgenommen. Ansonsten zerlegen die hier alles und verwerten es, Kupferrohre und so.“

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„Das ganze Vereinsleben, das ist jetzt halt kaputt. Es sind ja nicht alle ins neue Pier gezogen. Einige sind nach Schophoven gezogen, andere woandershin. Die alten Vereine, das hat sich alles überallhin verstreut. Nur die Maigsellschaft hat überlebt, die jungen Leute stellen da richtig was auf die Beine. Aber der Rest, der Fußballverein und so, das ist alles verschwunden. Die meisten Kinder spielen jetzt in Schophoven. Das kann ich ja gar nicht verstehen!“ Er lacht. „Naja, egal. Dabei wollten sie uns einen Fußballplatz im neuen Pier machen, so richtig mit Kunstrasen und so, aber dass wollten die meisten nicht. Ich selbst habe ja am Ende nochmal ein Jahr, im letzten Jahr, hier in Pier Fußball gespielt. Habe extra nochmal den Verein gewechselt. Wir haben Kreisliga gespielt, das ist gar nicht so niedrig für so ein kleines Dorf. Ach so. Der Schützenverein, der ist auch noch da. Aber ich habe das Gefühl, da gibt’s alle drei Jahre denselben Schützenkönig, das sind nur noch so ein paar Leute.“

 

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Ich frage ihn, ob ich aufschreiben darf, was er mir erzählt hat – in mein Blog.

„Na klar“, sagt er. „Schreiben Sie das ruhig auf.“

Wir stehen noch eine Weile da. Dann sagt: „Dann will ich jetzt mal nach Hause. Also, ins neue Zuhause.“  Wir wünschen uns einen schönen Sonntag, er steigt auf sein Rad und fährt den zwei Radlern von vorhin hinterher.

Bemerknisse zum Urlaub

26. 08. 2014  •  24 Kommentare

Achtzehn Bemerknisse* zum Urlaub:

  • Zu Siebt zu verreisen ist eine wunderbare Sache, kann ich nur jedem empfehlen. Man meint ja, das sei auf Dauer anstrengend, aber es gibt vieles, das man sich teilen kann: Das Kochen, die Kinderbespaßung, die Reparatur von Dingen. Das ist sehr praktisch.
  • Der Kochelsee war überdies ein ideales Reiseziel, vor allem mit drei Kindern. Stöcke, Steine und Dinosaurierskelette – es gab alles. Auch Schwäne, die sich streicheln ließen.
  • Und Zwerge.

Am Kochelsee

  • Fünf der sieben Urlauber waren ja Russen, Freunde aus Moskau, und ich muss sagen, dass es sehr kommod ist, Russisch zu lernen, wenn man einfach so beisammen ist. Mein Sprachverständnis hat sich deutlich verbessert.
  • Ich kann nun aufgrund der entsprechenden Interessenslage in der Reisegruppe sämtliche Tierarten auf Russisch benennen (auch Nacktschnecken), einschließlich ihrer unverpuppten Form (Raupe), ihren Kindern (Kälbchen, Ferkelchen) sowie sämtlichen Bestandteilen (Schwanz, Flügel, Schnauze, Popo). Hier beispielhaft eine коза:

Neugierige Ziegen

  • Überdies kenne ich nun, nachdem gefragt wurde und ich nachgesehen habe, das russische Wort für Haubentaucher, was für meine zukünftige Sprachentwicklung sicherlich noch von Bedeutung sein wird.
  • Im Kochelsee darf man angeln, wobei es nicht so einfach ist, an eine offizielle Angelerlaubnis für urlaubende Russen zu kommen. Aber es war der Herzenswunsch des Jungen, da setzt man alle Hebel in Bewegung. Die Damen und Herren in Kochel waren sehr freundlich, und so wurde nach 50 Euro in die Gemeindekasse und eineinhalb Stunden Behördengängen denn auch geangelt, ganz legal.

Beim Angeln

  • In den drei Kindern befand sich ein Eis-Wecker. Ab eine Stunde vor Eis begannen sie, oboenhaft zu quengeln, wobei Eis mal um zwei Uhr und mal um vier sein konnte, immer aber dann, wenn gerade kein Eis erreichbar war.
  • Der kindliche Eis-Wecker hat sich sehr schnell mit meiner eigenen inneren Eis-Uhr synchronisiert.
  • Falls Sie übrigens mal Kascha probieren wollen, den russischen Hirsebrei, kochen Sie einfach ein paar Hirsekörner. Erst kurz in heißem Wasser, danach abgießen, sonst wird es bitter. Danach im Verhältnis 2:1 (2 Wasser, 1 Hirse) 30 Minuten in heißem Wasser quellen lassen. Milch und ein bisschen Zucker dazu.
  • „Ordnung everywhere!“, wie oft habe ich diesen erstaunten Ausruf gehört. Überall gemähtes Gras, nirgends steht etwas herum – wie bezaubernd, wie verstörend. Von oben sieht unser Land sogar noch ordentlicher aus als von unten. Was uns so selbstverständlich vorkommt, ist es offensichtlich nicht.

Herzogstand: Blick auf den Kochelsee

  • Sommerrodeln ist eines dieser Dinge, an denen ich wahrscheinlich auch mit 80 nicht den Spaß verlieren werde.
  • Ich bin allerdings die, die auf der Sommerrodelbahn immer die lahmen Enten vor sich hat. Ich sehe es ihnen auf dem Weg nach oben schon an und kann trotzdem nichts tun!
  • Kühe gibt es in Bayern an jeder Ecke, sogar solche mit Glocke um den Hals. Letztere grasen dann unter meinem Schlafzimmer. Es gibt sie mit und ohne Euter. Die ohne Euter sind mir suspekt, auch wenn sie noch sehr jung sind. Ich bin ihnen aber offensichtlich auch nicht geheuer.

Kuhbegegnung

  • Nach sechs Tagen, an denen wir Berge hinauf und Berge hinab fuhren, Tiere bestaunt, München besichtigt und eine Klamm erobert hatten, packte mich dann doch die Wanderlust und ich legte an einem Tag laut Moves-App 25,7 Kilometer zu Fuß zurück – bei blendendem Wetter.

Wanderwetter

  • Danach taten mir zugegebenermaßen ein bisschen die Beine weh.
  • Das Wetter war übrigens sehr freundlich zu uns: Es regnete nachts und war tagsüber weitestgehend trocken.
  • Am Ende dann, nach sieben Tagen ebenso enthusiastischen wie geduldigen Angelns, stetigem Nachjustieren am Gerät und dem Wechsel des Angelplatzes, fing der Junge dann endlich einen Fisch. Einen einzigen, eine Äsche. Wir haben diesen 50 Euro teuren Fisch angemessen lange und andächtig betrachtet, bevor wir ihn (weil unter Schonmaß) ins Wasser zurückgesetzt haben.

Fisch gefangen!
*Wort geborgt von Frau Gmingmangg

Eine kleine Radtour durch Island

15. 08. 2014  •  10 Kommentare

Es gibt einen Menschen, der eine Idee hatte:

In Elmshorn aufs Rad steigen, nach Dänemark radeln, von dort mit einer Fähre nach Island gondeln, 2000 Kilometer durch Island radeln – über Holperpisten, durch einen Schneesturm und an Vulkanen vorbei – und wieder heimfahren. Verrückte Idee? Egal!

Sascha Eden hat es getan und darüber gebloggt. Aus den Blogbeiträgen ist jetzt ein Buch entstanden – und es ist ein zauberhaftes Buch.

Buch von Sascha Eden: Eine kleine Radtour

Vielleicht sagen Sie: „Ein Buch aus Blogbeiträgen? Nein, danke!“ Dann sollten Sie bei diesem Werk eine Ausnahme machen. Sascha erzählt kompakt, unterhaltsam und selbstironisch von seiner Tour durch Island, die er gemeinsam mit seinem Kumpel Philipp gemacht hat. Er schreibt über Gegenwind, über Rückenwind, übers Zelten in Vorgärten, über unerwartet heiße Quellen, verwunderte Auto-Touristen, ebenso verwunderte Isländer und ein bisschen auch darüber, was die Tour in ihm  bewirkt hat.

Das Ganze macht er in einem ruhigen, unaufgeregten Stil, der ganz im Gegensatz zu Elementen steht, denen er auf seiner Tour ausgesetzt war. Das macht auch den Zauber des Buches aus: Ich ahne als Leser, was Sascha seinem Körper abgerungen hat. Er hingegen erzählt ganz nüchtern von der 150 Kilometer langen Tagesetappe über windumtoste Hochlandpisten – und wie er abends dann doch recht müde war. Ein persönliches Buch, das sehr angenehm zu lesen ist – ich habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Jede Etappe ist ein Kapitel. Zu jeder Etappe gibt es Bilder und Eckdaten. Am Ende des Buches hat Sascha aufgeschrieben, mit welcher Ausstattung er unterwegs war. Sehr interessant und vor allem: Respekt, mann. Hut ab.

Das Buch steht zum kostenlosen Download [pdf, 41 MB] zur Verfügung. Sascha freut sich aber auch, wenn Sie das Werk gedruckt kaufen (das ist auch viel cooler) – für ’nen Zehner, mit Versand 12,50 Euro: mehr dazu hier.

Flughafen Tempelhof

10. 08. 2014  •  6 Kommentare

Als ich am Freitag noch einen Tag in Berlin, dachte ich, ich könne doch mal nach Tempelhof fahren und mir das Flugfeld anschauen. Das Wetter sollte gut sein, und ein bisschen herumlaufen und Leuten beim Drachensteigen zusehen – das ist eine schöne Sache. So fuhr ich nach Tempelhof.

Flughafen Tempelhof aus der Vogelperspektive

Flughafen Tempelhof aus der Vogelperspektive. Die Hangars links wurde einst von der US Air Force genutzt, rechts für die zivile Luftfahrt.

 

Das Gelände ist von enger Bebauung und stark befahrenen, mehrspurigen Straßen umgeben. Der Verkehr rauscht, es ist laut. Doch mit jedem Schritt, den ich ich mich auf der Landebahn von der Umgebung entferne, wird die Stadt leiser, der Wind frischt auf, Autos und Menschen, Enge und Hitze verschwinden hinter mir. Ich kann verstehen, warum die Berliner das erhalten wollen, so wie es ist.

Tempelhof: Flugfeld

Das Flugfeld. Mit Flugzeug.

 

Tempelhof: Flugfeld

2050 Meter geradeaus.

 

Ich hatte vorher kurz ins Internet geschaut und gelesen, dass es Führungen durch das Flughafengebäude gebe: „Mythos Tempelhof“, freitags um 13 Uhr . Das passte. Ich kann an dieser Stelle schon vorwegnehmen: Machen Sie das ruhig mal, wenn Sie in Berlin sind. Buchen Sie so so eine Tour, es ist eine spannende Sache.

Die Führung startet im GAT, dem „General Aviation Terminal“ rechts neben der Abfertigungshalle. Im gesamten Gebäude ist, man kann es nicht anders als mit dieser Phrase sagen, die Zeit stehen geblieben. Hätte sich plötzlich die Türen geöffnet, hätten backenbärtige, Schlaghose tragende Reisende die Szene betreten, wären Stewardessen vom Flugfeld hoch gekommen und hätte uniformiertes Bodenpersonal hinter den Check-In-Schaltern Platz genommen, es hätte mich nicht gewundert – nein, es wäre selbstverständlich gewesen.

Der Flughafencharakter ist noch an jeder Stelle erhalten, muss es auch bleiben; es gibt da Vorschriften. Entsprechend ist alles picobello, die Böden sind sauber, die Anzeigetafeln noch vorhanden, nur das Gepäckband steht still. Aber es braucht nicht viel Fantasie, um es in Bewegung zu versetzen. Das Ganze ist recht surreal.

Tempelhof: GAT

GAT: Das General Aviation Terminal

 

Tempelhof: Abfertigungshalle

Die Abfertigungshalle

 

Tempelhof, Abfertigungshalle: Aufgang ins Restaurant

Abfertigungshalle: Aufgang ins Restaurant

 

Tempelhof: Telefon

Keine Telefonkabinen mehr.

 

Der Flughafen wurde vom Architekten Ernst Sagebiel entworfen. Erst später trat Albert Speer auf den Plan. Sagebiel hat, das wusste ich vorher nicht, mit Tempelhof den ersten modernen Großflughafen geplant – eine Art „Mutter aller Flughäfen“ mit Hotels, Geschäftsräumen, Verwaltungsgebäuden und einer kleinen Tribüne für Besucher, die nur gucken wollen. Zehn Pfennige sollte das damals kosten. So etwas hatte es vorher noch nie gegeben. Bisher waren Flugplätze ausschließlich dem Fliegen vorbehalten: Man kam, ging aufs Flugfeld, stellte sein Gepäck dort hin, bestieg das Flugzeug und war weg.

Sehr beeindruckend ist das Dach der Abflughalle. Es ragt vierzig Meter nach vorne und war auch als Tribüne gedacht: 100.000 Leute sollten auf ihm Platz haben, um der Luftwaffe bei Flugschauen zuzujubeln. Damit all diese Menschen möglich schnell herauf und herunter kommen konnten,  wurden gegenläufige Treppenhäuser in das Gebäude gebaut: Binnen 30 Minuten sollte das Dach zur Propagandazwecken gefüllt werden können.

Tempelhof: Das Dach

Hier stiegen die Leute in die Flugzeuge.

 

Tempelhof: Dach

Man könnte meinen, es braucht, um den Ausleger zu halten, ein Kontergewicht, ähnlich wie bei einem Kran. Tatsächlich wird das Dach nicht hoch gezogen, sondern herunter gedrückt – von der Tribüne, die auf ihm gebaut ist.

 

Tempelhof: Vor der Abfertigungshalle

Ankunft und Abflug. Rechts der Führerfahrstuhl – einer von zwei Fahrstühlen, die Adolf Hitler hat bauen lassen, damit er nicht mit dem Volk die Treppen hochlaufen musste.

 

Tempelhof: Treppenhaus

Eines der gegenläufigen Treppenhäuser, die noch immer im Rohbau sind und niemals fertig gestellt wurden.

 

Im Gebäude befinden allerlei Räumlichkeiten, die mit dem Flugbetrieb erstmal nichts zu tun haben – darunter eine Basketballhalle der US Air Force. Die amerikanischen Streitkräften sind ja seit jeher bemüht, es ihren Soldaten im Ausland möglichst heimelig zu machen. So spielten hier also die Berlin Braves; der Boden ist sehr weich, viel weicher als deutscher Turnhallenboden.

Tempelhof: Sporthalle

Sporthalle der US Air Force. Hier trainierten und spielten die „Berlin Braves“. Es gab außerdem eine Damen- und Herrensauna.

 

Tempelhof: Luftschutzkeller

Im Luftschutzkeller mit Wilhelm Busch. An den Wänden finden sich Striche und Zahlen, mit denen Menschen nicht die dort verbrachten Tage gezählt haben, sondern die Spielstände darstellen: Die Air-Force-Soldaten nutzten die Räume für Billard und andere Spiele.

 

Tempelhof: über der Abfertigungshalle

Die monumentalen Räume über der Abfertigungshalle werden heute gerne für Filmaufnahmen benutzt.

 

Tempelhof: Treppenhaus

Treppenhaus, gesehen aus dem dritten Untergeschoss.

 

Natürlich geht es bei der Führung auch um die NS-Zeit, um Zwangsarbeiter, die in zugigen, feuchten Hangars Flugzeuge zusammen bauten, die nur in entsprechenden Baracken zur Toilette gehen durften, einen Kilometer entfernt von ihrem Arbeitsplatz.

Es geht auch um die Luftbrücke, während der bis zu 58 Flugzeuge in der Stunden in Tempelhof landeten, entladen wurden und wieder starteten. Eine Sache, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: Zu Anfang gab es noch keine betonierte Start- und Landebahn, nur eiserne Lochplatten, die bei jeder Landung auseinander sprangen. Zwei Leute mit einem Schweißgerät saßen im Gras, rannten hin, schweißten sie wieder zusammen und rannten weg, ehe der nächste Flieger landete. Ich denke mal, dass sie recht schnell auf den Beinen waren.

Zentralflughafen Tempelhof: Abfertigungshalle

Zentralflughafen Tempelhof

 

Nachlese

9. 08. 2014  •  6 Kommentare

Schön war’s am Donnerstag in Berlin.

Gemeinsam mit Matthias SachauFrédéric ValinErasmus von Meppen und Nutellagangbang habe ich beim Jour Fitz im 4010 Telekom-Shop gelesen. 

Frédéric Valin liest

Herr Frédéric erzählt eine Geschichte vom Dorf.

 

Erasmus von Meppen verliest die Nachrichten

Herr von Meppen verliest die Nachrichten.

Die Vorträge der Herren waren sehr heiter. Schauen Sie sich die Werke gerne näher an. Meine besondere Empfehlung ist Frédéric Valin, der amüsante Geschichten übers Teenagersein auf dem Dorf kennt.

Mit von der Partie war auch Roman Shamov. Für die Dortmunder: Das ist der Beifahrer von Jürgen Klopp.

Herr Roman hat eine Geschichte mit Clown vorgelesen – nein: vorgespielt, so ein Schauspieler macht das nochmal ganz anders als wir zaghaften Autoren; und er hat ein Liedchen gesungen, das er mit Lucie van Org als Duo Meystersinger gemacht hat. Sehr hübsch ist das:

Nach der Arbeit dann das Vergnügen: So ein Berliner Nachtleben hält schließlich auch an einem Donnerstag Kurzweil bereit. Ist ja nicht Dortmund.

Zwei Gläser Astra

 

Die Hochzeit, die mit Verspätung beginnt und dann munter weitergeht

1. 06. 2014  •  4 Kommentare

Der Bräutigam steht vor dem Altar.

Neben ihm sein Trauzeuge. Mutti und Vati in der ersten Reihe. Die Eltern der Braut in der Bank daneben. Dahinter sitzen die anderen, die Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, die Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn. Und ich.

Draußen, auf dem Rücksitz des Opel, sitzt die Braut. Ihr Reifrock klappt leicht hoch. Es ist 14 Uhr. Eigentlich hätte es längst losgehen sollen hier im Sauerland auf dem Berg, in der kleinen Kapelle. Zum Glück hält das Wetter. Es ist heiter und warm genug für einen Rock ohne Strumpfhose. Niemand muss im Matsch stehen, und auch im Kirchlein ist es angenehm.

Kapelle auf dem Berg

Es wäre also alles so schön, wenn nicht der Vikar fehlte.

Nach zehn Minuten geht jemand nach vorne, eine alte Dame, vielleicht eine Großmutter. Sie sagt: „Also, wir gehen jetzt den Vikar suchen. Den oder einen anderen.“

Die Gesellschaft verlässt murmelnd die Bänke und verlegt vor die Kapelle. Die Hälfte der Anwesenden sind Polen; es ist eine deutsch-polnische Hochzeit, der Bräutigam hat Migrationshintergrund. Oder nein, er selbst nicht mehr wirklich, eher sein Vater und sein Großvater; es ist aber auch egal: Irgendwie ist er zu dieser Mischpoke gekommen, und sie ist jetzt hier und nimmt es gelassen. Allein das deutsche Lager wirkt gehetzt.

Der Brautvater versucht vergeblich, den Vikar zu erreichen. Die Brautmutter telefoniert eilig mit einem Bekannten, einem Diakon. Als der gerade sagt, er könne die Sache wuppen, Lesung und Trauung, das sei kein Problem; die Predigt, nun ja, da müsse er etwas improvisieren, aber irgendwie bekomme man die Kuh schon vom Eis – da röhrt der Eigentliche in einem alten Seat den Berg hinauf, setzt in einem Regenablauf hart auf, und kommt vor dem Kirchlein zum Stehen. Verwundert blickt er in die Menschentraube.

„Bin ich zu spät?“ Die Anwesenden lachen; nun ja, ein bisschen vielleicht. Dem Vikar ist es pflichtgemäß peinlich. Er hat sich in der Zeit vertan und außerdem noch verfahren. Aber was soll’s: Nun kann es endlich losgehen. Alle marschieren wieder hinein, der Bräutigam durfte ohnehin nie raus, der Vikar ordnet seine Siebensachen, dann Hochzeitsmarsch, die Braut betritt die Kapelle, die Mama weint, na bitte, es hat doch noch alles geklappt.

Nach der Kirche geht es zur Schützenhalle – so muss das im Sauerland. Zwei deutsch-polnische Alleinunterhalter singen erst „Atemlos“ und gehen dann zu polnischen Diskokrachern über. Das polnische Liedgut wird sich sich im Laufe des Abends noch als deutlich schmissiger als der übliche Schlager herausstellen.

Glaube, Sitte Heimat

Das Abendessen ist gerade vorüber, als Onkel Vaceslav die Brautmutter zum ersten Mal zum Tanz auffordert. Es ist noch keine acht Uhr, aber er ist schon ziemlich knülle: Gleich nach der Messe hat er mit dem Wodka begonnen, fühlt sich nun wie der junge Fred Astaire, kann seine Koordinationsschwierigkeiten jedoch gerade noch in einem zackigen Hüftschwung verbergen. Er wirbelt die Brautmutter nach rechts, nach links und im Stechschritt nach hinten – aber es passt schon.

Wir tanzen alle ein bisschen, bejubeln das Brautpaar und pusten Seifenblasen. Es gibt eine Menge zu tun: Fotos, Gästebuch, Glückwunschbaum – es ist ja nicht so, dass man als Gast einfach nur da ist. Es wird einem Einiges abverlangt.

Gegen zehn wird es für Onkel Vaceslav heikel, denn er kann kaum mehr stehen. Sie versuchen, ihn ins Auto zu verfrachten und haben ihn auch fast schon auf den Rücksitz befördert, den Kopf in bester Polizei-Manier zum Einsteigen hinuntergedrückt, als er zurück in die Halle marschiert und beginnt, jedem Einzelnen als Lebewohl einen Handkuss zu hinterlassen. Auf diesem Wege gerät er erst in ein Tanzspielchen, dann in eine Polonaise und irgendwie haben ihn danach alle so lieb, dass er das Party-Maskottchen ist und in der Halle bleiben darf.

Als gegen Mitternacht die Hochzeitstorte mit einem Feuerwerk in die Halle gefahren wird, hat der Onkel bereits seit geraumer Zeit das Kinn auf der Brust. Wir Übrigen essen, nach der Torte gibt es noch ein paar Spiele, es wird unter dem Schleier getanzt, dann verabschiede ich mich. Im Augenwinkel sehe ich noch, wie Onkel Vaceslav gerade wieder beikommt und frisch genug ist, die Brautmutter neuerlich zum Tanz aufzufordern. Ich überlege kurz, noch zu bleiben, aber nein: Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.

Siggi’s Hütte

19. 05. 2014  •  19 Kommentare

Mannschaftsfahrt mit den Handballmädels. Nach Willingen im Sauerland.

Im Sauerland sind viele Berge. Deshalb hat die Reiseleitung angeordnet: „Mittags: Hüttenbesteigung!“ Wir sind schließlich eine Sportmannschaft. Wir müssen im Training bleiben. Bei uns herrscht Disziplin.

Wir packen Energieriegel (Dreemy Mini Schokomix), Obst (Valensina-Bonbon-Schnaps) und isotonische Getränke (jeder zwei Radler) ein, hängen uns unsere Pinnchen um den Hals und stapfen los.

Nun ja: Die Sache mit dem Pinnchen ist ein bisschen peinlich; bleibt es selbst, wenn man irgendwann betrunken ist. Aber irgendwie ist es auch praktisch. Denn kaum sind wir aus dem Haus, ruft Mimi: „Obstpause!“, und schenkt uns Valensina ein. Ihr ist daran gelegen, dass die Pulle schnell leer wird: Sie ist die jüngste und muss sie tragen.

Nach dreimal Obst und einmal Isotonisch erreichen wir die Gondelstation. Speedy ist schon da. Sie hat Kreuzband, ist Taxi gefahren und darf mit der Seilbahn hoch. Sie hat außerdem ein Ticket für Jenni (Innenbanddehnung) gekauft, eins für Rosi (allgemeines Missempfinden) und eins für Kinga (hat nur Adiletten dabei). Wir anderen gehen zu Fuß den Ettelsberg hinauf zu Siggi’s (sic!) Hütte. Ein Kilometer Aufstieg, 240 Höhenmeter, das sollte machbar sein. Wir marschieren los.

50 Meter hinter der Gondelstation ruft Mimi zum vierten Mal: „Obstpause!“, und zückt die Flasche. Doch die Reiseleitung winkt diesmal rigoros ab. Disziplin, Mädels, Disziplin! Erst Sport, dann Schnapstransport! Wir stapfen weiter den Hügel hoch. Er ist steiler als gedacht. In Serpentinen windet er sich hinauf. Wir schnaufen.

Nach 500 Metern gibt es die ersten Ausfälle: Kirstens Wade verhärtet sich. Sie muss dehnen. Lulu zeigt auf den Becher um ihren Hals und japst: „Alta! Mein Herz schlägt bis ins Pinnchen!“ Tatsächlich: Das Ding hüpft sanft, aber merklich auf ihrem Brustbein auf und ab.

„Das ist schlimmer als Bootcamp.“
„Warum hat mir keiner gesagt, dass ich den Everest besteigen muss?“
„Ich will wieder runter.“

Doch die Reiseleitung bleibt hart. Mit uns geht’s nur hoch! Wo wir sind, ist oben!

„Jemand Obst?“
„Halt’s Maul, Mimi! Wir wandern!“

Wir durchsteigen die Heide. Rechts von uns seilen sich lautlos die Kabinen den Berg hinauf. Kirsten und Lulu blicken sehnsüchtig den Gondeln nach. In einer von ihnen sind vier von uns, die jetzt glücklicher sind. Immerhin: Bald wird die Steigung sanfter. Wir atmen durch.

„Wie weit ist es noch?“
„Wenn du so weiternölst, sprinten wir gleich mal kurz an.“
„Jemand Obst?“
„Mund zu, Mimi!“

In einer Biegung steht eine Männergruppe. Einer der Typen lehnt an einem Baum und göbelt ins Gras. Sie bieten uns Chili-Schnaps an. Wir lehnen dankend ab und erhöhen das Tempo.

Nach 200 Metern: technischer Halt. Alle haben Schweiß auf der Stirn und inzwischen ihre Pullis um die Hüften. Kirsten dehnt stöhnend ihre Wade.

„Wat is mit Obst, Mimi?“
„Eben durfte ich nicht …“
„Timing, Mimi! Du brauchst ein besseres Timing! “

Nach 45 Minuten erreichen wir Siggi’s Hütte. Schon auf 100 Metern sehen wir die Menschen – hunderte von Leuten, darunter etliche nackte Ärsche: Männer, die an Bäumen stehen. Frauen, die ungeniert vor Büschen hocken.

Auf dem Gipfel haben Speedy, Jenni, Rosi und Kinga schon Anschluss gefunden – an Grohni. Grohni heiratet bald und ist eine Torwand. Er trägt ein grünes Gewand; wenn er die Arme ausbreitet, baumelt Stoff mit zwei Löchern an ihnen herab. In seinem Schritt ist ein weißer Kreis mit der Aufschrift „Foul“ aufgenäht. Zwei Schuss: 1 Euro. Die meisten schießen ihm in die Eier.

Robert kommt. Er trägt eine Zimmermannshose und ein kleines, buntes Hütchen. Wir bitten ihn, ein Gruppenfoto zu machen und rufen dabei „Liebeeeeeer Robeeeeeeert!“ Er lächelt debil. Zwölf Weiber! Heute ist sein Glückstag.

Fünf Typen in Bayern-Trikot sehen das und wollen auch ein Gruppenfoto haben. Kirsten nimmt das Handy entgegen, wir stellen uns hinter sie.

„Sagt: ‚Kirsteeeeen!'“, ruft sie den Bayern zu.
Sie gröhlen: „Kirsteeeeeeen!“

Kirsten stellt die Kamera auf Selfie und macht vier Fotos von uns. Dann gibt sie das Handy zurück.

Nach zwei Bier fahren wir wieder runter. Es ist schon halb fünf. Heute Abend ist Pokalfinale. Bis dahin müssen wir noch duschen, grillen, Tippspiel. Das ist alles durchgeplant. Wir sind schließlich eine disziplinierte Sportmannschaft.

 

Wie ich wegen Jürgen fast in Dornbüschen verendete

13. 05. 2014  •  15 Kommentare

Im Nachhinein hat es mich nachdenklich gestimmt.

Ausgerechnet einen Tag nach Ostern wäre ich fast in Dornbüschen verendet. Wo Dornen in der Bibel doch so ein großes Thema sind (2. Mose 3, 2ff.), vor allem an Ostern (Matthäus 27, 29ff.; Markus 15,16ff.).

Es begab sich also zu der Zeit, dass Frau Nessy in Andalusien war, um Rast zu halten von der alltäglichen Mühsal. Sie beschloss, einen Marsch zu machen, denn sie hatte gehört, in der Gegend der Alpujarra gebe es erquickliche Wege. Und so begab sie sich auf eine Reise in die Berge.

Irgendwo hinter Capileira

In den Bergen begann sie am ersten Tag ihren Weg im dritten Dorf, dass da hieß Capileira. Sie stieg hinab und wieder hinauf und erreichte das zweite Dorf, dass da hieß Bubión. Und es war ihr nicht genug; so ging sie weiter und stieg stracks hinab ins erste Dorf. So erreichte sie Pampaneira.

Capileira, Bubión und Pampanieira

Von dort sollte sie der Weg in einen Talgrund führen, in dem sie auf einen Fluss traf, der aus den Bergen kam. Sie erfreute sich an dem Fluss und an dem Anblick der Dörfer und begann alsdann den Aufstieg auf der anderen Talseite. Denn wo es einen Hinweg gibt, da gibt es auch einen Rückweg.

Doch siehe, der Rückweg war versperrt. Sie deutete die Zeichen, die da zeigten in einen Dornbusch und suchte nach dem Weg, doch der Dornbusch war der Weg. So ging sie hindurch und vergoß ihr Blut und verfluchte Jürgen, der ihr den Weg hatte weisen sollen.

Gefährliche Kratzer von Dornen

Am zweiten Tag besuchte sie erneut das dritte Dorf und ging in Richtung des Berg Mulhacén, der den Namen des Abu l-Hasan Ali trägt, was die Menschen einst Muley Hacén aussprachen und der ein Herrscher war. Dort traf sie wieder auf den Fluss, den sie überquerte und dessen Lauf sie folgte in Richtung der Quelle. Dabei kam sie an Gehöften vorbei, die in dieser Gegend Cortijo heißen. Sie erkannte die Gehöfte an ihren Feldern und Dreschplätzen und an den Weiden, auf denen sie ihr Vieh gehalten hatten.

Feld irgendwo hinter Capileira

So begab es sich, dass sie ein Dorf erreichte, das da hieß La Cebadilla. La Cebadilla war wüst und leer, denn sie hatten das Land verlassen und waren an Orte gezogen, die weniger einsam waren.

La Cebadilla

Sie betrachtete das Dorf und stieg hinab in die Häuser, um zu sehen, wie sie gelebt hatten in der Einöde, in der sie das Wasser bändigen und zu Strom machen, so wie James B. Francis es ihnen gelehrt hatte. Und siehe: Sie hatten gut gelebt.

Verlassenes Haus in La Cebadilla

Sie verweilte und nahm Brot und Wasser, aß von dem Brot und trank von dem Wasser. Dann folgte sie dem Weg, der sie an den Ort führte, an dem sie ihren Marsch begonnen hatte. So kehrte sie zurück nach Capileira.

In der Sierra Nevada

Tour 1
Durch die Schlucht des Poqueira
Hinweg: PR-A 70 „Pueblos del Poqueira“
Rückweg: „Sendero Local La Atalaya“
6 Stunden Gehzeit, 900 Höhenmeter, 11 km

Tour 2
Von Capileira zum Oberlauf des Poqueira
PR-A 23 „Acequias del Poqueira“
3 Stunden Gehzeit, 350 Höhenmeter, 9 km

 

Der Versuch, Afrika zu fotografieren

10. 05. 2014  •  6 Kommentare

Es war schon reichlich spät, als ich, aus Marbella kommend, den Berg nach Tarifa hinabfuhr.

Tarifa – das ist die südlichste Stadt Festland-Spaniens, westlich von Gibraltar. Hier treffen sich Mittelmeer und Atlantik. Hier ist es immer windig – und hier ist die Straße von Gibraltar nur 14 Kilometer breit. Ich bog also um die Ecke und sah Afrika. Sehr nah. Von Tarifa aus kann man den Leuten dort in die Suppe gucken – nun ja, fast.

Sie fragen sich nun, warum Sie kein Foto davon sehen. Wie gesagt, ich war schon spät, außerdem war ich am Aussichtspunkt irgendwie vorbeigerauscht. Aber was sollte es: Ich würde noch eine Woche in der Gegend verbringen. Es würde sich also noch eine Gelegenheit ergeben.

Tarifa im Nebel

Wenn Sie an dieser Stelle stehen, sollten Sie Marokko sehen können – glasklar und zum Greifen  nah. Wie Sie allerdings sehen, sehen Sie nichts.

Deshalb können Sie sich auch direkt wieder umdrehen. Tarifa selbst nämlich sieht im Nebel ziemlich spooky aus:

Tarifa im Nebel

Besonders, wenn Sie sich die Geschichte des Ortes dazu vorstellen: Wikinger, Piraten, Fatimiden aus Marokko – sie alle kamen regelmäßig vorbei, um Tarifa und seine Schiffe zu überfallen. Im Jahre 710 führte der Berber Tarif abu Zura (daher der Name der Stadt) 500 Mann gegen den Ort – das erste Vordringen der Mauren nach Andalusien. Mehr als 580 Jahre später, 1292, eroberten katholische Spanier die Stadt zurück – nordafrikanische Meriniden belagerten sie prompt. Da ließ sich keiner die Butter vom Brot nehmen.

Damit kommen wir zur Festung von Tarifa. Die ist ziemlich hübsch und ziemlich alt, ungefähr aus dem Jahr 960:

Die Festung von Guzman el Bueno in Tarifa

In dem Ding wohnte Guzmán el Bueno. Guzmán war ein irrer Typ: Er spielte 1292 die Geschichte von Abraham und Isaak nach, als die Meriniden bei ihrer Belagerung seinen Sohn gefangen nahmen. Wenn Guzmán nicht die Stadt freigebe, brüllten sie ihm zu den Festungsmauern hinauf, werde man den Bub töten. Guzmán warf ihnen als Antwort ein Schwert von der Brüstung – als Werkzeug.

Aber genug der Geschichte! Von seiner Festung hatte Guzmán einen hübschen Blick über die Stadt:

Tarifa, Blick über die Dächer der Stadt

… und zum Punta de Tarifa, dem wirklich allersüdlichsten Punkt des spanischen Festlandes:

Punta de Tarifa

Und was ist nun mit Afrika? Nix. Es ist immer noch da – nur habe ich es während meines Urlaubs nie wieder gesehen.



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