Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Tag 23 auf La Gomera: Gammelsonntag

26. 01. 2020  •  Keine Kommentare

Tagwerk | Morgens in der Hängematte geschaukelt, Podcasts und ZEIT Audio gehört. Wäsche gewaschen. Mittags Gazpacho. Nachmittags geschrieben. Himmel bedeckt, das Wetter machte auch Sonntag.

Laptop auf den Knien, im Hintergrund das Tal, wolkiger Himmel, Wäsche auf der Leine

Die aufregendsten Ereignisse heute (in genannter Reihenfolge):

  • Ein Rettungshubschrauber flog übers Tal.
  • Zwei schwarze Katzen stritten sich und jagten sich ums Haus.
  • Zwei Wanderer gingen am Haus vorbei die Straße runter.

Home, sweet (grey and cold) home | Die Gedanken sind schon bei der Abreise. Ich plane die ersten Tage zuhause, den Kochstammtisch, Einkaufslisten, Verabredungen.


Entdeckung gemacht | Als ich gestern den Ofen anfeuerte, dachte ich: Der riecht wie mein gomerischer Käse. Erkannt: Ich verbrenne Baumheide. Recherchiert: Der gomerische Käse wird mit Baumheide geräuchert.


Gelesen | Smilla Dankert zu Besuch bei Herrn W.: Leicht war das nicht …

Gehört | Mein Sohn, der Nazi – Szenen eine Familie aus Niederbayern. Eine Radio-Reportage. Sehr nah dran. Heftig.

Gelesen | Der Tagesspiegel schaut aufs Dortmunder Konzerthaus: Moll und Dur an der Ruhr. Dortnund sei der „hidden champion unter den bundesrepublikanischen Klassik-Institutionen“.

Sicher, Dortmunds Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zu 98 Prozent zerstört, doch was dann entstand, sieht aus, als hätten sich die schlechtesten Architekten der Republik zusammengetan, um den Prototyp der gesichtslosen modernen Großstadt zu schaffen.

Das Dortmunder Konzerthaus wurde in die schlechte Gegend der Innenstadt gebaut, auf die Brückstraße, zwischen Imbissläden und türkischen Klamottenglitzer. Es gibt eine Reihe, die „Die jungen Wilden“ heißt, und es gibt Blackbox-Konzerte, bei denen die Leute erst, wenn sie da sind, erfahren, was gespielt wird. Die Akustik ist großartig. Und es ist super, wenn die schnieken Konzerthausbesucher vor der Veranstaltung durchs Problemviertel ziehen – oder sich danach einen Döner holen. Schön, dass da jemand hingeschaut hat.

Tag 22 auf La Gomera: Wie ich einen Buddha traf, zu einem Strand ging und Schätze fand

25. 01. 2020  •  Keine Kommentare

Playa de Arguamul | Eigentlich wollte ich heute nur einen kleine Runde runde drehen, einmal den Nachbarort auschecken und wieder zurück. Ich hatte noch schwere Beine von der Roque-Blanco-Tour. Doch es trieb mich eine ganze Strecke bis hinab zum Strand.

Der Nachbarort von Tazo ist Arguamul, der nördlichste Ort La Gomeras. Vor Jahrzehnten war es eines der landwirtschaftlichen Zentren der Insel, grüne Hänge, Terrassenfelder, Weinreben, Fischfang. Heute ist es das ursprünglichste Nest der Insel, weitab von allem, erreichbar über eine gewundene Straße.

Von rechts nach links abfallende Terrassenfelder, darin Häuser. Hinten das Meer.

Arguamul liegt hinter den Cumbres de Chijeré und dem Gebirge Bejira und ist einer der am stärksten isolierten Orte der Insel. Einige Häuser sind nicht mehr durchgängig bewohnt. Sie dienen als Wochenend- oder Ferienhäuser der Familien, die hier früher lebten. Andere Bewohner betreiben zwar noch Landwirtschaft, aber hauptsächlich für den Eigenbedarf.

Unterhalb von Arguamul liegt ein wilder und oft windumtoster Steinstrand.

Um dort hinzukommen, bin ich von Arguamul erstmal ins Unterdorf nach Guillama gegangen. Der Weg führt über einen Camino.

Camino in Richtung Meer, eine umgefallene Laterne liegt im Weg.

Man sieht, dass der Camino keiner der bekannten Wanderwege ist, obwohl er markiert ist. Der Weg ist hier und da überwuchert – aber nur mit Gras und freundlichen Pflanzen, nichts mit Dornen.

In Guillama muss man den Hof von Pablo überqueren. Das ist hier oft so: Man geht zwischen den Häusern hindurch, über die Höfe und Terrassen.

Hof aus mehreren sich zusammenduckenden Steinhäusern an der Kante zum Meer

Hinter dem Hof zeigt ein Schild in Richtung Strand.

Am Rand des Plateaus geht ein steiniger Weg nach unten, immer in Spitzkehren bis in einen Barracanco, der zum Strand führt.

Blick auf einen ausladenden Steinstrand, eingefasst von Felsen

Der Playa de Arguamul ist einen halben Kilometer lang und zum Schwimmen nicht geeignet – wie die meisten Strände auf La Gomera. Überall dicke Steine, außerdem gibt es heftige Unterströmungen.

Panoramaaufnahme: Steinstrand in siner ganzen Breite

Über dem Strand finden sich auch in hoher Höhe noch Muschel- und Schneckenschalen, auch noch in Höhe von Guillama, mehrere hundert Höhenmeter über dem Wasser. Die Schnecken sind klein, manchmal winzig, manchmal auch größer, und sehr filigran.

Hand mit zwei kleinen Schneckenschalen, dahinter das Meer

Ich nahm einige mit, ebenso Muschelschalen. Sie sind sehr hübsch.

Unten am Strand gibt es einen kleinen Steinbau, davor eine Feuerstelle. Davor liegt eine Pfeife. Neben der Tür eine stehengebliebene Uhr.

Im Häuschen selbst ist nur Müll.

Ich lasse alles, wie es ist, bleibe eine Weile am Strand, dann gehe ich auf demselben Weg wieder zurück nach Arguamul. Der Aufstieg über den Pfad ist steil, aber erstaunlich einfach. A piece of cake, würde M sagen.

Links ein gestufter Weg, links, hinter einem Felsen, ist noch das Meer zu sehen.
Links ein Weg, rechts das Meer aus der Höhe

Der Buddha | In Arguamul steht ein Buddha an der Straße. Er steht da in einer Kurve unter Palmen.

Dicht bewachsenes, Palmenbestandener Ort mit einer gewundenen Straße, an der ein Buddha steht

Ein Anwohner, ein Zugezogener, der ein Haus in der Gegend gekauft hatte, verliebte sich in Asien in ihn und ließ ihn herbringen, per Schiff über Singapur nach La Gomera. Alles ging glatt, nur auf dem letzten Stück Weg kam der Lkw mit dem zwei Tonnen schweren Marmorbuddha nicht weiter, die Straße ist eng und nicht asphaltiert, der schwere Transport steckte fest.

Dann passierte das, was wir alle von unseren Paketdiensten kennen: Der Lieferant dachte sich, was soll der Mist, welcher Idiot bestellt einen beknackten, zweitausend Kilo schweren Buddha, ich habe die Schnauze voll – setzte den Koloss an Ort und Stelle ab, Lieferung bis Bordsteinkante, und dokumentierte das Teil als ausgeliefert.

Alle Versuche, ihn dort wegzuschaffen, schlugen fehl. Die Leute haben sogar überlegt, ihn zu zersägen und wieder zusammenzusetzen. Am Ende blieb er, wo er war. Da steht er nun, noch auf Palette.

Besucher, die vorbeikommen, legen dem Buddha oft Münzen in die Hand, das soll Glück bringen. Das Geld bekommt die örtliche Kirchengemeinde.

Ich ließ das Meer hinter mir und ging zurück nach Hause. Bis Tazo waren es dreieinhalb Kilometer.

Zuhause schaukelte ich den Tag aus.


Freestyle-Tour: Tazo – Guillama – Playa de Arguamul – Guillama – Arguamul – Tazo / 15 Kilometer / geschätzte 700 Höhenmeter / Gehzeit dreieinhalb bis vier Stunden

Tag 21 auf La Gomera: Buch gelesen

24. 01. 2020  •  3 Kommentare

Guten Morgen | Der Moment, in dem die Sonne über den Berg kommt und der Tag beginnt:


Buch gelesen | Heute habe ich „Machandel“ von Regina Scheer fertig gelesen. Klappentext:

Regina Scheer spannt in ihrem beeindruckenden Debütroman den Bogen von den 30er Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollten, von Erstarrung und Enttäuschung, von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 80er Jahre und von zerplatzten Lebensträumen.

Machandel ist der Name eines fiktiven Mecklenburger Dorfes. Der Roman verbindet das Nachkriegsschweigen mit dem Leben in der DDR, es beschreibt kleinkariertes Dorfleben, Flüchtlingsgeschichten und seziert das Wendedeutschland: die Sehnsucht nach dem Westen, dem der Wunsch nach einem anderen Osten gegenüberstand. Erzählt werden mehrere Geschichten – vielleicht auch nur eine Geschichte, die des Dorfes – aus Sicht von fünf Figuren: dem Hauptcharakter Clara, ihrem Vater, dem SED-Funktionär, der ehemaligen Zwangsarbeiterin Natalja, dem Oppositionellen Herbert und der Hamburgerin Emma, die es im Krieg nach Mecklenburg verschlägt. Keine leichte Kost, prima für die ruhige Hängematte. Ich mochte die präzisen Charaktere und die schnörkellose Sprache. Vier von fünf Sterne.

Ausführliche Besprechung beim Deutschlandfunk


Schöne Vokabel | „Iktsuarpok“ ist ein Wort der Inuit. Es beschreibt die Vorfreude, mit der man immer wieder zum Fenster geht, um zu gucken, ob der Besuch endlich kommt (via SZ Magazin).


Gelesen | Kommunalpolitik: Monheim first

Gelesen | Sigmar Gabriel wird Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Nach langer politischer Karriere den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Oder ein Blumengeschäft in Freienohl eröffnen. Einfach irgendwas tun, mit dem man sich und andere nicht diskreditiert. Das wäre doch mal was. Nachdem ich Bundespräsidentin war, werde ich höchstens noch ein Waffelcafé eröffnen, Mittwochs Ruhetag, und im Eingang liegt ein Mops.

Gehört | in der ZEIT-Audio-App: Richard Gutjahr – Hat der Bayerische Rundfunk diesen Mann genug geschützt? Der Versuch einer objektiven Betrachtung des Falles. Ich habe immer noch keine Meinung dazu, fühle mich aber schlauer.

Gelesen | Standesamt 2019: Die kuriosesten Kindernamen Berlins. Meine Favoriten: Hotte, Sweedy, Porsche-Cheyenne, Dörte-Danielle und Tommy-Herbert.

Tag 20 auf La Gomera: Mit einem treuen Freund hinauf zum Roque Blanco

23. 01. 2020  •  13 Kommentare

Auf den weißen Felsen | Heute machte ich die Wanderung, die ich am Sonntag nicht machte, als meine Schuhe starben. Eine super Tour – auf den ganzen vierzehneinhalb Kilometern hatte ich einen tollen Ausblick ins Tal von Vallehermoso und in die Seitentäler.

Außerdem hatte ich Begleitung: Während des Aufstieg begleitete mich ein Hund. Ich war sicher, er gehört zur Wandergruppe hinter mir, findet mich aber irgendwie netter als seine Leute. Die wirkliche Geschichte war anders – und besser. Mehr dazu später.

Ich stieg aus dem Ort heraus zunächst über einen Camino auf, der steil bergan führte und auf einem Bergkamm endete. Dort hatte ich einen zauberhaften Ausblick ins Tal mit dem Staudamm Embalse de la Encantadora.

Der Hund fand’s auch hübsch.

Danach stieg ich zunächst wieder hinunter, hinab zum Staudamm. Von oben sieht er ziemlich voll aus, tatsächlich ist er das aber nicht. Der Blick von hinten auf die Staumauer zeigt, dass noch gut ein dreistöckiges Haus zwischen Wasseroberfläche und Abflusskante passt. Am Ufer ist noch ausreichend Platz für Wasser.

Die Leute in meinem Dorf sagen, es gebe zu wenig Regen. Seit einigen Jahren falle gerade im Winter viel zu wenig. Früher habe es sich zwischen Oktober und April gegen Abend oft zugezogen und es habe über Nacht geregnet. Das passiere nun viel seltener, die Palmen beginnen schon zu vertrocknen.

Nach dem Staudamm ging es wieder hinauf, erst eine Straße, dann einen Camino. Der Hund begleitete mich, lief vor, wartete an den Wegwindungen auf mich, und wenn ich kam, ging er weiter.

Zwichendurch schloss die Wandergruppe auf.

„Gehört dir der Hund?“, fragten sie. Ich: „Ich dachte, der gehört zu Euch.“ – „Nee, zu uns gehört der nicht.“

Nach zweieinhalb Stunden kam ich auf dem Roque Blanco an. Dort gibt es ein Restaurant, das Cola verkauft. Mit Eis! Ich war glücklich.

Als ich meine Brotzeit aß, kam ein Mann aus dem Restaurant, sah den Hund und fragte: „Deiner?“ Ich: „Nee.“ Daraufhin bekam der Hund ein Riesendonnerwetter auf Spanisch zu hören – und eine Leine.

Er gehört nämlich der Kellnerin des Restaurants. Sie wohnt in Vallehermoso, und er vermisst sie tagsüber so doll, dass er öfter mal ausbüxt, sich Wanderern anschließt, so tut, als gehöre er dazu, und mit zum Restaurant aufsteigt.

Danach stieg ich nach Vallehermoso ab.

Der Weg führt auf den Roque Cano zu. Mit 650 Metern überragt er das Tal – ein Vulkanschlot, den die Zeit und Erosion freigelegt haben.

Auf einem Bergkamm lief ich auf den Felsen zu und konnte sowohl links als auch rechts in ein Tal schauen. Ich liebe Bergkämme.

In Schleifen ging es dann hinunter nach Vallehermoso, sehr bequem und sehr angenehm.

Infos zur Tour: Rother Wanderführer Nr.56: Von Vallehermoso nach El Tión / gut 750 Höhenmeter / 14,5 Kilometer / 4,5 Stunden reine Gehzeit


Playa de Vallehermoso | Danach kaufte ich ein und fuhr noch zum Strand von Vallehermoso. Meeresrauschen und tolle Atlantikwellen.

Zuhause stand noch halbe Stunde die Sonne auf der Hängematte, und ich schaukelte den Tag aus.

Tag 19 auf La Gomera: Flow

22. 01. 2020  •  Keine Kommentare

Flow | Gestern Abend habe ich einen Schreibflow gehabt, endlich mal. Ich habe Gutes zu Papier beziehungsweise in den Laptop gebracht und einen Erzählknoten aufgelöst. Zufrieden eingeschlafen und wunderbar erholt um 8 Uhr aufgewacht.

Heute Morgen habe ich die Hängematte wieder aufgehängt, Regen war nicht in Sicht. In ihr schaukelte ich den Tag ein. Gebe ich mich kreativer Arbeit hin, braucht es einen langsam Start, ein Eingrooven. Die gute Phase kommt ohnehin erst am Abend. Hektik hilft hier nicht.

Es gibt sonst nichts weiter zu berichten, keine Vorkommnisse, keine Ereignisse. Deshalb zeige ich Ihnen jetzt ein Bild von einem Käse:

Halber, sehr heller Käselaib, angeschnitten auf einem Teller

Gestern kochte ich Kohl und Zucchini. Ich schmeiße hier jeden Abend Gemüse in die Pfanne, immer mal anderes, dazu Knoblauch und Olivenöl, das macht mich glücklich. Gestern öffnete ich den jüngst erworbenen gomerischen Ziegenkäse (Bild), ein kleiner, halber Laib. Der Käse hat ein rauchiges Aroma, es erinnert sehr an Barbecue-Soße, das ist erstaunlich. Ich gab einige Stücke ins Gemüse. Das sorgte für eine gute Würze, ich rollte alles in ein Wrap-Dingens. Perfekt.

Möchten Sie nach dem Käsefoto noch ein Keksbild sehen? Ja? Bitteschön:

Handgeformter, flacher Keks mit Streuseln drauf

Das ist ein Gofiokeks. Ich aß ihn nach dem Mittag, nach dem Gazpacho.


Aufgeschrieben | In meiner kleinen Doktorarbeit habe ich seinerzeit eine Methodik verwendet, mithilfe derer ich die Arbeit in zwei Redaktionen entwickelt habe. Die Methodik basiert auf der Interaktiven Inonvationsforschung.

Im vergangenen Jahr ergab es sich, dass ich diese Methodik bei Kunden anwendete. Sie hilft, im Tagesgeschäft Neues auszuprobieren und beteiligt diejenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Lösung, die das Problem haben. Ich habe dazu etwas zusammengeschrieben: Interaktive Innovation – Das Labor im Tagesgeschäft.

Tag 18 auf La Gomera: Die Weisen des Dorfes Tazo

21. 01. 2020  •  2 Kommentare

Wetterorakel | Vor fünf Tagen, am vergangenen Donnerstag, sagten die Weisen des Dorfes Tazo: „Am Dienstag wird es stark regnen.“

Heute ist Dienstag, und es regnete stark. Ich verneige mich vor ihnen.


Palmenoffice | Den Tag verbrachte ich zunächst draußen, dann, als der Wind auffrischte und der Regen begann, auch drinnen, bei Ofenfeuer und Milchkaffee.

Das Gute: Ich habe wirklich etwas geschafft. Wenn sich morgen früh nochmal so ein Flow andeutet, werde ich morgen auch nochmal zu Hause bleiben.

Am Abend war das Wetter dann kurzzeitig hübsch. Ich habe mit meinen neuen Schuhen eine Abendrunde durch den Kiez gedreht.

Das Kirchlein ist die Ermita di Santa Lucía. Es ist die mutmaßlich älteste Kapelle auf der Insel. Schon im Jahr 1424 wurde sie, wenn die Deutung stimmt, in Erzählungen erwähnt. Neben der Kirche gibt es eine Heilquelle, an der man Wasser zapfen kann. Die Leute fahren hier nicht in den Supermarkt oder trinken Wasser aus dem Hahn, sondern holen sich dort ihr Trinkwasser – in Acht- und Fünf-Liter-Kanistern. Ich trinke auch die ganze Zeit Heilwasser. Besonderes Wohlbefinden oder gar Erleuchtung kann ich allerdings nicht feststellen. Vielleicht hat der Trunk eine Inkubationszeit.


Gute Reise | Es gelang mir, die Wanderschuhe ihrem Schicksal zu übergeben.


Freelancermonat | Eine Sache habe ich vergessen zu erzählen: Ich nahm Tramper mit nach Valle Gran Rey. Sie standen oberhalb von Arure, dort wo es morgens kalt ist, frierend an der Straße.

Sie erwiesen sich als Ungarn. Sie seien Freiberufler, sagten sie, Übersetzer und sie verbrächten einige Woche auf La Gomera. Im Januar sei weniger zu tun als in anderen Monaten, da seien die Firmen mit sich selbst, mit dem Abschluss des alten und der Planung des neuen Jahres beschäftigt und Übersetzer würden nicht so sehr gebraucht. Der Januar sei eine ideale Zeit, um sich eine Auszeit zu nehmen.

Bruder und Schwester im Geiste.


Neue Perspektiven | Seit ich aus La Gomera blogge, habe ich 50 Prozent mehr Zugriffe aufs Kännchencafé. Vielleicht sollte ich einfach nur herumreisen und wandern, als Lebenskonzept. Im Nebenerwerb stelle ich Kekse und Sonnencremeprodukte vor und empfehle Rezepte mit Palmhonig.


Gelesen | Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat einen Aufsatz über die Euro-Zinspolitik verfasst. Die Zeitschrift Brand Eins hat Teile daraus in Leichte Sprache übersetzt.

Wie wird es weitergehen?
Das wissen wir nicht.
Wer bestimmt wie es weitergeht?
Das bestimmt vor allem die Wirtschaft.
In Europa und in der Welt.
Was wissen wir sicher?
Irgendwann geht es der Wirtschaft schlechter als zuvor.
Das war immer so.

Dann wird aus der Belohnung eine Strafe.

Gelesen | Schule machen. Die Alemannenschule Wutöschingen kennt keine Klassen, keine Klassenlehrer, keine Klassenzimmer.

Gelesen | Der sexbessessene Kühlschrankfachverkäufer

Angeschaut | Ich schaute die Reportage „Anders leben – gemeinsam wohnen im Feriendorf“ und las heute in ihrem Facebook-Account, dass es der erste Langfilm einer ehemaligen Studentin ist. Hach.

Tage 16 und 17 auf La Gomera: Adieu, Wanderschuhe, farewell!

20. 01. 2020  •  9 Kommentare

Tschüss, macht’s gut | Gestern starben meine Wanderschuhe.

Schuh, Sohle ist ab

Ihr Tod hatte sich angekündigt. Die Sohle löste sich schon länger an einer Stelle. Vor jeder Wanderung kontrollierte ich, ob sie noch hält. Gestern fiel sie beim Test durch.

Via Instagram erreichten mich zahlreiche Nachrichten und Beileidsbekundungen – und Tipps zum Kleben. Danke dafür! Doch es wäre nur eine palliative Behandlung. Die Schuhe sind 16 Jahre alt, nach der Sohle werden sich als nächstes Nähte lösen. Meine Füße haben sich auch verändert. Es wird Zeit für ein neues Paar.

Aber gedenken wir ihrer noch etwas. Denn eine Ära geht zu Ende.

Ich kaufte sie 2004 in Hamburg-Barmbek, während einer beruflichen Episode bei der dpa infocom. Gemeinsam waren wir in den Alpen, manchmal hätten wir dort Gamaschen gebraucht. Genauso wie im Appenin. Wir liefen in den Abbruzzen und in den italienischen Marken. Wir waren in New York: Es war Februar, wir durchwanderten die Stadt und sie hielten meine Füße warm und trocken. Wir waren gemeinsam auf Gran Canaria und Teneriffa, auf La Palma und La Gomera. In Andalusien wanderten wir über Berge und durch Gestrüpp. An einem Novembertag lief ich mit ihnen zum Ende Norderneys – und musste doch barfuß gehen. Wir waren in Skandinavien, in Schweden, Finnland und Norwegen; ich stand mit ihnen am Nordkap und fror im Nebel. Wir waren in Polen und stiefelten durch die Kaschubei. Wir standen bei Minusgraden an der Ostsee, am Strand der Frischen Nehrung. Ich liefen mit ihnen über die chinesische Mauer und im Jangtse-Tal.

Sie starben am Ort ihrer ersten Kanarenwanderung, nach ihrer letzten Kanarenwanderung. Es ist angemessen, sie hierzulassen. Adieu, liebe Wanderschuhe. Danke, dass ihr mich so weit um die Welt getragen habt. Es war sehr, sehr schön mit Euch.

(Ich bin wirklich ein bisschen ergriffen. M meinte: „Am Mittwoch kommt die Müllabfuhr. Und auch danach den Mittwoch. Wenn du sie nicht gehen lassen kannst, lass sie hier. Ich schmeiße sie dann für dich weg.“)

Mögen sich eure Nachfolger als ebenso treue und freundliche, beständige, abenteuerlustige und bequeme Kameraden erweisen.

Braune Wanderschuhe von Boreal

Ich kaufte sie heute in Valle Gran Rey nach kurzer Beratung. Es waren die ersten Schuhe, die ich anprobierte. Sie passten, ich nahm sie. Danach führte ich sie ein wenig in Valle Gran Rey spazieren. Einmal vom Wanderladen bis zur Playa del Ingles und zurück.

Die Statue am Strand ist der Rebell Hautacuperche.

Serviceblog #1: Der Wandermann zeigte mir eine gute Schnürung. Sie ist auf dem Bild zu sehen. Bevor es hoch in die Haken geht, die Schnürsenkel zweimal umeinander drehen und dann von oben nach unten einhaken. Das hält den Fuß beim Bergabgehen weiter hinten. Ich hab’s ausprobiert, mit der normalen Schnürung am anderen Fuß als Vergleich: stimmt.

Serviceblog #2: Einen Tipp, den ich zum Thema „Schuhkleber“ erhielt, gebe ich hier weiter. Das Produkt „Aqua Sure“ soll wahre Wunder wirken. Danah überstehen Schuhe wohl Monsterwanderungen und Atomkriege. Ich werde es mir daheim zulegen. Denn ich habe immer wieder Schuhe, bei denen sich mal die Sohle löst – und die im Gegensatz zu meinen Wanderschuhen nicht multimorbid sind, sondern gut noch ein bisschen Zeit ableisten können.


Schlappenspaziergang | Weil ich nicht wandern konnte, machte ich einen Spaziergang in Schlappen durch Vallehermoso: einmal das Tal rauf bis ins Dorf Macayo und wieder zurück.

Dicht grün bewachsene Berge und ein Taleinschnitt mit bunten Häusern, Palmen.

Trägt man Schlappen mit Zehentrennern, sind die getrennen Zehen nach dem Bergablaufen doppelt so lang.


Serviceoase | Nach dem Spaziergang ging ich in den Supermarkt. Ich musste mich mit Lebensmitteln eindecken. Die weisen Menschen des Dorfes Tazo haben schlechtes Wetter, womöglich Regen vorausgesagt. Regen bedeutet: Es führt kein Weg für mich aus dem Tal hinaus; es empfiehlt sich, Vorräte anzulegen.

Die Verkäuferin erkannte mich wieder und fragte mich, ob ich denn diesmal eine Box wolle. Bei meinem letzten Einkauf hatte ich alles in meinen Rucksack und zwei Leinentaschen gepackt – unter ihren skeptischen Blicken. Zu ihrer Freude und Erleichterung sagte ich Ja, und sie pfiff einen jungen Burschen herbei, der mir die Box ins Auto trug.


Wetterorakel | Schon am Donnerstag haben die Dorfälteren aus Tazo gesagt: Am Dienstag wird es regnen. Gestern zeigte der Blick auf La Palma beginnende Schleierbewölkung.

Insel mit zwei Erhebungen in der Ferne, wolkenverhangen. Im Himmel Schleierbewölkung.

Am Abend flossen die Wolken den Berg hinab in mein kleines Tal, und es zog sich zu.

In der Ferne Berge, darüber liegen Wolken, die sich wie ein Wasserfall die Hänge hinabgießen.

M legte mir Holz für den Ofen vor die Tür. Mit der Pappbox aus dem Supermarkt kann ich prima das Feuer anfachen.


Ziegen | Hier im Tal wohnen Ziegen. Sie gucken immer, wenn ich vorbeifahre.

Eine schwarz-weiße und eine schwarze Ziege gucken neugierig hinter Palmen hervor.

Würden sie in einer Etagenwohnung in Dortmund wohnen – ich würde beim Vorbeigehen immer vorsichtshalber in Richtung Spion grüßen.

Tag 15 auf La Gomera: Ich ging im Wald spazieren, traf einen Rentner und aß einen seltsamen Knödel

18. 01. 2020  •  12 Kommentare

Inselverwechslung | Ich muss mich berichtigen: Was ich von meiner Terrasse aus sehe, ist nicht La Palma, sondern El Hierro. La Palma hat zwei Erhebungen und sieht so aus:

Im Vordergrund der Außenspiegel des Autos, Erdstraße und Bergrücken, in der Ferne eine Insel mit zwei Erhebungen

La Palma sehe ich erst, wenn ich so lange den Rumpelweg hochfahre, bis ich über den Bergkamm gucken kann.

Auf der heutigen Wanderung sah ich übrigens auch Teneriffa mit dem Teide:

Blick über eine Bergkette, in der Ferne Teneriffa mit dem Vulkankegel des Teide in der Mitte

Durch den Wald | Die heutige Tour hatte den Untertitel „Großzügige Runde durch den Nebelwald“.

Ich startete direkt über meinem Eremitenhäuschen in Epina: Sechs Kilometer die Piste hoch, und ich war am Ausgangspunkt.

Der Nebelwald, das ist La Gomeras Herzstück. Er ist UNESCO-Welterbe und seit 2012 auch UNESCO-Biosphärenreservat.

Oft steigen feuchte Passatwinde die Berge Gomeras hinauf. Dabei kühlen sie ab, und es bilden sich dichte Wolken – wie an dem Tag, als ich auf den Garajonay stieg. Die Feuchtigkeit kondensiert an den Bäumen und Sträuchern. Deshalb gibt es sehr viele Moose, Farne und Baumflechten im Wald. Es entsteht dann sowas wie horizontaler Regen. Der Boden nimmt das Wasser auf, und es tritt aus Quellen wieder an die Oberfläche. Die Bauern fangen es in großen Wasserbecken auf.

Als ich eines der Fotos machte, kam von hinten ein Mann. „¡Hola! Buen dia“, sagte er. Wo ich hinwolle, fragte er. Ich sagte ihm, dass ich zum Raso de la Bruma gehe und dann nach Epina.

Er, sagt er, wolle nach Chipude.

Das ist das Dorf, von dem aus ich auf den Garajonay gestartet bin. „Chipude ist aber doch sehr hoch, oder?“, fragte ich, aber er verneinte und sagte: „Ich bin Rentner, ich gehe nicht mehr viel hoch.“ Der Weg sei flach, abgesehen von zwei Barancos, die er durchqueren müsse.

Er erzählte mir, dass er Gomero sei, auf der Insel geboren. „Hast du denn eine Wanderkarte?“ Dieser Weg hier sei ja ohne Schilder – nicht, dass ich mich verlaufe.

Ich zeigte ihm meinen Wanderführer. Er blätterte interessiert darin, und meinte, dass das ein ganz hervorragender Wanderführer sei, ob er ein Foto davon machen dürfe. Dann machte er mit einer kleinen Kompaktkamera ein Foto von meinem Wanderführer.

Wir gingen eine Weile zusammen. Er trug einen Pullover, eine Jacke, eine Mütze und Wollhandschuhe, ich ein T-Shirt und eine kurze Hose. Für ihn sei es Winter, sagte er, bitterkalt. Wir machten Scherze darüber. Er komme, sagt er, als Vallehermoso, dort wohne er. Er gehe öfter durch den Wald, er liebe den Wald. Ob ich ein Foto von ihm im Wald machen könne? Ich tat es.

Kurz hinter dem Picknickplatz Raso de la Bruma verabschiedeten wir uns. Er ging weiter in Richtung Chipude, ich wählte den Weg nach Vallehermoso.

Je weiter ich wieder hinabstieg, desto mehr öffnete sich die Landschaft, bis ich in die Sonne hinaustrat und auf die baumbestandenen Hänge des Nationalparks blicken konnte.

Blick über bewaldete Hänge. Die Sonne scheint.

In weiten Schleifen führte der Weg sechs Kilometer nach Epina zurück.

Dort kehrte ich im Wirtshaus ein und gönnte mir etwas Herbes zu trinken. Der Wirt pries mir ein knödeliges Gebäck an. Käse sei darin, sagte er, man esse es mit Palmhonig. Ich nahm eins.

Knödelartiges, in Scheiben geschnittenes Gebäck mit brauner Flüssigkeit darüber

Ich sag’s mal so: lieb gemeinte sechs von zehn Punkten. Aber nur, weil ich Hunger hatte.

Infos zur Tour: Rother Wanderführer Tour 51: Von Epina zum Raso de la Bruma / 12,5 Kilometer / 500 Höhenmeter / 4 Stunden Gehzeit


Heja BVB & VPN | Gerade wieder daheim, erhielt ich einen Liveticker aus der Dortmunder Kneipe. Vatta gab mir jedes Tor durch, und im Laufe des Spiels wurde es immer offensichtlicher, dass ich heute Abend unbedingt sportstudio gucken muss.

Jawl war nach meiner Jammerei übers Geoblocking hilfreich und empfahl mir Hide me als VPN. Ich lud mir die App aufs iPad, wählte als Land „Deutschland“ aus und zack! – für die Öffentlich-Rechtlichen bin ich nun in Deutschland.

An eventuellen Regentagen kann ich nun die Mediatheken leer gucken und auch die empfohlene arte-Serie „Jordskott“ sehen.


Pandahummel | Gestern erzählte ich von den riesigen Hummeln, die mich hier täglich anbouncen. Am Abend konnte ich eine fotografieren.

Dicke Hummel in Nahaufnahme

Ich glaube ja, dass es fliegende Pandabären sind.

Tage 13 und 14 auf La Gomera: Tazo-Tage

17. 01. 2020  •  8 Kommentare

La Palma | Heute Morgen erwachte ich schon um kurz vor Sieben. Ich sah die Morgenröte und erstmals in der Ferne La Palma.


Tazo-Tage | Gestern war Faulenzertag. Nichts getan, nichts erledigt, nichts erreicht. Nur die Hängematte beschaukelt.

Heute Palmen-Office. Zwei Aufträge aus Berlin bekommen. Große Freude! In den letzten beiden Märzwochen bin ich jeweils für ein paar Tage dort.


Fauna | Hier am Eremitenhäuschen gibt es eine mindestens zweistellige Anzahl Geckos. Außerdem leben hier Buchfinken, so eine Art Spatzen und so kleine, knubbelige Vögel, die etwas Meisenartiges haben, außerdem Tauben. Es gibt hier eine Taubenart, die „Bolles Lorbeertaube“ heißt; das wäre auch ein prima Kneipenname. Ums Eck im Baranco leben andere Tauben, ich glaube, es sind Türkentauben, die sich, wenn sie losfliegen, anhören wie ein wieherndes Pferd.

Gestern kamen zwei Katzen aus der Nachbarschaft rum. Es gibt auch eine riesige Libelle, die hubschrauberartig ihre Kreise zieht; es ist immer dieselbe, sie hat sich mir vorgestellt. Über Tag kommen immer mal Hummeln von der Größe eines Tischtennisballs. Die Hummeln halten mich für eine Blume, bouncen mich an und entschuldigen sich dann vielmals, regelmäßig; jeden Morgen beim Milchkaffee das gleiche Spiel.

Morgens ist immer Bienenparty im Natternkopf. Die Bienen haben offenbar eine Teilzeitvereinbarung. Am späten Vormittag machen sie Feierabend.

Die Ameisen hingegen haben niemals Feierabend. Sie sind sehr klein und sehr dünn und leben rund ums Haus. Damit sie nicht im Haus leben, braucht es ein konsequentes Ameisenmanagement: keine Krümel liegenlassen, regelmäßig fegen, Arbeitsplatte in der Küche sauber halten, Joghurtbecher ausspülen vorm In-den-Müll-Werfen. Dann finden die Ameisen es drinnen unattraktiv und bleiben draußen.

Jeden Abend kommen zwei bis fünf Mücken zu Besuch. Sie hocken dann außen an meinem Moskitonetz und schmachten mich an. Einmal so viel Attraktivität beim Dating ausstrahlen wie abends auf meinem Gomerabett!


Geoblocking | Was mir wirklich auf den Zeiger geht, ist das Geoblocking in den Mediatheken. Ich kann gefühlt fünf Sechstel des Angebots der ARD- und ZDF-Mediathek nicht ansehen, und auch bei Arte sind die Videos, die ich sehen möchte, geoblockiert. Sogar die heute-Nachrichten sind im Livestream geblockiert.

Nutzungsrechte hin oder her – ich frage mich, ob das zeitgemäß für das Jahr 2020 ist, zumal ich mich in einem anderen europäischen Land befinde und nicht in Südpanama oder kurz vor Wolgograd. Meinetwegen registriere ich mich auch unter Angabe meiner Gebührenzahlernummer.

Um die Handball-EM zu sehen, schaute ich also ehf-TV, den Stream der European Handball Federation. Das ist dasselbe Bild, das ARD und ZDF bekommen und zum Publikum durchreichen; ARD und ZDF selbst darf ich aber nicht sehen. Das soll jemand verstehen.

Es kamen übrigens jedesmal zarte Star-Wars-Gefühle auf, wenn der englische Kommentator Jannik Kohlbacher nannte („Kewbacca! Kewbacca! Awesome shot from Kewbacca!““).


Gelesen | Herne plant auf dem Zechengelände „General Blumenthal“ eine Technologiewelt für Firmen und Forschungsinstitute. Aus dem Ruhrgebiet wird noch was, Leute, wartet’s nur ab. Dann wollt Ihr alle herkommen, ich bin schon da und empfange Euch mit meiner Waffelería.

Gehört | Schauspielerin Muriel Baumeister zu Gast bei Bärbel Schäfer, im Gespräch über ihre Alkoholsucht.

Gelesen | Die Leute bekommen weniger Kinder, vor allem in wirtschaftlich starken Ländern. Dabei wünschen sich viele Menschen Kinder: Befragte aus 28 hochentwickelten Ländern möchten durchschnittlich gerne 2,3 Kinder – bekommen jedoch nicht einmal zwei. Anna Louie Sussman von der New York Times geht den Gründen nach. Ein ausgewogener Artikel, der mal nicht die Schuld im Individualismus und Egoismus von Frauen sucht, sondern vielfache Einflüsse abwägt.

Gehört | Zeit Verbrechen: In der Lebensversickerungsanstalt – mit Einsichten, welche Funktion der Maßregelvollzug und die forensische Psychiatrie haben, wie man hinein und (nicht) wieder hinaus kommt.

Gelesen | Sohn Buddenbohm und das Konzept der Regionalzeitung. Aus derselben Feder: Wandel im Vokabular des Französisch-Schulbuchs

Tag Zwölf auf La Gomera: Ich kraxelte eine Wand hinauf und schaute hinunter

16. 01. 2020  •  16 Kommentare

Steilwandkraxelei | Die Wanderung hatte im Wanderführer den Untertitel „Durch die Steilwand von Agulo“, und das Wort „Steilwand“ hätte mich nachdenklich machen müssen. Hat es aber nicht, und so stand ich am Vormittag vor der Wand:

Steilwand, davor einige Häuser

Wandern hat ja durchaus etwas lebenspraktisch Philophisches. Denn wenn man vor so einer Steilwand steht, denkt man zunächst: Das geht nicht. Wie soll ich da hochlaufen? Das kann nicht funktionieren. Und wo soll ich überhaupt anfangen?

Dann geht man los, und man sieht plötzlich einen Weg, der die Wand hinaufführt. Man fängt an, den Weg hinaufzugehen, und stellt fest: Geht doch.

Steinweg, Blick hinunter aufs Dorf Agulo

So wie man sich auf den Weg begibt, sieht die Welt plötzlich anders aus. Das, was vorher groß war, ist nun klein, und das, was vorher unerreichbar war, ist nurmehr eine Frage des Durchhaltens. Man sieht Muster und Strukturen, die vorher nicht da waren, die Farben und die Zusammenhänge verändern sich.

Dann geht man höher hinauf, es wird steiler und anstrengender, aber weil man bereits auf dem Weg ist, weiß man: Irgendwie geht’s weiter, bis hierhin habe ich es schließlich auch geschafft.

Steinweg den Berg hinauf

So kraxelte ich die Steilwand hinauf. Mal war der Weg rechts.

Panoramabild, Weg rechts, Blick ins Tal

Mal war der Weg links.

Panoramabild, Weg links, Blick ins Tal

Dann war er wieder rechts.

Panoramabild, Weg rechts, Blick ins Tal

Mal waren Steine aufgestapelt, mal waren es die Felsen, die einen Weg formten, mal waren es kleine Stufen, mal waren es große Schritte, die es brauchte, um hinauf zu kommen.

Zwischendurch begegnete ich Aoenium. Aoenium wächst ab 500 Metern. Da wusste ich: 300 Meter bin ich schon hinaufgekraxelt.

Die Perspektive blieb immer die gleiche. Ich kletterte die Wand hinauf wie auf einer Leiter. Nie war ich weiter links oder weiter rechts vorm Dorf. Immer war ich genau darüber.

So ging das knapp zwei Stunden lang. Dann war ich oben.

Auf der Steilwand, Blick hinab aufs Dorf und aufs Meer

Es ist schon ziemlich cool, nach so einem Aufstieg oben auf der Wand zu stehen. Ich kann das nur jedem empfehlen. Der Wanderführer sagt, man brauche für dieses Erlebnis „Trittsicherheit und Schwindelfreiheit“. Das kann so formulieren; Höhenangst ist bei dieser Tour nicht hilfreich. Ansonsten kann man es einfach machen.

Kurz nach dem Gipfel der Wand erreichte ich den Mirador de Abrante. Das ist ein Skywalk, eine Aussichtsplattform über dem Abgrund.

Skywalk, der über den Abgrund hinaus ragt

Auf dem ersten Bild dieses Beitrags, dem Bild der Wand, sehen Sie den Skywalk in der linken oberen Bildhälfte klein ins Blau hineinragen.

Man kann einfach hineingehen. Die Plattform ist an ein Restaurant angegliedert. Mittags ist dort noch nicht viel los. Auch der Boden des Skywalks ist aus Glas. Das macht es spannend.

Blick durch das Bodenglas des Skywalk in den Abgrund

Ich fand den Weg die Wand hinauf und auch die Aussicht aus der Wand allerdings spannender. Mag auch an meinem persönlichen Einsatz gelegen haben.

Das Angenehme an Touren dieser Art ist, dass ich keine überflüssigen Kapazitäten für Irgendwas habe. Mein Hirn hat schlichtweg nicht genug Sauerstoff, um sich mit Arbeit, Problemen oder Kummer zu beschäftigen. Es produziert nur Gedanken wie „Uff!“, „Oha!“, „Heidenei!“ oder „Ach Gottchen“, und ist ansonsten auf seine Grundfunktionen reduziert.

Nach dem Mirador de Abrante ging ich weiter. Ziel war das Besucherzentrum des Nationalparks. Auch der weitere Weg führte bergan; bei dieser Tour ging es nur hinauf oder hinab, niemals gerade. Die Landschaft änderte sich zu einem roten Erosionsfeld.

Panoramabild: Rote, zerfurchte Erde mit vereinzelten Büschen, ein Weg führt hinauf

Nach dem Erosionsfeld folgte ein Taleinschnitt mit Terassenfeldern, außerdem etwas Wald.

Terassenfelder, daneben ein roter Weg

Dann war ich am Juego de Bolas, dem Zentrum des Nationalparks.

Dort gab es einen Kiosk, in dem eine Frau Getränke und Gofiokekse verkaufte. Gofio ist ein pflanzliches Nahrungsmittel der Altkanarier, wird aus geröstetem Getreide, meist Gerste, gemahlen und mit Ziegenmilch vermischt. Ich kaufte mir einen Keks und eine Cola, und zusammen mit meiner Butterstulle belebte mich beides.

Danach ging es wieder bergab, zurück ins Dorf Agulo.

Blick auf einen flachen, aber hohen Bergrücken

Wenn man eine Wand hinaufkraxelt, freut man sich ja immer schon darauf, dass es hinterher wieder hinuntergeht. Aber runter ist nicht besser. Denn es geht natürlich genauso steil und genauso viel runter wie rauf – und auch genauso lange. Knie und die Beimmuskulatur gründen während des Abstiegs einen Betriebsrat und denken über Warnstreiks nach.

In Schleifen ging es einen Camino hinunter, zum Glück nicht kraxelig. Über dieses kleine Geschenk war ich glücklich. Irgendwann erreichte ich das Meer und das Dorf.

Camino den Hang hinab, rechts eine Steilwand, links das Meer, geradeaus das Dorf

Ich lief über den Friedhof nach Agulo hinein. Das sieht so aus:

Friedhof: Kolumbarien mit Blumengestecken und Namen, im Hintergrund das Dorf

Auf dem Rückweg von Agulo zum Eremitenhäuschen hielt ich mit dem Auto in Vallehermoso, kaufte ein und genehmigte mir das erste Eis des Urlaubs.

Infos zur Tour: Rother Wanderführer Tour 59 oder Wanderführer „Kanarische Inseln – Botanische Wanderungen“ Tour 16 / 9 Kilometer netto, 12,5 Kilometer mit allem Drum und Dran / 700 Höhenmeter / 4 Stunden reine Gehzeit; 5,5 Stunden insgesamt mit Pausen


Inselprofil | Im Besucherzentrum gab es ein Modell der Insel. Ich habe einen schwarzen Punkt gemalt, wo das Eremitenhäuschen ist, in dem ich wohne.

Profilmodell der Insel


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