Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Der Lenz | Im Garten blühen die Tulpen: orange und pink, rot auch. Es riecht nach Pflanzen und Säen, ich möchte sofort loslegen, meine Hand in die Herde stecken, Erde ausheben, Tomaten und Gurken setzen, daneben Zucchini und Zwiebeln – und Salat einsäen, Möhren und Mangold. Aber am Ende kommt dann doch noch eine Frostnacht und alles ist hinüber. Im vergangenen Jahr sind meine ersten Gurken und Tomaten so in vorwurfsvoller Dramatik verstorben. Also lasse ich es noch; ich bin zwar ungeduldig, habe aber auch eine Lernkurve. Die Tomaten, ein Geburtstagsgeschenk, gedeihen derweil im Haus.

Tomatenpflanzen, noch klein, auf einem Holztisch, dahinter ein graues Sofa

Saharastaub | Überall Saharastaub. Es fühlt sich wild und abenteuerlich an, Staub aus einer dreitausend Kilometer entfernten, gefährlichen Wüste hier auf der Fensterbank zu haben. Letztlich bin ich aber doch nicht auf Safari, sondern nur in die Waschstraße gefahren, auch weil mir gleichzeitig ein Schwarm diarrhöischer Elefantenvögel aufs Auto gesch*ssen hat.


Experiment zur solidarischen Eigenverantwortung | Auf der Rückfahrt von einem Kunden stand ich im Stau, die Verstopfung war immens. Schnell war klar: Das ist eine Vollsperrung. Das Internet informierte zur Ursache: Entschärfung eines Weltkriegsblindgängers. Die folgende Stunde entwickelte sich zu einer Verhaltensstudie.

Die Autobahn war zweispurig. Die linke Spur wurde erst per Reißverschluss auf die rechte geleitet, die rechte dann in die Ausfahrt. Der Verkehr hätte auf diese Weise einigermaßen flüssig in den Stadtverkehr abfließen können. Auf Höhe des Reißverschlusses wichen Fahrer:innen der rechten Spur allerdings auf den Standstreifen aus, um einen Hauch schneller in die Ausfahrt zu gelangen. Die Konsequenz: In der Ausfahrt musste nochmals von links nach rechts eingefädelt werden, nämlich die rechte Spur in die nun volle Ausfahrt. Die Standspurler verteidigten dabei verbissen ihren Vorsprung und fuhren schnell noch eine Autolänge vor, statt jemanden reinzulassen.

In der Autobahnausfahrt war dann rasch klar, dass es rechts gehen musste, um die ursprüngliche Richtung fortzusetzen. Diese Erkenntnis wurde alsbald durch provisorische Schilder und einen winkenden Mann in orangener Kleidung bestätigt. Gleichwohl scherten Leute links aus und zogen vorbei, um sich vor der T-Kreuzung wieder nach rechts einuzufädeln. In der Folge verzögerte sich erneut alles für alle.

Das Ganze dauerte eine Stunde. Ich hörte dabei True Crime mit Gemetzel, atmete in meine innere Mitte und versuchte, alles als Teil meines spirituellen Weges zu betrachten.


Sonst nur Alltag | Arbeit daheim und Arbeit beim Kunden, Beratung, Gespräche, Seminarvorbereitung und Terminkoordination, Weiterbildung an der Fernuni. Außerdem Wäsche waschen, einkaufen, Essen kochen, Schweinestall säubern, Sie kennen das. Demnächst stehen zwei religiöse Ereignisse ins Haus: Konfirmation und Kommunion. Ich bin jeweils nur mittelbar beteiligt, aber auch hier kleinere Absprachen.


Entscheidungen und Emotionen | Ich las außerdem Fachtexte zur Psychologie der Entscheidung. Sehr interessant, sowohl Phänomene, die in Entscheidungssituationen auftreten, als auch die unterschiedlichen Denkprozesse, die einsetzen, wenn wir zwei oder mehr Optionen haben.

Wenn wir uns zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden sollen, betrachten wir die einzelnen Argumente, die für und gegen Möglichkeit Eins sprechen und die einzelnen Argumente, die für und gegen Möglichkeit Zwei sprechen, wobei sich positive und negative Argumente ausgleichen. Wir bilden dann eine Bilanz für Eins und eine Bilanz für Zwei.

Wenn wir allerdings die Auswahl zwischen drei und mehr Möglichkeiten haben, vergleichen wir die die einzelnen Argumente untereinander, die für Eins, Zwei und Drei sprechen. Wir bilden also eine Bilanz für Argument A, eine Bilanz für Argument B und so weiter. Ist es beispielsweise so, dass die Möglichkeit Drei bei Argument a sehr weit hinten liegt, schließen wir die gesamte Möglichkeit Drei sofort aus. Wir ziehen keine Gesamtbilanz mehr aus allen Argumenten, die für oder gegen Möglichkeit Drei sprechen.

Interessant auch das Kapitel zu Emotionen im Entscheidungsprozess. Wut und Furcht sind zum Beispiel Einflussnehmer in unterschiedliche Richtungen: Während verärgerte Menschen Dinge als kontrollierbarer einschätzen, als sie sind, und Risiken abwerten, schätzen furchtvolle Menschen sie höher ein. Wenn Sie eine risikoreiche Entscheidung von jemandem wünschen, sollten Sie vor der Entscheidung also ein Thema platzieren, das ein leichtes Ärgergefühl erzeugt. Sollten Sie selbst in verärgerter Stimmung sein: Achtung! Sie neigen dazu, Dinge als kontrollierbarer einzuschätzen, als sie sind. (Das ist das gleiche Prinzip, aus dem heraus wir risikoreicher Auto fahren, wenn wir aufgebracht sind.)

Auch Scham und Schuld sind spannende Emotionen. Schuld ist das Grundgefühl, das schlechtem Gewissen zugrunde liegt. Es entsteht, wenn wir unsere eigenen moralischen Prinzipien verletzen. Gewissensbisse sind also ein privates Gefühl, das wir haben, wenn wir unser eigenes Selbst nach unseren eigenen Maßstäben bewerten. Scham hingegen tritt ein, wenn wir öffentlich als moralisch schlecht oder inkompetent wahrgenommen werden – oder uns vorstellen, dass es so sein könnte. Hier sind die Maßstäbe anderer relevant. Scham ist also im Gegensatz zu Schuld und Gewissensbissen eine öffentliche Emotion.

Um unser schlechtes Gewissen zu reparieren, versuchen wir, unsere Handlungen vor uns selbst wieder gut zu machen, indem wir uns klein machen und über die Maßen kooperativ verhalten. Deshalb können Menschen, die ein (permanent) schlechtes Gewissen haben, sich auch schlecht abgrenzen (ich denke hier zum Beispiel an Mütter und Vereinbarkeit; hier hilft nur das Verschieben des eigenen moralischen Kompass). Unsere Mittel, Scham zu entgehen, sind Flucht und egozentrisches Verhalten.

Die Komplementäremotionen von Schuld und Scham sind übrigens Stolz und Überheblichkeit.

vgl. Pfister, Jungermann, Fischer (2017): Die Psychologie der Entscheidung


Transfer | Die Frage, inwieweit das Experiment zur solidarischen Eigenverantwortung und die nachfolgend skizzierten Emotionsmuster zusammenhängen, hinterlasse ich uns allen als Denkaufgabe.


Gelesen | 23 Beobachtungen in Taiwan: diagonale Ampeln, Spätis 2.0, Dreifach-Wasserspender und Körbe unterm Tisch – wie praktisch, man könnte sich etwas abgucken (via Maximilian)


Schweine | Die Schweine können sich nun auf unserer ganzen Rasenfläche frei bewegen. Sie sind sehr glücklich. Es muss sich anfühlen wie in Pudding zu baden.

sehr zufrieden blickendes Meerschwein auf der Wiese, davor Perlhyazinthen. Am Rand ein weiteres Schwein, grasend.

(Keine Sorge wegen der Hyazinthen. Die Schweine fressen sie nicht. Ich habe das beobachtet.)

Moderate Pause | Die Woche nach Ostern verbrachte ich halb pausierend, halb arbeitend. Ich hatte nur zwei Termine, beide am Mittwochnachmittag. Die restliche Zeit vertrödelte ich, las, und manchmal arbeitete ich auch: Buchhaltung, Angebote schreiben und kommende Termine vorbereiten. Erholsame Tage, allein schon dadurch, dass ich mir alles völlig frei einteilen konnte, ohne Fremdbestimmung.


Ausflug in den Süden | Am Freitag fuhr ich nach Dortmund und packte dort meine ehemalige Dorfnachbarin ins Auto. Gemeinsam fuhren wir nach Baden-Württemberg und besuchten unsere Sportsfreundin. Man kann es ein Klassentreffen nennen: Vor Jahr und Tag haben wir alle drei als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der TU Dortmund gearbeitet, in der Journalistik. Lediglich die Dorfnachbarin ist noch im Kerngeschäft tätig, beim ZDF und beim WDR. Die Sportsfreundin und ich haben den Journalismus schon vor etlicher Zeit verlassen: Sie leitet inzwischen eine Unternehmenskommunikation, ich tue das, was ich eben tue.

Wir aßen und tranken, wanderten, bummelten, schauten Handball, freuten uns gemeinsam über die Niederlage der Fußball-Bayern, betrauerten die Niederlage des BVB und tauschten umfänglich Klatsch und Tratsch relevante Netzwerkinformationen aus.

Bei 29 Grad spazierten wir, eingesalbt mit Piz Buin, durch sonnige Weinhänge. Zwei Tage zuvor trug ich im Münsterland noch Winterjacke, als ich mein Fahrrad von der Inspektion abholte und es mir dabei kalt ins Gesicht nieselte. Die Wärme am Weinhang war entschieden vergnüglicher; dennoch fehlte es mir an der inneren Haltung, mich unbefangen über sie zu freuen. Klimakrise, Sie wissen schon.

Panoramaaufnahme: Links Weinhänge mit einem sich schlängelnden Weg, rechts zu Füßen ein Dorf

Vor der Abfahrt hatte ich meine Sonnenbrille gesucht. Jedes Frühjahr suche ich meine Sonnenbrille; das hat Tradition. Ich habe für meine Sonnenbrille einen festen Platz in der Kommode im Flur. Dort ist sie auch sehr zuverlässig – im Sommer. Den Winter verbringt sie an Orten, an denen ich sie zuletzt benutzt habe, sie ruht in einem Rucksack, in einer Handtasche oder im Auto. Seit ich mir vor zwei Jahren eine Sonnenbrille gekauft habe, die nicht aus einer Drogerie stammt, suche ich sie umso intensiver, denn sie hat mehr als neun Euro neunzig gekostet. Diesmal ist die Brille außergewöhnlich nachhaltig weg; ich habe alles abgesucht und finde sie nirgends. Ich bin mir aber sicher, dass sie sich irgendwo in diesem Haus befindet; es muss so sein. Ich erinnere nämlich, dass ich sie im Dezember oder Januar in einem Rucksack fand, mit dem ich in Südtirol war. Ich erinnere mich auch, dass ich sie sehr bewusst verstaut habe, weiß aber nicht mehr, wo. Es macht mich leicht irre. Ich werde mir also erstmal eine Übergangssonnenbrille kaufen müssen – für neun Euro neunzig.

Wir besuchten auch Weinheim. Die meiste Zeit verbrachten wir bei einer Goldschmiedin, bei der wir dann doch nichts kauften, die uns aber einen Grund gab, ein Sparkonto einzurichten und zu gegebener Zeit wiederzukommen, irgendwann. Mein Ziel ist es ja ohnehin, irgendwann Privatier zu sein; vielleicht geht das miteinander einher.

Wir aßen den ersten Spargel der Saison, um 20 Uhr und draußen, tranken Aperölchen und fuhren dann mit der Bahn heim. Mit einem hervorragenden Chardonnay sackten wir noch bei der Sportsfreundin ab und später auch ins Bett. Bestens.

Zufällig war es so, dass die Damen-Nationalmannschaft mehrere Spiele in Heidelberg hatte, als wir dort waren: EM-Qualifikation. Wir sahen uns Israel – Deutschland an, eine eindeutige Partie: 12 – 35 für Deutschland. Spannung gab es also nicht, dafür außerordentlich schöne Spielzüge der deutschen Frauen, außerdem ein faires und freundschaftliches Miteinander während und nach dem Spiel. Das war fein, eine rundum zufriedenstellende Angelegenheit.

Szene eine Handballspiels. Alle Spielerinnen in Bewegung.

Abends wieder langer Draußensitz.


Gelesen | Der Sohn des Friseurs von Gebrand Bakker, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Ein Buch, das sich leicht herunterliest: Simon, Mitte vierzig, betreibt einen Friseursalon. Er führt ein bescheidenes, ereignisarmes Leben. Den Salon hat er von seinem Vater und Großvater geerbt. Der Vater kam bereits vor seiner Geburt bei einer Flugeugkatastrophe auf Teneriffa ums Leben. Simon, von Hause aus Phlegmatiker, hat sich bislang nicht für ihn interessiert. Erst als einer der Stammkunden, ein Schriftsteller, sich für die Geschichte des Vaters interessiert, wächst auch in Simon der Wunsch, mehr zu erfahren. Die Handlung ist vorhersehbar, auch weil bald eine zweite Perspektive hinzu. Die Geschichte ist dennoch nicht langweilig.

Die Szenen, in denen der Protagonist, mehr oder weniger gezwungen durch seine Mutter, als Aufsicht im Schwimmbad fungiert, hinterlassen bei mir den einen Nachgeschmack. Ableismus und Missbrauch sind hier sehr nah. Simon wacht über eine Gruppe junger Menschen mit geistiger Behinderung und fühlt sich von einem der Jugendlichen angezogen. Ich halte dem Autor zugute, dass er die Gedankenwelt des Protagonisten wiedergibt.

Gelesen | Anke Gröner liest und zitiert zur Entnazifizierung und juristischen Vergangenheitsbewältigung nach 1945

Gehört | Im Podcastplayer gehört: Klimajuristin Roda Verheyen im Interview bei Tilo Jung. Ein interessanter Einblick in die juristische Ebene des Klimaschutzes: Wer wann klagen darf, wer wogegen mit und ohne Erfolg bereits geklagt hat und welche gesetzgeberischen Möglichkeiten die Politik hat, um Klimaschutz zu betreiben. Spoiler: viel mehr, als sie nutzt; es fehlt allein am politischen Willen. Insgesamt ein Interview, das zwar schlauer, aber wenig gute Laune macht.


Schweine | Immer freundlich und guter Dinge.

Behind the scenes | Bevor ich zum Erzähltippen der Ereignisse komme, noch ein kurzer Blick hinter die Kulissen des Gastbeitrags aus Barcelona: Was Sie beim Lesen des Textes nicht hören, sind die Flüche, die der Reiseleiter ausstieß, während er die Zugfahrt buchte. Fortwährend stöhnte es von der anderen Seite des Schreibtischs, gespickt mit wüsten Beschimpfungen; dazwischen Geräusche, wie wenn jemand auf einen Tisch haut.

Die Buchung einer Zugreise quer durch Europa mit einem Kind, das – je nach Zuggesellschaft und Ticketart – Ermäßigungsanspruch hat, gestaltete sich nervenaufreibend. Buchung über die Deutsche Bahn, über die einzelnen Eisenbahngesellschaften der Länder oder Buchung eines Interrail-Tickets? Zig Möglichkeiten, die zunächst in eine Sackgasse führten.

Der Reiseleiter buchte nämlich Interrail. Auf einem Interrail-Ticket kann das Kind kostenlos mitfahren. Um mit dem Ticket im Eurostar und im TGV zu fahren, brauchten die beiden allerdings eine Platzreservierung. Abgesehen von den unerfreulichen Zusatzkosten für die Reservierung, die das ansonsten günstige Interrail-Ticket dann doch erheblich verteuerten, bekamen die beiden erst gar keine Reservierung: Alle Züge waren voll, hieß es auf den Buchungswebseiten; das Kontingent für Menschen mit Interrail-Ticket – offenbar nicht allzu groß – war erschöpft. Auch ein Verschieben der Reise nach vorne oder nach hinten brachte keine positiven Ergebnisse. Nun hatten der Reiseleiter und K3 also ein Ticket, durfte aber nicht damit fahren. Er gab das Interrail-Ticket wieder zurück (gegen Gebühr), und buchte nach weiteren Recherchen („Das kann doch alles nicht wahr sein!“ //*Tisch-Hau-Geräusch) normale Fahrkarten. Fügen Sie an dieser Stelle weitere wilde Flüche ein.


Währenddessen | Während der Reiseleiter und K3 in Barcelona weilten, vergnügten K1, K2 und ich uns daheim. Das örtliche Hallenbad feierte 50-jähriges Jubiläum und lud zur Feierwoche mit Badespaß. Im Becken schwammen Matten, Poolnudeln, Luftreifen und eine aufgeblasene Hindernisstrecke, die Kinder konnten eine Kletterwand hinauf, und es gab die Möglichkeit, sich in einen Ball einschließen zu lassen und darin über das Wasser zu laufen. Letzteres allerdings nur theoretisch, das Laufen war eine äußerst wackelige Angelegenheit. Die Kinder machten den Hamster im Rad, rannten einen Schritt, kippten um, standen wieder auf, kippten beim nächsten Schritt sofort wieder um und so fort. Nach drei Minuten zog der Bademeister an der Leine, der Ball mitsamt Kind kam zurück zum Beckenrand, und heraus stiegen Jungen und Mädchen, die erschöpft um eine Fanta bettelten.

An den nachfolgenden Tagen hatten die Kinder sich anderweitig verabredet. Sie sind in einem Alter, in dem sie eigene Pläne haben. Meine Aufgabe bestand darin, mir zu merken, wo sich welches Kind befindet, es abzuholen und woanders hin zu bringen.

Am Gründonnerstag holten wir den Reiseleiter und K3 aus Wuppertal ab. Die Bahnstrecke nach Hause war wieder einmal gesperrt – dank des Umbaus des Autobahnkreuzes Kaiserberg, der nur noch schlanke sechs Jahre andauern wird.


Sommerbereitschaft hergestellt | Die Terrasse ist frühlingsfrisch, die Möbel sind ausgepackt und die Blumenkübel arrangiert. Ich bin sommerbereit.

Terasse im Abendrot - mit Möbeln, Blumentöpfen und frisch geputzt

Gelesen | Raul Montanari: La vita finora. Lehrer Marco lässt sich in die Provinz versetzen, in ein Bergdorf bei Mailand. Die Sitten sind archaisch, das Böse ist allgegenwärtig: Es erscheint in Person des Vermieters, der über das Dorf herrscht, es manifestiert sich in einer Gruppen Jugendlicher und zeigt sich im Nachbar Marcos, einem Kriegsverbrecher aus dem ehemaligen Jugoslawien. Marco sucht seine Rolle in diesem System voller Eigendynamik, und im Laufe der Geschichte verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse. Ein gutes Buch, gerne gelesen.


Ostern | Symbolbild Osterkaffee:

Eine Aufgeklapptes Waffeleisen, daneben ein Bienenstich. Im Hintergrund eine Fensterbank mit Tulpen.

Schweine | Am Karsamstag, alle waren wieder daheim, unternahmen wir einen Fahrradausflug zum Waldspielplatz. Es sind nicht einmal zwanzig Kilometer hin und zurück, aber die Strecke ist ausreichend, um sich etwas Bewegung zu verschaffen und etwas anderes zu sehen als nur die eigenen vier Wände. Wir wählten den Weg am Kanal entlang; hier in Haltern gibt es den Wesel-Datteln-Kanal. Immer, wenn ich in quere, denke ich an den Sachkundeunterricht in der Grundschule, in dem wir in einem roten Mäppchen Arbeitsblätter zur Heimatkunde sammelten, unter anderem die Flüsse und Kanäle der Bundesrepublik. Das Brettspiel „Deutschlandreise“, damals noch mit DDR, das wir in der Familie ausgiebig spielten, tat sein Übriges zur geographischen Bildung. Seither bin ich bestens informiert über die Flüsse des Landes und die Straßen der Binnenschifffahrt, über den Rhein-Herne-Kanal, Datteln-Hamm, Wesel-Datteln und Dortmund-Ems, über die Verortung von Rhein, Mosel, Neckar, Donau und Elbe.

Am Kanal entdeckten wir den ersten blühenden Löwenzahn. Während der Reiseleiter an der Schleuse in Flaesheim Kinderfragen zu Schleusentechnik und Wasserwesen beantwortete, pflückte ich eine Handvoll.

Löwenzahn in einer Hand, dahinter ein Fahrrad an einem Kanal

Die Schweine waren entzückt. Löwenzahn ist das Allergrößte für sie, noch besser als das Kerngehäuse der Paprika. Löwenzahn sind die Trüffel der Wiesen und Wege.

Drei Meerschweine mit Löwenzahnblättern im Maul

Es folgt: Ein Gastbeitrag des Reiseleiters. Mit jedem seiner drei Kinder unternimmt er einzeln eine Reise. Dieses Jahr war K3 (11) dran. Sie fuhren mit dem Zug vom Münsterland nach Barcelona. Sein Abenteuer in zehn Bemerknissen:

1 – Weltenrettung | Nennen Sie mich naiv, aber ich glaube daran, dass mein Verhalten einen Einfluss hat – auf die Umwelt, das Klima und auf die späteren Entscheidungen meiner Kinder. Der Auftrag lautete also: Erreiche das Reiseziel möglichst nachhaltig.

Tatsächlich ist es recht einfach, mit der Bahn von Köln nach Barcelona zu kommen – wenn man davon absieht, dass man zwölf Stunden auf der Schiene ist und einen Bahnhofswechsel in Paris absolvieren muss. Und: Wenn man die Kosten ausblendet. Die sind nämlich für die Fahrt mit Eurostar und TGV fast vierstellig für zwei Personen und damit locker doppelt so hoch wie für die Alternative mit dem Flieger. Das muss man wirklich wollen!

Nachdem ich den Preis kannte und auch wieder Luft bekam, redete ich mir ein, dass es doch auch ein tolles Erlebnis sein könnte, mit Tempo 300 durch Frankreich zu düsen; dass nur auf diese Weise dem Kind die Entfernungen wirklich gewahr werden können; und dass so eine Zugreise ja auch einen gewissen geografischen Bildungseffekt haben kann.

Fazit nach der Rückkehr: Ich würde es jederzeit wieder so machen. Alles klappte ohne Verspätungen, und die Fahrt war tatsächlich ein Erlebnis.

Den TGV kannte ich bisher nur aus meinem Französisch-Schulbuch aus den 90ern und hatte ihn mir aus dieser Erinnerung heraus etwas luxuriöser vorgestellt. Das Bordbistro hatte enormes Potenzial nach oben und auch sonst war der Komfort eher mittelmäßig. Dennoch waren die Züge auf beiden Fahrten fast komplett ausgebucht – es gab also genug andere Verrückte, die meine Idee teilten (Inlandsflüge sind in Frankreich übrigens weitestgehend verboten, Grüße gehen raus an die deutsche Politik). Sicherlich eine Verbesserung gegenüber den 90ern ist das WLAN im Zug und damit einhergehend die Möglichkeit, das Kind seine Serien bingewatchen zu lassen, wenn die Landschaft gerade nicht so spannend ist.

2 – Tourie-Trubel | Ja, wir waren Teil des Problems, das ist mir klar. Aber dass die Stadt schon Ende März dermaßen überlaufen sein könnte, hätte ich nicht gedacht. Französische Mittelschulen auf Klassenfahrt, Massen von asiatischen Touristen und deutsche Jugendfussballmannschaften auf Turnierreise bevölkerten die Altstadt und die Touristen-Hotspots. Man kann nachvollziehen, dass die Katalanen trotz der wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus inzwischen versuchen gegenzusteuern.

3 – Wetter-Pech | Nachdem Vanessa und ich dieses Jahr schon den schlimmsten Schneesturm seit 30 Jahren erlebt haben, verfolgte mich das Wetter-Pech auch nach Barcelona. Katalonien ächzt unter einer schweren Dürre; seit Wochen zeigte die Wetter-App für die Region zwanzig Grad und Sonne an. Dennoch nahm uns Barcelona mit zwölf Grad und Regen in Empfang – wir hätten auch nach Hamburg fahren können!

Die Barceloner und Barcelonerinnen (ich habe tatsächlich nachgeschlagen, wie sie heißen) freuten sich aber bestimmt über den Regen. Somit machten auch wir das Beste daraus: Aquarium, Einkaufszentrum, Maritim-Museum – und tatsächlich kam am letzen Tag noch die Sonne heraus.

4 – Rutscherampen | #Serviceblog im Selbstversuch: Die angeschrägten Rampen zwischen Gehweg und Straße, für die die Katalanen Naturstein verwenden, können bei Regen unerwartet glatt sein. Wir waren auf dem Weg in die Altstadt und ich schlenderte lässig den Passeig de Gracia entlang, als ich die Grätsche machte und mich auf dem Trottoir wiederfand. Für den Rest der Reise absolvierte ich die Rampen in Tippelschritten.

5 – Teurer Kirchenbesuch | Natürlich wollte das Kind die Sagrada Familia sehen. Auf Anraten Bekannter buchte ich die Eintrittskarten in Voraus: 75 Euro für zwei Personen, stornierbar, mit Audioguide aufenglisch. Wo soll ich anfangen … Sicherheitskontrolle wie am Flughafen, der Audioguidelief nicht, und um uns herum 5.000 andere Touristen – uff!

Der Bau an sich ist beeindruckend. Der ganze Bums soll 2033 fertiggestellt sein. Der zentrale Turm wird dann der höchste Kirchturm der Welt sein. Ich wünsche mir, dass meine 75 Euro in einem Zierelement verbaut werden.

6 – Ruhepol Sarríà | Barcelona ist nicht nur sehr überlaufen, der Verkehr an den Hauptachsen ist trotz aufkeimenden Radverkehrs und sehr gut ausgebautem ÖPNV höllisch. Abseits der Hotspots gibt es allerdings wirklich nette und ruhige Stadtviertel, die immer noch sehr gut angebunden sind.

Gasse, Fenster mit Holzläden und kleinen Balkonen, Rote und beige Fassaden

Wir kamen in Sarríà unter, einem Quartier nördlich der Innenstadt am Fuß der Berge, die Barcelona umgeben. Kleine Sträßchen mit Cafés und Läden, an jeder Ecke nette Parks und Spielplätze – sollte ich einmal nach Barcelona ziehen, käme der Stadtteil auf jeden Fall in die engere Auswahl. Es sind auch in Barcelona die kleinen Dinge, die auffallen: An fast jeder Straßenkreuzung stehen Bänke oder fest montierte Stühle zum Ausruhen. Gerade für ältere Menschen eine tolle Sache – oder wenn man mit zwei schweren Rücksäcken bepackt auf dem Weg zur U-Bahn kurz verschnaufen möchte.

7 – Supermarkt-Overkill | Ich arbeite bei einem großen Lebensmittelhändler. Als Geograph modelliere ich Filialnetze. Bei jeder Reise schaue ich mir deshalb aus beruflichem Interesse Supermärkte vor Ort an, um mir einen Überblick über den Lebensmitteleinzelhandel zu machen.

[Anm. d. Red.: Die Tatsache, dass Supermärkte stets eine große Rolle bei unseren Reisen spielen, wirkt sich sehr positiv auf die Gebäckvorräte aus.]

Fazit für Barcelona: sehr breites Angebot mit starker Diversifizierung und geringem Institutionalisierungsgrad. An jede Ecke rein laufkundenorientierte kleine Nahversorger, inhabergeführte Obst- und Gemüsemärkte, Feinkostläden und ein paar schöne Markthallen. Eine feine Sache!

8 – Galeerenleben | Das Maritim-Museum von Barcelona ist in einer ehemaligen städtischen Werft untergebracht. In früheren Jahrhunderten wurden dort Galeeren gebaut. Mit denen haben die Spanier um die Herrschaft über das Mittelmeer gekämpft.

Das Leben auf einer Galeere, lernten wir, gestaltete sich wenig erquicklich. Die Mannschaft bestand aus Sklaven und Häftlingen, aber auch aus normalen Soldaten. In größeren Galeeren saßen fünf Mann an einem Riemen und ruderten. Der innen Sitzende musste bei jedem Schlag aufstehen und sich wieder hinsetzen. Der außen sitzende Mann musste am wenigsten tun – das waren dann die älteren und verbrauchten Männer. Wurde ein Galeere versenkt, gingen die Sklaven einfach mit unter.

Kaum ein Galeerensklave überlebte mehr als zwei Jahre auf so einem Schiff. Besonders pikant: Sklaven und Häftlinge waren angekettet und durften ihren Platz während der gesamten Fahrt nicht verlassen. Sie verrichteten alles, wirklich alles an ihrem Platz. Gischt und Wellen spülten die Fäkalien fort – im Idealfall. Ein Anpirschen an den Feind war nicht möglich: Die Galeeren stanken so bestialisch, dass man sie über Meilen riechen konnte.

Ich werde in Zukunft weniger über die Arbeit schimpfen.

9 – Tibidabo | Am letzten Tag der Reise gönnten wir uns noch etwas Spaß und besuchten den Tibidabo. Das ist ein fünfhundert Meter hoher Berg am Rande von Barcelona. Hinauf geht es mit einer Standseilbahn. Die Aussicht oben ist atemberaubend.

Neben der Aussicht gab es auf dem Berg eine fürchterlich hässliche Basilika und einen netten, kleinen Freizeitpark. Die Achterbahn stürzte direkt in den Abgrund. Die Schiffschaukel griff das Thema Seefahrt wieder auf (allerdings ohne, dass wir angekettet wurden). Tip für Ihren Besuch (#serviceblog): Früh dort sein, dann sind die Schlangen noch kurz. Die Eintrittskarten, die man am Automaten erwirbt, berechtigen nicht zur Nutzung der Attraktivitäten. Man muss sich an einer weiteren Kasse oben auf dem Berg erst ein Armband geben lassen (dieses Wissen hätte uns eine halbe Stunde Wartezeit am roten Flugzeug erspart).

10 – Familienglück im TGV | Die Rückfahrt war besonders interessant. Schon am Bahnsteig fiel eine  katalanische Großfamilie auf, die unter großer Aufregung und viel Palaver eine absurd hohe Anzahl an Gepäckstücken in den Zug hievte. Die zwei Erwachsenen und sechs Kinder kamen direkt vor uns zum Sitzen. Das war ein Spaß! Eltern und Kinder – Alter: geschätzte zwei bis sechzehn Jahre alt – unterhielten den Wagen bis weit hinter die französische Grenze. Es wurde gelacht, geschrien, getrunken (viel) und gegessen (enorm viel). Ich habe selbst drei Kinder und Verständnis, wenn es lauter wird – aber so laut! Das war eindrücklich.

Irgendwo zwischen Perpignan und Narbonne fiel die Familie in den Schlaf. Die Kleinen kuschelten sich an die Großen, die Füße des Vaters, nackt, lagen auf dem Tisch neben den Essensresten. Der Waggon hielt den Atem an. Und ich dachte mir: Das hättest du im Flugzeug so nicht erlebt. Alles richtig gemacht.

Vielen Dank für Ihr Interesse!  

Klappern | Die beiden Störche in der Nachbarschaft sind noch da und klappern und klappern. Sie klappern, wenn ich einschlafe. Sie klappern morgens. Sie klappern nachts. Als wir am Freitag spät nach Hause kamen, war es 0:36 Uhr, als wir im Bett lagen (ich weiß das so genau, weil ich auf den Radiowecker schaute): Die Störche klapperten.

In der Nachbarschafts-Whats-App-Gruppe wurden heute dann Bilder eines störchlichen Liebesaktes geteilt.

Der Storch ist übrigens ganz schön groß und hungrig, wenn er über den Garten fliegt. //*guckt zu den Meerschweinen


Gruß | Im Garten blüht die Magnolie. Auch die Wildtulpen blühen und haben sogar Bienenbesuch. Ein Gruß geht raus an Herrn Buddenbohm, den Zuschauer aus arktischen Regionen.

An den Bäumen am Straßenrand sehe ich es nun auch schon deutlich grünen. Im Dorf blühen die Kirschbäume.

Weiß blühender Baum unter blauem Himmel. Im Hintergrund ein Edeka-Schild.

Der Frühling kommt also, danach wird es Sommer werden. Der immer gleiche Kreislauf, wunderbar.


Motivation und Lebensalter | Berufsbedingt habe ich mich diese Woche intensiv mit Motivationspsychologie befasst – ein wirklich weites Feld mit vielen Modellen und Theorien. Motivation von Menschen ist eine komplexe Sache; es wirken viele Faktoren ineinander und miteinander – und dann kommt noch die Individualität des Einzelnen dazu. Im Training fragte mich der Kunde, ob sich Motivation mit Alter verändere. Ich hatte Erinnerungsfetzen im Kopf, aber Details musste ich nochmal nachlesen. Die Studienlage*:

  • Ältere Mitarbeiter:innen sind in der Regel motivierter. Die Forschung erklärt das mit Selektionsmechanismen: Man hat bereits vorher ausgewählt, Wechsel angestrebt, die Tätigkeit aktiv verändert, ist vielleicht in die aktive Altersteilzeit gewechselt.
  • Ältere Mitarbeiter:innen sind stärker intrinsisch motiviert – suchen interessante Herausforderungen, schätzen Teamarbeit und Autonomie in der Suche nach Lösungen; extrinsische Motivatoren wie Prestige, Titel und Status verlieren an Bedeutung.
  • Der Wunsch nach Generativität nimmt zu, also der Weitergabe von erworbenen Erfahrungen.
  • Generell nimmt die Wichtigkeit von Arbeitsbeziehungen mit dem Alter ab.

Meine Erfahrung ist ja, dass ältere Mitarbeiter:innen genauso viel (oder auch mal wenig) motiviert sind wie junge. Auch erlebe ich ältere Menschen ebenso veränderungsbereit wie jüngere; es kommt vielmehr auf die individuelle Biographie an: Wer wenig Veränderungserfahrung hat, ist eher skeptisch, egal wie alt oder jung er ist.

Gerade Menschen, die in ihren Leben schon Brüche und Krisen mitgemacht haben oder bei denen sich schlichtweg die Arbeitsanforderungen ein paarmal verändert haben, erlebe ich gelassen und konstruktiv, was Veränderungen angeht. Widerstände und Gegenargumente haben oft eine Berechtigung und speisen sich aus Erfahrungen der Vergangenheit.

*Kehr, Strasser, Paulus: Motivation und Volition im Beruf und am Arbeitsplatz; in Heckhausen/Heckhausen (Hrsg.): Motivation und Handeln, 2018


Leibesübung | Ansonsten passiert hier entweder nichts, die Dinge passen nicht hierhin oder sie wären zu kompliziert oder sind schlichtweg uninteressant. Eines kann ich noch berichten: Am Mittwochmorgen war ich Radfahren. Ich bin dreiunddreißig Kilometer durch Feld und Flur gefahren, einfach so. Es war warm, ich radelte erst in die Stadt, um einer Bekannten Vergessenes vorbeizubringen, und dann ins Nachbardorf zum Hof Hagedorn, um zu schauen, wie weit der Bau des Hofcafés gediehen ist. Vor dem Café parkte eine Autoparade, innendrin frühstückten Rentner und Menschen mit Kindern; das Café ist offenbar fertig. Dann fuhr ich durch den Wald Richtung Dülmen, eine schnurgerade, asphaltierte Straße parallel zur Autobahn – ich kam gut voran. In Dülmen betrachtete ich einen sehr gelungenen, neuen Spielplatz und fuhr dann wieder heim, über Wirtschaftsstraßen die Bahnstrecke entlang. Das war eine angenehme Ertüchtigung.


Viel gelesen, immer mal wieder zwischendurch. Blättern Sie durch oder springen Sie drüber.

Gelesen | Teresa Bücker schreibt in ihrem Newsletter über die gesunkene Geburtenrate. Bis zum Jahr 2000 enthielten die Ergebnisse der Geburtenstatistik nur Angaben für die Väter, welche zum Zeitpunkt der Geburt mit der Mutter des Kindes verheiratet waren. Männliche Fertilität wird kaum untersucht. Eine Studie hat dies getan und festgestellt: In der Kohorte der 50-Jährigen sind heute mehr kinderlose Männer als kinderlose Frauen; wenn Männer Kinder zeugen, zeugen sie mitunter mit mehreren Frauen Kinder, während andere Männer gar keine Kinder zeugen.

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani bespricht die Studie in mehreren Posts auf Instagram. Kernaussagen:

  • Die Geburtenziffer sei in den 2010ern hauptsächlich aufgrund von Migration gestiegen – in Ostdeutschland auch ein ganz klein wenig, nachdem dort die Geburtenzahl nach der Wiedervereinigung eingebrochen sei.
  • Kinderlosigkeit sei kein neues Phänomen: Auch im 18. und 19. Jahrhundert seien zwanzig bis dreißig Prozent der Frauen kinderlos gewesen. Frauen, die Kinder bekamen, hatten hingegen durchschnittlich mehr als fünf Kinder.
  • Der eigentliche Geburtenrückgang habe sich in den 1960er Jahren vollzogen, als diejenigen Frauen, die Kinder bekommen, nicht mehr fünf bekamen, sondern nur noch ein bis zwei im Schnitt.
  • Die Zahl der kinderlosen Frauen sei seit langem konstant bei etwa 20 Prozent. Wenn wir also von Geburtenrückgang sprechen, dann von der Entscheidung von Müttern und Vätern gegen das (meist) zweite oder dritte Kind – etwa aus wirtschaftlichen Gründen, weil kein Wohnraum vorhanden ist, weil die Betreuungssituation unzureichend ist, weil die beruflichen Nachteile zu groß sind, weil die Beziehung instabil ist – oder anderes.

Kinderlosigkeit, so El-Mafaalani, werde zu Unrecht problematisiert:

Kinderlose Menschen sind heute nicht etwa ein Problem, sondern notwendig zum Erhalt der gesamten gesellschaftlichen Infrastruktur. Würde die Geburtenrate ab heute deutlich steigen, stünden wir vor dem Kollaps. Weil: Wir bräuchten umso mehr KITA- und Schulplätze (wir haben jetzt schon zu wenig). Mehr Mütter (und hoffentlich Väter) wären durch Elternschaft gebunden. Arbeitsmarkt und Sozialstaat stehen schon wegen der in den Ruhestand gehenden Baby Boomer unter extremen Druck. Ohne Kinderlose (und späte Eltern) würde z.B. das gesamte KITA- und Schulsystem zusammenbrechen. Das lässt sich auf andere Teile der Infrastruktur übertragen.

Aladin El-Mafaalani auf Instagram

Gelesen | Interview mit dem Sozialwissenschaftsprofessor Arthur C. Brooks über Glück, Freundschaften, Karriere und den eigenen Verfall [SZ, €]

Glück ist nicht die Folge von Erfolg, sondern die Voraussetzung. Nur wer glücklich ist, kann auch erfolgreich sein. Nicht umgekehrt.

Gelesen | Prophylaxe und Propaganda [SZ, €]. Ein Lesestück über Gernot Mörig, ein Düsseldorfer Zahnarzt, der im vergangenen November Rechtspopulisten und Rechtsextreme, Funktionäre der AfD und der Werteunion, mit Martin Sellner zusammenbrachte, dem ehemaligen Sprecher der rechtsextremen Identitären Bewegung in Österreich. Ein Blick in die Netzwerke rechtsnationaler, deutscher Gutverdiener.

Gelesen | Boeing: Absturz einer Ikone [SZ, €]. Management-Summary:

Allein in den vergangenen zehn Jahren hat Boeing Aktien im Wert von 40 Milliarden US-Dollar zurückgekauft, um damit den Kurs des Papiers zu stützen. Gleichzeitig hat der Konzern 22 Milliarden Dollar per Dividende an die Anteilseigner ausgeschüttet. Zum Vergleich: Ein neues Flugzeugmodell zu entwickeln, kostet rund 15 Milliarden Dollar. Das sagt viel aus über die Prioritäten der einstigen Industrieikone.

Gelesen | Datenanalyse: Diese Menschen wählen AfD [ZEIT, €].


Passierschein A38 | Nun fällt mir doch noch etwas ein, das ich hier aufschreiben kann. Ich war nämlich ganz ergriffen.

Ich muss demnächst zum Bürgerbüro. Mein Personalausweis läuft ab, und im Zuge dieser Angelegenheit beantrage ich gleich einen neuen Führerschein mit; der alte rosa Lappen läuft ja irgendwann aus, 2026, glaube ich. Ich buchte mir also online einen Termin. Dabei klickte ich mich durch den Zoo der Verwaltungsvorgänge; es wäre noch einiges mehr möglich. Die Ersterteilung einer Fahrgastbeförderung. Abmeldung ins Ausland. Ein Quell der Lebensentscheidungen!

Dann sah ich: „Ausstellung einer Lebensbescheinigung“. Daneben stand: „Dauer: 5 Min.“ Ein Kribbeln erfasste mich, zusammen mit einem Moment der Rührung. Vor zwölf Jahren verbrachte ich einen Vormittag damit, diesem Passierschein A38 nachzujagen, und hier in Haltern gibt es das 2024 als Standardauswahl. Fünf Minuten Aufwand. Fünf! Nicht zu fassen.


Schweine | Drinnenschweine am Schlechtwettertag.

Drei Meerschweine im Stall - eins auf 9 Uhr, eins auf 12 Uhr, eins auf 3 Uhr. Zwei fressen, eins glotzt.

Wiegenfest | Es gab eine Geburtstagssituation. Ich bin nun 46 Jahre alt. Seit ich 42 bin, habe ich Schwierigkeiten, auf die Frage nach meinem Alter spontan und richtig zu antworten. Das Altersempfinden wird diffuser, verwischt irgendwie. Vielleicht wird das wieder besser, wenn ich 50 bin; vielleicht ist das dann wieder eine deutlichere Wegmarke.

Alter ist übrigens in keinster Weise etwas, über das ich nachdenke, ebenso wie dessen Begleiterscheinungen. Es ist sogar eine erfreuliche Angelegenheit, dass beides da ist – also das Alter, die Falten und so weiter -, denn die Alternative wäre ja, tot zu sein, und das ist eindeutig unerquicklicher. Überdies war ich nie eine Frau, deren Leben übermäßig von äußerer Attraktivität geprägt war. Möglicherweise haben es Frauen, die stets positive Rückmeldungen zu Ihrem Äußeren bekamen und sich daher stärker darüber definieren, schwerer. Ich hingegen finde ja, dass das, was in meinem Kopf stattfindet, viel interessanter ist als dass, was darauf stattfindet.

Ich feierte den Geburtstag im kleinen Kreis. Credits gehen raus an Kind Zwei, das die Hasenservietten gefaltet hat:

Frühstückstisch, auf den Tellern Servietten, die zu Hasenohren gefaltet sind. Im Hintergrund eine Anrichte, darüber quadratische Bilder von Obst an der Wand

Nach Anfertigung des Fotos bemerkte der Reiseleiter, dass die Bilder über der Anrichte schief hängen. Es folgten Loriot-eske Szenen des Bild-Anstupsens, wobei das Anstupsen eines Bildes zu Anstupsnotwendigkeiten bei anderen Bildern führte. Letztlich, ich kürze das ab, endete die Unternehmung in Kapitulation: Die Bilder hängen immer noch schief, manche auch: wieder.


Gelesen | Frau Novemberregen, ihres Zeichens Inhaberin einer beruflichen Position, die das Wort „Director“ im Namen trägt, wurde gefragt, ob sie eine Führungskraft sei, und hat geantwortet.

Ich stimme im Übrigen nicht mit allen Teilen der Antwort überein. So halte ich das Feedback der Mitarbeiter:innen für bedenkenswert. Allerdings – dahingehend bin ich bei Frau Novemberregen – sollten nicht Harmonie und Gefallen die Messgrößen darstellen. Vielmehr ist eine Kernaufgabe von Führung, dafür zu sorgen, dass Leute so gut arbeiten können, dass Erfolg zustande kommen kann. Insofern sind die Rückmeldungen zur Führungsleistung schon relevant.

Mitunter erlebe ich Führungskräfte in einer klagenden Haltung, solidarisiert mit ihrem Team – gerade wenn es darum geht, Veränderungen zu initiieren. Sie lamentieren über Strukturen, obwohl es ihre Aufgaben ist, diese Strukturen zu entwerfen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, auf äußere Entwicklungen im Markt zu reagieren, Bürokratie zu begrenzen, funktionierende Werkzeuge für den Erfolg bereitzustellen, Aufgabenfülle und Personal in Einklang zu bringen und Aufgaben zu priorisieren – also Arbeit nicht einfach geschehen zu lassen, sie nicht einfach zu verwalten, sondern zu lenken und zu gestalten. Das ist nicht immer einfach, das ist klar. Jede Entscheidung, die ich als Führungskraft treffe, mutet Anderen die Folgen zu, provoziert Konflikte und Widerstand, benötigt Verhandlung und Durchsetzung. Aber wenn es einfach wäre, würde es eben auch von alleine geschehen, dann bräuchte es meine Führungsposition nicht.

(Den Satz „Es ist ja ein Arbeitsplatz, keine Tagespflege“ werde ich mir abspeichern. Den kann ich bestimmt noch gebrauchen.)


Feedback | Ab Mai werde ich einen Kunden in einem Transformationsprojekt begleiten, das bis mindestens Ende des Jahres dauert, vielleicht auch länger. Alles war schon in trockenen Tüchern: Wir hatten die Situation sondiert, wir hatten darüber gesprochen, wie wir beginnen, Termine gemacht, Leute ins Boot geholt. Vergangene Woche kam dann der Anruf, dass sich der Auftrag noch einmal ändert.

Ich bekam Lob, dass ich die Veränderung gelassen und positiv aufgenommen habe und wir direkt überlegt haben, welche Konsequenzen sie hat und was wir nun anders machen müssen. Die Rückmeldung freut mich. Gleichzeitig ist genau das mein Geschäft: Veränderung begleiten und führen – das nimmt den eigenen Auftrag, das eigene Projekt nicht aus. Es ist halt so, dass sich Perspektiven verändern können und dass sich Rahmenbedingungen verschieben. Vorhaben wandeln sich. Dann überlegen wir halt, wie wir damit umgehen.


Die kleinen Dinge | Mein Dorf hat die Blümchen schön.

Eine Wiese mit Narzissen an einer Bushaltestelle

Störche | In der Nachbarschaft ist ein Storchenpaar eingezogen, nur hundert Meter von unserem Haus entfernt. Dort steht ein Baum, und auf dem Baum ist ein Wagenrad angebracht.

Ein schlechtes Bild von einem Storch auf einem Wagenrad auf einem Baum bei schlechtem Wetter

Ich kann die Störche klappern hören und sie aus dem Schlafzimmerfenster sehen. Im vergangenen Jahr waren sie um diese Jahreszeit auch dort, waren später aber wieder weg.

Laut Internet fresse Störche Kleinsäuger wie Ratten und Maulwürfe. Ob sie auch Meerschweine fressen, ist nicht überliefert, allerdings auch nicht ausgeschlossen. Ich warte also auf den Tag, an dem ich in den Garten gucke, ein Storch auf unserem Rasen steht und gerade das Dramaschwein herunterwürgt, das in diesem Moment in allen seinen Ängsten und Vorurteilen bestätigt wird.


Schweine | Fensterrentner.

Lingen | Am vergangenen Wochenende fuhr ich nach Lingen an der Ems. Sie dürfen mit Fug und Recht fragen, warum ich das tat, das ist nun wirklich nicht naheliegend. Wäre ich nicht dorthin entführt worden, wäre ich in meinem Leben niemals nach Lingen gekommen.

Der Hintergrund ist, dass ich Teil einer Reisegruppe war, die nicht wusste, wohin es ging, und auch nicht wusste, was am Zielort geschehen würde. Dieser Umstand ist kein Bug, sondern ein Feature. Die Reisegruppe ist der Dortmunder Agora Club Tangent (ACT), in dem ich Mitglied bin; der ACT ist das Seniorenheim des Ladies‘ Circle, in dem ich dereinst ebenfalls Mitglied war, aber mit meinem meinem 45. Lebensjahr turnusmäßig ausschied. Einmal im Jahr organisiert ein Mitglied des ACT einen Wochenendtrip. Die Mitreisenden erfahren nicht, wohin es geht; das Fahrtziel muss lediglich in zwei, drei Stunden zu erreichen sein. So landete ich in Lingen.

Der Vorteil, mit einem Club mittelalter Damen zu verreisen, liegt darin, dass alle fast alles schon erlebt haben: Eheschließungen, Scheidungen, Neuverliebungen, kleine Kinder, pubertierende Kinder, aus dem Haushalt ausziehende Kinder, körperliche und seelische Gebrechen, von Orthopädie bis Gynäkologie, Gerontologie (natürlich), selbst Astrologie. Jedes Lebensthema ist anschlussfähig in der Gruppe. Wunderbar.

Ein Programmpunkt war Krav Maga, Selbstverteidigung. Eine Freundin des Clubs führt in Lingen ein Fitnessstudio, bietet Personal Training und eben auch Selbstverteidigung. Wir bekamen einen zweistündigen Crash-Kurs. Das Motto von Krav Maga: Head and Nuts, Kopf und Nüsse – wenn’s hart auf hart kommt, geht’s immer gegen diese Körperteile, bei den Herren wie bei den Damen. Das war sehr lehrreich; ich stellte mich trotz meines friedfertigen Wesens als talentiert heraus. Dreißig Jahre in einer aggressiven Kontaktsportart und eine Karriere im Abwehrmittelblock scheinen für diese Sportart hilfreich zu sein.

Wir lernten auch etwas über die Stadt. Zwei Kivelinge, örtliche Junggesellen, führten uns durch Lingen. Wir erfuhren etwas übers Kievelingsdasein, über die Sektionen, in denen die unverheirateten Bürgersöhne sich organisieren, und über ihre Aktivitäten; aus den Ausführungen erinnere ich, dass viel getrunken wird, allerdings keine Limonade. Außerdem findet alle drei Jahre das Kivelingsfest in Lingen statt, ein Volkfest, bei dem ebenfalls viel getrunken wird. Dem ist zuträglich, dass Lingen eine Bier-Kultur pflegt. In der Alten Posthalterei, einem Kneipenrestaurant, wird allerlei angeboten; wir kosteten und besuchten zudem Heidis Litfass, in dem auch getrunken wird. Alles in allem verfestigte sich der Eindruck, dass die Menschen in Lingen viel Durst haben.


Heimgymnastik | Wir haben hier ein Rudergerät, das ich bisweilen benutze, und neuerdings auch ein Wahu-Board. Ein Weihnachtsgeschenk für die Kinder, das sich als gutes Traininhgsgerät auch für uns Erwachsene erweist. Der Reiseleiter und ich machen Kniebeugen auf dem wackeligen Ding und können danach zwei Tage nicht laufen. Anscheinend haben wir es nötig.


Gesehen | Zone of Interest. Verstörender Film. Unfassbar guter Film. Eine beachtliche Schauspielleistung; besonders Christian Friedel hat mich beeindruckend – noch mehr als Sandra Hüller als seine Gattin. Friedel gelingt es, Rudolf Höss, dem Ökonom der Massenvernichtung, dem Prozessingenieur der Vergasung und Verbrennung, menschliche Momente abzuringen und gleichzeitig eine Grausamkeit zu zeigen, die in keinen Moment körperlich ist. Es lässt einen erschüttert zurück. Der Sound ist beklemmend und hat den Oscar verdient. Der Film wurde mit versteckten Kameras gedreht, die Schauspieler:innen bewegten sich frei im Haus und spielten einfach, wohnten, aßen, lebten. Große Filmkunst. Unerträglich.


Schlauer werden | Ich habe ein bisschen Luft in meinem Kalender. Das ist gut. Ich nutze sie fürs Lesen. Dank meiner Fortbildung an der Fernuni habe ich wieder Blut geleckt, mich mit Wissenschaft und Fachbüchern zu beschäftigen. Ich habe mir Motivation und Handeln reingezogen, den Klassiker von Jutta und Heinz Heckhausen (Hrsg.); seit meinem Studium gibt es doch einige neue Erkenntnisse. Werde mich nun Arbeits- und Organisationspsychologie und der Psychologie der Entscheidung widmen, um auch hier wieder näher an aktuelle Forschung zu kommen.


Armenisch kochen | Diese Woche brachte ich mein armenisches Kochbuch zur Anwendung, das schon seit Weihnachten in meinem Haushalt wohnt, für das ich aber bislang keine Muße hatte.

Montag: Adjarakan Khachapuri (Teigschiffchen mit Käse und Ei). Ich ergänzte Frühlingszwiebel zum Rezept.

Teigschiffchen mit Käse und Ei

Dienstag: Vospov Aghtsan (Linsensalat) und Jingalov Hats (Brot mit Kräutern)

Vospov Aghtsan (Linsensalat) und Jingalov Hats (Brot mit Kräutern)

Beides lecker. Der Reiseleiter gab zu Protokoll, dass die Mahlzeiten sicherlich auch kaukasische Minenarbeiter sättigen.


Gesehen | 37 Grad: Burnout auf dem Bauernhof – Landwirte kämpfen gegen ihre Depression


Schweine | Um nochmal auf den Beginn zurückzukommen, die Reise nach Lingen: Ein anschlussfähiges Lebensthema war auch das Thema „Meerschweine“, das irgendwer irgendwann aufmachte, und in dem ich dann erzählte, dass Abendessen, das Dramaschwein, quasi vergoldet sei, nachdem wir es mit einer Glatze beim Tierarzt vorstellen mussten und es ein Mittel gegen Hautpilz bekam; eine Unternehmung, die uns ein Vielfaches kostete, als wir für das Schwein bezahlt hatten – eine Notschlachtung wäre finanziell angemessener gewesen. Daraufhin erzählte meine Mitreisende die Geschichte des Familienzwergkaninchens, das ebenfalls ein kleines Leiden hatte und dem Tierarzt vorgestellt wurde. Sie bat den Veterinär, dass er bei den Behandlungsoptionen bitte berücksichtige, dass dieses Tier, nun ja, eben ein Zwergkaninchen und kein Lipizanerhengst sei. Kaum hatte sie dies ausgesprochen, brach ihr Sohn neben ihr in Tränen aus; er heulte, dass der Rotz das Kinn hinabfloss; unter Schluchzen sprach der Bub wütende Worten über Ethik und Moral. Daraufhin wurde das Zwergkaninchen stationär aufgenommen, erhielt ein Einzelzimmer und kam kurzerhand in die monetäre Reichweite eines Lipizaners.

Die Schweine kommen in den Genuss von Obstbaumzweigen: Im Dortmunder Garten schnitt ich Bäume. Die Zweige nahm ich mit nach Haltern. Der Reiseleiter baute den Schweinen daraus einen Tunnel. Sie erinnerten sich daraufhin daran, dass sie Nagetiere sind, und knabbern nun mit großer Hingabe die Apfel- und Kirschbaumzweige ab.

Samstag | Der Tag begann mit Fußball: Anpfiff um elf, ein Freundschaftsspiel der U13-Mädchen, Kind Zwei und Kind Drei waren dabei. Die Sonne schien, und wenn sie das tat, war es warm. Zwischendurch tat sie es mal nicht, dann war es kalt. Das ist nun also diese Jahreszeit. Während kein Tor fiel, beobachtete ich einen Hundewelpen, der ebenfalls zusah oder schlief oder dasaß oder sich für Gänseblümchen interessierte. Am liebsten saß er – vor allem dann, wenn sein Mensch mit ihm irgendwo hingehen wollte -, er saß bombenfest, man konnte ihn nur mit dem Hintern über die Wiese schleifen.

Das Spiel verlief höhepunktarm. Oder nein, nennen wir es lieber eine raffinierte Taktikschlacht, das hört sich besser an. Die Kinder waren jedenfalls glücklich: Zuletzt verlor man 0:3 gegen diesen Gegner, entsprechend ist ein 0:0 ein Erfolg.

Ein Fußball am Rande eines Kunstrasenplatzes. Sonnenschein. Im Hintergrund Spielerinnen.

Nach dem Spiel fuhren wir heim, ich legte Wäsche und pruschelte im Garten herum. Die Beete wollten aufgefüllt, geharkt und gedüngt werden. Ich hegte Gemüsegefühle und beschäftigte mich mit Kletterpflanzen für Schattenwände.

Gegen Abend rüschte ich mich auf: Ich war zu einem 45. Geburtstag im Bergischen eingeladen. Wie ich gerade das Haus verlassen wollte – ich hatte schon die Jacke an und den Schlüssel in der Hand -, klingelte das Telefon des Reiseleiters: Kind Eins, das im städtischen Hallenbad weilte, hatte sich verletzt. Eine Gefahr für Leib und Leben bestand nicht, aber der Besuch eines Arztes war ratsam. Also fuhren wir zum Hallenbad, der Reiseleiter behielt das Auto und brachte das Kind zum Arzt, ich nahm des Kindes Fahrrad und fuhr es nach Hause. Nachdem ich mit den Knien an den Ohren nach Hause geradelt war, kümmerte ich mich ums Abendessen, außerdem um die Rückkehr von Kind Zwei, das den Nachmittag bei einer Freundin verbracht hatte und – es war inzwischen schon dämmerig – von der Bushhaltestelle abgeholt werden musste.

Als ich mit dem Kind in unsere Straße einbog, sahen wir ihre Schwester, die sich in meiner Abwesenheit zwei Nachbarmädchen angeschlossen hatte und mit ihnen Fußball spielte. In dem Moment steckten die Eltern der Mädchen ihre Köpfe aus dem Haus und riefen: „Kommt! Wir gucken Fußball und haben Snacks!“ Bei den Eltern handelt es sich um drei Frauen, die ehemals in hohen Ligen Fußball spielten, ein original Fußballtor im Garten haben und überdies das Nachbarschaftstippspiel verwalten, in dem ich aktuell einen respektablen sechsten Platz belege. Während die Kinder also pölten, guckten wir sportschau und aßen Salzstangen. Später kam der Reiseleiter hinzu, die Kinder verlegten nach drinnen, das inzwischen versorgte Kind Eins ruhte sich vom Schrecken aus und chillte vorm Fernseher. Als die Salzstangen alle waren, holten die Nachbarinnen Erdnüsse. Als die Erdnüsse alle waren, holten sie Chips. Als die Chips alle waren, fanden sie noch Käse. Ein wunderbarer Abend mit guten Gesprächen. Irgendwann landeten alle fünf Kinder bei uns, wir bauten ein Matratzenlager auf, und so endete der Tag dann: mit vielen Decken, müden Kindern, müden Erwachsenen, ohne Geburtstagsfeier, aber mit anders tollen Begegnungen.


Dies und Das | Frau Herzbruch schreibt, dass sie keinen Orientierungsinn hat, und schreibt außerdem darüber, in welchen Himmelrichtungen Sprachen Vergangenheit und Zukunft verorten (sie ist Sprachwissenschaftlerin). Sehr interessant! Ich kann nur bestätigen, dass Sprache das Denken prägt; ich habe den Eindruck, dass ich selbst eine Andere bin, wenn ich in anderen Sprachen unterwegs bin, ein bisschen zumindest. Jede Sprache, die ich gelernt habe, funktioniert anders, manche sehr anders, manche weniger, aber jede hat ihre Eigenheiten; allein, wie Zeiten gebildet werden und welche Zeiten es gibt, wie Wörter zueinander stehen und welchen Regeln die Grammatik folgt. Oder die Verniedlichungsformen! Eine Welt für sich, in jeder Sprache anders schön. Das Italienische und ja, auch das Russische, sind großartig darin. Oder die Bildung größerer Zahlen: Mal wird der Einer vorangestellt, mal der Zehner, in einigen Sprachen muss man geradezu ein Rechengenie sein (mille neuf cent quatre vingt dix neuf, 1999, meine Güte; oder Dänisch firs, 80,  fir sinds tyve, viermal zwanzig, herrje). Oder die An- und Abwesenheit von Artikeln in einer Sprache; manche kommen ganz ohne aus! Dazu die Unübersetzbarkeit mancher Wörter, deren feine Nuancen keine Entsprechung finden.

Zum Orientierungssinn ein Kapitel aus dem #Serviceblog: Ich besitze noch eine Uhr mit Ziffernblatt, und wenn Sie auch eine haben, können Sie leicht feststellen, wo Süden ist. Richten Sie den Stundenzeiger auf die Sonne. Auf der halben Strecke zwischen dem Stundenzeiger und dem 12-Uhr-Strich ist Süden. Wenn Sie dorthin müssen: fein. Wenn nicht, wählen Sie die entsprechend anderen Richtungen. Gerade beim Wandern ist das ganz praktisch.

Eigentlich wollte ich aber nicht über Orientierung reden, auch nicht über Sprachen, sondern einen Satz aus dem verlinkten Text zitieren:

Ich fuhr heute nachmittag mit dem Teenager in den Aquaristen-Nerdladen. Er brauchte eine Lösung, damit seine Garnelen nicht in den Filter eingesaugt werden, eine kam dort leider ums Leben, das will ja nun keiner.

Wäre dies der erste Satz eines Buches: Ich hätte es gekauft.


Gehört | Jessy Wellmer in der Hörbar Rust. Ich hatte ein, zwei Aha-Erlebnisse in Bezug auf Befindlichkeiten in Ost- und Westdeutschland.

Gehört | Kinderpsychiater Jakob Hein zu Gast im Hotel Matze. Ebenfalls interessant und unterhaltsam.


Schweine | Die Sonne schien, das Gras wächst, die Schweine fraßen es weg.

Expedition nach Utrecht | Am Wochenende fuhr ich nach Utrecht, gemeinsam mit dem Reiseleiter. Der Reiseleiter hatte vorab einen Reiseführer studiert – mit dem Ergebnis, dass wir die Reise auf uns zukommen lassen sollten, ohne Plan. So stiegen wir also in den Zug, der uns erstaunlich schnell nach Utrecht brachte, in zweieinhalb Stunden nur. Der Reiseleiter, der zweimal wöchentlich zum Arbeitgeber nach Köln pendelt und hart unter den Widrigkeiten des Bahnfahrens leidet, meinte, dass er möglicherweise einfacher nach Utrecht als nach Köln käme und dieser Sachverhalt Erwägungen nach sich ziehen könnte, langfristig. Er verwarf den Gedanken dann aber doch wieder, vorläufig, aus Liebe zur Arbeitsstelle.

Wir kamen also an, es war Samstagmorgen, schlossen unsere Rucksäcke in ein Schließfach und marschierten los, ohne Plan, wie geplant. Wenn man in Utrecht aus dem Bahnhof tritt, steht dort ein monumentales Einkaufszentrum, das größte überdachte Ding Europas. Es ist erstaunlicherweise genauso wenig einladend wie alle Einkaufszentren und macht ebensowenig Spaß. Aber wir gingen hindurch, um in die Stadt zu kommen. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum begegnete uns das Fahrradparkhaus. Es hat zwölfeinhalbtausend Stellplätze, und wie wir sehen konnten, zumindest auf der ersten Etage, waren fast alle besetzt. Die Leute sausten hinein und hinaus. Es war erfreulich anzusehen. Wir standen eine ganze Weile dort.

Die Innenstadt ist autofrei: Gassen und Grachten, Geschäfte und Cafés, und es war erstaunlich viel los, man könnte auch von Menschenmassen sprechen. In Utrechts Altstadt biegen überall Gässchen ab, oftmals begegnet man Wasser, und es ist nicht ganz klar, wohin man nun soll, weil es überall hübsch ist. Man möchte in diese und in jene Straße abbiegen, mit der Aufmerksamkeitsspanne eines umherflatternden Schmetterlings.

Irgendwann aber kommt man zurecht und denkt: „Hier war ich schonmal“, dann erkennt man erstmals Dinge wieder und es kommt das Gefühl auf, sich irgendwie orientieren zu können.

Im Reiseführer hatten wir von einem Blumenmarkt gelesen, der immer Samstags stattfindet und von dem niemand ohne Blumenzwiebel nach Hause geht. Die Autoren hatten recht. Ich kaufte einen Haufen Blumenzwiebeln, die der Reiseleiter fortan tragen durfte.

Alsdann war es an der Zeit, ein Café zu besuchen. Wir beschlossen, erst ein Bier und dann einen Kaffee zu trinken. Damit das Bier nicht so alleine war, aßen wir ein Brötchen mit Apfel und Ziegenkäse dazu – und Kürbissuppe. Das war schmackhaft. Wir saßen dabei an einer Gracht, um nicht zu sagen: darüber. Das Haus ragte etwas übers Wasser. Manchmal fuhr ein Schiff vorbei, manchmal paddelten Kajakfahrer, wir besäuselten uns leicht, das Leben war wunderbar.

Blick auf einem Sprossenfenster auf das Ufer der Gracht

Nicht nur Blumenzwiebeln, auch Buchläden hatten eine Anziehung auf uns. Wir entdeckten, dass es in Utrechts Buchläden viele englischsprachige Bücher gibt, und zwar jene, die einem in Deutschland nicht unterkommen: Bücher aus kleineren Verlagen und solche, die jenseits des Mainstreams der Spiegel-Bestsellerliste stattfinden. Wir arbeiteten uns durch alle Buchhandlungen der Stadt, einschließlich des ältesten feminstischen Buchladens der Niederlande, und fanden in jedem der Geschäfte etwas, das der Reiseleiter tragen durfte.

Holzleiter vor einem Bücherregal

Insofern gesellten sich etliche Bücher zu den Blumenzwiebeln, weshalb es irgendwann an der Zeit war, das Hotel aufzusuchen, bevor der Reiseleiter sich zum orthopädischen Notfall entwickeln würde.

Am nächsten Tag schlossen wir unser Gepäck wieder im Bahnhof ein, dazu die Blumenzwiebeln und die Bücher und gingen ins Centraal Museum. Es verfügt über eine umfangreiche Sammlung aus Kunst, Design, Mode und Stadtgeschichte; das konnte nicht falsch sein für uns als Utrecht-Newbies. Am meisten mochte ich die Sonderausstellung mit fotorealistischen Werken, also mit Bildern, die gemalt sind, aber aussehen wie Fotos. Das gefiel mir, denn bei dieser Art der Malerei sieht man besonders gut, was abgebildet ist; das kann man nicht von jedem Kunstwerk behaupten.

Außerdem mochte ich das Atelier von Dick Bruna, dem Erfinder von Nijntje (deutsch: Miffy) und Illustrator von Buchumschlägen und Plakaten. Er lebte in Utrecht und mochte es gemütlich. Ich war sogleich versucht, mich nur noch aufs Schriftstellertum zu konzentrieren und ebenfalls solch ein Atelier zu bewohnen, nur um während des Arbeitens auch in einer Hängematte liegen zu können – wie Dick Bruna, wenn er nachdachte.

Atelier von Dick Bruna in einem Dachgeschoss: Es sieht etwas durcheinander, aber gemütlich aus.

Wir kehrten nochmal in einem Restaurant ein, diesmal in ein vietnamesisches in einer etwas abseitigen Straße; der Ausflug lohnte sich. Dann holten wir unsere Rucksäcke und Bücher und Blumenzwiebeln aus dem Schließfach und fuhren zurück nach Hause, wieder in zweieinhalb Stunden und ohne Zwischenfälle. Das war komfortabel.

Mehr über Utrechts autofreie Innenstadt bei Bloomberg (How Utrecht Became a Paradise for Cyclists) und auf einer irischen Website: How much can a city’s street change in about a decade? Before/after images from Utrecht.


Gelesen | Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand. Just an dem Tag, an dem Gabriele von Arnim ihren Mann verlassen möchte, erleidet dieser einen Schlaganfall – und zehn Tage später den zweiten. Er wird aus allem herauskatapultiert: aus seinem Berufsleben und seinen privaten Plänen. Seiner Frau geht es genauso. Was folgt, sind zehn gemeinsame Jahre der Pflege, der Zuwendung und Fürsorge, aber auch der Übergriffigkeit, der Hilflosigkeit und der Balance zwischen Würde und Demütigung. Eine sehr nahe Erzählung, die nicht mit dem Tod endet, sondern zwei Jahre danach.

Gelesen | Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Imre Kertész, geboren in Budapest, wurde als 14-Jähriger nach Auschwitz verschleppt, kam anschließend nach Buchenwald und in das Buchenwalder Außenlager nach Zeitz. Im Roman erzählt er seine Geschichte im Plauderton eines unbedarften Teenagers: die Fahrten im Zugwaggon, das Sortieren der Häftlinge, die Vernichtung der Mitreisenden, die Arbeit und das Leben im Lager. Schließlich wird er krank – was ihm erst fast das Leben kostet und dann sein Leben rettet. Ein Buch, das noch lange nachhallt.

Gelesen | Tagebuchbloggen: Little Ente ist weg

Gehört | Elitenforscher Michael Hartmann zu Gast bei Jung & Naiv. Ich habe erst die ersten eineinhalb von vier Stunden gehört. Aber die sind schon weiterempfehlenswert. Außerdem möchte ich eine Erkenntnis teilen: Hartmann argumentiert deutlich pro Frauenquote, ergänzt aber eine interessante Beobachtung aus der Forschung. Denn Ergebnis eine funktionierenden Frauenquote ist, dass Nicht-Akademiker:innen benachteiligt werden – oder anders gesagt: Bürgertöchter verdrängen Arbeiterkinder. Der Begriff dazu ist homosoziale Kooptation: Gleich und Gleich gesellt sich gern; Entscheider:innen bevorzugen diejenigen Kandidat:innen, die ihnen ähnlich und deshalb vertrauter sind; Aspekte sind hier beispielsweise Geschlecht, Habitus, gemeinsame Glaubenssätze, Interessen und Sozialisierungserfahrungen. Steht das Geschlecht als Variable nicht zur Verfügung, weil es eine Quote gibt, werden die anderen Merkmale dennoch – mitunter stärker – aufrecht erhalten.


Frühjahrsbereitschaft | Ich wäre jetzt übrigens bereit fürs Frühjahr, insbesondere für den Start ins Gartenjahr. Sie wissen schon: Hände in die Erde und Setzlinge einbuddeln, ein bisschen umgraben, harken und nachbessern – und freudig streicheln, was bereits aus der Erde guckt. Ich wäre auch bereit, in den Blumemmarkt zu fahren, Pflanzen zu kaufen, sie in Töpfe zu setzen und die Töpfe dann hübsch zu drappieren, etwa vor die Haustür oder auf der Terrasse. Ich wäre auch bereit, Rad zu fahren, nicht vermummt wie jetzt in Februar, sondern nur mit einem dünnen Pullover bekleidet, mit warmem Wind im Gesicht. Ich wäre bereit, die Blumenzwiebeln aus Utrecht zu setzen, in Töpfe und Beete, vors Haus und hinters Haus. Für all das wäre ich bereit, an mir soll es also nicht liegen, wenn noch Winter ist.

Immerhin bemerkte ich auf der Rückfahrt aus Utrecht, dass die Sonne nun nicht mehr am Nachmittag untergeht, sondern zu einer Tageszeit, die man fast schon Abend nennen kann. Wir fuhren heim, es war 18 Uhr, und ich konnte noch aus dem Fenster schauen. Das stimmte mich froh.


Wohnwende | In der vergangenen Woche besuchte ich einen Vortrag von Daniel Fuhrhop, einem Mann, der sich mit unsichtbarem Wohnraum beschäftigt. Er nennt sich „Wohnwendeökonom“, was einerseits eine gute Marketingnummer ist. Andererseits liefert er tatsächlich einen interessanten Beitrag zur Wohnungsnot in den Städten. So sagt er – ich gebe hier eine Managementsummary -, dass es ausreichend Wohnraum gebe und dass er nur schlecht verteilt sei: Ein Drittel der deutschen Rentnerinnen und Rentner lebe auf mehr als 100 Quadratmetern. Die Gründe sind klar: Die Kinder ziehen aus, irgendwann verstirbt der:die Partner:in, man ist allein, kann oder möchte sich aber nicht vom Eigentum trennen. Für die Wohnpolitik, so Fuhrhop, sei deshalb ein Schlüssel, Renter:innen bei einem Umzug in ein kleineres Zuhause zu motivieren und zu unterstützen – nur jene, die wollen, versteht sich, aber das seien immerhin einige: Solch ein Eigenheim kann schließlich auch eine Last sein. Die Süddeutsche Zeitung hat diesem Thema jüngst einen Artikel gewidmet: Oma soll umziehen [€].

Eine weitere Möglichkeiten für mehr Wohnraum, so Fuhrhop, sei eine Form der Untermiete; es nennt sich „Wohnen gegen Hilfe“: Student:in oder Geflüchtete:r zieht bei älterem Menschen ein, zahlt keine Miete und verrichtet dafür haushaltsnahe Tätigkeiten. In Belgien gebe es dafür professionelle Agenturen, die ein Casting und damit Sicherheit garantieren und bei Konflikten unterstützen.

Auch die Anzahl der unvermieteten Wohnungen ist nach Fuhrhops Ansicht spannend: Etliche Wohnungen in Städten seien ungenutzt, eine genaue Zahl sei oft nicht erfasst, gerade in kleineren Orten. Auch die seien unsichtbarer Wohnraum. Der Grund sind in kleineren Städten nicht Immobiliengesellschaften, die spekulieren, sondern: Die Vermieterin hat in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht, hat es nicht unbedingt nötig zu vermieten und lässt nun lieber leerstehen.

Insgesamt ein interessanter Vortrag. Die Zahlen für meine Wohnstadt Haltern am See zeigten das ganze Problem des Ortes: Hier gibt es etwas mehr als 10.000 Wohngebäude für 39.000 Einwohner:innen. 6.390 dieser Gebäude, also fast zwei Drittel, sind Einfamilienhäuser, 2.500 sind Zweifamilienhäuser und nur ein kläglicher Rest Mehrfamilienhäuser. Wer hier mehr als ein Kind hat und mit überschaubarem Einkommen eine Wohnung sucht, ist aufgeschmissen, die gibt es nämlich nicht. Stattdessen gibt es viele Ein-Personen-Haushalte in den mehr als 6.000 Einfamilienhäusern.


Schweine | Damit es nicht wieder zu Verwirrungen kommt: Nach dem Schweinebild ist Schluss. Bitte würdigen Sie die präzise kommunizierte Erwartungshaltung des Pionierschweins (Mitte).

Drei Schweine, von links nach rechts: Das Dramaschwein mit vorgereckten Kopf, schnüffelnd. In der Mitte das Pionierschwein, die Pfoten aus die Futterschale aufgestützt, erwartungsvoll. Rechts, in einer Weidenrolle, wohlig liegend, der Dicke.

Dieser Winter | Als ich durchs Dorf ging, dachte ich: Dieser Winter ist nicht so schlimm wie die letzten Winter.

Es ist nun schon Mitte Februar, und es scheint, als fehlten diesem Winter die endlosen Tage der Trübnis, das sehnsüchtige Warten auf die ersten Winterlinge, auf die Schneeglöckchen und die Krokusse. Denn ohne, dass ich sie bereits ersehnt habe, sind sie plötzlich da, sogar gleichzeitig: Während am kleinen Sandbach die Schneeglöckchen wie ein Teppich daliegen, bekommen ein paar Meter weiter, im Straßengraben vor der Bahnschranke, schon Krokusse Besuch von Bienen.

Wenn ich sage, dieser Winter sei kürzer als andere Winter, meine ich mit diesem Winter meinen Winter, nicht Ihren Winter und auch nicht den Winter meiner Freunde oder Nachbarn; der mag anders sein. Mein Winter legt eine außerordentliche Geschwindigkeit an den Tag, hat kaum Längen und erstaunlich viele Freuden.

Vielleicht liegt es an den bislang recht umtriebigen Tagen, an den Reisen nach Köln und Karlsruhe, nach Berlin und Niedersachsen – und daran, dass ich zwischen und nach diesen Reisen das Zuhausesein genieße, auch wenn es draußen regnet und der Matsch im Garten steht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es außerordentlich warm ist; daran, dass sich kein kalter, regennasser Wind in die Kleidung drängt, dass er nicht eishagelkalt ins Gesicht prickelt, sondern dass ich zuletzt mit dem Rad in die Stadt fuhr, um Besorgungen zu erledigen, als sei es bereits Mai.


Niedersachsen | A propos Niedersachsen, dort war ich diese Woche – in einem Hotel weitab jedes Bahnhofs. Die schnellste Anfahrt mit dem Zug hätte 4 Stunden 30 gedauert; die letzten dreißig Minuten zu Fuß. Mit dem Auto war ich in eineinhalb Stunden dort, allerdings gestaltete es sich stimmungsvoll. Im Dämmerlicht des niedergehenden Tages führte mich die Navigation über Wirtschaftswege, auf Höfe und vor Weidezäune, während Schneegriesel einsetzte und das Fernlicht des Wagens Hasen jagte. Nach zwei gescheiterten Versuchen, zum Hotel durchzudringen, eine Pferdeweide vor der Motorhaube, schaute ich manuell auf die Karte, suchte mir einen Weg und navigierte selbst. Ich rumpelte über Kopfsteinpflaster an einem Kirchhof vorbei, vorbei an einem Fußballfeld und durch Tannenwald, in dem vergilbte Schilder mir mitteilten, dass ich nun richtig sei, und den Weg zum Hotel wiesen. Ein Reh stand am Wegesrand, ich umfuhr Schlaglöcher. „So beginnen Kriminalromane“, dachte ich. Kurz, nachdem wieder ein Hase den Weg gequert hatte, sah ich Licht durch die Bäume schimmern: das Hotel, die Fenster erleuchtet, auf dem Parkplatz funzelige Laternen. Ich rechnete fest damit, dass am kommenden Morgen einer der Gäste tot sei und es nur einer der übrigen gewesen sein konnte, einschließlich mir selbst. Doch, soweit ich weiß, überlebten alle die Nacht, und es tauchte kein Hercule Poirot auf.


Marktplatz | Der Marktplatz an einem Februarabend. K2, K3 und ich genehmigten uns ein Eis aus der neuen Eisdiele, schleckten es vor der Buchhandlung und betrachteten das Treiben, während wir darauf wartenen, hineingehen zu können. Aber das geht eben nicht mit einem Eis.

Die neue Eisdiele führt nicht nur Vanille und Schokolade, Stracciatella und Nuss, sondern auch Milchschnitteneis, Käsekucheneis und manchmal auch Waldmeister. Die Sorten sind stets andere; das Angebot wandelt sich nach Lust des Betreibers. Waldmeister ist eine Offenbarung; leider gab es die Sorte bislang nur einmal, kurz nach Eröffnung im September – und doch betrete ich die Eisdiele jedesmal in der Hoffnung, dass heute der Tag ist, an dem es wieder Waldmeister gibt.


Gelesen | Rónán Hession: Leonard und Paul, übersetzt von Andrea O’Brien. Es ist die Geschichte von Leonard und Paul, introvertierte Männer mit Beharrungsvermögen im Hotel Mama. Während Leonard immerhin einem Beruf nachgeht – er ist Ghostwriter für Kinderenzyklopädien -, verdingt sich Paul lediglich zwei Tage pro Monat als Aushilfspostbote. Das Buch wird beworben mit dem Worten: „Eine hinreißend charmante Lektüre, die nachdrücklich vor Augen führt, wie bereichernd es sein kann, sich auf den Nebenstraßen des Lebens zu bewegen.“ Auf den ersten Kilometern ist die Geschichte tatsächlich charmant; es macht Freude, Paul und Leonard kennenzulernen. Da allerdings auf den Nebenstraßen des Lebens wenig Verkehr ist, wird es nach der Hälfte der Strecke dramaturgisch dünn.


Familienfeier mit Bingo | Irgendwann später, wenn ich im Seniorenheim Zur Goldenen Abendsonne im Gemeinschaftsraum sitze, werde ich vorbereitet sein – vobrereitet auf Bingo-Abende.

Dann werde ich mein Bingo-Gehirn einschalten: den wohligen Zustand zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen dem aufwühlenden Hoffen auf die letzte passende Zahl, die nötig ist für einen triumphalen „Bingo!“-Ruf, und dem unbeschwerten Fallenlassen in die Situation, die allenfalls drei Gehirnzellen benötigt, um bewältigt zu werden.

Bingo-Karte mit einigen markierten Zahlen

Ich mag solche Aktivitäten, die einerseits kaum Geistesleistung benötigen, andererseits aber doch so viel Aufmerksamkeit fordern, dass ich an nichts andere denken kann. Außer an: N31. B25. G57. Neben Bingo gehört auch Puzzeln dazu; beim Puzzeln werden meine Hirnwellen lange, ruhige Schwünge. Dann denke ich nur Dinge wie: „Ein rotes Teil mit gelber Spitze. Das muss doch irgendwo sein. Ein rotes Teil … ah, da! … Nee, doch nicht.“

Bingo hat zwei Seiten: die des Teilnehmenden und die der Lottofee. Die Älteren von uns erinnern sich noch an Karin Tietze-Ludwig, die Dame mit dem goldenen Haar, die von den Wirtschaftswunderjahren bis zum Ende des Jahrtausends vor einer Maschine stand, die Kugeln rührte und dramatisch langsam ausspuckte – Kugeln, auf denen Zahlen standen, die Karin Tietze-Ludwig dann verlas, samstäglich zwischen sportschau und tagesschau.

Nachdem alle Kinder dran waren, durfte ich auch einmal die Maschine drehen und die Zahlen verlesen. Ich fühlte mich sehr karintietzeludwigig – und gleichzeitig gut vorbereitet für die Goldene Abendsonne.


Schweine | „Dum spiro spero“, sagte einst Cicero: Solange ich atme, hoffe ich. Und so hoffen sie, die Schweine, jeden Tag – auf Gemüse und Erbsenflocken, auf noch eine Erbsenflocke und auf Löwenzahn, der alsbald wieder ihr Lebens verschönern wird.


Gelesen | Letzte Male, erste Male

Gelesen | Müssen Jugendliche besser lesen lernen? – Eine kritische Bemerkung zu einer populären Forderung

Die entscheidende Frage ist, wie ein gutes Leben ohne die Lektüre schriftlicher Texte aussehen kann; wie gute Bildung gestaltet werden kann, wenn Jugendliche zuhause teilweise nicht mehr lesen; wie wir Werte verhandeln können, wenn wichtige Debatten auf audio-visuellen Plattformen stattfinden und nicht mittels gedruckter Texte geführt werden.

Vielleicht müssen also Jugendliche gar nicht mehr oder besser lesen, sondern wir müssen Wege finden, damit umzugehen, dass einige es nicht tun und trotzdem gebildete, gute Menschen sind.

Ich tue mich schwer mit dem Gedanken, dass es eine Welt ohne das gedruckte Wort geben soll: ohne die Bücher mit ihren Geschichten, deren Bilder nicht von anderen gefilmt wurden, sondern im eigenen Kopf entstehen; ohne die Reportagen und Features, die Dossiertexte und Magazingeschichten, die uns einen Blick in die Welt Anderer anbieten, eine Welt, in die wir uns Wort für Wort vortasten – und dadurch nicht nur konsumieren, sondern selbst durchdenken. Außerdem:

Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben ist die Voraussetzung für die Analyse von komplexen Problemen und für einen Strom von Ideen und kritischem Denken. Sie ermöglicht eine sachlich fundierte öffentliche Debatte und eine sinnvolle kollektive Entscheidungsfindung. Je besser Individuen im Lesen geschult sind, umso besser können sie öffentliche Angelegenheiten kontrollieren und zu einer wirklich demokratischen Regierung beitragen.

José Moraís vom belgischen Center for Reasearch in Cognition and Neurosciences, in einem Beitrag der Max-Planck-Gesellschaft

Und sonst | Im Garten schlägt das Vogelfutter aus.

Vogelfutterstation vor einer Bretterwand, daneben ein Insektenhotel. Aus dem Futter wachsen grüne Stängel.


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