Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Gestern konnte ich nicht für Sie erzähltippen, denn ich war k.o. und hatte kein Lust. Aber heute gehts.

Kleijtrup – Støvring | Als wir gestern auf unsere Fahrräder stiegen, hatte sich gerade der Nebel über dem See gelichtet, und der Hausherr des Bed & Breakfast war mit vier Fischen die Wiese hinaufgestapft.

Wir fuhren zunächst zum Wikingermuseum Fyrkat. Oder besser gesagt: Wir schoben. Denn Komoot führte uns schon bald von der Landstraße weg auf Kies- und Schotterwege. Auf dem Bild sieht es ganz okay aus. Mit Gepäck und ohne Mountainbike-Bereifung sinkt man aber so tief ein, dass ein Fahren nicht möglich ist – zumal bergauf.

Nach dem Schotter kam dann ein Waldweg mit Sandlöchern. Dort war es nicht besser.

Schiebend, drückend und ziehend erreichten wir das Wikingermuseum Fyrkat im Hobro. Fyrkat ist eine Burganlage mit Wall. Sie entstand in der Zeit Harald Blauzahns im zehnten Jahrhundert. Man kann die Wallanlage besichtigen, ein nachgebautes Wikingerhaus und ein Dorf. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind wie Wikinger gekleidet. Manch einer fährt auf einem Aufsitzrasenmäher herum.

Die Wikinger hatten es gemütlich. Aber ich denke schon, dass es etwas fußkalt war. Auch scheinen mir die Sitten recht robust gewesen zu sein.

Kurz hinter dem Wikingermuseum erreichten wir die Ortschaft Hobro. Sie liegt am Mariagerfjord. Wenn man sein 25 Kilo schweres Fahrrad eine steile Wiese hinauf schiebt, in mehreren Viehgattern stecken bleibt, aber trotzdem tapfer ist, hat man danach eine schöne Aussicht auf den Fjord.

Falls Sie im letzten Satz eine dezente passiv-aggressive Grundstimmung wahrnehmen, haben Sie vollkommen recht.

Wir verließen Hobro über holprige Wald- und Schotterwege und dann …

„Was kam danach?“, frage ich den Reiseleiter. Er denkt eine Weile nach. Dann sagt er: „Danach kam nix.“

Das beschreibt es außerordentlich gut. Hügelauf nd hügelab radelten wir über Landstraßen. Bestimmt kam zwischendurch ein Dorf. Ich erinnere mich aber nicht mehr. Das einzige, was ich erinnere ist, dass ich keine Kraft hatte: nicht in den Beinen, nicht in den Armen und nicht im Herzen.

Irgendwann sagte der Reiseleiter: „Gleich kommt ein See, da machen wir Pause.“ Ich fragte ihn mit schwachem Stimmchen, wie weit es noch bis zu dem See sei. Er antwortete: „Noch vier Kilometer oder so.“

Es waren noch dreiundzwanzig.

Die letzten drei mussten wir wieder schieben. Diesmal hatten wir jedoch Gesellschaft: Eine Armee von Mücken fraß uns dabei auf. Als rotbeulige, verschwitzte Gestalten erreichten wir den Store Økssø.

Immerhin: Man konnte dort wunderbar schwimmen.

Bis zum Ziel in Støvring waren es dann noch fünfzehn Kilometer. Wieder mussten wir das letzte Stück schieben. Wir waren noch nie so froh anzukommen wie an diesem Abend. Als wir den Hof betraten, ging sofort die Sonne auf, denn unsere B&B-Gastgeberin Inge-Grethe war eine warmherzige Frau. Die Hofkatze mochte uns auch sofort, und der Reiseleiter kochte Nudeln mit Soße.

Die Etappe in Zahlen:


Støvring – Dybvad | Der heutige Morgen sah aus wie im Wilden Westen:

Wir brannten unsere Mückenstiche mit einem Bite-away-Stift nieder, frühstückten und setzten uns auf die Fahrräder. Es war direkt ein anderes Gefühl als gestern.

Nach rund einer Stunde erreichten wir Aalborg.

In Aalborg lernte ich, dass die Nordspitze Dänemarks eine Insel ist und Vendsyssel-Thy heißt. Der Limfjord trennt sie von der jütländischen Halbinsel. In Aalborg überquert man ihn.

Hinter Aalborg konnten wir richtig Gas geben. Die Strecke war gerade wie ein Strich und ohne jede Steigung. Denn wir hatten vom Vortag gelernt, unsere Strecke noch einmal umgeplant und die Kategorie „unbefestigte Wege“ aus der Streckenführung in Komoot eliminiert.

Im Ort Hjellerup machten wir eine Pause. Kirchen mit Friedhöfen, haben wir festgestellt, eignen sich hervorragend für Pausen. Auf ihnen stehen nämlich fast immer Bänke, oftmals auch Picknickbänke, und es gibt immer eine Toilette. Die Friedhofstoilette in Hjellerup war sogar dekoriert.

Als wir gerade wieder aufbrechen wollten, fuhr der örtliche Bestatter rückwärts vors Tor. Er müsse eben mal einen Sarg ausladen, sagte er entschuldigend zu uns, als sei dies eine entschuldigungswürdige Angelegenheit auf einem Friedhof. Nachdem er den Sarg in die Kapelle gebracht hatte, fragte er, woher wir kämen. Aus Deutschland, antwortete der Reiseleiter. Der Bestatter deutete auf den Stern an seinem Bestatterkombi und sagte: „Mein Auto kommt auch aus Deutschland.“ Und das, fuhr er fort, obwohl deutsche und dänische Särge unterschiedlich seien. Deutsche Särge hätten Füße, dänische nicht. „Es passt aber trotzdem.“

Wir verabschiedeten uns und fuhren die letzten Kilometer nach Dybvad. Hier wohnen wir in einer Kate hinter einem Landhaus.

Morgen geht es auf die letzten Etappe nach Skagen.

Danhostel Sillkeborg | Der Tag begann mit einem innigen Dänemark-Gefühl: Ich fühlte mich wie Gorm der Alte. Der Gedanke, heute 77 Kilometer Fahrrad zu fahren, war völlig absurd. Ich schaffte es irgendwie aus dem Bett und in den Frühstücksraum des Danhostel. Beim Anblick des Buffets ging’s mir schon besser.

Danach: Tasche packen und aufs Rad. Tschüss Silkeborg!


Silkeborg – Klejtrup | Die Strecke begann mit einem saftigen Anstieg, wie soll es auch anders sein. Danach wellte sich die Landschaft aber nur noch.

Die ersten 35 Kilometer traten wir locker runter und picknickten mit Blick auf den Hald Sø. Am Haldsee gibt es auch die Ruinen einer alten Bischofsburg. In ihr wohnen jetzt Schwalben.

Dann wieder aufs Rad, radeln, radeln, radeln. Dass es nicht mehr ganz so bergig, sondern nur noch hügelig ist, wird dadurch ausgeglichen, dass wir jetzt Wind von vorne haben.

Der nächste Halt: Viborg. Wir waren eis- und gebäckbedürftig. In Viborgs Innenstadt hingen Blumenbälle in den Straßen. Es gab Sand, Minigolf und Lounge-Sessel, Schmetterlingsflieder und offene Jurten.

Es ist alles sehr hübsch hier. Die Städte, die Bauernhöfe, das ganze Land. Ich habe den Eindruck, dass sich alle Mühe geben, es sich schön zu machen.

In Viborg sagte der Reiseleiter den magischen Satz: „Ich habe eine schöne Alternativroute gefunden.“ Der Satz hätte mich stutzig machen sollen, denn er sagte ihn schon einmal – damals in Cuxhaven. Seinerzeit endete es so, dass wir unsere Fahrräder zwei Kilometer weit über einen Trampelpfad durch tiefen Sand schoben, während uns Pferdebremsen verspeisten.

Ich war jedoch gerade in ein Milchhörnchen mit Schokoguss vertieft. Deshalb nahm ich den Satz nicht genau wahr. Wir bogen also bei Kilometer 58, kurz hinter Viborg, von unserer geplanten Route ab, und nun ja, was soll ich sagen: Die Stimmung war danach nicht so gut. Es gibt hier nämlich außerordentlich schwergängige Schotterwege, die zu allem Übel auch immer bergauf führen.

Während ich dies schreibe, fragt mich der Reiseleiter, ob ich blogge. Ich antworte ihm, dass ich gerade die Geschichte der schönen Alternativroute aufschreibe. „Dann musst du aber auch erzählen“, sagt er, „dass wir durch eine sehr schöne Gärtnerei kamen. Und durch Obstwiesen.“

Halten wir fest: Es gab auf der Alternativroute ein paar Blumen und Obstbäume. Glücklicherweise fuhr mir just in dem Moment, als ich hinter der Gärtnerei in einem Sandloch verendete, das Schokohörnchen ins Blut, so dass meine Stimmung entgegen der Umstände deutlich stieg. Im gleichen Moment schlingerte jedoch der Reiseleiter im Kies und war seinerseits missgelaunt.

Am Ende erreichten wir sowohl das Ende der Schotterwege als auch das Ziel: Nach 81 Kilometern kamen wir in Klejtrup an – gut gelaunt, denn die Unterkunft ist wunderbar.

“Hast du mich lobend erwähnt?“, fragt der Reiseleiter. – „Ich habe geschrieben, dass du eine sehr schöne Unterkunft ausgesucht hast.“ – „Gut.“


Bemerknisse | Mich beschleicht das Gefühl, dass Kinder hier einen sehr hohen Stellenwert haben. Die Schulen und Schulhöfe, die Spielplätze und Freizeitstätten, an denen wir vorbeiradeln, sind toll ausgestattet, fantasievoll und mit Hingabe. Ich habe noch kein einziges heruntergekommenes Klettergerüst, keine Schule mit bröckelnder Fassade und keinen Sportplatz mit einem Acker von Rasen gesehen.

Zudem ist offenkundig, dass auch Radfahren eine andere Aufmerksamkeit bekommt als in Deutschland. Nicht nur, dass Dänemark voll ist von Fahrradwegen. Die Radwege lassen sich auch befahren. Sie enden nicht plötzlich irgendwo. Sie sind entweder gut markiert oder von der Fahrbahn getrennt. Hinzu kommen die kleinen Dinge:

  • Die Dänen haben überall, wo Fahrradfahrer:innen einen Bürgersteig hinauf oder hinab müssen, kleine Rampen aus Bitumen hingegossen. Zum Beispiel, wenn man aus einer kleinen Straße links auf eine große Straße abbiegt, und der Radweg auf den Bürgersteig geführt wird. Es ist einfach gegenüber jeder kleinen Einmündung eine Rampe an den Bürgersteig betoniert, so dass man ohne anzuhalten, ohne das Rad hochzuheben und ohne einen Stunt weiterfahren kann.
  • In verkehrsberuhigten Zonen, in denen Fahrbahnschwellen den Autoverkehr verlangsamen, stehen neben den Schwellen Blumenkübel. Rechts davon wird der Fahrradweg geführt, das heißt: Fahrradfahrer müssen nicht über die Huppel fahren, sondern können einfach geradeaus durchfahren, ohne dass ihnen eine Schwelle die Lendenwirbel zerschlägt.
  • Die Fahrradwege neben den Landstraßen sind beleuchtet – auf Höhe der Räder. So dass man die Fahrbahnunebenheiten, Äste und kreuzende Igel sieht. Fantastisch.

Feierabend | Wir sitzen jetzt noch ein bisschen hier herum.

Bahn | Wer mit der Deutschen Bahn und einem Fahrrad irgendwohin fahren möchte, zum Beispiel nach Dänemark, muss das wirklich wollen. Internationale Fahrradtickets kann man nämlich nur in einem Reisezentrum der Deutschen Bahn, also zu Fuß und offline, oder telefonisch kaufen. Gut, dachte sich die Reiseleitung, dann rufe ich halt dort an. Nach 45 Minuten Warteschleife erhielt sie im Juli, sechs Wochen vor Reiseantritt, die Auskunft, dass es für Ende August noch kein Kontingent für Fahrkarten nach Dänemark gebe. Also rief die Reiseleitung einige Wochen später noch einmal an. Nach nur 30 Minuten Warteschleife die freudige Kunde: Es gibt buchbare Fahrradtickets nach Dänemark. Juchee. Wir erhielten zwei Fahrradtickets nach Kolding. Die Menschentickets buchten wir online.

Man könnte meinen, dann war alles gut. Allerdings kann die Bahn die Fahrradtickets nicht auf ihre Bahn-App und auch nicht per E-Mail schicken, auch nicht mit der gelben Post. Denn es ist so: Kauft man ein Fahrradtickets ins Ausland, kann man es nur an einem DB-Automaten ausdrucken.

Die Identifizierung sollte mit der BahnCard der Reiseleitung erfolgen. Man könnte meinen, das sei einfach zu lösen. Die Reiseleitung dachte: „Gehe ich halt zum nächsten Bahnhof, tippe auf dem Automaten herum, und dann kommt das Fahrradticket heraus.“ Tatsächlich aber gibt es gar nicht an jedem Bahnhof einen Automaten der Deutschen Bahn. In Haltern, dem Wohnort der Reiseleitung, gibt es zum Beispiel nur Automaten des Verkehrsverbundes. Die Automaten des Verkehrsverbundes verkaufen zwar Fahrkarten für die Deutsche Bahn, sie drucken aber keine vorbestellten Fahrkarten aus.

„Na gut“, dachte sich die Reiseleitung. Sie war zu dem Zeitpunkt schon ein wenig nervlich angespannt. „Fahre ich halt zum nächsten größeren Bahnhof.“ Dort gab es tatsächlich einen DB-Automaten. DB-Automaten sind jedoch eigen. Sie lesen zwar gerne Bahncards, aber nicht von jedem. Die von der Reiseleitung zum Beispiel nicht.

„Macht ja nichts“, dachte sich die Reiseleitung. Man kann sich ja auch mit der Auftragsnummer identifizieren. Blick in die Buchungsbestätigung: Kundennummer, Reisedatum, Verbindung, Preis. Jedoch keine Auftragsnummer. Nach nur 30 Minuten in der Warteschleife der Deutschen Bahn – es war inzwischen der Abend vor der Abreise, 22 Uhr – erhielt die Reiseleitung die Auftragsnummer. Mit ihr bekamen mir am nächsten Morgen, 20 Minuten vor Abreise, die Tickets am DB-Automaten am Dortmunder Hauptbahnhof.

Nur schade, dass sie während der gesamten Fahrt nach Kolding niemand sehen wollte.

Wir haben sie trotzdem jedem Zugbegleiter gezeigt, der nicht danach gefragt hat – mit Inbrunst.


Etappe Eins | In Kolding angekommen – dramatische Umsteigeszenen wegen 30 Minuten Verspätung in Hamburg erspare ich Ihnen – setzten wir uns aufs Rad und fuhren 40 Kilometer bis nach Vejle.

Schon auf den ersten zehn Kilometer stellte ich fest, dass Dänemark erstaunlich hügelig ist. „Stark reliefierte glaziale Grundmoränenlandschaft“, dozierte die geografisch studierte Reiseleitung bei einem der Anstiege. „Mmmh“, antwortete ich leicht kurzatmig.

In Vejle angekommen, machten wir einen Abstecher zum Hafen. Dort steht ein wellenartiger Wohnkomplex: 115 Luxusappartments, die zwischen drei und 13 Millionen dänische Kronen kosten, also zwischen 500.000 und zwei Millionen Euro. Die größte Wohnung hat 250 Quadratmeter.

Der Komplex hat diverse Preise gewonnen. Wir schauten ihn uns von unten an. Solch prekäre Wohnverhältnisse kenne ich ja vom Dortmunder Phoenixsee nur in eckig.

Wir verlegten ins Studentenviertel, belohnten uns mit Pizza und fielen danach in unserem Danhostel müde ins Bett.


Etappe Zwei | Heute fuhren wir 63 Kilometer von Vejle nach Silkeborg. Auf den 63 Kilometern überwanden wir 630 Höhenmeter. Das ist f*cking Alpe d‘Huez hier.

Die Dänen wissen das und haben vor längeren und steileren Steigungen freundliche Motivationsschildchen an den Wegesrand gestellt. „Schau her, nur eineinhalb Kilometer und 15 Prozent Steigung! Und wenn du oben bist, loben wir dich!“

Tatsächlich ist es ganz hilfreich zu wissen, wie lange man durchhalten muss.

Die erste Station der Route war Jelling. In Jelling gibt es Wikingermonumente, das erste Unesco-Weltkulturerbe Dänemarks. In Jelling wohnten Gorm der Alte und sein Sohn Harald Blauzahn. Nach Harald Blauzahn ist die Bluetooth-Schnittstelle benannt; er hat sie aber nicht erfunden. In Jelling wurde auch das erste Mal das Wort „Dänemark“ auf einem Runenstein gefunden. Er ist vor der Kirche ausgestellt.

Nach Jelling trafen wir auf den Haervejen, den Heerweg oder auch Ochsenweg genannt. Er durchzieht große Teile Jütlands, geht von Viborg bis Vedel in Schlewsig-Holstein und war über lange Zeit sowohl Handelsweg als auch Marschroute von Armeen.

Am Heerweg liegt auch die höchste Kirche Dänemarks auf sage und schreibe 124 Metern. Dort machten wir Rast.

124 Meter klingt nicht viel. Aber bevor man auf dem hohen Gipfel ankommt, muss man viele, viele Male von zehn Meter auf achtzig Meter, zurück auf sechzig Meter, hoch auf 120 Meter, wieder runter auf 40 Meter, hoch auf neunzig Meter, bis einem die Oberschenkel brennen.

So ging es eigentlich die ganze Zeit – bis auf die Momente, in denen wir uns ausruhten.

Silkeborg wird vom längsten Fluss Dänemarks durchflossen: der Gudenå. Es gibt eine alte Papierfabrik, die zu einem hippen Wohn- und Ausgehviertel umgebaut wurde. Und es gibt Sonntagsabends nichts zu essen: Alle Restaurants hatten entweder geschlossen oder nur bis 20 Uhr auf – abgesehen von denen in der Papierfabrik, für die wir aber einen Kredit hätten aufnehmen müssen.

Zum Glück haben die Supermärkte hier großzügige Öffnungszeiten. Die Reiseleitung servierte im Hostel Falafel-Pesto-Salat an Rotwein. Wir dinierten mückenumschwirrt.

Morgen geht es weiter bis nach Klejtrup: 77 Kilometer.

Urlaub | Letzte Urlaubsvorbereitungen. Dann fahre ich mit der Reiseleitung und dem Zug nach Kolding und von dort aus mit dem Fahrrad nach Skagen, in sechs Etappen. Die Taschen sind gepackt, die Kette ist geölt.

Meine bewährte 5er-Gepäckregel – fünf Kleidungsstücke für obenrum, fünf für untenrum, fünfmal Unterwäsche und fünf Sonderkleidungsstücke wie Badenzug, Kleid, Wanderweste – habe ich reduziert auf zwei Radhosen, zwei lange Hosen, drei T-Shirts und einen Pulli. So passt es mit dem Gepäck am Fahrrad, und es bleibt noch Platz für Proviant und Souveniers.

Im Zuge meiner Fahrradsozialisierung habe ich mir einige Kleidungsstücke angeschafft. So besitze ich jetzt eine Radhose mit Polster und einem Borat-Badenzug-ähnlichen Design, außerdem einen Poncho, in dem ich direkt in die Sesamstraße durchmarschieren kann – als Bibo, der große gelbe Vogel. Gut, dass ich inzwischen charakterfest und über allem Styling erhaben bin.

Wir fahren den Ochsenweg, den Hærvejen, am Ankunftstag 40 Kilometer, an den anderen Tagen zwischen 60 und 80. Ich bin gespannt, was mich erwartet.


Broterwerb | Vor dem Urlaub ist besonders viel Arbeit. Alles will erledigt sein; die Woche, die ich weg bin, muss ich vorarbeiten. Es war allerdings einigermaßen entspannt, ich hatte nie mehr als vier Termine oder Videokonferenzen am Tag und konnte deshalb eine Menge wegarbeiten: Folien für einen Kunden, Texte für interne und externe Kommunikation, eine agile Retrospktive, Vorbereitungen für einen Workshop.

Ich habe außerdem einen Newsletter geschrieben. Das habe ich in den vergangenen Monaten schleifen lassen. Er geht nächste Woche raus. Es wird um Souveränität und Klarheit gehen.


Marmeladenbusiness | Vatta war nochmal in den Brombeeren, und ich habe weitere Gläser Marmelade eingekocht. Sollten meine Geschäfte irgendwann nicht mehr laufen, kann ich ins Marmeladenbusiness umsteigen.

Bestimmt lässt sich das irgendwie mit Waffeln kombinieren.


Angeguckt | Weil er nicht bei der Beerdigung seiner Tante dabei sein konnte, hat ein australischer Schafbauer ihr ein riesiges Herz aus Schafen geschickt:

“The first time I tried it looked like the shit emoji, I tell you, and whilst my Aunty Deb had a good sense of humour, that wasn’t exactly what I was going for,” he said.

A love heart made out of sheep: Australian farmer pays tribute to his aunt

Gelesen | Clownesker Konservatismus

Angeguckt | Our World in Data: Environmental impacts of food production

Landfrauenorden | Zunächst zu den relevanten Ereignissen: Ich habe nochmal unzählige Gläser Marmelade eingekocht. Nachdem ich jüngst im Alter von 43 Jahren festgestellt habe, wie einfach es ist, Marmelade einzukochen, bin ich in eine Marmeladeneinkochwut hineingewachsen. Brombeeren, Himbeeren, Heidelbeeren, Reste von Erdbeeren und Johannisbeeren – ich kann mich nun bis ins Frühjahr 2023 von Marmelade ernähren.

Nur Pflaumen koche ich nicht ein. Pflaumen habe ich zu Kuchen verarbeitet, nach bewährtem Rezept.


Mentaltraining | Noch eine Woche arbeiten, dann fahre ich mit dem Fahrrad durch Dänemark, von Kolding bis hoch nach Skagen. Ich befinde mich in der mentalen Vorbereitung auf Wind, Regen, Leiden und natürlich Zimtschnecken.

Am Wochenende fuhr ich 55 Kilometer über die sieben Berge in die Heimat und wieder zurück. Danach taten mir die Beine weh. Es ging doch gehörig auf und ab.


Aber die Leute auf dem Land! | Bei Vorschlägen, die im Kontext Klimawandel und Verkehrswende vorgetragen werden, höre ich stets: „Aber die Leute auf dem Land!“ Denen könne man nicht das Autofahren verbieten. Überhaupt: Wenn eine Lastenradprämie nicht auch dem 90-jährigen, einbeinigen Karwendelbauern und seiner schulpflichtigen Enkelin vom Eselhof hinter der Höllentalklamm nützt, ist sie elitärer, akademischer Mist!

Heute las ich: 77 Prozent der Menschen in Deutschland leben in Städten oder Ballungsräumen. Nur 15 Prozent der Menschen leben in Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Klar – die Klein- und Mittelstädte sind unterschiedlich, darunter sind sicherlich auch Flächenstädtchen mit vielen eingemeindeten Ortschaften. Ich gewinne jedoch den Eindruck, dass der Verweis auf die Landbevölkerung, die über Wirtschaftswege 30 Kilometer bis zum nächsten Supermarkt fahren muss, in Anbetracht der klimatischen Herausforderungen nicht gegen jedes Argument pro Radwege-Ausbau und Lastenradförderung immun ist.


Binnenwanderung | In dem Kontext gefunden: Eine Karte zeigt das Wachsen und Schrumpfen der Städte und Landkreise in Deutschland.


#dieaktuelleSituation | Inzidenz in Dortmund: 142,8. Ich habe keine Meinung dazu. Einerseits: Die Mehrheit der Menschen ist geimpft. Andererseits: Ein großer Teil nicht – weil zu jung oder zu krank. Die Gleichung „ungeimpft = Corona-Leugner“ geht (noch) nicht auf.

Aber was tun? Ich habe keine Ahnung. Die Strategie „Alles normal, unsere Kinder werden ohnehin nicht schwer krank“, scheint mir arg kurzsichtig. Und: Wenn viele, die nicht geimpft sind, im Herbst und Winter erkranken, wird die Situation wieder sehr schwierig, selbst wenn anteilig weniger Menschen auf die Intensivstationen müssen. Es sind dann immer noch zu viele – mit allen Konsequenzen für Elektiv-Operationen, die abgesagt werden, und weiteren Wegen für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Das medizinische Personal ist ohnehin am Ende seiner Kräfte.

Aber wieder die Schulen schließen, bis auch die Kinder durchgeimpft sind? Das hält doch niemand mehr aus, Eltern nicht, Kinder nicht, Lehrer:innen nicht. Vor allem: In Anbetracht des Nichtstuns, der weiterhin fehlenden Luftfilter, der Konzeptlosigkeit und Realitätsleugnung der Länder und Schulbehörden, der fehlenden Unterstützung für Eltern macht diese Idee unsagbar wütend. Und in der Gastronomie, in Hotels und Sporthallen: Wieder die Innenräume schließen? Was ich weiß, ist: Ich möchte das Virus nicht haben, auch nicht doppelt geimpft.

Schwierig. Corona, Klimawandel – alles.


Ladies‘ Circle | Am Wochenende trafen wir uns vom Dortmunder Ladies‘ Circle zur Amtsübergabe. Die Präsidentschaft in unserem Service-Club wechselt jedes Jahr. Wir machen dann immer eine kleine Feier, meist ein Frühstück, die Amtskette wird übergeben, es gibt ein paar festliche Worte, wir essen und reden.

Diesmal war es besonders, weil wir uns seit fast einem Jahr nicht gesehen haben. Natürlich haben wir uns online getroffen. Aber da war wenig Raum für Persönliches. Ich habe die Gespräche sehr genossen.

Save the date: Am 13. November lese ich abends für einen guten Zweck aus Die Frau, die den Himmel eroberte – eine hybride Veranstaltung. Sie findet in Dortmund und im Internet statt. Mehr, sobald mehr feststeht.


Geguckt | Mare of Easttown. Gute Serie. Spannend, starke Besetzung, schmerzhafte Gesellschaftsstudie.

Fünfzehn Grad | Ein herbstlicher Atem wehte heute durch den Morgen. Der Regen prasselte. Die Anemonen senkten die Köpfe. Kälte kroch feucht durch die geöffnete Terrassentür in die Küche.

Üppiger Garten im Regen

Die Frau, die den Himmel eroberte | Noch 25 Tage bis Käte.


</Sommerferien> | Heute erster Schultag nach den Sommerferien. Die Inzidenz in Dortmund: 89,1. Bevor die beliebte Schule-auf-Schule-zu-Wechselunterrichtsdebatte beginnen kann, beendet das Schulministerium sie. Aus der aktuellen Schulmail des Landes NRW:

Mit einer Neufassung der Coronabetreuungsverordnung wurde nunmehr geregelt, dass der Präsenzunterricht inzidenzunabhängig gewährleistet wird. Damit ist der Schulbetrieb in Präsenz nicht mehr an bestimmte Inzidenzwerte gebunden.

Schulmail des Ministeriums für Bildung und Schule des Landes NRW vom 17. August 2021

Weiter heißt es:

Dies ist vor allem durch die vielfältigen, bewährten Schutzmaßnahmen wie Testungen, Maskenpflicht, Lüften […] verantwortungsvoll möglich.

Schulmail des Ministeriums für Bildung und Schule des Landes NRW vom 17. August 2021

Dann ist ja alles in Butter.


Alles anders herum | Der Penny-Supermarkt im Kiez hat renoviert. Eine Woche war er geschlossen. Nun ist alles anders herum. Der Eingang ist jetzt der Ausgang, die Kassen sind das Gemüse, nirgendwo liegt mehr Müll herum, nichts ist achtlos verräumt, statt Kippen gibt es Sushi. Die Anordnung ist sehr Ikea-ig, Konzept Markthalle mit Themeninseln. Die Kundschaft irrt durch die Gänge, erstaunt über Warenwaben und auf der Suche nach Eiern, Shampoo, Streichkäse.

Zwei Irrende treffen sich zum Frontalzusammenstoß, den Einkaufswagen vor dem Bauch. Die Eine murmelt eine Entschuldigung, leise schiebt sie ein „Ich suche …“ hinterher. Aber die Andere ist schon fort. Sie hat das Nicer Dicer Quick Set erblickt, bekannt aus Funk und Fernsehen und im Angebot für siebzehn neunundneunzig, das sind minus neunundvierzig Prozent auf die unverbindliche Preisempfehlung. Es gibt kein Halten mehr.

Auch ich fühle mich haltlos, emotional. Der Kopfsalat ist aus. Ich suche die Minzschokolade. Sonst finde ich alles. Sogar wieder hinaus.


A propos Ikea-ig | Gibt es unter den Leserinnen und Lesern Kenner des Produktes Pax, genauer gesagt des Produktes Ånstad-Schiebetüren im Kontext Pax? Wir haben hier nämlich eine Situation. Pax abgebaut, Pax wieder aufgebaut, aber die Schiebetüren sind sehr schwergängig. Die vordere ist zu eng an der hinteren. Man muss sie auseinanderziehen, keinerlei Geschmeidigkeit.

Alle Fehlersuche verlief bislang erfolglos: Oben ist es die richtige Schiene, unten auch (wirklich!), wir haben justiert und geschraubt, haben geschoben, gehoben und gedrückt.

Pax-Schrank von oben, zu sehen die Schiene mit eingehängter Schiebetür

Weiß wer was?


Wissenschaftsshow in Schulen | Die Physikanten bekommen in diesem Jahr noch Förderung für Schulshows – witzig-rasante Naturwissenschaftsshows mit Lehrmaterial. Interessierte Lehrer:innen können sich melden: mehr Infos und Kontakt.


Ernte | Die Zucchini performen. Die Thorstens auch. Sie sind ’ne Bank.

Schüssel mit zwei Zucchni, Tomaten, ein paar Chili

Gelesen | Professorin Herzbruch über Politiksimulation

Fahrradfahrt | Das Training für die Radreise besteht im Wesentlichen daraus, von Dortmund zum Mitreisenden nach Haltern zu fahren. Variante: Wir fahren den halben Weg von Dortmund nach Lünen gemeinsam und trennen uns am Kanal – der Mitreisende fährt weiter nach Haltern und ich wieder heim nach Dortmund.

Am Freitag fuhr ich erstmals mit vollem Gepäck – schwerer wird es in Dänemark auch nicht. Denn ich hatte meine Büroaustattung dabei: ein Laptop, ein Macbook, ein iPad und Zubehörkram. Das nehme ich natürlich nicht mit nach Dänemark. Aber die Klamotten werden kaum schwerer sein.

Panoramaaufnahme : Feld, ein bisschen Wald, zwei Windräder, Sonnenuntergang

Der Knuffelkontakt hat die Strecke maximal optimiert: Nur in Dortmund führt sie noch über ein paar größere Straßen, sonst am Kanal entlang und durch Felder, vorbei an hübschen Bauernhöfen, bis ich die Windräder passiere, noch ein paar Kilometer durch Wald fahre und dann nach Hullern komme.


Aufm Dorf | A propos Hullern: 2.300 Einwohner, eine Kirche, ein Bäcker, ein Dorfladen, eine Pizzabude. Und: eine Streuobstwiese für alle. Dort kann man zwar noch keine Äpfel pflücken (noch nicht reif), aber Brombeeren finden.

Wenn man neben der Kirche wohnt, eine Dachterrasse hat und auf der Dachterrasse ein Draußensofa, kann man auf ebendiesem Sofa liegen und auf alles hinabschauen, was vor der Kirche passiert. Und es passiert Einiges! Am Samstag und am Sonntag kommt nach und nach jeder vorbei, der durch Hullern will. Der Weg zum Bäcker, zum Dorfladen und, natürlich!, zur Kirche führt vor der Haustüre lang. Fußballmannschaften wollen zum Sportplatz. Radreisende queren das Dorf. Trecker biegen ein, Planwagen hinter sich herziehend, darauf Partyvolk.

Wenn niemand kommt, kann man den Blick auch auf die Kirche oder den Himmel richten.

Es ist wie aufs Meer gucken, nur ohne Meer.


#DieaktuelleSituation | Inzidenz in Dortmund 71,7. Am Mittwoch beginnt die Schule wieder.


Seminarangebot | Für 2022 haben sich die ersten Seminare ergeben – und auch in 2021 biete ich noch etwas an. Schauen Sie mal drüben nach.

Die Anmeldung für das Webinar „Selbstbehauptung und Umgang mit Stress“ findet sich inzwischen auch dort. Das Webinar hat den Titel bekommen: Wenn die Nerven blank liegen – Wege zu mehr Gelassenheit.


Gelesen | Eine afghanische Studentin schreibt im englischen Guardian über die Welt, die sie erwartet: Now I have to burn everything I achieved | Gesundheitsversorgung in Deutschland: Diagnose Gewinnsucht | Katrin Rönicke: Mein Leben mit LongCovid

Hinweise zur Bundestagswahl | Es wurde hier mal angeregt, ich solle doh bitte nicht nur Texte verlinken, die nahelegen, wen man nicht wählen möchte, sondern auch Quellen, die Hinweise geben, wen man wählen könnte. Voilà – direkt aus dem Bundestag, Fettungen von mir:

Antrag zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte abgelehnt

Der Bundestag hat am Mittwoch, 23. Juni 2021, nach halbstündiger Aussprache einen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen abgelehnt, in dem die Fraktion gefordert hatte, ein Gruppenverfahren zur „großzügigen Aufnahme afghanischer Ortskräfte einzuführen, die für deutsche Behörden und Organisationen arbeiten oder gearbeitet haben“ (19/9274). Die Koalitionsfraktionen und die AfD lehnten den Antrag ab, die Linksfraktion stimmte mit den Grünen dafür, die FDP enthielt sich. Dazu lag eine Beschlussempfehlung des Innenausschusses vor (19/28962)

Deutscher Bundestag

Mein Ex-Mann war zweimal in Afghanistan. Wir haben zwei Auslandseinsätze mitgemacht. Es ist unglaublich erschütternd, die Entwicklung zu verfolgen – und besonders, das Schicksal der Ortskräfte mit anzusehen, die ihn und die Bundeswehr unterstützt haben. Ich schäme mich, dass wir sie alleine lassen.

Die Frau, die den Himmel eroberte | Noch ein Monat und ein Tag, bis Käte erscheint. Ich bin sehr vorfreudig auf meinen ersten Roman. Und neugierig. Wie wird die Geschichte aussehen, gesetzt und gedruckt? Wie wird sich das Buch anfühlen? Wird der Umschlag schön sein? Wie wird es sich anfühlen, den Karton auszupacken? Es ist übrigens eine Leseprobe online (pdf).

Und: Der erste Lesungstermin steht fest. Am 25. November lese ich in der Stiftsbuchhandlung in Nottuln.


Radeln | Am Wochenende fuhr ich 110 Kilometer Fahrrad. Es wären noch mehr geworden, hätte ich nicht einen Platten gehabt. Das Radfahren hat mir gute Laune gemacht. Der Platten schlechte.

Zunächst zur guten Laune. So langsam bekomme ich ein neues Verhältnis zu Entfernungen und Erhebungen. 40 Kilometer zum Knuffelkontakt nehme ich nicht mehr als große Reise wahr, für die ich mich mental besonders wappnen muss, sondern ich denke: „Wetter ist gut, ich fah‘ mir dem Rad.“ Auch Berge machen mir nicht mehr so viel aus. Klar schnaufe ich. Aber ich trampel sie halt weg. Nach der Steigung kommt die Abfahrt.

Panoramabild von einem abgeernteten Feld, in der Ferne ein Haus, Sonnenblumen. Himmel mit Wolken

Die Waffel im Seepark Lünen bekommt 8 von 10 Punkte. Geschmack sehr gut, Bräunung gut, geringe Abzüge wegen zu starker Knusprigkeit auf Kosten der Fluffigkeit.

Bei der dritten Tour schlingerte plötzlich mein Hinterrad: Platten. Natürlich hatte ich weder Flicken noch Pumpe dabei. Ich bekam galaktisch schlechte Laune, schob mein Rad zwei Kilometer zur nächsten Stadtbahn-Haltestelle (zum Glück war ich schon wieder in Dortmund!) und fuhr mit zweimal Umsteigen, schieben und tragen, U-Bahn und Bus nach Hause, eine Stunde lang. Dort hatte ich erstmal keine Lust auf irgendwas.

Gegen Abend ging’s dann wieder, ich googelte „Fahrrad Hinterrad ausbauen“ und baute das Hinterrad aus.

Fahrrad, auf dem Sattel stehend, Hinterrad ausgebaut

Es stellte sich heraus, dass ich einen schlauchlosen Reifen fahre. Irgendwas Unplattbares. Naja. Eine Beschädigung war nicht zu entdecken, aber die Luft blieb auch nicht drin.

Mein Fahrradladen im Kiez hat Sommerferien, und die Franchise-Kette nahbei nimmt derzeit keine Reparaturen an wegen Überlastung. Meine Laune wurde erneut sehr schlecht. Ich googelte und fand im nächsten Vorort einen Laden für Fahrradzubehör. Keine Website, keine Infos. Ich fuhr hin, zur Straße gegenüber der Moschee. Der Laden: eine Butze, eingequetscht zwischen einem Zoo-Fachgeschäft und „Antje’s Grill- und Pizza-Stube“, sechs Quadratmeter, vollgestopft mit allem. Ich fühlte mich an den Metallwarenladen meiner Kindheit erinnert, eine dunkle Höhle, Kisten bis unter die Decke, der Besitzer im grauen Kittel. Man konnte dort alles kaufen, vor allem alles einzeln, auch die abwegigsten Dübel, Schrauben, Nägel und Werkstücke. Mr. Kittel besah sich das Teil, von dem man ein zweites benötigte, schob seine Leiter an ein Regal, stieg hinauf, griff in eine Kiste, holte genau das heraus, was man brauchte, steckte es in eine Tüte und sagte: „Das macht eine Mark siebzig.“

Zurück zur Fahrradbude. Vor der Tür ein Plastikstuhl. Auf dem Plastikstuhl: der Besitzer. Ohne Kittel.

„Hallo“, sagte ich. „Mein Reifen ist platt.“
„Dat kommt schomma vor.“
„Können Sie den reparieren?“
Brummnicken. „Morgen. Übermorgen. Je nachdem. Mach ich so zwischendurch.“
„Top. Und wenn ich das beim nächsten Mal selbst machen will …“
„Brauchste Reifenheber und so. Leg ich dir raus, für wenn’de wiederkommst.“ Nahm den Reifen und lehnte ihn an den Laden.

Soeben rief er an: „Reifen ist fertig. Kannste abholen. Kost‘ fuffzehn Euro.“ Das wird mein Premium-Fahrradschrauber.


Jahresplanung 2021 | Zurück aus der Sommerpause, plane ich nun konkreter meine Arbeit bis zum Jahresende.

Ich arbeite auf verschiedene Weise mit Kunden zusammen: entweder pauschal oder mit einem Stundenkontingent. Den Pauschalpreis gibt es für Dienstleistungen, die ich punktuell ausführe – zum Beispiel ein Inhouse-Seminar oder ein Workshop. In diesen Angeboten sind alle Kosten drin: Vorbereitung, Nachbereitung, bei Vor-Ort-Veranstaltungen Reisekosten und Materialien, bei Digitalformaten eventuell Plattformkosten, die über das Übliche hinausgehen. Am Ende kostet es genau den Preis, der vorher vereinbart war. Demngegenüber stehen Stundenkontingente. Sie sind für kontinuierliche Arbeit und immer dann sinnvoll, wenn Kundinnen über einen längeren Zeitraum Leistungen abrufen – zum Beispiel bei persönlichen Beratungsstunden. Oder wenn die Aufgaben sich nach und nach ergeben, eine aus der anderen, in einem größeren Projekt oder bei einer organisatorischen Neuausrichtung. In einem meiner aktuellen Aufträge bin ich in der Organisation für zahlreiche Menschen tätig: Geschäftsführung, Führungskräfte, Teams, Mitarbeiter:innen. Meine Aufgaben: Ideen aufgreifen, pilotieren, initiieren, vermitteln und Hemmnisse aus dem Weg räumen, Mut machen, beraten, Fäden zusammenhalten. Das Spannende ist: Es geht über alle Ebenen des Unternehmens, von strategischen Überlegungen gemeinsam mit dem Management bis ins operative Tagesgeschäft. Im Tagesgeschäft probiere ich gemeinsam mit den Mitarbeiter:innen neue Arbeitsweisen aus, und wir übersetzen die Strategie – die in der Theorie ja sehr abstrakt ist -, ins Tun.

Jahresplanung also. Aktuell schaue ich: Wie viele Beauftragungstage sind bis zum Jahresende noch übrig? Ich schaue, wie wir sie am wirksamsten verwenden und mache einen Vorschlag, wie wir meine Arbeitszeit bis zum Jahresende sinnvoll verteilen. So kann ich das restliche Jahr gut planen – mit diesem Kunden und auch mit meinen anderen Kunden. Denn mein Ziel ist es, stets ausreichend Zeit zur Vor- und Nachbereitung zu haben, gute Leistungen zu erbringen und auch noch Luft für Privatleben zu haben.

Seit Jahresanfang bekomme ich zunehmend Neukunden-Anfragen – so viele wie in keinem Jahr zuvor, und sie münden auch vielfach in Aufträgen. Das freut mich sehr! Ich bin jetzt im fünften Jahr selbstständig, seit 2017, und ich habe das Gefühl: 2021 ist das Jahr, in dem richtig Schwung reinkommt. Aufträge aus der Vergangenheit haben zu Empfehlungen geführt, die wiederum zu weiteren Empfehlungen geführt haben. Als ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich gedacht: „Fünf Jahre durchhalten, das wäre cool.“ Ich glaube, ich mache das noch eine Weile länger.


Save the date | Vor einigen Wochen habe ich von einem Seminar berichtet, in dem ich mit den Teilnehmern darüber gesprochen habe, wie sie gut mit Stress umgehen, wie sie sich behaupten und welche Strategien es gibt, um mental gut durch den Job zu kommen: Mission Gelassenheit und Souveränität. Es erreichte mich das Feedback: Das will ich auch! Kannst du das nicht digital als Webinar anbieten?!

Das tue ich nun. Termin: 4. Februar 2022, 10 bis 14 Uhr. Veranstalter wird die Weiterbildungsagentur Pro Content sein. Diese Konstellation hat den Vorteil für Euch, dass es preiswerter wird, als wenn ich selbst als Veranstalterin auftrete. Vorteil für mich: Ich kann die Organisation, Abrechnung und Technikbetreuung abgeben.

Ich sage Bescheid, sobald die Veranstaltung online steht und man sich anmelden kann.


Gelesen | Die Geschichte des Segway (die Älteren erinnern sich): „This Is Going to Change the World”. Ein spannendes Kapitel Wirtschafts- und Mediengeschichte. Lang, aber lohnenswert. | Warum es so schwierig ist, Impfgegner zu überzeugen: Here’s why your efforts to convince anti-vaxxers aren’t working

Angeguckt | So könnten wir dem Klimawandel begegnen:

Bald wieder so richtig | Meine Sommerpause määndert ihrem Ende entgegen. Dann geht die Arbeit wieder los. Also, nicht nur ein bisschen hier und da, sondern so richtig – mit täglichen Terminen, fest im Kundenprojekt und richtig Wumms.

Ich kann gar nicht genau sagen kann, was es alles war, das ich in den vergangenen Tagen gemacht habe. Kommode aufgebaut, nochmal Marmelade eingekocht, ein bisschen Buchhaltung, ein bisschen Kinderferienprogramm, ein Ausflug ins Sauerländische, ein bisschen Hausarbeit, Auto gewaschen, einzelne berufliche Termine zum Eingrooven – was man so tut, wenn man zu Hause ist, noch frei hat, aber sich auch wieder ein bisschen an den Alltag gewöhnt.


Wohnungsverschönerung | Die neue Kommode sieht so aus:

Sie stammt aus einem Onlineshop für baltische Möbel und hat einen estnischen Migrationshintergrund.

Die Kommode ist eines von mehreren Möbelstücken, die im Zuge meiner großen Renovierungsaktion zu mir kommen. Eigentlich brauchte ich ja nur eine neue Matratze. Aber das Projekt uferte etwas aus, und nun habe ich neues Parkett, ein neues Bett, einen neuen Kleiderschrank, (bald) ein neues Arbeitszimmer, (bald) ein neues Regal, eine neue Wohnzimmerkommode und eine grundlegende Funktionsänderung einzelner Wohnungsteile.

Leider sind Arbeitszimmermöbel noch nicht da. Ich hatte gehofft – und eigentlich war es auch avisiert -, dass sie zum Ende meines Urlaubs bereits geliefert und aufgebaut sind. Nun ja.


Serviceblog | Für Sie getestet: die Arbeitswelt-Ausstellung in der Dortmunder DASA, gemeinsam mit den Beutekindern. Zitat K2 nach dem Besuch: „Das war ganz cool da.“

Finde ich auch. Man kann viel ausprobieren: Flugzeuge lotsen, baggern, Lärm machen, Schreibmaschine schreiben, man kann sich mit der Green Screen auf den Mond beamen, kann sich in Entspannungsmöbel legen, Flugwetter machen, Stubenfliegen mikroskopieren und alles mögliche Andere. Überall kann man anfassen, draufkletten, rumdrücken, draufschlagen. Das ist super. Der Eintritt ist aktuell kostenlos, auf der Website steht: „Wegen der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie habt ihr bis zum 30.09.21 freien Eintritt!“ Das ist toll.


Sauerland | In Oberhenneborn, das direkt neben Niederhenneborn liegt, beides Ortsteile der Stadt Schmallenberg, war nix los.

Aber es gab Rührei im Landgasthof, schöne Bauerngärten und viel frische Luft.


Goldener Landfrauenorden | Die Erfahrung, dass Marmelade einkochen ziemlich simpel ist, hat zu einer Einkochwelle geführt. Ich habe nun Johannisbeere, Erdbeere und Erdbeere-Brombeere im Programm.


Be-Poncho-ung | Für die Fahrradreise Ende August (eine Woche durch Jütland, von Kolding bis hoch nach Skagen) habe ich mir einen Regenponcho gekauft – mit Seitenfenster, Hüftgurt und Fronttasche in Kükengelb. Er wird mich gegen ausdauernden Landregen schützen.

In meiner Brust schlagen dabei zwei Herzen: Einerseits möchte ich einigermaßen gegen Widrigkeiten gewappnet sein. Meine Laune wird sonst unterirdisch sein, im strömenden Regen gegen den Wind gen Norden trampelnd, vierzig Kilometer entfernt von der nächsten Zimtschnecke. Andererseits möchte ich mich nicht über-ausstatten. Schließlich unternehme ich keine mehrmonatige Tour über acht Gebirgsketten, sondern fahre lediglich ein paar hundert Kilometer durch Dänemark.


Broterwerb |  In den vergangenen zwei Tagen hatte ich schon wieder einzelne berufliche Termine, Führungskräftebegleitung. Das geht remote sehr gut. Überhaupt hat sich mit Webinaren und Remote-Beratung ein ganz neues Geschäftsfeld aufgetan.

Außerdem habe ich gemeinsam mit Andrea über unser Seminar „Frauen in Führung“ nachgedacht. Wir haben das Programm aufgestellt und den Ablauf der beiden Tage aufgestellt, so dass wir uns gut die Bälle zuspielen. Wir werden mit den Teilnehmerinnen ihr Führungsverständnis reflektieren, werden über männliche und weibliche Stereotypen sprechen und über den Umgang mit Dominanzverhalten, veralteten Vorstellungen und Situationen, die uns lähmen. Dazu habe ich heute auch inhaltlich schon Einiges vorbereitet. Das wird gut. Am zweiten Tag wird es persönlicher: Wir schauen mit den Teilnehmerinnen darauf, was sie (tatsächlich) erreichen möchten. Wir sprechen außerdem über Verantwortungs-Dysfunktionen, über Perfektionismus und  über Methoden der Selbstführung. Ziel ist es, gestärkt aus dem Seminar zu gehen, um auch dem Arbeitsalltag, Kolleginnen, Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeiter:innen gestärkt zu begegnen. 

Alle Teile sind interaktiv. Wir gestalten alles sehr praxisnah, zeigen Muster und auch, mit welchen Mitteln man ihnen begegnet. Ich überlege, ob wir auch Re-Enactment machen sollen – gemeinsam Szenen, die Teilnehmerinnen besonders schwierig empfinden, nachstellen und durchsprechen, um das Handlungsrepertoire zu erweitern. Das können wir auch spontan im Seminar klären – wie es sich für die Teilnehmerinnen gut anfühlt.


Gelesen | Gruner + Jahr – das bittere Ende der Story. Die G+J-Übernahme durch RTL ist inzwischen Realität. | 500.000 Bäume: Madrid will sich mit grüner Stadtmauer umgeben

Gesehen | Kritisch Reisen: Voll, voller, Ostsee – das überrannte Naturparadies

Die Stimmung |  Das Erstaunliche an Clausthal-Zellerfeld ist, dass es sich anfühlt wie Estland.

Die Holzhäuser. Frisch Gestrichenes neben Abblätterndem. Ein Hauch Morbidität. Geschäfte, in denen die Zeit still steht, mit Schriftzügen, wie ich sie zuletzt in meiner Kindheit sah. Gelbe Tannen versprühen die Erinnerung an Laubsägearbeiten. Ein Hauch pittoresker Betulichkeit durchweht die Straßen. Mittendrin ein Friedhof. Es würde nicht verwundern, käme ein Räuchermännchen des Weges, im Vorbeigehen den Hut lupfend. Zugleich: LTE mit fünf Balken, auch im Wald. Die Stadt ist gefüllt mit jungen Menschen aller Hautfarben. Und auf dem Berg eine Hochschule, die für eine nachhaltige Gesellschaft forscht.

Die älteren unter den Leserinnen und Lesern erinnern sich an meine Reisen ins Baltikum, in die Turnhalle nach Tartu/Estland und nach Riga, zur lettischen Bierbrauererei und ins Land der Puddingschnecken. Damals verspürte ich sie auch, diese Dissonanz zwischen Alt und Neu, zwischen museumsgleicher Szenerie, Fortschritt und Technologie.


Das Anliegen | Ich fuhr in den Harz, weil eine Blogleserin die Geschichte meines Fahrradkaufs verfolgt hat und mir daraufhin eine Fahrrad-Ergonomie-Beratung bei Juliane geschenkt hat (Danke!!). Juliane wohnt in Clausthal-Zellerfeld, hat dort die Fahrradschmiede 2.0 und fertigt Fahrräder auf Maß. Vielleicht kennt jemand das mitwachsene Kinderfahrrad Skippy – das hat Juliane erfunden. Außerdem fertigt sie Fahrräder für kleinwüchsige Menschen, verkauft Brompton-Klappräder und hat das Klapp-Liegefahrrad erfunden (mehr in diesem Beitrag). Überdies macht sie eben Ergonomie-Beratung (Julianes Buch dazu und die Sicht eines Physio-Therapeuten), um Menschen wie mir zu sagen, was sie an ihrem Fahrrad anders und besser machen können.

Ich fuhr also zur Fahrradschmiede 2.0, einer ehemaligen Tankstelle, in der Juliane nun ihr Ladengeschäft und ihre Werkstatt hat.

Fahrrad vor der Fahrradschmiede

Juliane schickte mich zuerst auf die Straße, ließ mich mit meinem Fahrrad auf und ab fahren, schaute mich dabei an und sagte: „Dass der Sattel viel zu niedrig ist, weißte, ne?“ Dann stellt sie den Sattel beherzte 15 Zentimeter höher. Dann fuhr ich nochmal. Und nochmal. Dann baute sie das Rad um.

Während sie baute, erklärte sie mir, wie Menschen auf Fahrrädern sitzen. Sie holte ein Modell des menschlichen Beckens und der Wirbelsäule, setzte beides auf einen Sattel, kippte es und bog es, bis das Becken fast lag, aber eben nur fast, und sagte: „So.“ Ich fragte: „Und wenn die Sattelspitze höher ist?“. Sie drückte die Spitze des Sattels gegen das Beckenmodells, machte ein schmerzverzerrtes Gesicht und antwortete: „Dann ist da die Klitoris.“ Sie erzählte, warum Sättel nicht nur nach vorne geneigt sein sollten, sondern auch nicht zu breit sein dürfen und Fahrräder heutzutage zu kurz sind – und dass viel mehr Menschen viel mehr Fahrrad fahren würden, wenn sie richtig darauf säßen.


Das umgebaute Rad | Wenn man mein Fahrrad nun betrachtet, nach seinem Umbau, sieht es sehr unbequem aus. Schmaler, spitzer Sattel, deutlich nach vorne geneigt, vorne ein Vorbau für mehr Länge und geschwungener Lenker für mehr Höhe.

Fahrrad vor Okersee, der Sattel ist hoch eingestellt. Auf dem Gepäckträger eine Fahrradtasche.

Aber es hat alles seine Richtigkeit: Durch den nach vorne geneigten Sattel kippt auch das Becken nach vorne. Der Rücken ist nicht mehr rund, sondern wird gerade, die Lendenwirbel werden entlastet. Man könnte nun denken, man rutsche beim Fahren vom Sattel. Das ist aber nur der Fall, wenn er zu breit ist. Dann stößt man sich bei jedem Tritt mit der Rückseite seines Oberschenkels von der Sitzfläche ab. Ist die Sitzfläche schmal, passiert das nicht.


Die Testfahrt | Juliane teilte eine Komoot-Tour mit mir: von Clausthal aus hinab zur Okertalsperre, einer alten Trasse folgend, einmal um den See herum und durch Wald wieder hinauf.

Panoramaaufnahme: Fahrrad auf dem Weg um den Okersee
Straße, vor Kopf ein graues, ehrwürdiges Holzgebäude, rechts eine weniger prunkvolle, aber gepflegte Häuserreihe in weiß-rot

Die Fahrt hinab war eine Freude, und doch konnte ich sie nur bedingt genießen. Ich musste ja alles auch wieder hinauf, schon sehr bald sogar – ein Gedanke, der quälend die Begeisterung trübte. Um den See herum war es allerdings wunderbar: 15 Kilometer gerade Strecke mit Ausblick auf Wasser und Boote.

Dann der Rückweg. Erst mehrere Kilometer bergan. Schließlich erreichte ich einen langen, steilen Anstieg. An dessen Fuß ein Schild: „Clausthal-Zellerfeld 4,5 Kilometer“. Ich stieg ab, körperlich und moralisch entkräftet.


Die Teiche | Die Moral kam rasch wieder zurück, als ich, kaum hatte ich die Steigung hinter mir gelassen und war wieder aufs Rad gestiegen, einen Badeteich erreichte. Juliane hatte mir vorab erzählt, dass es in der Umgebung von Clausthal 70 Teiche gäbe, allesamt künstliche Relikte aus der Bergbau-Zeit, hatte ich Handtuch und Badeanzug eingepackt und ließ mich zu Wasser. Großartig!

Nach der Tour spürte ich, dass ich nichts spürte: Die Anspannung im unteren Rücken, die ich nach längeren Fahrten sonst immer hatte, gab es nicht.


Die Okertalsperre |  Die Okertalsperre hat eine lange Geschichte (#bildungsblog). Sie reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, als Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel Wasser stauen ließ, damit man Baumstämme einfacher flußabwärts nach Wolfenbüttel, in die Residenzstadt des Herzogs, transportieren konnte. Das Dammbauwerk bestand aus Baumstämmen, die man mit Sand und Steinen füllte und mit Moos abdichtete. Es hieß „Großer Juliusstau“ und war seinerzeit die größte Talsperre in deutschen Landen. Das war 1570.

Die Okertalsperre ist aktuell nicht einmal zu 40 Prozent gefüllt.


Nachtfahrt | Am Abend fuhren Juliane und ich essen, nach Zellerfeld, in den zweiten Ort im Stadtnamen. Dazu ging’s erst in einer Schussfahrt hinab (Juliane: „Wenn du ein Auto vor dir hast, das nur 50 fährst, ist das immer doof!“), dann wieder hinauf und hinein ins Restaurant. Dort trafen wir einen ihrer Kunden; er hat einst mit dem Liegeklapprad den Ätna umrundet, und Juliane erzählte aus dem Harz. Alles zusammen Stoff für mindestens zwei Bücher, eins davon ein Psychokrimi; ich lasse die Geschichte noch in mir reifen.

Auf dem Rückweg gab es die Möglichkeit, den Berg nicht hinauf und wieder hinab, sondern entlang zu fahren, durch den Wald bei Dämmerung. Wir tasteten uns mit den Rädern vor, keuchend in der dennoch ordentlichen Steigung, über rumpelige Waldwege und begleitet von trudelnd flatternden Fledermäusen.


Julianes Kanban-Büro | Weil wir uns über unsere Arbeit, über Büro-Organisation und über die Aufkleber in Julianes Laden unterhalten hatten, fuhr ich am nächsten Tag noch einmal zu ihr, und sie zeigte mir, wie sie ihr Geschäft mit Kanban organisiert, einer Methode der Produktionssteuerung, die für einen guten Arbeitsfluss sorgt. Elemente aus Kanban nutze ich auch, wenn ich mit Kunden zusammenarbeite – und ich erkläre sie in Seminaren.

Plötzlich spürte ich sie wieder, die Dissonanz vom ersten Tag, in diesem 1848 erbauten Hinterhaus, das einst eine Tankstelle war und in dem nun eine Fahrradmechanikerin arbeitet, mit Methoden, wie sie Coaches mit großen Worten in Konzerne tragen. Da ist sie wieder, die Erkenntnis: Fortschritt findet im Kopf statt, nicht in den Fassaden.


Gelesen und gehört | 14.000 Wissenschaftler und Forscherinnen warnen vor einem weltweiten Klimatnotstand. In Sachen Klima kann ich auch empfehlen: den Gradmesser-Podcast des Tagesspiegel. | Herr Buddenbohm macht sich Gedanken über die kommende Woche, in der in Hamburg die Schule wieder beginnt. Er verweist dabei völlig zurecht auf einen seiner Texte aus dem Juni 2020 und den Irrglauben, es gäbe einen Plan.



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