Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Expeditionen«

Tag Elf auf La Gomera: Hängemattenoffice

14. 01. 2020  •  1 Kommentar

Holiday Business | Ich trödelte mich heute durch den Tag und machte Hängemattenoffice. Ein bisschen Korrespondenz, ansonsten schreiben.

Laptop in Hängematte, dahinter ein Fuß

Das Laptoparbeiten funktioniert in der Hängematte tatsächlich gut. Es gibt Tagesstunden, an denen ist sie der beste Ort zum Arbeiten. Man sitzt gemütlich, und der Stoff schützt vor Sonneneinstrahlung: Ich kann auf dem Monitor etwas sehen.

M fuhr in die große Stadt und erbot sich, mir mitzubringen, was ich brauchte. Am Nachmittag kam sie mit einem Korb voller leckerer Dinge zurück.

Ein Korb mit Zucchini, Orangen, Brot, einer Packung Milch, Bananen, Streichkäse

Ich koche hier immer dasselbe: Nudeln mit Gemüse, Kartoffeln mit Gemüse oder Reis mit Gemüse, immer mit viel Knoblauch, manchmal mit Zwiebeln. Bis auf einigen Scheiben Jamón oder Chorizo, die ich mir morgens aufs Brot lege, lebe ich hier vegetarisch. Alkohol trinke ich auch keinen. Nach den Feiertagsexzessen im Dezember fehlt er mir auch nicht.


Gelesen | Im Nachtzug von Köln nach Barcelona oder von Warschau nach München? Im Schnellzug von Frankfurt nach Madrid? Europa fehlt es an guten, schnellen Fernverkehrsstrecken auf der Schiene. In den vergangenen Jahren ist das Zugfahren sogar noch umständlicher geworden.

Gelesen | Männer, die eine Tochter bekommen, setzen sich plötzlich für Frauenrechte ein. Das ist erfreulich, aber auch befremdlich, findet Margarete Stokowski.

Es ist beachtlich, wenn Männer für den Erleuchtungsschritt, dass gerechtigkeitsmäßig noch nicht alles in Ordnung ist, erst Töchter bekommen müssen. Wie haben sie diese Kinder bekommen, per Lieferung unter den Stein, unter dem sie vorher ein paar Jahrzehnte gelebt haben? Oder mit einer Partnerin? Haben diese Männer vorher nie mit einer Frau geredet? Oder beziehungsweise, man muss das vielleicht dazusagen: einer Frau mal zugehört? 

Verdächtig viele Helden

Die Krux: Mädchen und Frauen werden mit dieser Haltung erst durch die persönliche Beziehung zu etwas aufgewertet, für das sich ein Mann einsetzen sollte.

Wenn es etwa um Gewalt gegen Frauen oder Mädchen geht, hört man oft den Motivationsspruch an Männer: „Tu was, sie könnte deine Tochter/Schwester/Nichte/… sein“. Oder anders gesagt: Kümmere dich um genau diejenigen weiblichen Personen, zu denen du eine Bindung hast – oder haben könntest -, sie sind durch die Beziehung zu dir aufgewertet und nicht irgendwelche mysteriösen Bitches. Wenn es deine ist, pass auf. Beschütze sie, du Tiger im Körper eines Mannes.

Verdächtig viele Helden

Gelesen | Anastasia Umrik ist 24/7 auf eine Assistenz angewiesen, weil sie eine Behinderung hat. Jetzt geht sie in die Reha, doch für ihre Assistenz ist kein eigenes Zimmer vorgesehen – das ist sowohl für Anastasia als auch für ihre Angestellte belastend. Anastasia sagt:

Wenn ich die Reha absage, werde ich nie wieder eine genehmigt bekommen („Dann geht’s dir wohl nicht schlecht genug!“), aber wenn ich hinfahre, bin ich im Anschluss psychisch müder als vorher – weil ich mich nicht erholen kann, bin ja nie allein.

Twitter-Thread

Tag Zehn auf La Gomera: Wie ich Brot kaufen ging und einen einsamen Strand fand

13. 01. 2020  •  1 Kommentar

Innere Uhr | Heute Morgen erwachte ich mit dem Sonnenaufgang. Das ist eine spannende Sache, die ich aus meinem geschenkten Monat in Italien kenne.

Dort war es nämlich so: In Phase Eins ging ich um 22 Uhr ins Bett, schlief bis morgens 9 Uhr, war aber immer noch müde. In Phase Zwei ging ich um 22 Uhr ins Bett, schlief bis morgens 9 Uhr und war nicht mehr müde. In Phase Drei geschah das Wunderliche: Ich fühlte mich müde, wenn das Licht verschwand und ging zwischen 21 und 21:30 Uhr ins Bett. Ich erwachte mit dem Sonnenaufgang und fühlte mich frisch.

Dasselbe passiert nun auch. Die Bettgehzeit verschiebt sich nach vorne. Die Aufwachzeit pendelt sich auf den Sonnenaufgang ein.

Als ich heute erwachte, lugte die Sonne über den Berg und es war windstill. Das erste Mal seit einer Woche. Das Wetter wurde entsprechend super.


Brot holen | Weil ich so früh wach war, schmiss ich zwei schnelle Maschinen Wäsche an. Danach machte ich mich auf dem Weg ins Tal. Durch den Baranco vor meiner Haustür ging ich hinab nach Alojera. Dort, das habe ich auf der digitalen Landkarte gesehen, gibt es einen Supermarkt. „Der hat bestimmt Brot“, dachte ich mir. Das hatte der Markt in Chipude nämlich vorgestern nicht mehr vorrätig.

Im Baranco war es wunderbar still. Sehr, sehr still.

Palmen, dahinter Berge, ein Mäuerchen

Alojera ist das Zentrum der Palmhoniggewinnung. Im Tal stehen tausend Palmen, heißt es. An jeder zweiten lehnt eine Leiter. Angezapft werden sie zwischen Februar und Juni, sagt mein Reiseführer.

Dorf in grünen Bergen

Als ich der Straße ins Dorf folgte, saß in einer Kurve ein Mann vor einem Haus. Er mag um die 60 gewesen sein, der Bauch rundlich, die Haare licht. Er sah mich und hob sogleich die Arme, als käme eine seit Jahrzehnten verschollene Bekannte die Straße hinunter.

„Hola!“, rief er. „Wo willst du hin? Wo kommst du her?“

Ich sagte ihm, dass ich nach Alojera wolle und dass ich aus Tazo komme.

„Tazo? Wohnst du bei der M?“

Ich bejahte, und er sagte: „Die M, die kenne ich. Alle hier kennen sie. Großartig! Woher bist du? Aus Deutschland? Ich habe Verwandte in Bremen, zwischen Bremen und Hamburg.“

Mein Spanisch war leider spontan zu schlecht, um ein größeres Gespräch zu beginnen. Dabei ist es erst 25 Jahre her, dass ich die Sprache gelernt habe! Hätte es ausgereicht, säße ich jetzt noch dort. So aber zog ich weiter.

Alojera hat einen Strand. Er liegt unterhalb des Dorfes. Man kann ihn von oben aus sehen. Der kleine Hafen diente einst zum Verschiffen von Tomaten. Denn im Tal und im Baranco wird viel Landwirtschaft betrieben.

Blick aus der Höhe auf eine Bucht: einige Häuser, dahinter rollt das Meer an

Ich ging nicht hinab, sondern zum Supermercado, der sich wieder, wer hätte es gedacht, neben der Dorfkneipe befand – diesmal mit eigenem Eingang, aber dennoch betrieben in Personalunion. Die Bar brummte vor Männerstimmen.

Der Supermarkt schließt um 13:30 Uhr und öffnet erst wieder um 17 Uhr. Ich überlegte, was ich neben Brot sonst noch brauchte – und was ich tatsächlich kaufen sollte. Denn ich musste alles fünf Kilometer wieder hinauf nach Tazo schleppen. Ich kaufte schlussendlich drei kleine Baguettebrote, vier Orangen und zwei Paprika.

Auf dem Rückweg saß der Mann immer noch in der Kurve. Wieder riss er die Arme hoch, als er mich sah. „Da bist du ja wieder! Das ging schnell.“

Ich erzählte ihm, dass ich eingekauft habe und nun wieder heim gehe.

„Zu Fuß hast du eingekauft? Aus Tazo? Aber warum? Das ist verrückt.“

Wir wechselten ein paar Worte, dann verabschiedete ich mich. Als ich mich noch einmal umdrehte, winkte er enthusiastisch.

Weiter den Berg hinauf fand ich einen Wegweiser. Er zeigte ins Geröll und war beschriftet mit „Playa del Trigo, 1,1 Kilometer“. So ein Playa, dachte ich mir, das wäre jetzt was.

Gemeinsam mit meinen drei Broten, vier Orangen und zwei Paprika stapfte ich durch die Steine und um das Haus herum.

Dahinter hörte ich bereits das Rollen des Meeres, und ein kleiner Pfad führte hinab zum Strand.

Steinmännchen, dahinter Meer

Ich stieg den Weg hinab. Dort: niemand.

Panoramaaufnahme: der Baranco mündet ins Meer

Ein menschenleerer Strand.

Doch hier sind öfter Leute. Überall Steinmännchen. Eine Feuerstelle. Steine waren zu runden Mäuerchen aufgestapelt.

Steinmännchen, dahinter das Meer

Ich setzte mich auf ein Holzbrett, aß eine Banane und eines der kleinen Baguettes und machte Siesta.

Holzbrett, darauf eine Trinkflasche, dahinter das Meer und Felsen, die ins Wasser abfallen

Das Meer war laut und kraftvoll. Eidechsen liefen über die Steine. In der Höhe kreiste ein Vogel. ging in den Baranco hinein und wieder hinaus, betrachtete das Meer und dachte an nichts.

Danach stieg ich den Pfad wieder hinauf und machte mich auf den Rückweg nach Tazo.

Geröllstraße den Berg hinauf, daneben das Palmental

Der Rückweg führt entweder durch den Baranco oder über die Geröllstraße. Der Weg durch den Baranco ist steil. Der Weg über die Straße ist länger, aber nicht steigt nicht ganz so steil an. Ich wählte diesmal die Straße und wechselte erst kurz vorm Ziel auf den Camino.

Steinweg den Berg hinaus, mit Gestrüpp durchwachsen

Infos zur Freestyle-Tour: Von Tazo nach Alojera, von dort an den Playa del Trigo und zurück nach Tazo / 13,5 Kilometer / ca. 500 Höhenmeter / Gehzeit 3 oder 4 Stunden, so genau kann ich das nicht sagen


Adieu, kleine Motte | Eben flog eine Motte vor meiner Fensterscheibe herum und suchte das Licht. Von unten kam ein Gecko das Glas hoch, fraß sie, hielt inne und guckte mich, die Motte noch im Maul, durch die Scheibe an. Ich bestaunte seine Saugnapffüße.

Tag Neun auf La Gomera: Gemächlichkeitssonntag

12. 01. 2020  •  2 Kommentare

Gemächlichkeit | Nix passiert heute. Nicht weg gewesen. Nichts erlebt. Stattdessen geschrieben, acht Seiten, fünf Abschnitte – und der Geschichte einen Fortgang gegeben. Nach meinem Aufenthalt hier möchte ich meiner Lektorin gerne etwas schicken, das die Bezeichnung „Fortschritt“ verdient.

Vermieterin M hat derweil Kürbis-Möhren-Süßkartoffel-Suppe gekocht. Sie brachte mir eine Schale rüber und ließ mich teilhaben. Lecker.


Heimelichkeit | Hier ist es ab dem Spätnachmittag so frisch, dass ich den Ofen anfeuere. Sehr heimelig.

Hohes Zimmer, darin ein Bett, über dem eine Lampe und ein Moskitonetz hängen, dahinter ein Ofen, dessen Rohr zum Dach hinaus geht.

Gelernt: Alte Obstkisten eignen sich gut als Brandbeschleuniger. Wie Zunder, die Dinger. Danach brennt auch der Rest. Und wenn die Zündhölzer allein nicht helfen: Die Zündholzschachtel tut’s.


DoBombe 2020| In Dortmund wurden heute 14.000 Menschen evakuiert. Eine der größten Evakuierungen in der Nachkriegsgeschichte – darunter auch zwei Krankenhäuser und drei Seniorenheime. Grund: In der Innenstadt mussten Weltkriegsbomben entschärft werden.

Das Ganze ist seit vielen Wochen geplant. Ich habe das Geschehen aus der Ferne verfolgt. Ein Zünder musste gesprengt werden. Alles stand still: der Hauptbahnhof, der Nahverkehr, der Fernverkehr, die Kernstadt.


Gelesen | Abenteuer Buchhandel: Wie ich meinen alten Beruf nochmal anprobierte. Wiebke Ladwig, die sonst Buchhandlungen und Bücherein zu Digitalkram berät, half vor Weihnachten im einer Buchhandlung aus.

Gelesen | Die Vier-Tage-Woche – Ihr erinnert Euch? Frank Glanert hat nochmal nachgelegt und aufgeschrieben: Wie geht man’s denn nun an?

Ich finde es spannend, was in Deutschland für ein Bohei um eine Vier-Tage-Woche gemacht wird. Meine Meinung in Bezug auf Wissensarbeit: Was jemand in vier Tagen nicht erledigt kriegt, kriegt er auch in fünf Tagen nicht geschafft.

Gelesen | Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach über ein Jahr vollelektrisches Fahren mit dem Tesla Model 3 – und mit einem Wohnsitz weit draußen auf dem Land.

Tag Acht auf La Gomera: Wanderung in Wolken

11. 01. 2020  •  5 Kommentare

Von Chipude auf den Garajonay | Heute fuhr ich mit dem Auto den Berg hinauf. Zunächst eierte ich meine Piste hoch. Das ging im Gegensatz zu gestern gut. Dann fuhr ich nach Chipude. Das liegt auf 1.000 Metern Höhe. Es war sackkalt dort oben.

Aber hilft ja nichts. Ich packte diverse Klamotten in den Rucksack und wanderte auf den Garajonay, den höchsten Berg La Gomeras (1487 Meter).

Zuerst ging es Richtung Fortaleza. Das ist ein sattelförmiger Berg direkt beim Dorf Chipude.

Sattelförmiger Felsen, darunter ein kleines Haus

Danach marschierte ich am Hang stetig bergan, bis ich auf den Höhenweg nach Igulaero kam. Zu meinen Füßen war der Baranco de Erque.

Panoramabild: Blick auf die Fortaleza, davor das tief eingeschnittene Tal. Am rechten Rand der Höhenweg.

Igualero ist das höchste Dorf der Insel. Dort war es auch kalt.

Die ganze Gegend hier ist Waldbrandgegend: 2012 sind bei Waldbränden 20 Prozent des Nationalparks abgebrannt. Die Natur erholt sich immer noch. Das Unterholz ist schon wieder dicht. Bei den Bäumen treiben die Kiefern an den verkohlten Stämmen aus. An vielen Stellen stehen aber noch Gerippe.

Je höher ich kam, desto mehr lief ich in Bewölkung hinein. Der Wind blies ordentlich und trieb die Wolken in dicken, nassen Fetzen um den Berg.

Auf dem Gipfel des Garajonay gab es dann nichts zu sehen außer Weiß. Eine Aussicht war nicht im Angebot.

Der Weg nach oben war trotzdem schön. Überall roch es gut, und ich fühlte mich sehr lebendig.

Ich blieb allerdings nicht lange oben. Selbst mit Jacke und Mütze war’s zu schattig auf knapp 1.500 Metern, ich hatte beim Aufstieg auch ordentlich geschwitzt, und ein windgeschütztes Plätzchen für eine Pause gab es nicht.

In etwa eineinhalb Stunden stiefelte ich zurück nach Chipude, durch ehemaligen Kiefernwald, Terrassenfelder und durch das Dorf Los Manantiales.

Infos zur Tour: Rother Wanderführer, Tour 23 / 12,5 Kilometer / 550 Höhenmeter / 4 Stunden reine Gehzeit (passte auch)

Ich wundere mich, dass ich mit der Gehzeit hingekommen bin. Ich fühlte mich wahnsinnig langsam. Was die Kondition angeht, war beim Bergauflaufen deutlich Luft nach oben (Haha, Wortspiel!). Andererseits: Zwischendurch wars auch nicht schlecht steil.


Hinterzimmermarkt | In Chipude gibt es einen kleinen Supermarkt. Mit „klein“ meine ich: wirklich klein. Ein Raum, kleiner als mein Wohnzimmer. Er ist räumlich mit der Kneipe des Ortes verbunden: Man kann ihn nur durch den Schankraum betreten. Die Kneipe selbst ist deutlich größer ist als der Supermercado.

Wenn ich mich jemals über die Sortierung in meinem Rewe echauffiert habe, nehme ich hier und jetzt alles zurück: Es gibt im Hinterzimmermarkt von Chipude zwar eine grobe Sortierung nach Genre (Lebensmittel oder Putzmittel / muss gekühlt werden oder nicht), gleichzeitig scheint es mir auch, dass man die Ware dorthin legt, wo grad was frei ist.

Am Ende gab’s alles, was ich brauchte – und das war gar nicht mal so wenig. Faszinierend.


Gewohnheiten | Daheim: Chillout in der Hängematte. Das wird mir zur lieben Gewohnheit: Am Abend, wenn die Sonne über dem Meer steht, nochmal in die Hängematte und den Tag ausschaukeln.

Füße in einer Hängematte, dahinter das Tal und die tief stehende Sonne mit Wolken

Guayaba | Dank eines Blogkommentars habe ich gelernt, dass die Frucht, die ich gestern geschenkt bekam, eine Guave ist. Die Schale kann man mitessen, habe ich ausprobiert. Auch zwei hintereinander richten keinen Schaden an.


Vollmond | Gestern Nacht war krass Vollmond. Hier im Nirgendwo war es so hell, dass ich die ganzen fünf Kilometer bis zum Meer gucken konnte.

Vollmond am Himmel mit Wolken
22:30 Uhr

Gelesen | Ein Apotheker hat ein paar Infos über Ibuprofen aufgeschrieben.

Entdeckt | DeepL Translator. Alternative zum Google-Übersetzer (via Herr Paul).

Tage Sechs und Sieben auf La Gomera: Palmen-Office und das Tal von Alojera

10. 01. 2020  •  3 Kommentare

Palmen-Office | Gestern Palmen-Office, freiwillig. Bei Sonne, Wind und Schäfchenwolken beantwortete ich Mails, delegierte ein bis zwei Aufgaben weg und arbeitete mich in mein Buchprojekt zurück.

Laptop und Notizbücher auf Holztisch, im Hintergrund Palmen und Himmel mit Schäfchenwolken, Blick ins Tal

No way out | Heute Palmen-Office, unfreiwillig. Am frühen Vormittag hatte es zu regnen begonnen. Ich setzte mich trotzdem ins Auto, um zu schauen, was auf der anderen Bergseite so geht. Ich kam aber ohne Allrad mein Tal nicht hinauf. Die erste Etappe schon, dort ist der Weg steinig, dort griffen die Räder. Auf der zweiten Etappe, dem Erdweg, nicht. Dort oben auf 600 Metern, im Nebel der Wolke, war Matsch, und ich schlingerte so sehr, dass ich keine Chance sah, die Steigung hochzukommen. Ich drehte an der nächsten Einbuchtung und rollte wieder heimwärts.

Ich baute unterm Dach der Terrasse mein Arbeitslager auf und setzte die Arbeit vom Vortrag fort. Es regnete dann auch bis in den Nachmittag hinein.

Blick ins Tal: Regen, tief hängende Wolken, Palmen im Wind.

Vermieterin M meinte: „When it’s raining, you can do things at home.“ So einfach ist das.

Dabei gibt es durchaus noch eine zweite Möglichkeit, aus dem Tal rauskommen: Man kann ganz runter zum Meer holpern und dann über Alojera wieder hochfahren. Ich hielt es allerdings mit M. Man kann sich auch einfach mal den Gegebenheiten hingeben.


Talspaziergang | Mitte des Nachmittags klarte es auf, ich schnürte meine Wanderstiefel, ging einige Kilometer hinunter in Richtung Alojera und bestaunte das Tal.

Panoramaaufnahme des Tals: Berge mit Licht und Schatten und Terrassenfeldern

Es gibt einen Weg, der durch den Barranco führt, also durch die Schlucht. Den entdeckte ich aber erst auf dem Rückweg. Der Weg durch die Schlucht ist natürlich kürzer als entlang des Fahrwegs, der in Schleifen den Hang entlang führt – dafür auch steiler.

Tal mit Terrassenfeldern. Blick in Richtung Meer.

Irgendwann werde ich mal ganz runtergehen – bis nach Alojera. Ich muss schließlich recherchieren, ob es dort Eis gibt. Dafür war es heute aber zu spät. Ich wollte in jedem Fall vermeiden, dass es dunkel wird, während ich noch unterwegs bin. Denn dann ist es im Tal stockfinster, und es wird schwierig, nach Hause zu finden. Straßenbeleuchtung gibt’s ja nicht.


Geschenk | Als ich heimkam, kam auch M von einem Ausflug heim – und brachte mir von einer Freundin Eier und Früchte mit.

Eier und runde, gelbe Früchte in einer Schale

Deshalb gab es am Abend Nudeln mit Gemüse und Ei. Die Früchte habe ich auch probiert – und gegoogelt, was es sein könnte. Ich tippe auf Passionsfrucht. Schmeckt jedenfalls lecker.


Zeitloch | Es ist erstaunlich, wie schnell die Zeit hier rumgeht. Tagsüber, meine ich. Besonders an Tagen im Eremitenhäuschen. Kaum bin ich aufgestanden, habe gefrühstückt und ein bisschen auf den Liegemöglichkeiten rumgelümmelt: zack, 14 Uhr. Das muss irgendwas Physikalisches sein.

Falls Sie hier übrigens große philosophische Ergüsse von mir erwarten, weil Sie denken, es ereilten mich in der Abgeschiedenheit, beim sinnierenden Blick ins Tal ungeahnte Ideen: Nope. Ich denke im Wesentlichen nichts. Auch mal schön.


Politnavi | Bei Herrn Paul habe ich das Politnavi gefunden und die 40 Fragen zur politischen Einstellung beantwortet und was soll ich sagen? Pazifistisch, weltoffen, umweltbewusst, laizistisch und maximal weit von der AFD entfernt.


Angeguckt | Oder mehr angehört wegen schlechten Internets: Unser Kind. Katharina und Ellen sind verheiratet und haben ein Kind miteinander, Ellen hat aber (noch) kein Sorgerecht. Als Katharina stirbt, entwickelt sich zwischen dem biologischen Vater und Samenspender Wolfgang, Katharinas Eltern (den biologischen Großeltern des Kindes) und Ellen ein persönlicher und menschlicher Kampf um das Kind.

Gelesen | Ulli Eicke: Lena Stern – Thanatos. Ein Dortmund-Krimi um eine Ermittlerin, erschienen im Selbstverlag (Vermutung) – jedenfalls enthält das Buch einige Rechtschreibfehler. Alles in allem ein solider Krimi, allerdings mit holzschnittartigen Charakteren. Auch die Stadt Dortmund kommt eher stereotyp weg. Teil Zwei werde ich mir wohl noch geben. Ob ich die ganze Serie vertrage, bezweifle ich.

Gelesen | Frank Glanert hat nochmal nachgelegt und seinen Artikel zur Vier-Tage-Woche ergänzt: Vier Gründe, die dagegen sprechen

Gelesen | Das Designtagebuch analysiert und kommentiert den Relaunch von spiegel.de.

Tag Fünf auf La Gomera: Kältestarre

8. 01. 2020  •  5 Kommentare

Nichts gemacht | Am Vormittag war es kalt. Ich habe nichts gemacht. Ich war in einer Kältestarre.

Am Nachmittag kam ein bisschen die Sonne raus. Ich ging hinaus und wippte mit den Zehen. Dazu aß ich ein Brötchen. Krümel fielen auf den Boden. Ameisen transportierten sie ab. Das war interessant. Drei Ameisen trugen den Krümel. Eine lief drumherum und korrigierte die Richtung.

Danach legte mich in die Hängematte. Weil man auch mal die Perspektive wechseln soll, legte ich mich anders herum als an den ersten vier Tagen – mit den Füßen nach Osten, nicht nach Westen.

Ein Teil der Hängematte, dahinter grüne Berge, davor Palmen. Am Himmel Wolken.

So schaute ich nicht auf die Küste, sondern in die Berge. Brachte aber keine neuen Erkenntnisse.

Dann ging die Sonne unter.

Panoramabild vom Sonnenuntergang mit Wolken, die vom Berg zur Küste ziehen.

Angeguckt | Spiegel Online ist jetzt Der Spiegel, mit neuem Layout und neuem Redaktionssystem im Hintergrund. Erscheint mir auf den ersten Blick gelungen.

Angeguckt | Australian fires: A visual guides to the bushfire crisis. Gute Aufbereitung von der BBC.

Gelesen | „Daten von Schwangeren zählen zu den wertvollsten überhaupt.“ Ein Interview zu Zyklus-Apps und warum sie ein einträgliches Geschäft sind.

Tag Vier auf La Gomera: Alt-Hippietum, die Freizeit Revue und Bilder von der Piste

7. 01. 2020  •  4 Kommentare

Winter | Heute war es bitterkalt. Also, für gomerische Verhältnisse. In der Nacht hat es ausufernd gewindet. Ich bin mehrmals aufgestanden, um zu schauen, ob alles noch an Ort und Stelle ist, um die Hängematte abzunehmen (damit sie nicht nassregnet), um Fenster und Türen zu schließen und wieder zu öffnen. Denn zu ist nicht unbedingt gut, dann zieht’s durch die Ritzen, und alles klappert. Auf ist natürlich auch nicht gut, denn dann windet es durch die ganze, kleine Bude. Wie man’s macht!


Der Weg zur schönen Aussicht | Am späten Vormittag fuhr ich nach Valle Gran Rey. Das liegt im Westen der Insel. Ich wollte etwas einkaufen und tanken. Mich macht es nervös, wenn sich Dinge dem Ende zuneigen. Ich könnte schließlich unverschuldet von der Welt abgeschnitten werden – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wenn ich nur noch eine halbe Packung von dieser köstlichen Käsecreme und eine kleine Banane im Hause habe. Nicht gut.

Außerdem wollte ich nach meinem gestrigen Wandertag etwas nicht allzu Anstrengendes unternehmen, aber trotzdem raus, also: ganz raus. Gestern bin ich ja nur einen Teil des holprigen Weges hinauf gefahren, habe drei Kilometer oberhalb meiner Unterkunft geparkt und bin von dort aus weitergelaufen. Heute fuhr ich den holprigen Weg bis zur Straße zurück – und, wie gesagt, weiter nach Valle Gran Rey.

Damit Sie einen Eindruck haben, wie die Fahrt zu meinem Eremitenhäuschen aussieht, habe ich auf dem Heimweg Bilder für Sie gemacht. Abgeschiedenheit und schöne Aussicht gibt’s hier nicht für umme: Man muss Einsatz zeigen.

Die sechs Kilometer lange Fahrt über die Piste dauert etwa 25 Minuten. Zwischendurch kommt auch eine Strecke, die zum Teil ashpaltiert ist. Da geht’s für einen Moment schneller voran. Alles in allem braucht’s aber Beherztheit, Schwindelfreiheit und in bisschen Gefühl im Gasfuß, besonders bergauf in den steilen, erdigen Kurven.


Im Tal des Großen Königs | Auf dem Weg zum Valle Gran Rey hielt ich am Mirador und schaute hinunter ins Tal.

Blick ins lang gezogene, terrassierte Tal

Im Tal parkte ich an der nächsten Straßenecke und marschierte zu Fuß weiter, ging die Küste entlang, stromerte durch die Gassen und trank einen Kaffee. Dazu gab’s eine Waffel, die ich nicht fotografieren konnte, die Gründe erzähle ich gleich.

Die Waffel war mit Mangosorbet und Sesampaste dekoriert. Beides war köstlich. Die Waffel selbst war allerdings aufgetaut und bekommt deshalb nur lieb gemeinte fünf von zehn Punkten, wenngleich Farbe und Geschmack grundsätzlich stimmten.

Dass ich kein Foto von der Waffel habe, liegt an meinem Sitznachbarn. Der Herr gesellte sich zu mir und einer mir unbekannten Dame an den Tisch. Die Dame war etwa in meinem Alter, sie las ein Buch, ich fragte, ob ich mich dazusetzen dürfe, sie nickte, und fortan ignorierten wir uns höflich.

Dann kam der Herr, ein Mann im frühen Renten-, vielleicht auch späten Erwerbsalter. Er fragte ebenfalls, ob er sitzen dürfe, wir nickten, und fortan begann er der lesenden Dame zu dozieren.

Warum er mir nicht dozierte, kann ich nicht sagen. Die Lesende erfuhr, dass er seit zwei Wochen auf der Insel wohnt, wie hoch die Wellen üblicherweise sind, was er zum Frühstück isst (Joghurt-Smoothie) und warum (Verdauung), dass es heute besonders kalt ist (ach was), dass das im Januar aber vorkommen kann (sapperlot) und warum (Wetter), dass Wellen mit Wind höher sind als ohne (na sowas) und allerlei anderes Insider-Wissen.

Um seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen, sah ich davon ab, mein Essen zu fotografieren. Einen Vortrag über Handysucht und den Fluch sozialer Medien wollte ich unbedingt vermeiden.


Too many Germans | Nach der Waffel kaufte ich ein, tankte und fuhr heim. Wieder in Tazo, traf ich auf meine Vermieterin M.

„How was Valle Gran Rey?“
„Nice Landscape but too many Germans.“
„Right.“

Denn allerorten schwäbelte es heute, hier Yoga, dort Schwangerschaftsmassage, Meditation, Trommelerfahrungen, irgendwas für die Chakren und sogar ein Reformhaus gibt’s im Valle, eine deutsche Metzgerei, eine deutsche Bäckerei (Vollkorn, auch glutenfrei) und überall Menschen in Strickstulpen und weiten Baumwollhosen, die sehr achtsam Dinge tun.

In dem Zusammenhang gelernt: Alt-Hippietum und die Freizeit Revue schließen sich nicht aus.

Zeitschriftenständer mit deutscher Yellow Press

Gehört | Der Moskau-Nizza-Express. Eine Reportage des Deutschlandfunks über einen russischen Nachtzug, der 3300 Kilometer durch sieben Lämder fährt, 49 Stunden lang, jeden Donnerstag: von Moskau nach Nizza.

Gehört | „Was ist Deine Wahrheit?“ Kriminalbiologe Mark Benecke zu Gast im Hotel Matze.

Gelesen | Ingenieur Frank Glanert hat seine Arbeitszeit reduziert. Er arbeitet nur noch vier Tage pro Woche. Warum er das tat und wie es ihm damit geht, erzählt er.

Tag Zwei auf La Gomera: Ein Rundgang

5. 01. 2020  •  4 Kommentare

Liegefortsetzung | Den Morgen brachte ich damit zu, noch einmal ausführlich den Liegeplatz „Hängematte“ zu testen. Er kam gestern zu kurz, und ich möchte meine Sache gründlich machen.

Ich verbrachte den Vormittag also schaukelnd und lesend. Ich las „Das Geburtstagsfest“ von Judith W. Taschler zu Ende. Ein gutes Buch, prima runterzulesen, wenngleich kein leichtes Thema: Es geht um Kambodscha und die Roten Khmer, um Schuld und um Trauma, um Familiengeschichte und um die Frage, wie viel Schweigen das Miteinander verträgt. Das alles erzählt Judith Taschler mit einer handvoll Figuren, darunter Kim und Tevi, die als Kinder nach Österreich kamen, ohne Besitztümer, aber dennoch mit einem großen Rucksack.

Ich unterbrach zuweilen mein Lesen, um die Wolken zu beobachten. Sie kamen übers Haus getrieben, sehr klein, sehr dünn. Einmal sah eine Wolke aus wie eine Ameise, mit sechs Beinen, die nach links und rechts auseinandertrieben und sich auflösten. Aus dem verbleibenden Ameisenkörper wurde eine Katze. Die Katze bekam erst ein Loch im Bauch, dann löste auch sie sich auf. Dasselbe geschah mit einem Drachen, einem Hund, dem Berliner Fernsehturm und anderen Wolken. Eine sah aus wie Donald Trump. Auch er löste sich auf. Es war beruhigend, der allgemeinen Auflösung zuzusehen.


Unterm Baldachin | Heute Nacht bin ich mehrmals aufgewacht, weil die Palmen so laut rauschten. Es hörte sich wie Regen an, doch es war kein Regen. Der Wind pfiff ums Haus, schüttelte die Palmwedel und das Pfeifen hörte sich mal wie ein Ozeandampfer, mal wie ein Teekessel an.

Bevor ich einschlief, verstand ich, warum ein Moskitonetz über dem Bett hängt. Die erste Mücke erwischte ich im Flug. Die zweite auf frischer Tat. Ihre Kumpels sirrten dennoch weiter an meinem Ohr, und so entfummelte ich das Moskitonetz, legte mich darunter, und schon war Ruhe.


Dorfcheck | Am Nachmittag des heutigen Tages fühlte ich mich bereit, die Umgebung mit einem Spaziergang zu erkunden. Ich ging einmal um den Berg.

Pfad hinauf, führt rechts um einen Felsen herum

Mein Reiseführer weiß über den Ort, in dem ich wohne:

Hier ist rein gar nichts los

Terrassenfelder stapeln sich zu Dutzenden Berg hinauf. […] Durch menschenleeres Gelände verläuft eine Piste von Tazo nach Alojera. Nach starken Regenfällen kommt es in diesem Gebiet manchmal zu Erdrutschen.

Dumont Reise-Taschenbuch La Gomera, S.147f.

Hier sind sie, die Terrassenfelder – der weiße Punkt oben rechts ist das Häuschen, in dem ich wohne:

Panoramaaufnahme von Terrassenfeldern, darüber blauer Himmel mit vereinzelten Wolken, in der Ferne das Meer

Das Internet weiß außerdem, dass es in diesem Gebiet 12.000 Palmen gibt. Sie werden dafür verwendet, Palmenhonig herzustellen.

Ich ging um den Berg, stieg zwischen den Häusern auf, traf wieder auf eine Piste, ging die Piste weiter, erreichte eine Anhöhe und stieg wieder hinab, bis ich zurück an meinem Häuschen war.

Auf dem Wege entdeckte ich, dass direkt in meiner Nachbarschaft eine Irin „Wholistic Healing“ betreibt. Ich ging näher an das Schild heran und las, dass es sich um eine Massage handelt, die alles löst: Muskeln und Gedanken und Seele, und ich finde, dass sich das ganz gut anhört.

Straße mit Palmen, daneben ein selbst gemaltes Schild "Wholistic Healing". Daneben ein weiteres Schild: "Playa".

Dem Schild zum Playa werde ich demnächst auch folgen, irgendwann. Ich möchte nichts überstürzen.

Tag Eins auf La Gomera und eine etwas längere Anreise

4. 01. 2020  •  8 Kommentare

DUS – TFS – La Gomera | Mit dem Januar beginnt meine Auszeit. Ich werde den Monat fast vollständig auf La Gomera verbringen, um zu lesen, zu wandern, zu schreiben und in die Gegend zu gucken.

Die Anreise nach La Gomera dauerte 13 Stunden. Erst fuhr mich eine Freundin zum Bahnhof. Vom Bahnhof aus fuhr mich die Deutsche Bahn zum Flughafen. Am Flughafen stieg ich in ein Flugzeug.

Flugzeug im Regen, aus dem Bus fotografiert. Davor ein Mann in neongelber Jacke.

Beim Einsteigen ins Flugzeug waren viele Menschen sehr schlecht gelaunt, weil sie sich untereinander im Weg standen und es ihnen nicht schnell genug ging.

Mit dem Flugzeug flog ich nach Teneriffa.

Auf Teneriffa fuhr mich ein Taxifahrer zum Hafen. Am Hafen musste ich drei Stunden warten, denn die Fähre legte erst um 19 Uhr am Abend ab. Ich ging zum Strand. Das machte das Warten schöner.

Strand, Palmen

Ich aß Tapas, beguckte die Menschen, las in meinem Buch und ließ mich von der Sonne bescheinen. Am Abend bestieg ich die Fähre nach La Gomera.

Seite eine Fähre, Aufschrift "RED.OLSEN". Dahinter ein weiteres Schiff.

Ich stand oben an Deck, Musik dudelte, Autos fuhren unter mir aufs Schiff. Lkws bugsierten sich rückwärts auf verschiedene Spuren des Autodecks.

Von der Fähre aus sah ich den Hafen von Los Cristianos. Mein Aioli-schwangerer Atem trieb Mücken in die Ohnmacht.

Hafen im letzten Licht. Beleuchtete Häuse, Laternen auf dem Kai.

Angekommen auf La Gomera, zerrte ich meinen Koffer zum Hotel in San Sebastián, nahm die Zimmerkarte in Empfang, kaufte mir noch ein Brot und ein Getränk, setzte mich aufs Zimmer und schlief ermattet ein, während Andere über Verbrechen talkten.


Tag Eins auf La Gomera | Heute Morgen weckte mich der Wecker, denn ich wollte pünktlich den Mietwagen abholen. Ich war noch fürchterlich müde, aber die Welt war bunt und sonnig.

Blick auf einem Fenster auf bunte Häuser an einem Berghang. Die Sonne scheint.

Ich frühstückte, checkte aus, zerrte meinen Koffer zurück zum Hafen und übernahm dort den Mietwagen.

Weil ich in den Bergen wohne, dreißig Minuten vom nächsten Supermarkt entfernt und auch sonst von nur wenig Zivilisation umgeben, kaufte ich in San Sebastián erstmal einen Kofferraum voll ein: Wasser, Milch, Saft, Brot, Butter, Müsli, Obst, Gemüse, Nudeln und all das Zeug, was man für eine Lebensmittel-Erstausstattung braucht. Allerdings benötigte ich zwei Runden durch enge Gassen, um zu erkunden, wo denn der ausgeschilderte Supermarkt ist. Von außen war das nämlich nicht erkennbar: Er ist nur durch eine Passage erreichbar, es gibt auch keinen Outdoor-Parkplatz, der Hinweise geben könnte, lediglich eine Tiefgarage, deren Einfahrt sich Camouflage-artig ins Straßenbild einfügt. Die Tiefgarage ist die engste Tiefgarage Spaniens, dessen bin ich mir sicher. Ich war heidenfroh, nur einen Corsa zu fahren. Ein- und Ausparken gelang in – ich übertreibe nicht – zwölf Zügen. Zwischendurch war ich sicher, für den Rest meines Lebens zwischen einem Pfeiler und einem Renault verweilen zu müssen. Die Servolenkung beantragte noch bei der Ausfahrt ein Sabbatical.

Danach verließ ich San Sebstián. Blick auf die Hauptstadt der Insel, im Hintergrund Teneriffa:

Blick von einem Aussichtspunkt in die Weite: karge Berge, eine Stadt am Meer, im Hintergrund die Insel Teneriffa.

Rund eine Stunde fuhr ich in Kurven über die Insel, überholte Radsportler, wurde von Einheimischen überholt, fuhr durch Nebelwald und durch Vulkangestein, bis ich nach Epína kam. Dort bog ich auf einen breiten, rumpeligen Feldweg ab. Für die sechs Kilometer zum Ziel brauchte ich fast eine halbe Stunde, so holprig, ausgewaschen und uneben war die Straße. Dafür, liebe Leute, gibt es SUVs. Und nur dafür.

Dann kam ich an dem kleinen Studio in den Bergen an. Die Tür stand offen, ich ging durchs Tor auf die Terrasse. Nice, sagt man wohl.

Überdachte Terrasse, Blick auf Berge, dahinter das Meer, eine Hängematte baumelt im Sonnenschein.

Als ich gerade begonnen hatte auszuladen, kam die Vermieterin M, eine sehr schöne, ältere Dame. Sie wohnt direkt neben mir, wie in einem Reihenhaus, nur in viel kleiner.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, die verschiedenen Möglichkeiten zu testen, wo man an diesem Ort zu liegen kommen kann. Die erste Möglichkeit ist das Bett:

Füße, dahinter eine Terrassentür, dahinter grüne Berge und Sonnenschein.

Die zweite Möglichkeit sind die Liegen vor dem Bett. Dort lag ich auch, habe aber kein Foto gemacht.

Die dritte Möglichkeit sind die Sonnenliegen neben dem Haus. Dort ist es am Nachmittag sehr schön, wenn die Sonne schon weiter im Westen steht.

Terrasse, Sonne, Blick aufs Meer

Die vierte Möglichkeit, zu liegen zu kommen, ist die Hängematte. Sie erwies sich als ausgesprochen gemütlich, zumal sie an ein Geländer grenzt, mit dem man sich Anschwung geben kann. Dort werde ich in den nächsten Tagen länger liegen.

Heute ging die Sonne unter, kaum hatte ich mich niedergelassen.

Händematte, im Hintergrund Sonnenuntergang

Abends kochte ich mir Nudeln. Dann begann ich zu bloggen. Das Internet hier ist vorhanden, aber nicht das schnellste. Videos abspielen geht manchmal, manchmal auch nicht. Fotos hochladen dauert.

Während ich diesen Beitrag schrieb, hörte ich Podcasts, darunter einen BR-Talk mit dem SAP-Personalchef Cawa Younosi, der als Teenager aus Afghanistan floh und mit nichts in Deutschland ankam. Beeindruckende Biografie und gute Ansichten.

Verrückte Nahverkehrspreise, Sofasonntag, eine Keynote und ein Dank

9. 12. 2019  •  8 Kommentare

Broterwerb I | Am Freitag hielt ich eine Keynote. Titel: „Was Veränderung mit uns macht. Einsichten und Erkenntnisse aus drei Perspektiven“. Ich teilte meine Erfahrungen als Mitarbeiterin, Führungskraft und Beraterin und erzählte von den Dingen, die mir geholfen haben, Veränderung zu initiieren und Menschen zu verstehen, die mit Wandel konfrontiert sind.

Vanessa mit Headset (Selfie)

Das Feedback nach dem Vortrag war prima. Im Nachgang kamen auch noch total schöne Rückmeldungen per Mail. Das hat mich sehr gefreut.


Hoch die Hände! | Danach Wochenende. Eine Freundin kam nach Berlin. Weil sie vor 15 oder noch mehr Jahren zuletzt in Berlin war, machten wir Touri-Programm: Bundestag, Kanzleramt, Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal, Potsdamer-Platz und all das, dazwischen ein bisschen Bergmannkiez, Kaffee und Apfelstrudel und an den Abenden leichte alkoholische Getränke.

Die Hackeschen Höfe waren hübsch wie immer:

Innenhof, bunt und beleuchtet, mit einem Tannenbaum

… und sogar noch ein bisschen hübscher, weil doll dekoriert.

Innenhof mit viel, sogar sehr viel Weihnachtsdeko, vor allem Lichterketten und Weihnachtskugeln

Auf unserem Weg begegneten wir auch der tapfersten Dahlie Berlins: Irgendwo in Mitte trotzt sie dem Dezember und blüht, was das Zeug hält.

Blühende rosa Dahlie vor einer Reihe Mehrfamilienhäuser

Sofasonntag | Am Sonntag brachte ich die Freundin zum Bahnhof, sank danach ermattet aufs Sofa, klemmte mir eine Wärmflasche in den Rücken und schaute die Mediathek leer. Guter Film: Du bist dran – Beziehungsdrama mit Lars Eidinger und Ursina Lardi. Auch ganz guter Film, wenngleich deutlich flacher: Eine Klasse für sich – Hans Löw und Alwara Höfels machen ihr Abitur nach. Verliebt auf Island war so schlicht, dass ich zwischendrin eine Stunde einnickte und der Handlung danach dennoch nahtlos folgen konnte.

Abends war ich zum Adventsumtrunk in Kreuzberg eingeladen. Die ersten Kilometer ging ich zu Fuß. Blick auf den Ostbahnhof:

Nächtliches Berlin, Blick über Bahngleise in Richtung Fernsehturm

Doch mit der Zeit begann es zu nieseln. Ich stieg auf einen E-Roller und rollerte den Rest des Weges – und am Abend auch zurück. Das war sehr prima.

Dort war auch die Kundin vom Freitag. „Du musst kommen! Ich habe noch ein Geschenk für dich!“ (Irgendwie bin ich irgendwann oft beim Du mit meinen Kund:innen).

Jedenfalls: Die Toffifee-Sache wird zu einem Selbstläufer.

Im Bild auch: der Umtrunkspunsch, alkoholfrei. Dazu gab es auch sehr köstlichen weißen Glühwein.


Broterwerb II | Heute hatte ich in Teltow zu tun und musste schon früh dort sein. Deshalb stand ich um 05:20 Uhr auf und machte mich auf den Weg über Ostkreuz und Südkreuz raus nach Brandenburg.

Auf dem Hinweg stieg ich erstmal in die falsche Bahn, dachte an der Haltestelle Plänterwald: „Häh?“, und hatte am Baumschulenweg dann die Erleuchtung, dass das so nicht richtig sein konnte. Erfreulicherweise kam ich von dort aus ebenfalls zum Südkreuz – zwar mit Stellwerksstörung vor Tempelhof, aber was solls. Auf dem Rückweg dann Polizeieinsatz und wiederum ausfallende S-Bahnen. „Da kriegste heute ein sehr authentisches Bild“, meinte meine Begleitung.

Erstaunlich übrigens, dass eine Viererkarte von Berlin nach Teltow, also zweimal hin, zweimal zurück, nur 13,20 Euro kostet. Im Ruhrgebiet bezahle ich die Summe schon für einen einzelnen Hinweg – bei vergleichbarer Strecke. Als ich am Ticketautomaten stand, habe ich zunächst abgebrochen und andere Leute vorgelassen, weil ich dachte, das könne nicht sein. Ich sah im Handy nach. Aber der Preis war tatsächlich der Preis. Für vier Fahrten von je 30 Kilometern Länge! In ein anderes Bundesland! Verrückte (und tolle) Welt.

Auf dem Rückweg übermannte mich starke Müdigkeit, weshalb ich mir nur noch Schrippen kaufte und danach ins Appartment stiefelte. Am Abend der großartige Film Zeit des Erwachens – warme Empfehlung.


<3 | Danke an alle, die mir Appartmenttipps gegeben haben. Ihr seid super! Das wird mir im kommenden Jahr helfen.



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