Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Dienstag, 14. August

Am Morgen regnete es immer noch. Die Natur war verwirrt angesichts der ungewohnten Nässe. Die Dompfaffen hockten geduckt unter Blättern. Das Eichhörnchen rieb sich mit überschlagenen Armen den Oberkörper warm.

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Heute wieder Schreibknast: die Konfrontation des Selbst mit gnadenloser, terminloser, musikloser und ablenkungsfreier Langeweile, damit alle geistigen Ressourcen in die Produktion einer Geschichte fließen.

Die Sache nimmt Schwung auf. Alle wichtigen Figuren sind eingeführt. Die Protagonistin begibt sich auf ihren Weg. Die ersten Abenteuer beginnen.

Gleichzeitig merke ich, dass ich theoretische Grundlagen des Schneiderhandwerks brauchen werde. Nicht jetzt, aber bald. Ich werde Menschen mit Fragen behelligen müssen; muss allerdings erst herausfinden, mit welchen Fragen.

Ich steuere zudem auf die erste Liebesszene zu. Noch werden im Buch einige Wochen vergehen, aber ich sehe sie schon am Horizont. Erwäge zum Schreiben den Konsum eines 2009er Moro del Moro aus dem Bestand, dazu Kerzenschein. Wie das Klischee das so vorsieht.

// Counter: 23.235 Wörter, 144.800 Zeichen.

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Der Schriftsteller Saša Stanišić denkt über Textausschnitte nach, die man Strg + X ausgeschnitten hat und seither mit sich herumträgt; die auf der Tastatur liegen und die man den ganzen Tag über bei sich hat. Mein heutiger Textausschnitt ist der erste Schritt auf dem weiten Weg zur Weinverkostung, ich erwähnte es gerade. Ich nahm den Ausschnitt mit zum Joggen, ich kochte mit ihm und schrieb mit ihm eine Postkarte, eine analoge:

Jetzt, aus der Nähe, sah ich jedoch, dass er zwar bereits Falten in den Augenwinkeln hatte, aber dennoch einen jugendlichen Gesichtsausdruck besaß, neugierig und spitzbübisch. Sein Blick war warm und voller Zuversicht. Er gehörte zu den Menschen, die, wenn sie vor Publikum stehen, seriös wirken und Angst einflößen, wenn man allerdings mit ihnen spricht, eine lebendige, aufgeschlossene Mimik haben, die von Offenherzigkeit und Empfindsamkeit zeugt.

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Ich habe einen toten Grashüpfer in der Küche gefunden und fotografiert. Anschließend Trauerfeier und Beisetzung.

Toter Grashüpfer. Sieht aber noch ganz frisch aus.

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Da bloggt man einmal, vielleicht sogar das erste Mal, über Sex, und schon haben die Leute Fantasien. Habe kurz überlegt, ob ich jetzt unseriös wirke, denke aber, dass meine Seriösität vor dem Hintergrund intensiven Tagebuchbloggens – irgendwo zwischen Unternehmensberatung, Kalendergirls und der internationalen Waffelskala – eine komplexe Sache ist und überlasse die Bewertung dem geneigten Publikum.

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Herr Paul ist krank und kann grad nur in kurzen „Piep“-Beiträgen tagebuchbloggen. Er fehlt mir. Von Herzen gute Besserung, lieber Paul!

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Angeguckt: Zum Schwimmen in den Keller – BRD der 80er Jahre: Fotos von Swimmingpools in Privathäusern. Gekachelte Glückseligkeit in Orange und Hellblau.

GelesenFairtrade? Bio? Für viele Kaffeebauern sind die Siegel ein Unglück (Blendle, €). Deutschland ist nach den USA der größte Kaffeeimporteur der Welt. Die Sache mit den Siegeln ist allerdings knifflig. Bestärkt mein Gefühl, dass ich als Verbraucherin, egal was ich mache, doch nicht das Richtige tue. Oder mit anderen Worten: Es ist kompliziert.

Gelesen: Die großen Zeiten werden wiederkommen (Blendle, €). Interview mit Melody Harris-Jensbach, CEO von Jack Wolfskin über die Vergangenheit und Zukunft der Outdoor-Marke.

Montag, 13. August

Den Morgen sehr schön verbracht, mehr muss man dazu nicht sagen.

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Danach war ich beim Juwelier einkaufen, so nenne ich den Edel-Edeka in der Dortmunder Stadtkrone; ein schnieker, nach allen Regeln der Kunst ausgleuchteter und bedufteter Edeka, in dem man handgemolkenen, regionalen Joghurt in Pfandgläsern und freilaufendes Gemüse kaufen kann, das man in abbaubaren Beuteln verstaut, dazu 44 Sorten Vinaigrette aus 52 Ländern. Es ist ein Edeka, der sich für etwas Besseres hält – was in Dortmund allerdings schwierig ist, denn in Dortmund schieben Dortmunder durch die Gänge, und sie sagen Dinge wie:

„Is dat’n Zutschini? Dat sieht so komisch aus.“
„Jo. Die gibt’s auch in rund.“
„Braucht kein Mensch.“

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Es hat geregnet und regnet immer noch. Richtig doll hat es geregnet, geradezu geschüttet, und das immer mal wieder, das erste Mal seit – ich weiß nicht, wann. Als ich heute Morgen erwachte, kam mir das Geräusch unverhältnimäßig laut vor, dieses ungewöhnliche Plätschern, die dicken Tropfen, die auf die Terrasse flatschen. So hört sich also Regen an. Und wie nass der ist.

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Gelernt, was Hungersteine sind. (via Frau Novemberregen)

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Am Abend habe ich die Kalendergirls trainiert. Die Kalendergirls sind immer etwas besorgt, wenn ich Training mache. Es geht das Gerücht um, es sei dann anstrengend und sie müssten viel laufen. Dabei haben wir heute unter anderem Yoga gemacht, denn Yoga, das wissen wir seit diesem Eintrag, ist mehr als atmen.

Außerdem gab es eine neue Übung für den Beckenboden, die ich bei Hilaria Baldwin auf Instagram gelernt habe. Hilaria ist die Frau von Schauspieler Alec Baldwin und Promi-Influencerin. Promis, Glamour und Beckenbodentraining können gut ins Training einfließen, finde ich. Wir sind alle nicht mehr die jüngsten, und die, die jung sind, werden auch bald älter. Dem muss man entgegenwirken, generationenübergreifend und mit Glitzer. Oder, wie Hilaria schreibt:

„Reasons to work the pelvic floor: better sex, better control over bladder and 💩 , fitter body (particularly abs) …“

Die Übung sorgte vor allem für Erheiterung. Verstehe das, wer will.

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Apropos „better sex“:

GelesenThe Best Sex Advice a Man Can Learn – übers Partnersein im Bett.

Sex is exciting, but it can also be overwhelming. The urges, the heat of the moment, the thrill, the hunger and need for release…there’s a lot of pent up energy in male sexual desire.

And in female. Glaubt mir.

The mistake so many men make is they get so excited to have sex, and also so anxious about their sexual performance (getting and staying hard, lasting as long as possible) that they forgot the purpose of what they are there for: to have enjoyable partnered sex. With the key word being partner.

Sonntag, 12. August

Schreibknast. Nur noch 330 Seiten to go.
//*rofl

Ich brauche immer eine Weile, bis ich ins Schreiben reinkomme. Manchmal vergehen dazu Stunden, manchmal Tage. Wenn ich dann aber in der Geschichte bin, ist es, als lese ich sie.

Denn obwohl ich die Autorin bin, weiß ich selbst nicht, was in der nächsten Szene geschieht. Ich weiß nur, welche dramaturgische Aufgabe die Szene haben muss, dass sie überleitet, dass sie Tempo rausnimmt, Tempo reingibt, dass sie erklärt, dass sie die Charakterisierung der Figur vertieft oder dass sie eine neue Figur oder eine Wendung einführt. Aber ich weiß nicht, was den Figuren genau widerfahren wird. Dazu erlebe ich die Situation mit ihnen und lasse die Erzählung laufen, ich schaue in die Figuren hinein und lasse sie handeln, wie ich glaube, dass sie handeln würden. Dann geschehen wundersame Dinge, von denen ich selbst überrascht bin. Meist sind das Stunden, in denen die Seiten sich schnell füllen.

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Die Kollegen bei der Sonntagsarbeit im Hibiskus:

Vollgestäubte Hummel an pinker Hibiskusblüte

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Die Eichhörnchen rennen wie angestochen durch den Garten, Haselnüsse im Mund. Während sie auf der Suche nach einem Versteck sind, fällt ihnen ein, wie lecker Nüsse sind. Sie halten inne, richten sich auf und gucken, ob jemand guckt. Sie nehmen die Nuss aus dem Maul, schauen die Nuss an, schauen an sich runter, schauen die Nuss an. Sie essen die Nuss auf. Sie rennen los, um eine neue Nuss zu verstecken. Soul Mates.

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Zucchinikuchen gebacken und eine gelbe Zucchini verwertet (Rezept). Müssen ja weg, die Dinger.

Angeschnittener Zucchinikuchen mit Schokoguss und bunten Streuseln drauf

Seit vor zwei Monaten mein Mixer kaputtgegangen ist, vermisse ich ihn nicht. Teig rühren geht mit der Küchenmaschine. Den Eischnee habe ich mit der Hand geschlagen. Macht auch schöne Unterarme.

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Gelesen: #MeTwo: „Wo kommst du eigentlich richtig her?“ – Darf man das fragen? Die Antwort: Kommt darauf an. Kann man mit Empathie und Verstand aber auch selbst drauf kommen. (via Miriam)

Gelesen: 7 Habits You’ll Notice the Happiest People Practicing (But Most of Us Rarely Do) – Wahrscheinlich die sieben Gründe, warum ich so ausgeglichen bin. Bis auf die Sache mit der Geduld. Die übe ich täglich aufs Neue. (via Dirk)

Samstag, 11. August

Schreibknast, im Garten sitzend. Wie so eine Romanautorin. Zwischendurch Prokrastonation via putzen. Der Durchzug der vergangenen Tage hat gefühlt die halbe Straße durch meine Wohnung geweht. Saugroboter Johnny war kurz davor, einen Betriebsrat mit sich selbst als Vorsitzendem zu gründen.

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Alexander hat sich von meinen Erlebnissen in Bergamo inspirieren lassen und verbringt dort ein Wochenende. Fühle mich wie irgendwas zwischen Hipster-Influencer und Reiseverkehrskauffrau.

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Aus Juli Zehs „Unterleuten“. Ich mag es, wie sie den Figuren Charakter verleiht.

Eine halbe Seite aus "Unterleuten"

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Gestern wieder 2.000 Meter geschwommen, Sturmedition. Dabei vier im Wasser treibende Blätter, drei Äste und diverses Kleingekröse eingeatmet. In mir wird ein Baum wachsen. Sehr qualvoll, dieses Schwimmen, wenn ich kurz vorher nur drei Knäckebrote esse. Auf den ersten 1.000 Metern war das Knäcke noch nicht verfügbar, 800 Meter lang gab es mir Power, und auf den letzten 200 Metern war’s dann auch schon wieder vorbei. Mein Körper: ein schlichter Verbrennungsmotor.

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Gesehen: Kulenkampffs Schuhe – Filmmacherin Regina Schilling verwebt das Leben ihrer Kindheit und das ihres Vaters mit dem der Showmaster der Nachkriegszeit: Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander, Hans Rosenthal. Eine beeindruckende Dokumentation über das Nachwirkungen des Krieges, das Totschweigen der Vergangenheit, die Gefühle in Nachkriegsfamilien und die Rolle des Fernsehens.

Gelesen„Sie leben in einer völlig anderen Welt“ – Der Elitenforscher Michael Hartmann darüber, was Eliten sind, wie viele Menschen in Deutschland zur Elite gehören und dass die Eliten sich von der normalen Bevölkerung entfernen.

P.S.: Die Installation steht noch.

Mittwoch, 8. August

Am Morgen um 6 Uhr bin ich von einem gewaltigen Donner erwacht: Gewitter! Ich hüpfte aus dem Bett, um den nicht wasserfesten Tisch auf der Terrasse ans Haus zu ziehen. Doch nach dem Donner war auch schon wieder Schluss. Es fielen acht Tropfen Regen in drei Reihen. Fertig.

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Ich habe den Start eines Projekts vorbereitet und dabei meine Erfahrungen mit gelungenen Aufttakttreffen aufgeschrieben, neudeutsch: Kick Off.

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Im Zuge der European Championships habe ich die Schwimmwettbewerbe im Fernsehen angeschaut und die Zeiten und Schwimmstile mit meinen Zeiten und meinem Schwimmstil verglichen. Fazit: Ich habe noch Luft nach oben.

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Skulptur in der Küche installiert. Ich nenne sie: Der gute Wille.

Kärcher Fensterreiniger, auseinandergebaut, an der Steckdose

Das Feuilleton schreibt:

„Der gute Wille“ kommt beiläufig daher: Er greift die Alltagssprache auf und spielt mit dem Duktus des Gewöhnlichen. Gleichzeitig ist seine Darbietung ästhetisch überzeugend: Das fröhliche Gelb signalisiert Tatkraft, während die zerstückelte Anordnung die Gebrochenheit eines Menschen im neuen Jahrtausend versinnbildlicht, zerrissen zwischen dem eigenen Anspruch und dem Wunsch nach Muße, zerrieben zwischen den Mühlen des Perfektionismus und der Erwartungshaltung einer Gesellschaft, die nur das Einwandfreie und Makellose kennt.

Die Leere des Wasserbehälters: ein Zeichen des inneren Vakuums, aber auch des Sichwidersetzens gegen einen mittels Automatisierung durchgetakteten Alltag.

Die Aggressivität des auf den Betrachter zeigenden Schlauches: ein Auch-Du-bist-Gemeint an einen ebenso fiktiven wie realen Addressaten; das Einbeziehen des Außenstehenden in ein Wir der gemeinsamen Verantwortung.

Das Daliegen des Wischers, wie ein Tiger auf dem Sprung: die Möglichkeit, jederzeit einzugreifen in den Zeitenrhythmus des Schmutzes und des Vergehens; gleichzeitig eine Ikone aktiver Tatenlosigkeit. Letzteres kann durchaus als politisches Zeichen verstanden werden, als  Aufbegehren gegen das Müssen, als Wunsch nach Natürlichkeit im artifiziellen Alltag der Großstadt.

„Der gute Wille“ ist noch mindestens bis zum Wochenende im Dortmunder Süden zu sehen. Eintritt gegen ein Spaghettieeis.

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Gelesen: Lydia ist blind und formuliert Wünsche an die Bedienung in Restaurants. (via Frau Kaltmamsell)

Dienstag, 7. August

Krieg am Vogelimbiss:

Vogelimbiss - Vogel sitzt auf Futterstation und hackt auf heranfliegenden Konkurrenten ein

Vogelimbiss - Vogel sitzt auf Futterstation und hackt auf heranfliegenden Konkurrenten ein

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Vorteile der Hitze:

  • kein Unkraut in den Balkonfugen
  • Ich muss nicht Rasen mähen.
  • keine Nacktschnecken
  • Wäsche trocknet noch während des Aufhängens.
  • optimale Hefeteig-Wohlfühltemperatur
  • Die Thorstis denken, sie seien in Südspanien.
  • Ich bin braun wie nie und sehe fantastisch aus.
  • Eis. Es gibt mehr Gründe denn je für Eis.
  • Und für Getränke mit Eiswürfeln. Suze zum Beispiel. Oder Gin.
  • Freibad
  • Es ist inzwischen so heiß, dass niemanden mehr interessiert, was man anhat. Hier fahren die Leute im Bikini durch die Straßen, es ist alles egal.

Was ich einzig nicht verstehe: Wie kann man als Gastronom noch Nulldrei ausschenken? Wenn mir der Kellner mit Nulldrei kommt, denke ich: „Wottsefak, ist das etwa Nulldrei? Was erlauben Wirt?!“ Bringt mir Krüge. Ach was, Eimer.

Ich werde erfinderisch mit dem, was ich trinke. Weil: immer nur Wasser – das macht mich nicht an. Also koche ich mir jeden Tag drei Kannen Tee, die ich kalt stelle: Kräuterzeug mit irgendwas mit Lemongrass, dazu frische Minze, Eiswürfel rein. Außerdem im Sortiment: Saftschorlen, Zitronenwasser, Wasser mit Holundersirup, Gurkenwasser (grenzwertig). Alkoholfreies Pils, immer gut, besonders am Abend. Wassermelone. Wenn das alles durch ist, wieder Tee.

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1.750 Meter geschwommen – mit dem Rosa Bänkchen als Schwimmbegleitung. Danach ein Calippo gekauft. Maximales Freibadfeeling. #twitterschwimmen

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Gelesen: What Do 90-Somethings Regret Most?

Am Ende sind es die Beziehungen zu anderen Menschen, die uns glücklich machen.

Put simply, when I asked one person, “Do you wish you accomplished more?” He responded, “No, I wished I loved more.”

Gelesen: Generation Angst – mit ihr haben wir nicht gerechnet! über die Millenials und ihre Erwartungen an die Arbeitswelt. Ich finde solche Befragungen nur semi-aufschlussreich. Denn es ist methodisch fragwürdig, hypothetische Erwartungen zu etwas abzufragen, das die Befragten nicht oder nur bedingt kennen. Wenn man mich fragte: „Wie würdest du gerne im All leben?“, hätte ich gerne einen Schwerelosspielplatz und einen coolen Ausguck. Wenn ich dann tatsächlich im All lebte, würde ich wahrscheinlich antworten: „Klo mit Spülung.“ Oder whatever. Was ich damit sagen will: Ich kann nur bedingt sagen, was ich brauche und was mir wichtig ist, wenn ich noch nicht in der Situation war, nach der ich gefragt werde.

Hätte man mich mit 22 Jahren gefragt, was meine Wünsche an die Arbeitswelt sind, wären mir andere Dinge wichtig gewesen, als mir jetzt wichtig sind. Meine Perspektiven und die Bedürfnisse haben sich in den vergangenen 20 Jahren verändert, mein Horizont hat sich erweitert, ebenso hat sich mein Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten vergrößert  – und mit allem haben sich meine Vorstellungen vom Arbeiten verändert. Was ich einzig aus dem Artikel mitnehme: Die Befragten möchten gerne Perspektive, Entwicklung und ein gutes Miteinander. Das ist jetzt nicht so außergewöhnlich und sehr gut nachvollziehbar.

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Sonntag, 5. August

Ins Sauerland gefahren. Dort habe ich zunächst Oma und Opa und noch ein paar andere Leute gegossen – Auftrag von Vattern. Danach fuhr ich weiter zur Tante und zum Onkel.

Friedhofsaussicht:

Friedhofsaussicht: Berg runter mit Grräbern, dahinter berg rauf mit Häusern

Bei der Tante war ich zum Mittagessen. Sie hatte „Erotisches Hähnchen“ gekocht – wobei niemand weiß, was an dem Gericht erotisch ist. Es heißt einfach so: ein Rezept aus einer Frauenzeitschrift. Aus meiner Sicht besteht die Erotik vor allem aus einer großen Menge Sahne, mit der das Hähnchen überbacken wird, und aus Spätzle, die meine Tante dazu reicht. Nach der Mahlzeit hatte ich das Gefühl, nie wieder etwas essen zu können.

Spoiler: Am Abends ging’s dann aber schon wieder.

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Der eigentliche Anlass meiner Reise war ein sportlicher: Die Kalendergirls haben ihr erstes Testspiel in der Vorbereitungssaison 2018/2019 bestritten – bei mir in der sauerländischen Heimat.

Die Kalendergirls haben mir ein Abschiedsgeschenk gemacht. Denn ich bin nun endgültig aus dem aktiven Spielgeschäft ausgestiegen – aus Altersgründen und aus Gründen der zunehmend steigenden Erholungsdauer, die ich nach einem Spiel benötige. Die liegt nämlich mittlerweile bei einer Woche, was im Raum-Zeit-Kontinuum nicht passt, da ja nur zwei Tage nach dem Spiel schon wieder Training ansteht, und zwei Tage nach dem Training ein zweites Training.

Sie lesen richtig: Die Kalendergirls trainineren nun zweimal pro Woche. Das liegt daran, dass sie in der vergangenen Saison doch noch aufgestiegen sind – etwas überraschend durch eine Regelung für Zweitplatzierte, die so komplex ist, dass ich sie an dieser Stelle nicht wiedergeben kann. Jedenfalls haben wir alten Veteraninnnen die Mannschaft seit ihrer Gründung zwei Ligen hochgespielt, und genau das war das Ziel. Also kann ich aufhören.

Die Mannschaft hat mir zum Abschied ein T-Shirt geschenkt:

T-Shirt-Aufdruck: Miss September bis Mai

Für Handballmuggels: Die Saison geht immer von September bis Mai.

Rückseite:

T-SHirt-Aufdruck: Vom Kalendergirl zum super Co-Trainer

Ich werde unseren Trainer nun ein wenig unterstützen – denn so ganz loslassen geht nicht. Ab und an muss ich einfach einen Ball in der Hand haben, sonst trübt sich meine Seele ein und ich werde schwermütig.

Dazu hat mir die Mannschaft noch ein weiteres Geschenk gemacht: eine Stoppuhr. Wenn es etwas zu stoppen gibt, muss ich nun nicht mehr mit meinem Handy stoppen – zum Beispiel die Zeit, in der die Damen sich im Unterarmstütz befinden, um sich eine sensationelle Rumpfstabilität zuzulegen.

Die Torfrau sagte mir, es habe in der Mannschaft eine Diskussion darüber gegeben, wie viele Runden so eine Stoppuhr für eine Co-Trainerin stoppen können muss. Sie selbst habe für drei Runden plädiert. Mehr Trainingsintensität müsse schließlich nicht sein. Die Stoppuhr, die ich nun bekommen habe, kann 500 Runden stoppen. Die Torfrau ist bedrückt.

Eigentlich wollte ich in den kommenden drei Trainingseinheiten nichts machen, was man stoppen muss. Angesichts dieses wunderbaren Geschenks habe ich meine Meinung nun geändert. Tja. 

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Im Anschluss ans Spiel war ich zwei Kilometer schwimmen. Eine gute Performance. Ich bin sicher, es lag am erotischen Hähnchen. Eine gehaltvolle Mahlzeit aus Fett und Kohlenhydraten vier Stunden vor dem Sport, und es geschehen Wunder.

Circa-Zeiten der Bahnhofsuhr am Schwimmeisterhäuschen:

500 Meter: 11 Minuten
1.000 Meter: 23 Minuten
1.500 Meter: 36 Minuten
2.000 Meter: 51 Minuten

Ich bin also immer eine Minuten langsamer geworden. Hat sich auch so angefühlt. Anfangs war ich alleine auf der Bahn, hinterher waren wir zu Viert. Die ein oder andere Wartezeit, um den anderen überholen zu lassen – oder bevor man selbst überholen kann – summiert sich dann auf. Es war mir aber auch ganz recht, bei der Wende ein bisschen verschnaufen zu können. Auf den letzten Bahnen wusste ich die Arme kaum noch über den Kopf zu kriegen.

Es ist übrigens erstaunlich, wie ganzkörpermuskelkaterig so ein Schwimmmuskelkater sein kann. Warum ist das so? Werden beim Schwimmen die tiefen Muskelgruppen angesprochen, die ich sonst nicht brauche? Ich fühle jedenfalls eine umfassende Anstrengung vom Hals bis in die Zehen. Wunderbar.

Samstag, 4. August

„Von Profis lernen“, dachte ich mir in den vergangenen beiden Tagen – erinnerte mich an meine Zeit in Italien und lebte einen mediterranen Tagesrhythmus: Am Freitagmorgen Arbeit, dann eine ausgedehnte Siesta mit einer Schwimmeinheit im Freibad, Mittagessen und leichte Ruhe, ab 17 Uhr wieder zurück an den Schreibtisch.

Das war hervorragend. Und vor allem: Die Schwimmerbahn war erfreulich leer. Nur drei weitere Schwimmer waren dort, die allesamt schwimmen konnten und nicht nur aufs Wasser einprügelten. Friedlich und gleichmütig zogen wir unsere Bahnen, bis es dann doch voller wurde. Bis dahin hatte ich aber immerhin 1.800 Meter geschafft, davon mehr als die Hälfte im Kraul. Das genügte.

Danach saß ich noch am Beckenrand auf einer Bank, ließ mich von der Sonne trocknen und beobachtete das Geschehen. Ins Schwimmbad nehme ich kein Handy mit. Es ergibt sich dann eine erfreulich meditative Stimmung vor dem Hintergrund von Schreien, Rufen und dem Geruch von Freibadpommes.

Heute Morgen hatte ich dann ausgedehnten Muskelkater im Schultergürtel. Das war wohl der Kilometer mit den Paddles, den ich dort spürte. Gutes Gefühl.

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Ein bisschen über Phoenix West Fahrrad gefahren.

Panoramaaufnahme: Phonixhalle

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Zu meiner Offenbarung, dass ich Gitarre spielen könne, bekam ich diverse Nachrichten – unter anderem diese:

„Du kannst Gitarre spielen? Du hast also einen Garten, einen Pool, einen Grill, Fackeln und könntest dabei Gitarre spielen. Und das erfahre ich jetzt erst?!“

Ich antwortete:

„Ich bin eine Frau voller Geheimnisse. Abgesehen davon ist der Pool kaputt. Und ich muss erst wieder üben.“

Daraufhin:

„Okay, ich besorge einen neuen Pool, bringe Wein mit und du übst, ja? Niveau Mundorgel genügt. Deal?“

Deal.

Die erstbesten Noten, die ich in meinem Notenordner gefunden haben, sind die von Mason Williams: Classical Gas. Nach einigen Durchgängen erinnern sich meine Finger tatsächlich wieder – nach so vielen Jahren. Verrückte Sache. Der Mittelteil macht noch Probleme. Aber das wird wieder.

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Gelesen: Mayim Bialik hat diesen Sommer vier Hochzeiten und einen Todesfall erlebt und schreibt sehr schön darüber. Ich mag sie ja ohnehin.

Sonnenliegenlektüre:

11Freunde: Bundesliga-Sonderheft

Donnerstag, 2. August

Das Gartenoffice ist wieder eröffnet. Das macht Freude.

Gartenoffice

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Neue Podcastfolge veröffentlicht. Hier geht’s zum Blogbeitrag. Thema: Sprache und Kommunikation in der Veränderung – mit Fragetechniken und Methodiken der Gesprächsführung.

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Nachgereicht: Bild von der Insektentränke. Den Stein habe ich aus den Abbruzzen mitgebracht, er stammt von der Wanderung zur Eremitenkirche.

Insektentränke: Schale mit Wasser und einem Stein drin. Auf dem Stein: zwei Wespen

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Ich bin freiwillig gesetzlich krankenversichert. Und selbstständig. Weil ich gesetzlich versichert bin, wird mir mindestens einmal monatlich mit entsetztem Unterton mitgeteilt: Das müsse aber doch nicht sein. Ich könne mich doch privat versichern, das sei preiswerter bei besseren Leistungen und überhaupt sei ich damit privilegierter. Ich schreibe meine Antwort jetzt mal auf, dann kann ich sie nämlich immer kopieren und verlinken.

Erstens ist die private Krankenversicherung mitnichten besser, was Prämien und Versorgung angeht – langfristig gesehen, in Hinblick auf meine nächsten zwanzig Lebensjahre, auf steigende Beiträge bei sinkenden Einnahmen. Damit schießt man sich nämlich selbst ins Knie. Merkt man nur leider erst, wenn es zu spät ist.

Zweitens bin ich ein großer Anhänger des Solidaritätsprinzips. Ich bin nämlich im Grunde meines Herzens eine linke Socke und finde es gut, wenn diejenigen, die mehr leisten können, mehr beitragen. Sogar, wenn ich selbst davon betroffen bin. Verrückt, ne?

Drittens engagiere ich mich ehrenamtlich in einer Serviceorganisation, die Geld für bedürftige Menschen sammelt. Wie kann ich da gleichzeitg dem Solidarsystem Geld entziehen, damit ich privilegierter bin? Das wäre doch bigott, und man kann mir vieles vorwerfen, aber nicht, dass ich ein Spiel nicht bis zum Ende durchspiele, auch in Unterzahl.

Viertens halte ich die Leistungen unses gesetzlichen Gesundheitssystems schlicht und ergreifend für gut.

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Am Abend gedacht: Ich könnte mal wieder Gitarre spielen. Also habe ich mir die Klampfe genommen und ein gemütliches Plätzchen gesucht. Die Gitarre war sehr verstimmt (Worüber bloß? Das Wetter?), und als ich sie stimmte, riss auch noch die tiefe E-Saite. Aber – haha. Wohlweislich hatte ich vor einigen Monaten mal einen Satz Saiten bestellt – falls es mich überkommen würde mit dem Spielen und falls genau dann eine Saite reißen würde. Das nenne ich Vorausschau! Also schnell eine neue Saite aufgezogen.

Gitarre: Saite aufziehen

Danach war es allerdings schon 22.30 Uhr, und ich war müde. Also klampfte ich noch ein bisschen rum, stellte fest, dass ich mal wieder üben müsste und befand, dass es zunächst an der Zeit sei, ins Bett zu gehen.

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Grafik angeguckt: In Deutschland brauchen Menschen aus Niedrigverdienerfamilien sechs Generationen, um sich an ein ein durchschnittliches Einkommensniveau heranzuarbeiten. Schlechter sieht’s nur in sechs anderen Ländern aus, darunter Kolumbien, Indien und Südafrika. Dänemark liegt vorn mit zwei Generationen, gefolgt von Finnland, Norwegen und Schweden.

Gelesen: Cheer up, Deutschland! Der Economist über das Land des Pessimismus.

Gelesen: I built my own pancreas. Wie Diabetes-Erkrankte Open-Source-Development betreiben und die Geräte zur Überwachung ihres Blutzuckers verbessern.

Gelesen: Herr Buddenbohm hat unter der Überschrift „Leichtes Gepäck“ ein schönes Sammelsurium zusammengeschrieben, unter anderem zu Unterschenkeln und zur Wanderplanung mit Sohn II und überhaupt.

Christian und ich reden über Sprache in Veränderungsprozessen

Der Sommerpodcast – aufgenommen in kurzen Hosen, bei offenen Fenstern und einer leichten Brise.

Unser Thema ist: Sprache in Veränderungsprozessen. Warum ist die Sprache in Veränderungsprozessen wichtig und was macht eine gute Sprache aus? Welche Rolle spielen Fragen? Duzen oder Siezen?

Wir reden 45 Minuten übers Reden und stellen konkrete Frage- und Gesprächstechniken vor. Mit dabei:

  •  die goldene Regel: Sagen, was man tut. Tun, was man sagt.
  • die Methode des Zusammenfassens
  • eine Möglichkeit, mit Einwänden umzugehen
  • ein Dortmunder Charterflieger mit Pauschaltouristen aus Castrop-Rauxel

Zum Weiterlesen:

Die Folge gibt’s wie immer bei Podigee und bei Soundcloud – und als mp3 zum Download. Außerdem könnt Ihr den Podcast bei iTunes abonnieren.



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