Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Schnipsel zur Lage

7. 11. 2021  •  Keine Kommentare

Jahresenderschöpfung | Es stellt sich Müdigkeit ein. Nicht einzelnen Arbeiten, Aufträgen und schon gar nicht Menschen gegenüber. Mehr im Allgemeinen, bezogen aufs Jahr, aufs Umtriebigsein. Ich wäre in guter Stimmung, zwei, drei oder auch vier Wochen auf dem Sofa zu verbringen, im Rücken eine Wärmflasche, neben mir eine Schüssel mit Lebkuchenbrezeln. Zwischendurch Spaziergänge und ein bisschen Fitnesstudio, um den Körper zu spüren. Der Rest ist Seriengucken und Einnicken.

Ich sinniere über Winterwochen in warmen Gefilden, verwerfe den Gedanken aber wieder.


Fetzen und Vorbeifliegendes |  Im Supermarktprospekt derweil Leckeres zum Grillen. Im Fernsehen Wetten, dass …? Auf dem Markt Grünkohl und Trauergestecke. Die Sonne steht tief. Die Gartenvögel in Fresslaune; zusätzlich haben sich zwei Kleiber eingefunden. Die Radwege mit geschlossener Laubdecke. Suche nach Boosterimpfungen. Erste Fotos aus Weihnachtsbäckereien. Kerzenkauf.

Man hört nichts #zuraktuellenSituation: Tägliche Durchsage der Inzidenzen. Haben wir eine politische Meinung zur bald erreichten 200? Weitermachen, scheint mir.

Waffeln am Sportplatz. Morgenrot im Garten. Stammtisch mit Freunden. Reithalle. Geburtstag im Sauerland.

Nachdem ich fast trockengelaufen war, steht nun der Keller wieder voller Wein. Die Freunde sind aus Italien zurück, haben beim Weingut des Vertrauens eingekauft und zuvor Bestellungen entgegen genommen. Falls doch noch einmal ein Lockdown kommt: Ich bin gerüstet, zumal ich diese Woche auch eine Turnierpackung Toilettenpapier erwarb. Trockenhefe ist auch da.


Late to the Party | Die Abende: Downton Abbey. Ich weiß, ich bin spät dran. Dennoch: großer Spaß.

An der Oberfläche geht es in Downton Abbey darum, welcher blinzelnde Heiratsanwärter dem Kühlschrankcharme von Lady Mary Crawley als Nächstes erliegen wird; außerdem wollen wir vorgeblich wissen, ob der Hiob-artige Kammerdiener Bates sich auch in Zukunft noch jeden Tag in stiller Demut seine Schelle vom Schicksal wird abholen müssen. In Wahrheit aber sind wir natürlich alle da, um die Crawleys um ihr Leben als ewig Dreijährige zu beneiden. Denn hardcore: Sie werden von der Dienerschaft geweckt, angezogen, zu Tisch gebeten, gefüttert, herumkutschiert, umgezogen, abends werden sie entkleidet, gewaschen, gebürstet und ins Bett gebracht […] Und dann dürfen die Crawleys obendrein auch noch Sherry trinken, rumballern und Befehle erteilen.

Downton Abbey: Die Berufung der Lakaien

Auswärtsspiel | Der Blick aus dem Hotelzimmer war trübe: Die Lichter des Busbahnhofs brachen sich in Regentropfen. Brummende Dieselmotoren. In Abständen Blaulichter und Martinshörner. Im Fernsehen: Hardy Krüger jr. und seine Alkoholsucht.

Allerdings: Am Bahnhof entdeckte ich ein Fahrradparkhaus. Das erfreute mich.


Sonstiges | Verlangen nach Kürbis-Ingwer-Suppe.


Gelesen | Frau Herzbruch schaut in die politische Zukunft des Landes:

Olaf Scholz, dessen geheime Superkraft ja nicht Strahlkraft ist, sondern, dass man ihn einfach permanent vergisst und er sich deshalb sogar größte Wirtschaftsskandale und den Einsatz von Brechmittel erlauben kann, ohne dass jemand sich das merkt, wird genau so blass bleiben, wie er ist, für nichts stehen, nichts gestalten, nichts verändern und am Ende einfach in die Geschichte eingehen als die Lücke zwischen Merkel und Söder.  […]

Unbeschadet wird Christian Lindner die vier Jahre überstehen, wenn er nicht irgendwann mit seinem Porsche auf dem Weg zur Rehkitzjagd in eine Kindergartengruppe rauscht. Er hat nämlich die Gabe, kompetent zu wirken, und selbst, wenn er manchmal den Unterschied zwischen brutto und netto nicht kennt, reicht sein Selbstvertrauen ja für 80 Mio Deutsche aus, da braucht es kein Vertrauen mehr von anderer Seite. Er wird also pathetische Reden halten, wird sich, wann immer möglich, von Rot/Grün distanzieren, um dann im Wahlkampf 2025 aufzulaufen mit der Geschichte, dass halt doch nicht jeder Realpolitik kann, und er hätte ja auch 2021 immer für Jamaica plädiert, die Ampel sein ein Experiment gewesen, das leider gescheitert sei. Enter Söder. 

Prognose

120 Prozent im Broterwerb, dazu Herbst und allerlei Erfreuliches

27. 10. 2021  •  3 Kommentare

Herbst | Am Wochenende ging ich mit dem Reiseleiter in der Westruper Heide spazieren. Hübsch, hübsch. Nach dem ganzen Fahrradfahren lief ich allerdings irgendwie unrund, und nach zehn Kilometern war ich auch ganz froh, dass es Abend wurde. Ich muss mich erstmal wieder ans Umherlatschen gewöhnen.


Randnotiz | Beim Latschen durchs Laub wuchs die Erkenntnis: Es wird Zeit, sich um die diesjährige Neujahrskarte für die Kunden zu kümmern. Und um Reifenwechsel, das auch.


Broterwerb |  Zwei Tage Seminar „Frauen in Führung“ mit sieben tollen Teilnehmerinnen aus Berlin, Österreich und dem Frankenland, aus dem Raum Heidelberg, dem südlichen Ruhrgebiet und Köln. Es hat großen Spaß gemacht – auch dank Andrea, die das Seminar gemeinsam mit mir gehalten hat. Ein großes Geschenk, diese Zusammenarbeit.

Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen sprachen über Führung und unsere Haltung dazu. Wir schauten auf männliche und weibliche Kommunikationsmuster, wie man aus der Defensive kommt, wie man auf Unverschämtheiten und unangemessenes Verhalten reagiert. Wir blickten auf Verantwortung, Perfektionismus und Verantwortungsdysfunktionen. Wir schauten auf unsere Werte, was uns antreibt und wie sich beides mit der aktuellen Rolle im Unternehmen deckt. Es gab Ratschläge zur Selbstführung; denn nur, wer sich selbst gut führt, kann auch andere führen.

Zwei anstrengende Tage, die mir aber auch viel Energie gegeben haben. Ich denke: Das Seminar werden wir wiederholen.


Währenddessen | Es gibt ein Phänomen, das ich noch ergründen muss. Fast immer, wenn ich Seminare oder Workshops leite, besonders zweitägige, überschlagen sich außerhalb der kleinen Seminarwelt die Ereignisse, mein Postfach und meine Mailbox laufen voll. Das tun sie sonst nicht jeden Tag, nich einmal jede Woche. Aber dann.

So geschah während des Seminars:

  • Der Tagesspiegel veröffentlichte einen Artikel über mein Buch. Es erreichten mich ekstatische Nachrichten und Mails, und auch der Verlag und die Lektorin freuten sich mit mir.*
  • Ein Bestandskunde fragte, ob ich in der kommenden Woche spontan für eine Management-Tagung zur Verfügung stünde. Man müsse natürlich rasch in die Vorbereitung einsteigen. Mails und Teams-Nachrichten aus verschiedenen Richtungen liefen in mein Postfach, um Abstimmungen zu initiieren.**
  • Die Jury der Dortmunder Literaturförderung hat getagt und schrieb mir, dass sie mich gerne mit einer Lesung in der Stadt- und Landesbibliothek fördern möchte.***
  • Pro Content meldete sich mit der Vorbereitung für ein Projektmanagement-Seminar, das ich in eineinhalb Wochen für Volontärinnen und Volontäre halte. Ob das Programm so bleibe? Man wolle es gerne versenden. Ich mache das Seminar regelmäßig, und die vergangenen Male blieb das Programm stets gleich. Doch diesmal möchte ich tatsächlich etwas ändern. Ich habe nämlich etwas aus den Seminaren gelernt, die ich in den vergangenen Monaten für andere Volontärinnen gehalten habe.****

*die Seitenzahl im Artikel stimmt nicht; es sind 400. Ansonsten natürlich: Yay!!

**ich hatte vorher schon etwas läuten hören und mich terminlich entsprechend organisiert. Insofern: gern. Das Vertrauen, die Moderation kurzfristig zu wuppen, freut mich.

***yeah! Terminabsprache läuft.

****mehr offener Raum für Fragen, mehr Open-Space-Format, mehr Eingehen auf individuelle Fragen der Gruppe, weniger durchgetaktetes Programm


2022 | Heute nahm ich mir etwas Zeit und konzipierte ein Seminarpaket für eine Kundin – erstmal als Brainstorming auf dem Whiteboard. Morgen mache ich es schön.


Workload: 120 Prozent | Im September beginnt es langsam. Danach kommen mit Oktober und November die Monate, in denen alles parallel stattfindet: Der Sommer ist endgültig vorbei, irgendwann sind auch die Herbstferien rum, das Geschäft läuft auf Volllast – Beratung, Workshops, Seminartermine. Gleichzeitig verplanen Kunden und Interessenten noch schnell die Restbudgets des Jahres. Und: Sie planen das Budget fürs kommende Jahr. Im Privaten sind alle Freundinnen und Freunde daheim, niemand ist im Urlaub, jeder möchte sich mit jedem treffen.

Aber: Die Wochenenden bleiben frei von Arbeit. Immer. Wenn das einreißt, bricht ein Damm.


#dieaktuelleSituation | Mehr als 26.000 Neuinfektionen am Tag. Das Gefühl außerhalb der eigenen vier Wände wird wieder schlechter, trotz Impfung. Nicht in kleinen Gruppe, nicht in Seminaren, nicht mit Freunden daheim. In diesen Konstellationen weiß ich, dass alle geimpft sind und dass sie sich umsichtig verhalten. Natürlich – es gibt immer das Risiko der Ansteckung, aber in diesen Runden fühlt es sich vertretbar an. Gastronomie hingegen fühlt sich wieder deutlich unschöner an, zumal der Impfnachweis bei meinen Besuchen selten kontrolliert, niemals gescannt und auf Echtheit geprüft wurde.

Ich hab keinen Bock mehr auf den Mist.


Random Name Generator | Jüngst entdeckte ich den Random Name Generator. Großartig für alle Menschen, die sich regelmäßig Namen ausdenken müssen. Oder wollen, je nachdem.


Gelesen | Innenstadtbelebung ohne Konsum: Vom Kaufhaus zum Schulhaus:

„Auch wir haben hier in Lübeck zu lange der Entwicklung zugeschaut“, sagt Lindenau. Er glaubt nicht, dass sich der Einzelhandel langfristig noch einmal erholen wird. „Erst mit Corona hat man sich den sterbenden Städten zugewandt, dabei war diese Entwicklung auch vorher schon am Gange“, sagt er. Doch während sich der Deutsche Städtetag kürzlich für eine Paketsteuer für den Onlinehandel ausgesprochen hat, um die lokalen Geschäfte zu unterstützen, will Lübeck seine Innenstadt lieber aktiv selbst umgestalten: weg von großen Einkaufshäusern, hin zur gemischten Nutzung der innerstädtischen Räume und Flächen.

Das ist auch mein Eindruck: Wir sollten weg gehen von der funktionalen Trennung „Wohnen – Einkaufen – Arbeiten“.

Besuch einer alten Dame, zurück zu den Wurzeln und ein Revival im Fitness-Studio

24. 10. 2021  •  Keine Kommentare

Der Besuch der alten Dame | Ich beginne den Eintrag mit Flausch. Die Bonushündin war zu Besuch. Eine Woche lang lebte sie bei mir, schlief, fraß und verlor übel riechende Gase.

Einmal packte es sie, und sie jagte für einen kurzen Moment die Gartentaube. Dann schlief sie wieder ein und träumte, bellend wie ein Welpe, von Zeiten, in denen sie wild und gefährlich war.


Neue Podcastfolge | Dass ich mit Eugenia sprach, schrieb ich schon. Nicht aber, dass ich danach köstlich bewirtet wurde.

Teller mit gelber Suppe

Während wir nach der Aufnahme zusammenpackten, holte ihr Mann uns – passend zu unserer Unterhaltung – indonesiches Essen. Ich aß eine köstliche vegetarische Soto Ayam, die so scharf war, dass ich schon nach dem ersten Löffel nach Taschentüchern fragte.


Save the date | Am 25. November – das ist ein Donnerstag – lese ich in der Stiftssbuchhandlung in Nottuln. Sobald ich mehr weiß, wie und wo man sich anmelden oder Karten kaufen kann, gebe ich Bescheid.

Außerdem werde ich Ende Januar (voraussichtlich am 28.) gemeinsam mit dem Dortmunder Tangent Club eine Lesung veranstalten. Vierzig bis fünfzig Leute können vor Ort teilnehmen. Zusätzlich planen wir einen Livestream – alles zugunsten eines wohltätigen Zwecks, der Frauen und/oder Kindern zugute kommt. Vorschläge dazu nehmen wir gerne entgegen. Habt Ihr Ideen?


Zurück zu den Wurzeln | Ich bin ja Mitglied im Ex e.V., dem Alumni-Vereins des Instituts für Journalistik der TU Dortmund. Der Ex feiert jedes Jahr ein kleines Alumnifest – mit einer Podiumsdiskussion und anschließendem Buffet mit Umtrunk.

Dieses Jahr stellte sich die neue (und einzige deutsche) Professorin für Datenjournalismus vor: Christina Elmer (Twitter @ChElm).

Christina Elmer bei ihrem Vortrag

Ich bin aus dem journalistischen Geschäft ja schon eine Weile raus. Trotzdem interessiere ich mich immer noch für die Themen der Branche und werde auch hier und da emotional, besonders wenn es über zukunftsgerichtete Produktentwicklung geht, die gerade in Regionalverlagen, diplomatisch gesagt, innovativer sein könnte.

Den Datenjournalismus finde ich deshalb nicht nur aus journalistischen Gesichtspunkten spannend. Guter Datenjournalismus ist kosten- und personalintensiv, es braucht fachliche Qualität und viel Know-how. Mit der angemessenen Finanzierung von gutem Personal tut sich der Journalismus seit jeher schwer. Dabei würde der Datenjournalismus, beziehungsweise das dahinterliegende empirische und technologische Know-how, das dann im Medienunternehmen vorhanden ist, zahlreiche Möglichkeiten der Refinanzierung von gutem Journalismus offenbaren. Schließlich haben auch Unternehmen Interesse an der Auswertung und Verknüpfung von komplexem Datenmaterial.

(Um redaktionelle Unabhängigkeit zu gewährleisten, ist natürlich Voraussetzung, dass beide Geschäftszweige unabhängig voneinander sind. Nichtsdestotrotz: Potential.)

Das war aber gar nicht Thema von Christina Elmers Vortrag. Vielmehr ging es um Corona-Dashboards und die Zunahme datenjournalistischer Inhalte in der Berichterstattung. Außerdem ging sie auf structured journalism ein, bei dem journalistische Produkte in ihre funktionalen Einzelteile – zum Beispiel Bild, Vorspann, Nachricht, Hintergrund – aufgespalten und modular, unabhängig voneinander eingesetzt werden.

Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich dem Onlinejournalismus. Die Diskutanten waren auch allesamt Alumni der TU Dortmund: Katrin Scheib, die Chefin vom Dienst von Zeit Online, Franziska Fiedler, Leiterin „Digitale Innovation“ beim WDR, Boris Kaapke, der Pressechef der British Telecom Europe, und Janis Brinkmann, Professor für Medienmanagement an der Hochschule Mittweida.

Auch hier ging’s um die Refinanzierung von Onlinejournalismus, aber auch um Qualität. Das ganze Event kann man sich nochmal online anschauen.

Nach dem offiziellen Umtrunk gab’s dann ein Häuschen weiter noch einen Umtrunk. Eine ausgesprochen heitere Runde, das war gut. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.


Broterwerb | Ich habe etwas aufgeschriebeb: „Einfach mal machen!“ – warum diese Management-Forderung nicht funktioniert.


Revival | Diese Woche war ich zum ersten Mal seit …. puh, kann mich gar nicht mehr erinnern … jedenfalls seit mehr als einem Jahr wieder im Fitness-Studio. Bis zum Anfang des Sommers war ja Lockdown. Danach habe ich mich erstmal noch nicht getraut, weil ich noch nicht doppelt geimpft war. Dann war ich geimpft, aber es war Sommer und ich fuhr Fahrrad. Jetzt also kam meine große Stunde, in der ich nach vielen, sehr vielen Monaten wieder das Fitness-Studio betrat.

Ich kam aber gar nicht rein. Das Zutrittssystem hat sich komplett geändert, ich brauchte eine neue Karte. Die neue Karte schließt nun auch die Spinde in der Umkleide. Die ganze Hütte steht voller neuer Geräte, und offenbar ist auch der Studioleiter nun ein anderer (oder er hat sich sehr, sehr verändert). Nichts ist jedenfalls, wie es einmal war.

Ich ließ mich in die neuen, sehr modernen Geräte einweisen. Fantastisch! Ich spüre Muskeln an meinem Körper, die ich schon vergessen hatte. Nach nur zwei Besuchen fühle ich mich unglaublich stark. Bin hochmotiviert.


Gelesen | Vor Gericht – Ein alter Fall von Kriminaldirektor a.D. Manz von Matthias Wittekindt. Klappentext:

Kriminaldirektor a. D. Manz hat sich behaglich eingerichtet in seinem Ruhestand im Dresdner Umland. Er rudert auf der Elbe, kümmert sich um seine Enkelkinder. Doch dann reißt ihn ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin aus seinem Alltag: Manz soll vor Gericht aussagen. Es geht um einen Mord im Jahr 1990, seinen letzten Fall in Berlin, den er nicht mehr abschließen konnte, weil er nach Dresden versetzt wurde. Jetzt, fast dreißig Jahre später, scheint der Mörder gefunden.

Während Manz alte Akten, Fotos, Protokolle sichtet, geschieht, was er nie wollte: Er versinkt in der Vergangenheit. Auch Vera erscheint vor seinem inneren Auge, die Kollegin, mit der er damals zusammengearbeitet hat und die kurz darauf plötzlich verstarb. Haben sie bei ihren Ermittlungen einen Fehler gemacht? Beim Prozess in Berlin muss Manz feststellen, dass etwas gründlich schiefläuft. Steht ein Unschuldiger vor Gericht?

Die Aufklärung des Falles verschränkt sich untrennbar mit Manz’ Blick in seine Vergangenheit, der Auseinandersetzung mit seinem Berufsleben, seiner Ehe, sich selbst. So steht am Ende auch Manz vor Gericht. Nur ist in diesem Fall er selbst der Richter.

Eine ruhig, fast poetisch erzählte Kriminalgeschichte, in der wenig passiert und doch sehr viel. Eine vergnügliche Lektüre, die so endet, wie die ganze Erzählung sich präsentiert: leise. Aber ich will nichts vorwegnehmen. Hat mir gefallen.

Berliner Schnipsel

20. 10. 2021  •  Keine Kommentare

Berliner Schnipsel | Nun ist es schon eine Woche her, dass ich aus Berlin zurückkam. Einige Schnipsel möchte ich dennoch notieren.

Ich besuchte den Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwart. Moderne Kunst und ich, wir passen nicht recht zusammen; sie lässt mich ratlos zurück. Aber man muss sich ja konfrontieren – immer wieder, gerade auch mit den Dingen, die einem nicht liegen. Ich wollte herausfinden, ob sich etwas geändert hat an der Kunst oder an mir. Auch der eigene Blick auf die Welt wandelt sich ja mit der Zeit.

Bei all meinen Konfrontationen ist es außerdem so, dass immer etwas dabei ist, das ich dann doch gut finde. Diesmal war es das Werk von Joana Hadjothomas und Khalil Joreige, die anhand von Bohrkernen die Geschichte Beiruts, Paris‘ und Athen zeigen. Die Kerne hängen wie Zeitkapseln im Raum und zeigen die unter der Oberfläche befindlichen Überreste vergangener Städte. Eindrücklich und zum Denken anregend, senkrechte Menschheitsgeschichte.

Ich betrachtete die Bohrkerne gemeinsam mit jemandem, den ich in meiner Mediationsausbildung kennengelernt habe. Wir trafen uns weiland in Bad Waldliesborn, dem Epizentrum des ostwestfälischen Kurwesens. Es war Nachmittag, und wir standen an der Rezeption eines trutschigen Hotels, dessen Leitfarben Türkis und Dunkelbraun waren. Wir waren beide zu früh angereist und wussten nichts mit uns anzufangen; als Übersprungshandlung gingen wir zusammen Bienenstich essen. Es entsponn sich ein angeregtes Gespräch. Dieses Gespräch hält bis heute an. Er ist Professor für Betriebswirtschaftlehre, ist in den Sechzigern, war lange Jahre Unternehmensberater und hat allerlei anderen, sehr interessanten Hintergrund. Wir treffen uns regelmäßig auf Zoom, um voneinander zu lernen und uns zu inspirieren, ein schönes Arrangement. An diesem Tag in Berlin trafen wir uns real; er ist gebürtiger Berliner, und wir lustwandelten durch die Stadt. Das eigentliche Ziel war ein Baumkuchencafé an der Spree; weil so schönes Wetter war und weil man selbst als engagierteste Baumkuchenliebhaber nicht den ganzen Tag Baumkuchen essen kann, bauten wir weiteres Programm drumherum.

Passend zu den Bohrkernen besuchten wir den Invalidenfriedhof – ebenfalls Zeuge vergangener Zeiten. Ich sagte es schon einmal: Ich mag Friedhöfe. Sie erzählen hunderte von Geschichten.

Der Invalidenfriedhof erzählt nicht nur preußische Militärgeschichte, sondern auch die Geschichte der deutsch-deutschen Trennung: Die Mauer ging mitten durch die Anlagen.

Auf dem Weg zum Baumkuchen kamen wir am Schloss Bellevue vorbei. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte ich den Professor nicht auf den Rasenmähroboter aufmerksam gemacht, der neben einem Bäumchen auf der Wiese stand – ein Trumm von einem Gerät, kantig und in militärischem Grau. „Er stört mein ästhetisches Empfinden schon sehr“, sagte der Professor. „Das würde ich gern klären.“ Sprach’s und marschierte auf das Tor des Schlosses zu. Dahinter stand ein Polizist, ein rundlicher Mann in gesetzem Alter, darauf aufpasste, dass niemand Unfug trieb, die Daumen hinter die Weste geklemmt.

Schloss Bellevue mit Rasenfläche davor

Ob es sich tatsächlich um einen Mähroboter handelte, fragte der Professor, und erntete ein freudiges Nicken. Der Polizist war sichtlich angetan von der Unterbrechung seines Wachdaseins.

Es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch über Mähroboter und Mulchmaschinen, und wir erfuhren, dass der Rasen vor dem Zaun – im Gegensatz zu dem direkt vor dem Schloss – nicht mit dem Roboter gemäht wird, sondern klassisch. Die Gartenbaufirma, sagte der Polizist, bearbeite das Gras mit derselben Technik wie den Rasen im Stadion. Wir schauten genauer hin und sahen das Streifenmuster; ein Abseits wäre hier wunderbar zu erkennen. Am ästhetisch fragwürdigen Vorhandensein des Mähroboters änderte unsere Unterhaltung jedoch nichts: Der Roboter, sagte der Polizist, stehe halt, wo er stehe, er könne auch nicht weggetragen werden, dafür sei er zu schwer. Beschwingt durch das erquickliche Gespräch, aber dennoch asthetisch enttäuscht zogen der Professor und ich von dannen.

Am nächsten Tag reisten der Reiseleiter und die drei Beutekinder an, und wir verbrachten drei Tage in den Straßen der Stadt, an Frittenbuden und als Spione im Museum. Es folgt eine Erzählung in Bildern.

Außerdem entdeckten wir die Hinterhöfe und Spielplätze – Orte, denen ich in Berlin bislang nicht so viel Beachtung geschenkt hatte. Aber mit Kindern, so hört man, ändert sich ja das Leben; das trifft offenbar sogar dann zu, wenn es nicht die eigenen sind.

Panoramaaufnahme von einem Hinterhof mit Spielplatz

Verantwortung ins Team | Ein ganz anderes Thema: Verantwortung. Genauer gesagt: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Verantwortung bringen. Meine Kollegin Andrea Schmitt und ich bieten in Kürze ein Impuls-Webinar an: Kollegiale Führung in der Teamarbeit – Werkzeuge für effiziente Zusammenarbeit und mehr Eigenverantwortung der Mitarbeiter:innen.

Vier Stunden, mit Pausen, in denen wir Methoden, Formate und Tools vorstellen, mit denen man Teams in Verantwortung bringt und die Führungskräften helfen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.


Käte | Cathrin Brackmann vom WDR hat sich mein Buch angeschaut und erzählt im WDR darüber. Auf Youtube stellt meine Lektorin Katharina Dittes „Die Frau, die den Himmel eroberte“ vor:

Es ist noch mehr passiert. Nichts Weltbewegendes, aber dennoch allerlei Schönes. Das erzähle ich in den nächsten Tagen.

Ein Dessert für Sultane und Tischpaschas, Katercontent und kleine Freuden des Alltags

30. 09. 2021  •  7 Kommentare

Herbst | Kalt. Windig. Unerfreulich. Immerhin ist die florale Situation in den Kiez-Kleingärten noch stabil fröhlich.

Wenn ich daran denke, dass schon wieder sechs Monate Nicht-Sommer vor uns liegen, wo doch der Sommer kaum begonnen hat, kriege ich Verstimmungen.


Umtrünke und Geschäftsessen | Man trifft sich wieder auswärts. Das ist eine schöne Entwicklung.

In vier von fünf besuchten Lokalitäten wurde mein Impfnachweis überprüft. In Nummer Fünf leider nicht, und es war auch voll und beengt. Ich habe noch keine Meinung, wie rigoros ich da sein möchte und von welchen Variablen der Grad der Rigorosität abhängt. Abgesehen vom Infektionsrisiko ärgert mich einfach das Verhalten, und ich denke: Wo lässt der Gastronom noch Fünfe gerade sein – auf Kosten von Gästen und Angestellten? Geht das Restaurant mit den Hygieneregeln genauso um? Wie sieht’s bei denen in der Küche aus?

Zu den positiven Dingen: Menschen und Essen. Am Dienstag Gechäftsessen mit Mitarbeiter:innen vom Kunden. Das war sehr schön. Leute aus Berlin und Süddeutschland, die sich sonst nur virtuell sehen und sich in NRW trafen. Wir waren in einem türkischen Lehmofen-Restaurant. Ich wählte allerlei Vorspeisen aus: Pasten, Salat, Brot, kleine Bällchen mit Dingen drin. Ausgezeichnet. Zum Nachtisch empfahl uns die Kundin, türkisch-slowakische Schwäbin, Künefe zu probieren. Auf Rezeptseiten heißt es:

Wer ein Rezept aus Nudeln, Käse und Zucker für Unfug hält, hat Künefe noch nicht probiert: Ein tolles Rezept für Sultane und Tischpaschas

So nach Gefühl

Mozzarella, in Engelshaarnudeln gebraten, in Zuckersirup. Mit Schmand. Ein Nachtisch, der aussieht wie Männer, die Bart tragen, sich aber nicht die Konturen rasieren.

Künefe

Die Portion isst man zu Zweit (oder auch zu Dritt). Ich war trotzdem am nächsten Morgen noch satt.


Käte | In der Literatursalon-Leserunde bei Lovelybooks liest man mein Buch und unterhält sich darüber.


Broterwerb | Heute arbeiten mit Publikum.

Der Datenschutz blieb jederzeit gewahrt.


Gelesen | Christian Waldhoff ist Verfassungsrechtsprofessor an der Humboldt-Uni und: Er war am Wochenende Wahlhelfer in Berlin-Mitte und hat das dortige Chaos miterlebt. Sein Bericht und seine fachliche Einordnung.

Gelesen | Ein sehr persönliches Portrait über Greta Thunberg im Guardian.

When she didn’t have friends, did she want them? “I think I did, but I didn’t have the courage to get friends,” she says. “Now, when I have got many friends, I really see the value of friendship. Apart from the climate, almost nothing else matters. In your life, fame and your career don’t matter at all when you compare them with friendship.”

The Transformation of Greta Thunberg

Die kleinen Freuden des Alltags | Ich habe eine neue Leiter. Obendrin kann ich Schraubenschlüssel sortieren und Dübel und Nägel ablegen, ohne dass sie runterrollen. Ich bin entzückt.

Leiter von oben mit Ablagefächern

VG Wort | Im Januar integrierte ich VG-Wort Zählmarken hier im Kännchencafé und meldete erstmals meine Blogtexte. Gestern kam der erste Ausschüttungsbrief, mit dem ich Geld für einen Blogtext bekomme – diesen hier -, weil ihn so viele Menschen gelesen haben. Juchee!


Gelesen |  Der Berliner NPD-Abgeordnete Kay Nerstheimer hat eine schriftliche Anfrage an das Abgeordnetenhaus gestellt, betreffend die Corona-„Zwangsmaßnahmen“. Die Senatsverwaltung antwortet:

3. Wie äußert sich der Senat zur stetigen Zunahme der Demonstranten gegen seine Corona-Maßnahmen?

Zu 3.:

Über die Veränderungen des Körpergewichts von Demonstrierenden gegen die Corona-Maßnahmen liegen dem Senat keine Erkenntnisse vor.

Drucksacke 18/28520 – Schriftliche Anfrage des Abgeordneten Kay Nerstheimer

Gelesen | Das Semikolon stirbt aus, ein Text über Zeichensetzung, feat. Erweiterter Infititiv, dem „Schreckgespenst der deutschen Kommasetzung“. Sagte ich schon, dass ich Zeichensetzungspedantin bin?

Bildungsradfahren, signierte Bücher, die Arbeitswoche und ein Gefühl wie vor dem Zahnarztbesuch

26. 09. 2021  •  6 Kommentare

Management Summary | Die Tage verfliegen. Ich fuhr Fahrrad, buk Kuchen, feierte Geburtstage: zweimal neun Jahre, einmal einundvierzig Jahre, also insgesamt 59 Jahre. Ich arbeitete und baute Lego.


Signierte Käte | Man kann mein Buch nun signiert erwerben – bei der Buchhandlung Transfer in meinem Kiez. Die Buchhandlung betreibt einen Onlineshop, und wir haben haben vereinbart, dass ich einige Bücher signiere, die Sie dann bestellen können. Sie können sich auch eine persönliche Widmung wünschen, für sich oder jemand anderen.

Es gibt im Warenkorb ein Freitextfeld („Sie können uns auch eine Nachricht hinterlassen“), in das Sie eintragen können, was Sie haben möchten. Hier geht’s direkt zum Buch.

Am Montag, 4. Oktober, fahre ich zum ersten Mal zum Signieren. Wenn Sie also in der kommenden Woche eine Bestellung aufgeben, signiere ich am 4. Oktober, und danach geht es direkt in die Post.


Bildungsradfahren | Vor knapp vier Monaten kam mein neues Fahrrad zu mir. An diesem Wochenende habe ich die 1.000 Kilometer voll gemacht. Am Mittwoch fuhr ich von Dortmund zum Reiseleiter nach Haltern, am Samstag zurück. Erstaunerlicherweise werden, je öfter ich fahren, die Anstiege kürzer und die Berge flacher. Auch das Verhältnis zu Entfernungen verschiebt sich. So kostete es mich am Mittwochabend keine Überwindung, mich nach der Arbeit aufs Rad zu setzen und rasch die 40 Kilometer nach Haltern zu radeln.

Sonnenuntergang: Maisfeld, Fahrrad mit Satteltaschen und ein grünes Feld

Ich fuhr durch viele Felder. Auf der Hinfahrt fielen mir fedrige, struppige Gewächse, die auf angehäufelter Erde wuchsen. Es mutete wie Ginster an. Oder Riesendill. Auf dem Rückweg die Auflösung: Es ist nicht geernteter Spargel.

Ich lernte, dass es wohl nicht an fehlenden Erntehelfern liegt, dass der Spargel nicht geerntet wurde:

Für Spargelanbauer ist auch das Spargelkraut wichtig. Die ausgetriebene Pflanze wird gedüngt und gewässert, damit sie sich die Saison über gut entwickelt. Denn nur starke Pflanzen lagern mit Hilfe der Photosynthese ausreichend Reservestoffe in den Wurzelrhizomen ein, um die Ernte im nächsten Frühjahr schadlos zu überstehen. Um Kraft zu sammeln, dürfen die Pflanzen auf neu angelegten Spargelfeldern deshalb die ersten drei Jahre ungestört wachsen.

Spargel kann mehr: Nach der Ernte werden die Spargelfelder zu Bienenweiden

Mehr dazu auch beim NDR: Spargel – Jenseits von Topf und Teller. Interessant. Wusste ich alles nicht.

Auf dem Weg habe ich übrigens zahlreiche Rehe, Mäuse und ein Storchenpaar gesehen. Als ich dastand und das Foto machte, kam ein Spaziergänger mit Hund des Weges.

Landschaft mit Wiese und Bauernhof, auf der Wiese ein Storchenpaar

Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte, dass die Störche in den Steverauen überwintern. Nur die Jungvögel flögen in den Süden. Sie seien seit drei Wochen fort.


Broterwerb |  Am Montag war der Aufgabenzettel noch überschaubar. Im Laufe des Montags und des Dienstags füllte er sich zusehends. Der Mittwoch, Donnerstag und Freitag standen unter dem Motto: Vor die Welle kommen.

Bei Kunde A stehen aktuell einige Workshops an, die ich entweder moderiere oder mit vorbereite. Zudem gilt es, beratend einige Dinge auszuarbeiten.

Kundin B stand ich ebenfalls mit Beratung zur Seite. Ich tue mich schwer damit, das, was ich tue, Coaching zu nennen.Meine Kunden fragen Coaching an. Aber ich antworte stets, dass ich keine Coaching-Ausbildung habe. Ihre Reaktion: „Egal. Ich bin sicher, wir passen zusammen.“ Meist wechsle ich in solchen Engagement zwischen den Rollen „Coach“ und „Beraterin“. Denn je nach Thema, das die Kundin mitbringt, helfen mal gute Fragen weiter, die Denkprozesse anstoßen und eigene Ressourcen offenlegen. Oder ich spüre, dass ich als Beraterin angefragt werde und Business Advisory gewünscht ist.

Kunde C wartete noch auf die Unterlagen aus dem gehaltenen Seminar: Wenn wir auf einem digitalen Whiteboard arbeiten, gibt es das anschließend als PDF, ebenso die verwendeten Folien. Weil ich, zusätzlich zum Standardrepertoire immer auch individuell auf Fragen eingehe und es in diesem Seminar viele individuelle Fragen gab, habe ich die Unterlagen noch einmal überarbeitet.

Mit Kundin D habe ich Webinarinhalte festgezurrt: Sie hat ein Inhouse-Webinarpaket gebucht, und ich habe mit Mitarbeiter:innen der Organisation gesprochen. Sie haben mich gebrieft, wie es ihnen in ihrer Arbeit geht, auf welche Problemstellungen sie als Teamleiter:innen treffen und welche Hilfestellungen sie sich wünschen. Ich habe die Inhalte daraufhin nochmal neu zugeschnitten.

Für mein eigenes Seminarangebot „Frauen in Führung“, das Ende Oktober an zwei Tagen stattfindet, habe ich die Agenda finalisiert und an die Teilnehmerinnen gesendet. Falls Sie dazukommen möchten: Es sind noch einzelne Plätze frei.


Idee | Christian Spannagel ist Professor. Er lehrt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg Mathematik und erklärt, wie er sein Lehrkonzept geändert hat. (Danke, Jawl, für den Link.)

Die klassische Vorlesungswoche lief bei ihm früher so: Er hielt eine Vorlesung vor 200 Studierenden. Die Studierenden gingen dann nach Hause und ackerten alleine Aufgaben durch – sofern sie die Vorlesung verstanden hatten. Dann gingen sie am Ende der Woche in ein Tutorium. Dort rechnete eine Tutor nochmal die Aufgaben vor, und sie konnten ihr Ergebnis kontrollieren. Christiann Spannagel hat das Konzept umgekehrt. Er hat seine Vorlesungen auf Video aufgenommen und auf Youtube veröffentlicht. Die Studierenden schauen nun die Vorlesung erstmal alleine an, im eigenen Tempo. Dann kommen sie sie ins Tutorium und machen dort Dinge, für die sie andere benötigen: Aufgaben lösen, Fragen klären und gemeinsam verschiedene Aspekte vertieft diskutieren. Der Tutor oder die Tutorin rechnet jedoch keine Aufgaben mehr vor, sondern unterstützt nur den Selbstlernprozess. Die Woche endet nun mit der Vorlesung, um das zu klären, was noch offen geblieben ist. Gut ist auch, wie er erreicht hat, dass die Studierenden die Videos überaupt anschauen und die Vorlesung aktiv mitgestalten (Minuten 10:07 – 16:10) – denn, seien wir mal ehrlich: Wer von uns hat sich im Studium immer piccobello auf die Lehrveranstaltung vorbereitet?

Warum erzähle ich das alles? Weil es bei mir eine vage Idee ausgelöst hat. Seit Mitte 2020 bin ich im Webinar-Geschäft. Es wird zunehmend nachgefragt. Gleichzeitig sind mehr und mehr Online-Beratung und Remote-Workshops gewünscht. Da ergibt sich doch die Frage, ob ich nicht beides miteinander kombinieren sollte: Webinar-Inhalte live ode rzum Selbstlernen, kombiniert mit individueller, einzeln oder in kleinen Gruppen. Ich werde den Gedanken beizeiten vertiefen.


Klemmbausteine | Ich bin jetzt Halterin eines Fiat 500.


Serviceblog | Für die Neigungsgruppe Journalismus: Die geschätzte Dortmunder Journalistik hat eine interessante Stellenausschreibung online. An der neuen Professur für Datenjournalismus/Digitaler Journalismus von Prof. Christina Elmer (ehemals dpa, Stern, Spiegel) wird eine eine Lehrkraft für besondere Aufgaben gesucht, unbefristet 65 Prozent.


Bilder angeguckt | Angela Merkel besucht Vogelpark


Bundestagswahl | Noch drei Stunden bis 18 Uhr. Ein Gefühl wie vor einem Zahnarztbesuch. Furcht vor schlimmem Ungemach und einer langen Wundheilung. Darunter die leise Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wird.

Bezwingerin der furchterregenden Biberrutsche

20. 09. 2021  •  1 Kommentar

Furchtlos | Als ich oben saß und in die Tiefe blickte, erinnerte ich mich an den Satz des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson. Er sagte dereinst: „Tue das, was du fürchtest, und das Ende der Furcht ist gewiss.“

In dem Moment rutschte eine Dreijährige vor meinen Augen senkrecht hinab, auf dem Rücken liegend, Arme und Beine von sich gestreckt wie ein Seestern. Unten angekommen erhob sie sich, schüttelte sich kurz und rief: „Nochmal!“

Es ist ja immer wieder erstaunlich, mit welchem Gottvertrauen Kinder sich in Gefahren stürzen. Als Erwachsener sitzt man hingegen oben auf der Kante, schaut die Senkrechte hinab und sinniert, dass diese Rutsche, die höchste Steilrutsche Deutschlands, sicherlich TÜV-geprüft ist. Ausführlich studierte Ingenieure haben die Einhaltung mehrerer DIN-Normen überprüft. Warum sollte ich also ausgerechnet auf diesem zertifizierten Kinderspielplatz trudelnd gegen Seitenwände schlagen und meinen letzten Tag erleben? Warum sollte mein Bandscheidenvorfall ausgerechnet hier einen Rückfall erleiden? Schlimme Verletzungen, das weiß ich außerdem aus Jahrzehnten aggressivem Kontaktsport, kommen niemals spektakulär daher. Vielmehr geschehen sie in routinierten, tausendmal gemachten Bewegungen. Wahrscheinlich würde ich eher auf der Picknickbank als auf der Steilrutsche verenden. Also stürzte ich mich hinab wie eine furchtlose Dreijährige.

Einige Stunden zuvor hatte der Tag wahrlich göttlich begonnen: Früh um Sieben läuteten die Kirchenglocken Sturm. Mit Penetranz bimmelten sie mich, den Reiseleiter und die Beutezwillinge K2 und K3 wach.

Die Sonne kitzelte über das Gras und durch die Ritzen der Jalousie. In dieser Kulisse hatte das Schicksal seinen Lauf genommen: Im Angesicht des Gotteshauses war ein Frankenhof-Beschluss gefasst worden, und mit dem Beschlus stand fest – zumindest für alle Anwesenden unter zehn Jahren – dass die furchterregende Biberrutsche berutscht wird; dass jeder mit hinauf muss – und auch hinunter. Vor allem hinunter.

Nach der ersten Rutschung ist die zweite übrigens nur noch halb so schlimm, die dritte macht Spaß, die vierte ist ziemlich super und ab der fünften fühlt es sich an wie fliegen. Ein euphorisches Kribbeln stellt sich ein.

Im Frankenhof gibt es auch Tiere, einen Märchenwald, eine Teppichrutsche, einen Wasserspielplatz, Luftkissen und Klettertürme, es gibt Eis, Pommes und Waffeln, und man kann einen super Tag verleben – auch, wenn man schon über vierzig ist.


Stromlos | Am Abend zuvor, wir bauten gerade Lego zusammen, hatte es einen Stromausfall gegeben. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ich kann nicht einmal sagen, wann zuletzt. Das ganze Dorf war dunkel. Taschenlampen irrlichterten durch die Wohnungen der Nachbarn, Menschen versammelten sich auf den Straßen. Wer einen Hund hatte, zerrte ihn zu einer Gassirunde um die dunklen Laternen.

Schön: Wir stellten uns auf die Dachterrasse und sahen sie ISS.


Gelesen | Herr Buddenbohm, der Montag, die Schwalben und der Apfelprozess

Angehört | Folgen des NDR-Podcasts Familientreffen. Interessant: „Ostdeutsche Superfrauen: Was ist dran an dem Mythos?“ und „Mit einem autistischen Kind leben: Alltag einer Mutter“ | Die aktuelle Folge des Podcasts Sag ruhig wir zu uns. Abgefahren, was unser Hirn alles tut, um uns zu schützen: „Ich bin viele und doch eins – ein Einblick in das Leben mit dissoziativer Identitätsstörung“

Käte im Karton, Käte zum Hören, signierte Käte, Kommunion und kulinarischer Lieferdienst

16. 09. 2021  •  4 Kommentare

Käte im Karton | Diese Woche bekam ich einen großen Karton. Darin: meine Freiexemplare vom Verlag. Jetzt kann ich Menschen beschenken! Yeah!

Bücherstapel "Die Frau, die den Himmel eroberte"

Käte im Ohr | Allen, die lieber hören als lesen, liest Sybille Kuhne mein Buch vor. Ich freue mich wahnsinnig darüber, dass Suhrkamp Insel sich dazu entschieden hat, es zu produzieren, und ich mag Sybille Kuhne als Sprecherin. Sie passt gut zur erzählenden Käte, ist resolut und weich zugleich.

Auf welche Plattformen „Die Frau, die den Himmel eroberte“ aktuell schon verfügbar ist, kann man hier sehen. Weitere werden folgen.


Signierte Käte | Mich hat aus mehreren Ecken die Frage erreicht, ob ich auch signierte Bücher oder Bücher mit einer Widmung verschicke. Ja! Allerdings verschicke ich nicht selbst, sondern meine Buchhandlung im Kiez. Wir klären gerade das Prozedere. Sobald alles klar ist, folgen die Infos.


Wochenendausflug | Kommunionsfeiern finden in diesem Jahr weit entfernt vom Weißen Sonntag statt. Am Wochenende lupfte der Wind bereits erste Blätter von den Bäumen, und die Kleider der Mädchen bewegten sich sacht in herbstlich-schweren Böen, als wir vor der Kirche standen.

Ich war auf eine zweieinhalbstündige Veranstaltung eingestellt. Der Katholik neigt bei solcherlei Anlässen ja zum Zelebrieren; wenn er die Schäfchen schonmal in den Fängen hat, wird alles aus dem Partykoffer geholt, was Mutter Kirche darin bereithält.

Wie auch in anderen Belangen ist auch im Kontext „Kommunion“ nicht alles schlecht an Corona: Die Messe war #wegenderaktuellenSituation auf eine Stunde begrenzt. Alle Kinder hatten ihren kleinen Auftritt, der Chor sang, der Pfarrer moderierte die Zeremonie professionell runter, der Organist spielte erst zu früh und dann ein anderes Lied, als der Chor sang, die Kinder waren am Ende stolz und erleichtert, alle hatten danach eine Anekdote zu erzählen, und es war in der Kürze überaus nett.

Im Anschluss gab es erst Mittagessen, dann Torte, dann Abendessen, unterbrochen von einem Spaziergang, der in Tempo und Länge gerade genügte, um drei Smarties zu verbrennen. Aber ist es nicht bei allen Anlässen mit Jesus so? Es wird gegessen, dass die Schwarte kracht, und am Ende sind alle müde vom Nichtstun.

Am Schönsten war, nach langer Zeit geimpft und ohne schlimme Coronagedanken beisammenzusitzen. Ein angemessen feierlicher und gleichzeitig entspannter Tag.


Broterwerb | Von Montag bis Mittwoch habe ich ein Inhouse-Seminar beim Kunden gegeben: Agile Redaktionsarbeit. Ich hatte Open-Space-Sessions eingeplant, also Zeiträume, in denen die Teilnehmer:innen themenoffen ihre Fragen mitbringen konnten – ein agiles Format zum Wissensaustausch. Es ging in diesen Sessions viel um Führung und Teamentwicklung.

Also besprachen wir uns, und ich änderte den Seminarschwerpunkt kurzerhand, plante am Montagabend den Dienstag um und am Dienstagabend den Mittwoch, schmiss Inhalte raus und nahm neue rein, so dass die Leute zwar immer noch etwas über agile Methoden gelernt haben, aber auch über Selbstbehauptung in der ersten Führungsposition, Arbeit in Hierachien und über Konflikte im Team.

Am Mittwochabend war ich dann ziemlich durch. Aber noch anstrengender und vor allem unbefriedigender wäre es gewesen, an den Bedürfnissen der Teilnehmer:innen vorbeimoderiert zu haben. Das gute Feedback am Ende hat die Mühen belohnt.


Seelenverwandtschaft | Ich habe viele Raupen gesehen. Und eine einzelne, sehr dicke Raupe. Laut Recherche ein Weidenbohrer. Über den Weidenbohrer habe ich daraufhin gelesen, dass er bis zu vier Jahre als Raupe lebt und Unmengen frisst, bis er sich schließlich verpuppt und als sehr hässlicher Schmetterling wiederkommt. Bin noch unentschlossen, ob das ein erstrebenswertes Lebenskonzept ist, fühle nach dem Kommunionsgelage aber eine gewisse Seelenverwandtschaft.

Die schwarzen Kollegen sind wohl Tagpfauenaugen.


Supermarkt | Jüngst berichtete ich über den Umbau des Kiez-Supermarktes. Seit einem Monat hat er Warenwaben und alles ist anders herum: Linksrum ist rechts rechtsrum, der Eingang ist der Ausgang, der Ausgang ist der Eingang.

Wie ich von einer … uhm … Freundin hörte, laufen auch nach vier Wochen immer noch Leute gegen die Ausgangstür, wenn sie den Laden betreten möchten. Für sie gibt es jetzt dieses Schild:

EIngang zum Supermarkt. Davor ein Klappschild mit dem Wort "Eingang" und einem Pfeil

Danke, lieber Penny! Ich fühle mich abgeholt.


Kulinarischer Lieferdienst | Ich soll von der Torfrau ausrichten: Sie trägt die Schuld, dass ich so lange nicht gebloggt habe. Sie reist nämlich nach Italien zum Pfadfinder und besucht dort Weingüter und Parmesankäsereien. Wir mussten abends dringend telefonieren, wie viel sie mir von was mitbringt. Deshalb konnte ich leider nicht eher bloggen.



Gelesen | Biontech-Gründerin Özlem Türeci und ihr Mann Uğur Şahin im Interview zu Gewinn und Investitionen ihrer Firma, zu Patenten und Unternehmenszielen: „Wir brauchen nicht viel.“


Gelesen | Frau Kaltmamsell feiert die Volljähigkeit ihres Blogs. Sie schreibt nun seit 18 Jahren ins Internet.

Mein Blog ist ein komplett überholtes Modell […]. Ich genieße seine Irrelevanz immer noch als Freiheit und tippe hartnäckig in diese völlig egale Ecke des Internets, damit es wenigstens einen kleinen Garten in den unendlichen Weiten des Webs gibt, in dem die Utopie des „Everybody has a voice“ weiterlebt. 

Journal Montag, 13. September 2021

Ich gratuliere von Herzen!

Das Kännchencafé gibt es seit fünfzehn Jahren; ab dem kommenden Januar darf es bis Mitternacht ausgehen und alleine Trecker fahren. Am meisten gefällt mir am Tagebuchbloggen, und das ist mir erst in den vergangenen drei Jahren so richtig aufgefallen, dass es mein Denken prägt. So, wie ich die Dinge aufschreibe, bleiben sie mir im Gedächtnis. Es bleibt das Humorige im Tragischen, das Hoffnungsvolle im Traurigen und das freudige Erlebte.


Angeguckt | Bestimmt haben Sie es schon gesehen: Zwei Elfjährige grillen Armin Laschet im Interview. Leider fehlt ihm jegliche Kompetenz und Contenance, diese Situationen zu meistern. Die gleichen Kinder grillen auch Olaf Scholz, sogar genauso heiß – wenn nicht noch heißer: Er wird penetrant über tote Kinder im Mittelmeer ausgefragt. Unabhängig davon, ob man seine Antworten inhaltlich gut oder schlecht findet: Er behält die Ruhe.

Hintergründe zur Produktion der Interviews von „Late Night Berlin“. Die CDU reagiert derweil schnippisch; die Kinder seien instrumentalisiert worden, die Fragen seien eingeflüstert gewesen.

Es ist wirklich ein krasser Verdacht, dass Menschen, die Kanzlerkandidaten interviewen, eine Redaktion im Hintergrund haben! Unerhört!

Die britische Times würdigt Laschets Auftritts – allerdings dürften Überschrift und Inhalt des Artikels ihm nicht gefallen: CDU leader Armin Laschet left red-faced by children’s grilling .

Käte ist da!

8. 09. 2021  •  9 Kommentare

Die Frau, die den Himmel eroberte | Yeah, Käte ist da! Noch nicht in den Läden, dorthin kommt sie erst am Montag. Aber bei mir im Briefkasten. Ich freue mich wie Bolle!

Das Buch fühlt sich gut an, riecht gut und ist wunderbar geworden!

Es ist schon ein krasses Gefühl, die Geschichte nach drei Jahren Arbeit in der Hand zu halten. Die Arbeit war während der Zeit so wenig sichtbar. Und nun ist sie da, und ich kann sie anfassen.

Bei Lovelybooks gibt’s mein Buch 30-mal zu gewinnen.


Broterwerb | Für Kunden gearbeitet. Ein zäher Tag, der am Ende doch noch ein gutes Gefühl hinterließ. Das ist prima. Viel besser als umgekehrt.


Gelesen | Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto!

Wie viel vom Zuviel wäre mir genug? Es hilft eigentlich nur Erfahrung. Daher ein kleines Spiel, für den Sanktnimmerleinstag, an dem Sie „mal Zeit haben“: Kaufen Sie 30 Tage lang nichts außer Lebensmittel. Stellen Sie sich die Challenge, das Auto so wenig wie möglich zu benutzen […]. Gehen Sie stattdessen möglichst viel zu Fuß. Sprechen Sie jeden Tag persönlich mit einem relevanten Menschen, den Sie vernachlässigt haben […] Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie am Ende dieser 30 Tage a) glücklicher sind und b) finanziell wie sozial reicher.

Genau das war meine Coronazeit. Es war ziemlich gut. (Nicht Corona natürlich. Aber diese Reduzierung. Sie verstehen schon.)

Gelesen | Regionalzeitungen unter Druck: Gleich drei Landeskorrespondenten werden in Rheinland-Pfalz Sprecher von Ministerien und schwächen damit den Journalismus in der Region. Über die Gründe.

Wie hatte einer der Männer gesagt, die nun für ein Ministerium arbeiten wird? „Es ist ein Problem, wenn ich in der Redaktion sage, dass ich wechsle, und meine Kolleginnen und Kollegen klopfen mir auf die Schulter und sagen, Mensch, Glückwunsch, wenn ich ein Angebot hätte, wäre ich auch weg.“

Gelesen | Die Repräsentation von Wissenschaftsleugnern in den Medien ist eine klassische Wahrnehmungsverzerrung: False Balance – Warum Einzelmeinungen in der Öffentlichkeit zu viel Raum bekommen können.

Gelesen | Stadterneuerung: Wie aus einer städtischen Durchgangsautobahn in Seoul eine Oase der Stadterholung wurde – Revitalizing a City by Reviving a Stream

Eine Reise an die Spitze Dänemarks: Die letzten 70 Kilometer bis nach Skagen und die Tage danach

7. 09. 2021  •  4 Kommentare

Vorab | Am vergangenen Donnerstag fiel ich, in Skagen angekommen, in einen tiefen Entspannungszustand und konnte nichts niederschreiben. Deshalb jetzt eine Nacherzählung der letzten Reise-Ereignisse.


Dybvad – Skagen | Nachdem wir im Wald mitten in der Walachei geschlafen hatten, brachen wir zur letzten Etappe nach Skagen auf, an die Nordspitze Jütlands. Nach zwanzig Kilometern erreichten wir das Meer – zum ersten Mal auf der Tour. In Sæby sahen wir also zum ersten Mal Strand. Juchhuu!

Wir hatten auf der Tour ein Riesenglück mit dem Wetter. Die ganze Woche über hat es nur einmal geregnet – am ersten Abend in Vejle, als ich mit Bibo auf dem Hof des Hostels fuhr. Danach war nur noch Sonnenschein.

Von Sæby aus fuhren wir nach Fredrikshavn. In Fredrikshavn gibt es den einzigen Berg in der Region, den Pikkerbakken, der sich 70 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Der Reiseleiter sah vor, dass wir hinauffuhren – wenn schon ein Berg vorhanden sei, meinte er, könne man ihn auch bezwingen.

Für meinen Geschmack waren wir in den vorangegangenen Tagen ausreichend bergauf gefahren, vor allem gemessen daran, dass ich eine Flachlandreise gebucht hatte. Aber der Reiseleiter ignorierte meine Einwände und entgegnete, ich solle mich bei der Zentrale beschweren. Außerdem sei es oben bestimmt sehr schön, man könne hinunterschauen.

So fuhren wir zur Aussichtsplattform hinauf. Dort oben war es tatsächlich schön, so dass ich unerfreulicherweise keinen Grund mehr zur Grummeligkeit hatte.

Anschließend fuhren wir hinunter in die Stadt – und hinaus auf die Landstraße.

Die verbleibenden vierzig Kilometer der Etappe waren komplett flach. Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen! Statt Hügeln hatten wir nun lebhaften Gegenwind. Ich dachte zunächst, nur ich sei so kraftlos. Aber irgendwo im Nichts zwischen Jerup und Vester Knasborg stoppte der Reiseleiter plötzlich, schaute mich an und sagte: „Findest du auch, dass es heute anstrengend ist?“

Nun, eigentlich fand ich es jeden Tag anstrengend.

Erfreulicherweise machte das Land zehn Kilometer später einen Knick, der Gegenwind wurde zum Seitenwind und kam sogar bald von schräg hinten. Auf dem Dünenradweg nach Skagen trampelten wir deshalb frohgemut durch Gras und Heide, bis wir zur versandeten Kirche St. Laurentius kamen.

Die Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert und hatte auch mal ein Hauptschiff. Es wurde aber ständig von Flugsand zugeweht. Irgendwann gab man das ständige Sandschaufeln auf und riss das versandete Kirchenschiff ab. Nur der Turm blieb und steht noch heute.

Hinter der Kirche ließen wir uns vom Wind nach Skagen hinein und bis vor unser kleines, gelbes Haus schieben.


Skagen ohne Fahrrad | Die Regel für den nächsten Tag war: Es ist kein Fahrrad beteiligt.

Wir gingen also ausschließlich zu Fuß. Skagen ist ein hübsches Städtchen, es gibt viele Gassen und einladende Geschäfte. Außerdem gibt es einen Eisladen, der die Eiswaffeln selbst macht. Wir würdigten und unterstützten diese Mühen.

Außerdem gibt es in Skagen ein Bonbongeschäft mit einer Bonbonmaschine. Aus der Bonbonmaschine kommen Bonbons mit Motiven, zum Beispiel dänischen Flaggen. Auch hier unterstützten wie die Bemühungen.

Am Strand von Skagen stehen noch zahlreiche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg.

Mehr als 600 Bunker gibt es an den jütländischen Stränden. Sie waren Teil des Atlantikwalls. Der Tagespiegel hat ihnen einen Bericht gewidmet.

Wenn man den Strand weitergeht, kommt man an Det Grå Fyr, den grauen Leuchtturm. Am Turm ist ein Zentrum für Zugvögel, denn Millionen von Vögeln passieren jedes Jahr die Nordspitze Dänemark auf ihrem Weg in den Süden.

Wir gingen hinter dem Leuchtturm weiter und kamen nach Grenen, zur Norspitze Dänemarks. Dort treffen Nordsee und Ostsee zusammen, und ich hätte nicht gedacht, dass man es so gut sieht. Wirklich faszinierend. Wir saßen eine ganze Weile dort und schauten zu, wie die Wellen aufeinandertrafen.

Danach gingen wir den Nordstrand Skagens entlang. Es war menschenleer und ganz wunderbar.

16 Kilometer zu Fuß, null Kilometer mit dem Fahrrad.


Gammel Skagen | Am nächsten Tag war Fahrradfahren dann wieder erlaubt. Wir fuhren nach Gammel Skagen zur Nordseeseite der Stadt, schauten uns die Badehotels an und hingen am Strand ab.

Am Strand steht ein Haus zum Verkauf, eine Immobilie mit Renovierungsstau Potential. Es hing kein Preisschild dran, und ich bin skeptisch, was die Kombination aus Lage, Klimawandel und Sturmfluten betrifft. Falls Sie es dennoch als Wohnsitz oder auch als Renditeobjekt ins Auge fassen, hier ein Bild:


Rückfahrt feat. Lokführerstreik der GdL | Am Sonntag ging es dann heim. Wieder mit der Bahn, zumindest innerhalb Dänemarks. Wieder wollte niemand unser Fahrradticket sehen, das der Reiseleiter sich so hart in Hotlines erarbeitet hatte.

Als Menschen, die mit der Deutschen Bahn sozialisiert wurden, sind wir darauf konditioniert, dass der Waggon für die Fahrräder am Ende eines Zuges angehängt ist, also eine Wanderung entfernt von der Stelle, an der man den Bahnsteig betritt. Zusätzlich wir sind darauf getrimmt, sportlich auf eine umgekehrte Wagenreihung zu reagieren und einen 200-Meter-Sprint ans andere Ende des Bahnsteigs hinzulegen.

In unseren dänischen Zügen hatten fast alle Waggons die Möglichkeit, Fahrräder abzustellen. Sowohl auf der Strecke Skagen – Aalborg, als auch auf den Strecken Aalborg – Odense und Odense – Padborg sahen die Mehrzahl der Waggons aus wie unten auf dem Bild. Ein angenehmeres Erlebnis als im engen IC-Fahrradwaggon, in dem die Fahrräder sich vor Enge kaum an ihren Platz bugsieren lassen.

Die Züge hielten an jeder Milchkanne. Wir stiegen zweimal um. In Odense Verwirrung: Dass der Zug nach Hamburg wegen des Lokführerstreiks in Padborg endet, war uns bekannt. Aber er wurde nicht einmal angezeigt. Nach mehrfachem Durchlesen aller Anzeigetafeln, Suche nach Bahnpersonal, ratlosem Umherlaufen und hektischem Wischen in der App die Durchsage: Der nächste Zug auf Gleis fünf fahre wie geplant nach Padborg, es stehe allerdings „Kopenhagen Flughafen“ dran – so wie auf allen Anzeigen und in der App „Kopenhagen Flughafen“ stehe. Es habe sich jemand vertippt, sorry.

Zentrale Datenhaltung. Ist doch schön.

In Padborg war dann Ende. Mit zweimal Umsteigen und in zwei verschiedenen Regionalzügen wären wir noch bis Hamburg gekommen. Aber dann wäre endgültig Schluss gewesen, zumindest für diesen Sonntag.

Ich kann für solch einen Fall nur raten, sich einen Ex-Mann anzuschaffen. Der fuhr nämlich sechs Stunden aus dem Ruhrgebiet nach Padborg, um mich und den Reiseleiter dort abzuholen. Mega.


Fazit | Fahrradreise – gerne wieder. Man sieht viel vom Land, vor allem Dörfer, Orte und Wege, die man sonst nicht sehen würde. Der Kopf wird frei, denn das Blut ist in den Beinen – da bleibt keine Kapazität fürs Nachdenken über Arbeit oder sonstwas. Abends ist man rechtschaffend müde und schläft gut. Morgens ist man zwar immer noch müde, wird aber rasch munter. Gerne wieder.



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