Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Lektüre«

Alles wird gut

1. 12. 2014  •  20 Kommentare

Noch zwei Jahre, hatten sie gesagt. Perfide präzise kommt der Tod nun. Schickt ein paar Metastasen vorbei, die ihr sagen: Die letzte Reise beginnt – bitte einsteigen, die nächste Fahrt geht vorwärts.

Es ist Juni. Seit drei Wochen ist sie im Hospiz. Oder seit vier? Ich sehe in den Kalender: Es sind erst zwei Wochen. Die Zeit verfliegt, und doch dehnt sie sich. Jede Stunde mit ihr ist Freude, Staunen, Wagnis und Traurigkeit in einem einzigen Moment. Und Furcht.

Sie isst jetzt am liebsten M&Ms. An manchen Tagen sind sie das einzige, was sie isst. Mit spitzen Fingern greift sie nach einer Nuss, legt sie sich in den Mund, zerbeißt sie. Dann nimmt sie ihre Schnabeltasse. Trinkt. Sie ist 57 Jahre alt. Jede Woche altert sie um ein Jahrzehnt.

Es wird Juli. Es ist heiß draußen.

Ich höre ihr zu, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Der Krebs, er verwäscht ihre Sprache. Dabei möchte ich jedes ihrer Worte hören, es festhalten, in der Hand halten, keines verpassen, es verwahren, es streicheln und niemals loslassen. Doch ihre Sätze gleiten dahin, zaghaft, leise, ein Hauch – und sind fort.

Wovor fürchte ich mich? Ist es überhaupt Furcht, die ich empfinde? Oder ist es eher Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Wucht der Tod kommt? Wie unbeirrt er sie aussaugt. Wie er Tag für Tag etwas von ihr mitnimmt – ihre Mimik, ihre Gestik, die Art und Weise, wie sie spricht, wie sie atmet.

Tage verstreichen. Und doch bleibt die Zeit vage. Ein Pfleger spritzt ihr Morphium in den Oberschenkel. Sie drückt meine Hand zu Mus.

Jeder Morgen, jeder Abend ein neues Befinden. Bei ihr. Bei uns. Natürlich wusste ich: Wenn die Metastasen da sind, auch wenn ich vorbereitet bin, wird es schlimm werden, werde ich hilflos sein. Aber ich bin nicht vorbereitet auf die Tiefe meiner Hilflosigkeit, auf die Schnelligkeit, mit der ein Mensch schwinden kann, auf die Leere und Stille in meinem Innern, die gleichzeitig so prall, so allumfassend, so voll und laut ist.

Ich weine nicht viel in dieser Zeit und wenn, dann nur kurz. Ein lautloses Seufzen, zwei Tränen vor dem Einschlafen, die es kaum die Wange hinab schaffen. Mein Inneres ist grau und stumpf.

Abends. Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Zeit stillstehen möge. Möchte jede Minute mit ihr genießen – und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu müde, zu fahrig bin; wenn ich fortlaufen möchte, wenn ich schreien möchte und nicht kann.

Liege ich im Bett, sehe ich Bilder von ihr. Als Blitzlichter tauchen sie vor meinem Auge auf. Wie sie auf dem Sofa sitzt. Wie sie in ihrer Küche steht. Wie sie spazieren geht. Ihre Bewegungen, der wiegende Gang. Wie sie ihre Hände hält. Wie sie ihre Enkel herzt. Ich höre sie sprechen – keine bestimmten Worte, nur den Tonfall. Ihr Lachen.

Ich sage mir: Du beginnst schon zu trauern, eh dass sie tot ist.

Der letzte Tag. Ich denke: Nein. Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Nicht so schnell. Wie kann man so schnell sterben, in nur 20 Minuten? Gestern war doch noch alles gut. Selbst heute Morgen war noch alles gut. So gut es eben sein kann. Aber doch, ja: gut.

Ich trete zu ihr und streichle ihren Arm. Ihre Haut ist weich, warm, wie immer. Aber ihr Gesicht ist verlassen. Sie ist fort.

Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr. Können sie streicheln. Können sie betrachten. Können verstehen. Zwischendurch sitzen wir im Garten. Die Menschen vom Hospiz, sie kommen dazu, herzen uns, plaudern – und scherzen. Sie arbeiten für die Lebenden.

Ich bin dankbar, jetzt, hier. Dass ich sie begleiten durfte.
Ich bin glücklich. Dass wir sie hatten.

Am Abend rufen wir den Bestatter.
„Möchtest du zusehen, wie er sie einpackt?“
„Ja“, sage ich.

Der nächste Tag. Abends kommen die Handballmädels. Ich habe überlegt, sie auszuladen, alle fortzuschicken, um alleine zu sein, um zu trauern. Aber das Leben fährt nur vorwärts, und es tut mir gut, die Mädels nah bei mir zu haben. Auch wenn ich weit weg von ihnen bin.

Anfang August. Als wir sie zu Grabe tragen, lassen wir Luftballons steigen, rote, in Herzform. Wer möchte, darf einen Zettel dranhängen und ihr eine Botschaft darauf schreiben. Mein Luftballon hat keinen Zettel. Es ist alles gesagt.

Die Sonne scheint. In den Bäumen rauscht der Wind. Ich lasse den Ballon los.

 **

Dies ist ein gekürzter Text. Den ungekürzten Text lesen Sie – gemeinsam mit Beiträgen vieler anderer AutorInnen – im E-Book „1000 Tode schreiben„. Das Buch ist in einer ersten Version heute im Frohmann Verlag erschienen. Es wird in den kommenden Tagen in allen eBook-Stores erhältlich sein. 

Mein Autorenhonorar geht wie alle Honorare und der Herausgeberanteil als Spende an das Kindersterbehospiz „Sonnenhof“ in Berlin-Pankow.

Sehr dankbar für eine Spende ist auch „ihr“ Hospiz – das Hospiz „Mutter Teresa“ in Iserlohn-Letmathe (Konto-Nr. 180 56 994, Sparkasse Iserlohn, BLZ: 445 500 45).

Bücher 2014 – 5: Herbstlektüre

24. 11. 2014  •  7 Kommentare

Gelesen im Oktober und November:

Bücher im Oktober und November 2014

Marion Brasch. Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie.
Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Ihr Eltern lernten sich im Exil in London kennen, ziehen dann nach Ostberlin. Der Vater möchte seine kommunistischen Ideale verwirklichen. Er bekleidet fortan hohe Ämter in der DDR. Marion wächst gemeinsam mit ihren vier Brüdern auf. In dem Buch erzählt sie die Geschichte der Familie – nüchtern, aber nicht unemotional. Ein guter Einblick in ein Stück DDR. Gern gelesen.

Rolf Dobelli. Massimo Marini.
Seine Eltern schmuggeln ihn in einem Koffer in die Schweiz. Heimlich wächst Massimo auf, während sie sich als Gastarbeiter verdingen. Erst später kann sein Vater ein Bauunternehmen gründen. Als Massimo erwachsen ist, übernimmt er es und  wird zum Erbauer des Gotthard-Basistunnels. Das Buch ist eine kleine Perle: zufällig entdeckt und sehr genossen. Die Geschichte wird aus Sicht von Massimos Anwalt erzählt. Denn sie ist auch ein Kriminalstück. Sehr lesenswert.

David Guterson. Ed King.
(Deutsch von Georg Deggerich)
Walter lebt als Versicherungsmathematiker davon, Risiken zu berechnen. Als die minderjährige Diane als Au-pair in seinem Haushalt auftaucht, geht er das größte Risiko seines Lebens ein und beginnt eine Affäre mit ihr. Sie wird schwanger, erpresst Walter und setzt das Kind aus. Der Junge wächst bei wohlhabenden Menschen aus, die ihn Ed nennen. Ed wird Internet-Tycoon, „King of Search“. Die Story hat ihren Reiz, dennoch hat sie mich nicht richtig gepackt. Dafür bleiben die Figuren zu hölzern, auch Ed komme ich nicht richtig nah. Fazit: Kann man lesen, muss man nicht.

Asa Larsson. Denn die Gier wird euch verderben.
(Deutsch von Gabriele Haefs)
Eine alte Frau namens Sol-Britt wird in der Nähe Kirunas ermordet. Staatsanwältin Rebecka Martinsson und ihr Nachbar finden sie. Als sie und die Polizistin Anna-Maria Mella zu ermitteln beginnen, stoßen sie auf seltsame Vorkommnisse: In der Familie des Opfers sind überraschend viele Menschen verunglückt. Der Krimi ist gut konstruiert: Die Handlung in der Gegenwart wechselt sich mit einer Erzählung aus der Vergangenheit ab – dort, wo alles seinen Anfang nahm. Spannend und sympathisch erzählt, innerhalb von vier Tagen durchgelesen.

Anne Michaels. Fluchtstücke.
(Deutsch von Beatrice Howeg)
1942: Der siebenjährige Jacob Beer wird Zeuge, wie Nazis seine Familie ermorden. Er kann fliehen. Der griechische Archäologe Athos findet ihn und nimmt ihn mit nach Griechenland. Dort wächst er auf. Später wandert Jakob nach Amerika aus und wird Dichter. Anne Michaels „Fluchtstücke“ ist ein eindringliches Buch, das Einblick in die Gefühle und das Leben der Holocaust-Nachfahren gewährt. Es beschreibt, aber macht keine Vorwürfe, es erzählt, ohne sich aufzudrängen. Sehr gut.

Curtis Sittenfeld. Die Frau des Präsidenten.
(Deutsch von Gesine Schröder und Carina Tessari)
Vorlage für dieses Buch ist das Leben Laura Bushs. Insofern ist die Geschichte sowohl wahr als auch fiktiv. In jedem Fall aber ist sie gut. Curtis Sittenfeld erzählt von Alice, wie sie in Riley/ Wisconsin gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter aufwächst, wie sie den aus reicher Familie stammenden Charles Blackwell kennenlernt, wie sie ihn heiratet, schließlich Gouverneursgattin und First Lady wird. Kurzweilig, unterhaltsam und wenig politisch, sondern eher auf persönlicher Ebene spielend. Ebenfalls gern gelesen.

S.J. Watson. Ich. darf. nicht.schlafen.
(Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Christine leidet unter Amnesie: Sobald sie einschläft, vergisst sie alles – wer sie ist, wo sie wohnt, wer ihre Angehörigen sind. Mit Hilfe eines Therapeuten beginnt sie, Tagebuch zu führen. Sie erinnert sich dunkel, dass sie angegriffen wurde. Aber von wem? Und warum? Je mehr Erinnerung sie sich erarbeitet, desto mehr gerät sie in Gefahr. Ein netter Thriller, den ich schnell durch hatte. Spannend, aber nicht überragend. Ein Buch für die Reise oder ein paar Mußestunden.

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Elektronisch gelesen:

Willy Russell. The Wrong Boy.
(Deutsch: Der Fliegenfänger)
Raymond ist ein ganz normaler Junge. Bis er seinen Schulkameraden das Fliegenfangen beibringt – mit dem Gemächt. Der Schuldirektor findet das harmlose Spielchen nicht lustig. Raymond wird als Perversling abgestempelt, muss die Schule verlassen, wird Außenseiter, bekommt eine Essstörung. In den kommenden Jahren läuft so manches schief. Ein Missverständnis nährt das nächste. Verletzlich, schnoddrig und bittersüß lässt Willy Russell den jugendlichen Raymond seine Geschichte erzählen. Eine gute Mischung mit vielen klugen Wortspielen.

Opa kriegt nichts mehr zu trinken!

7. 11. 2014  •  5 Kommentare

Es wird Zeit, dass hier im Kännchencafé Weihnachtsstimmung aufkommt. Bei mir im Büro werden schon die ersten selbstgebackenen Kekse verteilt.

Im Buchhandel gibt’s ab sofort ein zauberhaftes Werk zu kaufen – und ich bin dabei.

 

Weihnachtsbuch: Opa kriegt nichts mehr zu trinken

Dietmar Bittrich (Hg.):
Opa kriegt nichts mehr zu trinken!
Neue Weihnachtsgeschichten mit der buckligen Verwandtschaft

 

Worum geht’s?
Natürlich um Weihnachten. Und um die Mischpoke. 21 Autoren erzählen in 21 Geschichten von ihrem Weihnachten mit  der Sippe. Zum Lachen, zum Weinen, manchmal auch zum Melancholischwerden. Auf jeden Fall sehr kurzweilig.

Mit dabei sind unter anderem Nora Gantenbrink, Renate Bergmann und 11-Freunde-Autor Dirk Gieselmann. Ich habe eine Familiengeschichte beigesteuert und erzähle, wie Weihnachten bei uns im Sauerland ablief, als die schönste Großmutter noch lebte und wir uns alle bei ihr trafen.

Hier gibt’s eine Leseprobe (pdf).

Kosten und Darreichungsform:
Auf Papier im Buchhandel oder als eBook beim Händler der Wahl. Für 9,99€ gehört das Ding Ihnen.

Bücher 2014 – 4: Meine Sommerlektüre

2. 10. 2014  •  5 Kommentare

Gelesen im Juli, August und September:

Gelesen im Juli, August und September 2014

Friedrich Ani. Süden und die Schlüsselkinder.
Mein erster Krimi mit dem Privatdetektiv Tabor Süden. Er wird zu einem Kinderschutzhaus gerufen: Ein Junge ist verschwunden. Nur das Mädchen Fanny könnte wissen, wo das vermisste Kind sich aufhält. Süden macht sich auf, es zu finden. Das Buch ist dünn, nur 188 Seiten. Das ist kein Nachteil; das tut der Geschichte gut. Das Bemerkenswerteste an diesem Buch ist, wie schnörkel- und mitleidslos Friedrich Ani die Familien der Heimkinder präsentiert. Die Lösung des Falls kann man vielleicht erahnen; ich habe es nicht getan. Insofern: gute Sache. Es wird nicht mein letzter Ani sein.

Silvia Avalone. Marina Bellezza.
(Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn)
Marina und Andrea – beide aufgewachsen in den italienischen Alpen, dort wo es nichts gibt außer Berge und verlassene Höfe. Als Teenager haben sie sich schon einmal geliebt. Nun, drei Jahre später, treffen sie sich wieder und die Beziehung beginnt von Neuem. Aber es ist die Zeit der Wirtschaftskrise; beide versuchen, sich eine Existenz aufzubauen: Die hübsche Marina geht zu Castings und versucht sich als Sängern, der introvertierte Andrea möchte die Alm seines Großvaters bewirtschaften. Die Geschichte ist solide erzählt. Allerdings hat mir trotzdem ein wenig der Zugang gefehlt: Den pubertären Charakteren bin ich irgendwie entwachsen. Auch wenn Silvia Avalone es schafft, der Figur der Marina ein bisschen Tiefgang zu geben – bei Andrea verliert sie ihn wieder. Das Resümee insofern: okay bis gut, aber nicht bewegend.

Siri Hustvedt. Was ich liebte.
(Aus dem Englischen von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald)
Leo Hertzberg lebt in New York – in unmittelbarer Nähe seines Freundes, des Malers Bill Wechsler. Siri Hustvedt erzählt das Leben der beiden ab ihrem Kennenlernen, die verwebt ihre Schicksale und Schicksalsschläge. Das macht sie virtuos und gleichzeitig ohne Pathos. Nüchtern und abgeklärt lässt sie Leo Hertzberg  berichten – über Beruf, Ehe, Liebschaften, Freundschaft und Kinder. Auch wenn mich das Künstlermilieu zwischendurch genervt hat: Das Buch ein tolles Erzählstück.

Lola Lafon. Die kleine Kommunistin, die niemald lächelte.
(Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke)
Die Geschichte der Turnerin Nadia Comăneci. Mit 14 Jahren turnte sie bei den Olympischen Spiel in Montreal eine sensationelle 10.0 – als erste Turnerin, die diese Note erhielt. Die Welt bewunderte das zarte, disziplinierte und austrainierte Kind. Ihr Heimatland Rumänien machte sie zu einer Heldin der kommunistischen Jugend. Lola Lafon schildert das Leben Comănecis, ihr Verhältnis zu ihrem Trainer Béla Károlyi und ihre Flucht in die USA. Sie zieht außerdem eine zweite Ebene ein: den Entstehungsprozess des Buches und wie sie mit Nadia Comăneci um Absätze und Formulierungen rang. Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch beeindruckt haben: zum einen das menschenunwürdige Training, das Comăneci absolvierte, und das daraus resultierende, gestörte Verhältnis zu ihrem weiblichen Körper; zum anderen die heutige Reflexion – oder Nicht-Reflexion, wie man’s nimmt – über ihr damaliges Leben, ihre Rolle im Sozialismus und ihren Trainer Károlyi. Eine klare Empfehlung.

J.R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei.
(Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit)
New York, Weihnachten 1969. Willie „The Actor“ Sutton wird aus dem Gefängnis entlassen. 17 Jahre lang hat er eingesessen – wegen Bankraubs. Gemeinsam mit einem Journalisten begibt er sich an die Stationen seines Lebens zurück und erzählt ihm, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Autor J.R. Moehringer kenne ich seit Tender Bar, einem feinen Buch, weshalb ich nun auch „Knapp am Herz vorbei“ gelesen habe. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Die Geschichte läuft flüssig; es ist ebenso kurios wie folgerichtig, wie Sutton zum Bankraub kam und dann dabei blieb.

Rose Tremain. Der unausweichliche Tag.
(Aus dem Englischen von Christel Dormagen)
Die Autorin hat mich mit „Der weite Weg“ nach Hause seinerzeit sehr beeindruckt. Doch „Der unausweichliche Tag“ ist ein Buch, das Sie gut liegen lassen können. Kurz zur Handlung: Anthony Verey, Antiquitätenhändler aus London, ist Mitte 60 und entschließt sich, sein altes Leben über Bord zu werfen und in der Nähe seiner Schwester Veronica ein Haus in Frankreich zu kaufen. Doch die Besitzer, ein schrulliges Geschwisterpaar, sind sich nicht einig. Leider ist die Geschichte vorhersehbar und noch dazu blutleer erzählt. Schade.

Aldo Maria Valli. Die kleine Welt des Vatikan. Alltagsleben im Kirchenstaat.
(Aus dem Italienischen von Renate Warttmann)
Ein Buch, das ich schnell wieder beiseite gelegt habe. Denn entgegen dem Titel gibt es darin keine Alltagsgeschichten aus dem Vatikan. Stattdessen beschreibt Valli die Gebäude und die Flagge, die verschiedenen Ämter und die Geschichte des Vatikan. Das ist sehr ermüdend. Ich hätte lieber etwas vom Vatikan-Apotheker und dem Mann gelesen, der den ganzen Blumenschmuck macht, von einem Soldaten des Schweizer Garde oder vom Pförtner. Doch Menschen kommen kaum vor. Sehr schade.

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Elektronisch gelesen:

Charlotte Link. Der Beobachter.
Samson ist arbeitslos. Aus Langeweile beobachtet er Frauen, träumt sich in ihr Leben, verliebt sich in sie. Dann werden zwei ältere Damen brutal ermordet. Schnell wird klar: Samson ist – trotz seines absonderlichen Hobbys – nicht der Mörder. Aber wer ist es dann? Und wo ist die Verbindung zwischen den Toten und den Frauen, die Samson beobachtet? Wer ist dieser John Burton, der plötzlich im Leben einer der Beobacheten auftaucht? Nicht der beste Link, aber solide.

Philipp Meyer. The Son. 
(Deutscher Titel: Der erste Sohn)
Das Buch wird gefeiert als „das Gründungymythos Amerikas“. Meyer erzählt die Geschichte der Eroberung des amerikanischen Westens als große Familiensaga über drei Generationen. Ich habe es nicht über das erste Drittel hinaus geschafft. Die Charaktere sind mir zu hölzern, die Szenen zu konstruiert, die Zeitsprünge gingen mir auf die Nerven.

Joachim Meyerhoff. Alle Toten fliegen hoch: Amerika.
Ein Meisterstück! Joachim Meyerhoff – eigentlich Schauspieler – erzählt, stark biographisch, wie er/der Erzähler als Austauschschüler ins ländliche Wyoming kommt. Und das eigentlich nur, weil er im alles entscheidenden Fragebogen bei der Austauschagentur angegeben hat, er sei ein genügsamer, naturbegeisterter und streng religiöser Kleinstädter – weshalb er nun hat, was (nicht) wollte: Blick auf die Prärie, Pferde und die Rocky Mountains. Doch was ernüchternd beginnt, entpuppt sich als ziemlicht nett, zumal bald die Basketballsaison startet. Meyerhoff erzählt wunderbar einfühlsam und selbstironisch von seinen Erfahrungen in den USA, dem Gefühl des Ausbrechens aus dem Elternhaus und wie es ist, als Jugendlicher in der Fremde zurechtzukommen.

Joachim Meyerhoff. Wann wird es endlich so, wie es nie war.
Die Vorgeschichte zu „Amerika“, wieder autobiographisch. Meyerhoffs Vater war Leiter einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Familie lebte in einem Haus auf dem Gelände. Meyerhoffs kindlichen Erfahrungen sind deshalb geprägt vom Leben inmitten von ganz dicken und ganz dünnen Jugendlichen, solchen, die nicht sprechen, und wieder anderen, die geistig oder körperlich behindert sind. Sein Vater indessen ist ein reiner Theoretiker und in praktischen Dingen völlig verloren, seine Mutter versucht, den Laden am Laufen zu halten, und seine Brüder ergehen sich in ihren Hobbys. „Wann wird es endlich so, wie es nie war“ ist nicht so gut wie „Amerika“, aber eine gute Ergänzung.

Kathrin Seddig. Eheroman.
Ava ist anders. Noch nie hat sie sich richtig zugehörig gefühlt. Dann verliebt sich der erst 12-jährige und deutlich jüngere Danilo in sie. Auch Ava fühlt sich zu ihm hingezogen. Als Danilo 16 ist, zieht er bei ihr ein. Danilo macht Avas Alltag zu etwas Besonderem, obwohl er nur sein eigenes, pubertäres Ding durchzieht. Ich konnte das Buch irgendwann nicht mehr weiterlesen. Die Geschichte war mir zu destruktiv, Ava zu misanthropisch, Danilo zu egoistisch.

Robert Seethaler. Ein ganzes Leben.
Seethaler kenne ich vom „Trafikanten„, eines der herausragendsten Bücher des vergangenen Jahres. Andreas Egger kommt als kleiner Junge in ein Tal, in dem er sein Leben verbringen wird. Er ist nicht besonders helle und auch nicht sehr kommunikativ. Er hat eine kleine, körperliche Behinderung. Trotzdem findet er Anstellung als Hilfsknecht und schließlich als Arbeiter für ein Seilbahnunternehmen. Er lernt die Liebe seines Lebens kennen und verliert sie wieder. „Ein ganzes Leben“ ist die Geschichte eines einfachen Mannes, sie ist schlicht wie die Figur und doch bewegend. Ich bin Andreas Egger gerne durchs Leben gefolgt. Ein gutes Buch.

Dave Eggers: Der Circle

23. 09. 2014  •  15 Kommentare

Aktuell in aller Munde:

Dave Eggers: The Circle

Die Geschichte:

Mae Holland ist 24 und stolz wie Bolle. Sie hat einen Job beim Circle bekommen – der hippsten und erfolgreichsten Technologiefirma, die es aktuell gibt. Der Circle hat Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt und entwickelt sie weiter.

Mae startet ihren Job in der Kundenbetreuung. Die Firma kümmert sich rührend um ihre Mitarbeiter: Freizeitangebote, Gesundheitsvorsorge – es gibt nichts, was es nicht gibt. Doch die Anforderungen an Mae steigen schnell; Multitasking ist angesagt. Zudem sind die Freizeitmöglichkeiten im Circle weniger Angebote als Pflicht; es wird erwartet, dass Mae sie nutzt – und online über alles schreibt, was sie tut. Das Ganze nimmt mit der Zeit absurde Ausmaße an. Mae jedoch ist begeistert, Teil einer Bewegung zu sein – auch wenn ihr Privatleben zunehmend zerbricht.

Und?

„‚Schöne neue Welt‘ reloaded“, ein neuer Aldous Huxley – so wird das Buch angekündigt. Die Moral von der Geschicht‘ ist deshalb von vorne herein klar: Seid aufmerksam! Wenn Ihr nicht aufpasst, ist Datenschutz bald nicht mehr existent. Ein Monopolist wird alles bestimmen.

Diese Vorhersehbarkeit stört erstmal nicht, denn die Idee des Buches ist aktuell, gerade vor dem Hintergrund, was die neue Apple Watch alles können wird. Außerdem schreibt Dave Eggers zwar ohne stilistische Finesse, aber solide und flüssig. Ein gutes Alltagsbuch also.

Aber:

Die Geschichte kommt mit dem Holzhammer daher: Der Charakter der „Mae“ ist dümmlich und naiv – ein unreifes, oberflächliches Mädel, das nicht in einer einzigen Szene eigenständig denkt. Entsprechend begibt sie sich begeistert in die Hände des Circle, bis sie 24/7 eine Webcam mit sich herumträgt und für die Öffentlichkeit vollkommen transparent wird. Und als ob das nicht genügte, läuft sie in der Liebe einem Mann hinterher, der ihr seine Identität nicht offenbart, den sie aber, gerade weil er so geheimnisvoll ist, wahnsinnig anziehend findet.

Das ist alles schwierig zu ertragen. Man möchte geradezu schreien angesichts dieser stereotypen Figur. Mit einem geistig beschränkten männlichen Protagonisten wäre es mir genauso ergangen, aber die Figur einer arglos-dummen, dem mysteriösen Liebhaber hinterherlaufenden Frau ist maximal klischeehaft und hat es mir schwer gemacht, der Geschichte einen Wert beizumessen. Sie wäre ungleich spannender, wenn im Mittelpunkt der Story jemand stünde, der kritisch denkt und meint, sein digitales Leben im Griff zu haben – und am Ende überrascht wird, wie wenig seine Vorkehrungen nützen. Also jemand, mit dem ich mich tatsächlich hätte identifizieren können.

Die Motive der anderen Seite, des Circle, bleiben im Übrigen völlig im Dunkeln. Warum will der Circle, dass die Menschen möglichst viel von sich preisgeben? Macht? Geld? Beides? Wie werden die Daten verwertet? Worin liegt genau der Profit? Als Leser kann ich es nur ahnen. Das finde ich sehr schade; es hätte das Thema erhellt.

Fazit:

Kann man lesen. Muss man nicht.

Das Buch wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Rezension zur Verfügung gestellt.

Eine kleine Radtour durch Island

15. 08. 2014  •  10 Kommentare

Es gibt einen Menschen, der eine Idee hatte:

In Elmshorn aufs Rad steigen, nach Dänemark radeln, von dort mit einer Fähre nach Island gondeln, 2000 Kilometer durch Island radeln – über Holperpisten, durch einen Schneesturm und an Vulkanen vorbei – und wieder heimfahren. Verrückte Idee? Egal!

Sascha Eden hat es getan und darüber gebloggt. Aus den Blogbeiträgen ist jetzt ein Buch entstanden – und es ist ein zauberhaftes Buch.

Buch von Sascha Eden: Eine kleine Radtour

Vielleicht sagen Sie: „Ein Buch aus Blogbeiträgen? Nein, danke!“ Dann sollten Sie bei diesem Werk eine Ausnahme machen. Sascha erzählt kompakt, unterhaltsam und selbstironisch von seiner Tour durch Island, die er gemeinsam mit seinem Kumpel Philipp gemacht hat. Er schreibt über Gegenwind, über Rückenwind, übers Zelten in Vorgärten, über unerwartet heiße Quellen, verwunderte Auto-Touristen, ebenso verwunderte Isländer und ein bisschen auch darüber, was die Tour in ihm  bewirkt hat.

Das Ganze macht er in einem ruhigen, unaufgeregten Stil, der ganz im Gegensatz zu Elementen steht, denen er auf seiner Tour ausgesetzt war. Das macht auch den Zauber des Buches aus: Ich ahne als Leser, was Sascha seinem Körper abgerungen hat. Er hingegen erzählt ganz nüchtern von der 150 Kilometer langen Tagesetappe über windumtoste Hochlandpisten – und wie er abends dann doch recht müde war. Ein persönliches Buch, das sehr angenehm zu lesen ist – ich habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Jede Etappe ist ein Kapitel. Zu jeder Etappe gibt es Bilder und Eckdaten. Am Ende des Buches hat Sascha aufgeschrieben, mit welcher Ausstattung er unterwegs war. Sehr interessant und vor allem: Respekt, mann. Hut ab.

Das Buch steht zum kostenlosen Download [pdf, 41 MB] zur Verfügung. Sascha freut sich aber auch, wenn Sie das Werk gedruckt kaufen (das ist auch viel cooler) – für ’nen Zehner, mit Versand 12,50 Euro: mehr dazu hier.

Bücher 2014 – 3

26. 06. 2014  •  9 Kommentare

Gelesen im Mai und Juni:

Bücher im Mai und Juni 2014

Joshua Ferris. Ins Freie.
(Deutsch von Marcus Ingendaay)
Tim Farnsworth muss laufen, er muss raus, er muss sich bewegen. Wenn er seine Laufanfälle bekommt, hält ihn nichts, dann muss er los, er kann sie nicht kontrollieren. Seine Frau Jane reibt ihn mit Vaseline ein, packt ihm einen Rucksack, zieht ihm Thermowäsche an, damit er nicht erfriert. Denn ist der Anfall vorbei, sackt Tim an Ort und Stelle zusammen und schläft, auch draußen, auch im Winter. Das Buch hat mich etwas ratlos zurückgelassen, was sowohl positiv als auch negativ ist. Ist das Laufen eine Metapher? Wenn ja, wofür? Es wird nicht klar, wovor Tim wegläuft, ob er überhaupt wegläuft oder ob er nur getrieben ist. Das Offene der Geschichte ist gleichzeitig ihr Vorteil: Es lässt dem Leser Raum für eigene Gedanken. Das hat mir gefallen.

Marc Fitten. Valeria letztes Gefecht.
(Deutsch von Claudia Wenner)
Valeria ist alt, wenig hübsch und fürchterlich grantig. Dann verliebt sie sich in den Töpfer des Ortes. Der Töpfer mag Valeria, aber er ist mit Ibolya zusammen, die die Dorfkneipe führt. Was eine nette Verwicklung und auch eine schön verschrobene Geschichte hätte werden können, hat Marc Fitten wie eine Parabel geschrieben: unpersönlich, leidenschaftslos. Gefiel mir nicht.

David E. Hilton. Wir sind die Könige von Colorado.
(Deutsch von Bettina Abarbanell)
Ich nehme es direkt vorweg: ein tolles Buch! Der 13-jährige Will hat einen trunksüchtigen Vater, der ihn und seine Mutter terrorisiert. Eines Tages nimmt Will ein Messer und verletzt ihn damit. Daraufhin kommt er in eine Besserungsanstalt: eine Pferdefarm in Colorado. Dort herrschen Willkür und Gewalt – durch die Aufseher und durch die Mitgefangenen, ebenfalls Teenager. Gleichzeitig entstehen tiefe Freundschaften. Die Geschichte wogt hin und her zwischen diesen zwei Polen, zwischen Gewalt und Zuneigung, sie ist intensiv, aber dennoch ruhig erzählt. Sehr gute Unterhaltung.

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Der Mann, der kein Mörder war.
(Deutsch von Ursel Allenstein)
Ebenfalls ein gutes Buch, ein spannender Krimi. Roger Eriksson war ein Teenager; Pfadfinder finden seine Leiche in einem Tümpel im Wald. Kommissar Höglund und sein Team nehmen die Ermittlungen auf – und greifen rasch auf den Psychologen Sebastian Bergmann zurück, einen fiesen Typen und ehemaligen Freund Höglunds, der vor dem Tod seiner Frau und seiner Tochter ein guter Profiler war. Liegt die Auflösung des Falls im Elitegymnasium, das Roger besuchte? Oder steckt anderes dahinter? Die Geschichte hat alles, was gute Unterhaltung braucht: interessante Protagonisten, einen spannenden Kriminalfall. Kann ich empfehlen.

Arne Jysch. Wave and Smile.
Meine erste Grahic Novel. Leider bin ich nur sehr mäßig begeistert: Es geht um den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Die Geschichte fängt gut an, endet aber in einem Helden- und Actionspektakel, das ich ausnehmend doof fand.

Herman Koch. Angerichtet.
(Deutsch von Heike Baryga)
Zwei Elternpaare gehen in ein Sternerestaurant. Sie sprechen zunächst über Belangloses. Eigentlich treffen sie sich, um über ihre Kinder zu reden – und um eine Entscheidung zu treffen. Der Leser erfährt lange nicht, was eigentlich los ist; man ahnt nur, dass die Kinder etwas auf dem Kerbholz haben. Der Roman ist gut konstruiert. Er gibt Einblick in die obere Mittelschicht. Es geht um das Festhalten an fragwürdigen Werten, um Rückgrat und um das Aufrechterhalten von Fassade. Mir hat er gut gefallen.

David Levithan. Das Wörterbuch der Liebenden.
(Deutsch von Andreas Steinhöfel)
26 Buchstaben. Zu jedem Buchstaben mehrere Wörter, anhand derer die Geschichte zweier Liebender erzählt wird. Es ist ein ganz kleines Buch, und es ist ein tolles Buch: Die Geschichte wird nicht von A bis Z chronologisch erzählt, weshalb man an jeglichem Buchstaben beginnen und enden kann. Auch ist offen, wer die Liebenden sind, wie sie heißen: Es gibt einen Ich-Erzähler (oder eine Ich-Erzählerin), der/die sein Gegenüber mit „du“ anspricht – es können Mann und Frau, Frau und Mann, aber auch Frau und Frau oder Mann und Mann sein. Das alles macht das Buch ziemlich super.

Ann-Marie MacDonald. Wohin die Krähen fliegen.
(Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Kann es sein, dass ich im Mai und Juni nur gute Bücher gelesen habe? Nicht ganz, aber fast. „Wohin die Krähen fliegen“ gehört definitiv ebenfalls in die Kategorie „super“ – wenn auch mit einem Wehrmutstropfen. Erstmal: Worum geht’s? Es ist 1962, Madeleine und ihre Familie müssen wieder einmal umziehen. Ihr Dad arbeitet bei der kanadischen Air Force, Madeleine bekommt neue Nachbarn, neue Freunde, eine neue Schule. Die Geschichte fließt in den ersten 400 Seiten munter dahin, es passiert nicht viel, trotzdem habe ich den Anfang gerne gelesen. Als ich dann dachte: „Jetzt könnte mal was passieren“, passiert auch tatsächlich etwas – jemand wird ermordet. Man meint zu wissen, wer der Täter ist, weiß es aber nicht sicher. Die Geschichte fließt weiter; sie dreht sich um vieles mehr als um einen Mord: Es geht um den Mief der 60er, um Aufrüstung, um den Kalten Krieg, um Loyalität, um die Mondlandung. Die Geschichte erstreckt sich auf 1000 Seiten – ein wahres Epos, das ich sehr gerne gelesen habe. Allein die letzten 200 Seiten fand ich überflüssig, denn sie lösen auf, was besser offen geblieben wäre. Oder nicht? Entscheiden Sie am besten selbst.

Ross Raisin. Unter der Wasserlinie.
(Deutsch von Arnd Kösling)
Mick Little ist in seinen mittleren Jahren, als seine Frau stirbt. Früher war Mick Werftarbeiter, zuletzt fuhr er Taxi. Der Tod seiner Frau wirft ihn aus der Bahn: Er verwahrlost, geht nach London, arbeitet dort kurz, beginnt zu trinken, wird dann obdachlos. Ross Raison erzählt die Geschichte eines menschlichen Niedergangs, die Geschichte eines Kampfs um Würde und eines Kampfs zurück in die Normalität. Das Buch ist okay; es hat mich nicht tief berührt, war aber gut zu lesen.

Peter Stamm. Agnes.
Hach ja, Peter Stamm. Die Geschichte: Er schreibt Sachbücher, aktuell über Luxuseisenbahnwagen. Sie ist Studentin. Die beiden lernen sich in der Bibliothek kennen, werden erst Freunde, dann ein Liebespaar. Parallel zur Realität beginnt er, ihrer beider Geschichte aufzuschreiben; er schreibt sie rückblickend, aber auch voraus. Das Buch ist doppelbödig und von daher recht prima, die Protagonisten machen mich aber wahnsinnig: So schwammig, unentschlossen, rückgratlos wie Stamms Männer sind, möchte ich ihnen beim Lesen fortwährend eine reinhauen.

Thomas von Steinaecker. Wallner beginnt zu fliegen.
Stefan Wallner hat eine Frau (Deutsch-Rumänin), einen Sohn (pubertärer Teenager) und eine Firma für Landmaschinen. Im Betrieb läuft es mehr schlecht als recht, Wallner fühlt sich ausgebootet, wittert eine Verschwörung. Er verlässt die Firma. Sei Sohn Costin nimmt an einer Casting-Show teil, gewinnt und wird für kurze Zeit ein Superstar. Der erste Teil des Buches erzählt von Wallner, der zweite von Costin. Die Geschichte beginnt wirklich gut, wird aber schnell vorhersehbar. So richtig hat sich mich deshalb nicht gepackt.

Klaus-Peter Wolf. Ostfriesenkiller.
Zum Schluss dann doch ein, nun ja, schwer erträgliches Buch. Nicht wegen der Story – die Geschichte ist okay: In Aurich wird erst ein Mann ermordet, dann noch einer und noch einer. Alle haben für den gemeinnützigen Verein „Regenbogen“ gearbeitet, der sich für die Integration Behinderter einsetzt. Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, frisch von ihrem Mann getrennt, übernimmt die Ermittlungen. Der Stil Klaus-Peters Wolfs gleicht Schlägen mit dem Holzhammer: simpel, stumpf, stupide und ohne Rücksicht auf den Leser; er lässt keinen Raum für eigene Gedanken und nervt irgendwann unglaublich.

Bücher 2014 – 2

11. 05. 2014  •  4 Kommentare

Gelesen im März und April, analog und auf dem Kindle:

Kerstin Signe Danielsson. Roman Voosen. 
Später Frost. Der erste Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss.
Ein neues, skandinavisches Ermittlungsduo aus dem Süden Schwedens – und richtig gut. Ingrid Nyström ist endlich mal eine normale Kommissarin ohne Neurosen, mit Familie und einem schlechten Gewissen, wenn sie viel arbeitet. Stina Forss – okay, sie ist extravagant. Die beiden haben noch eine Handvoll Kollegen, mit denen sie gemeinsam ermitteln. Der erste Fall: Ein Schmetterlingszüchter wird tot in seinem Gewächshaus gefunden. Das Ganze ist recht undurchsichtig, denn der alte Mann lebte zurückgezogen und unauffällig. Ein klassischer Kriminalfall, der gut unterhält. Deshalb habe ich auch direkt das zweite Buch gelesen:

Kerstin Signe Danielsson. Roman Voosen. 
Rotwild. Der zweite Fall für Ingrid Nyström und Stina Forss.
Auf einer kleinen Insel im See wird die Leiche eines Mannes gefunden, von Pfeilen durchbohrt. Nyström und Forss finden schnell heraus, dass er nach Vorbild des Heiligen Sebastian getötet wurde. Ansonsten bekommen sie den Fall nicht zu packen – bis ein zweiter Mann stirbt. Die Ermittlungen führen in die Vergangenheit, aber nicht die schwedische. Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Als Leser kommt man zwar irgendwann drauf, aber die Story bleibt trotzdem gut und beleuchtet ein spannendes Kapitel europäischer Geschichte.

Als ich das Buch gerade ausgelesen hatte, besichtigte ich zwei Tage später übrigens die Kathedrale von Cádiz. Dort, welch Zufall, hing in einer Seitenkapelle ein Bild des Heiligen Sebastian:

Der Heilige Sebastian in der Kathedrale von Cádiz

Rebecca Gablé. Das Haupt der Welt.
Ein neuer Gablé. Die historischen Romane von Rebecca Gablé lese ich gerne, weil sie unterhaltend und spannend sind: Die Geschichte ist meist gut komponiert, man lernt etwas über geschichtliche Ereignisse, es gibt Gut und Böse, Liebe und Enttäuschung, und am Ende ist immer alles prima. Über das „Haupt der Welt“ bin ich jedoch etwas enttäuscht. Die Geschichte ist zwar klassisch, sie spielt im Brandenburg des 10. Jahrhunderts: Ein junger Mann (Tugomir, Prinz der Heveller) wird seines Status‘ und seiner Heimat beraubt, verliebt sich in der Fremde, muss Kriege und Erniedrigung erdulden und erringt zum Schluss, soviel kann ich ohne Spoiler vorwegnehmen, Ehre für sich und sein Volk. Doch die Figuren wollten nicht so recht in meinem Kopf entstehen. Statt ihrer steht die geschichtliche Handlung im Vordergrund; detailverliebt wird eine Schlacht nach der anderen geschlagen. Das ist ermüdend. Das Positive am Buch: Von der Zeit zwischen 900 und 1100 wusste ich bislang nichts und habe viel über deutsche Geschichte erfahren.

Ralf Heimann. Die tote Kuh kommt morgen rein.
Ralf Heimann ist Redakteur bei der Münsterschen Zeitung und Vater des Blumenkübel-Phänomens. In seinem Buch „Die tote Kuh kommt morgen rein“ wird sein Alter Ego als Redakteur in die Münstersche Provinz versetzt. In 20 kleinen Geschichten, die locker durch eine Rahmenhandlung verbunden sind, gibt er wieder, was ein Redakteur in der Provinz so alles erlebt. Für Nicht-Journalisten ist das Buch wahrscheinlich nicht ganz so unterhaltsam, wer aber schonmal für eine Lokalredaktion auf dem Land gearbeitet hat, wird sich und die Stereotypen dort wiederfinden. Ein Buch, das den Lokaljournalismus karikiert, ihn aber nicht vorführt.

Kajsa Ingemarsson. Das große Glück kommt selten allein.
(Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner)
Den ersten Ingemarsson fand ich gut: ein klassisches Frauenbuch zwar, aber doch einigermaßen tiefgründig und gut erzählt. Von diesem Buch lassen Sie jedoch besser die Finger. Die Handlung: Stella Friberg ist eine gefeierte Bestsellerautorin, schön, reich und von vielen beneidet. Doch dann geht es mit ihrem neuen Roman nicht voran, ihr Freund ist plötzlich schwul und ihre Wohnung steht unter Wasser. Der gut aussehende Monteur Johnny kommt vorbei … Muss ich mehr sagen? Es war schlimm, wirklich schlimm.

Michael Kumpfmüller. Die Herrlichkeit des Lebens.
Das letzte Lebensjahr von Franz Kafka: Als Dichter ist er nur Eingeweihten bekannt. Er hat Tuberkulose, erholt sich an der Ostsee. Dort lernt er die 25-jährige Dora Diamant kennen. Der Leser begleitet die beiden ein Jahr lang bis zu Kafkas Tod. Die Geschichte wird mal aus seiner, mal aus ihrer Sicht erzählt. Kein erzählerisches Feuerwerk, sondern leise und behutsam. Ein gutes Buch – auch wenn es mich nicht vom Stuhl riss.

Charlotte Link. Im Tal des Fuchses.
Matthew und Vanessa Willard halten an einem Rastplatz. Er führt kurz den Hund aus, da verschwindet sie spurlos. Der Leser weiß sofort, wer es war. Trotzdem ist die Geschichte ungemein spannend, denn bis fast zum Schluss ist nicht klar, ob Vanessa noch lebt. Ein klasse konstruierter Thriller, der mich sehr gut unterhalten hat.

Martin Pistorius. Als ich unsichtbar war.
(Deutsch von Axel Plantiko)
Mit zwölf Jahren wird Martin krank: Er verliert seine Sprache und die Kontrolle über seinen Körper, fällt quasi ins Wachkoma. Für Eltern und Pfleger ist er fortan nur noch eine Hülle, die sie säubern und füttern müssen. Doch sein Geist ist vollkommen klar. Erst die Pflegerin Virna bemerkt nach etlichen Jahren, dass er zielgerichtet reagiert und sich mitteilen möchte. Die Geschichte ist nicht fiktiv: Martin Pistorius ist heute verheiratet und arbeitet als Webdesigner. Ich sag’s mal platt: krass. Wirklich krass.

Kjersti A. Skomsvold. Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich.
(Deutsch von Ursel Allenstein)
Ein ganz kleines, kurzes Buch: Mathea Martinsen ist fast hundert Jahre alt und lebt am Stadtrand von Oslo. Ihr Mann, ein Statistiker, den sie liebevoll „Epsilon“ nennt, ist gestorben – für sie ist er aber noch sehr lebendig. Denn außer ihm hat sie nichts: keine Kinder, keine Freunde, keinen Kontakt irgendwohin. Ihr Leben richtet sich nach dem Nachrichtensprecher und nach den Ohrenwärmern, die sie strickt. Ein verschrobenes, aber herzwerwärmendes Buch, das allein den Gedanken Matheas folgt, die keinesfalls Mitleid erregend sind.

Eva Stachnik. Der Winterpalast.
(Deutsch von Peter Knecht)
Warwara Nikolajewna kommt als Waise in den Winterpalast. Kanzler Bestuschew, ein gewiefter Politiker, weiß ihre Unvoreingenommenheit und Naivität zu schätzen und bildet sie als Spionin aus. Es sind die Zeiten der Kaiserin Elisabeth Petrowna; die Kaiserin holt  die junge Sophie von Anhalt-Zerbst – die spätere Katharina die Große – an den Hof, um sie mit ihrem Neffen zu vermählen.  Warwara wird die engste Vertraute Katharinas auf dem Weg zur Macht. Die Autorin Eva Stachnik erzählt die Geschichte in geschäftsmäßigem Ton mit Distanz zu den Figuren: Nie wird es tränenreich emotional, nie romantisch, immer bleibt die Erzählerin über den Dingen. Das hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich mir direkt die Fortsetzung kaufte:

Eva Stachnik. Die Zarin der Nacht.
(Deutsch von Peter Knecht)
Die Fortsetzung, in der, rückblickend vom Totenbett Katharina der Großen, ihre politische und private Lebensgeschichte erzählt wird, kann leider nicht mit dem ersten Teil mithalten. Der erste Abschnitt des Buches, rund 100 Seiten, ist redundant zum „Winterpalast“ – nur, dass die Geschichte noch einmal aus Sicht Katharinas und nicht Warwaras erzählt wird. Langweilig. Danach gibt es etliche Zeitsprünge, Katharina bleibt fremd, und die distanzierte Erzählweise nervt nun, weil es keine sympathische Handlungsträgerin mehr gibt.

Stephan Thome. Fliehkräfte.
Thomes „Grenzgang“ fand ich super, deshalb nun „Fliehkräfte“. Darum geht’s: Hartmut ist Professor für Philosophie und hat alles erreicht – beruflichen Erfolg, eine funktionierende Ehe, Kinder. Doch es kriselt: Seine Frau ist nach Berlin gezogen, um sich beruflich zu verwirklichen, und hat ihn zurückgelassen. An der Uni fühlt er sich fremd, seit die Bologna-Reformen laufen. Er will sich noch einmal verändern. Stephan Thome erzählt sehr nah an der Hauptfigur. Das gefällt. Ich konnte mich trotzdem nicht so richtig mit Hartmut anfreunden. Es ist mir auch zu viel Reflexion und zu wenig Handlung im Buch. Es fehlt der Spannungsbogen. Es ist kein schlechtes Buch, die Geschichte ist nicht schlecht erzählt. Vielleicht bin ich nur einfach nicht die richtige Leserin.

Pia Ziefle. Suna.
Ich nehme es direkt vorweg: super. Ein tolles Buch. Am Anfang war ich skeptisch: Ist das nun so eine gefühlsduselige „Frisch gebackene Mutter auf der Suche nach ihrer Identität“-Geschichte? Aber nein: Sie ist toll. Pia Ziefle erzählt mit Hilfe der Protagonistin Sophie die Geschichte ihrer eigenen Familie – die Mutter aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Vater eine Liebschaft aus Anatolien, aufgewachsen ist sie bei deutschen, sehr bürgerlichen Adoptiveltern. Pia Ziefle erzählt weise und klug, gefühlig, aber nicht gefühlsduselig.

 

Raketenmänner: Die Gewinner

8. 03. 2014  •  9 Kommentare

Eine leicht untersetzte, unrasierte Glücksfee hat „Stop“ gerufen, während ich durch die E-Mails scrollte, die ich für jeden Kommentar im Kännchencafé bekomme.

Die Stop-Rufe sind:

Herzlichen Glückwunsch zu einem Exemplar der „Raketenmänner“!

Raketenmänner: Buchverlosung

5. 03. 2014  •  148 Kommentare

Achtung, es gibt etwas zu gewinnen! Und zwar:

Frank Goosen: Raketenmänner

Kiepenheuer & Witsch hat mir das Buch zur Rezension geschickt – und gleichzeitig angeboten, dass ich drei Exemplare verlose.

Frank Goosen bin ich bislang zweimal begegnet: einmal beim Hören seines Kabarettprogramms „A40“, ein weiteres Mal beim Lesen seines Buchs „So viel Zeit“. Die A40-Nummern fand ich so lala, was aber eher an mir als an Herrn Goosen liegt, denn ich habe grundsätzlich ein Problem mit Kabarett-Komplettprogrammen – einfach, weil niemand durchgehend 90 Minuten lang super sein kann und zwischendrin quasi naturgegeben Ernüchterung eintritt.

„So viel Zeit“ war nach der So-lala-A40-Erfahrung eine Überraschung für mich. Die Geschichte gefiel mir gut. Der Stil gefiel mir gut. Das war rund und prima, und Lesen kann ich sowieso besser als hören.

Nun die „Raketenmänner“. Kurzgeschichten. Auf Kurzgeschichten kann ich normalerweise gar nicht. Kurzgeschichten sind immer irgendwie unvollständig, der Ejaculatio praecox unter den schriftlichen Werken: Man hat sich gerade eingegroovt, da ist es abrupt vorbei. KiWi diente mir also „Raketenmänner“ an, und ich dachte erstmal: Nun ja –  was soll’s, her damit, ist ja für umme.

Lange Vorrede, kurzes Fazit: „Raketenmänner“ ist richtig gut – weil es Erzählungen sind, die sowohl alleine für sich als auch im Zusammenhang mit den anderen Geschichten im Buch stehen können. Es sind kurze Episoden aus dem Leben von Männern: Sie heißen Riedel, Frohnberg, Sabolewski, sie stehen in der Mitte ihres Lebens, manchmal auch etwas weiter vorne oder hinten, sie betrügen ihre Frau, sie werden von ihrer Frau betrogen, sie werden gekündigt oder eröffnen einen Laden – und irgendwo dazwischen begegnen sie sich.

Was ich an Goosen mag, ist seine nüchterne, zweckmäßige Erzählweise. Er beschränkt sich auf Beschreibungen und lässt Raum für eigene Vorstellungen. Keinen der Männer lernt man als Leser näher kennen und doch meint man zu verstehen, was sie für Typen sind.

Wer gerne eines der drei Exemplare gewinnen möchte, schreibe bitte bis Samstagmorgen (8. März), 9 Uhr, in die Kommentare diese Beitrags:

Ja, ich will.

Am Wochenende lose ich aus. Im Falle eines Gewinns schreibe ich Ihnen eine Mail, frage Sie nach Ihrer Postadresse, schicke Ihre Adresse an Kiepenheuer & Witsch, und die Volontärin dort schickt Ihnen das Buch.



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