Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Ode an die Wärmflasche

29. 09. 2010  •  43 Kommentare

Schlotternd sitz‘ ich vor der Diss,
die Hände kalt, der Nacken steif,
ein Gedanke sich dem Hirn entriss:
Es ist soweit, die Zeit ist reif.

Draußen weht ein Blatt vorbei,
der Wind pfeift um die Ecken,
Ich speich’re schnell noch die Datei
und geh‘ sie leise wecken.

„Es ist soweit“, flüst’re ich ihr,
„Oktober ist nun bald,
sei du mein Schatz, meine Plaisir,
das Zimmer ist feuchtkalt.“

Ich greif‘ sie mir und nehm sie mit,
zum Herd, zum heißen Kessel,
Wasser, heiß, in ihren Schritt,
und rüber geht’s zum Sessel.

Wohlig schmiegt sie sich nun, warm,
an meinen Rücken, innig, nah,
draußen krächzt ein Vogelschwarm,
auf seinem Flug nach Kenia.

Ohne dich würd‘ ich arg frieren
im Herzen und im Bauch,
die Lungen würden kollabieren,
der Atem: nur ein Hauch.

Dank dir nun werd‘ ich diesen Winter,
überleben wie zuvor
and’re Winter, davor, dahinter,
als ich auch bitter fror.

Wirsing, du unbekanntes Ding

25. 09. 2010  •  54 Kommentare

Vor einiger Zeit habe ich es schon einmal erlebt. Im Supermarkt: Die Kassiererin nimmt das Gemüse vom Band auf, dreht es in der Hand, einmal links herum, einmal rechts herum, als stehe der Name auf den Blättern, und fragt dann: „Was is’n das? Salat?“

Nee. So sieht Wirsing aus.

Heute stehe ich in der Gemüseabteilung, und der grüne Korb mit dem Wirsing ist leer. Ich frage die Fachkraft: „Haben Sie noch Wirsing im Lager?“
Sie deutet auf den Chinakohl und sagt: „Wieso? Da ist er doch.“
„Nee, das ist Chinakohl.“
„Und das?“ Sie deutet auf die Kiste daneben.
„Das ist Weißkohl.“
„Und das?“
„Das ist Eisbergsalat.“
„Dann ist das“, sie deutet auf den Lollo bionda, „bestimmt auch Salat.“
„So ist es.“
„Dann haben wir keinen Wirsing mehr.“

Die Fliegenfängerin

21. 09. 2010  •  30 Kommentare

Eins muss ich zur Erklärung vorwegschicken: Wir sind viele.

Meine Großmutter hatte neun Geschwister, die sich allesamt in solider Anzahl vermehrt haben. Ich habe also eine unzählbare Menge an Basen und Vettern, Großtanten und Großcousins – und um die Unübersichtlichkeit zu vervollständigen, geht es mit den Generationen auch noch drunter und drüber. Denn als meine Großmutter zur Welt kam, war sie bereits Tante – ihre älteste Schwester hatte schon ein Kind.

Das alles müssen Sie wissen, um sich eine Beerdigung im Kreise meiner Familie vorzustellen.

Vergangene Woche sagte meine Großtante zu sich und ihren Kindern: Es sei alles erledigt, sie könne jetzt sterben. Sie wartete, bis alle weg waren, dann schlief sie ein. Zwei Tage später wäre sie 97 Jahre alt geworden.

Meine Großtante war in vielerlei Hinsicht besonders. Als sie vor einigen Monaten das erste Mal in ihrem Leben in eine Klinik musste und man sie aufforderte, das Gebiss rauszunehmen und ihren Hausarzt zu nennen, hielt man sie für verstockt und dement – in Wirklichkeit aber hatte sie gar kein Gebiss und auch einen Hausarzt besaß sie nicht. Sie war einfach immer gesund gewesen: im Mund und überall sonst auch.

Zusätzlich zu ihrer legendären Gesundheit verfügte sie über eine spektakuläre Fähigkeit: Sie konnte Stubenfliegen mit der hohlen Hand fangen, egal ob sie auf dem Tisch saßen, an der Wand hingen oder durchs Zimmer flogen. Sie hatte dafür verschiedene Techniken entwickelt, die sie ansatzlos aus dem Handgelenk verwirklichte. Hatte sie eine Fliege erwischt, lauschten wir Kinder gebannt an ihrer Faust, in der es surrte und summte. Dann ließ sie die Fliege frei, um sie erneut zu fangen. Es war fabelhaft.

Wir hatten sie außerdem lieb, weil sie sich immer bekleckerte. Ihr Sohn pflegte zu sagen, er werde bald ein Bettlaken mit sich führen, durch das sie ihren Kopf stecken müsse, damit nicht so viel Wäsche anfalle. Einmal schaffte sie es, sich einen ganzen Nachmittag lang nicht zu bekleckern – kein Kaffee tropfte auf die Bluse, kein Ärmel blieb in der Sahne hängen. Doch beim Abendessen geschah es: Ihr Enkel zerdrückte eine Kartoffel in der Soße, die Kartoffel flutschte unter der Gabel hinfort mitten auf des Großtantes Rock – was ein Spaß!

Heute also haben wir sie beerdigt. Die Familie war beisammen, die Cousins und Cousinen und Großcousins und Großcousinen und Enkel und Urenkel und noch mehr Leute, die mich zwar beim Namen nannten, deren Gesicht ich jedoch nicht erinnerte, kamen ins Dorf. Wir weinten und lachten, aßen Schnittchen und Teilchen, und der Urenkel klopfte nochmal am Sarg an, um zu hören, ob die Omama auch wirklich tot ist. Natürlich erzählten wir uns vom Kleckern und vom Fliegenfangen, von ihrem Obstgarten und ihrem Wunsch, immer draußen zu sein an der frischen Luft. So kommen wir immer nur zusammen, wenn einer stirbt.

Das nächste Mal wird allerdings anders. Meine Großtante war die letzte ihrer Generation; nun sind als nächstes unsere Eltern und Tanten dran.

Das macht ein bisschen Angst.

Spam wird immer philosophischer

21. 09. 2010  •  29 Kommentare

Achten Sie auf die intendierten Wortauslassungen und die mit Bedacht eingesetzten Zeilenumbrüche.

Hallo meine lieben.

Wie geht es dir heute ich hoffe, dass alle Dinge gut mit Ihnen, wie es mein großer pleassure Ihnen in Kommunikation mit Ihnen in Verbindung setzen, Mein Name ist miss Rebeca Peterson, ich weiß, dass Sie vielleicht überraschen, wie ich Ihre E-Mail zu erhalten, habe ich ist Ihre E-Mail wurde heute, wenn ich Browsing, dann fühle ich diese paar Zeilen schreiben, um Tropfen, und ich werde Sie gerne mit mir über meine E-Mail kontaktieren, damit wir einander besser kennen und tauschen unsere Bilder,

Denken Sie daran, die Entfernung spielt keine Rolle, was zählt ist die Liebe, die wir miteinander teilen.

Ich warte, bald von Ihnen zu hören.

Was küssen

Verpassen Rebeca Peterson

Küsse verpassen, das klingt wirklich tragisch.

Gelesen: Freundschaft, Liebe und viel Tod

19. 09. 2010  •  11 Kommentare

Seit meinem letzten Lektüreüberlick sind fast zwei Monate vergangen. Hier neue Tipps und Warnungen für und vor Büchern.

Jussi Adler Olsen. Erbarmen:

Eine Nachwuchspolitikerin verschwindet. Kommissar rollt fünf Jahre später den Fall wieder auf. Minus: Erfolgreiche Frau mit behindertem Bruder – sehr stereotyp. Plus: Guter Plot. Wendepunkte zur richtigen Zeit. Sympathisches Ermittlerduo, freue mich auf mehr. Gesamtnote: 2.

Harry Cauley. Bridie und Finn – Die Geschichte einer Freundschaft:

Finn, ein Einzelgänger, freundet sich mit Bridie an, die neu in die Klasse kommt. Das Leben zu Zweit beginnt. Minus: Manchmal etwas rührseelig. Plus: Liebevoll erzählte Geschichte, kein typisches Ende. Gesamtnote: 2.

Volker Kutscher. Der stumme Tod:

Berlin in den 30er Jahren. Filmsternchen kommen reihenweise zu Tode. Minus: Story ohne Raffinessen. Plus: der kühle Erzählstil. Gesamtnote: 3-.

Rolf Lappert. Nach Hause schwimmen:

Waisenjunge muss mit dem Unbill des Lebens, seiner Körpergröße und dem Tod klarkommen. Minus: Die Rahmenhandlung. Schicksalsschläge in Serie. Plus: Konsistente Story. Ein Protagonist mit Herz. Stimmungsvolle Erzählung. Gutes Setting. Gesamtnote: 2+.

Cody McFadyen. Das Böse in uns:

Jemand tötet Frauen und pflanzt ihnen ein Kreuz unter die Haut. FBI Agentin Smoky Barrett ermittelt. Minus: Typischer Serienmörderkram. Plus: Nichts. Gesamtnote: 4.

Andromeda Romano-Lax. Der Bogen des Cellisten:

Die Lebensgeschichte des Cellisten Feliu Delargo in Anlehnung an das Leben Pablo Casals. Minus: Längen im zweiten Teil. Plus: Ein opulentes Erzählstück. Einblicke in die spanische Geschichte. Gesamtnote: 2+.

Jan-Philipp Sendker. Das Herzenhören:

Ein Buch über Liebe: Tochter bekommt die Geschichte ihres Vaters erzählt, der in Birma aufwuchs, früh an Grauem Star erkrankte und sich das Leben mithilfe des Mädchens Mi Mi eroberte. Minus: Längen im Mittelteil. Plus: Einblick in ein unbekanntes Land. Gesamtnote: 2.

Markus Zusak. Der Joker:

Ed findet Spielkarten mit Botschaften in seinem Briefkasten. Er handelt – und verändert Leben. Minus: Man merkt halt, dass es ein Jugendbuch ist. Die Sprache ist einfach, der Plot hat nur eine Ebene. Plus: Das Rätsel wird tatsächlich erst am Ende gelöst. Gesamtnote: 2-.

Das anstrengende Leben der Doktorandin N.

16. 09. 2010  •  45 Kommentare

7:51
Der Wecker klingelt – frisch ans Werk! Nur weil man zu Hause arbeitet, sollte es nicht an Disziplin mangeln! Einmal Schlummertaste geht aber.

8:00
Nachrichten. Wichtig, um direkt auf Zack zu sein. Danach werde ich sofort aufstehen.

9:02
Immer noch Nachrichten? – Oh. Jetzt aber aufstehen. Heute greife ich an.

9:15
Kein Brot mehr da. Wie kann das sein?

11:00
So, Brot und Aufschnitt eingekauft. Neue Bluse in den Schrank gehängt. Jetzt noch schnell den Sonnenbankgeruch vom Körper duschen und die Zitronen-Bodylotion ausprobieren. Dann bin ich am Start.

11:30
Mann, hab ich einen Hunger! Kein Wunder: Hab ja auch noch nicht gefrühstückt.

12:05
Das war lecker: Brötchen, Schokobrötchen und dazu die verpasste Lindenstraßen-Folge vom Sonntag. Man muss bei allem Stress auch genießen können.

12:10
Noch schnell „Rachs Restaurantschule“ hinterhergucken. Sonst komme ich dort das nächste Mal nicht mehr mit.

13:05
Nach dem Vergnügen kommt die Arbeit – da bin ich knallhart. Texmaker öffnen. Evernote öffnen. Los geht’s.

13:10
Ich könnte nebenbei ein paar Folgen von „Mein Baby“ laufen lassen. Stört ja nicht.

13:45
Stört irgendwie doch. Dann lese ich halt Fachliteratur. Muss auch gemacht werden.

14:30
Was habe ich eigentlich fürs Mittagessen eingekauft?

15:30
So fühlt sich  Mama Miracoli, nachdem sie die Familienportion alleine verdrückt hat.

15:35
Diese Müdigkeit! Jetzt lohnt es sich eh nicht mehr, mit dem Schreiben anzufangen. Schon allein vom Biorhythmus her. Dann kann ich mich auch eine halbe Stunde hinlegen. Power Napping soll gut für den geistigen Output sein. Machen die Japaner auch.

19:00
Was – schon Sieben? Naja, ist ja noch nichts verschenkt. Genaugenommen hat der Tag grad erst begonnen!  Im Studium habe ich schließlich auch immer bis 2 Uhr gelernt.

19:10
Texmaker aufgerufen. Kapitelüberschrift formuliert. Es lässt sich gut an.

19:12
Telefon. Wer kann das sein? Ausgerechnet jetzt, wo ich grad drin bin.

19:50
Nachrichten aus der Heimat empfangen. Mutter ruft die nächsten Tage also nicht mehr an. Das verspricht große Taten ohne Unterbrechungen!

20:00
Schon vier Stunden her, seit ich das Letzte gegessen habe. Jetzt ist das Brötchen von heute früh noch knusprig. Morgen nicht mehr.

20:35
Unter-Überschrift formuliert.

20:39
Ersten Satz geschrieben.

20:41
Sollte ich mir nicht erstmal einen Überblick verschaffen? Vielleicht eine Mindmap machen oder so. Dann geht es hinterher schneller von der Hand.

20:50
Oh scheiße – morgen ist Training, und meine ganzen Sportklamotten sind noch nicht gewaschen. Jetzt aber hurtig eine Maschine anwerfen.

21:00
Vielleicht erst nochmal durch meine Evernote-Notizen klicken, damit ich bei meiner Mindmap nichts vergesse.

21:10
Hihi … geiles Stichwort … da fällt mir eine Geschichte zu ein, die ich bloggen kann.

21:45
Gleich der erste Kommentar. – Zack, geantwortet.

22:00
Boah, bin ich müde. Naja, bin ja auch früh aufgestanden, da darf  man das ruhig sein.

22:05
Nee, Leute, das bringt nichts mehr. Kann mich nicht mehr konzentrieren. Bei sterntv kommt heute auch die Story mit dem Superdicken, der 110 Kilo abgenommen hat, nachdem seine Freundin ihn wegen einer Affäre mit einem Meteorologen verlassen hat.

23:40
Krass, dieser Beitrag über Hypnose. Das klappt sogar übers TV.

23:41
Jetzt aber ins Bett. Ich muss morgen schließlich früh raus.

23:45
Mist, die Sportklamotten sind noch in der Maschine!  Mir bleibt aber auch nichts erspart.

00:10
Schon nach Mitternacht. Dann stelle ich den Wecker lieber eine halbe Stunde später. Sonst bin ich morgen direkt so ausgelaugt.

Grigorij

15. 09. 2010  •  34 Kommentare

Seit ich umgezogen bin und eine Festnetznummer habe, ruft mich Grigorij an. Wir sprechen nicht persönlich miteinander, Grigorij pflegt nur eine Beziehung zu meinem Anrufbeantworter.

Erster Anruf, Mitte Juli:
„Mikail, Grigorij hier. Ruf mich an wegen der Angelegenheit. Du weißt Bescheid.“

Zweiter Anruf, August:
„Hier spricht Grigorij. Es ist etwas schief gegangen. Ich rufe dich mobil.“

Dritter Anruf, gestern:
„Dobroj djen, Mikail, hier Grigorij. Machen wir wie abgesprochen. Melde dich morgen, wenn du am Ziel bist. Viel Glück.“

Grigorij zeigt mir zwar seine Nummer an – ich habe mich aber noch nicht getraut zurückzurufen.

Lebensweisheit aus dem Vierersitz

13. 09. 2010  •  20 Kommentare

Eine Mütterchen sitzt in einem Vierersitz in der Bahn. Sie ist klein und runzlig. Um ihr graues Haar wickelt sich ein buntes Kopftuch.

Ihr gegenüber sitzt eine Dreißigerin. Sie hat Make up und Parfum aufgelegt und klammert sich an ihre Handtasche.

Mütterchen: [mit russischem Akzent] Chast du noch Verabredung cheute abend? Schaust chubsch aus.
Dreißigerin:
In Münster.
Mütterchen:
In Munster! Fahrst du Munster jetzt? Wieso? Der Mann muss zu dir kommen und nicht du durch dunkle Nacht fahren! Ist es guter Mann, den du triffst?
Dreißigerin:
Es ist unser erstes Date.
Mütterchen: [murmelt russische Beschwörungsformel] Dann chabe ich Tipp fur dich. Schaust du nicht nur, dass Mann chilft dir mit deine Jacke und mit Tur und bezahlt Essen.  Wichtiger ist, dass Mann ist tuchtig und fleißig. Weil weißt du … gibt es Männer, die tanzen bei erste Verabredung um Frau und machen Chonig um Mund, aber chintercher sitzen sie nur auf Kautsch und schauen Glotze. Weiß ich, wovon ich rede! Deshalb sage ich immer: Lass Mann machen und gib Mann Verantwortung, dass er muss merken, dass er chat Chose an. Sonst wird er faul. Merke dir Spruch von weise Frau: Mann ist die Kopf von eine Beziehung, aber Frau ist die Chals, die sich dreht.

Heldenmut im Schlafzimmer

9. 09. 2010  •  74 Kommentare
Fiese, haarige Spinne

Die Borsten allein. Schauen Sie sich die Borsten an. Dann schauen Sie sich die Klauen an. Sehen Sie diese langen, gefährlichen Klauen vorne am Maul? Schauen Sie außerdem nach hinten. Sehen Sie die klebrige Substanz oberhalb des Hinterteils? Das ist Gift. Es lähmt das Nervensystem. Wenn es Ihre Haut berührt, setzt Ihre Atmung aus – bums, tot. Das geht ratzeschnell. Da machen Sie nix.

Jetzt möchten Sie bestimmt wissen, wie ich die gefangen habe.

Furchtlos! Unerschrocken! Eigenhändig! Nur mit einem Saftglas und einem alten Briefumschlag.

(Schmeicheleien nehme ich in den Kommentaren entgegen.)

Level Zwei

8. 09. 2010  •  36 Kommentare

Es gibt etliche Anzeichen dafür, dass Eltern älter werden.

Sie kennen das vielleicht: Sie besuchen Ihren Vater und Ihre Mutter, nehmen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank und sehen beiläufig, dass die Marmelade schon Einiges überm Datum ist. Sogar mit flauschigem Pelz, grünen Einlagerungen und allem Zipp und Zapp. Die Reaktion: „Echt jetzt? Habe ich doch heute noch gegessen!“

Vorbote ist allerdings zunächst die Midlife-Crisis. Männer entsinnen sich ihres 1967 während des 18-monatigen Wehrdienstes erlangten Motorradführerscheins, verkloppen ihre Münzsammlung, kaufen sich eine Harley und fahren damit stotternd, das Herz voller Erinnerungen, bis an die Atlantikküste. Frauen tun sich währenddessen zu Grüppchen zusammen, besteigen ein Hurtigrutenschiff in Richtung Lofoten, stöhnen bei fünf Grad Außentemperatur über Hitzewellen und lästern 14 Tage lang über die plötzliche Jungenhaftigkeit ihres Mannes. Sollten Sie Ihren Eltern gegenüber Besorgnis über ihr Reisefieber äußern, kontern diese mit Worten wie: Wer wisse schon, wie lange sie das noch könnten, sie sähen täglich in Todesanzeigen, dass die Einschläge näherkämen und das letzte Hemd habe schließlich keine Taschen.

Das profanste körperliche Anzeichen für das gestiegene Lebensalter Ihrer Erzeuger, sozusagen Level Eins, ist allerdings die Lesebrille. Zunächst sind die elterlichen Arme noch lang genug – und mal ehrlich, wer will schon so genau wissen, welche Nebenwirkungen das Bluthochdruck-Medikament hat. Dann kaufen sie im Supermarkt heimlich eine Lesehilfe. Aber altersblind sind sie deshalb noch lange nicht! Sonst müssten sie ja zum Optiker.

Irgendwann führt aber kein Weg mehr an einer professionellen Vermessung der Sehkraft vorbei; der Optiker empfiehlt zudem dringlich einen Besuch beim Augenarzt – „In Ihrem Alter sollten Sie sich regelmäßig auf grauen Star untersuchen lassen.“ Ihre Eltern werden Ihnen später empört von diesem Wortwechsel berichten.

Die Lesebrille hat es nun aber an sich, ständig dort zu sein, wo ihr Träger nicht ist („Wo hab ich sie nur? Ich hatte sie doch eingesteckt!“) – und so kommt es dazu, dass Sie Ihren Eltern ab und an etwas vorlesen müssen. Sie tun das sehr pietätvoll und mit einer selbstverständlichen Non-Chalance, bloß kein Gewese darum machen, das könnte den Vater ja kränken – wo er sich nach seiner letzten Harleytour durch Nordfrankreich doch gerade wieder wie 59 fühlt, trotz der Rückenschmerzen.

Neulich saß ich also mit meinem Vater in einem Restaurant, als er mal wieder seine Brille nicht dabei hatte. Vielleicht hatte er sie im Büro vergessen oder auf dem Sofatisch neben der Fernsehzeitung. Vielleicht auch im Bad – „Nicht mal mehr einen Pickel ausdrücken kann ich mir ohne das Ding!“ Er regte sich ein bisschen auf.

Jedenfalls musste ich ihm die Speisekarte vortragen – eine sehr lange Speisekarte. Mein Vater konnte mir leider nicht einmal eine geschmackliche Tendenz nennen, in die er sich an diesem Abend bewegen wollte. Ich las also und las und schaute ab und an zu ihm auf, ob sich etwa bei den Fischgerichten ein Ausdruck des Missfallens bei ihm einstellen möge – dann könnte ich diesen Teil der Karte ja vielleicht etwas abkürzen. Allerdings: Nichts dergleichen geschah. Stattdessen rutschte er immer mehr mit dem Oberkörper nach vorne, beugte sich über die Tischdecke, streckte das Kinn vor, verzog den Mund zu einer Grimasse, rollte die Augenbrauen in Richtung Nasenspitze, hielt schließlich die Hand hinters Ohr und sagte: „Tut mir leid – was war das letzte? Ich verstehe dich so schlecht.“

Ich rief also „FORELLE MÜLLERIN MIT SALZKARTOFFELN UND GURKENSALAT!“ über den Tisch und wusste, dass wir in diesem Moment Level Zwei erreicht hatten.



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