Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Allgemein«

Montag, 21. Januar

21. 01. 2019  •  4 Kommentare

Wetter | Endlich ist es kalt. Ich bevorzuge den Sommer, aber wenn Winter, dann doch bitte so: mit Frost und knirschendem Laub, mit hartgefrorenem Boden und Reif auf der Wiese.

Gartenimpressionen:

Raureif auf Gras
Krönchen mit Raureif
Eisblumen auf Laterne

Das Eichhörnchen suchte heute Morgen Wasser. Es trinkt immer aus einem Pflanzgefäß, das ich im Garten aufgestellt habe – und dessen Wasser zurzeit natürlich durchgefroren ist.

Zugefrorene Tränke

Es lief zur Tränke, klopfte aufs Eis, blickte mich vorwurfsvoll an, klopfte wieder aufs Eis, seufzte vernehmlich und hopste davon.

Tag der Jogginghose | Heute ist Tag der Jogginghose. Heute war ich im Home Office. Mit anderen Worten: Ich habe den Tag feierlich begangen.

Rückblick I | Freitag, Samstag, Sonntag: Einladung zu Pizza & Pannacotta, BVB-Sieg und Handball-WM, Angrillen, Sonntagsbrunch und Seespaziergang.

Blick auf den Phoenixsee, teils zugefroren, Sonne

Alles sehr wunderbar.

Dazu habe ich am Samstag monströs verschlafen, obwohl ich eigentlich verabredet war, und musste mich monströs entschuldigen. Das ist mir seit meiner Schulzeit nicht mehr passiert. Den Fehler habe ich bereits gefunden: Ich habe den Wecker (das Handy) pflichtbewusst auf die Weckzeit eingestellt, aber übersehen, dass er am Samstag gar nicht weckt. Tja.

Rückblick II | Am Freitag war ich im Rhetoriktraining mit einer Kundin. Wenn ich im Einzeltag mit Kunden oder Kundinnen bin, mache ich das fernab ihrer sonstigen Büroumgebung, damit sie rauskommen und wir den Tag wirklich für uns haben. Ich miete gerne eine Location an, die im Gegensatz zu ihrer üblichen Arbeitsumgebung steht.

Ist ihre Büroumgebung nüchtern und funktional – was sie meistens ist -, wähle ich einen Coworking-Space. Er hat eine andere Atmosphäre des Interieurs und des Miteinanders. Wir kommen automatisch über Arbeitskonzepte, Haltung und Erwartungen ins Gespräch.

Bemalter Flur

Tag der Serverprobleme | Ich habe heute zwei Bahnfahrten und eine Hotelübernachtung gebucht, und es war ein Krampf. Die Bahnwebsite verabschiedete sich mehrmals nach der Sitzplatzauswahl: Service überlastet. Die Hotelwebsite einer namhaften Kette tat das gleiche.

Überhaupt: Hotelwebsites. Ich möchte wissen, wie das Zimmer aussieht, wie teuer es ist, wo die Bude liegt und ob es Parkplätze gibt. Dazu eine einfache Reservierungsmöglichkeit: Datum, persönliche Angaben, Kreditkarte, feddich. Aber: Es ist ein Graus. Zimmerfotos, die Detailausschnitte von Wasserhähnen und Kopfkissendekos zeigen und dabei völlig offen lassen, wie es um die Kopfkissen und die Wasserhähne herum aussieht. Keine oder kaum auffindbare Angaben zur Ausstattung, ob das Zimmer ein eigenes Bad hat oder einen Fön oder ob das Frühstück im Preis inbegriffen ist oder nicht. Die Kalenderauswahl erfordert drölfzig feinmotorische Clicks, dazu gibt es fünf Banner, die besagen, dass es auf Booking.com teurer ist, dass man den Newsletter abonnieren möge, dass es Bonuspunkte gibt, wenn man Treuemitglied wird und Was! weiß! ich!, jedenfalls darf ich auf keinen Fall eines dieser Teile wegklicken, sonst muss ich nochmal das Datum neu auswählen (drölfzig Clicks!) – ich kriege! die! Wut! Und dann, wenn ich es endlich geschafft habe: Serverfehler.

WordPress-Update | Neuer WordPress-Editor. Gefällt mir nach einigen Momenten der Umgewöhnung ausgesprochen gut.

All you can eat

21. 11. 2017  •  18 Kommentare

Eines dieser Hotels im Industriegebiet. Checkin und Checkout, ohne einem Menschen zu begegnen. Vor dem Haus eine Parkplatzstadt: Autozubehör, Dänisches Bettenlager, Subway, Tankstelle, ein Chinarestaurant mit Buffet für 14,90 Euro all you can eat. Ich setze mich ins Chinarestaurant.

Als ich den ersten Teller am Start habe, beugt sich der Mann vom Nebentisch zu mir rüber.

„Ich bin jeden Tach hier“, sagt er. „Is’ besser als Pommesbude. Und du weiß‘, watte kriechs.“

Er trägt einen Fleecepulli und eine Arbeitshose. Sein Doppelkinn legt sich sanft auf seine Brust.

“Bin Frührentner. Hab Zement im Rücken. Zwei Wirbel raus, Zement rein. Und Stützstrümpfe. Ohne Stützstrümpfe geht nix. Wennde die Guten nimms, halten die ein ganzes Jahr.“

Er deutet auf die Theke, hinter der ein Mann Fleisch und Gemüse brät. „Dat is‘ der beste Mann hier. Is aber nur dienstags da.“

Die Kellnerin bringt ihm ein Glas Cola. Er sagt: „Ich trink kein Bier mehr. Da kriechste nur auffe Fresse. Gehste inne Kneipe, und kaum bisse drin: Schlägerei. Hatt‘ ich gestern ers‘. Mit Polizei und allem. Aber ich hab‘n Zeugen. Ich hab nich‘ angefangen. Dann is‘ immer gut, wennde‘n Zeugen has‘. Wenn’s andersrum is’, is’ besser, wenn’de keinen has’.“ Er atmet durch, ein Schnaufer. „Dat is ja heute nich‘ mehr nur mit Schiedsmann und so. So einfach kommste nich‘ davon.“ Noch ein Schnaufer. „Bisse nich‘ von hier? Bisse da im Hotel?“

Ich nicke. Ich habe bis hierhin noch nichts zu ihm gesagt, nicht ein Wort.

“In Elberfeld, da is‘ auch‘n Hotel. Da war ich ma’ mit meine Lebensgefährtin. Ers‘ nur eine Nacht. Dat Hotel war total sauber – dat war schön, richtich schön. Die Bettlaken, ganz glatt. Dat war schöner als bei uns zu Hause. Deshalb sind‘wa noch‘ne Nacht geblieben. Ha’m nur dagelegen und ferngesehen. Dann konnten wir‘n Zettel ausfüllen, da hamwa dat Zimmer für 55 statt für 60 Euro gekriecht. Fünf Euro sind nich‘ viel, aber bei zwei Nächte hasse schon zehn. Dat is‘ dann schon wat.“

“Ich gehe nochmal zum Buffet“, sage ich und stehe auf. Ich spüre, wie „Der beste Mann hier“ hinter der Theke hervorkommt und mir nachschleicht. Als ich mir Krabbenchips auf den Teller häufe, raunt er mir ins Ohr: „Isse immer hier, der Gaste. Wenne du willst, kannste du andere Tisch haben. Machen wir unauffällig.“ Ich raune zurück: „Schon okay.“

Als ich zum Tisch zurückkomme, sagt der Gast: „Sie is ja getz wech, ne, meine Lebensgefährtin. Is einfach wech. Obwohl ich ihr noch’n Teddy vonne Kirmes geschossen und vor die Tür gestellt hab’.“ Dann erzählt er mir von ihr. Und von seiner verstorbenen Frau, wie er ihre Schulden aus dem Versandhandel erbte, wie er Schüttgut fuhr und sich den Rücken kaputtmachte. Er erzählt, dass er eine Tochter, aber keinen Kontakt mehr zu ihr hat, dass sie ihn nicht mehr sehen will, weil er nur Mist redet. Am Ende zückt er sein Handy und zeigt mir ein Video: Ein Mann trägt einen vollen Bierkasten mit den Zähnen.

„Dat üb‘ ich getz. Ich trink dat Bier ja nich‘ mehr. Dann kann ich den vollen Kasten jeden Tach rumtragen. Dann komm‘ ich auch auf Jutub.“

#WMDEDGT: Juli 2017

5. 07. 2017  •  7 Kommentare

Der liebe Herr Jawl hat es vorgemacht. Doch eigentlich kommt es von Frau Brüllen:

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? (#WMDEDGT)

Eine Initiative zur Förderung des Tagebuchbloggens. Heute auch mit mir und dem Beweis, wie unaufregend mein Leben ist.

6:00 Uhr

Wecker. Das ist irre früh. Es mag Leute geben, die das anders sehen. Aber für mich: mitten in der Nacht. Hilft aber nichts. Also auf, auf! Ich richte mich her, mache mir ein Brötchen und packe mich ins Auto auf die A1.

8:00 Uhr 

Ankunft beim Kunden.

11 Uhr:

Nachricht in der Whats-App-Gruppe der Handballveteraninnen (die allesamt doch wieder spielen). Es sind Plätze beim Spinning der Verbandsliga-Mädels frei: Samstag, 9:30 Uhr. Ich schreibe, dass 9:30 Uhr an einem Samstagmorgen eine völlig irrationale Zeit für Spinning ist. Am Ende bin ich dabei. Fragen Sie mich nicht, wie das immer passiert. Vielleicht, weil eine Sportskameradin mir ein anschließendes Frühstück avisiert.

12:00 Uhr

Mittagspause. In der Kundenkantine gibt es Seelachsfilet mit Gemüsereis und Dillsauce. Fisch ist büschn trocken. Zum Nachtisch spendiert mir meine Gesprächspartnerin ein Eis. Das ist hervorragend.

16:00 Uhr

Abfahrt beim Kunden. Ich muss zu Hause noch Dinge tun, die ich beim Kunden nicht tun kann. Kein Stau auf dem Weg zur Autobahn. Das ist sensationell und bisher kaum dagewesen.

17:00 Uhr

Ich bin zu Hause und arbeite noch etwa eine Stunde von daheim, um den morgigen Tag vorzubereiten.

18:00 Uhr

Wäsche einstecken. Wäsche abnehmen. Balkon gießen. Nachbarbalkon gießen wegen Urlaub. Tomaten gießen. Schnadegang durch den Garten. Altpapier wegbringen.

19:00 Uhr

Noch ein Telefontermin.

19:30 Uhr

Feierabend. Ich esse Cornflakes mit Milch, beobachte Vögel und Eichhörnchen. Wäsche falten. Wäsche wegräumen. Koffer packen. Auto mit Arbeitsgeraffel packen. Denn morgen habe ich einen beruflichen Termin mit Übernachtung.

20:30 Uhr:

Warten, dass die Wäsche fertig gewaschen ist und ich sie aufhängen kann. Dabei bloggen. Doch noch was arbeiten, weil ich etwas vergessen habe.

21:00 Uhr

Wäsche aufhängen. Zähne putzen.

21.30 Uhr:

Bett.

Der mit dem Käse spazierte

10. 05. 2017  •  9 Kommentare

In der Heimat gibt es einen kleinen Fluss. Der Fluss fließt an der Innenstadt entlang. Für Menschen, die an Flüssen wie dem Rhein oder der Elbe wohnen, ist es eher ein Bach, denn es kann kein Schiff darauf fahren, nicht einmal ein Boot. Einmal im Jahr fahren Badeenten auf dem Fluss. Dann gibt es ein Badeentenwettrennen. Das ist immer ein großes Hallo. Jede Ente hat eine Nummer, und die Nummer, die zuerst von der Oberstadt in die Unterstadt hinuntergeflossen ist, gewinnt einen Preis. Doch davon möchte ich nicht erzählen. Ich möchte von dem Mann erzählen, der eine Käsepackung am Fluss spazieren führte.

Ich sah den Mann zuerst von hinten. Er war klein und auf eine tatkräftige Art untersetzt. Er ging langsam und trug eine große Packung Tip-Schnittkäse Edamer in seiner Hand. So ging er am Fluss spazieren, im Strickjanker mit Hirschhornknöpfen.

Ich überholte ihn, denn er schlurfte hüftsteif, und wir lächelten uns an, als ich vorbeiging. Ein Stück weiter blieb ich stehen, um auf jemanden zu warten, und Herr Edamer zuckelte wieder auf mich zu. Als er mich schließlich erreichte, sagte ich: „Da hamwa uns wieder“, und er antwortete: „Aber ’nen Spitzkohl hab‘ ich davon immer noch nicht“, was zweifellos eine Entgegnung war, die weiterer Erläuterungen bedurfte.

„Ich soll einen mitbringen“, schloss er auch direkt an, „zum Abendessen, hat meine Frau gesagt, aber im Markt haben sie keinen mehr, und jetzt brennt zu Hause gleich der Baum.“

„Sie könnten Weißkohl mitbringen“, sagte ich. „Das ist fast genauso.“

„Sagen Sie. Und sage ich. Aber sagen Sie das mal meiner Frau.“

„Deshalb der Käse? Versöhnungskäse?“, fragte ich und deutete auf die Packung.

„Der war im Angebot und ich mag den so gerne. Aber eigentlich macht er alles noch schlimmer, denn jetzt habe ich Käse, den ich nicht mitbringen sollte, aber keinen Spitzkohl, den sie dringend braucht. Ich bin ja abends auch mit einem Butterbrot zufrieden, aber nein.“

„Das ist knifflig.“

„Jetzt wissen Sie, wie das ist, im Alter, mit der Ehe. Knifflig ist gar kein Ausdruck.“

(Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von Frau Novemberregen und HappySchnitzel, die ich beide auf der re:publica geherzt habe, und die meinten, ich solle wieder mehr von dem aufschreiben, was ich erlebe. Außerdem haben Frau Novemberregen und ich bei einem gemeinsamen Maisküchlein festgestellt, dass wir Ansprechgesichter und deshalb immer diese skurrilen Begegnungen haben.)

Wie ich einmal in Island war, wo die Leute sehr freundlich sehr wenig sagten

3. 07. 2016  •  30 Kommentare

Es ist schon etliche Jahre her, da war ich mal auf Island.

Jökullsalon

Ich bin einmal drumherum gefahren, in einem Hyundai Accent. Wir hatten damals nicht so viel Geld – also ein bisschen schon, deshalb konnten wir uns die Reise leisten, aber nicht genug, um ein Auto zu mieten, das offroad fuhr.

Wir fuhren also nicht ins Hochland, sondern nur über die Ringstraße, die zu dem Zeitpunkt zu 80 Prozent geteert war – einmal um die Insel und mal ein bisschen nach links, mal ein bisschen nach rechts.

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Wir setzten einige Male hart auf, in einer Baustelle, auf einem Pass und auf Nebenstraßen, aber der Wagen erwies sich als sehr robust. Die Steinschläge machten dem Auto nichts aus, sondern es nur schöner, und als wir mal steckenblieben, ließ er sich leicht anschieben.

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Wir waren also in diesem Wagen unterwegs, meistens 200 bis 300 Kilometer am Tag, beginnend in Reykjavík, und dann im Uhrzeigersinn rundherum. Der Reiseveranstalter spendierte uns einen unteramdicken Island Atlas, einem Straßenatlas, 450 Seiten. Jede Seite widmete sich einem Kilometer Wegstrecke – mit einem Kartenausschnitt und Beschreibungen der touristischen Höhepunkte.

Die meisten Kilometer auf Island sehen ungefähr so aus:

Snaefellsness mit Schafen

Möglicherweise fragen Sie sich nun, in Hinblick auf den Atlas: Was gibt es da bitte zu beschreiben? Eine ganze Seite pro Kilometer!

Viel. Der Isländer schätzt sein Land, und man muss nur genau hinschauen, dann entdeckt man sie auch, die kleinen Kostbarkeiten. Auszüge aus dem Reiseatlas des Islenska Bókautgáfan, des Isländischen Buchverlags, 1996:

Haedarsteinn, großer Stein am südlichen Ende der Passhöhe. (S. 17)

Tjarnheidi, Grasfläche östlich von Fúlakvísl, zwischen Hvítárnes und Kjalhraun. (S. 389)

Island lehrt seine Besucher: Es sind die Details, auf die es im Leben ankommt.

Stóll, sehr schöner Berg, an dem sich das Tal gabelt. (S. 336)

Manchmal hat ein Berg Bewohner. Im Atlas steht dann „der Sage nach“ oder „laut Überlieferung“; überlesen Sie diese Zusätze einfach – dann macht alles Sinn.

Fanntófell (901 m), Hyaloklastitberg. Laut Überlieferung einst Wohnstätte von Trollen. (S. 391)

Búrfell (536 m), Berg und gleichnamiger Bauernhof. Der Gipfelkrater ist mit einem kleinen See gefüllt. Der Sage nach soll dort ein Ungeheuer wohnen. (S. 143)

Álfaborg (dt. Elfenburg), Felshügel, von dem der Fjord Borgarfjördur seinen Namen ableitet. Galt als Wohnort von Elfen. Freizeitgebiet. (S. 365)

Anfangs dachten wir, wenn wir auf einen Straßenabschnitt schauten: Da kommt gleich ein kleines Städtchen. Kam aber nicht. Sondern es kam nur ein Bauernhof. Größere Höfe sind größer eingezeichnet, das sieht auf dem Papier dann aus wie eine Ortschaft.

Es gibt keine Hütte, die nicht Erwähnung findet:

Dagverdareyri. Hof. Seit fast zwei Jahrhunderten von der gleichen Familie bewohnt. Eine Zeitlang stand hier eine Heringfabrik. (S. 337)

Hrappsstadir, Bauernhof. Hier ging zur Sagazeit das bösartige Gespenst Hrappur um. (S. 207)

Krossavík, historischer Hof auf der Ostseite von Vopnafjördur. Hier wohnten Geitir und sein Sohn Porkell, von denen in der Vopnfirdinga Saga berichtet wird. Um 1800 Wohnsitz des Bezirksvorstehers Gudmundur Pétursson. (S. 371)

Kross, Bauernhof und Pfarrhof bis 1920. Hier kam es 1417 zu tödlichen Auseinandersetzungen, die ein längerwährendes Nachspiel hatten. (S. 121)

Welches Nachspiel, das steht dort leider nicht, obwohl die Geschichte an dieser Stelle natürlich erst interessant wird.

Verlassener Hof bei Höfn

An einem Tag – wir sind zur Hälfte um die Insel rum -, steht im Reiseführer, dass es auf dem Weg einen Elchbauernhof gebe. Die Betreiber, heißt es, freuten sich, wenn man vorbeischaue.

Elche, wie wunderbar, denken wir, und biegen nach rechts von der Ringstraße in ein Tal ab. Nach zehn rumpeligen Kilometern überqueren wir einen Wasserlauf und parken vor dem Wohnhaus. Außer uns ist niemand da. Der Wind ist frisch, und ich fühle mich unwohl. Das ist alles sehr privat hier, sehr untouritisch – auch wenn kein Zweifel besteht, dass wir richtig sind. Einen anderen Hof gibt es nicht, nicht im Umkreis von 30 Kilometern.

Die Tür des Wohnhauses öffnet sich, und ein junger Mann tritt heraus. Ich sage auf Englisch: „Hallo“, und mich erklärend: „Im Reiseführer steht, Sie haben Elche und man könnte sie besuchen.“

Der Mann deutet mit dem Daumen über seine Schulter, den Berg hinauf, und nickt. Entgegen dem Text im Reiseführer freut er sich ausgesprochen verhalten über unseren Besuch.

„Die Elche sind da oben?“, frage ich.
Wieder nickt er wortlos. Ich schaue den Berg hinauf, sehe aber nichts. Der Mann ist nicht viel älter als ich. Er steht da und schaut mich an. Ich fühle mich weiterhin unwohl. Wieso sagt er nichts? Von ferne blökt es.
„Schafe haben Sie auch?“, frage ich, die Gelegenheit ergreifend, dem Gespräch etwas Schwung zu geben.
Er nickt und steckt die Hände in die Hosentaschen. Sehr ostwestfälisch steht er nun da, mit derselben ausgelassenen Offenheit. Die Luft ist feucht und tief gesättigt. Blöken.
„Ja, äh“, sagte ich. „Haben Sie denn viele Schafe?“
Bedächtig sagt er: „Five thousand.“
Fünftausend! Halleluja. „Jaaaa …“, sage ich. „Das sind … viele.“
Er blickt über den Hof, vor sich und hinter sich. Der Wind ist frisch. Wir ziehen alle die Schultern hoch. Blöken.
„Und, äääh“, fahre ich fort. Ich möchte Interesse zeigen. „Wie fangen Sie die im Herbst ein? Mit Pferden?“
„No. Motorbike.“ Er reckt das Kinn vor – in Richtung eines Quad, das auf der Wiese parkt, ein paar Meter den Hang hinunter.
„Natürlich“, sage ich. „Motorbike, ist ja klar. Als Tourist, da denkt man … uhmm … wie auch immer.“
Blöken. Ob ich nochmal nach den Elchen fragen soll? Schließlich sind wir deshalb hier, und es ist weit und breit kein Elch zu sehen. Aber vielleicht besser nicht. Vielleicht sollten wir lieber wieder fahren.

Ich rege mich gerade zum Aufbruch, als er, sich dem Wohnhaus zuwendend, sagt: „Come in.“ Wir schauen uns an. Das können wir jetzt schlecht ablehnen – und gehen hinterher. Wir treten durch die Tür, er streift die Schuhe ab, wir streifen die Schuhe ab, und gehen in die Stube. Sie ist warm, meine Wangen röten sich. Mir ist das alles fürchterlich unangenehm. Jetzt stehe ich auch noch hier im Haus.

Auf einer Bank sitzt eine Frau, älter als der junge Mann. „My mother“, sagt er, und wir geben uns die Hand.

Es ist gemütlich hier, Holzbänke, ein großer Tisch, ein paar Vitrinen mit Elchdingen darin: Taschen, Felle, Haarspangen, lederne Messerscheiden. Die Mutter steht auf, geht in einen Nebenraum und kommt mit einem Tablett zurück: Teekanne und Teetassen. Sie schenkt ein. Der Sohn und sie hocken uns gegenüber und sehen uns an.

Jetzt sitzen wir hier, denke ich. Sie lächelt, und ich lächle zurück. Er lächelt auch. Immerhin ist es wohl okay, dass wir hier sitzen. Aber trotzdem. Wenn sie doch nur etwas sagen würden.

Schlürfend trinken wir Tee, er ist heiß, schmeckt komisch, aber okay. Sie schaut mich wieder an und lächelt, dann macht macht sie mit der Hand einen Kreis um ihren Kopf, deutet auf mein Gesicht und sagt etwas.

„Face beautiful“, sagt der Sohn. „And hair.“
Ich sage: „Oh. Danke.“ Und lächle.
Sie lächelt auch. Dann sitzen wir weiter da.

Irgendwann ist die Tasse leer. Ich bin ganz froh, denn so angenehm ist mir das alles immer noch nicht, trotz Lächeln und Kompliment. Wir stehen auf, ich sage: „Danke“. Und nochmal: „Danke. Auch für den Tee.“ Die beiden begleiten uns in die Diele. Wir ziehen unsere Schuhe an und sind wieder draußen.

„Tschüß“, sage ich, und die beiden sagen auch etwas. Die Mutter, sie lächelt jetzt sehr einnehmend – mit dem Mund, mit den Augen und mit dem Herzen. Ich schäme mich, dass ich mich so unwohl fühle, dass ich so doofe Fragen gestellt habe, dass ich ihr nichts abgekauft, nur ihren Tee getrunken habe.

„Bye“, sagen wir und steigen ins Auto. Als wir vom Hof fahren, winken die beiden. Wir winken uns, bis wir uns nicht mehr sehen.

Island, dieses überwältigende Stück Erde. Ich habe seither nichts Beeindruckenderes gesehen als diese Natur –  obwohl ich seither viele Länder besucht und viel anderes Erstaunliches erlebt habe.

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Besuchen Sie dieses Land, wenn Sie können. Fahren Sie drumherum und mitten rein, entdecken Sie Wiesen, Hügel und Kurven, Elfe und Trolle.

Erleben Sie Wasserfälle über Wasserfälle – die Sie schon aus vielen Kilometern Entfernung hören, so mächtig sind sie. Essen Sie Skyr. Erfühlen Sie die warme Erde. Baden Sie unter Regenbögen in heißen Töpfen und schwimmen Sie im Freien, ohne zu frieren. Duschen Sie im Schwefeldunst.

Blicken Sie in Vulkankrater und eisblaue Seen und fahren Sie mit dem Boot aufs Nordmeer. Fahren Sie mit dem Amphibienfahrzeug auf den Jökulsárlón und stehen Sie am Strand neben Brocken klaren Eises, das der Gletscher über tausende von Jahren so dicht gepresst hat, dass es auch bei 20 Grad nicht taut.

Aber vorher, heute Abend, drücken wir Islands Fußballern die Daumen, ja? In meinem damaligen Reiseführer (Quack, Ulrich: Island. Reisehandbuch. Iwanowskis Reisebuchverlag. 4. aktualisierte Auflage 2001), heißt es im Kapitel „Island Sportlich“:

Natürlich kann man von solch einem Land keine fußballerischen Wunderdinge erwarten, doch verzeichnen die Berichterstatter immer wieder aufsehenerregende Erfolge auch auf internationalem Parkett. (S. 190)

!!!!!   Hu   !!!!!

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P.S.: Man kann Island auch mit dem Rad durchqueren – oder darüber lesen, wie jemand es tut. Empfehlung!



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