Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Lebenslage«

Das kleine Wochenendglück

11. 07. 2016  •  9 Kommentare

Am Samstag war ich im Baumarkt.

Bummeln im Baumarkt ist besser als Bummeln in der Innenstadt. Die Menschen sind in tatkräftiger Welterneuerungsstimmung und verteilen sich auch, wenn sie viele sind, angenehm gleichmäßig zwischen Holzzuschnitt, Pfettenankern und Zierteichpflanzen.

Außerdem gibt es im Baumarkt immer etwas  Interessantes zu entdecken: modular erweiterbare Werkbänke, saisonale Blühstauden, neue Exzenterschleifer – Produkte, in denen man sich als fantasiebegabte Kundin rettungslos verliert, für Stunden. Allein die vielen Brausearmaturen, mit denen man sich in die Bäder dieser Erde träumen kann!

Ich kann also auch einfach mal so in den Baumarkt fahren.

Gerade am Samstag ist es im Baumarkt ausnehmend super. An keinem anderen Tag ist das Publikum so gemischt:

In einem Gang der sensible Erstanstreicher mit Beratungsbedarf im Dispersionsfarbensegment. Eine Reihe weiter die Laienfliesenlegerin nach VHS-Kurs-Erfahrung, aber ohne eigenen Gummirakel. Wieder zwei Gänge weiter, kurz vor dem Außengelände, eine Kleinfamilie in diskursiver Auseinandersetzung zwischen Motivtapeten und herablassend augenrollendem Präpubertier. An der Hauptkasse: die alliterative Quengelwarenzielgruppe „humorvoller Hobbyhandwerker“ vor dem Namenszollstockregal – auf der Suche nach dem eigenen Ich.

Mein Lieblingsbaumarkt ist so riesig, dass man ihn am besten durchquert, indem man mit dem Einkaufswagen Anschwung nimmt, sich auf den Griff stützt und dann in schwebendem Dreisprungschritt durch den Hauptgang elft.

https://www.instagram.com/p/BHpFrbUjxm-/

 

Leider war am vergangenen Wochenende nicht der erhoffte Schlussverkauf, was bedauerlich, aber nicht weiter schlimm war. Denn just in dem Moment, in dem ich den Baumarkt betrat, fiel mir siedend heiß ein, dass ich ja schon seit Wochen und nunmehr sehr dringend ein neues Handschüppchen brauchte (Sollbruchstelle in der Kelle nach drei Jahren Garteneinsatz!). Wie gut, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte.

Mit so einem Schüppchen ist es natürlich nicht getan: Einzugrabende Pflanzen sind auch wichtig, als Initiationsritus fürs Werkzeug und überhaupt – seelischer Ausgleich. Blumen holen mich ja nochmal ganz anders ab. Ein emotionales Feuerwerk, so eine Gartenabteilung.

Weshalb ist das erzähle? Deshalb:

Hier also ist er, der Report: Schüppchen und Blumen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass mein Lieblingsbaumarkt im Foyer einen Kartoffelbrötchenbäcker hat, der sich auch hervorragend aufs Waffelhandwerk versteht: Ohne enttäuschende Sortimentsvariationen backt er warme, eckige Waffeln, die zuverlässig eine leidenschaftliche Neun auf der internationalen Waffelskala erreichen. Waffel-Champions-League!

Blumen, Werkzeug, Waffeln. Was braucht es mehr fürs kleine Wochenendglück!

Integrative Obstarbeit

8. 07. 2016  •  9 Kommentare

Die Obst- und Gemüseabteilung ist gut besucht. Es ist Freitag, das Wetter ist gut, die Leute wollen grillen. Sie kaufen Salat und was sie sonst noch brauchen können – Tomaten, Gurken, Paprika und dererlei Dinge. Mancher auch Obst. Die Erdbeeren sind in den letzten Zügen.

Die zwei Männer betreten die Abteilung sehr bedächtig. Sie schlurfen hinein und bleiben stehen, Seite an Seite. Als sie sich umsehen, der eine nach links, der andere nach rechts, stehen sie Rücken an Rücken aneinander – zwei Ritter vor dem Angriff der Zuchhiniarmee.

Die Zwei, sie haben nackte Füße und tragen lederne Schlappen und einen Rock. Oder nein, das ist kein Rock, es sieht nur so aus. Das ist eine Art Gewand – ein etwas schmuddeliges Gewand, darüber eine Weste. Ihre Haare sind schwarz, ihr Bart auch. Sie sind sehr hager und unverkennbar nicht von hier, doch woher sie kommen, das kann man nur ahnen.

Die Leute starren sie an, eingefroren in der Bewegung, ihre dünne Plastiktüte haltend, vorgebeugt im Griff nach einer Birne. Zwei, vielleicht drei Sekunden geht das so, in denen die Obstabteilung stillsteht – dann setzt die Zeit wieder ein, die Birne kommt in die Tüte, die Tüte zur Waage, der Aufkleber auf die Tüte, die Tüte in den Einkaufswagen.

Die beiden Männer – sie beobachten einen Augenblick das Treiben, nehmen sich dann einen Apfel, gehen zur Waage, starren aufs Display mit dem Nummernfeld, starren auf den Apfel und wieder aufs Display und nehmen den Apfel ratlos in die Hand.

„Darf ich mal“, fragt eine alte Frau ohne Fragezeichen, wummst ihre Wassermelone aufs Blech, drückt die Drei und die Eins und „Eingabe“, das Klebeetikett surrt heraus, und sie wuchtet die Melone zu den Erdbeeren in den Wagen.

Die beiden Männer blicken sich an, legen ihren Apfel zurück auf die Waage, drücken die Drei und die Eins und „Eingabe“, das Klebeetikett surrt heraus, und die Frau sagt ohne zu atmen: „Dat is’n Apfel, keine Melone, dat is’ne andere Nummer, dat kennt’a nich‘ woll, kommt ma‘ mit, dat is’n bissken kompliziert hier.“

Sie marschiert voran, mit dem Arm die Männer resolut hinter sich herwinkend. Die Zwei schluffen hinterdrein. Die Alte nimmt ihnen den Apfel aus der Hand, hält ihn gegen die anderen Äpfel, hält ihn vor das Schild mit der Zweiundzwanzig, sagt: „Twäntituu“, die Drei gehen wieder zur Waage, Zwei, Zwei und „Eingabe“, und sie drückt dem Linken den etikettierten Apfel in die Hand, während der Rechte lächelt und wild nickt und etwas sagt.

„Wat braucht’a noch?“, fragt die Oma, wirbelt mit der Hand über dem Kopf, die Obstabteilung durchkreiselnd, die Augenbrauen hochgezogen.

Sie etikettieren noch einen Apfel und zwei Bananen und zwei Feigen, die Männer lächeln und nicken und sagen Dinge, die Frau sagt „Wan!“ und „Fortifoar!“ und „Twäntituu ägän!“ und „Habt’a getz verstanden, woll?“ Dann schiebt sie mit ihrer Wassermelone von dannen, und ich höre sie murmeln: „Na bitte, dat war dann wohl Intigrazjon.“

Haushaltshilfe gesucht

15. 06. 2016  •  58 Kommentare

Vor eineinhalb Jahren schrob ich über die Unmöglichkeit, legal eine Putzfrau zu beschäftigen.

Das Projekt „legale Haushaltshilfe“ ist seither eine Unternehmung mit Höhen und Tiefen. Derzeit mehr Tiefen als Höhen. Aber ich gebe nicht auf. Nach zahlreichen Enttäuschungen suche ich weiterhin Verstärkung.

Ich stelle ein:

Haushaltshilfe (m/w)

für Reinigungsarbeiten im Privathaushalt.

Ich biete:

  • einen fairen Lohn deutlich oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns
  • Fahrtzuschuss/Erstattung der Anfahrt innerhalb des Stadtverkehrs
  • familienfreundliche Arbeitszeiten, flexibel einteilbar
  • ein gepflegtes Arbeitsumfeld ohne Ekelerlebnisse
  • alle Arbeitsmaterialien
  • Urlaubsanspruch und Entgeldfortzahlung im Krankheitsfall
  • Beiträge zur Sozialversicherung
  • Absicherung bei Arbeitsunfällen

Klingt gut? Dann freue ich mich über Ihre Bewerbung!

Das sollten Sie mitbringen:

  • Sie denken mit: Falls Sie schummeln, dann putzen Sie die Regalbretter immerhin in Augenhöhe der Auftraggeberin (1,80 m) – und nicht ausschließlich in der eigenen (1,50 m).
  • Sie haben einen miesen Geschmack. Wenn Sie schon heimlich meine Süßigkeiten aufessen, dann bitte das Mon Chéri.
  • Sie nehmen, um zur Arbeit zu gelangen, immer den Bus in die richtige Richtung. Falls nicht, bemerken Sie es rechtzeitig und nicht erst, wenn Sie bereits in Bochum sind. Weil: Dann lohnt es sich ja nicht mehr umzukehren! Schließlich wohnt dort Ihre Schwester, mit der Sie ohnehin verabredet waren.
  • Ihnen entfällt auch nicht spontan und nach Monaten, wo ich wohne. Falls doch: kein Problem! Fragen Sie gerne jederzeit nach. Aber fahren Sie nicht ziellos in der Stadt umher und erzählen Tage später in blumigen Worten von Ihren Erlebnissen. Wenn hier einer blumige Sachen bloggt, dann bin ich das.
  • Sie haben ein gutes Zeitmanagement: Falls Sie weniger arbeiten als Sie abrechnen – kein Ding! Solange Sie es geschickt tun. Ich sollte niemals früher nach Hause kommen und es bemerken.
  • Sie sind pragmatisch und weitgehend ohne eigene innenarchitektonische Ansprüche. Wenn Sie trotzdem umdekorieren möchten, weil Ihnen mein Stil in den Augen brennt, dann sagen Sie zumindest Bescheid, wo Sie was hingestellt haben. Es sei denn, es ist Ostern. Dann suche ich natürlich gern!
  • Nach dem Fensterputzen kann ich besser durch die Fenster durchgucken als vorher. Streifenfreiheit wäre schön, muss aber nicht. Der Erhalt der Bausubstanz zählt! Alles andere ist Ritz-Carlton.
  • Falls Sie einfach mal vorbeikommen möchten – außer der Reihe, weil Sie etwas vergessen haben oder noch ein paar Mon Chéri naschen möchten: Herzlich willkommen! Aber sagen Sie vorher Bescheid, damit ich mir etwas anziehen kann. Oder klingeln Sie.
  • Falls Sie beim Überraschungsbesuch Ihren Mann mitbringen, klingeln Sie bitte erst recht.

Besondere Fähigkeiten im Saubermachen sind nicht erforderlich. Wir können gemeinsam an der Aufgabe wachsen. Der Weg ist das Ziel!

Bewerbungen unter Angabe der zeitlichen Verfügbarkeit und der Gehaltsvorstellung bitte an fraunessy (at) vanessagiese (punkt) de.

Nachwuchs

5. 06. 2016  •  22 Kommentare

Sie betreuen die beiden Jungs nun schon fast ein Jahr, den kleinen etwas länger. Die beiden Kinder, einer 7, einer 14, sind über die Balkanroute gekommen, mit einem Cousin, der auch noch keine 18 ist. Niemand weiß so genau, wie. Jetzt sind sind jedenfalls da.

Die zwei Erwachsenen – Freunde von mir – haben die Vormundschaft für sie übernommen. Einer muss es ja tun, sagen sie sich – sich kümmern um diese Kinder, deren Eltern noch in der Türkei sind und dort festsitzen, vielleicht aber auch gar nicht kommen wollen. Auch das weiß niemand so genau. Jetzt sind sie jedenfalls nicht hier.

Sie taten sich erst schwer, die Jungs wie auch die Erwachsenen, die jetzt die Verantwortung für sie tragen, die Formulare für sie unterschreiben und sie am Wochenende aus der Heimgruppe abholen; die dafür sorgen, dass sie in die Schule gehen, in eine richtige Klasse auf einer guten Schule, eine mit Integrationkonzept und Menschen, die willens sind, das Beste aus dem zu machen, was aktuell geht.

Der Kleine – er spielt und lacht und spricht, auch unsere Sprache schon: Es reicht für den Bolzplatz, fürs Schwimmbad und meistenteils sogar in der Schule – ganz schnell ging das. Der Große hat es nicht so leicht. Deshalb fragen die Erwachsenen ihn: „Was gefällt dir? Wofür interessierst du dich?“, und er antwortet: „Tauben.“

In Syrien, sagt er, und der kleine Bruder übersetzt, habe er Tauben gehabt. Er habe sie fliegen lassen, und sie seien wieder zurück gekommen. Es seien besondere Tauben gewesen, teure Tauben – solche, wie sie nur wenige in Damaskus haben.

„Dann bist du ja hier im Ruhrgebiet ganz richtig“, sagen sie, und durchforsten das Internet nach Taubenzüchtern in der Nähe. Beim ersten, den sie anrufen, nimmt ein Frau ab. Es tue ihr leid, sagt sie, ihr Mann sei bereits seit Jahren tot. Sie rufen den nächsten an, der sagt: Drei Schlaganfälle habe er gehabt, und deshalb nun keine Tauben mehr. Sie rufen beim dritten an, tragen ihr Anliegen vor und hören sofort: Er freut sich. „Wissen Sie“, sagt er, „wir haben ein Problem mit der Jugend. Oder die Jugend mit uns.“ Doch welch glücklicher Zufall: „Am Wochenende, da haben wir Jahrestagung, da können Sie direkt vorbeischauen.“

Die beiden, die jetzt die Verantwortung tragen, nehmen die Jungs und fahren hin. Sie finden die Wiese, auf der Bierbänke stehen, in Reih und Glied, auf denen alte Männer sitzen, sehr alte Männer. Schon die beiden Erwachsenen wären aufgefallen, aber als sie mit den Kindern auftauchen, diesen beiden Jungs mit ihren schwarzen Haaren und ihrem dunklen Teint, verstummen sofort alle Gespräche. Biergläser werden abgesenkt und leise auf die Tischen gesetzt. Insekten summen im Gras. Jemand hustet in seine Hand.

Dann steht einer auf. „Schön, dass ihr da seid“, sagt er. Es ist der, mit dem sie telefoniert haben.

Sie fragen: „Wo sind denn die Tauben?“

Die Tauben, erklärt er, seien schon in ihren Schlägen. In Nürnberg seien sie heute morgen losgeflogen, nun vergleichen die Besitzer nur noch die Listen. „Aber“, sagt er, und beugt sich hinab zu den Jungs, „wir haben Grillwürste. Wollt ihr welche?“

Die Jungs setzen sich auf eine Bank trinken Cola, denn die Würste sind aus Schweinefleisch, und es ist alles etwas komisch. Die Alten schauen sie die ganze Zeit an; sie unterhalten sich zwar wieder, aber dennoch: Ihre Köpfe recken sich unentwegt nach den Jungs.

Die Erwachsenen mühen sich indes im Small Talk. Eigentlich können sie das gut, nur heute nicht, nicht mit diesen Alten, deren Hobby ihnen so fern ist. Das Gespräch verebbt schnell. Schade, denken sie. Aber einen Versuch war’s wert.

Dann steht zwei Bänke weiter noch einer auf. „Mein Schlag ist ganz in der Nähe“, sagt er zu den Jungs. „Wenn ihr wollt, können wir hingehen und die Tauben anschauen.“ Der Kleine übersetzt, und der Große beginnt zu lächeln.

Als sie zwischen den Tauben stehen, die flattern und Staub und Federn aufwirbeln, ist das Lächeln immer noch da. Der große Junge erzählt dem alten Mann von seinen Tauben, der kleine übersetzt. Viele Worte fehlen, doch es ist nicht schlimm: Sie deuten auf Federn, machen Gesten und nicken. Erst, als der alte Mann einmal gar nicht verstehen will, holt der Junge sein Handy heraus, tippt und hält es dem Alten hin, zeigt auf das Bild mit den Vögeln, wischt weiter, noch ein Bild, und wischt weiter. Er hat auch Videos, tippt sie an, und die Tauben fliegen wieder durch Damaskus. Der alte Mann nickt anerkennend. „Schöne Tiere“, sagt er – und fragt dann: „Wie habt ihr sie gezähmt?“

Der Große erzählt und formt die rechte Hand, als sitze darin eines der Tiere. Dann nimmt er die linke und bewegt sie um die rechte. „Tesafilm“, übersetzt der Kleine. „Flügel mit Tesafilm. Eine Woche. Dann wissen Tauben, wo sie wohnen.“

Das Alte wird blass und hebt die Brauen. Dann sagt er: „Das machen wir hier anders.“ Er sagt es nicht böse. Aber mit Nachdruck.

Als sie sich zum Abschied alle die Hände schütteln, vereinbart er einen Termin mit den Erwachsenen. Nächste Woche könne er nicht, sagt er, aber danach solle der Junge ruhig wieder vorbeischauen. Nachwuchs, sagt er, sei immer willkommen.

Irgendwas zwischen Schluss machen und heiraten

25. 04. 2016  •  18 Kommentare

Es gibt Tage, an denen trage ich mein „Erzähl mir was“-Gesicht. Dann erzählen mir die Menschen Dinge, nach denen ich nicht gefragt habe.

Dieser Tage sitze ich mit meinem „Erzähl mir was“-Gesicht in der Bahn; wir sitzen zu Zweit nebeneinander, die junge Frau, die vielleicht 23, vielleicht 28 Jahre alt ist, und ich. Wir lächeln uns kurz an; ich lächle in solchen Situationen immer, denn lächeln kann man nie genug, besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie fragt, wohin ich fahre, dann erzählt sie, dass sie unterwegs zu ihrem Freund sei. Dabei wisse sie gar nicht, ob er noch ihr Freund sei, vielleicht mache sie bald Schluss, was allerdings schade sei, denn sie habe zuvor viele Jahre auf ihn gewartet, weshalb er vielleicht auch bald ihr Mann werde, also nicht sehr bald, aber in der Zukunft.

Ich wende ein, dass „Schluss machen“ und „Heiraten“ aber doch zwei Pole einer Skala seien; und von „Schluss machen“ bis „Heiraten“, dazwischen sei eine ziemliche Strecke – erfahrungsgemäß. Dazu muss man wissen, dass ich, wenn ich mein „Erzähl mir was“-Gesicht trage, niemals Fragen stelle, sondern immer nur Dinge feststelle, denn ich möchte nicht aufdringlich sein. Mittlerweile vermute ich, dass genau das die Menschen dazu ermutigt, weiterzuerzählen.

Sie sagt, ja, natürlich, das sei schon ein Unterschied, das sei ihr klar, aber ich müsse wissen, dass ihr erster Freund – nicht dieser, sondern der davor, der habe ihr immer eine runtergehauen. Zwar nicht ins Gesicht, denn dann wäre sie schon nach dem ersten Mal gegangen, weil: ins Gesicht gehe gar nicht, aber in die Rippen habe er geschlagen und am Arm habe er sie gepackt, deshalb habe sie es einige Jahre mit ihm ausgehalten, aber dann, als sie ein paarmal in die Notaufnahme musste, habe sie ihn doch irgendwann angezeigt. Nach ihm habe sie erstmal keinen Freund gehabt, denn sie habe auf ihn gewartet, also auf den jetzigen, vier Jahre lang. Weil: Er war damals noch liiert, aber sie habe immer gewusst, dass das auseinander gehe, nur er habe das nicht sofort erkannt.

Aha, sage ich. Was will man auch anders sagen.

Jetzt sei er frei für sie, sagt sie, aber er finde, er sei auch frei für andere, also allumfassend frei für alles, für eine Frau und für noch eine und für seine Kumpels und seine Familie, weshalb er sich nicht für sie entscheiden könne, noch nicht, sondern seine Zeit hier und dort verbringe, aber nicht mit ihr – nicht immer. Eigentlich nur selten mit ihr, dieses Wochenende zum Beispiel auch nicht. Doch das komme bestimmt bald, das Schicksal habe ihn ihr ja schon in die Hände gespielt, der Rest werde sich ergeben, wenn sie nur lieb genug zu ihm sei.

Ich denke: Wo will man da anfangen?, hole Luft und setze gerade zu einer vorsichtigen Zusammenfassung der Situation an, als sie fortfährt und meint: Das Problem sei auch, dass sie gerade einen neuen Job angefangen habe, als Pflegehelferin, was an sich super sei, aber wenn sie jetzt schwanger werde – sie müsse ihre Familie versorgen, zwar kein Kind, denn das Kind damals, das von dem ersten Freund, das habe sie verloren. Aber ihre Mutter sei angefahren worden und habe sich das Becken gebrochen und das, wo doch ihr Bruder gerade fort gezogen sei; sie könne sich das einfach nicht vorstellen, jetzt eine Familie zu gründen.

Mir schwirrt der Kopf, es wird auch langsam sehr warm im Zug. Wir sitzen in einem ICE, und ein ICE hält nicht an vielen Orten, manchmal nur einmal in der Stunde, weshalb nicht so oft Leute ein- und vor allem  nicht aussteigen. In einem Regionalexpress hätte ich sie jetzt schon irgendwo zwischen Hamm und Bochum-Wattenscheid ins Draußen verabschiedet.

Ich sage etwas wie „Ach herrje, das ist aber vertrackt“, denn mal ehrlich: In all das jetzt und hier tiefer einzusteigen, übersteigt meine Kapazitäten, die meines Gleichmuts und die meines Sendungsbewusstseins. Sie beginnt gerade, mir von ihrer Kindheit zu erzählen, wie sie mit neun Jahren nach Deutschland kam und sich mit niemandem unterhalten konnte, als ihr Telefon ein Geräusch macht. Sie schaut aufs Display; ihre Gesichtszüge werden weich, sie tippt etwas, ich sehe im Augenwinkel Herzen und Emojis, dann schaut sie auf und sagt: „Na endlich. Er liebt mich.“

Die Tage, sie nehmen so ihren Lauf

19. 04. 2016  •  15 Kommentare

Die Tage, sie nehmen so ihren Lauf, und ich finde es sehr schön, weder über- noch unterfordert zu sein. Dieser wohlige Zustand des nicht Vor- und nicht Zurücklehnens, sondern des Aufrechtsitzens, mit freudiger An-, aber ohne Verspannung, den hatte ich in den vergangenen Jahren nicht so oft. Ich genieße ihn.

Die Gartenarbeit hat begonnen, im positivem Sinne: nichts abreißen, nur aufbauen, anpflanzen und hübsch machen. Das trägt zur Stimmung bei – zusehen, wie etwas wächst, und fördernd eingreifen, die meiste Zeit aber einfach: sich freuen und ein bisschen vor sich hinwurschteln.

Die Kalendergirls sind aufgestiegen, ich also auch: von der untersten in die zweitunterste Liga – es war quasi unvermeidlich. Verstärkung für die kommende Saison steht auch schon vor der Turnhallentür. Die Sportskameradinnen haben seinerzeit Bundes- und Verbandsliga gespielt und wollen nun in der Kreisliga angreifen, zu einer Bewegungstherapie mit Kompetenzhintergrund und wegen des ganzen Flauschs, den die Mannschaft verbreitet. Sie ahnen ja nicht, wie heimelig wir es in unserer kleinen Thekentruppe haben; ein Snoozelraum für Handballrentnerinnen, plüschig und wohlig.

In der kommenden Saison bekommen wir einen neuen Trainer. Ich bin ein bisschen verunsichert, ob er die Intention des Teams richtig deuten wird, denn wir wollen ja nichts gewinnen – also: eigentlich. Ein erneuter Aufstieg wäre natürlich schön, aber nur, wenn es nicht zu anstrengend wird. Da muss er eine Balance finden, das ist nur ein My breiter Streifen zwischen Partytruppe und aufflackerndem Ehrgeiz, auf dem wir da unterwegs sind.

Was an der ganzen Handballsache erfreulich ist: Ich habe die Saison gesund überstanden, keine Wehwehchen, im Gegenteil, alles geht besser denn je. Auch dem Rücken geht’s prima, er kann das noch alles – sich in die Abwehr schmeißen und herumgerissen werden, werfen, fallen und sich schubsen lassen. Das war eine fette Kopfsache, Schmerzgedächtnis und Schmerzerwartung, und auch die Bänder in den Sprunggelenken halten.

Frau Sylz kommentierte mein erneutes Handball-Engagement seinerzeit übrigens sehr treffend:

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Was die ruhigere Freizeit angeht, die auf dem Sofa, habe ich meine Liebe zu Grey’s Anatomy wiederentdeckt, diese wunderbare Serie, in der es saftige Operationen mit viel Blut gibt, Beziehungsgedöns und Liebe und Menschen in allen Größen, Formen, Farben und Geschlechtern, die ohne viel Stereotypzeugs miteinander reden. Seit der ersten Staffel sind sie alle ein bisschen älter geworden, innerlich wie äußerlich, genauso wie ich. Das ist wie Lindenstraße im Krankenhaus, Schwarzwaldklinik auf Amerikanisch und ohne Käti. Allerdings ist der schönste Mann der Serie kürzlich verstorben, der Neurochirurg mit Dackelblick und Dreitagebart. Das war ein herber Schlag; ich bin noch nicht ganz drüber weg.

Was ich insgesamt also sagen will: Die Tage nehmen ihren Lauf, und bald ist wieder Sommer, dann Bootcamp, dann Saisonbeginn und dann Weihnachten. So wird es kommen.

Sein Kumpel Ioan

20. 01. 2016  •  7 Kommentare

Sechs Sprachen spreche sein Kumpel, sagt er. Sechs! Er hält die gespreizte Hand und einen Daumen hoch und deutet mit einem Kopfnicken auf den alten Mann, der neben ihm auf dem Gehsteig steht.

Bulgarisch und Serbisch und Rumänisch. Und Türkisch. Und Russisch. Und Deutsch natürlich. Obwohl, naja, Deutsch, damit sei es so eine Sache. Aber verstehen könne er alles, sagt er und rammt dem Alten, der Ioan heißt, den Ellbogen in die Seite.

Ioan brummt, stopft sich Blätterteiggebäck in den Mund und leckt sich die Finger ab. Er ist auf eine Art und Weise alt, bei der man das Alter nicht schätzen kann; Almöhi-alt – wie jemand, der niemals jung war. Sein Gesicht ist gegerbt und sein Haar grau, aber nicht erst seit gestern grau; es ist ein erfahrenes, struppiges Grau. Ich sehe ihn hier im Viertel öfter – meist wenn er auf seinem zu kleinen Fahrrad fährt. Dann tritt er sich mit den Knien in den Bauch, sein Oberkörper hängt gebeut über dem Lenker, so wie ein Rennfahrer, wenn er den Berg hinunter brettert – nur dass Ioan gerade so schnell fährt, dass er nicht umfällt.

Warum sprichst du so viele Sprachen?, frage ich und sehe Ioan an.

„Ich gewachsen“, sagt er, schiebt sich Blätterteig in den Mund und schmatzt vernehmlich. „Bei Grenze. Bulgaria und Serbia und Romania.“ Er malt einen Kreis in die Luft und sticht mit dem Finger hinein. „Aber Vater“, er deutet auf sich, „Vater türkisch. Mama Bulgaria. Freunde Bulgaria und Serbia und Romania. Ich – alles.“ Er wischt sich die Hand an der Hose ab. „Und dann, Russia. Ich -„, er marschiert mit Zeige- und Mittelfinger durch die Luft, „Sibiria. Häuser bauen für Arbeiter. Gas. Nowij Urengoj. 16 Jahre.“

Und nach Deutschland, sagt sein Freund, bist du wegen der Liebe gekommen, oder? Er stupst Ioan wieder in die Seite. Wegen der Liebe bist du doch hergekommen.

Ioan errötet und lächelt verlegen, seine hundert Falten knittern. „Liebe, Frankfurt, ja. Dann, Dortmund. Zehn Jahr, hier.“

Und die Liebe?, frage ich. Ist die jetzt auch in Dortmund?

Ioan schüttelt den Kopf. „Große Liebe, hier“, er klopft sich mit der Faust auf seine Brust. „Da ist Liebe. Für Frauen. Alle Frauen.“ Er lacht.

Ich lache auch. Ioan zwinkert mir zu, und sie machen sich wieder an die Arbeit.

Fragebogen 2015 mit einigen mir sinnvoll erscheinenden Streichungen und Ergänzungen

1. 01. 2016  •  6 Kommentare

Haare länger oder kürzer?

Kürzer. Ich habe jetzt die gleiche Frisur, wie ich sie mit 14 hatte, womit ich nicht sagen möchte, dass ich nun wieder aussehe wie mit 14. Seinerzeit fand ich den Haarschnitt schrecklich peinlich, weil ich dachte, ich sehe damit aus wie mit Anfang 30. Heute bin ich Ende 30 und finde die Frisur hervorragend.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Weitsichtiger, aber nicht im hypermetropischen Sinne. Dabei warte ich minütlich auf Unleserlichkeit, Armaustreckbedarf und graue Haare, schließlich gehe ich stramm auf die 40 zu. Doch bislang keine Anzeichen, und seit ich von der Erfindung von Gleitsichtkontaktlinsen weiß, geht es mir bei dem Gedanken nahender Doppelsehschwäche deutlich besser.

Darüber hinaus verbuche ich jede sich einstellende, altersbedingte Unzulänglichkeit als eine Auszeichnung, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe.

Mehr bewegt oder weniger?

Mehr und schneller, aber nicht im sportlichen Sinne. Die Sportlichkeit hat mit einsetzendem, neuen Job abgenommen, wohingegen meine Flexibilität und Entscheidungsfreude deutlich zugenommen haben – eine Gnade von Erfahrungen, die mich gelehrt haben, nicht lange an Dingen ebenso wie an Menschen festzuhalten, die mehr Schmerzen als Freude bereiten.

Der hirnrissigste Plan?

Da meine Pläne selbstredend allesamt durchdacht und großartig sind, gibt es keine hirnrissigen. Es gibt höchstens solche, die ich während des Tuns ändere, weil sich die Umstände ändern, weil sich die Intention wandelt, ich das Ziel deutlicher erkenne oder andere Ereignisse eintreten. Permanente Entwicklung, Sie wissen schon.

Die gefährlichste Unternehmung?

Wieder Handball zu spielen.

Das leckerste Essen?

Beinahe alle Essen, die ich zu mir nehme, sind ausnehmend wohlschmeckend, denn ich bin dazu übergegangen, die Dinge, die ich esse, weitestgehend selbst zuzubereiten. Das war keine bewusste Entscheidung, das ist einfach so passiert. Im Laufe des vergangenen Jahres habe ich drei Fertigpizzen gegessen, alle an einem Freitag, aus Gründen.

Richtig gute Essen sind Mahlzeiten, die ich im Jahr 2015 mit Freunden teilte. Sie schmecken nicht nur dem Magen gut, sondern auch der Seele – selbst wenn es lediglich eine Portion Nudeln mit Soße ist; mithin sind Nudeln mit Soße dann sogar die besten Essen.

Besonders hervorheben möchte ich die großartigen Stammtische, die ich pflege und von denen sich inzwischen drei, beinahe vier eingestellt haben; sie sind mir ein Quell der Freude. Danke an alle, die ich zu Gast haben und bei denen ich Gast sein durfte.

Das beeindruckendste Buch?

Auch in diesem Jahr habe ich wieder viel gelesen: An die 60 Bücher werden mit den kommenden, noch ausstehenden Rezensionen im Blog stehen, das ist mehr als eins pro Woche. In der Rückschau erstaunlich. Es ist für mich einfach die beste Art und Weise, mich zurückzuziehen und zu entspannen.

Von diesen Büchern möchte ich Ihnen fünf besonders ans Herz legen:

  1. Fabio Geda: Der Sommer am Ende des Jahrhunderts
  2. Fabio Volo: Zeit für mich und Zeit für dich
  3. Guiseppe Catozella: Sag nicht, dass du Angst hast
  4. Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod
  5. Victoria Schwartz. Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde (Rezension kommt noch)

Der ergreifendste Film?

Ich schaue nicht viele Filme, ich lese eher – siehe oben. Einen Film, den ich sehr gut fand, habe ich beim Kinofest in Lünen geschaut: „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Außerdem habe ich mit Freude Robert Redfords Solo „All is lost“ gesehen.

Vorherrschendes Gefühl 2015?

Selbstsicherheit.

2015 zum ersten Mal getan?

Yoga gemacht.  Mit der Bahn durchs Rheintal gefahren. Frau Mutti getroffen. Herrn Skizzenblogger getroffen. Ge-instagrammt. Bei #12von12 mitgemacht. Szarlotka getrunken. Rouladen und Sauerbraten gekocht. Das Dortmunder Studentenorchester spielen gehört. Frau Zimt getroffen. Die Frische Brise getroffen. Das Kinofest Lünen besucht. Einen Baum gepflanzt. Einen Gartenbauer engagiert. Nach Polen gereist.

2015 nach langer Zeit wieder getan?

Den Job gekündigt. Den sozialpsychiatrischen Dienst verständigt. Ein Patenkind getauft. Ein Bett zusammengebaut. Wände verspachtelt.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Mich einzustellen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Das ist ja eine tolle Überraschung.“

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

Das müssen andere sagen.

Die Vorsätze, die ich hatte?

Sind gut gelungen. Ausreichend Schlaf, weniger Termine, schön gegärtnert. Eine tolle Reise gemacht. Das große Patenkind tanzen gesehen. Das kleine Patenkind begrüßt, getauft und über das Jahr ausführlich beknuddelt. Nur ein erneutes deutsch-russische Treffen mussten die Freundin und ich ins kommende Jahr verschieben.

2015 war mit einem Wort …?

Passabel.

Die Suche nach der Hefe

14. 12. 2015  •  65 Kommentare

Sprechen wir über Hefe. Nicht über Hefe in Bier, sondern über Backhefe.

Es gibt diese Produkte in Supermärkten, die man immer sucht. Kokosmilch ist so ein Fall.

Kokosmilch ist Zeug in der Konserve. Doch sie steht nicht bei den Konserven. Sie steht auch nicht im Themenspektrum „Uncle Ben’s“, obwohl sie Teil asiatischer Gerichte ist. Stattdessen schieben Supermärkte gut integrierte Kokosmilch in ein Ghetto für Migrationslebensmittel – eine Art Nahrungsmittelbanlieu am Rande der einheimischen Waren, zusammen mit Avjar, russischen Marmeladenkeksen und einem in Thailand von Johann Lafer handgeschöpften Öl.

Neben Migrationslebensmitteln gibt es Produkte, die zwar sinnvoll verräumt werden, die aber, weil jeder sie benötigt, nicht auffällig beworben werden. Deshalb sind sie quasi unsichtbar. Eines dieser Mimikry-Produkte ist Alufolie, die sich immer irgendwo zwischen Abflusssieben, Staubsaugerbeuteln und Zündhölzern befindet. Sie hat sich – bar jeglicher Aufsteller, Etiketten oder farbiger Verpackungen – so perfekt ihrer Umgebung angepasst, dass sie auch für geübte Augen kaum zu entdecken ist.

Ich bin sicher, dass es in der Ausbildung zur Einzelhandelsfachkraft einen Kurs gibt:

Denken wie ein Regaleinräumer

Implikationen der Relevanzlogik in praktischer Anwendung auf Nahversorgungsstätten unter konsequenter Nichtberücksichtigung gelernten Endverbraucherverhaltens

Ein ebensolches Chamäleon wie Alufolie ist Backhefe. Bei Backhefe kommt erschwerend hinzu, dass Supermärkte heutzutage Kühlabteilungen antarktischen Ausmaßes haben. Man will nur 42 Gramm Hefe kaufen und denkt, man betritt Königin-Maud-Land. Irgendwo zwischen Südgeorgien und Mount Sidley, hinter fünf Adelie-Pinguinen, befindet sich also ein zwei Quadratzentimeter kleiner Würfel, den es Shackleton-gleich zu finden gilt. Wie geht man da vor?

Ausschlussverfahren! Beim Pudding? Nein. Beim Fertigfleischsalat? Unwahrscheinlich. Bei der Butter? Kann gut sein!

„Moment“, sagen Sie jetzt, „bei mir im Supermarkt ist die Hefe beim Käse“, und da haben wir schon das Problem: Hefe ist das unverstandendste Produkt im Supermarkt; Hefe ist die Ware, die am willkürlichsten verräumt und der die wenigste Standortkontinuität zugesprochen wird. Ich schätze, jeder Aushilfseinräumer, der Joghurts mit Knusperpops und Spekulatiusgeschmack und Chilinote und die neue Buttermilchsorte mit Guarano und besonders streichfreudige Butter aus handmassierten Eutern Vorderwälder Hochalm-Kühen in den Kühltheken platziert, gelangt irgendwann an die Hefewürfel und denkt sich: „Was’n das? – Ach, egal. Ich guck gleich mal, wo’s noch hinpasst.“

Für die Hefe ist das vielleicht ganz schön. Sie kommt ein bisschen rum, schließt neue Bekanntschaften, kann ihren Horizont erweitern. Bananen zum Beispiel können das nicht von sich behaupten; sie bekommen ja nicht mal wechselnde Abwiegenummern, sondern immer und überall nur die Eins.

Für den geknechteten, hefeinteressierten Endverbraucher ist der Hefekauf hingegen ein Suchspiel, das ihm den Verstand aus dem Kopf treibt.

Deshalb: Mehr Rechte für Hefe! Aktionsbündnis für ein neonbeleuchtetes Hefefach!

Televisionen bei Männerschnupfen

5. 11. 2015  •  12 Kommentare

Die Nenngröße TT mit einem Maßstab von 1:120 war in der DDR die beliebteste Spurbreite unter den Modellbahnfreunden. Da staunen Sie, was? Das wussten Sie nicht, ne?

Der Männerschnupfen, auf dem Sofa auskuriert, ist auch immer ein Bildungsschnupfen – und der so ziemlich einzige Anlass, wochentags am Nachmittag fernzusehen. Doch gerade das eröffnet neue Welten, Modellbauwelten.

In einer Wiederholung der Sendung „Eisenbahnromantik“ aus dem Jahr 1997 lerne ich zum Beispiel, dass es Modellbahnloks im Wert von 19.000 Mark gibt; zwei Männer in Wollrollkragen müssen so ein Objekt tragen. Eine Modellbahn kann übrigens eine Geschwindigkeit von 42 km/h erreichen, wenn man sie nur richtig betankt – mit Gas; das ist aber eine diffizile Sache, das kann nur ein ausgebuffter Modellbaubetankungsspezialist. Die Lok fährt dann auch nur kurze Strecken, und sie kann dann lediglich das eine, nämlich schnell fahren, niemals langsam und auch nicht mittelschnell und auch keine Kurven. Das ist natürlich ein Nachteil, so vom Spaßfaktor her.

Außerdem, anderes Thema, weiß ich nun etwas über die Riesenlinde von Heede. Und über die Süntelbuche in Hemsheim. Und die Balderschwanger Großvatertanne. Sie ahnen nicht, was an und in und mit diesen Bäumen los ist; was die alles schon erlebt haben – das geht auf keine Kuhhaut. Irgendwann, ich weiß es, werde ich bei Günther Jauch auf dem Stuhl sitzen, ich werde keine Joker mehr haben, er wird mich fragen, was das Besondere in Limmersdorf sei, und ich werde sagen: „Meinen Sie die Tanzlinde? Ach, lesen Sie erst die Antworten vor, dann sehen wir ja.“ Damit gewinne ich eine Million Euro und kann mir ein Profi-Waffeleisen kaufen; so ein schweres aus Edelstahl mit Eisenguss-Backplatte, das fluffige, eckige Waffeln macht.

Zum ersten Mal sehe ich außerdem diese Sendung, in der Frauen auf anderer Frauen Hochzeiten gehen und dort herummaulen. Zum Beispiel über die Braut, die keinen Schleier trägt, dafür ein Kleid mit Glitzer und einem Volumen, das an explodierte Sahne erinnert – es bekommt trotzdem ganz lieb gemeinte sieben Punkte; oder über die Torte, die zu süß ist, dabei ist sie eine Torte, und man fragt sich, was sie sonst sein soll. Mir erschließt sich das alles nicht oder sagen wir: die Regeln schon, aber die Intention nicht, dort mitzumachen. Doch es ist wie ein Unfall: Wegschauen geht nicht.

Am Ende nicke ich ein. Das macht im Detail keinen Unterschied, es ist alles ein seichter Fluss, Spurweite 3000 mm, ein breiter, mäandernder Strom, auf dem ich in Richtung Genesung treibe.



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