Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Die Lieblingstweets im Dezember

30. 12. 2014  •  4 Kommentare

Liebe Kaffeehausgäste, ich hoffe, Sie hatten schöne und entspannte Feiertage.

Beenden wir, bevor wir zum Alltag und seinen üblichen Betrachtungen zurückkehren, die Weihnachtspause mit versöhnlichen, jahresendzeitlichen Lieblingstweets.

 

Weihnachtspause

19. 12. 2014  •  16 Kommentare

Liebe Kaffeehausgäste,

das Kännchencafé macht Weihnachtspause. Im neuen Jahr bin ich wieder mit frischen Törtchen für Sie da.

Bis dahin wünsche ich Ihnen ein zauberhaftes Weihnachtsfest, eine entspannte und erholsame Zeit und einen schönen Übergang ins Jahr 2015.

Onlinebestellung in a Nutshell

18. 12. 2014  •  11 Kommentare

Schuhgeschäft.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Haben Sie den Schuh auch in 42?“
„Wir führen leider nur bis 7 1/2.“
„Gibt’s den Schuh nur bis 7 1/2? Ich habe eigentlich einige Schuhe Ihrer Marke in 42 und trage die sehr gerne.“
„Den gibt’s auch in 8, aber wir führen nur bis 7 1/2.“
„Könnten Sie den denn bestellen?“
„Tut mir leid, bestellen machen wir nicht.“

Tja. Dann weiß ich auch nicht.

Stammtisch

15. 12. 2014  •  20 Kommentare

Am Wochenende war ich wieder einmal in meiner Eigenschaft als experimentelle Servicebloggerin unterwegs: Ich habe neue Rezepte für Sie ausprobiert.

Die Stammtisch-Gemeinschaft hat sich zur Verfügung gestellt, die Ergebnisse des Experiments zu kosten. Ein Fazit habe ich Ihnen nicht direkt abgerungen, aber ich meine, wohlwollende Zustimmung interpretiert zu haben.

Das Kochen passiert bei mir, seit ich die neue Küche habe, als Show-Cooking: Die Gäste sitzen um die Kücheninsel, nehmen einen Aperitif, essen ein wenig Brot, Butter und Salz und schwatzen gemeinsam mit mir, auf dass die Zeit bis zum ersten Gang schnell vergeht.

Kochvorbereitungen mit rohen Pommes

Live-Cooking an der Kochinsel.

 

Wie immer beim Stammtisch waren auch Kinder unter den Gästen. Wenn Sie noch ein Weihnachtsgeschenk suchen, kann ich Ihnen das Besteck von Constructive Eating wärmstens empfehlen. Es erfreut sich großer Beliebtheit bei der Zielgruppe.

Constructive eating

„Constructive Eating“ für den Stammtisch-Nachwuchs

 

Serviceblog™-Ergänzung: Im Hause der Stammtisch-Gäste herrscht Constructive-Eating-Verbot in Zusammenhang mit Joghurtbechern – weil der Löffel wohl komplett in den Becher eintauchen, der Bagger aber nicht ohne Maulsperre wieder abgeleckt werden kann. Das bringt eine kleine Joghurtsauerei mit sich. Trotzdem: großer Spaß.

*

Vorspeise:
Räucherforellenmouse auf Kartoffelrösti mit Blattsalaten und Preisselbeeren
(Rezept von Chef Hansen)

Räucherforellenmouse auf Rösti mit Blattsalat und Preisselbeeren

Eine Vorspeise, die den Erwerb eines Eiskugelportionierers vonnöten machte.
Wird ja nicht schlecht, so ein Eiskugeldings.

 

Geräucherte Forellen scheinen dieser Tage stark nachgefragt zu sein – jedenfalls war es schwierig, welche zu bekommen. Alles andere erwies sich als einfach: Man vermischt die Forelle mit Butter, Zitrone und der steif geschlagenen Sahne, gibt etwas Salz hinzu – violà. Das kann wirklich jeder.

Auch die Kartoffelpuffer sind einfach herzustellen: Kartoffeln reiben, in Butter braten, Salz drauf, fertig. Insgesamt also ein Rezept für Anfänger, das schön etwas her macht.Statt Meerrettich-Vinaigrette habe ich mich allerdings für Balsam-Rosen-Essig entschieden – ich bin nicht Vorsitzende des Meerrettich-Fanclubs.

Als Nebeneffekt besitze ich nun auch einen Eiskugel-Portionierer. Eiskugeln kann man ja praktisch immer gebrauchen, gerade in der aktuellen Halsschmerzperiode. Beim Anrichten sollte ich ansonsten noch etwas üben. Aber es muss ja auch noch Luft nach oben bleiben.

*

Hauptspeise:
Frische Hamburger mit liebevoll handgemachten Burgerbrötchen, Balsamico-Schalotten, Peccorino und Serranoschinken
(Brötchen, Hamburger)

Hamburgerbuns

Frische, liebevoll mit Sesam bestreute Burger-Brötchen.

 

Ich habe noch nie Burger selbst gemacht. Nach einer Eingebung unter der Woche – Werbeblock, Burger-Werbung, Speichelfluss – habe ich beschlossen: Das muss sich ändern. Natürlich alles handgemacht, was nicht ganz im Sinne des Werbe-Schaltenden ist, der mich inspiriert hat, aber ein bisschen Schwund ist halt immer.

Also gab es nach den Rösti frische Hamburger vom Grill: mit selbst gekneteten Burger-Buns, garniert mit geschmolzenem Peccorino, kross gebratenem Serrano-Schinken und Balsamico-Schalotten. Das Ganze war so lecker, dass ich es nicht mal geschafft habe, ein Foto vom fertig zusammengebauten Burger zu machen – so schnell fielen die Gäste darüber her.

Die Burger sind einfach zuzubereiten, lediglich die Logistik ist ein wenig fordernd. Es bietet sich an, alles, was zu schnibbeln ist, vorzubereiten. Denn die Bulette gart sehr schnell, und man will ja gleichzeitig und warm servieren. Das Bauen muss also flott gehen, was je nach Gäste-Zahl nur mit entsprechender Vorarbeit geht.

Zum Burger gab es astreine, handgeschnitzte Backofenpommes à la Anne Schüssler (beziehungsweise à la Rachel Khoo): Frische Kartoffel schnibbeln, kurz aufkochen, raus aus dem Wasser, mit Olivenöl und Salz in den Backofen, fertig. Kann man auch ohne Burger mal machen – und dann je nach Geschmack Gemüseschnitze untermischen.

*

Nachtisch: 
Milka-Schoko-Mousse auf Mascarpone-Basis
(Rezept von Penne im Topf)

Schoko-Mascarpone-Mousse

Die tatsächlich beste Schoko-Mousse.

 

Auf einer Hochzeit habe ich jüngst von zwei Berlinern den Begriff „Dat fickt dir den Gaumen wech!“ gelernt. Er wurde wohl für genau solche Anlässe wie die oben im Bild zu sehende Mousse erfunden. Ann-Katrin von „Penne im Topf“ nennt sie „die beste Schoko-Mousse der ganzen Welt“, und ich mag ihr nicht widersprechen.

Nun gut – woher der Wahnsinnsgeschmack kommt, ist nicht schwierig zu erraten: Fett. Insgesamt kommen rund 600 Gramm Vollmilch-Schokolade auf 6 Stammtisch-Gäste, also eine Tafel Schokolade pro Person, außerdem Mascarpone und Sahne. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen; verschweigen Sie diesen Fehltritt einfach Ihrer Ernährungsberaterin, und alle bleiben glücklich.

Die Anderen – diesmal mit schönen, aber traurigen Texten und einer Skifahrt

12. 12. 2014  •  4 Kommentare

Lesetipps fürs besinnliche dritte Adventswochenende:

Juliane Schiemenz darüber, wie sie ihren demenzkranken Vater ins Pflegeheim fährt:

«Na, das war ja grad ein Panzer! Donnerwetter! Fahr schön langsam, Trinchen!» Trine, mein Spitzname. Schon immer. Trinchen, wenn ich lieb war, Trine Sauerbier, wenn ich schmollte. «Trinchen, darf ich noch Trinchen sagen?», fragst du.

Du zerrst an deinem Gurt und schnallst dich ab, zum Glück ist die Kindersicherung aktiviert. Ich beuge mich über dich und hantiere am Gurt herum, du herrschst mich an: «Guck auf die Strasse! Fahr langsamer!» Du wirst unruhig, boxt gegen den Vordersitz, ziehst und drückst den Knopf in der Tür, Knopf rauf, Knopf runter. «An der Tür sind die Luftkrallen angeschraubt, dann rasieren sie das trocken», brabbelst du. 

Der Schlussatz (des Textes, nicht des Zitats) ist mir etwas zu pathetisch, ansonsten finde ich ihn sehr eindrücklich. Besonders die Zerrissenheit kommt gut rüber. Traurig, aber auch Mut machend.

Er erinnert mich an die berührende Dokumentation „Der Tag, der in der Handtasche verschwand„, in der die Regisseurin Marion Kainz in einem Duisburger Altenheim Eva Mauerhoff begleitet. Der Film ist zurecht mehrfach preisgekrönt.

*

Veronica Frenzel über eine schwangere Frau, die in der Schwangerschaft erfährt, dass ihr Kind wahrscheinlich behindert sein wird:

Drei Tage später bestätigt die Genetikerin die Diagnose Turner-Syndrom. Das Kind werde mit größter Wahrscheinlichkeit bald sterben. Sie rät zur Abtreibung. Julia Allers wird wütend. „Wenn mein Kind sowieso stirbt, wieso sollte ich es abtreiben?“ Es sei eine große Belastung, ein Kind auszutragen in dem Wissen, dass es sterben wird, erwidert die Genetikerin.

Das Kind ist ein Mädchen und inzwischen ein Jahr alt. Es muss noch ein paarmal operiert werden. Danach wird es voraussichtlich ein Leben ohne großartige gesundheitliche Beeinträchtigungen führen.

*

Stefan Krauth schreibt über den Tod seines Sohnes:

Auf einem Heizkörper sitzend, führte ein junger Arzt eine weitere Anamnese durch. „Wurde Emil bis zum Tod seiner Mutter gestillt?“ Ja, und danach auch, er wurde von vier verschiedenen Frauen gestillt. Und in der Nacht des Todes seiner Mutter hatte ich gelernt, Emil das Fläschchen zuzubereiten.

Emil starb ebenso wie seine Mutter an einem Hirntumor.

*

Raul Krauthausen hat die Glasknochenkrankheit und erzählt ganz unaufgeregt vom Behindertsein und -werden:

Ich darf keinen Bausparvertrag abschließen, keine Lebensversicherung, keine Altersvorsorge betreiben außer Riester, die sich nicht lohnt, weil ich nicht weiß, ob ich bis 67 arbeiten kann. Erben darf ich auch nicht, das kassiert das Sozialamt. Wenn ich heiraten würde, würde das Geld meiner Frau eingezogen werden. Ich bin eine tickende Bombe für jede Frau. […] Aber: Ich bringe der Volkswirtschaft mehr, als ich koste. Ich habe das mal spaßeshalber mit meinem Steuerberater ausgerechnet. Nur dadurch, dass ich morgens aufgestanden werde, kann ich zur Arbeit bei Sozialhelden kommen. Dort habe ich acht Arbeitsplätze geschaffen, die nichts mit meiner Behinderung zu tun haben. 

Ich halte die aktuellen Regelungen, so wie Raul sie an seinem Beispiel beschreibt, für ziemlich skandalös. Es geht in dem Interview aber nicht nur um Geld und Probleme. Er erzählt von seinem Aufwachsen, seiner Ausbildungszeit und seinem Rollstuhl, der rennen kann. Sehr entspannend finde ich den Ton des Interviews, der vor allem einfach mal nur freundlich ist. Sowas mag ich.

*

Schauen Sie sich zum Schluss gerne dieses kurze, anderthalbminütige Video an. Da fährt ein Typ auf Skiern durch ein enges Dings. Der Mann heißt Cody Townsend, das Dings ist in den Tordrillo Mountains in Alaska und nur 1,80 Meter breit. Ich habe mit Skifahren nix am Hut, aber das ist schon ganz beeindruckend:

 

Die Zwei

11. 12. 2014  •  5 Kommentare

Sie steigen in die U-Bahn ein und setzen sich: Er neben mich, sie ihm gegenüber. Die Bahn fährt an.

Es ist Dezember. Es ist die Bahn, die mich aus der Innenstadt nach Hause fährt. Menschen mit Tüten sitzen neben Menschen  mit Laptoptaschen, stehen im Gang, schauen stummt auf ihre Füße, schunkeln. Im Waggon ist es warm, zu warm für Menschen in Wintermänteln mit Gepäck.

Die beiden beugen sich vor. Sie streichelt seine Wange, über sein Kinn, seinen Hals hinab, hebt die Hand, fährt ihm durch die Haare, schließt die Augen, küsst ihn auf volle Lippen, die nicht zurückküssen. Seine Augen bleiben geöffnet, schauen in den Vierersitz hinter ihr.

Sie lässt von ihm ab, beugt sich zurück, tippt etwas in ihr Handy, sieht wieder auf, spitzt die Lippen, wirft ihm mit Augen und Mund einen Kuss zu. Er lächelt, sagt: „Baby.“ Sie beugt sich wieder vor, schließt die Augen, küsst ihn auf die Lippen. Diesmal erwidert er den Kuss, ohne Genuss. Sie stößt mit ihrer Zunge zu, er zögert, öffnet die Lippen, lässt sie gewähren, blickt ans Waggon-Ende, hinter dem nur noch der Fahrer sitzt. Sie öffnet die Augen. Es sind braune Augen, sehr verliebte Augen. Ihre offenen Haare rutschen über die Schulter ihrer Daunenjacke und fallen ihr ins Gesicht. Sie wirft sie nach hinten, lehnt sich mit dem Schwung ihrer Haare zurück. Die Dame hinter ihr im Sitz schaut sich um. Ihr kitzelt es im Nacken.

Die Menschen, die im Gang stehen, schauen auf die beiden hinab, verfolgen die Choreographie. Es ist unmöglich, die Präsenz der beiden, ihre jugendliches Sein zu ignorieren.

Er sitzt weiterhin mit den Ellbogen auf den Knien und schaut mal sie, mal den Vierer hinter ihr an. Sie blickt in die Runde, grinst, blickt ihn an, blickt wieder in die Runde, beugt sich erneut vor und streichelt mit der freien Hand sein Gesicht. In der anderen hält sie ihr Handy, das Geräusche von sich gibt. Nachrichten kommen, noch eine und noch eine.

Er lässt sich kraulen und sagt: „Nächste müssen wir raus.“

Sie steht auf, zieht ihre Jacke nach unten, bewegt dabei ihre Hüften vor seinem Gesicht, legt ihren Zeigefinger unter sein Kinn, ihre Nägel sind aufwändig mit Glitzer verziert, und zieht ihn daran zu sich nach oben. Sie küsste ihn auf die Lippen, dann hält die Bahn. Die Türen öffnen sich schmatzend, Menschen mit Tüten und Taschen schieben sich hinaus, nur wenige steigen ein, die Türen schließen sich wieder. Mit einem Mal ist es leer.

Die Zwei besteigen die Rolltreppe, sie eine Stufe über ihm. Sie beugt sich zu ihm hinab, küsst ihn, eine Hand in seinem Haar. Die Bahn fährt an. Die beiden entschwinden hinter mir, dann: nur noch Tunnelwand.

Busserl

9. 12. 2014  •  26 Kommentare

Derzeit wird allerorten gebacken. Auf Instagram vergeht kein Tag, an dem man nicht völlig zugebacken wird. Man gerät regelrecht unter Zugzwang. Außerdem: Dieses Kerzenlicht überall. Und die Kälte. Da verlangt’s nach Gebäck.

Ich bin nur ein mäßiger Keksesser. Vereinzelt lachen Menschen jetzt laut auf, doch tatsächlich: Ich mag nur ausgesuchte Kekse – alles, was annähernd staubtrocken ist, eher nicht. Auch nichts, was in Richtung Florentiner geht oder Kirsche hat oder zu süß oder zu hart ist. Kokos geht auch ganz schlecht, ebenso alles, was irgendwie blättert. Diejenigen Sorten, die ich mag, mag ich allerdings innig, so dass bisweilen ein verzerrtes, überschätztes Bild von meiner Gesamtkeksleidenschaft entsteht.

Eine Kekssorte, die zu dieser Verzerrung beiträgt, sind selbst gebackene Busserl.

Kekse mit Marmelade

Ich möchte zu diesen Keksen, die zur Weihnachtszeit gar nicht Kekse heißen, sondern Plätzchen, weshalb ich auch niemals Kekse, sondern Plätzchen backe – zu diesen Plätzchen möchte ich gar nicht viel sagen. Backen Sie sie einfach nach. Dann wissen Sie, was ich meine.

Die Zutaten:
125g Butter
1 Tasse Puderzucker
1 Päckchen Vanillezucker
1 Teelöffel Zitronensaft
3 Eigelb
2 Tassen Mehl
Kakao nach Geschmack
Gelee

Alles mit Knethaken vermengen, zum Schluss die Hände zu Hilfe nehmen. Den Kakao kann man hinzufügen oder weglassen. Ich mag die Busserl gerne mit.

Zwei Teigrollen formen und mindestens 30 Minuten lang in den Kühlschrank legen. Die Rollen können einen Tag lang dort verweilen, falls man in Etappen backen möchte. Zum Weiterverarbeiten Kugeln formen, ein Loch reindrücken, Gelee reinfüllen (ich nehme Himbeer oder Johannisbeer) und backen: 160 Grad, 15 Minuten.

Am besten schmecken sie, wenn sie noch leicht warm und ein bisschen klätschig sind.

Alla! Die Handwerker-Soap.

8. 12. 2014  •  1 Kommentar

Die Besucher der Außenterrasse kennen sie schon: die Handwerker-Soap.

Alle anderen möchte ich an dieser Stelle auf dieses feine Stück Twitteratur meiner Mitgärtnerin Pia hinweisen. Sie hatte in den vergangenen Wochen Handwerker zu Gast, die ihr Dach und Fassade gerichtet haben – und ihr in härtestem rheinhessischen Dialekt Vorlagen für eine Karriere als Dialekt-Twitterin lieferten.

Ich habe das Ganze in fünf handlichen Häppchen für Sie zusammengefasst:

Akt 1: „Tach! Mir wolle des Gerüst uffbaue!“
Schaffe, schaffe, Gewebe uffbringe – die Soap beginnt.

Akt 2: „Heit bringe mer noch Putz auf!“
Ob’s regnet oder nicht: Maler und Maurer kommen zur Schicht.

Akt 3: „Macht nix! Krieche mer hin!“
Erste Schwierigkeiten, ungeklärte Fragen zur Dampfsperrfolie und ein verstopftes Klo.

Akt 4: „Alla. Dann rede mer mol, was zu redde is.“
Der Tag, als plötzlich die Farbe vom Haus lief.

Akt 5: „Alla. Tschüss.“
Letzte Handgriffe. Quasi im Vorbeifahren. Und natürlich die Rechnung.

Alla. Viel Spaß beim Lesen!

Das Glühwein-Paradoxon

5. 12. 2014  •  45 Kommentare

Da stehen sie nun wieder an den Buden, klebrige Tassen in der Hand, Bommelmützen auf dem Kopf und saufen Glühwein.

Eigentlich mag niemand Glühwein. Oder hat man jemals zu Hause auf dem Sofa gesessen und gesagt: „Jetzt’n Glühwein?“ Nein, hat man nicht, will man auch nicht. Glühwein ist fies, so richtig fies, Glühwein rollt die Zehennägel auf, selbst türkische Sirupklumpen sind ein feines Stück Obst gegen die abartige Süße von Glühwein.

Trotzdem trinken ihn alle, es gibt keine Ausrede, außer man muss noch Auto fahren, aber „Komm! Einer geht!“, einer muss gehen, „für den Geschmack“. Doch gerade für den Geschmack möchte man ja eben nicht. Weil aber alle eigentlich nicht wollen und Glühwein nur trinken, weil sie auf dem Weihnachtsmarkt stehen, weil das dort so muss, weil auch „Last Christmas“ und „Jingle Bells“ müssen, obwohl es allen aus den Ohren blutet – weil also alle leiden, darf sich niemand verweigern. Außer für einen Lumumba. Es ist ein sozialistisches Gewürzwein-Kollektiv, wir sind gleichgeschaltete Glühwein-Genossen, niemand darf es besser haben als der andere.

Ist die Tasse leer, geht einer vor, steht fünfzehn Minuten an, holt neue Tassen mit neuem Glühwein. Ohne die Pfandmarken einzulösen, von deren Wert man Kleinwagen kaufen kann. Glühwein dreifuffzich, drei Euro Pfand auf die Tasse, macht siebenfuffzich pro Becher. Wer am Ende die Tassen zurückbringt, ist niemals der, der auch die Pfandmarken hat, wer hatte die überhaupt jemals? Ach, der Thomas, der ist aber schon weg. Tanja und Tina stecken ihre Motivtassen sowieso in die Handtasche, wo sie als klebriger Keramik-Magnet vier verlorene Haargummis wiederfinden.

So ist der Glühwein also doch für etwas gut. Man hat am Ende eine Tasse, hässlich wie Nacht, die man nutzen kann, um Öl abzulassen und Schrauben zu verwahren. Und man hat vier neue Haargummis.

Alles wird gut

1. 12. 2014  •  20 Kommentare

Noch zwei Jahre, hatten sie gesagt. Perfide präzise kommt der Tod nun. Schickt ein paar Metastasen vorbei, die ihr sagen: Die letzte Reise beginnt – bitte einsteigen, die nächste Fahrt geht vorwärts.

Es ist Juni. Seit drei Wochen ist sie im Hospiz. Oder seit vier? Ich sehe in den Kalender: Es sind erst zwei Wochen. Die Zeit verfliegt, und doch dehnt sie sich. Jede Stunde mit ihr ist Freude, Staunen, Wagnis und Traurigkeit in einem einzigen Moment. Und Furcht.

Sie isst jetzt am liebsten M&Ms. An manchen Tagen sind sie das einzige, was sie isst. Mit spitzen Fingern greift sie nach einer Nuss, legt sie sich in den Mund, zerbeißt sie. Dann nimmt sie ihre Schnabeltasse. Trinkt. Sie ist 57 Jahre alt. Jede Woche altert sie um ein Jahrzehnt.

Es wird Juli. Es ist heiß draußen.

Ich höre ihr zu, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Der Krebs, er verwäscht ihre Sprache. Dabei möchte ich jedes ihrer Worte hören, es festhalten, in der Hand halten, keines verpassen, es verwahren, es streicheln und niemals loslassen. Doch ihre Sätze gleiten dahin, zaghaft, leise, ein Hauch – und sind fort.

Wovor fürchte ich mich? Ist es überhaupt Furcht, die ich empfinde? Oder ist es eher Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Wucht der Tod kommt? Wie unbeirrt er sie aussaugt. Wie er Tag für Tag etwas von ihr mitnimmt – ihre Mimik, ihre Gestik, die Art und Weise, wie sie spricht, wie sie atmet.

Tage verstreichen. Und doch bleibt die Zeit vage. Ein Pfleger spritzt ihr Morphium in den Oberschenkel. Sie drückt meine Hand zu Mus.

Jeder Morgen, jeder Abend ein neues Befinden. Bei ihr. Bei uns. Natürlich wusste ich: Wenn die Metastasen da sind, auch wenn ich vorbereitet bin, wird es schlimm werden, werde ich hilflos sein. Aber ich bin nicht vorbereitet auf die Tiefe meiner Hilflosigkeit, auf die Schnelligkeit, mit der ein Mensch schwinden kann, auf die Leere und Stille in meinem Innern, die gleichzeitig so prall, so allumfassend, so voll und laut ist.

Ich weine nicht viel in dieser Zeit und wenn, dann nur kurz. Ein lautloses Seufzen, zwei Tränen vor dem Einschlafen, die es kaum die Wange hinab schaffen. Mein Inneres ist grau und stumpf.

Abends. Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Zeit stillstehen möge. Möchte jede Minute mit ihr genießen – und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu müde, zu fahrig bin; wenn ich fortlaufen möchte, wenn ich schreien möchte und nicht kann.

Liege ich im Bett, sehe ich Bilder von ihr. Als Blitzlichter tauchen sie vor meinem Auge auf. Wie sie auf dem Sofa sitzt. Wie sie in ihrer Küche steht. Wie sie spazieren geht. Ihre Bewegungen, der wiegende Gang. Wie sie ihre Hände hält. Wie sie ihre Enkel herzt. Ich höre sie sprechen – keine bestimmten Worte, nur den Tonfall. Ihr Lachen.

Ich sage mir: Du beginnst schon zu trauern, eh dass sie tot ist.

Der letzte Tag. Ich denke: Nein. Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Nicht so schnell. Wie kann man so schnell sterben, in nur 20 Minuten? Gestern war doch noch alles gut. Selbst heute Morgen war noch alles gut. So gut es eben sein kann. Aber doch, ja: gut.

Ich trete zu ihr und streichle ihren Arm. Ihre Haut ist weich, warm, wie immer. Aber ihr Gesicht ist verlassen. Sie ist fort.

Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr. Können sie streicheln. Können sie betrachten. Können verstehen. Zwischendurch sitzen wir im Garten. Die Menschen vom Hospiz, sie kommen dazu, herzen uns, plaudern – und scherzen. Sie arbeiten für die Lebenden.

Ich bin dankbar, jetzt, hier. Dass ich sie begleiten durfte.
Ich bin glücklich. Dass wir sie hatten.

Am Abend rufen wir den Bestatter.
„Möchtest du zusehen, wie er sie einpackt?“
„Ja“, sage ich.

Der nächste Tag. Abends kommen die Handballmädels. Ich habe überlegt, sie auszuladen, alle fortzuschicken, um alleine zu sein, um zu trauern. Aber das Leben fährt nur vorwärts, und es tut mir gut, die Mädels nah bei mir zu haben. Auch wenn ich weit weg von ihnen bin.

Anfang August. Als wir sie zu Grabe tragen, lassen wir Luftballons steigen, rote, in Herzform. Wer möchte, darf einen Zettel dranhängen und ihr eine Botschaft darauf schreiben. Mein Luftballon hat keinen Zettel. Es ist alles gesagt.

Die Sonne scheint. In den Bäumen rauscht der Wind. Ich lasse den Ballon los.

 **

Dies ist ein gekürzter Text. Den ungekürzten Text lesen Sie – gemeinsam mit Beiträgen vieler anderer AutorInnen – im E-Book „1000 Tode schreiben„. Das Buch ist in einer ersten Version heute im Frohmann Verlag erschienen. Es wird in den kommenden Tagen in allen eBook-Stores erhältlich sein. 

Mein Autorenhonorar geht wie alle Honorare und der Herausgeberanteil als Spende an das Kindersterbehospiz „Sonnenhof“ in Berlin-Pankow.

Sehr dankbar für eine Spende ist auch „ihr“ Hospiz – das Hospiz „Mutter Teresa“ in Iserlohn-Letmathe (Konto-Nr. 180 56 994, Sparkasse Iserlohn, BLZ: 445 500 45).



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