Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Freude am Nichts

29. 01. 2014  •  20 Kommentare

Der Grund, warum hier nichts passiert, ist:
Es passiert einfach nichts.

Was wiederum sehr schön ist. Mit großer Wonne widme ich mich den Banalitäten des Alltags, gehe früh zu Bett, lese triviale Literatur, schaue den Tatort und die Lindenstraße, ab und an sogar eine DVD, wasche, bügle, koche, turne mit großer Freude durchs Fitti und lerne Russisch.

Die Sache mit dem Russisch geht gut voran, auch wenn ich noch schlimm herumstottere, sobald ich einfachste Sätze bilden möchte. Beim Russischlernen hilft mir am meisten – man mag es kaum glauben – Facebook. Ich habe den russischen BBC-Dienst  abonniert, folge außerdem den Posts meiner russischen Freundin und schlage die Wörter nach, die dort stehen und die die Leute kommentieren. Das ist mühselig, weil ich immer noch mehr als jedes zweite Wort nachschlage und manchmal nicht die Bohne verstehe, aber insgesamt erscheint mir dieses Vorgehen sinnhafter als die Dialoge im Lehrbuch auswendig zu lernen; ich habe den Eindruck, dass kein Mensch so redet, wie es dort steht, noch dazu über solch nutzlose Dinge.

Abgesehen vom Russischlernen lese ich wie eine Wilde. Mich persönlich beunruhigt es ja, wenn ich mich dem Finale einer Geschichte nähere und auf meinem Nachtschrank weniger als fünf Bücher liegen, die ich im Anschluss lesen könnte. Welch ein Glück, dass es auf meinem Nachhauseweg nun seit geraumer Zeit ein Bücher-Outlet gibt, das gut sortiert ist und unter anderem die kleine Fischer-Taschen-Bibliothek verkauft, die so gut in die Handtasche passt.

Ansonsten erwarte ich dringlich den Frühling, um neue Thorstens zu säen, um mir ein Kräuterbeet anzulegen und Blumen zu pflanzen. Aber ach, es dauert noch so lang, bis ich das in Angriff nehmen kann.

Bis dahin vagabundiere ich auf dem Sofa und erfreue mich daran, dass nichts passiert.

Heldenplatz und Apfelstrudel

22. 01. 2014  •  36 Kommentare

Wien – an was denkt man, wenn man „Wien“ hört?

An Sachertorte, ganz sicher. An Kaffeehäuser. Ans Walzertanzen. Vielleicht an Sissi. An die Türken, die vor den Toren standen. An den Wiener Schmäh. All das hatte ich im Kopf, als ich hinflog – aber nur wenig mehr, denn ich war bis anhin noch nie in Wien.

Der kleine Reiseführer, ein backenbärtiger, älterer Herr, der sich von Kaiser Franz Joseph nur dadurch unterschied, dass er eine Brille trug, über die er verschmitzt hinwegschaute, stand irgendwann weinend auf dem Heldenplatz. Wir hatten uns dort versammelt, damit er uns die Geschichte der Stadt erzählt. Von den Habsurgern erzählte er – und vom Dritten Reich: „Dort oben hat er gestanden, der Führer, und hat den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erklärt.“ Er sagte tatsächlich „Führer“, nannte niemals seinen Namen. Schwarz vor Menschen sei er gewesen, der Heldenplatz. Dabei seien die Wiener keine Nazis gewesen. „Die waren bloß neugierig“, sagt er. „So ist der Wiener halt: neugierig.“ Ich frage mich, ob das die jüdische Bevölkerung seinerzeit auch so empfand.

Später, im Jahr 1955, sei er Zeitzeuge gewesen; als die alliierten Besatzungsmächte abzogen, habe er dort vorne – er deutet auf eine Laterne – gestanden und habe Scherze gemacht, denn er habe nicht verstanden, was vor sich gehe. „‚Weißt du eigentlich'“, erzählte er von einem Mann, der hinter ihm gestanden und ihn angesprochen hatte, „weißt du, was gerade hier passiert? Wir werden heute frei.‘ Und wissen Sie was?“, fährt er fort. „Ich konnte nichts mit dem Begriff ‚Freiheit‘ anfangen.“ Er sei doch frei gewesen, habe sich frei bewegen können, sei freundlich zu den Soldaten gewesen und habe im Gegenzug von ihnen Kaugummis bekommen. Auf dem Dach der Hofburg, erzählt er weiter,  hätten seinerzeit die Flaggen der Besatzungsmächte geweht; die österreichische habe neben ihnen gehangen – als eine von vielen. Aber als die alliierten Soldaten an jenem Tag im Jahr 1955 nach rechts den Heldenplatz verließen und von links das österreichische Bundesheer gekommen sei, als man die alliierten Flaggen eingeholt habe und danach nur eine einzige, die österreichische, aufgezogen habe, die dann stolz auf dem Gebäude wehte – seine Augen wurden rot und füllen sich mit Tränen -, da, ja, da habe er begriffen, was Freiheit sei.

Ich habe mir noch andere Orte in Wien als die Hofburg mit dem Heldenplatz angeschaut. Sämtliche touristisch wertvollen Gebäude habe ich abgeklappert, meine Zu-Fuß-Geh-App hat rund 35 Kilometer aufgezeichnet. Ich möchte Sie aber nicht mit den üblichen Attraktionen belästigen. Stellvertretend hier ein Bild vom Schloss Belvedere. Da taten mir schon die Füße weh und ich brauchte dringend eine Melange.

Blick auf das untere Belvedere

Blick auf das untere Belvedere

Neben den vielen Sehenswürdigkeiten, die sich manchmal ankündigen, manchmal unverhofft hinter der nächsten Ecke überraschen, immer aber sehr beeindruckend sind – ein Glück, dass Wien kaum bombardiert wurde -, sind es viele kleine Dinge, die mich erfreuten. Stellvertretend:

Wäscheflott neben dem Theaterkartenbüro

„Wäscheflott“ in der Nähe der Nationalbibliothek

Praktisch erschienen die Weihnachtsbaumsammelstellen („Kein Lametta wäre netter.“), die auch vor hohem Kulturgut keine Scheu zeigen. Hier in Dortmund muss man den Baum an einem bestimmten Datum rausstellen – nicht früher, nicht später – und wer den Baum noch behalten oder ihn früher abgeben möchte, hat Pech gehabt.

Weihnachtsbaumablagestelle vor der Spanischen Hofreitschule

Tannensammelstelle

Kommen wir zu kulinarischen Aspekten der Reise. Ich möchte die Wiener Sehenswürdigkeiten nicht schmälern, aber wenn Sie, sagen wir, nur drei Stunden Zeit haben, um Wien zu entdecken: Schenken Sie sich die Hofreitschule – essen Sie! Die Kalorien, die ich beim Sightseeing verlaufen habe, habe ich nicht in Wien zurückgelassen – ich habe sie allesamt wieder mitgebracht (und wahrscheinlich noch mehr).

Café Drechsler am Naschmarkt

Café Drechsler am Naschmarkt

Sollte es bei mir beruflich einmal nicht mehr gut laufen, habe ich am vergangenen Wochenende eine neue Perspektive für mich entdeckt: als Apfelstrudel-Testerin. Test-Kriterien: „Vanillesoße“, „Teig“, „Apfelwürze“ und „begleitender Kaffee“. Ich habe in vier Tagen vier Apfelstrudel gegessen – und wäre auch zu mehr bereit gewesen, wenn ich nicht auch noch Wiener Schnitzel hätte essen wollen (und müssen, denn hey! Wien!). Vorläufiger Strudelfavorit ist:

Café Landtmann

Café Landtmann

Im Café Landtmann habe ich den besten Apfelstrudel meines Lebens gegessen, ein orgiastisches Fest, ein fast erotisches Erlebnis, eine musische Komposition – Sie werden alle Apfelstrudel vergessen, die Sie vorher jemals verzehrt haben, es wird eine Strudelamnesie einsetzen, sie werden nur noch an diesen einen Strudel denken können, und selbst, wenn Sie wieder zu Hause sind und wenn sie nur über diesen Strudel schreiben, wird es Sie wieder packen und Ihre Gedanken werden besessen sein.

Um wieder runterzukommen, folgt ein Bild von einem zusammengerollten Farnblatt:

Farnzeugs im Palmenhaus, Schloss Schönbrunn

Farnzeugs im Palmenhaus, Schloss Schönbrunn

So. Und morgen gibt’s erstmal ’ne Waffel. Übersprungshandlung.

Im Schlosspark Schönbrunn

Im Schlosspark Schönbrunn. Mit Wiener Mütze. Weil’s so kalt war.

Einmal in der Wiener Hofburg tanzen

21. 01. 2014  •  28 Kommentare

Es gibt Gelegenheiten im Leben, die man gerne verstreichen lässt. Und solche, die man ohne nachzudenken ergreift. So begibt es sich, dass ich am Wochenende in Wien Walzer tanzen durfte.

Wiener Hofburg bei Nacht

Die Wiener Hofburg, hübsch beleuchtet.

Es ist neun Uhr am Abend, als ich an der Hofburg ankomme.

Die Gäste im Foyer sind schon zahlreich und zudem prächtig anzuschauen: schmale Kleider, breite Kleider, raffinierte Kleider, tumpe Kleider, Kleider mit Reifrock und vereinzelte Trachten, Smokings, Uniformen und erst die Frisuren! Das alles unter Kronleuchtern und zwischen Marmorsäulen, neben Blumenbouquets und Damasttapeten. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll.

Der Einlass

Das Publikum (illuster) defiliert in den Festsaal.

Ich tue es den anderen nach, hebe mein Kleid an und gehe die große Feststiege hinauf, dorthin, wo sich die Tanzsäle befinden. Es gibt an diesem Abend viele davon, 40 Stück.

Ich suche mir ein Plätzchen am Rand den großen Zeremoniensaals.

Die Eröffnung im Festsaal

Die Jungdamen und Jungherren betreten das Parkett. Das Orchester spielt. Links neben mir fällt eine Dame in Ohnmacht.

Das Fest beginnt. Erst marschieren die Jungdamen- und Jungherrenkomitees herein – die Männer in Uniform, die Damen in Weiß. Sie nehmen Aufstellung; es ist ihr großer Tag, man sieht ihnen an, wie zittrig sie sind, wie nervös sie lächeln. Es folgen Amts- und Würdenträger, das Musikkorps spielt. Es geht Schlag auf Schlag, neben mir fällt eine kleine Dame in Ohnmacht, Opernmenschen singen und Profitänzer tanzen. Auch auf dem Parkett sinkt eine der Weißen hernieder. Ein Minister spricht zur Menge, Fotografen machen Bilder, die Jungdamen und -herren eröffnen – in leichter Unterzahl – schließlich den Tanz. Als ich wieder auf die Uhr sehe, sind eineinhalb Stunden vergangen.

Ich bestelle ein Wasser. Es muss ein ganz besonderes Wasser sein, denn die Flasche kostet zwölf Euro. Ich trinke sie sehr langsam. Erst jetzt fallen mir die Jutetaschen auf, die hier und da an der Wand lehnen, Kleidung zuoberst. Wenn der Kellner nicht schaut, langen die Besitzer flink hinein: Eine behende Bewegung, und ihr Glas ist wieder voll. Hier zahlen nur die Laien – und die, die es sich leisten können oder wollen.

Schon kurz darauf wird der Walzer unterbrochen: Es ist zwölf, Andy Lee Lang startet seine Rock’n’Roll Piano Show, eine Big Band spielt auf, der Festsaal swingt. Ich flaniere durch die übrigen Räumlichkeiten. „Marmorsaal“,  „Redoutensaal“, „Radetzky-“ und „Maria-Theresia-Appartments“, „Antekammer“, „Trabantenstube“ – so heißen die Säle, in denen gespeist, getrunken und getanzt wird. Einer folgt dem nächsten, zwischendrin Stiegen und Galerien, irgendwo tanzt eine Profi-Formation; der Spaziergang dauert eine ganze Weile. Es ist alles sehr beeindruckend.

Das Damen-Schrammelorchester bittet zum Tanz.

Das Damen-Schrammelorchester bittet in einem Nebensaal zum Tanz.

Es ist gegen halb zwei, als ich mich an die große Feststiege stelle und schaue, wer hinauf kommt und hinunter geht: alte Männer mit alten Damen, junge Männer mit jungen Damen und alte Männer ebenfalls mit jungen Damen.

Kretschi gesellt sich zu mir und fragt mich, warum hier wohl so viele Väter mit ihren Töchtern sind.
„Kretschi“, sage ich, „das sind nicht deren Töchter.“
„Meinste?“
„Was glaubst du denn, warum die ihren Töchtern sonst so auf die Brüste starren?“
„Vielleicht haben sie sie lange nicht gesehen und wundern sich, wie groß sie geworden sind.“

Am nächsten Tag werden wir bei einem Wiener Schnitzel feststellen, dass uns allen dieselben Leute aufgefallen sind: die dünne Dunkelhäutige zum Beispiel mit Armen wie Streichhölzern, aber Dingern wie Melonen; die blasse Braunhaarige in dem weißen, berüschten Reifrock und der Sissi-Frisur; der Brite mit der slawischen Schönheit, auf deren Kleid von Nippel zu Nippel eine goldene Kette gespannt ist; das russische Pärchen, das hackedicht im Polkaschritt durch die walzernde Menge galoppiert.

Die Big Band ist fertig, im Zeremoniensaal bittet der Tanzmeister nun zum Contredanse: höfischer Tanz, paarweise. Es wird die Schrittfolge geübt, geknickst und huldvoll genickt. Die Russen tanzen weiter Polka.

Contredanse im Festsaal

Contredanse im Zeremoniensaal.

Gegen drei Uhr ist die Luft ein wenig raus. Noch eine Stunde, bis der Trompeter zum Zapfenstreich bläst. Ich schaue an der Tombola, ob ich etwas gewonnen habe: Es werden ein Schreibtischstuhl verlost, außerdem Rucksäcke und ein Flachbildfernseher. Die  Gäste beginnen, die Blumen zu zerlegen; das hat hier Tradition und ist keine schlechte Erziehung, auch wenn es vor den Orchideen vereinzelt zu Gerangel kommt.

Die Dame rechts zerrupft das Bouquet.

Halb vier in der Nacht. Eine Dame rechts zerrupft das Bouquet.

Um vier Uhr ist Schluss. Die Festgesellschaft zerstreut sich. Die Blumen verlassen in den Händen müder Damen das Haus. Männer rufen Taxen. Wem die Füße besonders weh tun, der verlässt das Haus auf Socken.

Im Bett angekommen, schlafe ich, glücklich und berauscht von der Ballnacht, im Dreivierteltakt ein.

Tanzübungen

13. 01. 2014  •  33 Kommentare

Liebe Kaffeehausgäste, ich bin leicht raschelig.

Am Wochenende werde ich die Wiener Hofburg besuchen und dort Walzer tanzen. Wie Kaiserin Sissi mit dem Grafen Andrássy. Selbstredend mit derselben Verve und Eleganz, daran besteht kein Zweifel.

Nun trage ich zwar am liebsten Jogginghose – aber selbst mein bester Sonntagsjogger taugt nicht zu diesem Anlass. Deshalb habe ich mir, um maximale Grandezza sicherzustellen, ein neues Kleid (natürlich blau), neue Schuhe (Let’s remember Aschenputtel!) und neue Leibwäsche gekauft.

Außerdem übe ich einmal täglich, inbrünstig Johann Strauß summend, auf meinem neuen, glatt geölten Wohnzimmerparkett den Wiener Walzer.

Tanzübungen

Generalprobe.

Das Kleid sitzt und schwingt, und auch technisch klappt alles gut, obwohl meine Tanzerfahrung aus seinerzeit guten Gründen (ich nannte ihn „Basti Transpiranti„) überschaubar ist. Aber so ein Walzer, der geht grad noch, den habe ich schon auf diversen Hochzeiten erfolgreich angewendet.

Drücken Sie mir die Daumen, dass ich in Wien ebenso fedrig schwebe wie in Dortmund.

Bücher 2013 – 5

7. 01. 2014  •  9 Kommentare

Gelesen im Dezember:

Bücher 2013 - 5

Simon Beckett. Obsession.
(Deutsch von Andree Hesse)
Ben ist mit Sarah zusammen. Sarah hat einen autistischen Sohn, Jacob. Als Sarah stirbt, entdeckt Ben, dass Sarah ihn direkt nach der Geburt aus dem Krankenhaus entführt hat. Er muss Jacob deshalb seinem leiblichen Vater übergeben, einem Typen, wie man ihn auf RTL2 sieht. Das Buch hat auf Amazon nur zweieinhalb Sterne – zurecht. Die Story ist uninteressant, geht nicht ans Herz und am Ende ist man nur froh, dass es vorbei ist.

Chevy Stevens. Never Knowing – Endlose Angst.
(Deutsch von Maria Poets)
Von Chevy Stevens habe ich Anfang des Jahres schon „Still Missing – Kein Entkommen“ gelesen und war gefesselt: ein echt spannender Thriller. Deshalb nun „Never Knowing“. Die Geschichte: Sarah ist adoptiert. Als ihre eigene Hochzeit bevorsteht, macht sie sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern und findet heraus, dass ihr Vater ein Serienmörder ist. Er wurde nie gefasst, bekommt natürlich prompt mit, dass es Sarah gibt, und nimmt Kontakt zu ihr auf. Das war auch schon die ganze Story, die sich dann über 500 endlos lange Seiten hinzieht. Ich dachte immer, dass das Ganze irgendwann doch mal eine spannende Wendung nehmen muss, aber Fehlanzeige.

Ursula Niehaus. Die Seidenweberin.
Köln im Mittelalter: Fygens Vater stirbt, sie muss zum Onkel und wird von dort aus direkt weiter nach Köln in die Lehre geschickt – zu einer Seidenweberin. Die Seidenweberin ist eine hartherzige Frau, die Fygen quält. Doch das Mädchen geht trotzdem seinen Weg. Die Geschichte ist die Standardgeschichte eines historischen Romans, aber dennoch gute Unterhaltung. Manchmal habe ich mir gewünscht, dass bestimmte Spannungsbögen länger durchgehalten werden – die Schwierigkeiten, in die Fygen gerät, lösen sich immer ein bisschen zu schnell -, aber alles in allem ist das Buch eine gefällige Lektüre.

Peter Stamm. Sieben Jahre.
Alex ist mit Sonja verheiratet. Sonja ist eine Frau, wie Mann sie sich wünscht: intelligent, zauberhaft, hübsch. Er trifft sich aber auch regelmäßig, schon seit dem Studium, mit Iwona. Sie ist spröde und wortkarg und nimmt Peters Zudringlichkeit kühl hin. Dann wird sie schwanger. Das gesamte Buch über geht es nur um diese Dreiecksbeziehung oder besser gesagt: um Peters Verhältnis zu den beiden Frauen. Am Anfang denkt man noch: Der Arsch! Aber ach, es ist kompliziert. Lesenswert.

Die Sache mit der Energie

6. 01. 2014  •  52 Kommentare

Endlich mal ein vernünftiger Ernährungswissenschaftler (genauer gesagt ist er Lebensmittelchemiker).

Über Sue bin ich auf Udo Pollmer gestoßen. In zwei Interviews, einem bei Zeit online und einem bei der Weltwoche, spricht er das aus, was ich schon seit langem bei mir und meinem Körper entdecke.

Die Sache ist bislang immer nur die: Ich bin ein kleines Dickerchen, und wenn kleine Dickerchen von Ernährung sprechen, winken in der Regel alle Leute ab. Weil: So jemand kann ja keine Ahnung von Ernährung haben, schau sie dir an. Dabei ist meine Erfahrung: Niemand hat so viel Ahnung von Ernährung wie dicke Leute, denn dicke Leute beschäftigen sich meist seit Jahren mit Diäten und Ernährung  und wissen in der Theorie ganz genau, warum sie dick sind (Teilnehmer von RTL-Nachmitagssendungen ausgenommen).

Udo Pollmer sagt zum Beispiel:

„Wir haben keine Schnauze mehr, wir haben ein harmloses, kleines Gebiss, das angewiesen ist auf gekochte, leicht zu kauende Nahrung. Ich begreife nicht, warum das keiner merkt. Ein Blick in den Spiegel genügt.“

Seine Schlussfolgerung ist (etwas verkürzt): Koch dir was und hör auf, dir Salat schönzureden.

Dabei mag ich gerne Salat. Möhren, Gurke und Paprika auch. Ich habe allerdings mal versucht, mich hauptsächlich von Obst und Salat zu ernähren – um abzunehmen natürlich. Ergebnis: Ich war kraftlos. Im Alltag ging’s sogar,  da ist etwas Hunger ja durchaus inspirierend und ich habe mich dynamisch gefühlt, aber als ich die Dynamik dann nutzen wollte, habe ich beim Sport sehr schnell kein Bein mehr vors andere gekriegt. Zwanzig Minuten laufen, fünf Liegestütze, und ich war durch. Bestimmt wird man dadurch dünn, ganz sicher wird man das, aber ehrlich: Kraftlos sein macht mir keinen Spaß.

„Es gibt zwei verschiedene Körperbautypen: die Pykniker, die rundlicheren, und die Leptosomen, die hageren. Das ist angeboren. Daneben existieren zwei grosse Regulationssysteme für das Gewicht: die Sexual- und die Stresshormone. […] Menschen, die sich in ausweglosen Situationen befinden, die gemobbt werden im Job, die daheim noch mal Ärger haben, bilden reichlich Cortisol. Was Cortisol bewirkt, wissen wir vom Medikament Cortison. Es führt zum Cushing-Syndrom. Sie werden dick. Ausserdem steigt das Diabetes- und Herzinfarktrisiko. Deshalb werden viele Dicke, wenn man sie unter Druck setzt, noch dicker.“

Zeiten, in denen ich ausgeglichen bin, bin ich schlanker als in Zeiten, in denen ich Stress habe. Deshalb habe ich im vergangenen Jahr fünf Kilo zugenommen. Weil das vergangene Jahr ein wahnsinnig anstrengendes war, körperlich und psychisch. Ich habe einen lieben Menschen gepflegt, ich habe ihn zu Grabe getragen. Ich habe eine Wohnung gekauft und sie renoviert. Es gab Herzinfarkte, Gallenoperationen, Psychiatrie-Aufenthalte. Nicht ich selbst, aber das Dabeisein hat mir gereicht. Ich hatte fast keinen Urlaub, und ich musste sehen, wie ich zurechtkomme. Ich war unendlich müde; ich hätte zwölf Stunden am Tag schlafen können, aber ich hatte keine Zeit zu schlafen – und nein: Ich konnte sie mir auch nicht nehmen, sie war einfach nicht da. Der einzige Ausgleich, der zwischendurch mal da war und der Anspannung abbaute, war Essen.

Ich werde dieses Jahr wieder fünf Kilo abnehmen. Aber nicht, weil ich Diät halte, sondern weil mein Leben wieder ruhiger wird.

Das hat auch nichts damit zu tun, dass ich dann wieder mehr Zeit habe, Sport zu treiben. Ich treibe seit 25 Jahren Sport, durch Sport nehme ich nur noch ab, wenn ich ihn extrem betreibe und wenn ich dabei hungere.

Gehe ich morgens ins Fitness-Studio, bin ich dort rund eineinhalb Stunden. Ich mache im Schnitt 45 Minuten Ausdauer und 45 Minuten bis eine Stunde Kraft – abends auch mal mehr. Ich schätze, dass ich dabei 800 Kalorien verbrauche. Ich merke genau, dass mein Körper diese 800 Kalorien wiederhaben will – und er will sie nicht als Paprika wiederhaben, sondern als schönes, leckeres Butterbrot oder als warme Mahlzeit. Halte ich nach morgendlichem Sport den Tag über Diät, könnte ich abends ein Schwein auf Toast essen, aber dringend!

Ich könnte natürlich dadurch abnehmen, indem ich täglich 800 Kalorien mehr verbrauche und sie mir nicht wieder zuführe. Nach einer Weile gewöhnt man sich sogar daran – ich habe das alles schon gemacht; so funktioniert das. So baut man zwar keine Muskeln auf, aber so reduziert man Gewicht. Irgendwann geht’s dann auch an die Fettreserven, toll, toll.

Aber ich habe wahnsinnig schlechte Laune dabei. Und soll ich was sagen? Das ist es mir nicht wert. Dazu ist mir Dünnsein nicht wichtig genug. Ich kann schon morgen vom Bus überfahren werden, Krebs kriegen, sterben. Ich verbringe die Zeit, die mir geschenkt wird, gerne herzlich, freundlich und ausgeglichen.

„Es geht um Macht. Anderen Vorschriften zu machen, verschafft vielen Menschen Genugtuung. […] Wenn der Mensch Angst hat, kann er nicht mehr logisch denken, und schon kann ich ihn mit immer neuen Tipps beherrschen. Klappt es nicht, ist er natürlich selber schuld und hat zu wenig getan.“

Ja, ich bin selbst schuld. Ich könnte abnehmen. Ich weiß genau, wie’s geht. Ich tu’s aber nicht. Nicht, weil mir die Disziplin fehlt. Sondern, weil mir der Wille fehlt. Richtig gelesen: Ich will nicht. Denn ich habe nur begrenzt Energie. Ich investiere meine Energie lieber ins Leben.

Die Lieblingstweets im Dezember

4. 01. 2014  •  4 Kommentare

Lieblingstweets 12/2013 (ohne Heiligabend):

https://twitter.com/Derpey/statuses/410266574122020864

Rückenfit

2. 01. 2014  •  11 Kommentare

Am Montag ruft mich meine Freundin an. Ob ich Lust habe, mit zum Rückenfit-Kurs zu gehen. Im Fitti. „‚Ne Stunde lang Rückenturnen, bisschen Cardio, dann schön in die Sauna.“

Ich überlege kurz. Denn die Sache ist: Ich bin schon vor zwei Tagen im Fitti gewesen. Ausgeschlafen, abgefrühstückt und ausgeruht, gänzlich im Ferienflow, habe ich eine zweieinhalbstündige Glanz-Performance hingelegt und mich mal so richtig austrainiert – weshalb ich arg Muskelkater habe, vor allem in den Beinen, wahrscheinlich wegen des Sprungkrafttrainings. Aber nun ja. Rückenfit. Das könnte grad noch gehen. Ich sage also zu.

Die Vorturnfrau ist eine kleine, biegsame Yogalehrerin, die nebenberuflich in Rücken macht. Zunächst gehen wir auf der Stelle. Ich komme mir immer sehr dämlich vor, wenn ich auf der Stelle herumgehen soll, „schön die Knie anziehen und die Arme aktiv mitnehmen“ – das hat etwas von Herzsportgruppe. Die Turnfrau macht nun Ausfallschritte nach links und nach rechts. Ich tue es ihr nach, was soll ich auch sonst machen – mitgehangen, mitgefangen. Ich kann mir selbst dabei zusehen, denn wir turnen vor einer Spiegelwand, es hat etwas von Ballettschule. Für Nilpferde. Mit X-Beinen. Aber während ich mich noch bemühe, eleganter auf der Stelle zu trampeln, geht’s auch schon tiefer in die Knie.

O-ha! „Hallo-ho!“, ruft mir nun das Sprungkrafttraining von vor zwei Tagen zu.
„Hier bin ich! Huhu!“, ruft es aus meiner Oberschenkelinnenseite, direkt aus dem Adduktor. Genauer gesagt ruft es nicht – es BRÜLLT, ABER HALT DICH FEST! Ein Feuer brennt in meinen Beinen!

Wir nehmen jetzt Gewichte zur Hand und laufen weiter auf der Stelle, es geht immer noch nicht um den Rücken. Wir steppen und steppen, machen nun einen Ausfallschritt nach vorne, gehen tief in die Knie, legen das Gewicht einmal auf der Erde ab und heben es wieder auf. „Hallo-ho!“, ruft mir mein Oberschenkel jetzt von seiner Vorderseite aus zu, noch drei, noch zwei, welch Brennen!, welch Reißen!, noch einen, ALTER SCHWEDE! Wechsel zur anderen Seite.

Ich schaue nach rechts zur Freundin, die freudig schnauft. Ja, merkt sie denn nichts? Wir haben Rückenfit gebucht, kein Beine-Po-Programm! Das ist Betrug am Kunden, was hier passiert!

Wir lockern uns. Dann geht’s auch schon weiter, wir machen eine seltsame Schrittkombination, Vor, Seit, Rück, Seit, herrje, ich bin doch hier nicht im Bronze-Tanzkurs! Ich brauche drei Runden, um die Schrittfolge zu schnallen.

„Und jetzt das Ganze noch einmal weiter unten! Schön in die Knie gehen!“, flötet die Vortanztante. Ich bekomme erste Krämpfe im linken Adduktor. Die 50-jährige Mutti vor mir schwingt weiter locker aus der Hüfte.

Der nächste Tag ist Silvester. Ich kann mich zwar nicht zum Bodenfeuerwerk hinabbeugen, aber eins ist sicher: Mit strafferen Schenkeln bin ich noch nie ins neue Jahr gerutscht.



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