Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Ra(s)tlos

26. 01. 2010  •  Keine Kommentare
Denise war stets davon ausgegangen, dass das Leben sich langsam steigern würde, Leute sich vervielfältigen, Ereignisse sich drängen, dass das Leben mit dreißig ihr vorkommen müsste wie mit zweimal zwanzig. Sie hatte vermutet, es könnte sich überwuchern wie ein Garten. Aber es sah nicht danach aus. Zwischen zwanzig und dreißig schoss das Leben ins Kraut, mit dreißig dünnte es sich aus auf das, was man hegte und pflegte.
aus: Andrew Sean Greer. Die Nacht des Lichts, S.88

Was habe ich nicht alles zwischen 20 und 30 erlebt! Ich habe geliebt und mich entliebt, habe eine Wohnung eingerichtet, noch eine Wohnung und noch eine, hatte mal wenig, mal viel Geld, habe Städte erobert – für Wochen, Monate und Jahre, habe Meilen gesammelt und Autobahnkilometer gezählt. Ich bin nach China gereist, in die USA, nach Island, Schweden, Finnland, Norwegen, nach Russland und Italien, habe unter dem Eiffelturm Silvester gefeiert. Ich habe Menschen getroffen und Freunde gefunden.

Doch jetzt – und da spricht mir das Zitat aus der Seele – gibt es einen Status Quo, unweigerlich, ohne dass ich es wollte. Er stellte sich einfach ein. Ich habe in meinen rastlosen Zwanzigern einen Beruf erlernt (fast nebenbei, wie es im Nachhinein scheint) und Anstellungen gefunden; ich habe eine Partnerschaft, eine Wohnung, eine Rentenversicherung und einen Bausparvertrag.

Ich bin vorsichtiger geworden. Bedächtiger. Ich stürme nicht mehr los. Ich wäge ab. Wer etwas hat, hat etwas zu verlieren. Das ist neu. Das war früher nicht so.

Ich entdecke an mir, dass ich weniger beweglich bin, nicht mehr so offen und sorglos. Ich vertraue nicht mehr jedem, nenne nicht jeden meinen Freund; genau genommen habe ich nur wenige Freunde. Ich lasse Beziehungen im Sand verlaufen, vorsätzlich. Ich weiß jetzt zu unterscheiden zwischen denen, mit denen ich mein Leben teilen möchte, und denen, die nur in ihm vorkommen.

Die Dynamik des Aufbruchs ist verflogen. Schön war sie, ja. Nun bin ich glücklich mit dem Stillstand, dem Langsamerwerden, dem Hegen und Pflegen des Gewonnenen.

Oder kultiviere ich nur die Gewohnheit? Muss es tatsächlich bei dem einen Leben bleiben? Schließlich bin auch ich nicht nur die Eine; ich bin die Ruhige und die Lebhafte, die Mutige und die Ängstliche, die Realistin und die Träumerin.

In wilden Momenten möchte ich mit gestrecktem Arm meinen Büroschreibtisch leerfegen, die Tür hinter mir offen stehen lassen und fortlaufen zu einer zweiten Ich-Zentrale: einem Haus am See, wo ich Gemüse züchte und Bücher schreibe, zu einem Drei-Generationen-Loft, das ich plane und mit freundlichen Menschen bewohne, oder – weniger prätentiös – zu einem Einfamilienhaus von stattlicher Spießigkeit, in dem ich vier muntere Kinder aufziehe.

Nichts als Spinnereien. Du weißt doch gar nicht, was Du willst, sagt mein kritisches Ich. Du hast nur Angst, Dich festzulegen. Was Du auch änderst, wo Du auch landest, Du nimmst Dich selbst mit – denk dran.

Die Welt steht Dir offen, sagt mein wohlgemutes Ich. Sorge für die Basis und mach Dich fort. Niemand hält Dich auf. Du hast die Kraft, neu Wurzeln zu schlagen. Das Leben ist kurz, und es ist Deins, nur Deins allein.

Nessy, ra(s)tlos.

Ende der Leseferien

8. 01. 2010  •  Keine Kommentare
*** Im Urlaub gelesen ***

Stefan Merill Block. Wie ich mich einmal in alles verliebte.
Ein Buch ueber Liebe, Sehnsucht, Lebenssinn und Alzheimer. Nicht immer freundliche, aber ehrliche Geschichte mit etwas, das kein Happy End ist, aber doch zufrieden stimmt.

Paulo Giordano. Die Einsamkeit der Primzahlen.
Zwei junge Menschen, die sich finden und wieder verlieren, weil sie sich selbst nicht lieben koennen. Keine froehliche Erzaehlung, aber immer nah an den Protagonisten – und deshalb gut.

Asa Larsson. Bis Dein Zorn sich legt.
Zwei Teenager kommen beim Eistauchen um. Die Leute im Dorf geben sich verschlossen. Eine Unternehmerfamilie rueckt schnell ins Visier der Ermittler. Solider Krimi, der stimmungsvoll beginnt, zum Ende hin die Erwartungen aber nicht ganz erfuellt.

J.R. Moehringer. Tender Bar.
Autobiografie: Junge einer alleinerziehenden Mutter schlaegt sich durchs Leben und bis nach Yale durch. Sein Fixpunkt und Heimathafen sind eine Bar und ihre verschrobene Kundschaft. Eine brilliante Erzaehlung, die in der Mitte Laengen hat, aber im letzten Drittel wieder an Fahrt gewinnt. Selbstzweifel und Trunksucht Moehringers nerven etwas.

Dieter Moor. Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht.
Moderator von „titel, thesen, temperamente“ erzaehlt, wie er mit seiner Frau in Ostdeutschland einen Bauernhof kaufte und heimisch wurde. Kurzweilig und liebevoll.

*** Im Urlaub gehoert ***

Klaus Bednarz. Oestlich der Sonne.
Bednarz reist vom Baikalsee bis an die Behringstrasse und nach Alaska. Grandiose Erzaehlung, bei der sich der Autor sehr zuruecknimmt und seine Beobachtungen und Gespraechspartner fuer sich stehen laesst. Fantastische Stimme.

Daniel Glattauer. Der Weihnachtshund.
Singlemann mit Kussphobie will ueber Weihnachten auf die Malediven und deshalb seinen Hund abgeben. Singlefrau moechte ihn nehmen – den Hund und hinterher auch den Mann. Die Story ist duenn, die Hindernisse der Liebenden ganz schlimme Comedy. Unterirdische Geschichte.

Jan Weiler. Liebe Sabine. und MS Romantik.
Frau verlaesst Mann. Frau bekommt von Mann einen letzten Brief – und von seiner Sekretaerin ein Tonband dessen, was er eigentlich sagen wollte. Im zweiten Teil ist er auf Singlekreuzfahrt, und das Schiff geht unter. Kann man hoeren, muss man nicht. Die Folgen dauern jeweils eine Stunde, das macht`s kurzweilig.

***

Bitte hoffen Sie mit mir, dass Tief Daisy mich zurueck nach Hause laesst. Wetter heute, am letzten Tag auf der Sonnenliege: 30 Grad, eine leichte Brise. Fuer die Heimreise: Jo Nesbo. Der Fledermausmann (lesen) und Sophie Kinsella. Kennen wir uns nicht? (hoeren).

Adiós, Teneriffa. Adiós, Sommer.



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