Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Besuch in der Heimat und postweihnachtliches Turnen

30. 12. 2021 4 Kommentare Aus der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Postweihnachtliches Turnen | Einhundert Meter oberhalb des Fitnessstudios hat, pünktlich zum Inkrafttreten der neuen Landesverordnung, eine neue Drive-in-Teststation eröffnet. Auf den Kapitalismus ist Verlass.

Die Atmosphäre ist heimelig – vorausgesetzt, man mag Gewerbehöfe. Ein Foto aus Chronistenpflicht:

Container mit Schild "Corona-Test", drei Autos vor mir, davon ein VW-Bulli mit einer Pril-Blume drauf

Die Leibesübung selbst war wohltuend. Die Feiertage haben mich gerundet und versteift. Jetzt bin ich wieder gelockert und gestählt.


Heimatbesuch | Ich war in der Heimat.

Großes, blaues Rathaus mit Türmchen und Torbögen, daneben der Kirchturm, im Vordergrund Fußgängerzone und eine Fleischerei

In der Bäckerei zeigte ich Impfnachweis und Ausweis vor und setzte mich mit einem Kaffee in eine Ecke. Ein Ehepaar aß Kuchen. Ein Mann arbeitete an einem Laptop. Ein anderer Mann saß herum und schaute sich die Menschen an, die vor dem Schaufenster in Richtung Bahnhof gingen. Es waren nur wenige.

Der Bahnhof in diesem Ort hat einmal die Auszeichnung des hässlichsten Bahnhofs Deutschlands bekommen. „Ein Schandfleck“, war man sich auch in der Stadt einig. Als ein Investor das Gebäude irgendwann abriss, Parkplätze und würfelförmige Fachmarktzentren baute, war man allerdings auch nicht zufrieden. Der Bekleidungsdiscounter werde die Kaufkraft aus der Innenstadt ziehen, und wer brauche noch einen Lebensmittelmarkt? Nein, das sei nun auch wieder nicht schön. So ist das in meiner Heimatstadt: Das, was man hat, ist nicht gut genug, und das, was kommt, wird schlecht geredet. Jetzt ist man zwar zufrieden mit der Entwicklung, allerdings, wer weiß, was hätte Besseres kommen können.

Man könnte eine Menge machen aus dem kleinen Zentrum, in dem es Fachwerkhäuser und einen hübschen Kirchplatz gibt, Brunnen, Bänke, einen Wasserlauf und viel Leerstand. Man müsste nur jenseits von Einzelhandel denken – und jenseits der Überzeugung, dass früher alles besser war, damals, als noch niemand online einkaufte (einschließlich man selbst), als Hausfrauen noch Hausfrauen waren und sich Dienstagfrüh auf dem Markt trafen und als man noch mit dem Audi 100, Fünfzylinder-Diesel und Innenausstattung in Velour, bis vors Geschäft fahren durfte.

„Sie wissen, dass ich Ihnen meinen Ausweis nicht zeigen muss?“, polterte es aus Richtung Bäckerstheke. Den müsse er nur der Polizei zeigen, und auch bei der sei es Schikane. Überhaupt alles sei Schikane. „Wer es kriegt, der kriegt’s. Wissen Sie, wer krank wird?“ Die, die sowieso schon am Abnippeln seien und die Dicken und die, die faul seien. „Ich gehe jeden Tag raus. Ich bin gesund.“ Für Menschen wie ihn sei es nur ein Schnupfen, und die neuen Regeln, „das ist nur die Hilflosigkeit der Politik. Die will uns nur zeigen, dass wir zu gehorchen haben.“

Ich stellte mein Tablett weg und sah den Mann an: ein Mann in den Fünfzigern, Anfang Sechzigern, Hemd und Mantel, Brille und Schal, mit einem doppelten Espresso auf dem Tablett. Dann ging ich. Die Tante wartete. Ich fuhr hoch auf den Berg. Wir plauderten, und schauten Fotos an. Es gab Kuchen und zum Abendbrot eine Tomatensuppe. Als ich heimfuhr, war es schon lange dunkel.


Gesammelt |  Frau Kaltmamsell hat die Bücher zusammengetragen, die sie 2021 gelesen hat. Von denen werde ich mir ein paar aufs Nachtkästchen legen.

Kommentare

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  1. Lo sagt:

    Kuchen und Tomatensuppe von der Tante sind gute Heimatgefühlverstärker.
    Alles Gute für 2022!
    Lo

    1. Vanessa sagt:

      Ebenso alles Gute fürs neue Jahr!

  2. Annika sagt:

    „gerundet und versteift“ – eine ganze Tragödie in zwei Worten. Herrlich.

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