Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Eisblumen und das letzte Auswärtsspiel

15. 12. 2022 11 Kommentare Aus der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Vorweihnachtlich | Als ich von der Weihnachtsfeier heimfahre, sind es minus acht Grad. Das ist kalt, sehr kalt. Fußgänger huschen mit hoch gezogenen Schultern über Ampeln. Aus den Schornsteinen quellen weiße Wolken.

Am Morgen, beim Blick aus dem Fenster, ist der Garten mit Raureif bedeckt. Es schaut schön aus, still und glitzernd. Die Eichhörnchen springen hüftsteif über den hart gefrorenen Boden. Ich lege Haselnüsse aus. Eiskristalle knirschen unter den Füßen. Am Gewächshaus wachsen Blumen.

Die Umzugskartons liegen als Stapel im Wohnzimmer und warten darauf, aufgefaltet und gefüllt zu werden. Ich werde beginnen, wo es am unangenehmsten ist, im Keller. Nicht, dass es dort übermäßig chaotisch wäre. Die Dinge sind bloß unhandlich: Werkzeuge, Kisten mit Materialien, Fahrradkram und Weihnachtsdekoration, die ich in diesem Jahr nicht aufbaue. Ein paar Dinge wollen aussortiert und fortgefahren werden. Eine Tagesaufgabe.

Die Arbeit, also die Erwerbsarbeit, hat eine abnehmende Dynamik. Am Montag und Dienstag war ich zum letzten Auswärtsspiel des Jahres beim Kunden, die letzte Geschäftsreise mit Übernachtung. Es war ein angenehmer Termin; nach großen Herausforderungen endet das Jahr versöhnlich, alle gehen mit einem guten Gefühl in die Feiertage.

Hotelbett, die Wand lila, die Bettwäsche weiß mit zwei Streifen

Auch in der kommenden Woche habe ich noch Termine. Wenn das Tempo vorweihnachtlich langsamer wird, schon viele Menschen im Urlaub sind, hat man Gelegenheit, über Strategisches sprechen, den Blick auf Kommendes werfen, ohne den Druck, sofort etwas erreichen zu müssen, denn jetzt ist erstmal Weihnachten.

Mit Vielen wünsche ich mir schon frohe Festtage, mitunter begleitet von einem „Falls wir uns nicht mehr sehen …“. Terminfindungen sind gekippt von „Kriegen wir das dieses Jahr noch hin?“ zu „Das machen wir dann im nächsten Jahr“. Es fühlt sich an wie zu später Stunde auf einer Party: Alle sind müde und haben schon ihre Jacken an, sind nur noch nicht ganz draußen; noch eine Verabschiedung hier, noch ein Wort dort, na gut, noch ein Getränk, wirklich nur eins, aber bitte keine langen Geschichten, keine weltumspannenden Diskurse, keine Problemwälzungen mehr – nur noch das seichte Geplauder des Abgangs. Jemand kratzt die letzte Kräuterbutter zusammen und futtert die verbliebenen, schon trockenen Baguettescheiben.


Der Wohnpulli | Ich habe meinen Wohnpulli gewaschen, nicht zum ersten Mal, aber mit neuem, überraschenden Ausgang. Es ist ein Wollwohnpulli, er ist groß und weich und weiß und dick und warm – eine eigenes, kleines Zuhause. Er hatte hartnäckige Flecken. Die Flecken sind nun raus, der Pullover ist wieder schön hell. Allerdings ist er jetzt drei Nummern kleiner – dafür fest und schwer wie ein Schaf.


Dortmunder Rosen | Aus Auto-Rückleuchten und Bremslichtabdeckungen:

Rote, nicht ganz runde Kugeln auf Metallgestellen, leuchtend im Dunkeln

Reflexionen | Der anstehende Umzug ist nicht nur ein Ortswechsel, sondern auch ein Wechsel in ein anderes Gefüge. Während ich bislang alleine wohnte, wohne ich bald mit dem Reiseleiter zusammen – und auch mit seinen drei Kindern, zumindest dann, wenn sie bei uns sind – zwei bis vier Tage pro Woche. Es wird eine andere Dynamik haben, wenn ich nicht nur Gast bin, sondern dort zuhause; wenn ich mir Raum erobere, den ich in dem Gefüge bislang nicht hatte, weil er außerhalb stattfand. Auf wundersame Weise hat sich zu diesem Thema ein Briefwechsel mit einer erfahrenen Patchworkfrau ergeben. (Sagt man das so, auch wenn er fernelektrisch stattfindet? Die Bezeichnung „E-Mail“ ist jedenfalls zu schnöde und wird der der Sache nicht gerecht.) Ich bin dankbar für die Gedankenanstöße. Sehr bereichernd.


Gelesen | Meike Stoverock lobt die persönliche Krise.

Gelesen | Große kleine Sprache Finnisch

Gelesen | Unsterblich sind nur die anderen von Simone Buchholz. Wirre Geschichte. Rauchen und Saufen. Der Sinn blieb mir verborgen, aber es gibt bestimmt einen.

Gelesen |  Bürgergeld, Einwanderung, Klima: Die Politik des Herabschauens führt in den Abgrund. Gute Analyse.

Ganz generell kann man sagen: Eine der billigsten Methoden, jemandem ein gutes Gefühl zu geben, ist, ihn über jemand anderen zu erheben. […] Natürlich ist genau das eine bevorzugte Methode populistischer Politik: Man zeigt mit dem Finger abwärts auf jemanden, der definitiv nicht zur eigenen Wählerschaft gehört, und versucht damit, dieser Wählerschaft positive Gefühle zu verschaffen. […] Lassen Sie einmal die politischen Debatten der vergangenen Wochen Revue passieren. 


Und sonst | Eine Sache darf nicht unerwähnt bleiben: Beim Kunden bekam ich – gemeinsam mit anderen Menschen – selbstgemachte Kalte Schnauze von fantastischer Qualität.

Kommentare

11 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Alexandra sagt:

    Heißen Dank für die tollen Rosen! <3

    "Schriftwechsel" statt "Briefwechsel vielleicht?

    1. Vanessa sagt:

      Ja, vielleicht. :)

  2. Nadine sagt:

    Jetzt hast du einen WOLLWALK-Wohnpulli sofern er denn noch passt und sich angenehm tragen lässt…

    Und danke für das Rosen-Bild, sie sind – ähm – interessant. Ich hätte da jetzt auch nicht Rosen sondern gelandete Ufos oder sowas mit assoziert, aber ich mag die Idee dahinter

    Schöne Grüße,
    Nadine

    1. Vanessa sagt:

      Der Wollwalk-Pulli war leider nicht mehr zu retten – aufgrund der Größe, aber auch, weil es komische Flecken bekommen hat. Die Rosen hätte ich auch für … naja, keine Ahnung was, jedenfalls keine Rosen gehalten. Aber ich finde die Idee tatsächlich auch nett.

  3. mareibianke sagt:

    Ach! Das sollen Rosen sein???!!! Ich sehe die ja öfter, war gedanklich aber genau wie Nadine eher bei UFOs (würde ja irgendwie auch passen vor dem Dortmunder U).
    Gibt es Hintergrundwissen dazu?
    GehtabzumGoogeln…

    1. Vanessa sagt:

      Ich hätte es auch nicht als Rosen identifiziert. Da geht’s mir wie in der Oper: Für manche Kunst brauche ich ein Programmheft.

  4. Für die große Veränderung wünsche ich alles Gute, drücke die Daumen und bin gespannt auf die Berichte.

  5. Fujolan sagt:

    Ich finds supergut, solche Zusammenlebens-Fragen vorher zu thematisieren. Räume schaffen, allen Raum geben, sich zu äußern. ALl das ist kein Rocket Science, wird aber verflixt leicht übersehen.

    Und weil es Journalistenmode ist zu behaupten, Patchwork wäre so neu: Nö. Jahrhundertealt. Die 4-Personen-Kleinfamilie des späten 20. Jhds war eine Episode.

    1. Vanessa sagt:

      Sind die Frauen nicht früher scharenweise im Kindbett gestorben? Und die Männer auf dem Acker, im Flöz oder sind unters Fuhrwerk geraten? Da muss doch gepatchworkt worden sein, bis … ja, der Arzt, äh, Bader kommt.

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