Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Er sitzt schon in der Bahn, als ich einsteige.

Er ist ein bisschen untersetzt, mit grauem Haar, einem Lächeln auf den Lippen und verschmitzten Augen. Ich setze mich neben ihn. Meinen Koffer schiebe ich vor meine Füße.

„Wo geht’s hin?“, fragt er und deutet auf den Koffer.
„Nur nach Hause“, antworte ich, denn ich bin nicht auf Reise. Ich habe den Koffer nur grad gekauft.
Er sei gerade erst wiedergekommen, sagt er. In der Karibik sei er gewesen, auf Kreuzfahrt.
„Das war bestimmt toll“, antworte ich.
Ja, meint er. Die Reise an sich sei prima gewesen. Aber ach. Er habe keinen gehaben, der hätte mitfahren können, und wenn man seine Erlebnisse nicht teilen könne, das sei doch nichts, nein, das ist nicht schön.
„Gab es denn niemanden, der sie begleiten wollte?“
„Weißt du“, antwortet er. „Meine Frau ist schon seit Jahren tot. Kinder haben wir nicht.“ Und eine neue Partnerin habe er auch nicht, dabei wünsche er sich sehnlichst eine, aber nun ja, das sei halt schwierig, er sei ja auch kein ganz einfacher Mensch.
„Ach was“, sage ich. „Sie sind doch kontaktfreudig.“

Er erzählt, dass er vor seiner Kreuzfahrt eine Anzeige aufgegeben habe: „Älterer Herr sucht Reisebegleitung.“ Er sagt, er hätte seiner Begleitung die Reise sogar bezahlt, nur damit er nicht alleine unterwegs sein müsse. „Aber es haben sich nur zwei Frauen gemeldet.“
„Immerhin“, sage ich.
Die eine, erzählt er, habe direkt ihr Zeugnis als diplomierte Pflegekraft mitgeschickt. Und die andere – ja, die habe geschrieben, sie begleite ihn gerne gegen ein Honorar von 5.000 Euro. Für 5.000 Euro stünde sie dann auch „für alle Dienstleistungen“ zur Verfügung.
„Das war doch ’ne Nutte!“, empört er sich.
Ich muss lachen. „Sie haben also keine der beiden Damen mitgenommen“, stelle ich fest.
„‚Ne Altenpflegerin und ’ne Nutte? Nä!“

Aber er habe beide Bewerbungen aufbewahrt. Für später mal. Man könne schließlich nie wissen, welche Notwendigkeiten sich im Leben noch ergäben.

Kommentare

15 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. *schluck* … immer ein Blick in die eigene Zukunft …

  2. Warum habe ich diese Anzeige nicht gelesen, ich bin weder das eine noch das andere und Spaß hätten wir vielleicht auch gehabt – und – ich wäre mal ein bisschen in der Welt rumgekommen und müsste mir diese Riesenpötte nicht nur immer im Fernsehen angucken.
    Können Sie den nicht noch mal treffen und an mich weiterleiten??? :-)

  3. Micha sagt:

    Ochmenno – warum ist es so schwer, ein bißchen zusammen zu rücken. Zu zweit ists wirklich schöner (wenns denn ein/e Traute/r ist). Und menschliche Wärme tut gut. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass der Kapitalismus diese lediglich auf lebenserhaltende Maßnahmen runtertemperiert…

    schön erzählt, liebe Frau Nessie!

  4. Alexandra sagt:

    Hinderlich sind da sicherlich die überkommenen Moralvorstellungen der Damen seiner Generation. Schade, ehrlich!

  5. Das ist traurig und lustig zugleich.

  6. Ein sehr praktisch denkender Mensch. Zwar passt momentan keine der Damen aber in der Zukunft koennte sicher mal fuer beide Bedarf sein. In der Gastronomie nennt man das Mies en Place machen.

    1. ach, mise-en-place.
      schon wieder was gelernt.
      ganz ohne Bandscheibe.

    2. Man hilft doch gerne wenn man kann..

  7. Was für eine Geschichte….!

  8. tonari sagt:

    *prust*
    Und da bin ich angesäuert, wenn mir ein Reiseveranstalter wenige Tage nach der fünften Null ein Prospekt ins Haus schickt, in dem weltweite Rundreisen mit ärztlicher Begleitung angeboten werden ;-)

  9. Also, so eine Reise in angenehmer Herrenbegleitung hätte mir schon Freude gemacht…

  10. guinness44 sagt:

    Ein sehr schöner Eintrag. Ich war im Sommer auf einer Kreuzfahrt und beim Essen sass neben mir ein älterer Mann und ich konnte ganz gut zuhören.. Er muss bereits über 80 gewesen sein, da er berichtete, dass er bereits im 2. Weltkrieg Offizier war. Er sass beim Essen mit einer Mitarbeiterin des Schiffes, da er alleine war. Er muss ein sehr guter Kunde der Reederei gewesen sein, da er seit über 30 Jahren mit ihnen gefahren ist. Jetzt war seine Frau gestorben und er musste alleine fahren. Zuhause hatte er eine Haushälterin, die sich um alles gekümmert hat, aber auf dem Schiff war er allein. Das war sehr beklemmend. Habe ihn dann leider nicht mehr gesehen. Hätte gerne direkt mit ihm gesprochen, da er viele interessante Geschichten zu erzählen hatte.

  11. Habe ich mir notiert. Eine Altenpflegerin und ‘ne Nutte für die Zukunft. So ab Sechzig … Ich, nicht nicht die beiden Damen. Die dürfen ruhig so um die Fünfundzwanzig sein. Wär ja schön, wenns so was in einer Person gäbe. Kostet dann nicht so viel. :-)

  12. Immer wieder schön, sowas zu lesen :)

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