Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Ich komme aus der U-Bahn und fahre mit der Rolltreppe hoch, ins Licht.

Neben der Rolltreppe führt eine Treppe nach unten. Eine Mutter geht hinunter. Auf einem Arm trägt sie ihr Kind, mit dem anderen hält sie eine Tüte Einkäufe. Sie strauchelt.

Es passiert innert Sekunden. Sie vertritt sich, rutscht auf der Stufe aus, verliert das Gleichgewicht, will sich  festhalten, sie lässt die Einkäufe los, greift zum Geländer, doch das Kind ist schwer, es reißt sie nach unten, sie schreit auf, nur das Kind nicht fallen lassen! Sie windet sich. Halb fällt es auf sie, halb auf die Stufen. Gemeinsam rutschen sie ein Stück die Treppe nach unten, ihren Einkäufen hinterher. Hupp, hupp, hupp. Es tut bestimmt weh im Steiß. Das Kind schreit wie am Spieß. Alle blicken sich um.

Oben, im Licht, setzt der Bodo-Mann zum Sprint an. Auf halbem Weg lässt er seine Obdachlosenzeitungen fallen. Es hat etwas Baywatch-artiges. Derweil geht ein Mann federnden Schrittes an der gestürzten, weinenden Frau vorbei. Zwei Teenager-Chicks ebenfalls, plappernd. Die Leute am Bahnsteig glotzen.

Ich kann nicht zu ihr hin. Ich fahre mit der Rolltreppe nach oben, bin eingeklemmt zwischen Feierabend-Pendlern.

Der Bodo-Mann erreicht die Mutter, die nicht aufstehen kann. Er nimmt das Kind auf, wiegt es. Das Schreien wird zum Schluchzen. Ein weiterer Mann geht an der Szene vorbei, hinunter zum Bahnsteig. Eine alte Frau sammelt die Einkäufe auf und reicht sie der Mutter, die sich nun aufrappelt. Es sei nichts passiert, bedeutet sie. Nur der Schreck.

Sie nimmt das Kind an sich. Der Bodo-Mann und die alte Frau stopfen die Einkäufe zurück in die Tasche und reichen sie ihr. Sie bedankt sich. Unten fährt die Bahn ein. Die Leute glotzen weiter, selbst beim Einsteigen, solange bis sie durch die Türen durch sind und nichts mehr sehen können.

Edit: Bitte folgen Sie in diesem Zusammenhang doch dem Aufruf von Paul.

Kommentare

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  1. Eben schrieb ich noch in einem tweet es sei traurig… aber wenn ich es mir recht überlege reicht das nicht mehr aus. Es hat schon etwas beschämendes an sich.

  2. Britta sagt:

    Bei deinem Beitrag schossen mir die Tränen in die Augen. Armes Deutschland in dem wir leben. Aber trotzdem schön zu wissen das es noch Menschen gibt die nicht einfach nur gaffen sondern auch bereit sind zu helfen.

    1. Nessy sagt:

      Die, die unten gaffen, sind ja das eine. Nachdem Hilfe da war, müssen nicht alle 20 Wartenden hinlaufen. Mir ist nur unerklärlich, wie man an einer Frau und einem Kind vorbeilaufen kann, die gerade gestürzt sind und Hilfe benötigen.

    2. Davidoff sagt:

      Ja und du mitten drin.

  3. Oldschool sagt:

    Widerlich und leider alltäglich…
    Schön, dass es trotzdem immer wieder den einen oder die andere gibt, der/die hilft.

    Aber was ist ein Bodomann?

    1. Frau Vorgarten sagt:

      danke.

  4. Zaubermann sagt:

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das immer so gewesen sein soll – dass man federnden Schrittes an einer gestürzten, weinen Mutter vorbeilaufen konnte.
    Genau genommen kann ich mich gut erinnern, dass das mal anders war.

    Doch erleben tue ich in meinem Alltag genau das Gleiche:

    Dass man Hilfe und Anteilnahme nur noch von Jenen erwarten darf, denen es selbst schon einmal schlecht ging (oder noch geht), nicht aber mehr von der jungen, etablierten Mittel- oder Oberschicht.

    Wie kam das? Seit wann ist das so häufig?

    1. Nessy sagt:

      Es ist nicht immer so. Ich fahre viel Bahn und bewege mich ständig in der Stadt. Es gibt viele hilfreiche Menschen, egal aus welcher Ecke – auch sehr viele junge Leute. Aber eben auch diese Erlebnisse, wobei ich die Leute, die aktiv ignorierend vorbeigehen als schlimmer empfinde als diejenigen, die gucken.

    2. Zaubermann sagt:

      Das ließe ja noch an das Gute glauben.

      Aber die, die ICH in solchen Situationen helfen und beistehen sehe, sind irgendwie immer nur die sozial Schwachen, die Penner, die Alten, die Versehrten.

      Die, die wissen wie es ist, hilflos zu sein.

  5. Uli sagt:

    Als im Januar Mutter gewordene: in dieser Hinsicht kotzt mich dieses deutsche Weggegucke echt an. Mit Riesenbauch und Tasche in der U-Bahn? Bleib halt stehen. Mit Neugeborenem im Tragetuch und zwei Einkaufstaschen? Ignoriert. Das Kind schreit? Vorwurfsvolle Blicke, Menschen setzen sich weg.

    Und dann bin ich die einzige, die, Kind vor der Brust, der Oma beim Rausheben des Hackenporsche aus dem Bus hilft.

    1. Nessy sagt:

      Dass Mütter mit Kinderwagen an der Treppe stehen und viele vorbeigehen, sehe ich tatsächlich oft – da übertreibe ich nicht. Nun ja, man muss sich bücken, der Kinderwagen kippelt und ist schwierig auszubalancieren, aber so ein Opfer ist es nun auch nicht, da mal zuzupacken.

  6. Das sind die Momente, in denen ich vor Wut um mich schlagen könnte. Egal, wie sehr ich normalerweise körperliche und seelische Gewalt ablehne. Aber dieses verdammte, untätige Glotzen, nur damit man abends am Abendbrot- oder Stammtisch etwas ganz Tolles zu erzählen hat … Ne!

    Aber wehe, wehe, wenn diejenigen, die nur geglotzt haben, selbst mal Hilfe benötigen und sie nicht bekommen … Dann ist das Geplärre groß.

    1. Nessy sagt:

      Bisweilen wird währenddessen schon diskutiert, was der Gestürzte alles falsch gemacht hat.

    2. Jou, das schlägt dem Fass dann endgültig die Krone aus!

  7. Himmelhoch sagt:

    Zum Glück las ich von Ihnen, dass es auch andere Augenblicke in Berlin gibt, denn sonst würde ich mich nur noch für diese Leute in meiner Stadt schämen. – Ich weiß nicht, ob ich in dieser Beziehung ein Glückskind bin, aber ich habe immer Helfende gesehen bei Leuten, die Hilfe brauchen. – Vor Müttern oder auch Vätern mit Kind auf dem Arm stehe sogar ich auf – und es gäbe Generationen nach mir, die das eher machen sollten. Aber vielleicht haben gerade die einen Verkäufer-Job oder einen anderen anstrengenden Tag hinter sich, wo sie immer stehen mussten und ihnen tun sehr die Füße weh. – Nur bei Schülern bin ich unerbittlich, weil ich weiß, dass die überwiegend doch sitzen dürfen im Unterricht, manchmal sogar schlafend. :-)

    1. Nessy sagt:

      Schüler stehen, so meine Erfahrung, sogar oft auf. Ohne Aufforderung, manchmal erst mit, denn sie sind grundsätzlich etwas verpeilt.

      Ja, die schönen Augenblicke gibt es auch. Die schreibe ich ja auch auf.

  8. Karmalotte sagt:

    mir ist das auch schon ähnlich passiert. s-bahn münchen. ich mit 3 kleinen kindern unterwegs, eines 5 jahre, eines 3 jahre und ein baby im wagen. ich steige aus der s-bahn aus. rolltreppe kaputt, fahrstuhl außer betrieb. ich den tränen nahe frage zich leute, anzugträger, starke, junge männer, ob sie mir beim wagentragen helfen. entweder werde ich ignoriert oder abgewimmelt. der einzige, der mir half, war ein obdachloser der mir von oben zur hilfe kam, selbst ganz wackelig auf den beinen. wir hievten zusammen den wagen nach oben. oder ich hochschwanger in der vollen u-bahn. die einzige, die mir einen platz frei machen wollte, war ein uraltes mütterchen. ringsherum saßen junge leute. ich fand das damals sehr, sehr traurig. ich erlebe es auch anders, ja, aber sowas passiert leider auch.

    1. Cer sagt:

      Wir regen uns immer so gern auf, dass es so viele ignorante Passanten gibt. Für gewöhnlich bemühe ich mich nicht dazu zu gehören. Dennoch passiert es mir schon mal, dass ich in der S-Bahn sitze, in mein Buch vertieft, und meine Umgebung nur reduziert wahrnehme. Nur durch ihre wütenden Blicke bemerke ich die sitzplatzsuchende schwangere Frau jedenfalls nicht. Aber um einen Sitzplatz bitten? Nee.. Warum ist das ein Problem? Von böse gucken bekomme ich auch nicht was ich möchte. Nicht immer steckt also böse Absicht hinter dem “Nichthelfen”.

      Oder, die andere Variante, auch oft genug erlebt, die Frau die Kinderwagen samt Einkaufskorb treppauf hinter sich her zieht und jede angebotene Hilfe (auch die von Anzuträgern und Schülern) nicht nur ablehnt sondern die willigen Helfer anschnauzt “Weg! Ich kann das allein!!”. Wundert mich also gar nicht dass einige Leute lieber erstmal zur Hilfe aufgefordert werden möchten.

    2. Nessy sagt:

      Die, die einfach vorbeigehen – das sind die Rätselhaftesten für mich.

      Klar, auch ich verpasse – meist lesend -, wenn mal jemand einsteigt, der einen Platz braucht. Wenn das Buch gut ist und die Fahrt länger dauert, schaue ich an den Haltestellen nicht immer auf.

      Dass jemand angebotene Hilfe ablehnt oder gar böse wird, habe ich noch nicht erlebt.

  9. Hans sagt:

    Soziale Kompetenz ist nicht käuflich.

  10. typ3typ sagt:

    Ist wohl aber kein rein deutsches Problem. Im vergangenen Sommer in der Altstadt von Palma (Malle) sind auch eine Menge Leute (viele Spanier) an einer schwangeren Mutter mit Kinderwagen vorbei gelatscht, anstelle den Kinderwagen mit anzuheben und die Treppen hochzutragen. Die Frau hat sich vor lauter bedanken fast überschlagen. Ich helfe gerne und reiche jedem die Hand. Außer bei Rollifahrern, da bin ich zu oft schon angefaucht worden. Dabei mache ich es nicht aus Mitleid, sondern aus Freundlichkeit. Man ist doch selbst froh, wenn jemand anpackt…

  11. Davidoff sagt:

    Immer dieses Gemenschel, “früher war alles besser”, bla bla bla.
    Die Leute, die sich hier beschweren, sind wahrscheinlich diejenigen, die noch mit Sensationsgeilheit auf die Frau gaffen würden.

  12. kvinna sagt:

    Ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass sich “das Gute” und “das Üble”, das sich in solchen Malheuren zeigt, im Universum die Waage halten und mein Eindruck immer nur der einer momentanen Wahr-Nehmung ist.

    Sonst müsste ich ja verzweifeln.

  13. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – das ist in diesem Lande hier wieder gar sehr in Mode…

  14. Nina sagt:

    Nicht nur in Deutschland ist es soweit gekommen. Auch hier in England. Da werden allerdings in solchen Situationen gerne noch die mobile phones gezückt und Bilder gemacht. Man kann manchmal gar nicht genug angekotzt sein, wirklich.

  15. Ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass die, von denen man es eigentlich nicht erwarten würde, genau diejenigen sind, die als erstes und ohne nachzudenken aufstehen und helfen.
    Ob ich das schade oder schön finde weiß ich noch nicht.

  16. ninespo sagt:

    Wie beschämend. Da muss ich mich nicht wundern, als junger Mensch doof angesehen zu werden, wenn ich NICHT vorbeilaufe. Ich hoffe es geht Mutter und Kind wieder gut. :(

  17. Ich helfe gerne, denn ich möchte im Notfall auch gerne Hilfe haben.
    Wer einmal die dankbaren Augen eines Mitmenschen gesehen hat, wird das immer wieder tun.

    Uh, hört sich jetzt sehr pathetisch an.
    Aber ich glaube einfach daran, dass nur das Vorbild auch Nachahmer erzeugt.

  18. Sodele sagt:

    Für die anderen Gaffer warst du auch nur ein Gaffer.

  19. In Berlin ist das normal, aber natürlich nicht weniger schlecht.

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