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Sein Kumpel Ioan

20. 01. 2016  •  7 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Sechs Sprachen spreche sein Kumpel, sagt er. Sechs! Er hält die gespreizte Hand und einen Daumen hoch und deutet mit einem Kopfnicken auf den alten Mann, der neben ihm auf dem Gehsteig steht.

Bulgarisch und Serbisch und Rumänisch. Und Türkisch. Und Russisch. Und Deutsch natürlich. Obwohl, naja, Deutsch, damit sei es so eine Sache. Aber verstehen könne er alles, sagt er und rammt dem Alten, der Ioan heißt, den Ellenbogen in die Seite.

Ioan brummt, stopft sich Blätterteiggebäck in den Mund und leckt sich dann die Finger ab. Er ist auf einer Art und Weise alt, bei der man das Alter nicht schätzen kann; Almöhi-alt – wie jemand, der niemals jung war. Sein Gesicht ist wettergegerbt und sein Haar grau, aber nicht erst seit gestern grau; es ist ein erfahrenes, struppiges Grau. Ich sehe ihn hier im Viertel öfters. Meistens, wenn er auf seinem zu kleinen Fahrrad fährt. Dann tritt er sich mit den Knien in den Bauch, sein Oberkörper hängt gebeut über dem Lenker, so wie ein Rennfahrer, wenn er den Berg hinunter brettert – nur dass Ioan gerade so schnell fährt, dass er nicht umfällt.

Warum sprichst du so viele Sprachen?, frage ich und sehe Ioan an.

„Ich gewachsen“, sagt er, schiebt sich Blätterteig in den Mund und schmatzt vernehmlich. „Bei Grenze. Bulgaria und Serbia und Romania.“ Er malt einen Kreis in die Luft und sticht mit dem Finger hinein. „Aber Vater“, er deutet auf sich, „Vater türkisch. Mama Bulgaria. Freunde Bulgaria und Serbia und Romania. Ich – alles.“ Er wischt sich die Hand an der Hose ab. „Und dann, Russia. Ich -„, er marschiert mit Zeige- und Mittelfinger durch die Luft, „Sibiria. Häuser bauen für Arbeiter. Gas. Nowij Urengoj. 16 Jahre.“

Und nach Deutschland, sagt sein Freund, bist du wegen der Liebe gekommen, oder? Er stupst Ioan wieder in die Seite. Wegen der Liebe bist du doch hergekommen.

Ioan errötet und lächelt verlegen, seine hundert Falten knittern. „Liebe, Frankfurt, ja. Dann, Dortmund. Zehn Jahr, hier.“

Und die Liebe?, frage ich. Ist die jetzt auch in Dortmund?

Ioan schüttelt den Kopf. „Große Liebe, hier“, er klopft sich mit der Faust auf seine Brust. „Da ist Liebe. Für Frauen. Alle Frauen.“ Er lacht.

Ich lache auch. Ioan zwinkert mir zu, und sie machen sich wieder an die Arbeit.

Kommentare

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  1. Merle sagt:

    Liebe Frau Nessy,
    genau DAS sind die wundervollen kleinen Geschichten, die mich täglich vorbeikommen lassen. Danke!
    Merle

    1. Nessy sagt:

      Gern.
      Freue mich.

  2. kunstecht sagt:

    Es sind die Vetbindungen zwischen den Menschen die dem Leben seinen Wert geben! – und es sind genau diese Kleinen Geschichten die dazu beitragen. ich finde es auch immer wieder spannend einfach so mal mit Menschen ins Gespräch zu kommen mit denrn man zufällig im bistro sn eingm Tisch sitzt oder inner Schlsnge steht. danke für diese kurze story :)

    1. Nessy sagt:

      Öffentliche Verkehrsmittel sind dazu sehr gut geeignet.

  3. Frau Vorgarten sagt:

    Frau Nessy,
    sind Sie in Polen und gucken Handball?

    1. Nessy sagt:

      In Deutschland!
      Wäre jetzt aber gerne dort.

    2. Frau Vorgarten sagt:

      ich gratuliere herzlich!
      Sie sind Europameister!

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