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Philip Gould: When I die

4. 05. 2012  •  23 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lektüre«

Buchtipp.

Philip Gould: When I Die

Im Jahr 2007 erfährt Philip Gould, dass er an Speiseröhrenkrebs erkrankt ist. Er unterzieht sich einer Chemotherapie, einer schweren Operation, weiterer Chemotherapie und Bestrahlungen. Aber der Krebs kommt zurück. Er wird erneut operiert, er erhält erneute Therapien. Im Herbst 2011 ist klar: Er wird sterben. Bald. In seinen letzten Monaten schreibt er ein Buch. Es heißt When I die. Lessons from the Death Zone.

Als ich schrieb, dass sie Krebs hat, bekam ich eine E-Mail aus London. Die Verfasserin sagte mir, sie habe in der Times einen langen Artikel über Philip Gould gelesen. Zeitgleich seien posthuman seine „last thoughts“ herausgekommen. Das Buch sei sehr inspirierend. Sie empfahl es mir nicht nur, sondern bestellte es auch für mich, weil es in Deutschland noch nicht erhältlich ist – und sie bestellte es nicht nur, sie schickte es mir auch und schenkte es mir, umwickelt mit einer roten Schleife und begleitet von einer lieben Karte. Das ist absolut großartig und hat mich sehr bewegt. Danke noch einmal dafür.

Ich habe das Buch gelesen. Es ist aufwühlend. Philip Gould beschreibt darin, wie er sich dem Tod stellt, wie er hofft, wie er Angst hat, wie er Freude empfindet, wie er Frieden mit dem eigenen Verschwinden findet und wie ihn ab diesem Zeitpunkt seine Furcht verlässt.

„I want to say something else as well, because this is not a seminar. In six weeks or less, I will be dead. Before then, I will face huge fear. This is the real, unavoidable experience that is coming unstoppably my way. The moment you accept the imminence of death, fear disappears – up to a point.“ (p.126)

Er drückt dabei nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, er beschreibt nüchtern und sachlich. Aber er verschweigt nicht das Leid und die Erniedrigungen, die der Krebs mit sich bringt: die Magensonde, das Gepflegtwerden, die Gewissheit, seiner Familie durch seine Krankheit Schmerzen zuzufügen. Doch das Positive überwiegt: Er erhält das Geschenk, seinen eigenen Tod vorzubereiten, sich zu verabschieden, Nähe zu genießen und abzuschließen mit dem, was ihm am Herzen liegt.

„I am enjoying my death. There is no question I am having the most fulfilling time of my life. I am having in many ways the most enjoyable time of my life. I am having these moments of ecstasy. I am having the closest relationship with all of my family. This is the most intense time of my life.“ (p.128)

Am meisten beeindruckt hat mich, wie er seine Beerdigung plant – gemeinsam mit Victor, the gravedigger, „a six-foot-six giant with a shovel over one shoulder“ (p.138). Er geht auf den Highgate-Friedhof und sucht sich ein Grab aus, denn es gibt ihm eine innere Ruhe, den Ort zu sehen, ihn zu betreten und im Wortsinne zu erleben, an dem er seine Ewigkeit verbringen und an dem er in Zukunft seine Frau, seine zwei Töchter und seine Freunde treffen wird.

Philip Gould erzählt seine Geschichte bis zum 3. November – bis drei Tage, bevor er stirbt. Danach übernimmt seine Tochter Georgia – einschließlich des Moments, an dem ihr Vater sie verlässt.

„I am holding on to his left had, Grace his right. Mum has her arms around his neck, leaning on his chest. The Gregorian chant fills the room and as it reaches its last note, Dad gives a shudder and lets go.“ (p.178)

Philip Gould stirbt am 6. November 2011 um 21.30 Uhr. Seine letzten Worte sind:

„I am going to crash out now, I’m done.“ (p.173)

Der Regisseur und Fotograf Adrian Stein begleitete Philip Gould in seinen letzten beiden Lebenswochen, sprach mit ihm und portraitierte ihn auf seinem eigenen Grab:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=S2eUw0CUuMc&w=480&h=274]

Enjoy.

Kommentare

23 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Liebe Nessy,
    es gibt das Buch „Es wird mir fehlen, das Leben“ von Ruth Picardie.
    Ein beeindruckendes Buch von einer jungen Frau, die Journalistin war und kurz nach der Geburt ihrer Zwillinge erfährt, dass sie an Krebs erkrankt ist.
    Ich habe beim Lesen gelacht, geweint, geschmunzelt, war erstaunt, berührt, verärgert, einfach beeindruckt von dieser Frau, von ihrem Witz und ihrer Tapferkeit.
    Ihr Mann und ihre Schwester haben ihre Zeitungskolumnen über ihre Krankheit und ihre Briefe nach ihrem Tot veröffentlicht.
    Ich wünsche Dir Kraft.

    1. Nessy sagt:

      Kennen Sie „Mitten ins Gesicht“ von Kluun? In dem Buch beschreibt der Mann, zugegeben ein ziemlicher Egozentriker, wie seine Frau an Krebs erkrankt und schließlich daran stirbt.

  2. Mascha sagt:

    Eine tolle Freundin hast Du da. Schön zu hören, daß Dir anscheind das Buch hilft.

  3. jpr sagt:

    Ein spannender Tip. Vielleicht nicht nur fuer ein Buch, sondern auch fuers Leben. Aber so bewusst gehen zu koennen – vermutlich muss man das auch koennen, wenn man es weiss. Aber wenn das funktioniert – wieviel besser kann es schon werden?

    //PS. Wunderbares Buchphoto

    1. Frau Vorgarten sagt:

      wie – wie viel besser kann es schon werden?
      Man kann ja wenigstens vorm Tod noch erfüllte Stunden haben und mit Würde gehen und keinen Scherbenhaufen und lauter ungelöste Probleme hinterlassen.
      Sowas find ich wichtig. Erst recht, wenn man sich auf den Abgang vorbereiten kann.

      Und wie es hinterm Tod ist – noch ist keiner zurück gekehrt und hat berichtet. Man kann also nicht wissen, was da auf einen wartet.
      Vielleicht gibts doch einen Himmel?
      Ich glaub schon.

    2. jpr sagt:

      Was ich sagen wollte liegt glaube ich von dem, was Sie sagen nicht so weit weg. Wichtig finde ich, dass man vorher eben auch noch entspannte Stunden/Tage/Wochen/Monate haben kann.
      Ich denke aber auch, dass das nicht immer der Fall ist, sondern Leute halt Angst, Unsicherheit oder sonstwas bis zum Ende haben.
      Drum: wenn man es hinbekommt da seinen Frieden zu finden – prima.

    3. … noch ist keiner zurück gekehrt und hat berichtet.

      Über diese Aussage kann man geteilter Meinung sein. Zumindest gibt es etliche Menschen die bereits einmal klinisch tot waren und auch einige, die über ihre Nahtoderfahrungen berichtet haben.

      Ich lese derzeit Wir sterben nie von Bernanrd Jakoby. Ein für mich, als Hinterbliebene (blödes Wort eigentlich), nicht nur informatives, sondern auch irgendwie tröstliches Buch.

    4. Nessy sagt:

      Ich glaube nicht daran, dass nach dem Tod irgendwas kommt. Man ist dann halt tot, und alles, was man war, auch. Allein die Erinnerung an einen lebt in anderen Menschen weiter.

  4. KatRu sagt:

    Ich bewundere die, die so bewusst mit dem Tod umgehen können. Die bewusst Abschied nehmen können, in Frieden gehen (und gehen lassen) können.
    Letztes Jahr verlor ich beide Eltern (mein Papa hatte auch Krebs) und ich habe es bis heute nicht verkraftet, das Video hat mich in Tränen zerfließen lassen. Wir konnten damit einfach nicht umgehen.

    Alles Gute für Dich und ich wünsche aus ganzem Herzen dass Du einen Weg findest, der Dir durch diese schwere Zeit hilft.

    1. Nessy sagt:

      Mein Mitgefühl für den Tod Ihrer Eltern.

      Im Moment empfinde ich die Zeit gar nicht als so sehr schwer. Es ist nur manchmal anstrengend. Aber schwer nicht.

  5. kinderdok sagt:

    enjoy? okaaay…
    du empfiehlst hier so viele bücher (oder auch mal nicht), aber dies hier werde ich sicher lesen. (wäre doch was für meinen neuen kindle ;-)))

    1. Nessy sagt:

      Das Buch wäre absolut geeignet für Ihren neuen Kindle.

    2. kinderdok sagt:

      … ist inzwischen auf demselben und –
      ein sehr gutes Buch, sehr anrührend, aber auch mit viel Wortwitz geschrieben. Auch wenn man so wenig über die britischen Politiker weiß, merkt man Gould an, welche Rolle er in der Politik in GB gespielt haben muß.
      Für mich als Arzt auch spannend: seine Gedanken über NHS und Privatkrankenhäuser –

    3. Nessy sagt:

      Das kann ich mir gut vorstellen. Für mich war das nur mäßig interessant, weil ich mich im britischen Gesundheitswesen zu wenig auskenne, um mir eine Meinung zu bilden.

  6. Lobo sagt:

    Im ersten Moment dachte mein Buchhändlerkopf : „Halt! Das gibt es doch in deutsch!“ Falsch ! Ich habe es mit diesem :“Pausch : Last Lecture“, auch sehr lesenswerten Buch verwechselt, was mir nach ein paar Zeilen auch aufgefallen ist.
    Frau Picardie hat auch ein sehr gutes Buch zu diesem Thema geschrieben, ist ja schon erwähnt worden.
    Außerdem sei hier noch das Buch von Herrn Schlingensief (So schön wie hier kanns im Himmel garnicht sein) erwähnt.

    —-

    So, Buchhändlermodus aus ! Privatmodus an !

    Mir fällt es immer sehr schwer solche Sachen zu lesen / sehen.
    Kloß im Hals, schweres Schlucken, Tränen …
    Ich habe allergrößte Achtung für Menschen, die so gut damit umgehen können, freue mich allerdings auch, noch nie in einer solchen Situation gewesen zu sein.
    Vielleicht wird man da anders, erstarkt, weil man stark sein muß, mir fällt es ja schon schwer was zu sagen, wenn Kunden mir ihre, zum Teil wirklich erschütternden, Lebensgeschichten erzählen. Das kommt übrigens sehr oft vor, zerreisst mich jedesmal, weil ich nicht weiß, ob berufliche Distanz oder persönliche Nähe gefragt ist.

    Vom Typ her, bin ich eher der -in den Arm nehmen und drücken- Mensch, kann das aber wohl schlecht im Laden machen, oder doch ?
    Will man sich von nem „wildfremden“ in den Arm nehmen lassen ?
    Ist das reine erzählen schon quasi eine „Erlaubnis“ persönlich zu werden, ist man gar schon auf diesem Level ?

    Es ist ja generell ein Problem, wie man mit trauernden oder traurigen Menschen umgeht, ich selbst merke oft das ich auf Distanz gehe, automatisch ich muß meinen Verstand einschalten, um das nicht zu tun.
    Ist das Selbstschutz ?

    Auf der anderen Seite, helfe ich unglaublich gerne, tröste, nehme in den Arm, fühle und weine mit. Allerdings nimmt mich das auch sehr mit, körperlich und seelisch nehme ich auch an den Gefühlen teil.
    Ist das nicht ein merkwürdiger Widerspruch ?

    1. Nessy sagt:

      Nein, warum? Das ist es doch gerade nicht. Anteil nehmen, bedeutet ja, teilzunehmen. Ob man nun Leute in den Arm soll oder nicht: Das kommt auf die Situation an. Ich habe auch schonmal wildfremde Leute am Bahnsteig in den Arm genommen, weil sie dasaßen und heulten, ich sie ansprach, sie mir erzählten und dann so hilflos dastanden. Manchmal passt es halt.

      Wie man mit trauernden Menschen umgeht? Ich denke, man muss nicht das gleiche empfinden und mittrauern. Oft hilft es ja, einfach nur zuzuhören. Ich habe oftmals nichts gesagt, und hinterher meinten die Leute: „Es tat so gut, bei dir zu sein.“ Dabei habe ich gar nichts gemacht. Ich finde, das Wichtigste ist es, nicht künstlich, sondern ehrlich zu sein. Was spricht dagegen zu sagen. „Du, ich weiß grad gar nicht, wie ich mich verhalten soll?“

  7. Frau Vorgarten sagt:

    offtopic
    ————————————————————-
    Hallo Frau Nessy,
    ich hab eine Email bekommen von einer Person, die Nessy zu sein behauptet. Da ich nicht weiß, wie die kompetente Pächterin dieses wunderbaren Kaffeehauses aussieht und in der Mail auch kein Identitätsmerkmal außer den bekannten Namen steht, nun die Frage:
    Is dat von Sie?

    1. Nessy sagt:

      Nee, is‘ nich von mich.

  8. ingo sagt:

    in gewisser weise ist herr gould zu beneiden: zu wissen dass es bald vorbei sein wird UND in der lage zu sein noch etwas mit der verbliebenen zeit anzufangen, das ist wohl die beste kombination.
    mein vater hatte einen hirntumor, verabschiedet hatte er sich von uns schon lange vor seinem eigentliche tod – und dann ein paar tage später nochmal, weil er nicht mehr wusste dass er sich schon verabschiedet hatte. am ende war dann keine möglichkeit mehr da sich zu artikulieren, ich glaube wenn er gewusst hätte wie die letzten wochen werden wäre er aus dem fenster gesprungen als er das noch konnte.
    aber um auch etwas aufmunterndes zu sagen: als es dann vorbei war habe ich so wenig trauer gefühlt wie bei keinem anderen menschen dessen beerdigung ich besucht habe, denn abgesehen von der völligen erschöpfung nach der langen zeit der pflege zu hause war in diesem falle alles gesagt, reichlich tränen geweint und mit dem schicksal gehadert – kein vergleich zu dem abgrund in den man angesichts eines plötzlichen unfalltodes o. ä. stürzt.

    p.s. sterben ist scheiße. immer.

    1. Nessy sagt:

      Bei den Sterbenden, die ich begleitet habe, war ich schon traurig und habe auch getrauert. Aber es war okay so, wie es war, und das hat vieles einfacher gemacht. Ich habe keine Wut oder Ungerechtigkeit empfunden.

  9. Aava sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    ich danke Ihnen sehr für diesen Buchtipp. Ich werde ähnliches wie sie die nächsten Monate mitmachen und versuchen, für den totkranken Mann meiner besten Freundin, für sie und das drei Wochen alte Baby dazu sein. So normal und so mitfühlend wie möglich und mit soviel Abstand wie nötig, um nicht selbst irre zu werden. Danke, dass sie zur richtigen Zeit vormachen, wie das geht. Von Herzen!

    Es grüßt in Dankbarkeit,

    Aava

    1. Nessy sagt:

      Ich wünsche Ihnen viel Ruhe, Kraft und Einfühlungsvermögen dafür.

  10. Eine wirklich schöne Geste.
    Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und alles Gute.

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