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Krieger, grüß mir die Sonne!

27. 08. 2015  •  30 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Turnen«

Seit vier Monaten mache ich jetzt Yoga; der Einstieg war, nun ja, unerwartet.

Unsere Yogagruppe ist eine Gruppe ehemaliger Arbeitskollegen, hinzu kommen ein paar Freunde von Freunden, über Umwege Hinzugekommene. Wir sind allesamt maximal unesoterisch, eigentlich gibt es uns nur, weil die Redakteurin eine Ausbildung zur Yogalehrerin macht und sie Übungsobjekte braucht, weshalb der Vertrieb, die Gestaltung, die Programmierung und ich nun solidarisch Sonnengrüße produzieren.

In unserem Kurs geht es jedesmal sehr lustig zu, wir nehmen uns nicht sehr ernst. Das ist auch besser so, denn wir sind – ohne meinen Mitturnern zu nahe zu treten – fürchterlich schlecht. Denn auch wenn es im Yoga nicht darum geht, sich mit anderen zu messen und zu zeigen, wie gut man ist: Ich möchte die Unternehmung  nicht beschönigen. Das macht uns wiederum zu idealen Übungsobjekten.

In dieser Stunde geht es um die Hüftöffnung. Wir öffnen in jeder Stunde unsere Hüfte und unser Herz, für mein Empfinden sogar sehr ausführlich, aber es geht wohl noch mehr. Wir beginnen heute, indem wir uns auf einen Klotz setzen, die Beine anwinkeln, spreizen und unsere Ellbogen dazwischen klemmen.

„Genießt die Dehnung in euren Oberschenkeln“, sagt die Yogalehrerin.
Ich genieße zunächst meinen Hintern, in den sich der Klotz hart einarbeitet. Er ist erstaunlich klein, um darauf zu sitzen; geradezu obszön winzig, wenn man das Gleichgewicht halten möchte.
„Streckt den Rücken.“
Jaa … eeeh …. wenn ich den Rücken strecke, muss ich die Beine auch …
„Zieht die Beine noch etwas zu euch heran.“

Das ist so ein Grundgefühl beim Yoga: In die andere Richtung würd’s mehr Sinn machen.

Wir hängen bald im Hund, das geschieht unweigerlich, der erste ist immer der schlimmste. Die Lehrerin geht herum und korrigiert, und während sie korrigiert, hängen wir und stemmen uns, die Zeit verrinnt, Universen werden geboren und verglühen wieder.
„Entspannt euch.“
Sie sagt das immer genau zu dem Zeitpunkt, an dem ich zu zittern beginne. Wir haben da ein super Timing.
„Spürt eure Mitte.“
Ich spüre vor allem den Schmerz in den Schultern.
„Wir werden heute oft in den Hund zurückkommen.“
Ach je.
„Genießt dann die Ruhe und die Entspannung.“
Der Gärtnerfreund neben mir brummstöhnt. Wir lachen.

Nach vier Stunden vierzig (und das, obwohl der Kurs nur eine Stunde dauert!) dürfen wir ein Liegestützbrett werden, der Bauch ist stark, ganz stark, wir halten noch ein wenig – und dürfen danach in die Kobra gleiten. Bei der Kobra darf man auf dem Bauch liegen. Der Vertrieb und ich, wir sind, je weiter die Stunde fortschreitet, ein immer dynamischeres Brett und eine immer ausführlichere Kobra.

Wir grüßen ein paarmal die Sonne, werden Hund und Brett und Kobra und danach ein Krieger. Beim Krieger hoffe ich immer, wir alle hoffen es, dass die Lehrerin nicht zu uns kommt und unsere Hüfte richtet, unsere Beine auseinanderdrückt und uns tiefer stupst, denn spätestens dann beginnen die Schenkel bestialisch zu brennen, dann kann man auch nicht mehr mogeln (obwohl wir natürlich nie-niemals mogeln, denn wir tun das ja alles nur für uns und nicht für jemand anderen).

//*pädagogischer Gesichtsausdruck

Vom Krieger aus puzzeln wir uns über Umwege in eine Taube. Sitzend, das vordere Bein gebeugt vor dem Körper, das hintere gestreckt, richten wir uns erst auf und beugen uns dann nach vorne. In meinen Garten kommt auch immer eine Taube, sie heißt Gundula und ist ein bisschen dicklich; am liebsten hockt sie unterm Baum, nachdem sie vorher Sonnenblumenkerne verdrückt hat. Ich dehne also meinen Po und strecke und recke mich. Die Lehrerin geht zum Programmierer und drückt und richtet ihn. Er wendet den Kopf und schaut mich flehend an, seine Augen treten leicht aus den Höhlen – „Rette mich!“, rufen sie. Aber hey: Jeder ist mal dran.

Wir beenden diese Kursstunde in einem … Dings. Schauen Sie sich das Foto an, das ist wirklich ein Zufall: Exakt so sieht es bei mir auch aus, sehe ich aus – geschmeidig und doch kraftvoll mit einer starken Mitte.

//*Pokerface

Yoga soll glücklich machen, Lebensgeister wecken, den Blick und die Perspektive verändern. Der Tekkie bringt es nach dem Kurs auf den Punkt: „Seit ich Yoga mache, kann ich die Stunden, in denen ich nicht Yoga machen muss, viel mehr genießen.“

Wir machen alles richtig.

Kommentare

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  1. Franzi sagt:

    Danke, danke, danke. So wunderschön geschrieben, ich liege lachend auf dem Sofa und fühle mit Ihnen. Ein Vorteil des sehr ländlichen Wohnens am Rande des Sauerlands ist es anscheinend , dass das Sportangebot des örtlichen TSV bodenständig ist. Das fand ich bis jetzt häufig schade, aber es ist doch alles eine Frage der Perspektive. Mehr vom Joga, biiiitttteee.

    1. Nessy sagt:

      Oh, unsere Yogagruppe ist wirklich extrem bodenständig. Ich möchte fast behaupten: Die bodenständigste Yogagruppe westlich von Indien.

  2. Der Mitbewohner sagt:

    Ich als alter Yogaexperte kann Ihnen etwas zu diesem „Dings“ am Ende Ihrer Kursstunde sagen:

    Diese Asana heißt „Gomokahsanna“.
    „Go“ = Kuh
    „mukah“ = Gesicht

    Und jetzt lesen Sie Ihre Geschichte nocheinmal …. ;-)

    1. Nessy sagt:

      Passend dazu hatte ich übrigens mein Beachhandball-Motto-Shirt an: „Who let the dogs out“.

  3. Nihilistin sagt:

    Allein schon die Überschrift ist H.I.N.R..E.I.S.S.E.N.D. Darauf ein doppeltes Brett.

    1. Nessy sagt:

      Doppel lang oder doppelt breit? Mindestens eins davon kann ich bieten.

  4. Nihilistin sagt:

    Nachtrag: Kennen Sie dieses entzückende Buch? Ich hatte die Freude es geschenkt zu bekommen.
    http://www.klausputh.de/galerie/yoga-für-kühe/

    1. Nessy sagt:

      Kenne ich. Hängt bei meinem Eisdealer.

  5. creezy sagt:

    Ah, ich lese es geht voran! ;-)

    1. Nessy sagt:

      Im Sauseschritt! Pünktlich mit Eintritt des Rentenalters werde ich im Hund Entspannung empfinden.

  6. Annika sagt:

    Nachdem ich zunächst Tränen gelacht habe, habe ich gleich meine Hüfte geöffnet, ohne Klotz, sah so einfach aus. War es auch, echt. Ich bin nur nicht mehr hoch gekommen.. Hab jetzt einen Knieschaden.

    1. Nessy sagt:

      So hat jeder seine Schwächen. Ein bisschen wie bei uns in der Gruppe.

  7. Das liest sich ganz furchtbar grausam, Frau Nessy. Nach der Lektüre Ihres Posts bin ich eigentlich ganz froh darüber, zu alt zu sein, um noch Yoga praktizieren zu können…

    1. flyhigher sagt:

      Für Yoga ist man nie zu alt. Ich hab da die bessere Ausrede: Ich kann nicht mehr knien und ich bekomme meine Knie nicht mehr ganz gebeugt (künstliche Gelenke). Daher sind öffentliche Sportgruppen für mich zum NoGo geworden! Gott sei Dank! *AngstschweißvonderStirnewisch*

  8. Anja sagt:

    Ha, ich bin gerade sehr sehr froh, die eindringliche Einladung einer Freundin zum Bikram-Yoga freundlich, aber bestimmt abgelehnt zu haben. Das ganze kriegerische Sonnengeruesse mit Hund bei 40 Grad Celsius (gefuehlt wahrscheinlich, als ob man kurz vorm Sieden im eigenen Saft ist) – nein Danke! Obwohl, die Dame auf dem Foto sieht himmlisch durchtrainiert aus…

    1. Nessy sagt:

      Bei 40 Grad kann ich mir das nun wahrlich nicht vorstellen. Mir ist bei den jetzigen Temperaturen schon warm genug. Obwohl ich mich praktisch nicht vom Fleck bewege, schwitze ich sehr ordentlich dabei. Erstaunlich.

  9. Julia sagt:

    Meine Yoga-Lehrerin sagt immer „Ihr könnt ruhig umfallen, aber lacht einfach dabei.“
    Hier mußte ich lachen ohne umzufallen. Zur Abwechslung auch mal gut.

    1. Nessy sagt:

      Seh’nse mal: Unsere Gruppe braucht noch nicht mal eine Aufforderung zum Umfallen. Wir fallen schon, bevor wir darum gebeten werden. :)

  10. lihabiboun sagt:

    Ha ha ha, ja ja. Die Yogis sitzenimmer nur rum und schauen heilig …. VON WEGEN!!!
    Man kann sich aber nur ent-spannen, wenn man sich vorher an-gespannt hat. Lassen Sie sich nicht entmutigen, Sie werden feststellen, daß Sie sehr rasch Fortschritte machen. Ich als altgediente Yogini klopfe Ihnen jetzt mal ermutigend auf die Schulter … ;o)

    1. Nessy sagt:

      Nur zur Orientierung: Wie schnell ist „sehr rasch“? Es scheint eine Zeitspanne deutlicher größer als vier Monate zu sein.

  11. Dagmar sagt:

    Dranbleiben. Irgendwann empfindet man die Position des nach unten schauenden Hundes tatsächlich als wohltuend, mit dieser leicht ziehenden Dehnung der Waden, des Rückens, der Schultern… Irgendwann. Ehrlich.

    1. Nessy sagt:

      Die Yogalehrerin sagt dasselbe. Ich denke, das Wohlgefühl wird sich in etwa zehn Jahren einstellen.

  12. Croco sagt:

    Hiiihiiiiihiii…..toll geschrieben.
    Hab ja immer den Verdacht, dass die ganz schlimmen Verrenkungen gar nicht aus Indien kommen, sondern von Sadisten vor Ort entwickelt wurden.

    1. Nessy sagt:

      Kann mir auch nicht vorstellen, dass sie das in Indien tun.

  13. Tanja sagt:

    hehe… ich überlege gerade, ob ich meinem Schwager (Yogaschulbesitzer) den Link schicke oder nicht… soll ich oder nicht… :)

    1. Nessy sagt:

      Er wird es alles leugnen.

  14. Liebe Frau Nessy,
    also, so irgendwie verstehe ich die Probleme beim Yoga nicht, mein kleiner Sohn macht das alles mit links… bevorzugt im Supermarkt/Baumarkt/Gartencenter/Sandkasten/wo auch immer es wunderbar dreckig ist. Und alle Umstehenden können sich dann perfekt entspannen, wenn sie das Schauspiel „Kind in unmöglichen Verrenkungen, das von Mama überzeugt werden soll, um endlich mal mitzukommen“ ansehen. Ich muss noch an meiner Tiefenentspannung arbeiten – doch mal Sonnengruss probieren?
    Gut, jetzt mal im (Halb-)Ernst, vor Jahren war ich in einem tollen Yogakurs, 8 Männer, die Yogalehrerin und ich. Eine super Truppe und was haben wir gelacht, vor allem als bei den entspannendsten Haltungen dann auf einmal so gewisse Geräusche zu hören waren…
    Viel Spass beim Üben!

    1. Nessy sagt:

      Es empfiehlt sich, keine Bohnen vorher zu essen. Das stimmt wohl.

  15. Jasmin sagt:

    Meine mit Büroinsassin ist Yogalehrerin, gut das sie Kurse an der VHS gibt u. somit mich noch nicht dazu gezwungen hat…wenn man das so liest ist es ja unglaublich spaßig *hust*

    1. Nessy sagt:

      Man muss halt über sich selbst lachen können. Dann ist es spaßig.

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