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Renovazia auf Ostwestfälisch

12. 10. 2014  •  17 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Zeitvertreib«

Wir sind da, um zu renovieren: Wände streichen, Türzargen ausbessern, ein bisschen Moltofill hier und da.

Wir, das sind meine Freundin und ich. Außerdem ihr Vater, Geflügel-Landwirt aus Ostwestfalen, und Mateusz, sein Knecht. Die beiden sind mit einem Transporter von irgendwo in der Nähe von Höxter gekommen. Den genauen Ort kennt kein Mensch. Auf der Heckklappe des Wagens klebt ein Hähnchen, das „Puten Tag!“ sagt. Ich gehe hoch in die Wohnung.

Die beiden sind schon oben. Mit in die Hüfte gestemmten Händen stehen sie im Flur und bequatschen schweigend, was als erstes ansteht, indem sie abwechselnd sich und die Wohnung anschauen. Ich mache mich an die Türzarge zum Schlafzimmer. Sechs Stück wollen heute geschmirgelt und gestrichen werden. Vatta und Mateusz beginnen wortlos, Küchenschränke abzubauen.

Die beiden machen keine Gefangenen. Es rumst und bumst, und dann beginnt es bestialisch zu stinken. Die Freundin schimpft. Sie ist etwas dünnhäutig. Alles muss heute fertig werden. Morgen ist Wohnungsübergabe. Vatta und Mateusz nehmen sich davon nichts an. Zucken nur mit den Schultern. Die Freundin wird ösig. Vorsicht, verdammt nochmal! Es stinke wie in einem Affenkäfig, ruft sie. Ob das sein müsse. Und Achtung, der Bodenbelag! Der bleibt drin, der muss morgen noch abgenommen werden. Wie ein HB-Männchen hüpft sie durch die Wohnung. Vatta reagiert ganz ostwestfälisch, nämlich gar nicht. Verlangt lediglich einen Eimer. Mateusz hält es ähnlich. Er ist polnischer Ostwestfale. Oder ostwestfälischer Pole. Er stellt nicht nur die Ohren auf Durchzug, er beginnt auch noch, Volksweisen zu summen, und wiegelt damit jegliche Ermahnung ab.

Ich bin mit der ersten Tür fertig. Vatta und Mateusz tragen die Küche ins Auto. Dann müssen die Wände geweißelt werden. Nicht so kleckern!, ruft die Freundin. Mateusz schnaubt leise. Die Freundin holt einen Lappen und beginnt, über den Boden zu feudeln. Mateusz fragt, was denn nun Sache sei, Akkord oder nicht Akkord? Wir müssen doch heute noch fertig werden, oder? Akkord-Renovazia mache Spritzer. Normale Renovazia – keine Spritzer. Vatta brummt zustimmend.

Man einigt sich auf Akkord und Hinterherwischen. Die Freundin verteilt Knoppers und Wasser. Ob sie Radio anmachen solle? Ich sage: „Ihr Drei seid mir Unterhaltung genug.“ Vatta und Mateusz halten sich die Bäuche vor Lachen. Die Freundin sagt, eigentlich müsse die Renovierung von einem Fachunternehmen gemacht werden. „Ich bin Fachunternehmen“, sagt Mateusz. Vatta deutet mit dem Finger auf sich und nickt. Beide grinsen. Dann geht’s weiter. Bis zum späten Nachmittag haben wir alles erledigt: Die Zargen sind weiß, die Wände auch, der Boden ist sauber und alles ist hübsch. Eigentlich viel zu hübsch, um nun woanders zu wohnen, aber was will man machen.

Vatta und Mateusz steigen ins Putenauto und fahren davon. Die Freundin und ich essen noch ein Knoppers. Dann räumen wir zusammen.

Die Wohnungsübergabe am nächsten Tag läuft gut. Wie sorgfältig alles erledigt worden sei, toll. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Vatta und Mateusz knapp nicken. Natürlich. Wie denn auch sonst.

Kommentare

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  1. jpr sagt:

    Das dynamische Duo ist also nach Ostwestfalen ausgwandert.
    Ich sehe es direkt vor meinem inneren Auge: knapp vor Hoexter nehmen die beiden im Putenmobil eine unbeschriftete Abfahrt, kommen auf einen kleinen, ansonsten nicht befahrenen, Waldweg und aktivieren mit einem beherzten Druck auf die Heckpute den geheimen Mechanismus, der die Rampe in Ihre unterirdische Basis oeffnet, um dort – schweigend – auf den naechsten Einsatz gegen Zeitdruck, Ermahnungen und alle anfallende Arbeit abzuwarten.

    //Gut, zugegeben, mein inneres Bild ist eher Wallace&Gromit als Batman&Robin, aber ich weiss auch, ich tue den beiden Unrecht. Vielen Dank fuer den Text, die vielen feinen Beobachtungen und die daraus folgenden Lacher

    1. Frau Nessy sagt:

      Hrhr. Sehr schönes Bild. So muss es sein. Bin mir sicher.

    2. Marco sagt:

      Ich hatte ja eher solche Bilder im Kopf (OK, auch deutlich näher an Wallace und Grommit als an Batman und Robin :D

    3. Frau Nessy sagt:

      Sie sehen mich leise lächeln.

  2. Ponder sagt:

    Das Bild deckt sich ja einwandfrei mit den Buddenbohm’schen Nordostwestfalen-Beobachtungen – da scheint ja doch was dran zu sein.

    Ansonsten habe ich speziell beim renovieren auch schon die Typen „Labertasche“ und „Losgehtswirwollenheutenochfertigwerden!“ beobachten können. Auch das scheint weitverbreitet :)

    Vielen Dank für die Lacher am Morgen!

    Grüße in den Pott,

    der Ponder

    1. Frau Nessy sagt:

      Labertaschen gehen gar nicht. Ich habe mich mit den Ostwestfalen sehr wohl gefühlt.

  3. Chris^2 sagt:

    Sehr amüsant. Was ich noch nie verstanden habe, ist diese Sache mit dem renovieren beim Auszug. Das geht doch immer so auf Sicht, das man eine Abnahme übersteht. Und nicht, das es so gut wie möglich gemacht ist (so wie man bei einem Einzug renovieren würde).

    1. Frau Nessy sagt:

      Man renoviert für den Vermieter. Damit er sich nicht um seine Immobilie kümmern muss. Für den Nachmieter bedeutet das: Wir haben die hellgrauen Wände weiß gestrichen, er streicht sie wieder hellgrau. Oder rot. Oder tapeziert sowieso drüber.

  4. ich lach mich scheckig!
    Also diesmal echt.
    Fing schon an mit „schweigend bequatschen“.

    Gibt es in Ostwestfalen noch Knechte?
    Mannmannmann.
    Ein Hoch auf Mateusz und Vatta.

    p.s.: können Sie wohl bitte „ösig“ übersetzen? Das Bergische grenzt ja auch an Westfalen, aber ans westlichste Südwestfalen. Ungefähr.

    1. Frau Nessy sagt:

      Ösig = unleidlich, verliert die Geduld.

  5. Lobo sagt:

    …. und wieder dieser bildhafte Schreibstil der diese Lebensmomente wunderbar einfängt.

    Danke :-)

    (Der Ostwestfale erinnert mich schon ein wenig an den OSTfriesen, muß am Osten liegen )

    1. Frau Nessy sagt:

      Die Ostfriesen sind ja ebenfalls dafür bekannt, dass sie andere Leute ständig zuquatschen.

  6. Julia-Maria sagt:

    Großartig! Ab sofort bin ich Fan von Vatta und Mateusz, ihreszeichens „Fachunternehmen“.
    Schön beobachtet, schön geschrieben.

    Irgendwo habe ich mal gehört, dass der Ostwestfale an sich eine zerrissene Persönlichkeit sein soll. Weil er sich nicht entscheiden kann, ob OST- oder WEST-fale.
    Mir wurscht, ich musste herzlich lachen! :)

    1. Frau Nessy sagt:

      Das zu diskutieren, würde wohl mit einem differenzierten „Jo“ enden.

  7. Kai sagt:

    Aber wenn Vatta Ostwestfale ist, dann ist es die Freundin doch auch. Da ist sie aber ganz schön aus der Art geschlagen.

    Ostwestfalen und Ostfriesen sind übrigens der perfekte Genpool für Systemadministratoren.

Die Kommentare sind geschlossen



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