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Langmut

6. 08. 2014  •  9 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Nehmen wir meine Studienzeit.

Ich habe unter anderem Italienisch studiert und die italienische Sprache erst zu Beginn des Studiums erlernt. Es gab einen Intensivkurs, in den jeder ging, der es nötig hatte, und in dem die Grundfertigkeiten  durchgeackert wurden. Wir wurden mit Unmengen von Vokabeln und Grammatik beschüttet. Parallel habe ich in den anderen Kursen die „Einführung in die Literaturwissenschaft“ und die „Einführung in die Sprachwissenschaft“ absolviert, dazu natürlich die Seminare der verbleibenden Fächer – und nebenbei in zwei Jobs gearbeitet. Ich war also nicht unbedingt unterbeschäftigt. Trotzdem ging das Sprachenlernen locker von der Hand: Nach einem Semester bin ich nach Italien in den Urlaub gefahren, kam dort gut zurecht, habe um Zimmerpreise gefeilscht, habe mir „Die Säulen der Erde“ gekauft, gelesen, und bis auf bautechnische Spezifika von Kathedralen auch verstanden.

Seit September lerne ich nun Russisch und es gestaltet sich deutlich mühseliger. Das liegt zum einen daran, dass ich keine Vorkenntnisse in slawischen Sprachen habe. Zum anderen aber auch daran, dass neben einem normalen Job, der Fahrt zur Arbeit, Tomatengießen, Sport und den Freunden, die ich auch treffen möchte, nicht viel Zeit übrig bleibt, um mich dem Russischen zu widmen. Bisweilen würde die Zeit, ihr reines Vorhandensein, sogar ausreichen – eine regelmäßige halbe Stunde genügt ja -, doch nach zehn Stunden im Büro, nach Telefonaten, Mails, Sitzungen, Plänen, Konzeptionen und Diskussionen bin ich oft viel zu müde zum Sprachenlernen, dann funktioniert nur noch Gartenarbeit; es geht einfach nichts rein in den Schädel.

Das ist frustrierend, vor allem weil ich ein höheres Tempo gewohnt bin. Eine Hilfe ist immerhin, dass mir meine russische Freundin mittlerweile in ihrer Muttersprache schreibt. Denn das, was in Lehrbüchern steht, geht irgendwie an meinem Vokabelbedarf vorbei: Dass ich mich und meine Firma demnächst bei einem Geschäftsessen vorstellen muss, wird nicht passieren. Ich antworte ihr in einem Russisch-Englisch-Kauderwelsch – mehr Englisch als Russisch, aber immerhin, mühsam ernährt sich бе́лка, Bjilka, das Eichhörnchen: Wir unterhalten uns immerhin über Dinge, über die man sich halt so unterhält. So taste ich mich Wort und Wort, Wendung für Wendung, voran.

Wenn ich es mir also bei Licht betrachte, ist diese Russischsache vor allem für eines gut: um meinen Langmut und mein Durchhaltevermögen zu trainieren.

 

 

Kommentare

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  1. Britta sagt:

    Oh ja, das kommt mir bekannt vor: ich lerne seit Februar 2013 Dänisch und musste feststellen, dass das wesentlich mühseliger ist als damals in der Schule, als ich relativ entspannt gleichzeitig Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch gelernt habe…. klar, kann man auch mit Ende 40 noch eine neue Sprache lernen, aber wie verdammt zäh das ist, sagt einem vorher keiner.

    Britta

  2. Zaubermann sagt:

    Habe ab der ersten Minute tiefe Bewunderung für Deinen Start ins Russische entgegen gebracht, um nicht zu sagen Neid (den „Neid“ nur des sich-aufgerafft-Habens wegen).

    Wie es sein muss, abends nach wortreichem In- und Output heim zu kommen und sich dann noch aufraffen zu müssen, um Vokabelzeugs einzutrichtern, vermag ich mir nur vorzustellen. Nämlich eigentlich gar nicht ;-).

    Musik und TV in der fremden Sprache auf sich einwirken zu lassen ist glaube ich ziemlich hilfreich. Bei mir zumindest hat es zu Kinderzeiten recht gut funktioniert^^.

  3. apostelchen sagt:

    Ach , ich stelle mir Sie mir gerade eher so als hibbelndes Eichhörnchen vor..das zwischen zwei Nüssen immer wieder so unverständliche (russische) Worte nuschelt : “ Das muss doch sneller gehen….das muss sneller ….wieso geht das denn nich sneller vorwärts?!“

    Nicht falsch verstehen.Sie sind ein wunderbares russisches Eichhörnchen,keine Frage !

  4. Tonari sagt:

    Als Motivationsunterstützung empfehle ich den Blog von Frau Inch, die gerade 4 Wochen mit dem Zug quer durch Russland reiste.
    Inchtomania.wordpress. com

  5. martin III. sagt:

    Tick tack, ljewoschak, brawoschak, tick tack.

  6. Tanni sagt:

    Russisch – Hochachtung! Definitiv nicht meine Begabung, ich bin schon froh, dass mein Englisch fürs Gröbste ausreicht…
    Übrigens: Ich hab neuerdings unter jedem Beitrag so eine merkwürdige Fehlermeldung: „502 Bad Gateway, nginx“
    Passiert in Opera und sicherheitshalber hab ich es auch noch mit dem Firefox überprüft – dasselbe Ergebnis.
    Nicht, dass irgendwas hier diesen Blog zum Einsturz bringt – das geht ja gar nicht!

  7. Christel aus Berlin sagt:

    Ich möchte Sie nicht entmutigen, aber manchmal nützt auch die langmütigste Langmut nichts. Ich habe bis vor zwei Jahren fünf Jahre lang griechisch gelernt, einmal die Woche für 90 Minuten. Es ist fast nichts geblieben – die Vokabeln bleiben einfach nicht mehr in meinem Kopf hängen. Dagegen sitzt noch immer einigermaßen die französische Grammatik, die ich vor Jahrzehnten in der Schule lernte. Bei mir ist es sicher nicht der tägliche Stress im Berufsleben, denn das liegt schon hinter mehr, nein, ich fürchte die grauen Zellen haben ihre Kapazität erschöpft. Und es fehlt natürlich die Praxis. Leider.

  8. flyhigher sagt:

    Liebe Frau Nessy, ich war früher echt gut in Gedichte lernen. Egal wie lang. Ich setzte mich hin, las mir das durch, lernte ein wenig, und binnen maximal 2 Stunden konnte ich das auswendig aufsagen.
    Für die Hochzeit meiner Lieblingscousine vor etwa 4 Jahren wollte ich eine selbst gedichtetes (!) Gedicht lernen. Es dauerte 3 Tage, bis ich es halbwegs intus hatte, von Stocken und fehlerfrei konnte nicht die Rede sein!
    Ich gebe also Christel recht, ich glaube, unsere grauen Zellen mögen nicht mehr ganz so wie früher, wenn sie nicht genau auf spezifisch das Gewünschte (lernen in dem Fall) trainiert werden.

  9. Fadenmiri sagt:

    Kommt mir sehr bekannt vor. Wahrscheinlich haben wir sogar an derselben Uni studiert. Tausche nur Russisch gegen Finnisch. Sehr frustrierend! Immerhin konnte ich im Urlaub Brot einkaufen. Aber immer nur eins. Die Finnen sind pedantisch kompliziert wenn es um Mengenangaben geht.

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