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1.000

31. 10. 2007  •  Keine Kommentare  •  Aus der Kategorie »Adoleszenz«
Wir waren zeitig da. Es war früher Nachmittag, und Heubüschel wehten über den Beton vor dem Rheinstadion. Wir waren aus dem Sauerland angereist. Düsseldorf war für uns, die wir nur zweimal im Jahr nach Dortmund zum Einkaufen fuhren und auch das generalstabsmäßig planten, Rom. Oder nein: Es war weniger sakral. Es war weniger Rom als eine Stadt der Kunst und des Genusses. Düsseldorf war unser Paris.Wir setzten uns in die Sonne auf einen Betonpoller und warteten auf die Hosen. In unserem Rücken fuhren die alten Wagen der Rheinbahn eine Schleife, um ihre Richtung zu wechseln und in die Stadt zurückzukehren. Wir legten uns aufs Pflaster und schauten in den Himmel.

Wir waren nicht richtig zusammen. Überhaupt war in unserem Leben im Juli 1997 nichts „so richtig“. Wir waren keine Schüler mehr, aber noch keine Studenten. Wir hatten keine Wohnung, aber zu Hause wohnten wir auch nicht mehr. Wir waren ein Paar oder eben auch nicht. Freunde sagten über uns, wir würden zueinander passen. Er sagte von uns, wir seien seelenverwandt. Aber es fehlte an Zutrauen – an Zutrauen zum anderen und zu uns selbst.

Als die Tore sich öffneten, betraten wir das Stadiongelände, und er sagte: „Wenn wir uns verlieren, treffen wir uns da vorne.“ Er deutete auf eine Laterne hinter einem Würstchenstand. Ich nickte. Ich hatte nicht vor, ihn zu verlieren. Im Gegenteil: Ich wollte ihn für mich gewinnen. Seit Monaten schon wollte ich das. Seit Silvester, dem Abend, an dem wir uns zum ersten Mal und mehr aus Versehen scheu geküsst hatten, und dem Abend, seit dem wir lauernd umeinander herum schlichen.

Das Konzert – was kann ich von ihm erzählen? Nichts. Es waren die Hosen, es war das 1.000ste Konzert, es war Stimmung, ein Mädchen starb im Publikum, doch ich bekam von all dem nichts mit. Ich beobachtete ihn von der Seite, wie er sang und wie er klatschte. Ich beobachtete mich selbst, wie ich daneben stand, ohne recht zu wissen, was ich mit mir anstellen sollte.

Wir hatten Tribünenkarten, und als er loszog, um etwas zu trinken zu besorgen, kam er mit zwei Innenraumkarten zurück. Er hatte sie gefunden, schmutzig und zertreten auf dem Beton vor dem Stadion. Übermütig drückte er mir meine Karte in die Hand, drehte sich um, rief „Komm!“ und verschwand durch den Zaun auf die Holzbohlen des Spielfelds, wo die Menge wogte. Schon bald sah ich ihn nicht mehr. Er war weg, und ich blieb stehen, irgendwo in der Nähe des Zauns, wo Platz war. Ich sah den Hosen zu, wie sie spielten. Ich blickte mehr auf die Leinwand neben der Bühne als die Bühne selbst. Die Kamera schwenkte ein ums andere Mal hinunter in die ersten Reihen, und ein ums andere Mal entdeckte ich ihn dort. Er hatte sich vorgekämpft in den Pulk und rockte dort mit wippendem Kopf und empor gereckten Armen.

Als das Konzert zu Ende und die letzte Zugabe gespielt war, blieb ich dort stehen, wo ich war, am Rande des Innenraums und ließ die Leute hinaus, in der Hoffnung, dass er an mir vorbeiginge und ich ihm am Ärmel ziehen konnte. Doch seit ich ihn das letzte Mal auf der Leinwand gesehen hatte, war er fort.

Der Innenraum war schon fast leer. Auf dem Holz mischten sich Dreck und Staub mit den Hinterlassenschaften der Fans. Plastikbecher mit dem 1.000er-Logo rollten über die Planken. Zertretene, weiße Taschentücher leuchteten matt im Flutlicht. Es war kurz vor Mitternacht. Die Helligkeit des Konzerts war der Helligkeit der Abreise gewichen. Ich fühlte mich allein, wie ich dort stand. Wir hatten gemeinsam feiern wollten, doch er war abgehauen in die Menge, ohne auf mich zu warten und ohne mich zu fragen, ob ich das überhaupt wollte. Tagsüber war es warm gewesen, doch nun fror ich. Ich war müde. Ich hätte heulen können, so doof war alles. Das ganze Konzert, die Anfahrt, alles, was mit ihm zu tun hatte.

Ich ging hinaus auf den Platz vor dem Stadion, vorbei an dem Würstchenstand. Dann sah ich ihn dort sitzen. Unter unserer Laterne hockte er mit dem Rücken am Pfosten, die Ellbogen auf den Oberschenkeln. Die Hände hingen hinab, während er in die Gesichter der vorüber ziehenden Menschen blickte.

Er sah mich erst, als ich schon vor ihm stand. Er war verschwitzt und müde. Seine Augen glänzten vor Anstrengung, seine Haaren waren nass und durchwühlt, seine Jeans dreckig. Doch er lächelte, sprang auf, umarmte mich und küsste mich. „Da bist Du ja!“ Er küsste mich wieder. Es war der erste Kuss seit Silvester und der erste Kuss überhaupt, der nicht unter einem Vorwand zustande kam.

Das war mein 1.000stes Konzert.

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