Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Hummel, Lurchi und die Hühnerparty

Trotz meiner fortschreitenden Greisenhaftigkeit laden mich die neuen, kleinen Mannschafts-Hühner zu ihren Partys ein.Als ich am Samstag gegen 21 Uhr die verqualmte Altbauwohnung betrete, ist die Bude bereits voll. Ein bärtiger Typ mit geballter Sozialistenfaust auf seinem Shirt empfängt mich und schlägt mir direkt freundschaftlich auf die Schulter. „Ich bin Hummel“, sagt er. „Und wer bist du?“
„Ich bin Nessy“, sage ich. „Wo ist denn die Jenny?“ Jenny wird heute 21 und richtet die Feier aus.
„Musste mal gucken“, sagt Hummel und deutet mit der Hand flüchtig in die Wohnung. Er fläzt sich auf ein durchgesessenes Ledersofa, das im Flur vor dem Klo steht. Eine Mehrfachgepiercte mit strenger Ponyfrisur rückt an ihn heran und beknabbert sein Ohr.Ich gucke in das Zimmer links, eine verqualmte Höhle mit Bambusvorhängen. Jungs mit Hornbrillen und Mädels mit Dreadlocks sitzen auf dem Fußboden um einen niedrigen Tisch. Jenny ist nicht dabei. Ein Zimmer weiter stapelt eine Gruppe diverse Utensilien, darunter ein Kamasutra-Buch und Liebeskugeln. Ein Trinkspiel ist in vollem Gange. Jenny ist auch hier nicht dabei.

Rechts die Küche. Auf der Anrichte drei Kartons Spritzen mit grünen, roten und gelben Alkoholika. An den Wänden Werbepostkarten mit lustigen Comics. Auf dem kleinen Balkon eine Zapfanlage. Hier findet die eigentliche Party statt. Hier ist Jenny.

Sie entdeckt mich und fällt mir um den Hals. „Ist ja süüüüß, dass du da bist. Hier hast’n Bier. Hab ich dir schon die Schmiedi vorgestellt?“ Sie zieht eine pummelige Braungelockte in kurzem Rock und Doc Martens an ihre Seite. „Die Schmiedi kommt auch aus’m Sauerland.“
Wir stellen fest, dass wir beide aus demselben Dorf stammen und unterhalten uns über die soziale Bedeutung von Schützenfesten. Dann stellt mir die Schmiedi den Lurchi vor.

Lurchi ist überzeugter Bayer, hat schon Kälber mit der Flasche groß gezogen und wohnt seit einem Jahr im Ruhrgebiet.
„Wegen Studium?“ frage ich.
Lurchi verneint. „I hoab nur weg g’wollt.“ Er jobbt jetzt im Kino. „I würd studiern wolln. Aber BWL oder so a kapitalistischer Schmarrn, da hoab I ka Lust net.“ Er wohnt jetzt erstmal bei Schmiedi.

So nimmt der Abend seinen Lauf. Der Lurchi stellt mir die Uli vor, die Uli den Piloten, der Pilot den Schmolli, und vor dem Klo sitzen den ganzen Abend Hummel und die Gepiercte und erzählen dir beim Anstehen, wie oft du schon schiffen warst.

Gegen 1 Uhr ist der Fußboden nicht mehr zu erkennen. Verschüttetes, Heruntergefallenes, Abgeaschtes, Plattgetretenes – alles sammelt sich auf den Fliesen und bildet einen schwarzen Brei. Vor dem Wischen werden sie den Boden einweichen müssen. Bis unter die stuckverzierten Decken sammelt sich dichter, grauer Qualm. Man raucht viel – allerdings nur Tabak.

Gegen 1.30 Uhr kotzt Lurchi aus dem dritten Stock durchs Treppenhaus. Der Schwall lässt keine Etage aus. Die Partygesellschaft reagiert gelassen und solidarisch. Sofort rückt ein fünfköpfiger Trupp aus und wischt Lurchis Bröckchen von Stufen und Geländer.

Ich beschließe, nach Hause zu gehen. Ich habe meine Erfahrungen gemacht. Wenn der Erste kotzt, ist es Zeit für den Abschied – auch wenn die Stimmung noch gut ist.
„Wie kommst’n nach Hause?“ fragt mich Hummel im Flur.
„Mit dem Taxi“, sage ich.
„Boah, krass“, sagt die Gepiercte.
„Wenn du alt bist, ist Busfahren voll aggro“, erklärt Hummel ihr.
Es entbrennt eine Diskussion, ob man links sein und trotzdem Taxi fahren kann.

Am nächsten Tag treffe ich Jenny in der Sporthalle. Sie ist heiser. Gewischt hat sie noch nicht, außer das Treppenhaus ein zweites Mal. Ich bin ein bisschen froh, dass meine Gäste nicht mehr kotzen. Und dass ich Taxi fahren kann, wenn ich will. Dass Taxikunden nicht zwangsläufig CDU-Mitglieder sind, kann ich ja später mal erzählen.

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