Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Klassenfahrt und anschließender Verfall

18. 02. 2020  •  5 Kommentare

Ausflug | Das Wochenende habe ich in Geldern und Xanten verbracht. In Xanten war ich zuletzt in der fünften Klasse; es war eher unschön. Die Fahrt vom Sauerland an den Niederrhein war gefühlt so lang wie ans Ende Europas, es hat in Strömen geregnet (tatsächlich oder erinnerlich), es war sterbenslangweilig und überhaupt: Klassenfahrt. Ich habe Klassenfahrten gehasst: Ausflugsfahrten zu Zielen, die man sich freiwillig nie ausgesucht hätte, gemeinsam mit Leuten, die man sich nie eingeladen hätte, garniert mit Mobbing und Gruppendruck.

Die Klassenfahrt des Wochenendes war freiwillig in der Wahl des Ziels und in der Wahl der peer group, fürs allgemeine Wohlbefinden gab es Sauna, Rotwein und Prosecco. Vor diesem Hintergrund erstrahlte der Ausflug in ganz anderem Licht als weiland 1988.

Fazit der Führung “Frauen in der römischen Antike”: So richtig geil war’s im Alten Rom nicht. Außen vorm Legionärscamp hocken, vom Feind als erstes geschlachtet werden, kein Recht auf Heirat und Versorgung, Mädchen wurden ausgesetzt und mussten sich prostituieren. Immerhin gab’s Fußbodenheizung in der Therme.

Werbung, unbezahlt: Der Seepark Geldern war top, tolle Wellnesslandschaft, sehr freundlich, gutes Essen. #serviceblog


Verfall | Seit Tagen schleppe ich einen Infekt mit mir herum. Nichts, was den Namen “Krankheit” verdient, ich bin einfach matt. Gestern gings mir tagsüber zusehends elender, auf der Heimfahrt vom Kunden ereilten mich Unwohlsein, Gliederschmerzen, Übelkeit, bleiernde Müdigkeit, später Husten, warm, kalt, alles doof. Heute Morgen war das Befinden dann so lala, das Elend war unelendiger, kein Schnupfen, nur leichter Husten, aber auch nicht gut, weiterhin Gliederschmerzen obenrum. Keine Ahnung, was das nun wieder ist.

Ich blieb heute zu Hause, lag und saß herum, mit großer Konzentration auf Besserung hoffend, die sich am Vormittag nicht, am Nachmittag zumindest ansatzweise einstellte.


Loslassen | Ein Entschluss des Urlaubs ist: Ich muss delegieren. So wie im vergangenen Jahr geht das nicht weiter, es ist zu viel, besonders in den Belastungsspitzen.

Ich engagierte deshalb jüngst Claire als virtuelle Assistenz und als jemanden, der mir Kleinkram wegschafft und mir ein externes Gehirn ist. Es gibt nämlich ein paar Dinge, die ich gut delegieren kann:

  • Infos recherchieren, zum Beispiel Brancheninformationen zu Kunden oder praktische Dinge wie Reiseplanung
  • Dinge tun, die nicht dringend und nicht wichtig sind, aber irgendwann dringend und wichtig werden und mich dann in Stress bringen, zum Beispiel endlich mal mein Logo als Wort-Bild-Marke schützen lassen.
  • Ideen anfangen, brainstormen, andenken; einen Beginn finden in etwas, mit dem ich mich vorher noch nie beschäftigt habe.

Ich benötige niemanden, der mir Routineaufgaben abnimmt. Die habe ich, zum Beispiel in Sachen Buchhaltung, so automatisiert, digitalisiert und routinisiert, dass sie mir keine Belastung sind. Ich brauche Unterstützung für die Summe der Einzelfälle, die, gemessen an ihrer Relevanz, unverhältnismäßig viel Energie und Geisteskraft benötigen – oder die Kreativität erfordern, wenn ich gerade keine habe.

Erfahrung der ersten Wochen:

  • Es ist entlastend, Dinge abzugeben.
  • Das Ergebnis ist nicht schlechter, als wenn ich es selbst erledigte.
  • Bisweilen ist das Ergebnis sogar besser. Diese Möglichkeit hatte ich, dank der mir eigenen Hybris, gar nicht so präsent. Man hat ja eher Angst loszulassen. Shame on me.

Seminartage | Im Juni und im November werde ich Volontärinnen und Volontären aus Medien und PR wieder die Grundlagen des Projektmanagements nahebringen. Wie schon in 2019 wird das ein pragmatischer Tag: ein wenig Theorie aus dem Lehrbuch, in der Mehrheit aber praktische Ratschläge fürs daily business in kleinen Print- und Digitalprojekten.


Verwunderung | Es ist befremdlich, wie dieser Tage alte Männer, mit denen Merkel irgendwann mal Schluss gemacht hat, aus dem Mottenkeller kriechen und sich für den CDU-Parteivorsitz anbiedern. Gibt es keine einigermaßen jungen Männer und Frauen, die demokratischen Sachverstand haben, einen einigermaßen tauglichen moralischen Kompass haben und moderne, konservative Politik machen wollen?

Nicht, dass ich sie wählen wollte. Ich habe nur das Gefühl, dass es dafür einen Bedarf gibt und dass es für uns alle gut ist, wenn dieser Bedarf ein demokratiekompatibles Angebot findet.


Gelesen | Wie ich mal mit meinem todkranken Vater eine Currywurst essen war

Gelesen | Es verfestigt sich der Eindruck, dass der Verfassungsschutz Herrn Höcke mehr von seiner kostbaren Zeit widmen sollte.

Käthchen, 455-E und eine Kuh in der Rodelbahn

14. 02. 2020  •  2 Kommentare

Geldgeschenk | Heute habe ich mich sehr erwachsen gefühlt, quasi wie 42. Ich habe über das KfW-Zuschussportal den Investitionszuschuss 455-E zur Nachrüstung von Bestandsimmobilien beantragt und direkt genehmigt bekommen.

Der Zuschuss ist für meine Terrassen- und Balkontüren: besserer Einbruchsschutz. Das Förderprogramm hat die Überschrift “Altersgerechtes Wohnen”. Nehme ich aber nicht persönlich.


Schwung aufnehmen | Zuvor habe ich eine Kuh vom Eis und in eine Rodelbahn gezogen, also beruflich und bildlich, damit die Kuh, also die Sache, Schwung aufnimmt. Ich schob und zog gemeinsam mit Anderen; jetzt hamwa’s, glaub’ ich.

Das Schwierige an Veränderungen ist ja zunächst, Dinge überhaupt in Gang zu bringen, also an die richtige Stelle zu schieben und dafür zu sorgen, dass diese Stelle ausreichend Gefälle hat, damit die Sache losläuft – und dass sie dabei Bewegungsfreiheit hat. Denn wenn man Neues ausprobiert, schlingert man am Anfang ziemlich. Deshalb sollten die Wände der Bahn nicht zu eng beieinander stehen. Sonst prallen die Leute, die Neues tun, dagegen und erleben direkt den Knockout.


Mit Ha | Im Zuge dieses Macgyver-artigen Tages wurde ich gefragt, ob man bei mir in die Lehre gehen könne (Lehre mit H) und ob ich das, was ich tue, auch schulen würde, das Durchblicken, Analysieren, Verstehen, Zusammenfassen und Anschubsen. Gestern wurde ich außerdem “Accelerator” gennant. Fühle mich sehr gebauchpinselt. Bin aber auch etwas ratlos.

Tatsache ist, dass ich Dinge oft nicht sofort durchblicke. Ich verstehe sie auch nicht direkt, selbst wenn ich den Eindruck erwecke. Oft genug stehe ich vor einem Schlamassel, zu dem mein Kunde eine Lösung möchte, und denke: “Ähm, ja … puuh … weiß ich auch nicht.”

Tatsache ist allerdings auch, dass ich irgendwann doch Durchblick kriege und Hebel finde. Nur: Wie genau, nach welchem Muster? Darüber muss ich mal länger nachdenken, denn Vieles mache ich intuitiv. Intuition, da bin ich mir ziemlich sicher, ist in dem Fall allerdings nur das Anwenden von Methoden und Erfahrungswissen; dazu kommen die richtigen Fragen an die richtigen Leute, Hartnäckigkeit, Offenheit und eine gute Perspektive. Vielleicht ein Thema für den nächsten Newsletter. Ich gehe mal in mich und gucke, was ich dort finde.


Valentinstag | Ich erhielt ein Katzen-Gif per WhatsApp, was ausreichend angemessen für diesen Anlass ist.


Käthchen | Der Ein oder Andere hat’s vielleicht noch im Gedächtnis: Ich schreibe nebenbei dieses Buch, das irgendwann bei Suhrkamp Insel erscheinen wird. Es ist die Romanbiographie von Käthe Paulus, der ersten deutschen Berufsluftschifferin und der Erfinderin des Paketfallschirms.

Unter anderem für Käthe bin ich so lange nach La Gomera gefahren: Um Raum zu haben, mich wieder mit dem Roman zu beschäftigen. Das erste von drei großen Kapiteln steht schon länger, seit ungefähr Frühjahr 2019. Danach hatte ich keine Zeit mehr. Auf La Gomera habe ich nun einen Großteil des zweiten Teils geschrieben, die Jahre von Käthe Paulus’ Luftschifferei. Ich hatte mir etwas mehr Output erhofft, in Seitenzahlen gemessen, doch ich brauchte am Anfang tatsächlich erstmal Erholung und Nichtstun; mein Kopf war leer. Ab Ende der zweiten Woche kamen dann Muße und Kreativität zurück; ab dann ging’s. Ich bin zufrieden.

Heute habe ich die geschriebenen Seiten an meine Lektorin geschickt. Ich brauche ein Feedback, ob der Text in die richtige Richtung geht, denn ich kann nicht einschätzen, ob ich nah genug an der Figur bin (oder vielleicht zu nah), ob die erzählerischen Schwerpunkte die richtigen sind, ob die Entwicklung schlüssig ist und so weiter.

Was mir beim Schreiben wieder mal aufgefallen ist: Wie viel in den Jahren 1890 bis 1910 technologisch und gesellschaftlich passiert ist. Der Mensch erlebte plötzlich einen Geschwindigkeitsrausch, lernte das Fliegen, die gesellschaftliche Ordnung geriet ins Wanken, die Städte wuchsen, und das Leben nahm ganz andere Formen und Facetten an. Wenn ich höre, wie Leute heute von der Digitalisierung reden, dass sie alles Dagewesene umwirft, und wenn ich dann zur vergangenen Jahrhundertwende zurückblicke, denke ich: Jetzt übertreibt mal nicht.


Joa | Unterm Strich: Ein Tag, an dem alles möglich gewesen wäre, auch Weltrettung. Ich war dann allerdings nur noch Limo kaufen.

Abends Glückscurry mit Kürbis, Paprika und Garnelen. Vertupperung der Reste:

Drei Tupperdosen mit orangenem. stückigen Essen und Reis

Zum Hören | Die Nominierten des Deutschen Podcastpreises. Direkt mal ein paar Neuzugänge in die Podcast-App geholt.

Gelesen | Mein Weg. Carola hat in einem Jahr 50 Kilo abgenommen.

Angeguckt | The Oldest Company in Almost Every Country (That is Still in Business) – recherchiert für fast jedes Land der Erde. In Deutschland ist es das seit dem Jahr 862 existierende Staffelter Hofweingut, in der Schweiz der Gasthof Sternen (1203). Das älteste Unternehmen Österreichs ist das St. Peter Stiftskulinarium (gegründet 803). Es ist gleichzeitig das älteste Unternehmen Europas und das zweitälteste der Welt. Länger besteht nur Kongō Gumi, ein japanisches Bauunternehmen. Seine Betriebsgeschichte reicht bis ins Jahr 578 zurück. [via Correctiv-Newsletter]

Gelesen | Autorin Petra Reski wundert sich über die Plünderung ihrer Arbeit durch zwei Herren.

Angeguckt und gelesen | Grandioses Storytelling: Something is happening to Norway. Die beiden Journalist Mads Nyborg Støstad und Fotojournalist Patrick da Silva Sæther sind zwölf Monate lang durch Norwegen gereist, um den Klimawandel zu suchen. Sie haben ihn gefunden. Sehr oft sogar.

Morgenrot, Miteinander und Nacktmulle

13. 02. 2020  •  2 Kommentare

Morgenrot | Großes Himmelspektakel heute Morgen.

Gewächshaus, dahinter irres Morgenrot

Miteinander | Danach Vollsperrung der A1. Gleichzeitig Vollsperrung der A2 und der A31. Der Verkehr in NRW kollabierte, und ich darf verkünden: Ich war dabei!

Auf der A45, A44, A43 und A40 versammelten sich die Menschen zu einem langen Band. Es entstand ein geselliges Miteinander. Wir schoben uns voran, ich hörte Hörbuch. Jede halbe Stunde sagte Conny Raupold die Staulängen durch und schenkte uns Mitleid; ich fühlte mich emotional abgeholt.


Hasen | Noch zwei Wochen bis Aschermittwoch, und der Supermarkt hat Ostern.

Ostersüßigkeiten im Supermarkt

Gelesen | Interessante Dinge über Nacktmulle. Wer hätte gedacht, dass die größte Nacktmullansammlung außerhalb der freien Natur Google gehört? Dass Nacktmulle die Funktionsweise ihres Gehirns umschalten können und deshalb wertvoll für die Schlaganfallforschung sind? Dass sie zudem ihren Knochenstoffwechsel ändern können, was wiederum für die Unfallchirurgie spannend ist? Und dass Nacktmulle kein Alzheimer bekommen, obwohl sie irre alt werden? Außerdem sprechen sie Dialekt.

Gelesen | Langweilige Aufträge vom Kunden? Das Geheimnis, gute Arbeit tun zu dürfen. (via Franzis Newsletter)

Gelesen | Gynäkologie: “Ich habe mich gerächt.” [€] Marion Kiechle war die erste Frau, die einen Lehrstuhl für Frauenheilkunde bekam. Das Fachgebiet ist, was die Besetzung von Professorinnenstellen angeht, eine Männerdomäne.

Gelesen | Maren Martschenko ist seit zehn Jahren selbstständig und schreibt auf, was sie gelernt hat.

Gelacht | Bill Gates will sich angeblich eine Brennstoff-Zellen-Yacht kaufen. Heise hat sie sich angesehen und textet schöne Bildzeilen für die Fotostrecke.

Gelesen | Für die Schul-Filterbubble: Ist die agile Schule zeitgemäße Schule?


Zurück im Alltag

11. 02. 2020  •  11 Kommentare

Broterwerb | Ich gehe wieder der Erwerbsarbeit nach. Schon zweimal bin ich um 6:30 Uhr aufgestanden und bei Sturm, Regen und Dunkelheit zum Kunden gefahren. Ich fühle mich deutlich untersonnt, unterpalmt, unterwandert und wo bitte ist die Hängematte?!

Aber ich will mich nicht beschweren! Beim Kunden gibt’s gut zu tun. Ich habe schon wieder ausreichend Aufgaben auf dem Zettel und merke, dass die Auszeit gut getan hat. Die Gedanken sind wieder frisch.


Potential | Handwerker beauftragt. Die Balkon- und die Terrassentür bekommen ein Hardwareupdate.

Dabei habe ich ein neues Geschäftsfeld erkannt. Seminartitel: “Digital kommunizieren im Handwerk – mehr Umsatz in fünf Schritten.” Ich werde mit folgendem Slot einsteigen: “Zehn Möglichkeiten, Kunden schon bei der Angebotserstellung vor den Kopf zu stoßen – ein Erfahrungsbericht.” Zweiter Slot dann: “Wie Sie es besser machen.”

Ich bin mir sicher, dass mein Auftragnehmer kompetent Türen aufrüstet und zudem ein herzensguter Mensch ist. Aber die Sache mit dem Reden und Schreiben … mann, mann, mann. Da braucht man Leidensfähigkeit als Kunde.

Derweil streichen andere Handwerker den Hausflur, Wohnungstüren und Treppengeländer. Seit Tagen liegt ein psychedelischer Geruch im Haus. Wer braucht schon Drogen!


Countdown | Noch 80 Tage bis Freibaderöffnung.


Gelesen | In Hamburg brachte die AfD in der vergangenen Legislaturperiode 251 Anträge ein. 251-mal stimmten SPD, Grüne und Linke dagegen. Die CDU enthielt sich 13-mal. Die FDP, die nach eigenen Angaben keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit der AfD hat, stimmte 43 Anträgen zu. Also jedem sechsten Antrag, so die Recherche der taz.

Gelesen | Ein Winter ohne Kälte – was das für die Natur, die Schädlinge und die Landwirtschaft bedeutet.

Gelesen | Big City, Big Fail. Jürgen Klinsmann und Hertha BSC.

Gehört | Anna von Boetticher, Apnoe-Taucherin, spricht über ihre Sportart und die Erlebnisse unter Wasser.

Ein Kindergeburtstag und seine Parallelen

9. 02. 2020  •  6 Kommentare

Wetter | Sabine tobt ums Haus und rüttelt an den Jalousien. Die Bäume biegen sich. Das Gewächshaus der Nachbarn hat einen Ausflug gemacht, ist aber wieder daheim. Äste wehen durch den Garten. Dort ist alles gesichert, auf dem Balkon auch. Bislang kann ich keine besonderen Fundstücke vermelden. Allerdings kommt die Front erst noch, und es klappert und klimpert draußen immer mehr. Ich bin gespannt, wie es morgen früh draußen aussieht.

Was machen die Meisen und die Dompfaffen eigentlich bei Sturm? Hocken sie in einer Astgabel und denken die ganze Zeit: “Ooaar, boah, wie nervig”?


Expedition ins Osnabrücker Land | Ich war in Bad Essen und habe Kindergeburtstag gefeiert.

Der Pferdekuchen stammt von der Freundin. Sowas übersteigt meine Backkünste. Und meine Geduld.

Kindergeburtstag, habe ich festgestellt, hat erhebliche Parallelen zu Teamworkshops.

Dynamik: Nach einer Warm-up-Phase (Muffins, Fanta) gab es ein lockeres Einstimmungsprogramm (Pferdemasken basteln). Im Anschluss wurde es aktiver (Reitparcous); als die Gruppe eingegroovt war, kam die schwierigste und teamdynamischste Aufgabe (Schatzsuche). Danach lockeres Ausschwingen (Pommes, Nuggets).

Auch die Rollenverteilung auf einem Kindergeburtstag ist wie in jedem guten Betrieb:

  • Konstruktiv-Aktive, die die Gruppe durch die Aufgaben führen
  • das breite Mittelfeld: engagiert, aber nicht vorneweg
  • der Laute: hat zu allem eine Meinung, trägt aber nichts zum Ergebnis bei
  • der Showstopper: leidet vernehmlich und wortreich, will aber auch nichts verpassen
  • die stille Beobachterin: hält sich zurück; wenn sie etwas sagt, trifft es ins Schwarze

Seufz | Ich vermisse Frau Kaltmamsell.


Angeguckt | Die Winde und Luftströmungen rund um die Erde

Tatkraft und Beschwingung

5. 02. 2020  •  Keine Kommentare

Akklimatisierung | Erster Tag im Posturlaubsurlaub, an dem ich gearbeitet habe: Ich habe für einen Kunden diverse Stunden recherchiert und telefoniert. Das war erfolgreich. Fühle mich nun beschwingt und tatkräftig.


Im Traum nicht | Am Abend telefonierte ich mit einer Freundin. Sie macht sich selbstständig und nutzt dasselbe Buchhaltungsprogramm wie ich. Ich machte eine kleine Schulung.

Hätte mich vor vier Jahren jemand gesagt, dass ich anderen Leuten irgendwann mal Buchhaltung und Buchhaltungssoftware erkläre, hätte ich ihn für vollkommen verrückt erklärt.


Thüringen | Um es mit den Worten von Maximilian zu sagen: Ich bin heute wieder ein Stück nach links gerückt, ohne mich auch nur ansatzweise bewegt zu haben.

Lesenswerter Kommentar: Es ist passiert. Mit einer Beschreibung, wie Thomas L. Kemmerich Ministerpräsident von Thüringen wurde und welche Rollen CDU, AfD und FDP dabei inne hatten.


Gelesen | Sehnsucht nach Plan B (€). Von Menschen, die in einem neuen Beruf nochmal ganz von vorn anfangen.

Immobilienbesichtigung

4. 02. 2020  •  6 Kommentare

Nach sieben Jahren | Die Klingel an meiner Wohnungstür funktioniert nicht. Vor Jahren habe ich einen Elektriker gebeten, sich das anzugucken. Der Elektriker sagte: “Kann man reparieren. Dazu muss man Ihren Wohnungsflur aufstemmen.”

Verschiedene Leute weisen mich, seit die Klingel nicht funktioniert, also seit sieben Jahren, immer wieder auf diesen Umstand hin, bisweilen tadelnd. Ich sah bislang keinen Grund zum Handeln, denn:

  1. Wenn niemand klingeln kann, kann mich niemand nerven.
  2. Diejenigen, die klingeln, können auch klopfen.
  3. Diejenigen, deren Klopfen ich nicht höre, können runter zur Haustür gehen und dort klingeln. Diese Klingel funktioniert.
  4. Diejenigen, deren Klopfen ich nicht höre und die keine zehn Stufen runtergehen möchten, können mich anrufen, damit ich die Tür öffne.
  5. Sie kommen einfach wann anders wieder.

Es besteht also überhaupt kein Problem, das man beheben müsste, schon gar nicht mit Wändeaufstemmen.

Heute stand aus anderen Gründen ein Elektriker im Hausflur, ein kleiner Mann mit großen Händen. Er schaute sich die Installation an und sagte, jaja, eigentlich müsse man aufstemmen, aber er könne auch einfach von außen durch den Lichtschalter bohren und dort Dinge verbinden, und innen, da klebe er einen Kabelkanal hin, dann wäre der Drops gelutscht, das könne man pragmatisch lösen, er komme aus Polen, da löse man alles pragmatisch, er liebe Pragmatimus, das sei sein zweiter Vorname. Und zack, hatte der Mann einen Auftrag und ‘ne Limo.


Neue Immobilie | Im Garten werden rege Immobilien besichtigt. Die Meisen wälzen Anzeigen, machen Vor-Ort-Termine und gucken sich die Nistkästen an: Lage, Ausstattung, Nebenkosten, Sonnenstand, Anbindung an die Infrastruktur, Katzenaufkommen in der Nachbarschaft.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot, der Markt ist eng. Ende 2019 habe ich deshalb in eine neue Immobilie investiert – zwecks Vermietung. Ein schlichtes Renditeobjekt, Baumarktprodukt, funktional, dafür 1A-Lage im Kirschbaum mit direktem Zugang zur Futterstation. Ein Wohlfühlort für den ergebnisorientierten Familiengründer aus der bürgerlichen Mitte. Die Meisen besichtigen es wohlwollend.

Im Bild sehen Sie die drei Premium-Objekte meines Portfolios im winterlichen Graupelschauer. Der neue Nistkasten befindet sich im Baum in der Mitte – in verkehrsgünstiger Lage mit optimaler Anbindung an die zentralen Flugrouten.

Vanessas Garten. Graupelschauer. In den Bäumen Nistkästen. Im Hintergrund das weiße Gewächshaus.

Gehört | Die Diagnose, ein Podcast des Magazins “stern”. Launiger Podcast; in jeder Folge wird ein medizinisch skurriler Fall und seine Lösung vorgestellt. Am besten fand ich bislang diese Folge: Ein Mathematik-Professor mit rätselhafter Ganzkörper-Lähmung

Akklimatisierung und Bemerknisse zur Zeitungskrise

3. 02. 2020  •  6 Kommentare

Auf Schicht | Damit ich mich von La Gomera erholen kann, habe ich nun erstmal eine Woche Urlaub. Nun ja, Semi-Urlaub. Ich akklimatisiere mich ins Arbeitsleben hinein. Die Erholung soll ja nicht gleich wieder fort sein.

Heute also Umsatzsteuervoranmeldung. Mein Buchhaltungsprogramm hat Dinge umgestellt, eine grundsätzlich gute Idee. Sie erfordern jedoch etwas andere Arbeitsabläufe bei mir. Das war fummelig. Lag aber an mir.

Ich sah meine Post der vergangenen Wochen durch, bildete dank frischen Elans aber keine Stapel, sondern heftete ab. War sehr beeindruckt von mir selbst.

Das Ehrenamt beim Ladies’ Circle erforderte einen Bericht und Kommunikation. Dank frischen Elans habe ich das auch gleich erledigt.


Superbowl | Gestern Abend Superbowl in sehr netter Gesellschaft. Ich hielt bis zur Halbzeit durch, verabschiedete mich dann ins Bett und schaute die Highlights heute Morgen auf Youtube.

Das war ausgesprochen mitreißend, und diese Spielzüge – also, Hut ab. Ich entwickle noch Freude an dieser Sportart.


Neuerungen | Am Wochenende war ich im Fitnessstudio. Das Bergwandern hat mir eine positive Grundfitness verschafft. Ich crosstrainere nun alles in Grund und Boden.

Das Fitti hat außerdem umgebaut und sich erweitert. Es gibt nun eine zweite Halle mit martialischen Geräten, dazu ein Käfig, in dem man kompexe koordinatorische Dinge tun kann, und Matten mit Zahlen drauf zum Sprinten. Ich werde das dieser Tage nochmal inspizieren.

Eine Folgeerscheinung ist jedoch schon eingetreten: Ich habe zwei neue Geräte ausprobiert und nun veritablen Muskelkater. Fühle mich gleichzeitig enorm gestählt.

Sonst keine Neuerungen in der nächsten Umgebung: Alle Baustellen und Umleitungen existieren noch, und auch sonst scheint im Januar nichts passiert zu sein. Der Beweis, dass man einfach mal einen Monat weg sein kann, ohne dass man etwas verpasst.


Sonstiges | Ich habe für Gäste gekocht. Sie waren zufrieden, es gab keine Beschwerden.

Es gab eine Vorspeisen-Brotzeit mit kanarischem Käse, Chorizo, Gazpacho, Tomatensalat und Palmhonig, dazu Brötchen nach Herrn Grün und Haferfluffis. Danach Penne Rigate Lucinda und zum Schluss Grießpudding und kleine Napfkuchen. Alle wurden satt.


Bemerknisse zum Thema “Zeitungen” | Thomas Knüwer stellt die Frage “Haben Zeitungsleser für Journalismus jemals gezahlt?” Seine These: Nein. Hintergrund ist die seit ungefähr zwei Jahrzehnten vorhandene Jammerhaltung von Verlagshäusern, niemand wolle für guten Journalismus zahlen.

Ich möchte zwei Ergänzungen dazu machen:

1. Die Qualität ist auf zwei Ebenen unbefriedigend

Ich schließe mich Thomas Knüwer insofern an, als dass man tatsächlich zwischen Inhalten und Darreichungsform unterscheiden muss. Der eine Leser bezahlt für den Inhalt – die Nachricht als solche, die gute Reportage, die Hintergrundinformationen. Die andere Leserin für die Art und Weise der Vermittlung, Darreichung, Distribution: handlich auf Papier, morgens per Newsletter oder in Form von Infografiken; wie man es halt mag.

Wenn wir nun darüber sprechen, dass Menschen kein Geld für Journalismus ausgeben, dann müssen wir die Frage stellen, an welcher Stelle das Defizit ist: Inhalt oder Distribution. Oder beides.

Wenn ich mir meine Regionalzeitung in Dortmund ansehe, sind 98 Prozent der Inhalte für mich uninteressant, unwichtig, nicht tiefgehend genug oder durch andere Quellen ersetzbar. Diejenigen Inhalte, die ich rezipieren würde, erhalte ich in einer Form, die mich abschreckt: Weder mag ich ein Monatsabo in Höhe von 15 Euro für schlechte Usability und Bannerwerbung abschließen, noch mag ich einen Kilometer zum nächsten Kiosk laufen und mir eine gedruckte Zeitung kaufen. Geschweige denn, für knapp 42 Euro pro Monat ein Print-Abo zulegen, um dann auch noch Papier zu entsorgen.

Ich persönlich gebe nur Geld für Journalismus aus, der mich in Inhalt, Art und Weise der Darreichung, Preis-Leistung und Einfachheit der Bezahlung abholt. Das sind momentan vier Angebote: Zeit online, New York Times und Correctiv – und die öffentlich-rechtlichen Sendern, für die ich gerne Rundfunkbeitrag bezahle.

2. Der Auflagenniedergang von Zeitungen hat ein komplexes Ursachengeflecht

Im und unter dem Artikel diskutieren Knüwer und seine Kommentatoren überdies, dass der Niederggang der Auflagen bereits in den 80er Jahren begann – und damit mitnichten die Digitalisierung als alleinige Ursache hat. Das ist richtig. Allerdings diskutiert der Artikel nur die medialen Einflussfaktoren, die den Zeitungen schon früh das Wasser abgruben – zum Beispiel das Aufkommen des Privatrundfunks.

Variablen, die Knüwer und Kommentatoren unerwähnt lassen, sind gesellschaftliche und demographische Einflüsse: Seit den 80er Jahren hat die Frauenerwerbsquote zugenommen. Ebenso die Pendlerquote, die Verkehrsdichte, die Abiturientenquote, die Anzahl der funktionalen Anaplhabeten, die Scheidungsquote, die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, der Anteil befristeter Arbeitsverhältnisse.

All das trägt dazu bei, dass Menschen weniger Zeitungen abonnieren: Die Zeit fürs Lesen fehlt, weil die Leute morgens nicht mehr ausgiebig frühstücken. Sie müssen früher zur Arbeit, weil sie mehr und länger pendeln. Menschen mit Migrationshintergrund sind in der Berichterstattung nicht hinreichend berücksichtigt (außer, wenn über sie berichtet wird, oft problematisierend). Das Bildungsniveau der Deutschen ist gestiegen, gleichzeitig gibt es mehr Leute, die selbst einfache Texte nicht gut lesen und verstehen können: Regionalzeitungen verlieren beide Seiten, weil sie den Einen eine zu leichte und den Anderen eine zu schwere Kost servieren. Die höhere Abiturientenquote führt außerdem zu höheren Studierendenquoten, was wiederum heißt, dass immer mehr Menschen weniger örtlich gebunden sind: Sie bleiben in geringerer Anzahl in ihrem Heimatort, ziehen aufgrund mehrstufiger Ausbildung, höheren beruflichen Chancen und vertraglichen Befristungen öfter um; sie fühlen eine geringere Bindung zu ihrem neuen Wohnort. Das alles senkt die Tendenz, eine Regionalzeitung zu abonnieren. Dass Leute später heiraten, sich öfter scheiden lassen, trägt ebenfalls dazu bei (weniger Sesshaftigkeit, Umzüge, geringeres Haushaltseinkommen).

Es gibt also eine Reihe von mittelbaren und unmittelbaren Variablen, die das wirtschaftliche Ende von Zeitungen beeinflussen und die bei der Entwicklung neuer Produkte berücksichtigt werden müssen – sowohl auf Ebene des Inhalts als auch auf Ebene der Darreichung. Viele Verlage, gerade regionale, verweilen aber in einem ausschließlich medialen, vertriebsgetriebenen Gedankenkonstrukt, ohne den Gesamtkontext zu betrachten. Tatsächlich aber muss regionale und lokale Berichterstattung komplett neu gedacht werden.

Tag 26: Teneriffa – Düsseldorf – Dortmund mit Erlebnissen in Verkehrsmitteln

31. 01. 2020  •  8 Kommentare

Abschied ins kalte Dunkel | Ich freute mich durchaus, wieder nach Hause zu kommen, nur auf eine Sache habe ich mich nicht gefreut: aufs kalte, nasse Dunkel. Das Licht, die Wärme – vielleicht bin ich gar kein Mensch. Vielleicht bin ich eine Blume.


Die andere Filterbubble | Sehen wir das Positive: Das Schöne an touristischen Flughäfen ist, dass man sich dort gemeinsam mit Leuten aufhält, mit denen man im sonstigen Leben nicht zusammenkommt. Weil man nicht zusammenkommen möchte. Ein zauberhafter Ort der Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Werten, den Werten der Anderen, der eigenen Achtsamkeit, des Gleichmuts und der Fähigkeit zur Nächstenliebe.

Am Flughafen Teneriffa-Süd fällt der deutsche Reisende auf. Das liegt nicht einmal an seinem Hang zu Rentnerbeige, Sieben-Achtel-Hosen und Bauchtaschen; letztere als Nylon gewordener Beweis, dass der Ausländer zum Klauen neigt – besonders dann, wenn man sich in seinem Land befindet.

Nein, das alles ist es nicht, auch wenn das Genannte gute Hinweise sind. Es ist vor allem sein Auftreten als Grantler, das den deutschen Reisenden unverkennbar zu einem Vertreter seiner Nation macht. Er weiß nämlich alles und vor allem alles besser. Im Gegensatz zum spanischen Flughafenmitarbeiter weiß er zum Beispiel, wie man einen Check-in organisiert, einen Duty-Free-Shop betreibt und Anzeigentafeln bedient. Weil er im Zuge der Entwicklungshilfe rückständigen Nationen gerne selbstlos unter die Arme greift, erklärt er dem Spanier zu jeder sich bietenden Gelegenheit, was er falsch macht. Wenn der Spanier es nicht versteht, erklärt der Deutsche es nochmal lauter.

Tschüß, Sonne! Tschüß, Wärme!

Das Leben war jedoch gut zu mir und platzierte mich für den Flug neben einem jüngst ins Rentnerleben eingetretenen Holländer, der sich, frisch verliebt, mit seiner Herzensdame einen VW Bus gekauft hat. Den Bus richten die Beiden her. Dann fahren sie damit im Sommer auf Festivals – und was danach komme, sagte er, werde man sehen. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt und über den Job; er war mal Verkaufsleiter, wir tauschten uns über Teams und Mitarbeiterführung aus – und darüber, was wichtig ist im Leben und im Zusammensein mit Menschen. Ein sehr erbauliches Gespräch.


Eine von 19 Tasten ist die richtige | Nach der Landung stieg ich in den Regionalexpress von Düsseldorf-Flughafen nach Dortmund. Zuvor beschäftigte ich mich mit dem Ticketautomaten.

Stellen wir uns zu diesem Zwecke vor, ich sei ein Mensch, der selten Bahn fährt oder der aus Paris, Rom oder Moosach im Landkreis Ebersberg kommt. Ich möchte von der Stelle, an der ich mich befinde, dem Bahnhof des Sky Trains, nach Dortmund fahren. Ich bin ein redlicher Mensch und möchte beim Lösen des Fahrscheins alles richtig machen.

Ich tippe den Bildschirm an und sehe:

Bildschirm des Ticketautomaten mit einer Unmenge an Auswahl: K, A3, 4er-Ticket, Zusatztickert, 24-Stunden-Ticket, Tickets anderer Verkehrsverbünde, Messe usw.

Wie hoch schätzen wir die Chance ein, dass ich mit dem richtigen Ticket in den Zug nach Dortmund einsteige?


Das destroyed sie voll | Wir fuhren schon ein Weilchen durch die Dunkelheit, als plötzlich aus einem Vierersitz Satzfetzen zu mir herüber flogen.

“Sie hat dich gehatet, sie hat mich gehatet, aber sie ist irgendwie cool.”
“Laura ist voll der Facepalm.”
“Okay, true. Sie wollte die ganze Zeit was mit Noah haben, das war so obvious, aber sie sagt immer: Nee, will ich nicht.”
(nachgeäfft) “Noah, kann ich noch‘n Wein haben. Noah, gibste mir ne Kippe. “
“Ich hab jetzt einen getindert, der sah cute aus, aber der hatte voll die ekelige Caption. Ich hab den trotzdem geliked. Das Date war so abgefucked, ey.”
“Guck dir mal so Tinder-Dokus an, dann bist du auch durch damit. Geh doch einfach auf irgendwelche Parties.”
“Geh ich doch.”
“Aber nicht auf die richtigen.”
[Gesprächspause]
“Ich finde das voll wag von mir selber, dass ich so viele Menschen um mich herum habe, aber qualitativ halt auch irgendwie wenig.”
“Ich hab auch voll wenig Leute, auch an der Uni, weil wenn du von der Qualität her denkst, dann sind da nicht viele.”
“Leute müssen halt neue Ideen in mein Leben bringen. Weißt du, so – wenn sie mir neue Versionen von mir selber zeigen. Manche greifen nur Teile von dir und manche greifen dich ganz. Ich versuch noch dahinterzukommen, was der Key zu dem Ganzen ist, so that‘s it und so. Das destroyed mich dann manchmal, aber manchmal bringts mich auch echt weiter.”


Gelesen | Achtsam morden von Karsten Dusse. Klappentext:

Björn Diemel wird von seiner Frau gezwungen, ein Achtsamkeits-Seminar zu besuchen, um seine Ehe ins Reine zu bringen, sich als guter Vater zu beweisen und die etwas aus den Fugen geratene Work-Life-Balance wieder herzustellen. Denn Björn ist ein erfolgreicher Anwalt und hat dementsprechend sehr wenig Zeit für seine Familie. Der Kurs trägt tatsächlich Früchte und Björn kann das Gelernte sogar in seinen Job integrieren, allerdings nicht ganz auf die erwartete Weise. Denn als sein Mandant, ein brutaler und mehr als schuldiger Großkrimineller, beginnt, ihm ernstliche Probleme zu bereiten, bringt er ihn einfach um — und zwar nach allen Regeln der Achtsamkeit.

Heyne Verlag

Die Idee ist ganz wundervoll und unterhält zu Beginn auch sehr gut. Über die gesamten 416 Seiten ist das Thema aber ein bisschen dünn, die Geschichte hat Längen, die Charaktere zu sehr von der Stange. Ein zweiter Handlungsstrand wäre hilfreich. Den gibt’s aber nicht. Okay als Strandroman zum Nichtnachdenken.

Tag 25 auf La Gomera: Adiós

28. 01. 2020  •  10 Kommentare

Abreise | Abschied von M, vom Eremitenhäuschen, von der Stille. Fahrt nach San Sebastián. Den Mietwagen abgegeben. Zeit bis zur Abfahrt der Fähre. Ich lief durch die Stadt, aß ein Bocadillo, kostete einen Barraquito – wie man hört, eine Spezialität auf den Kanaren: Kaffee, Kondensmilch, Likör. Vier von zehn Punkten.

Ich setze mich auf eine Bank am Strand. Dann lege ich mich auf eine Bank am Strand.

Am Wasser versucht sich ein Mann am Handstand. Er hockt sich hin wie in den Startblock, lange, sehr lange, er sammelt sich, dann wirft er die Beine hoch, vergebens. Wieder vergebens. Neuer Anlauf. Hinstellen, Startblock, Beine hochwerfen. Er hält den Handstand. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Er fällt um. Stellt sich wieder hin. Wischt seine Hände an seinen Shorts ab. Hockt sich wieder in den Startblock. Er tut dies eine Stunde lang. Es ist meditativ.

Am späten Nachmittag gehe ich zum Fährterminal. Das Gepäck kommt in Schließfächer. Ein Wägelchen fährt es aufs Schiff.

Im Fährterminal sitzt ein Pärchen. Die Beiden fallen mir auf, weil er ein T-Shirt mit einem Aufdruck trägt. 

Sie ist dick, sehr dick, die Füße quillen aus den Schuhen, von ihre Armen hängt das Fleisch hinab. Er ist hager mit Hörgeräten, die Haare ein Kranz, die Füße in Turnschuhen. Sie sind beide jenseits der 70. Auf seinem T-Shirt steht: “Old Guys’ Club.”

Sie telefoniert mit irgendwem, Britisch. Er pellt derweil eine Mandarine, sehr sorgfältig macht er das, zieht jedes weiße Fädchen ab, legt es in die Mandarinenschale, reiht dann die freigepulten Stücke auf seinem Oberschenkel auf. Dann lehnt er sich zurück und beginnt zu essen, vorwärts vom Schritt bis zum Knie, eine Spalte, dann die zweite. Bei jeder Mandarinenspalte schließt er kurz die Augen.

Sie beendet ihr Telefonat. Er hält ihr stumm eine weitere Mandarine hin. Sie sagt etwas, nimmt sie und pellt sie. Dann gibt sie ihm die gepellte Frucht und er macht die Feinarbeit, zieht die weißen Fäden ab, legt sie in die Schalen, reiht die Stückchen auf ihrem Oberschenkel auf.

Dann essen sie gemeinsam die Mandarinen, von vorne nach hinten, und mittendrin, sie sind beide noch nicht am Knie, schauen sie sich an, lächeln und küssen sich.


Tschüss, bis dann | Adiós, La Gomera.

Insel vom Schiff aus, davor ein Segelboot

Overflow | Auf Teneriffa, in Los Christianos, Sinnesoverflow. Überall Blinki-Blinki, Musik, Menschen, die Sirenen der Ambulanz unter dem Balkon.

Geschnitztes Balkongeländer, darunter Straße, Lichter, Autos, drumherum Hochhäuser


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