Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Broterwerb«

„Schreiben Sie mir dazu eine Mail!“

11. 10. 2010  •  41 Kommentare

Früher war es einfach mit der Kommunikation: Wenn es schnell gehen sollte, rief man an. Wenn nicht, schrieb man einen Brief. Wenn es nah bei war, ging man einfach hin.

Heute geht man nirgendwo mehr hin, nicht mal ins Büro nebenan. Und wenn ich irgendwo anrufe, sagt man mir: „Schreiben Sie mir dazu nochmal eine Mail.“ Gut. Tue ich natürlich – wegen Gedächtnisstütze und so.

Nur dann passiert: nichts.

Ich rufe also nach angemessener Zeit wieder an, und es ist, als schilderte ich den Sachverhalt zum ersten Mal. „Haben Sie uns dazu schon eine Mail geschrieben?“, ist die Frage. „Ja“, sage ich. „Oh“, ist die Antwort, „dann schicken Sie sie bitte noch einmal.“

Sie ahnen, was nach weiterer Wartezeit geschieht.

Anders herum rufen mich Menschen an, die mich anherrschen: „Ich habe Ihnen eine Mail geschrieben, aber leider immer noch keine Antwort erhalten!“ Ich schaue in mein Postfach und sehe: Ja, dort ist eine Mail angekommen. Vor zwei Stunden.

(Alternative: Am Sonntagabend um 21 Uhr. Der Kontrollanruf erfolgt direkt am nächsten Morgen um 9.)

Ich erkläre dann, dass es aus diversen Gründen terminlicher und persönlicher Art, vielleicht sogar aus Gründen anderer Prioritätensetzung, zwischenzeitlich einsetzendem Hunger oder Laub auf den Schienen nicht immer sein könne, dass ich eine E-Mail binnen zwei Stunden beantworte. Ich rege an,  mich bei dringenden Angelegenheiten anzurufen, dann könne man sicher sein, mich zu erreichen – oder erhalte Auskunft, wann ich wieder im Büro sei. Der Gegenüber nuschelt dann Dinge wie „… und das in Zeiten der Smartphones …“

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber es gibt Tage, an denen ist Kommunizieren einfach anstrengend.

Es lag ihr auf der Seele

27. 08. 2010  •  Keine Kommentare
Mutter: Ich muss da jetzt mal was ansprechen.
Nessy: Was denn?
Mutter: Da ist so eine Sache … die beschäftigt mich, seit ich das letzte Mal bei dir war.
Nessy: Ja, Mama, was denn?
Mutter: Also nur, wenn es nicht zu privat ist.
Nessy: Mama! Was denn?
Mutter: Als wir da im Internet guckten …
Nessy: Ja …
Mutter: Da hattest du ja auch kurz in deine E-Mails geschaut …
Nessy: Jaa …
Mutter: Da fiel mir was auf …
Nessy: Jaaa …
Mutter: Wer ist Peter?
Nessy: Was?
Mutter: Also, wenn da was ist, das du mir sagen möchtest …
Nessy: Peter …?!
Mutter: Von dem du so viel Post bekommst.
Nessy: Ach so! Mama … Peter ist mein Chef.
Mutter: Und er schreibt dir Briefe?
Nessy: Mama, mit E-Mails ist das etwas anders. Nicht so wie bei der gelben Post. Man schickt E-Mails auch, wenn man im Büro nebenan sitzt. Mit Dokumenten dran. Oder er leitet E-Mails von anderen weiter, damit ich sie bearbeite. Oder wir danach drüber sprechen.
Mutter: Und das macht er so oft?
Nessy: Wir arbeiten eng zusammen.
Mutter: Eng zusammen?!
Nessy: Nicht so!
Mutter: Also nichts, das ich wissen müsste?
Nessy: Nein.
Mutter: Du weißt aber, dass du mit mir immer über alles reden kannst.
Nessy: Ja, Mama.
Mutter: Dann ist ja gut.

„Vielen Dank für Ihre E-Mail“ …

17. 08. 2010  •  Keine Kommentare
Im Urlaub sollte man nicht in seine Mails schauen, die beruflichen. Ich mache das trotzdem. Es entspannt mich sogar. Ich sehe den Betreff und den Absender und klicke danach mit Wonne das Fenster zu. Tja, leider kann ich jetzt nicht beantworten, habe Urlaub.

Die Absender – Sie machen das sicherlich auch so – bekommen die übliche Abwesenheitsnotiz: „Vielen Dank für Ihre E-Mail … blabla … Bin im Urlaub … Melde mich nach meiner Rückkehr …“.

Gestern habe ich überlegt, wie es wäre, wenn man diese Abwesenheitsnotiz absenderabhängig gestalten könnte:

Vielen Dank für Ihre E-Mail. Eine von 30 jede Woche! Können Sie sich vorstellen, dass man dadurch urlaubsreif wird? Unter anderem Ihretwegen bin ich jetzt weg. Mich erholen. Ausspannen. Neue Kräfte suchen. Noch bis um 31. August. Wenn das mal reicht!

Schön, dass Sie mir schreiben. Noch schöner: Ich werde Ihnen nicht antworten. Das war mir schon immer ein Wunsch: Ihnen einmal nicht auf Ihre blöden Anfragen antworten. Jetzt ist es endlich soweit – wenigstens bis zum 31. August.

Wie – Sie müssen arbeiten? Und es regnet auch noch? Keine 20 Grad? Sie arme Sau! Ich liege jetzt am Strand: 28 Grad, leichter Wind, das Rauschen des Meeres, meine Haut prickelt leicht von der Sonne. Am 31. August bin ich wieder bei Ihnen. Vielleicht.

Hey – Sie sind’s. Ich denke oft an Sie, am Strand, auf meiner Sonnenliege. Rein platonisch natürlich. Aber dennoch: mit Herz. Wenn ich am 31. August wiederkomme, rufe ich Sie gleich an. Versprochen. Bussi.

Tiefe Verunsicherung

20. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Die Kantine hat ihre Puddingstruktur umgestellt.

Das Grundproblem:
Die Kantine serviert täglich Pudding als Beilage. Dabei handelt es sich um Tarn-Puddings: Man denkt, es sei Schokolade – in Wirklichkeit ist es aber Caramel. Manchmal tarnt sich auch Capuccino als Schokolade oder Zitrone als Vanille. Oder – worst case: Marzipan (!) tarnt sich als Vanille. Jedenfalls ist nichts das, was es scheint; in jedem Schälchen wartet der saP: der schlimmste anzunehmende Pudding.

Der Trick:
Meine jahrelange Erfahrung hat mich ein Schema gelehrt. Für gelbe Puddings gilt: Besteht das Topping aus gehackten Pistazien, handelt es sich um Zitrone (nicht nehmen). Bei Mandeln ist es Marzipan (absolut niemals nehmen). Nur bei Schokostreuseln ist es Vanille (yummie). Bei braunem Pudding analog.

Und nun das! Nüsschen-Topping bedeutet plötzlich Vanille! Schokostreusel sind nun Bayrisch Creme. Nichts ist mehr, wie es war. Jeder Kantinengang ein Abenteuer!

Ich bin zutiefst verunsichert.

Der Indianer von der schnellen Eingreiftruppe

9. 02. 2009  •  Keine Kommentare
Sie sind die schnelle Eingreiftruppe: der Indianer, der Klingone und der Stumme. Drei bärtige Mädchen für alles, eins männlicher, eins weniger, das dritte ein Pantoffeltierchen.

Der Indianer ist der Chef. Ein Baumstamm von Mann, Militärklamotten, lange Haare, Bandana, Neun-Tage-Bart, Whiskey-Stimme. Sein Gang: schwerfällig und wiegend, wie gerade vom Pferd gestiegen. Sein Auto: ein schwarzer Caddy, außen glänzend, innen eine Rumpelkammer mit zwei dicken Schaumstoffwürfeln am Rückspiegel.

Sein Mitarbeiter: der Klingone. Ein Mann dünn wie ein Fleischerhaken mit Ohren wie Parabolantennen, einer Nase wie ein Kleiderbügel und einer Haut, hansaplastgelb wie der Naturdarm meiner Frühstücksleberwurst.

Sein Handlanger: der Stumme. Ein farb-, aber nicht geruchsloser Fussel von Mann. Aus all seinen Poren sickert Qualm; er schmoikt zehn in der Stunde, ohne Filter, mit fahler Haut und wunden, zitternden Fingern.

Der Indianer, der Klingone und der Stumme entrümpeln. Sie tragen Schränke von Büro zu Büro, vom Flur ins Magazin und vom Möbellager an die Arbeitsplätze. Sie schmeißen weg, was übrig ist, wuchten, stemmen und hieven, rollen Schweres über Fliesen und tragen Leichtes über Teppiche. Sie lassen Tische zum Fenster hinunter und werfen Stühle in die erste Etage hinauf.

Seit Kurzem bin ich dem Indianer ein blonder Fixpunkt auf dem grauen Unternehmensgelände. Ich tat ihm einen Gefallen und er mir. Nun macht er mir Avancen, spricht, schäkert und lädt mich nicht nur zu seinen Konzerten ein, bei denen er mit rauchiger Stimme deutsche Rockmusik röhrt. Er möchte mich zuvor auch mit einer Stretch-Limo abholen.

Ich traue es ihm tatsächlich zu, denn er ist ein unbekümmerter Rübezahl ohne künstliche Attitüden. Nicht Wenige halten ihn für gaga, für unangepasst und einfältig, für berufsjugendlich, ungehobelt und asozial, aber wer ihm zuhört, wer durch seine Flecktarnweste in sein Herz schaut, sieht einen konservativen Romantiker, einen weltklugen Kerl mit Charakter, der altbackener ist, als er zu sein scheint.

In seiner Band spielt er unter einem Pseudonym. Heute googelte ich nach seinem Klarnamen, und siehe da: Er war einst Schauspieler, damals in den 80ern. Es gibt Foren, in denen Frauen fragen, was aus ihm wurde. Ich könnte es ihnen sagen. Aber ich tue es nicht. Der Indianer und ich, wir gehen demnächst erstmal Stretch-Limo fahren. Oder zumindest gemeinsam in die Betriebskantine.



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