Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Broterwerb«

Tiefe Verunsicherung

20. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Die Kantine hat ihre Puddingstruktur umgestellt.

Das Grundproblem:
Die Kantine serviert täglich Pudding als Beilage. Dabei handelt es sich um Tarn-Puddings: Man denkt, es sei Schokolade – in Wirklichkeit ist es aber Caramel. Manchmal tarnt sich auch Capuccino als Schokolade oder Zitrone als Vanille. Oder – worst case: Marzipan (!) tarnt sich als Vanille. Jedenfalls ist nichts das, was es scheint; in jedem Schälchen wartet der saP: der schlimmste anzunehmende Pudding.

Der Trick:
Meine jahrelange Erfahrung hat mich ein Schema gelehrt. Für gelbe Puddings gilt: Besteht das Topping aus gehackten Pistazien, handelt es sich um Zitrone (nicht nehmen). Bei Mandeln ist es Marzipan (absolut niemals nehmen). Nur bei Schokostreuseln ist es Vanille (yummie). Bei braunem Pudding analog.

Und nun das! Nüsschen-Topping bedeutet plötzlich Vanille! Schokostreusel sind nun Bayrisch Creme. Nichts ist mehr, wie es war. Jeder Kantinengang ein Abenteuer!

Ich bin zutiefst verunsichert.

Der Indianer von der schnellen Eingreiftruppe

9. 02. 2009  •  Keine Kommentare
Sie sind die schnelle Eingreiftruppe: der Indianer, der Klingone und der Stumme. Drei bärtige Mädchen für alles, eins männlicher, eins weniger, das dritte ein Pantoffeltierchen.

Der Indianer ist der Chef. Ein Baumstamm von Mann, Militärklamotten, lange Haare, Bandana, Neun-Tage-Bart, Whiskey-Stimme. Sein Gang: schwerfällig und wiegend, wie gerade vom Pferd gestiegen. Sein Auto: ein schwarzer Caddy, außen glänzend, innen eine Rumpelkammer mit zwei dicken Schaumstoffwürfeln am Rückspiegel.

Sein Mitarbeiter: der Klingone. Ein Mann dünn wie ein Fleischerhaken mit Ohren wie Parabolantennen, einer Nase wie ein Kleiderbügel und einer Haut, hansaplastgelb wie der Naturdarm meiner Frühstücksleberwurst.

Sein Handlanger: der Stumme. Ein farb-, aber nicht geruchsloser Fussel von Mann. Aus all seinen Poren sickert Qualm; er schmoikt zehn in der Stunde, ohne Filter, mit fahler Haut und wunden, zitternden Fingern.

Der Indianer, der Klingone und der Stumme entrümpeln. Sie tragen Schränke von Büro zu Büro, vom Flur ins Magazin und vom Möbellager an die Arbeitsplätze. Sie schmeißen weg, was übrig ist, wuchten, stemmen und hieven, rollen Schweres über Fliesen und tragen Leichtes über Teppiche. Sie lassen Tische zum Fenster hinunter und werfen Stühle in die erste Etage hinauf.

Seit Kurzem bin ich dem Indianer ein blonder Fixpunkt auf dem grauen Unternehmensgelände. Ich tat ihm einen Gefallen und er mir. Nun macht er mir Avancen, spricht, schäkert und lädt mich nicht nur zu seinen Konzerten ein, bei denen er mit rauchiger Stimme deutsche Rockmusik röhrt. Er möchte mich zuvor auch mit einer Stretch-Limo abholen.

Ich traue es ihm tatsächlich zu, denn er ist ein unbekümmerter Rübezahl ohne künstliche Attitüden. Nicht Wenige halten ihn für gaga, für unangepasst und einfältig, für berufsjugendlich, ungehobelt und asozial, aber wer ihm zuhört, wer durch seine Flecktarnweste in sein Herz schaut, sieht einen konservativen Romantiker, einen weltklugen Kerl mit Charakter, der altbackener ist, als er zu sein scheint.

In seiner Band spielt er unter einem Pseudonym. Heute googelte ich nach seinem Klarnamen, und siehe da: Er war einst Schauspieler, damals in den 80ern. Es gibt Foren, in denen Frauen fragen, was aus ihm wurde. Ich könnte es ihnen sagen. Aber ich tue es nicht. Der Indianer und ich, wir gehen demnächst erstmal Stretch-Limo fahren. Oder zumindest gemeinsam in die Betriebskantine.



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