Draußen nur Kännchen Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Broterwerb«

Die Stempel-Frage

25. 03. 2013  •  46 Kommentare

Auf Schicht gehen wir derzeit einem Rätsel nach.

Der Brötchen-Dealer vor der Bürotür verkauft neben Gebäck auch Kaffee in Bechern. Für jeden gekauften Kaffee kann man in einem Stempelheft Stempel sammeln. Nach zehn Stempeln gibt es einen Kaffee gratis.

Man könnte nun denken, die Gleichung laute: 1 Kaffee = 1 Stempel. Das ist allerdings nur bei meiner Kollegin so. Ich hingegen bekomme zwei Stempel pro Kaffee. Die Kollegin fühlt sich deshalb benachteiligt, ist deprimiert und hat die Freude am Kaffeetrinken verloren.

Zunächst dachten wir, es liege am Getränk: Die Kollegin kauft nämlich Milchkaffee, ich Latte Macchiato. Beides kostet zwar das Gleiche, 1,50 Euro, aber hey – wer weiß. Die Kollegin kaufte also auch Latte Macchiato – und bekam nur einen Stempel.

Dann dachten wir, es liege an der Bäckereifachfrau. Vielleicht findet mich eine bestimmte Bäckerei-Angestellte scharf und gibt mir deshalb zwei statt einen Stempel. Doch nein: Egal, wer mich im Laden bedient – ich bekomme immer zwei Stempel. Das kann also auch nicht stimmen.

Dann kam der Tag, an dem ich nicht zwei, sondern sogar drei Stempel bekam. Für nur einen Kaffee. Es lief grad nicht gut im Bäckersladen, die Stimmung war angespannt und die Bäckersfrau war aggro. Wild stempelte sie mein Heft voll: Wumm! Wumm! Wumm! Als ich, heftig mit dem Stempelheftchen wedelnd, ins Büro kam, war meine Kollegin völlig fertig. Zwei zu eins war ja schon frustrierend genug, aber drei zu eins? Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Sofort krallte sie sich ihr Stempelheft, ging hinunter – und kam mit einem Kaffee und nur einem Stempel zurück.

Wir stellten trotzdem die These auf, dass es mehr Stempel gibt, je mieser die Bäckerei-Angestellte drauf ist. Weil sie damit ihrem Chef schaden kann. Oder weil sie sich, den Stempel mit Krawumm auf die Stempelkarte pressend, erfolgreich abreagiert. Kathartisches Kaffeestempeln sozusagen. Aber auch hier lässt sich kein Muster erkennen.

Aber kann es nur Zufall sein?

Ein paar Gedanken zu Frau Schavan

6. 02. 2013  •  112 Kommentare

Frau Schavan ist ihren Doktortitel los.

Diesem Beitrag möchte ich vorausschicken: Wenn ihre Dissertation akademischen Qualitätsansprüchen nicht genügt und auch nie genügt hat, ist das einer Bildungsministerin unwürdig. Es liegt mir fern, schlampiges wissenschaftliches Arbeiten zu verteidigen. Trotzdem möchte ich ein paar Dinge zu bedenken geben.

Als ich Anfang vergangenen Jahres beim Guttenplag die Arbeit von Karl Theodor zu Guttenberg ansah, musste ich schallend lachen. Ich habe zu dem Zeitpunkt noch selbst an meiner Dissertation gearbeitet, und was Herr zu Guttenberg da fabriziert hatte – nun ja, jeder Zweitsemesterstudent konnte erkennen, dass keine Nachlässigkeit dahintersteckt. Offensichtlicher und umfänglicher kann man eine Täuschungsabsicht wohl nicht dokumentieren.

Auch bei Frau Schavan habe ich mir die Dokumentation (pdf) der Plag-Leute angeschaut. Der Fall ist anders gelagert als bei zu Guttenberg. Die, sagen wir mal, Ungenauigkeiten sind bei weitem nicht so dreist, nicht so eklatant, auch wenn sie, endend beim unvollständigen Literaturverzeichnis, letztendlich zur Aberkennung des Titels geführt haben.

Wer heute an einer Dissertation arbeitet, hat zahlreiche elektronische Möglichkeiten, seine Literatur und seine Gedanken zu verwalten. Trotzdem sind mir in meiner eigenen Arbeit Fehler unterlaufen. So steht im Text an einer Stelle die Quelle “Müller 2010”, im Literaturverzeichnis aber “Müller 2011”. Das sollte nicht passieren, kann eigentlich bei korrekter Anwendung von Literaturverwaltungssoftware auch nicht passieren. Aber irgendwann während der mehrjährigen Arbeit an diesem 250-seitigen Dokument es ist passiert. Mein Doktorvater hat es bemerkt und mich dafür abgewatscht – und meine Korrekturleser gleich mit. Richtig so.

Was ich aber damit sagen will: Ich halte es für praktisch unmöglich, Fehler komplett zu vermeiden. Ich möchte deshalb nicht wissen, welche Unsauberkeiten selbst dem redlichsten Doktoranden 1979 durchgegangen sind, als noch mit Zettelkästen und Schreibmaschine gearbeitet wurde.

Nochmal: Ich möchte damit mitnichten Plagiatoren verteidigen, auch nach mehreren Jahrzehnten sind. Ich möchte lediglich einordnen.

Meine Dissertation ging durch eine Plagiatssoftware. Das ist Standard; die Abgabe in gebundener wie auch in elektronischer Form ist obligatorisch. Bei Frau Schavan war es das damals nicht; die Plagiatsfeststellung war und ist ungleich schwieriger.

Umso mehr verblüfft es mich, dass sich jemand die Dissertation dieser Frau vornimmt, einer langjährigen Politikerin, die nunmehr 57 Jahre alt ist und deren Arbeit vor 33 Jahren entstanden ist. Solch eine Arbeit zu prüfen, 35, 40, 50 Jahre alte Literatur zu beschaffen, jede Fußnote zu vergleichen und zusätzlich all jene Textstellen zu kontrollieren, die keine Fußnote haben – das ist ein Vollzeitjob. Für Wochen. Wer macht sowas? Und warum? Cui bono?

Meine Einschätzung zu Herrn Guttenberg war seinerzeit: Jeder, der täuschen möchte und es auch tut, stellt sich, selbst wenn ich ihm wohlwollend an Debilität grenzende Blödheit unterstelle, nicht so dumm an wie Herr zu Guttenberg. Solch ein plumpes Kopieren fabriziert man nicht selbst.

Und ein Plagiatsjäger, der sich ohne Verdachtsmoment die Mühe macht, eine 33 Jahre alte Dissertation herauszukramen (ausgerechnet diese!) und sie bis ins Detail zu prüfen, macht das nicht als Freizeitvergnügen. Er macht es auch nicht aus einem übermäßigen Gerechtigkeitsempfinden heraus – sondern weil es einen Zweck hat. Für ihn oder für Dritte.

Hätte Annette Schavan übrigens vor 33 Jahren einen Menschen getötet, wäre der Totschlag seit drei Jahren verjährt.

Zwei Erzieherinnen in der U-Bahn

23. 01. 2013  •  56 Kommentare

Zwei Damen in der U-Bahn. Ich steige mitten im Gespräch ein.

(…)
“Im Urlaub bin ich in Spanien.”
“Wie kommste denn dahin?”
“Mit dem Auto.”
“Ja, aber, wie kommste dahin?”
“Hä?”
“Erdkunde war echt nie mein Ding.”
“Durch Frankreich.”
“Ach so.”
“Bist du dumm, odda watt?”
” ‘Schab doch abgebrochen. Hab ich dir doch schomma erzählt.”
“Schule, odda watt?”
“Nache Neunten. Weil, ich bin da einfach nich’ mehr hingegangen. Wurde auch gemobbt und so. Und dann hat meine Mutter gesacht: Dat bringt ja allet so nix mehr. Die zehn Pflichtschuljahre waren ja auch voll.”
“Und wieso machse getz Erzieherin?”
“Weil, wird gebraucht, hat die vom Amt gesacht. Wat has’ du eigentlich vorher gemacht?”
“Industriekauffrau. Abba hab’ ich nich’ zu Ende gemacht, die Lehre. Bei der Prüfung war ich damals ja schwanger und ich war auch so aufgeregt, da bin ich durchgefallen und nich’ mehr hingegangen. Abba getz, wo ich 30 bin und mein Sohn außem gröbsten raus is’, dachte ich, da starte ich nomma durch.”
“Erzieherinnen werden gesucht.”
“Dat hamwa schon allet richtich gemacht.”

Disputation

9. 07. 2012  •  49 Kommentare

Heute habe ich Wein und Pralinen gekauft.

Der Wein ist für meinen Doktorvater: ein Château Grange Neuve Pomerol 2009. Die handgemachte Ruhrgebietspralinen sind für meinen bayerischen Zweitkorrektor. Allerdings bekommen die Herren die Geschenke erst nach der morgigen Disputation, sonst wäre es ja Bestechung und kein Dank für die Betreuung.

Drücken Sie mir bitte die Daumen. Früher Nachmittag.

Ach ja, und falls ich nicht bestehe: Dann kriegen die beiden natürlich nix. Mein Vater hat sich stattdessen aufopferungsvoll bereiterklärt, noch am gleichen Abend den sündteuren Wein mit mir zu versaufen und dabei alle Pralinen zu verdrücken. Wie tröstlich.

Zehn Gründe, Nerds zu lieben

20. 06. 2012  •  50 Kommentare

Warum Nerds toll sind:

  1. Sie bauen uns tolle Dinge.
  2. Sie kennen immer die neuesten Gadgets.
  3. Sie kümmern sich nicht um Äußerlichkeiten.
  4. Sie sind kreativer als Künstler, und ihre Werke viel zweckdienlicher.
  5. Sie kennen Nischenprodukte wie Currywurst-Chips.
  6. Sie können dazu auch ein fundiertes Urteil abgeben.
  7. Sie tragen gerne lustige T-Shirts.
  8. Sie sind leicht zu begeistern.
  9. Sie pflegen morgens ein sympathisches Easy going, und …
  10. … über Nacht ist plötzlich alles erledigt.

Fragen zum Streik

21. 03. 2012  •  64 Kommentare

Heute wieder ver.di-bedingtes Radfahren.

Diesmal allerdings bei schönem Wetter, was mich zu dem Vorhaben bewegt, wieder öfters mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Es war nämlich richtig nett.

Worüber ich während des Radelns aber vielmehr nachgedacht habe, ist:

  1. Haben alle Ruhris ein Auto? Oder haben sie nur kein Fahrrad? Nehmen sich die Leute frei? Trotzdem, dass weder Busse noch Bahnen fuhren, waren kaum Radfahrer unterwegs.
  2. Was bringt der Streik eigentlich? Die Arbeitgeber kratzt es doch wenig: Alle Monatskarten sind bereits bezahlt, und die KiTa-Beiträge werden auch nicht anteilig erstattet.
  3. Wie soll eine Lohnerhöhung finanziert werden? Das kann ja nur über Beitragserhöhungen geschehen.

Vielleicht kann hier mal ein Streikender schreiben, wie er oder sie das sieht. Ich finde ja auch, dass Erzieherinnen zu wenig verdienen. Aber so richtig solidarisch fühle ich mich wegen der oben genannten Fragen trotzdem nicht. Oder wie sehen Sie das?

Arbeiterkind

25. 01. 2012  •  117 Kommentare

Sozialerhebungen sagen:

Die Herkunft entscheidet, ob ein Kind studiert. Von 100 Akademikerkindern studieren 71. Von 100 Nicht-Akademikerkindern studieren nur 24. Ich bin eines dieser 24.

Jetzt, im Nachhinein, ist meine Familie sehr stolz, dass ich studiert habe. Und noch mehr, dass ich dieses Doktordings gemacht habe.

Nach der Schule, zu dem Zeitpunkt, wenn andere wissen, was das Beste für einen ist, fragte meine Verwandtschaft allerdings zunächst: “Was willst du denn mit einem Studium?” –  “Willst du nicht erstmal eine Lehre machen? Dann hast du was in der Hand.” – “Wir haben auch alle erstmal Ausbildung gemacht. Da ist doch nicht Schlechtes dran!” –  “Denkst du etwa, du bist was Besseres?”

Es war nicht leicht, solche Aussagen auszuhalten, als junges Mädchen.

Meine Eltern haben mich immer unterstützt, konnten mir aber ab der achten Klasse nicht mehr helfen. Mathe, Sprachen – sie stießen an Grenzen. Mit Beginn des Studiums begann noch einmal ein neuer Abschnitt, denn hier war es nicht nur das Fachliche, das sie nicht kannten, sondern auch die Lernkultur.

Natürlich schreibt auch ein Soziologe seinem Sohn, der Physik studiert, nicht die Klausuren. Aber er hat ein Verständnis davon, was es heißt zu studieren. Dass dasitzen und denken auch Leistung hervorbringt. Er weiß, wie man wissenschaftlich arbeitet. Was es bedeutet, eigene Untersuchungen durchzuführen. Und dass eine wissenschaftliche Arbeit etwas anderes als ein Schulaufsatz ist.

Meine Eltern haben sich immer für mich interessiert. Sie lasen sich jede meiner Hausarbeiten von vorne bis hinten durch, sogar spröde, mit minimaler Mühe zusammengezimmerte Werke. Warum mein Studium so lange dauerte, war trotzdem oft ein Thema – obwohl ich in der Regelstudienzeit studiert habe.  “Wie viele von diesen Scheinen musst du noch machen?” – “15, Mama.” – “Und wie viele machst du dieses Semester?” – “Acht.” – “Warum nicht alle 15?” – “Das geht nicht, Mama.” – “Lehrjahre sind keine Herrenjahre.” – “Acht Scheine sind echt viel. Das sind drei Klausuren und fünf Hausarbeiten.” – “Und diese Vorlesung, die du noch belegen musst?” – “In das Seminar bin ich nicht reingekommen.” – “Bist du wieder nicht früh genug aufgestanden?”

Ich hatte nie ein Stipendium. Während des Studiums hatte ich bisweilen fünf Jobs: ein paar Stunden abends in der Woche, ein paar weitere woanders am Wochenende, dazu mittwochsnachmittags zwei Stunden Nachhilfe geben, donnerstags als Tutorin an der Uni arbeiten und während der Semesterferien Messestände zusammenbauen.

Natürlich habe ich Bafög beantragt. Ich füllte 20 Formblätter aus und beantragte es. In meinem besten Semester bekam ich 160 Mark, in meinem schlechtesten zwölf. Keine Ahnung, wie es berechnet wird – meine zu wohlhabenden Eltern konnten mir jedenfalls nur die Miete für meine Studentenbutze zahlen.

Auch meine Diss habe ich neben dem Job geschrieben. Die meiste Zeit lang neben einer vollen Stelle. Nur im vergangenen Jahr habe ich für eine Weile meine Arbeitszeit reduziert, weil ich es anders nicht hingekriegt hätte.

Sagen Sie ruhig, es sei eigene Dummheit, dass ich kein Stipendium beantragt habe, denn das stimmt. Aber mir war zum entscheidenden Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich es wert sein könnte, gefördert zu werden. Denn: “Wer Geld will, muss arbeiten”, hieß es bei uns zu Hause immer. Hinzu kam: Die Unis, an denen ich war, schwiegen allesamt sehr ausführlich, wenn es um Förderung ging. Das ist natürlich keine Entschuldigung für fehlende Eigeninitiative. Aber es ist trotzdem ein Grund.

Wenn ich über mein Unileben nachdenke oder wenn ich an andere Doktoranden denke, die ich in Kolloquien traf, verstehe ich, welche Vorteile Akademikerkinder haben: Es sind die Kultur, die Sozialisation, das Selbstverständnis, die alles leichter machen. Auch die geringeren Sorgen um das finanzielle Drumherum – aber das ist zweitrangig. Es ist das weniger an Kämpfen, das sie ausfechten müssen. Das alles erleichtert die Entscheidung für ein Studium – und das Durchhalten.

Aber eins ist auch klar: Ich möchte nichts missen. Keinen Job, keine Kämpfe, keine Durststrecken. Denn inzwischen weiß ich: Was früher mein Nachteil war, ist heute mein Vorteil.

Es geht dem Ende zu

28. 11. 2011  •  43 Kommentare

Vorletztes Kapitel, vorletzter Korrekturdurchgang:

"Warum kommt das erst hier? Sowas kann auch in der Einführung stehen."

"Warum kommt das erst hier? Sowas kann auch in der Einführung stehen!"

Sagen Sie Ihren Freunden nie, Sie werden “bald” mit Ihrer Dissertation fertig sein. Auch dann nicht, wenn Sie alles fertig geschrieben haben. Denn in Anbetracht dessen, was nach dem Schreiben noch kommt, ist “bald” in seiner landläufigen Bedeutung nicht ganz zutreffend.

6,8 MB Tabellenanhang und Dokumentation sind fertig. Nun arbeite ich nur noch Verbesserungen ein: Ich kürze, ergänze, schiebe Absätze von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten und baue zusätzliche Grafiken ein – wo von den Korrekturlesern gefordert.

Ein paar Wochenenden lang werde ich noch beschäftigt sein. Dann gebe ich ab.
Ganz bald also.



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