Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Mittwoch, 21. März

21. 03. 2018  •  4 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Reisetag: 530 Kilometer geradeaus gefahren – von Carassai in den italienischen Marken zum Iseosee nördlich von Bergamo.

Nachdem ich heute erwacht war, blickte ich zuerst aus dem Fenster. Denn die Wettervorhersage hatte Schnee für den Morgen angezeigt. Doch es regnete bei zwei Grad. Grauselig.

Ich packte das Auto und verabschiedete mich von M. An dieser Stelle auch nochmal einen dicken Dank für die Gastfreundschaft!

Ich fuhr die A14 hinauf, die Autostrada Adriatica  – von Pedaso über Ancona und Rimini, vorbei am Abzweig nach Ravenna bis nach Bologna. Auf einem Teil der Strecke hat man das Meer neben sich. Die Adria brodelte und schäumte in Braun-Türkis. Ein tolles Schauspiel.

Je weiter ich nach Norden fuhr, desto besser und wärmer wurde das Wetter. Auf einer Raststätte an der A4 Venedig – Mailand stand ich irgendwann in der Sonne und freute mich über den Frühling.

Rasen mit Blumen vor Baumreihe

Meine Wege über die Straßen Italiens sind lang. Aber sie zeigen auch etwas vom Land. Hier im Norden ist viel los auf den Straßen, viel Individualverkehr, viel Frachtverkehr. Es gibt lange Gewerbegebiete entlang der Autostrada, bekannte Namen an den Fabrikhallen und bekannte Speditionen auf den Straßen.

Südlich von Florenz hingegen: weniger Verkehr, weniger Fracht, weniger Autos. Im Westen, nördlich von Rom, schlechte Straßen auf dem Land. Im Osten, in den Marken und in den Abruzzen: gemütlicher Landstraßenverkehr. An der Adria: Warten auf die Touristen. Die Parkplätze und Straßen sind für mehr ausgelegt als das, was jetzt da ist. Die Raststätten sind voller Souvenirs, landestypischer Lebensmittel, Kinderspielzeug und Süßwaren.

Am späten Nachmittag erreichte ich den Lago d’Iseo, und manchmal ist es wie beim Auspacken eines Geschenks: Ich biege um eine Kurve und plötzlich – ein Panorama wie in einem Katalog.

Iseeosee im Vordergrund, dahinter Berge, zum Teil mit Schnee

Mein Domizil liegt ein Stück den Berg hinauf. Eigentlich kein langes Stück, ein oder anderthalb Kilometer – aber mit 25 Prozent Steigung. Es wird mir eine Freude sein, hinauf und hinunter zu stapfen.

Ausblick von der Terrasse:

Ausblick von der Terrasse in Bianica: Ein orangenes Haus, dahinter Berge und See

Nach Ankunft das übliche Programm: Auto ausräumen, Besuch im Supermarkt und Einkauf für Frühstück und die nächsten Tage.

*

Lied zum Mittwoch: Emma Marrone – Effetto Domino

Dienstag, 20. März

20. 03. 2018  •  11 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Heute, und das muss auch mal sein, ein mäßiger Tag in Italien.

Zunächst einmal ist es schweinekalt. Immerhin gab das Wetter heute Morgen Anlass zu bescheidenem Optimismus, denn es regnete nicht. Ich suchte mir eine Wanderung aus meinem Büchlein und startete in Richtung Montemonaco. Doch dort angekommen:

Straße im Nebel mit Bäumen als schwarze Schatten

Nebel. Auf dem Bild – das ist noch bescheidener Nebel. Es war zwischendurch so neblig, dass ich die Kreuzung nicht sah, auf die ich gerade zufuhr – und auf der ich dann stand. Lustige Sache. Die Wanderung fiel also aus.

Ich suchte mir eine Alternative 600 Höhenmeter weiter unten und ein Stück weiter im Norden: ein flacher Spaziergang durch ein Naturschutzgebiet. So gurkte ich 50 Kilometer von Dorf zu Dorf durch die Marken. Ich kann nun mit Fug und Recht behaupten, dass ich ein Großteil des Gebiets durchkämmt habe.

Das Kloster Chiaravalle di Fiastra gibt es seit dem 12. Jahrhundert.

Abbadia Chiaravalle di Fiastra

Das Kloster wurde aus den Steinen der römischen Siedlung Urbs Salvia errichtet. Urbs Salvia stammt aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus.

Bis ins sechste Jahrhundert nach Christus wurde die Siedlung bewohnt. Danach haben die Menschen sie verlassen. Der nahe gelegene Ort Urbisaglia wurde nach der Siedlung benannt. Heute stehen von der Urbs Salvia noch ein paar Mauern und ein Amphitheater – aus dem Rest der Steine haben die Mönche ihr Kloster gezimmert.

Alter Mauer mit Bank und einem Baum

Die Wanderung führte einen Fluss entlang, durch das nahe gelegene Naturschutzgebiet, einen Hügel hinauf und wieder hinunter – und eben zur Siedlung.

Abbadia Chiaravalle: Naturschutzgebiet - Allee mit Wieder

Dabei gelernt: Die gemeine deutsche Ente heißt auf Italienisch Germano Reale. Der Eisvogel heißt auf Italienisch Martin Pescatore – Martin, der Fischer.

Tafel mit Vogelarten

Es war saukalt. Ich musste Handschuhe anziehen und meine pinke Wandermütze aufsetzen. Im Wald war es matschig, nein, matschig ist kein Ausdruck: morastig, und irgendwie war die Stimmung mäßig. Jetzt regnet es in Strömen, und ich gehe einfach ins Bett.

Baum mit Moos

Tagwerk: 12 Kilometer
Höhenmeter: nur wenige

Der ausgedehnte Spaziergang ist die Wanderung Nummer 40 im Rother Wanderführer Marken/Adriaküste.

*

Morgen geht es weiter und einen großen Sprung Richtung Heimat: 500 Kilometer zurück in den Norden. Meine letzte Station in Italien für diese Reise ist Bianica am Lago d’Iseo, Iseosee. Er liegt zwischen Gardasee und Comer See nördlich von Bergamo.

Ich habe eine neue Karte gemalt. Sie zeigt sehr schön, warum ich sonst mit professionellen Grafikern und Grafikerinnen zusammenarbeite.

Landkarte

Der geschenkte Monat:

  1. Quattro Castella, Emilia Romagna (24. Februar – 2. März)
  2. Montefiascone, Lazio (2. – 10. März)
  3. Capelle Sul Tavo, Abruzzen (10. – 16. März)
  4. Carassai, Marken (16. – 21. März)
  5. Bianica, Lombardei (21. – 26. März)
  6. Langenthal, Oberaargau, Schweiz (26. – 28. März)

Rückfahrt via Heidelberg.

*

Gelesen: *schmatz* – Buddenbohm Senior steht in der Kassenschlange. Hinter ihm eine telefonierende Dame, und wir wissen alle, was er daraus macht: einen guten Text.

Gelesen: Frau Kaltmamsell hat sich noch einmal mit dem Film Call me by your name auseinander gesetzt, siehe gestern.

*

Musik: Benji & Fede – Buona Fortuna

Montag, 19. März

19. 03. 2018  •  4 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Kaltwetterfront in den italienischen Marken. Am Strand von San Benedetto del Tronto war ich heute kurz davor, meine Pudelmütze aufzusetzen, konnte mich aber gerade noch zusammenreißen.

San Benedetto del Tronto: Strand mit Palmen

Der Adriaort liegt brach. Sonst ein Urlaubsparadies mit Strand, Palmen, Strandbars, Promenade, Vergnügungsmeile und allem Drum und Dran, ist hier tote Hose. Die Leute renovieren ihre Hütten. Das Gelateria-Büdchen ist umzäunt. Vor der Tabaccheria pinselt ein Mann Farbe auf Holz. Hämmern und Bandschleifergeräusche.

Büdchenreihe

Heute ist dazu noch Montag, der Tag, an dem alles geschlossen hat. Auch der Barbier hält seinen Laden geschlossen, deshalb setzt er sich zu mir auf die Bank, während ich mein Eis esse. Woher ich komme? Ach, aus Deutschland. Von Deutschland kenne er Borussia Dortmund, den BVB finde er gut. Ich sage ihm, dass ich aus Dortmund komme. Er lädt mich auf einen Kaffee ein. Wir unterhalten uns über Fußball. Er sagt: „BVB. Matthias Sammer.“ Ich sage: „Das ist aber schon etwas her.“ Er sagt: „Der war gut.“ Ich sage: „Der war zuletzt bei den Bayern.“ Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Ich sage, dass ich gerne noch Blumen kaufen möchte für M, die mich so herzlich bei sich aushält. Der Barbier lässt es sich nicht nehmen, mir bei dieser Aufgabe zur Seite zu stehen. Wir gehen zum Blumenladen. Die Blumenfrau ist verzückt von uns, meint, wir sollten doch heiraten. Der Barbier ist auch verzückt von der Idee. Nur ich bin nicht verzückt. Der Barbier legt sich daraufhin ins Zeug und möchte mir den nahe gelegenen Berg zeigen, um einen romantischen Blick auf San Benedetto zu haben. Mir ist allerdings nicht romantisch. So verabschieden wir uns.

Schon am Vormittag in Ascoli Piceno bin ich aufgefallen. Keinem Barbier, sondern einer Gruppe alter Herren mit Schiebermützen und Pullundern, die auf der Piazza del Popolo stehen und sich über Frauen, Fußball und Politik hinterhalten, während ich, ganz Touristin, Fotos von der Architektur anfertige. Die Blondine, sagen sie – ja, so eine Frau wünsche man sich. Ich drehe mich zu ihnen um und lächele sie an. Einer der Herren hält sich seine faltige Hand vor den Mund. „Sie versteht mich“, raunt er seinem Kumpel zu, so laut, dass auch ich verstehe.

Die Großväter winken mir daraufhin synchron zu wie eine Schar Teenager. Ich winke kokett zurück. Sie kichern. Dann lupfen sie die Schiebermützen und verbeugen sie. Ich knickse. Wir lachen. Blond ist die Farbe des Frühjahrs hier in den Marken.

Ascoli Piceno ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ein 50.000-Einwohner-Ort in den Bergen. Die Piazza del Popolo sieht aus wie aus einem Prospekt: die Kirche, der Renaissance-Kreuzgang, der Palazzo dei Capitani del Popolo, das Caffè Meletti, auffliegende Tauben. Man möchte meinen, das habe jemand für Touristen so hingestellt und mit Sepia angepinselt, aber es ist so, wie es ist.

Ascoli Piceno: Piazza del Popolo

Es gibt auch einen Dom, und obwohl mir Dome inzwischen über sind, gehe ich hinein. Kann sein, dass dort etwas ist, dass ich sonst verpasse, etwas besonders Schönes oder etwas besonders Gruseliges. Doch weder noch: Es gibt Säulen und Kronleuchter. Der Altar steht unter einer blauen Kuppel. Links und rechts davon Stufen hinab in die Krypta. Vielleicht wieder eine Leiche. Ich steige frohgemut hinab.

Doch die Leichen hier sind eingesargt, in Reihen unter Bögen.

Alte Bögen, Steinsärge

Ich fühle Enttäuschung. Ich hatte mir etwas mehr Thrill erhofft. Nach der Heiligen Lucia Filippini erwarte ich allerorten tanatophilen Totenkult in Italiens Krypten.

Statt Thrill gibt es Mosaike, zum Beispiel über das große Erdbeben des Jahres 1943.

*

Gelesen: Eine Stadt sucht einen Mörder (ZEITplus/€) über die akribischen kriminaltechnische Ermittlungen, die zum Mörder von Carolin G. aus Endingen führten. Datenrecherche im großen Stil.

Gelesen: Jo Lendles poetischer Twitter-Thread über seinen Versuch, Leipzig per Bahn zu verlassen (via Kaltmamsell)

*

In San Benedetto del Tronto kaufte ich mir drei Bücher, darunter André Acimans Chiamami col tuo nome, dessen Verfilmung Call me your name jüngst einen Oscar für sein Drehbuch bekam.

Wieder zuhause las ich bei der Kaltmamsell, dass sie den Film am Abend zuvor im Kino gesehen hatte. Sie empfiehlt ihn weiter. Hier der Trailer:

Schön ihre Worte zum Liebeskummer:

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“

Sonntag, 18. März

18. 03. 2018  •  11 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Heute den Sonntag genossen und nichts getan. Dagesessen, gelesen, in die Landschaft geschaut – und irgendwann rausgegangen auf einen Spaziergang nach Carassai.

Carassai ist der Ort, in dem ich gerade zu Gast bin. Meine Landresidenz bei M liegt etwas außerhalb. Es sind rund zwei Kilometer in den Ortskern. Gerade die richtige Distanz für einen Sonntagsspaziergang nach einer Wanderung, um zu erkunden, ob es Eis gibt mich in der Geschichte des Ortes zu bilden.

Wenn man die Kommunalstraße entlanggeht oder -fährt, gibt es auffällige Verwerfungen auf dem Asphalt. Rund um Montefiascone waren es einfach Schlaglöcher, die das Fahren beeinträchtigen. Hier sind es quer oder diagonal zur Fahrbahn verlaufende Auffaltungen. Der Grund sind nicht Versäumnisse oder eine schlechte italienische Bauweise. Der Grund sind Erdbeben.

Straßenverwerfungen

Carassai liegt am Rande der Monti Sibillini und damit am Rande der roten Erdbebenzone. Das letzte schwere Erdbeben war 2016. Einige Straßen sind erst seit Kurzem wieder freigegeben und repariert. Gebäude wie zum Beispiel Kirchen sind noch gesperrt oder in Reparatur. Die Erde ist ständig in Bewegung – und mit ihr sind es die Straßen.

Carassai ist ein ganz niedlicher Ort auf einem Hügel.

Carassai aus der Ferne

Wie überall hier liegt die Altstadt oben. Etliche Häuser stehen zum Verkauf. In La Ripa war es genauso. Die alten Leute sterben, und niemand möchte in ihre Häuser nachziehen. Dabei seien sie gar nicht mal teuer, sagte M.

Doch das Leben in den engen Gassen auf dem Hügel ist kompliziert: Man muss alles hochschleppen. Man wohnt Schlafzimmer an Schlafzimmer mit den Nachbarn. Nichts bleibt ungehört. Und viel Platz ist auch nicht.

Carassai: Haus mit Aussicht ins Tal und Blumentöpfen vor der Tür

Ich kenne es ja aus Montefiascone: Für einige Tage Urlaub ist ein Quartier in der Altstadt charmant. Doch immer wollte ich dort nicht wohnen.

M wurde schon gefragt, ob sie nicht Leute aus Deutschland kenne, die ein Haus kaufen und in Carassai wohnen wollen – oder wenigstens ein paar Mal im Jahr herkommen möchte, um Ferien zu machen.

Carassai: Kirche in der Altstadt

Abgesehen von viel nachbarschaftlicher Nähe und fehlendem Komfort sagen sich hier natürlich Fuchs und Hase gute Nacht. Es gibt einen kleinen Supermarkt und eine Zwei-Säulen-Selbstbedienungstankstelle. Das Restaurant hat vor einigen Monaten geschlossen. Der Zahnarzt hat zwei Nachmittage in der Woche Sprechstunde.

Carassai: Blick von der Kirche hinunter ins Tal

Nach einem Besuch im Ort ging ich noch in die andere Richtung zum Rocca Montevarmine mit seinem alten Castello. Es verfällt derzeit. Man kann es nicht besuchen – nur hochsteigen und in die Landschaft gucken.

Castello Rocca Montevarmine

*

In Deutschland friert man derzeit, oder? Hier ist es auch kälter geworden. Wir haben zwölf Grad. Am Nachmittag kam ein bisschen die Sonne raus.

Via Montevarmine: Blick in die hügelige Landschaft mit Sonne und Schäfchenwolken

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Übrigens: Neun Kilometer gelatscht – ohne Eis. Die Stimmung war leicht angeschlagen. Der Rest Tiramisu von gestern Abend (M war meine Rettung) schaffte Ausgleich.

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Gelesen: In Braunschweig machen 48 Prozent der Schüler Abitur. In Cloppenburg 18 Prozent. Wie kann das sein? (ZEITplus/€) über soziale Milieus, ihre Haltung zu Bildung, zu Abitur und zu Studium. Ein unglaublich guter Artikel vom sehr geschätzten Henning Sußebach (gemeinsam mit Bastian Berbner), der mit vielen Zwischentönen erzählt, warum manche Schüler und Schülerinnen trotz fehlender Qualifikation zum Abitur geschleift werden, während andere, die das Zeug dazu hätten, in den Traditionen ihrer Eltern verharren.

Einige Abschnitte gingen mir nah – zum Beispiel der über Ellen, die den Wunsch hat, Architektin zu werden; die aber wahrscheinlich erstmal „etwas Sicheres, etwas Solides“ machen wird, um „etwas in der Tasche“ zu haben, weil Eltern und Berufsberatung darauf hinwirken. Denn ein Studium, noch dazu in einer Großstadt und verbunden mit dem Ausziehen von zuhause, sei „teuer, diffus, riskant“.

„Wow!“, könnte der Berufsberater nun rufen. „Wenn du dich anstrengst, wenn du lernst und gute Noten schreibst, kannst du nach der zehnten aufs Gymnasium und später Architektur studieren.“ Mit 14 ist noch so viel möglich. Es ist das Alter der Träume, die Zeit, in der selbst der Mond erreichbar er-scheint. Und Ellen möchte nur Architektin werden.

Doch der Berufsberater sagt: „Vielleicht guckst du erst mal nach Bauzeichnerin.“

In Braunschweig, der Stadt mit der 48-Prozent-Abiturquote, gehen Kinder zum Gymnasium, die auf einer Realschule besser aufgehoben wären. In Cloppenburg, der Stadt mit der 18-Prozent-Abiturquote, gehen Kinder auf die Oberschule, denen sich auf einem Gymnasium Welten öffnen könnten.

Eine Kindheit in Cloppenburg ist voll von Greifbarem – und manchmal verstellt der Blick auf das, was ist, den Blick auf das, was sein könnte. […]  Eine Kindheit in Braunschweig ist voller Konjunktive – und manchmal verstellt der Blick auf das, was sein könnte, den Blick auf das, was ist.

GelesenDas gute alte Postfach statt digitaler Medien – über ein Informationspapier des Personalrats des Staatlichen Schulamts in Karlsruhe. Der Personalrat stellt klar, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht verpflichtet sei, digitale Medien dienstlich zu nutzen.

Ich bin ja immer dafür, Wandel behutsam zu begleiten und den Menschen Raum für Veränderung zu lassen. Gleichzeitig sollten wichtige Ziele einfach gesetzt und nicht diskutierbar sein. Zum Beispiel, dass in Schulen Digitalisierung und digitale Bildung stattfinden muss. Für alle Beteiligten.

Da schließt sich ein stückweit der Kreis zu Braunschweig und Cloppenburg: Wie sollen Lehrkräfte ihren Schützlingen Perspektiven für die Zukunft eröffnen, wenn sie selbst in der Vergangenheit leben und arbeiten? Und damit meine ich nicht, dass jede Lehrkraft ein Technik-Geek werden und jede Unterrichtseinheit durchdigitalisiert werden muss. Sondern es geht um die Haltung, die ich gegenüber Veränderung vermittle, um Mut und darüber, Anstrengungen auf mich zu nehmen und mich Neuem zu stellen.

*

Musikalischer Wochenendabschluss: Jovanotti – Ragazzini Per Strada

Samstag, 17. März

17. 03. 2018  •  8 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Als ich heute Morgen erwachte, regnete es. Nach Tagen des Sonnenscheins war ich erst nicht in der Lage, die Geräusche zu deuten. Dann fiel es mir ein.

Beim Frühstück schaute ich in die Wetter-App: Ab 12 Uhr sollte es trocken werden. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr Richtung Ancona. Heutiges Tagwerk: Wanderung am Monte Conero, ein Kalkgebirge am Meer. Die Steinbrüche waren lange Zeit Erwerbsquelle der Bevölkerung. In großen Öfen wurde aus den Steinen Kalk gebrannt.

Die Wanderung begann damit, dass ich zum falschen Ausgangspunkt fuhr. In der Gegend gibt es nämlich zwei Kalksteinöfen mit einem großen Schornstein. Der erste, den man von der Straße aus antrifft, ist es nicht. Merkt man dann, wenn die Wegbeschreibung nicht auf die dort vorhandenen Wege zutrifft. Ich hab’s zum Glück recht rasch gecheckt und den zweiten Kalksteinofen gefunden.

Die Wanderung am Monte Conero verläuft so: Erst steigt man zwei Stunden lang auf der Landseite auf. Es geht durch Wald. Das ist der Pflichtteil. Dann beginnt man, den Berg auf der Meerseite zu umrunden. Das ist die Kür. Weil wir hier alle miteinander ein Team sind, gehen Sie mit mir auch durch den ersten Teil. Kann ja nicht sein, dass Sie nur die Panoramabilder bekommen, während ich mich im Schweiße meines Angesichts den Berg hochschleppe. Durch Wald:

Monte Conero: Waldweg

Über umgefallene Bäume:

Monte Conero: Laubbaum auf dem Weg

Manchmal auch darunter durch:

Monte Conero: Laubbaum auf dem Weg

Warum sieht das auf den Bildern eigentlich alles so flach aus? Vielleicht ist das wie mit dem Matsch. Den sieht man auf den Bildern auch nicht.

Irgendwann kam ich aus dem Wald heraus und betrat eine Ebene. Auf der Ebene war es ein bisschen nebelig.

Monte Conero: Schotterweg auf grüner Ebene mit Nebel

Es geht übrigens immer noch bergauf. Wir sind ungefähr bei Stunde 1,5. Tut mir leid. Sie müssen da gemeinsam mit mir durch.

Weiter oben sollte man eine wunderbare Aussicht ins sattgrüne Tal und in die dahinterliegenden Berge haben. Hat man bestimmt auch. Nur heute nicht.

20180317_Conero_05Monte Conero: Blick in die neblige Ebene

Danach ging es weiter bergauf durch Wald. Es war feucht und ein bisschen kühl, der Wald duftete sehr schön, und die Luft war angenehm auf der Haut. Überhaupt war es, obwohl es recht frisch war, ein angenehmes Wanderwetter und sehr prima im Wald.

Dann der erste Aussichtspunkt: Belvedere Nord mit Blick auf die Adriaküste bei Ancona. Ich verweilte etwas.

Monte Conero: Adriaküste aus der Höhe

Der Weg ging danach mal am Steilhang entlang, mal ein Stück wieder in den Wald hinein, erst noch ein ganzes Stück bergauf, dann über einen steilen Pfad bergab.

Im Rother-Wanderführer steht, man benötige 1,5 Stunden bis ganz hinauf. Nach ein paar Wanderungen hier in der Gegend kann ich sagen, dass die Gehzeiten im März nicht ganz hinhauen; das war auch in den Abruzzen so. Es gibt um diese Jahreszeit etliche Hindernisse, die das Vorhaben verlängern: umgefallene Bäume, glitschige Steine oder einfach nur viel Matsch, der es unmöglich macht, schnell zu gehen, und der gerade beim Bergauf- oder Bergabgehen rutschig ist. Man kann gut wandern, aber es braucht ungefähr ein Drittel mehr Zeit.

Auf dem Weg traf ich einen Kiosk. Er hatte tatsächlich geöffnet und ich kaufte mir ein Eis. Großartig. Bild von der Rast – mit Schlammdeko:

Rast mit dreckigen Schuhen und matschiger Hose

Nun, da wir oben sind und es nur noch bergab geht: Panorama. Erst geht es noch diesen Waldweg entlang.

Monte Conero: Pfad am Kloster

Dann geht es los.

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Nach 14 Kilometern war ich wieder an meinem zweiten, also dem richtigen Kalkofen und an meinem Auto. Eine sehr schöne Tour. Danke an meine Gastgeberin M für den Tipp.

Die Wanderung ist Tour Nr. 34 im Rother-Wanderführer Marken/Adriaküste. 450 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Länge circa 12 Kilometer. Wenn Sie erst am falschen Kamin parken, sind es 14,5 Kilometer.

*

Nach meiner Heimkehr wartete ein tolles Abendessen auf mich: M hatte mich zu selbst gemachter Pasta al Forno eingeladen. Was gibt es nach einer Wanderung Schöneres als eine Dusche und danach ein gutes Essen!

Pasta al Forno

Wir plauderten viel und lange, über Dieses und Jenes, Deutschland und Italien, das Schwabenländle und das Ruhrgebiet und huch, was ist das? Ein Tiramisu.

Tiramisu

Neben mir auf dem Stuhl am warmen Ofen:

Schlafende weiße Katze

Ein großartiger Abend!

*

Musik heute: Annalisa – Il Mondo Prima Di Te. Ich möchte nicht verhehlen, dass ich die Interpretin nervig finde. Da das Lied im Radio aber rauf und runter gespielt wird und ich meine Chronistenpflicht ernst nehme, will ich es Ihnen nicht vorenthalten.

Freitag, 16. März

16. 03. 2018  •  2 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Reisetag – aber nur ein kurzer. Denn ich bin nur 100 Kilometer gefahren: von Capelle sul Tavo an die Küste, ein Stück auf der Autostrada Adriatica nach Norden, wieder ein Stück ins Landesinnere.

Ich bin nun in den italienischen Marken. Die Region liegt zwischen der Adria und dem Appenin. Google Maps hat das schön umkringelt. Wie schon die Abruzzen sind die Marken eine sensationelle Landschaft. Ich stehe einfach auf die Kombi Berge plus Meer; ich hab’s immer schon geahnt, aber hier wird es mir noch einmal richtig bewusst. Tolle Gegend. Habe ich schon gesagt, dass es super hier ist?

Wenn Sie auch mal hierher kommen möchten: Von Frankfurt/Hahn aus können Sie nach Pescara fliegen. Das geht ganz flux.

Ich bin zu Gast bei M. Sie ist Schwäbin und wohnt seit 14 Jahren in Italien. Als ich darüber nachdachte, auf meiner Tour in der Nähe von Ascoli Piceno zu verweilen, schrieb sie mich an. „Dann kannst du zu mir kommen!“ Vielen Dank für die Gastfreundschaft! Ich bin sehr dankbar und freue mich auch ausgesprochen über die Gesellschaft.

Das ist die Aussicht aus meiner Residenz:

Aussicht auf hügelige Felder

Ich bin heute direkt den ersten Tipps von M gefolgt und habe zwei Orte in der Nähe besucht: Ripatransone (La Ripa) und Grottammare.

Es ist hier alles sehr ländlich, Sauerland auf Italienisch quasi: Hügel, Felder, Weinberge, Olivenhaine, in der Ferne die richtig hohen Berge. Also schon ein bisschen hübscher als Sauerland. Und auch mit besserem Eis. Und besserem Schinken. Und besserem Wein. Und mit Meer. Alles in allem also doch nicht wie Sauerland.

Ripatransone: Aussicht

La Ripa liegt auf einem Hügel, tut, was es kann, um gut auszusehen, und macht dabei eine ziemlich gute Figur. Wie immer darf man viel hoch- und runterlaufen. Erfreulicherweise geht mir das inzwischen sehr leicht von der Hand. Ich bin geradezu beschwingt, wenn ich eine steile Gasse sehe, und fühle mich aufgefordert, sie zu erklimmen.

Ripatransone mit Meer

A propos Gasse: In La Ripa gibt es die schmalste Gasse Italiens (#serviceblog Wissen). Sie ist nur 43 Zentimeter breit. Also schmaler als mein Kreuz. Hindurch ging’s nur mit eingeklappten Schultern oder im leichten Seitstep.

Ripatransone: Schmalste Gasse

Nachdem ich Ripatransone fertig erkundet hatte und vor allem: Nachdem keine Eisdiele geöffnet hatte, fuhr ich weiter nach Grottammare. Also ans Meer, das ich bis dahin schon aus dem Auto und vom Berg aus angucken durfte.

Jetzt wird es leider sehr hart für Sie – besonders für diejenigen unter Ihnen, bei denen es schon wieder schneit. Angeblich soll es in meiner Heimat in dieser Nacht minus acht Grad kalt werden – ich erhielt Nachrichten auf mein Handy, aus denen ich herauslas, dass sie mit zitternden Fingern getippt worden sind. Vor Kälte – oder vor Wut über die Kälte, ich weiß es nicht.

Für alle deutschen Winteropfer nun also die abendliche Atmosphäre in Grottammare:

Grottamare: Strandpanorama mit Bergen

Auf der Promenade stand das Jungvolk herum, spielte Fußball, bandelte an und neckte sich. Mir ist bewusst, dass die Palmenoptik unverschämt ist. Ich kann nichts dafür.

Grottamare Promenade

In der kleinen Innenstadt fand ich eine Eisdiele. Es war zwar schon 18 Uhr. Aber für ein gutes Eis ist es niemals zu spät. Die heutige Auswahl: Stracciatella, Milcheis mit Nutella und Nuss.

Eis im Hörnchen

*

Lied zum Wochenende: Mudimbi – Il Mago

Donnerstag, 15. März

15. 03. 2018  •  6 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

In meiner Nähe gibt es eine Stadt, die wie Pasta heißt: Penne. Das genügte mir als Antrieb, diesen Ort zu besuchen. Außerdem hat Penne eine Altstadt aus Terrakotta. Das sieht man ja auch nicht so oft. Dritter Grund: Penne hat 14.000 Einwohner – und deshalb sicherlich eine Eisdiele. Also auf nach Penne.

Der Weg von Capelle sul Tavo nach Penne führt über Landstraßen, Stradi Provinciali. Wenn ich gewusst hätte, was das für ein schöner Weg ist, wäre ich ihn schon öfter gefahren, immer hin und zurück: sattgrüne, hügelige Landschaft vor einer Bergkulisse mit schneebedeckten Gipfeln. Dazu Wein, Wein und nochmals: Wein. Großartig.

Commune di Penne: rechts ein Olivenbaum, Blick ins hügelige Tal, in der Ferne ein schneebedeckter Berg

Das Angenehme in den kleinen Städten wie Penne oder L’Aquila ist: Es gibt eine Straße, die auf den Ort zuführt, und dort parken alle. Also stellt man sich einfach dazu. Keine Parkplatzsuche, kein Rumgekrauche in irgendwelchen Einbahnstraßen, keine Parkhäuser, bei denen ich mich frage, wie das hier jetzt wieder funktioniert.

Blick auf Penne

Die Stadt Penne gibt es bereits seit der Zeit vor Christus. Karl der Große ernannte den Ort 773 zur Provinzhauptstadt. Die Stadt zieht sich über zwei Hügel. Das Bild oben zeigt den einen, ich stehe auf dem anderen.

Es gibt, Sie ahnen es bereits, viele Kirchen. Ich war nur in einer, der Chiesa della SS. Annunziata, denn so langsam reicht’s mir auch mit den Kirchen. Als ich sie betrat, dachte ich: „Das gibt‘s doch nicht! Da liegt schon wieder ’ne Leiche im Kasten.“ War aber nur ein Holzjesus.

Kirche, rechts ein Glaskasten mit einer liegenden Figur

Ich bin ein bisschen traumatisiert von meinem Reliquienfund in Montefiascone.

Das Schöne hier in Italien: Man spart sich den Sport. Immer geht es auf und ab und auf und ab. Man geht Hügel hinauf, kann hinunterschauen, geht wieder hinunter und kann hinaufschauen. Die Eisdiele ist übrigens immer oben. Oder, wenn man oben ist: unten.

In Penne haben sie in den steilen Gassen sogar einige der Terrakottabacksteine aus dem Boden gelassen, damit man im Winter gut zurechtkommt.

Gasse mit Katze

Mehr Eindrücke aus den Gassen:

Penne, Gasse mit Bergen

Penne, Gasse mit Blumen vor dem Haus

Penne

Der Blick von Penne hinab ins Tal – in Richtung Meer:

Penne: Blick in die hügelige Landschaft

Eis gab’s übrigens ganz Hervorragendes: Stracciatella, Nuss und Pistazie in kleinen Kugeln. Dazu einen caffè. Ausgezeichnet.

*

Auf dem Hinweg war ich an zwei Weingütern vorbeigefahren. Weil der Montepulciano gestern Abend so gut geschmeckt hat, dachte ich mir: Da kann man ja mal anhalten.

Also stoppte ich erst bei der Familie Contesa, danach bei der Familie Mazzochetti und kaufte ein klitzekleines bisschen ein – rot und weiß und etwas Prosecco. Und Olivenöl.

Azienda Agricola Col Del Mondo

Liebe Daheimgebliebenen, lieber Stammtisch: Ihr werdet Begünstigte sein.

*

Als ich heute Abend gerade das Essen auf dem Herd hatte und die Wäsche reinholte, rief es unter meinem Balkon auf Deutsch: „Hallo! Gehört Ihnen das Auto aus Dortmund?“ Ich war schwer irritiert. Es war erste Mal seit drei Wochen, dass jemand auf der Straße mit mir Deutsch sprach.

Ich beugte mich über die Brüstung. Im Halbdunkel standen eine runde Frau und ein unrunder Mann.

„Ja, ist meins“, sagte ich.
„Wie toll!“, rief die Frau zu mir hinauf. „Wir haben 50 Jahre lang in Hagen gelebt! Endlich kann ich mal wieder Deutsch sprechen. Hörst du“, sie knuffte ihn in die Seite, „endlich können wir wieder Deutsch sprechen.“
„Ihr seid Italiener?“ frage ich.
„Jaja, aber fünfzig Jahre! In Hagen! Hart gearbeitet. Hach, ist das schön. Findest du nicht auch?“, *knuffknuff, „Schön, oder? Eine Stimme aus der Heimat!“

50 Jahre Hagen, das muss man tatsächlich erstmal überstehen.

Sie erzählte, dass sie seit Juni hier im Ort wohnten, im Haus nebenan – gemeinsam mit ihrer Tochter. Sie seien seit einem Dreiviertljahr Rentner und hätten alle Hände voll zu tun: das Haus, die Tochter, die Einkäufe, sie wisse gar nicht, wo ihr der Kopf stehe. Die deutsche Rente, sagte sie, reiche hier wunderbar hin, und die Nähe zur Tochter – sie ist schon vor zehn Jahren hergezogen – sei toll, eine neue alte Heimat, noch dazu viel wärmer. Nur Deutsch könne sie hier nicht mehr sprechen, das sei wirklich traurig. Doch plötzlich habe da dieses Dortmunder Auto gestanden, da sei ihr das Herz aufgegangen. Sie habe in den vergangenen Tagen schon immer anklingeln wollen.

„Wie lange bist du noch da?“ fragte sie.
„Nur noch bis morgen.“
„Ach, wie schade. Dann sehen wir uns gar nicht mehr. Oder doch? Wann fährst du?
„So gegen 11 Uhr.“
„Ich schau dann mal.“

*

Gelesen: Diese kleinen Leute – wie sähe Politik für die „kleinen Leute“ (Zitat Seehofer) aus? Wer sind überhaupt die „kleinen Leute“? Eine Putzfrau, ein Taxifahrer, eine Verkäuferin und ein Buchhändler erzählen aus ihrem Leben.

Gesehen, während ich diesen Blogbeitrag schrieb: Eisenbahnromantik. Ich bin ja jetzt 40, da kann ich mich mit Rentnersendungen befassen. Folge: Schienenpilger zwischen Latium und den Abruzzen. Für die Pufferküsser unter Ihnen: Man kann meinen Tripp also auch mit dem Zug machen.

*

Morgen geht es weiter: Zum ersten Mal wieder gen Norden. Die Heimreise beginnt. Eine lange Heimreise. Denn es ist ja erst Mitte des Monats.

Nächstes Ziel: Carassai in den italienischen Marken in der Provinz Ascoli Piceno, 1.000 Einwohner.

Landkarte

*

Musikalischer Abschluss: Ultimo – Il Ballo delle Incertezze

Mittwoch, 14. März

14. 03. 2018  •  52 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Heute: 40!  In der Mitte des geschenkten Monats: Geburtstag.

Ich stand früh auf und fuhr in die Abruzzen, in den Nationalpark des Gran Sasso mit dem höchsten Gipfel des Abruzzesischen Appenins, dem Corno Grande (2.912 Meter). #serviceblog-Wissen: Hier ist auch der südlichste Gletscher Europas, der Calderone.

Bevor ich in Assergi von der Autostrada 24 abfuhr, musste ich unter dem Gebirgsmassiv hindurch. Dazu fährt man durch den Gran-Sasso-Tunnel. Der ist ziemlich lang, zehn Kilometer. #serviceblog: Er ist der längste zweiröhrige Tunnel Europas.

In Nebenanlagen des Tunnels befinden sich die Versuchslabore Laboratori Nazionali di Gran Sasso – #serviceblog: die größten unterirdischen Versuchslabore der Welt zur Untersuchung von Elementarteilen (Website). Die Labore sind durch die 1.400 Meter umgebenden Felsen von kosmischer Strahlung abgeschirmt. Bis zum Erdbeben im Jahr 2009 konnte man die Anlagen besuchen. Seither sind sie außer Betrieb. Ich bin überirdisch zum Besucherzentrum gefahren. Doch es war geschlossen und mit Ketten verhängt. Gespenstisch.

Ich fuhr daraufhin weiter in die Berge hinauf in Richtung Campo Imperatore, dem Hochplateu des Gran-Sasso-Massivs. Nach rund zehn Kilometern war die Straße allerdings wegen Schnees gesperrt. Ich parkte und beschloss, ein Stück zu Fuß den Berg hinauf zu gehen.

Straße mit Schnee

Das war eine gute Idee. Das Wetter war toll, schon nach der ersten Kurve gab es eine wundervolle Aussicht – und sie wurde noch besser. Ich stieg bis auf Passhöhe hinauf. Zum Genießen:

Gran Sasso: Blick ins Tal

Gran Sasso: Blick in die Berge mit tief hängenden Wolken

Gran Sasso: Panorama

Gran Sasso: Blick in die Berge

Gran Sasso: Blick ins Tal mit Weidekätzchen im Vordergrund

Das Wetter ist hier seit fünf Tagen durchgehend gut: 15 Grad und Sonne. In der Höhe waren es vier Grad. Beim Bergaufgehen in der Sonne wurde mir aber gehörig warm. Nur der Wind blies kräftig.

Danach fuhr ich weiter nach L’Aquila. L’Aquila wurde im Jahr 2009 fast komplett von einem Erdbeben zerstört, und ich hatte überlegt, ob ich überhaupt hinfahren sollte. Ich wollte keine Katastrophentouristin sein. Andererseits ist das Beben neun Jahre her, und es nützt den Leuten nichts, wenn weitere neun Jahre keine Menschen kommen und ein bisschen Geld in die Stadt bringen. Also fuhr ich hin.

L'Aquila: Blick auf die Dächer mit Baukränen

Der Zustand der Stadt ist leider nachwievor erschreckend – und das nach vergleichsweise langer Zeit. Die Altstadt ist praktisch nicht betretbar: Es gibt auch nach neun Jahren kaum intakte Häuser, überall Baugerüste, teils scheinen es noch die ersten zu sein, die die Häuser abstützen.

L'Aquila 2018

Zwar wird überall gewerkelt: In jeder Straße sind Bauarbeiter. Doch es scheinen mir nicht sehr viele angesichts des Ausmaßes der Zerstörung. Die Stützen und Gerüste stützen ab, was abzustützen gibt. Ich hatte den Eindruck, es wird versucht, möglichst viel von der Bausubstanz der Altstadt zu erhalten. Doch mehr als abstützen ist an zahlreichen Stellen noch nicht geschehen.

L'Aquila 2018

Vereinzelte Häuser sind saniert. Merkwürdigerweise handelt es sich entweder um Behörden, Kirchen oder um  Palazzi. Kaum eines der normalen Wohnhäuser in der Altstadt scheint inzwischen instand gesetzt zu sein. Sie liegen noch immer in Schutt. Drumherum sieht es etwas besser aus: Dort stehen moderne Mehrfamilienhäuser.

Das Epizentrum des Bebens lag seinerzeit fünf Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von L’Aquila, in einer Tiefe von rund neun Kilometern statt. 308 Menschen starben. Fast 70.000 wurden obdachlos. Rund 15.000 Gebäude wurden beschädigt.

L'Aquila: Beschädigte Kirche

Trotz dieses Ausmaßes ist es verstörend, wie wenig der Aufbau der Stadt seither vorangegangen ist. Die Welt hat dazu einen Artikel veröffentlicht: 30 Sekunden Beben. Der Wiederaufbau? 30 Jahre lang. In dem Artikel geht es um Behördenversagen und um Geld, das in mafiösen Strukturen versickert. Außerdem stellt er die Frage, wer in Zukunft in der sanierten Altstadt wohnen soll: Die Menschen haben sich inzwischen andernorts ein Zuhause gesucht. Zur Ergänzung: Ein weiterer Artikel der Südwest-Presse.

Es gibt aber auch schöne Orte in L’Aquila: Die Stadt hat tolle Parks und eine wunderbare Aussicht auf die Berge.

Park in L'Aquila, im Hintergrund ein schneebedeckter Gipfel

Außerdem hat sie die beste Eisdiele der bisherigen Reise. Sie sehen im Bild: Pistazie und Stracciatella.

Eishörnchen

*

Auf dem Rückweg hielt ich an meinem kleinen Supermarkt in Montesilvano, um mir frisches Brot zu kaufen. Die Dame von der Theke erkannte mich direkt wieder.

„Bleiben Sie länger? Was machen Sie hier?“
„Nur noch bis Freitag. Ich bin Touristin.“
„Ein bisschen die Abruzzen anschauen, ja? Das ist eine gute Idee!“
„Ich nehme noch fünf von den Biscotti di latte.“
„Das sind unsere besten Kekse. Wollen Sie auch den Wein probieren? Montepulciano, 2014. Ein sehr guter Wein.“
„Na klar. Nehme ich mit.“

Glas Wein vor Abendsonne

Ich muss ihr zustimmen: ein wirklich guter Tropfen. Ich werde wohl noch ein drittes Mal hinfahren und ein paar Flaschen für die Daheimgebliebenen kaufen müssen.

*

Lied des Tages, passend zum Schnee auf den Berggipfeln: Giorgia & Marco Mengoni – Come neve

Dienstag, 13. März

Dieser Tag wird eine Enttäuschung für Sie sein, denn: Ich bin nirgendwohin gefahren.

Ich habe den Tag in meinem Appartment und auf meinen zwei Sonnenbalkons verbracht: Den Vormittag auf dem Balkon nach Osten, und den Nachmittag auf dem Balkon nach Südwesten. Es gibt also weder etwas zu berichten, noch gibt es tolle Bilder. Ich kann Ihnen aber zumindest Bilder von meinen Balkonen zeigen.

Die Aussicht vom Vormittagsbalkon mit blühendem Bäumchen:

Ostbalkon mit Blick auf blühenden Kirschbaum

Die Aussicht vom Nachmittagsbalkon mit Bergen:

Südwestbalkon in die Berge

Ich brauchte den Tag, weil ich arbeiten wollte. Ich hatte Auftragsanfragen bekommen und habe einige Telefonate geführt. Ist das nicht wunderbar? Man sitzt in Italien, tut nix, und die Aufträge kommen rein. So habe ich mir das vorgestellt. Zugegeben, aufs Jahr gesehen ist das Konzept noch nicht kostendeckend und es fehlt noch die ein oder andere Überlegung, aber der Ansatz stimmt schonmal.

Zwischenzeitlich hat ich kurz Sorge, der Nachbarhund sei verstorben:

Nachbarshund, auf dem Rücken liegend

Aber er hat sich nur sehr ausführlich entspannt.

*

Der Alltag in Italien ist überraschend teurer als in Deutschland. Der Einkauf im Supermarkt kostet circa 10 bis 20 Prozent mehr als bei uns – auch in großen Supermärkten, nicht nur im Tante-Emma-Laden im Bergdorf. Gleichzeitig legen die Menschen hier enorm viel Wert auf gute Lebensmittel. Jeder kleine Ort hat seinen traditionellen Bäcker, seinen Metzger und einen Laden, in dem es guten Käse gibt. Meist auch eine Fischtheke. Es gibt tollen gekochten und rohen Schinken in verschiedenen Varianten, Parmesan und anderen Käse, Büffelmozzarella. Das kostet Geld, die Leute kaufen es. Es ist auch ungemein lecker. Es macht große Freude, die guten Lebensmittel zu essen.

Ich bin immer wieder erstaunt, welche Schätze sich hier verbergen. Gestern Abend war ich zum Beispiel auf der Suche nach einem Supermarkt, wo ich nur kurz drei Dinge einkaufen wollte. Mir fehlten Spüli und Waschmittel, ich brauchte noch Brot fürs Frühstück. An einer viel befahrenen Ortsdurchfahrt im recht hässlichen Ort Montesilvano hielt ich an einem kleinen Supermercato an. Eindruck von außen: leicht schrammelig. Dort im Innern, hinten vor Kopf: das Käse- und Wurstparadies – frische Schinken in verschiedenen Varianten, Mozzarelle, Parmigiano unterschiedlicher Reife. Außerdem traditionelles, selbst gemachtes Brot und dazu einige Spezialitäten des Hauses: Minipizzen zum Aufwärmen, gefüllte Teigrollen und Gebäck. Das Ganze herzlich verkauft von einer fülligen Dame, die jeden Schinken persönlich zerlegte, bevor sie ihn in dünne Scheiben schnitt. Vor mir standen fünf Leute in der Schlange, und es war sehr gesellig.

Was mir daran auffällt: Wie wenig Wert wir in Deutschland inzwischen auf unsere Alltagslebensmittel legen. Nicht Sie persönlich, meine ich, sondern gesamtgesellschaftlich. Ich nehme mich davon selbst nicht aus, auch wenn ich durchaus bewusst einkaufe und gerne gute Lebensmittel genieße. Gleichzeitig ist das hier einfach nochmal eine andere Liga. Deshalb mein Vorsatz nach der Rückkehr: Noch mehr Wert auf gute Lebensmittel legen, nicht nur am Wochenende oder wenn Besuch kommt, sondern einfach so. Es macht Spaß.

*

Benzinpreise: Super circa 1,50 Euro, Diesel um die 1,40 Euro. Wenn man den Service eines Tankstellenmitarbeiters in Anspruch nimmt, kommt eine Servicegebühr pro Liter hinzu. Als ich auf der Autobahn unterwegs war, kostete der Liter Diesel an der Tankstelle 1,86 Euro. Ich habe spontan beschlossen, dass die vorhandene Füllung noch bis zum Ziel reicht. Da sag noch einer, Raststätten in Deutschland wären teuer.

Hinzu kommt die Mautgebühr für Autobahnen. Immer, wenn man auffährt, zieht man ein Kärtchen. Immer, wenn man abfährt, bezahlt man die zurückgelegte Distanz. Von Rom nach Capelle sul Tavo waren es 25 Euro. Wandern in Roccamorice hin und zurück circa 7 Euro.

Die mautpflichtigen Autostrade sind tipptopp gepflegt, kein Schlagloch, nichts. Auf den Bundesstraßen, den Strade Statali,  sieht’s schon nicht mehr so gut aus. Die Kommunalstraßen sind übel.

*

Gelesen: Bitcoins in leichter Sprache. Bitte mehr Erklärungen in leichter Sprache.

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Die heutige musikalische Abschluss: Ermal Meta & Fabrizio Moro mit Non mi avete fatto niente.

Das Lied ist der Beitrag Italiens für den Eurovision Song Contest 2018 und ein Lied für den Frieden.

Montag, 12. März

12. 03. 2018  •  3 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Zunächst möchte ich heute ein Geheimnis verraten: Ich reise gar nicht allein. Seit München habe ich einen Begleiter.

Ich habe ihn im Supermarkt in Waldperlach gekauft, und er ist mit mir zuerst in die Emilia Romagna, dann nach Lazio und nun in die Abruzzen gereist. Ich habe ihm einen Namen gegeben: Sagen Sie Hallo zu Gregor.

Schnittlauch Gregor I.

Gregor ist ein unerwartet robuster Schnittlauch. Er wächst schneller, als ich ihn essen kann. Deshalb trägt er einen Man Bun.

*

Für heute hatte ich zwei Tagesziele ausgelobt:

  1. gucken, ob das Meer noch da ist
  2. ein Eis essen

Um diese Ziele zu erreichen, bin ich  in den Ort Ortona an der Adriaküste südlich von Pescara gefahren.

Ortona: Blick auf den Hafen

Das Meer und der Himmel waren tatsächlich so blau. Ich habe nicht am Farbregler gedreht.

Ortona trägt den Namen „das Stalingrad Italiens“. Die Stadt war im Dezember 1943 Ort erbitterter Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und den kanadischen Streitkräften. Die Deutschen hatten zu dem Zeitpunkt mehrere Verteidigungslinien von Süd nach Nord durch den italienischen Stiefel gezogen, von denen die Briten bereits zwei genommen hatten. Die dritte Linie, die Gustavlinie, war schwer umkämpft. Ihre östliche Flanke war Ortona.

Eigentlich war Ortona für die Deutschen nicht mehr von Wert: Die Alliierten hatten den Hafen längst genommen. Nichtsdestotrotz erhielten die Soldaten den Befehl, die Offensive aufzunehmen und Ortona hart zu verteidigen. Die sprengten Häuser und verteilten den Schutt in den Straßen, versteckten Maschinengewehr- und Panzerabwehrstellungen und verminten das Gelände. Um Weihnachten 1943 folgte ein erbitterter, achttägiger Häuserkampf.

In der Schlacht um Ortona starben 1.300 Zivilisten; im „blutigen Dezember“ starben 1.200 kanadische Soldaten in ganz Italien. Das Denkmal auf der Piazza Plebscito erinnert daran:

Ortona: Denkmal

Die Stadt selbst war heute recht verschlafen. Es war Montag, und viele Läden und Kneipen hatten geschlossen.

Zum Glück hatte die Eisdiele geöffnet:

Zwei Bällchen Eis im Hörnchen

Wichtige Vokabeln (#serviceblog):

die/eine Kugel: la/una pallina
mehrere Kugeln: le palline
das Hörnchen: il corno
Zwei Kugeln im Hörnchen bitte: „Due palline nel corno, per favore.“ 

Wenn es keine Kugeln gibt, sondern das Eis mit einem Löffel aufs Hörnchen gestrichen wird, sagt man: „Due gusti, per favore.“ – Zwei Geschmacksrichtungen, bitte.

Ortona: Häuser

Direkt am Meer gibt es eine Promenade, die nur für Fußgänger und Fahrradfahrer ist – und es gibt klare Verkehrsregeln:

Promenade

In der Unterkirche des Doms von Ortona liegen die Gebeine des Apostel Thomas. Sie kamen 1285 mit Kreuzfahrern aus dem türkischen Şanlıurfa, ehemals Edessa, nach Ortona.

Tommaso-Schrein

Weil die Stadt im Krieg vollständig zerstört wurde, sind die meisten Häuser aus den Jahren 1945 und später. Auch die Basilica San Tommaso Apostolo, eigentlich aus dem Jahr 1127, musste in den Jahren von 1946  bis 1949 vollständig wieder aufgebaut werden und sieht heute anders aus als vor dem Zweiten Weltkrieg.

Zwei Bilder aus den Straßen:

Ortona: Gasse

Ortona: Trattoria am Meer

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Auf der Toilette des Cafés:

Questo non è un scarico. Per scaricare preme in basso a sinistra.

„Das hier ist nicht die Spülung. Um abzuziehen, Knopf unten links drücken.“

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In den nächsten Tagen werde ich Ihnen einige italienische Künstler und Lieder vorstellen, die hier im Radio rauf und runter gespielt werden.

Den Anfang macht der Rapper Ghali mit Cara Italia:



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