Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Sonntag, 10. Juni

In den vergangenen Tagen ging hier des Öfteren die Welt unter:

Garten mit Steinmauern und dichtem Bewuchs bei Platzregen, im Hintergrund Gewächshaus

Das Wetter ist alles in allem super. Hier in Dortmund regnet es ausreichend, tagsüber oder nachts – aber nicht so viel, dass irgendwas überschwemmt wird. Wenn es nicht regnet, ist es sonnig und warm. Es könnte einen Ticken kühler sein, aber ich möchte nicht mäkelig sein.

*

Von Freitag und Samstag war ich in Wetzlar, auf dem Annual General Meeting des Round Table Deutschland. Das Hotelzimmer war mal etwas Anderes.

Hotelzimmer: Pink gestrichene Wand mit Blumenranken, hellgrüner Teppich mit Blumen und Vögeln in Pink

Als ich an der Rezeption stand und einchecken wollte, drehte sich der Typ vor mir um und sagte unvermittelt: „Du bist die liebe Nessy, oder?“ Ich so: „Äh … uhm … ja?!“ Er: „Hi. Ich bin S, ich lese dein Blog schon seit mehr als zehn Jahren. Ich hab dich sofort erkannt.“ Verrückt. Wir haben uns an dem Abend dann noch lange unterhalten.

*

Heute: Anschwimmen.

Freibadbecken, Menschen ziehen ihre Bahnen, bedeckter Himmel

Das war großartig. Ich werde jetzt öfter schwimmen gehen. Weiß gar nicht, warum ich das so lange nicht gemacht habe. Toll.

Danach habe ich noch lange am Rand gesessen, mich sonnengetrocknet und Leuten beim Schwimmen zugesehen. Das war wie Meditation.

*

Ein tolles Geschenk bekommen: Seife aus Frankreich.

Quadratisches Geschenk in schönem Papier, Aufschrift: "Fragonard - parfume la vie"

Außerdem geschenkt bekommen: Relax-Liege „Mexiko“. Wenn ich demnächst in den Garten zum Chillen gehe, kann ich sagen: Ich bin mal kurz in Mexiko.

Mittwoch, 6. Juni

Heute den ganzen Tag einen Kundenworkshop vorbereitet, der am kommenden Montag stattfindet.

Dabei am Mittag den Start von Astro-Alex zur ISS geguckt, wenn auch nicht ganz so cool wie dieser Zuschauer. Ich war ergriffen und leicht aufgeregt. Als die Challenger 1986 am Himmel explodierte, war ich acht Jahre alt. Ich erinnere mich sehr deutlich an das Ereignis. Und mal eben mit 26 Millionen PS und 28.000 km/h auf einem Feuerball ins All reiten – das ist schon ne Nummer.

Mit dem ISS-Tracker sieht man übrigens immer, wo die ISS gerade ist. Und im Livestream kann man 24/7 auf die Erde runtergucken oder den Astronauten zusehen.

*

Gelesen: Es gibt auch praktische religiöse Fragen auf der ISS. Nämlich, wie man als Muslim dort betet. Es gab nämlich schonmal einen muslimischen Astronauten, für den das relevant war, und die muslimischen Gebetsregeln sind fürs All nicht ganz praktikabel: Fünf Gebete am Tag, aber 36-mal Sonnenauf- und Sonnuntergang – da kommt man zu nix anderem mehr, das geht auch am wissenschaftlichen Auftrag vorbei. Außerdem: Wo ist Mekka? Abgesehen davon, dass es irgendwo da unten ist. Und: Wie legt man die Stirn beim Beten auf die Erde, wenn man frei im Raum schwebt? Darauf gibt’s handfeste Antworten, festgehalten in „A Guideline of Performing Ibadah (worship) at the International Space Station (ISS)“ (doc).

Gelesen: Keine Ahnung – Text des Organisationswissenschaftlers Marcel Schütz über Entscheidungsfindung und Risikoabwägungen im Management der Deutschen Bahn vor dem Zugunglück in Eschede.

Gelesen über Frauensport, warum unter den 100 Top-Verdienern im Sport nur eine Frau ist und wie man das ändern könnte. Die Titel des Artikels lautet „Frauen als schmückendes Beiwerk“ – eine schlimme Überschrift, die aus zwei Gründen unpassend ist: Sie geht am Inhalt des Artikels vorbei und ist ein Fall fürs Phrasenschwein. Über die ersten drei Absätze am besten auch hinweglesen, danach wird’s besser.

Am Ende des Textes gibt es die Idee, Spielfelder für Frauen zu verkleinern. Für den Handball sehe ich das nicht; das Spielfeld ist ja schon recht klein und der Sport schnell. Wenn man das Handballfeld verkleinert, musst man auch die Anzahl der Spielerinnen reduzieren, sonst ist es auf dem Feld so voll wie morgens um acht in der U-Bahn. Der Frauenfußball könnte meiner Meinung nach allerdings an Attraktivität gewinnen, denn Frauenfußball – Tschuldigung, wenn ich das so offen sage – ist wirklich einschläfernd, weil er sich so auf dem Feld verliert.

Blogtipp: Meine ehemalige Sportskameradin Maria, ein Torwartwunder, und ihre Frau reisen derzeit durch Alaska – und Maria bloggt. Für alle mit Fernweh.

Dienstag, 5. Juni

Am Vormittag hatte ich einen Kennenlerntermin, der eine berufliche Verkuppelung war. Zwei Stunden geschnackt und direkt auf der gleichen Wellenlänge gesegelt. Das sind die tollen Jobmomente. Danke fürs Zusammenbringen, Christian.

(Und es gab Schokobons. Das Wesen eines Unternehmens erkennt man daran, welche Süßigkeiten auf dem Besprechungstisch stehen, finden Sie nicht auch?)

*

Ich habe fünf Dinge aufgeschrieben, die ich in meiner Weiterbildung in Mediation und Konfliktlösung gelernt habe. Darin erkläre ich auch, was meine Beweggründe für die Weiterbildung waren und wie das, was ich gelernt habe, hilft.

*

Zum Skoda-Händler gefahren und Radkappen bestellt. Dort habe ich erfahren, dass zwei Radkappen 88 Euro kosten, vier Radkappen aber nur 67 Euro – wegen Bestellung im Set und überhaupt, ist ja auch egal, man muss nicht alles verstehen. Weil Radkappen nicht schlecht werden, habe ich vier Radkappen bestellt. Es ist ja auch immer ein flüchtiges Vergnügen mit ihnen.

*

Eine Wassermelone gekauft. Die Wassermelone wiegt fünf Kilo, es stand kein Preisschild dran, und an der Kasse erfuhr ich, dass ein Kilo Wassermelone zwei Euro kostet – die ganze Wassermelone kostete also zehn Euro. Ich habe kurz schlimme Kopfschmerzen empfunden, mich dann aber entschlossen, einfach jeden Bissen Wassermelone besonders zu genießen.

Melonensalat

Wassermelone mit Schafskäse und frischer Minze aus dem Garten, ein bisschen Olivenöl und Salz.

*

Rezept: Frau Gröner hat eine Schokoladentarte hergestellt, die genau genommen nur aus Fett und Zucker besteht. Aus guten Fetten. Gut für die Seele.

Gelesen: „Werdet wütend!“ – Interview mit Management-Berater Gary Hamel über die Geschwindigkeit von Veränderung und über Unternehmensstrategien. Er räumt mit dem Begriff „Disruption“ auf, kritisiert die Vielzahl von Managern und findet, dass Denker und Macher viel enger zusammenarbeiten müssen. Ich habe beim Lesen ständig „Ja, genau!“ gemurmelt.

Montag, 4. Juni

Seminartag an der Uni: Journalistik-Studierende recherchieren Geschichten über Menschen mit Brüchen im Lebenslauf. Wir ergründen, was für sie Erfolg ist und wie sie Krisen überwunden haben. Ich habe schonmal davon erzählt.

Jetzt haben wir festgelegt: Das Ganze wird online erscheinen. Gegebenenfalls gibt’s auch ein Print-Heft. Da klären wir noch ein paar Details. Aber online können Sie es auf jeden Fall beizeiten ansehen. Wenn alles klappt, wird’s auch schön multimedial.

Geschichten, die in der Mache sind:

  • wie Studierende erfolgreich ihren Weg gehen, nachdem sie im Drittversuch gescheitert sind
  • wie Menschen es schaffen, nach Burnout und Depression wieder ins Berufsleben zu kommen und was sie dann anders machen
  • warum Menschen ihr Studium hinschmeißen und ein Startup gründen
  • wie Geflüchtete in Ausbildung kommen
  • welche Hürden Geflüchtete, die ein Medizinstudium haben, nehmen müssen, bis sie in Deutschland praktizieren können
  • welchen Nutzen und Erfolg ein Ehrenamt bringen kann
  • was Menschen geholfen hat, die obdachlos waren

Das alles macht sehr viel Spaß. Ich freue mich, dass ich mit den Leuten zusammenarbeiten darf.

*

Das Thema „Zumba“ hat viele Menschen bewegt. Danke für den Zuspruch. Ich fühle mich verstanden. Für die Menschen, die dieses Phänomen ernsthaft und mit Spaß praktizieren: Ich freue mich für Euch, ganz unironisch.

*

Christine hat mir ihr Buch geschickt, und ich habe ihr im Gegenzug meins geschickt. Das ist eine gute Sache und sollte man öfters tun, so eine Art Lesekreisel der Schreiberlinge.

Buch: Garten, Baby! von Christine Zureich

*

Follow-Empfehlung: Ich folge auf Twitter Real Scientists DE. Jeder Woche twittert ein anderer Wissenschaftlicher über ein Thema. Dieses Woche ist es die Biologin Doctor Anna. In der vergangenen Woche war’s der Ökologe Gregor Kalinkat, der über Gewässer und ihre Bewohner twittert.

Sonntag, 3. Juni

Erste große Erdbeerernte aus dem Garten:

Farn und Schüssel mit Erdbeeren

*

40ster Geburtag und eine schöne und ausschweifende Gartenparty im Osnabrücker Land (Symbolbild vorher):

Bunt dekorierte Bierbank im Garten

In einem urigen Forsthaus geschlafen, zwischen Fachwerkhäusern gebummelt, den schlimmen Männerschnupfen ignoriert, bis in die Nacht gefeiert und einen Haufen Lebensmittel und zwei selbstgekochte Marmeladen mit heim gebracht.

*

Gehört: Hanns-Christian-Gunga, Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten, zu Gast beim WDR2-Talk mit Jörg Thadeusz. Sehr interessant. Ich habe gelernt, warum Astronauten oft Fieber haben, warum sie nach einer Weltraummission schlechter sehen, dass sie unter Blähungen leiden, wie man im All an Krebszellen forscht und warum das nur dort geht. Danach habe ich noch „Resonator„, den Forschunspodcast der Helmholtz-Gemeinschaft gehört. Dort gibt es Folgen mit Alexander Gerst. Schön fand ich seine Aussage: „Man sucht nach einer Sache und findet eine andere. Oftmals realisiert man dann, dass das, was man gefunden hat, viel wertvoller ist als das, was man eigentlich gesucht hat.“

Das Elastin-Collagen-Verhältnis seiner Haut hat sich im All übrigens verjüngt. Keiner weiß, warum. Denn eigentlich hat die physiologische Forschung mit dem Gegenteil gerechnet. Die Weltraummission ist also eine gute Alternative zu Botox.

Astroalex fliegt am kommenden Mittwoch wieder ins All. Start ist um 13.20 Uhr MESZ in Baikonur. BR alpha überträgt ab 12:30 Uhr und hat auch schon vorher allerlei Sendungen zur Raumfahrt (Infoseite).

Gelesen: Pflegenotstand – Meilenweit entfernt von dänischen Verhältnissen. Ein Beitrag mit vielen Zahlen, der den Pflegenotstand deutlich belegt, der einordnet, wo der Hase im Pfeffer liegt, und der sagt, was Lösungen wären.

Zumba

31. 05. 2018  •  48 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Turnen«

Ich war beim Zumba.

Mein Fitnesstudio schreibt zu Zumba:

Dieses Workout verbindet Elemente aus verschiedenen Tanzstilen zu heißer lateinamerikanischer Musik. Alle Schritte und Drehungen sind für jeden einfach zu erlernen und bringen die Stimmung im Kursraum zum Kochen.

Symbolvideo:

Es ist ein Montagabend, ich bin auf alles vorbereitet, und ich bin locker im Lendenwirbel. Das habe ich vorher mit leichten Hüftschwüngen getestet. Bildungsbandscheibe, Sie wissen schon.

Im Kursraum haben sich etwa zwanzig Damen und ein Herr versammelt – alt, jung, dick, dünn und einige in fescher Zumbakleidung. Zumbakleidung ist normale Sportkleidung, auf der „Zumba“ steht, falls die Trägerin vergisst, weshalb sie hier ist. Eine der Damen trägt sogar die Aufschrift „Zumba Queen“, was mich ein bisschen wundert, denn die Königin eines feurigen, kolumbianischen Sporttanzes habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber was weiß ich schon.

Ich habe mir einen Platz am Rand ausgesucht, vorne, aber doch seitlich, direkt neben der Tür – falls es Gründe zur Flucht gibt. Außerdem weiß man ja aus der Schule, dass man vorne am besten aufgehoben ist, denn der Blick des Lehrers schweift immer über die ersten Reihen hinweg, weshalb man als Nichtskönner dort viel besser untertauchen kann als in der letzten Reihe.

Der Raum ist voll verspiegelt. Ich sehe mich nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite. Das macht mich nicht sehr glücklich; ich bin jedenfalls sicher, dass die Spiegel irgendwie gebogen sind, unvorteihaft gebogen, konvex heißt es wohl. Konkav und konvex – den Unterschied kann ich mir gut merken, denn es gibt eine Eselsbrücke: War das Mädchen brav, bleibt’s konkav. Hatte es Sex, wird’s konvex. Wie auch immer: Die Spiegel sind jedenfalls eindeutig konvex.

Der Vorturner betritt, das Hinterteil in leichten Schwüngen wiegend, den Raum und geht direkt durch zur Bühne, wo er seinen MP3-Player an eine Musikanlage anschließt. Er vereint in sich das Beste aus Strass-Gott Harald Glööckler und Ricky Harris, jenem kleinen Amerikaner – die Teenager der 90er erinnern sich -, der nach Arabella, vor Ilona Christen oder zeitgleich mit Britt, wer weiß das schon noch so genau, eine dieser Talkshows moderierte und der später im Dschungelcamp auftauchte, wo er uns vor Augen führte, was Dreadlocks und Halbglatze aus einem Mann machen können. Eine Ahnung von Dschungelprüfung weht also durch den Saal, als Haraldricky die Bühne betritt, in Hosen, die wir in den 90ern, als wir alle Camel Boots trugen und Helmut Kohl schon lange und noch eine Weile Kanzler war, im Eine-Welt-Laden kauften, zusammen mit einer handgewalkten, bolivianischen Bluse und einem Sack voller Sorgenpüppchen.

Haraldricky, das merke ich sofort, ist kein Mann großer Worte. Er hat uns weder begrüßt noch in anderer Weise beachtet; er lässt einzig seinen Körper sprechen, und sein Körper sagt: Ich habe mir im Schritt etwas wundgescheuert. Er stellt sich breitbeinig auf das Podest und läuft langsam auf der Stelle, die Schenkel leicht zur Seite hebend, als wolle er seine Hose zurechtruckeln, ohne sich wohin zu fassen; ich kenne das von langen Wanderungen, es tut wirklich weh, und in der Öffentlichkeit will man dort nicht dauernd fummeln, volles Verständnis also. Baila! Baila! schallt es aus der Musikanlage, während wir nun alle versuchen, unsere Hose aus dem Schritt herauszulaufen.

Dann reckt Haraldricky seine Hand in die Luft, streckt drei Finger in die Höhe und zählt stumm Drei! Zwei! Eins! und los geht’s. Wir beginnen mit einem Ausfallschritt nach rechts, linker Fuß ranziehen; dann nach links, rechter Fuß ranziehen. Wunderbar, denke ich, das kriege ich hin, das ist Tanzschule im Sauerland. Seit – Tab – Seit – Tab, wie damals mit Matthias, der zu jeder Tanzstunde dasselbe Polyesterhemd trug und unter Hyperhidrose litt, übermäßige Schweißproduktion. Im Gegensatz zu damals fühle ich mich fantastisch und schon sehr locker in der Hüfte, so soll es sein, so habe ich mir das vorgestellt. Denn ich brauche eine Alternative zu aggressiven Ballsportarten; ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich Ausgleichssport betreiben muss, für Herz-Kreislauf und gegen das lange Sitzen, etwas Schonendes – warum also nicht Zumba?

Haraldricky nimmt die Arme hinzu, angewinkelt, schmeißt die Ellenbogen nach hinten, überstreckt lasziv seinen Hals und schüttelt seine Schultern. Sehr gut, endlich mal die Brasilianerin in mir rauslassen, irgendwo da drin muss sie ja sein. Doch was jetzt?  Vor – Tab – Seit – Tab – Vor. Nach vorne jetzt auch? Immer? Nein, nicht immer. Nur … hä? Arme hoch! Wenn wir vorne sind. Nee – Seite. Beide Arme jetzt zur Seite und … was? Hände schütteln? Warum?  Seit – Tab – Vor – Vor – Vor –  … aber da ist die Wand … und um die eigene Achse. Oh, zu spät. Egal, neue Chance. Huch! Direkt zurück, Rück – Rück – Seit – Tab … und um die eigene … nee, doch nicht. Hallo! Können wir bitte mehrmals hintereinander dieselbe Bewegung machen? Wie soll ich sonst … Seit – Tab – Vor – Tab – Vor- Vor – Vor … um die eigene Achse. Und: Pause. Was trinken.

Ernsthaft! Wie soll ich die Bewegungen nachmachen, wenn nichts zweimal passiert? Das ist doch Betrug. Ich habe hier für fünfzehn Wiederholungen bezahlt! Drei Sätze à fünfzehn Wiederholungen, mindestens, so macht man das an jedem Gerät, wie soll mein Körper sonst verstehen, was er tun soll?

Die Musik geht wieder an. Haraldricky schüttelt seine Schultern aus und beginnt wieder mit Seit – Tab – Seit – Tab, aber ich ahne schon, dass es nicht so weitergehen wird. Gleich kommt wieder eine dieser zufallsgenerierten Bewegungsabfolgen, ein hektisches Drehen und Winken wie in der Sesamstraße – wie bei Grobi, wenn er „nah“ und „fern“ erklärt. Doch ich irre mich: Der Plumpssack geht um.

Wir legen etwas hinter uns auf die Erde und laufen dann nach vorne und wieder zurück, tanzend natürlich, heben es auf und zur Seite und legen es wieder ab und zur anderen Seite und immer schön Baila! Baila!, die Hüften schwingen mit und Rück – Rück – Seit – Tab, drehen. Die Arme machen auch irgendwas, nur was?  Seit – Seit – Rück – Tab. Eine Teilnehmerin rasselt krachend auf die Zumba-Queen, die Zumba-Queen fällt um wie ein Sack Zement. Links, rechts, seiten- und spiegelverkehrt, es hat seine Tücken.

Wir halten inne. Die Queen muss sich erst erheben, und die Bewegungsabfolge ist ohnehin zu Ende. Haraldricky läuft sich währenddessen die Hose aus dem Schritt, immer locker bleiben, er schüttelt abwechselnd seine Schultern und klatscht aufmunternd in die Hände – allerdings nicht für uns, sondern eher selbstreferentiell. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er echt ist. Vielleicht ist er eine dieser Maschinen von Boston Dynamics; die können ja jetzt auch laufen und springen; ein humanoider Zumbaroboter, ein selbstlernendes System, das Schrittfolgen reproduziert – allerdings ohne Vernetzung mit der Umwelt, denn Haraldricky hält es weiterhin nicht für nötig, mit uns in Interaktion zu treten. Semantisch ist bei der künstlichen Haraldricky-Intelligenz noch Luft nach oben.

Dann geht es direkt wieder los, Vor – Tab – Seit – Tab – Vor, Arme hoch und Hände schütteln, Rück – Tab – Vor – Tab – Seit, Arme hoch und Hände schütteln und wieder Vor – Tab … nein, doch nicht, Drehen – Tab – Seit – Seit … und um die eigene Achse und Arme hoch und Seit – Seit – Seit und … huch, fast den Nebenmann erwischt … schnell wieder weg. Es ist wie Völkerball, wenn man die Letzte im Feld ist und alle versuchen, dich abzuwerfen.

Zumba, es lässt mich ratlos zurück.

Montag, 28. Mai

Heiß ist es. Was insgesamt besser ist als kalt. Ich möchte mich also nicht beschweren. Ich möchte es nur zu Protokoll geben. Ist ja hier ein Tagebuch.

*

Nachdem ich am vergangenen Mittwoch aus Berlin wiederkam, bin ich am nächsten Tag direkt nach Lippstadt weitergefahren: Fortbildung.

Genau genommen war ich nicht in Lippstadt, sondern in Bad Waldliesborn, Walibo genannt, dem Epizentrum des ostwestfälichen Kurwesens. Herz und Hüfte als Kerngeschäft, dazu Busladungen senioriger Reisegruppen auf Kaffee und Kuchen. Ich habe in meine Zukunft geblickt, und sie war beschaulich.

Weil es so beschaulich war, habe ich mich der Kulturtechnik des Postkartenschreibens besonnen und Postkarten geschrieben:

Postkarte aus Bad Waldliesborn

Im Zentrum der Karte sehen Sie den stillgelegten Bahnhof des Ortes.

In Walibo habe ich drei Tage lang Weiterbildung in Mediation genossen – Konfliktlösung und Gesprächsführung bei Barbara Claar, das zweite Präsenzseminar in meinem Kompaktstudium. Drei Tage bei 28 Grad im Seminarraum, manchmal auch draußen auf der Wiese, aber eben bei 28 Grad, von morgens um neun bis abends um sechs – danach war ich gar wie ein Kochfisch. Vanessa sous vide.

Was ich gelernt habe, schreibe ich dieser Tage mal für meine Job-Website auf. Es war richtig, richtig gut und die Gesellschaft war ausgesprochen nett. 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – Projektmanager, eine Staatsanwältin, Supervisorinnen, Wissenschaftler, Personalleiterinnen, Lehrer, ein Professor und Unternehmensentwicklerinnen. Das war fachlich super; wir hatten einen tollen und bereichernden Austausch, und ich habe vieles gelernt, was ich in meiner Arbeit unterbringen werde. Es war auch menschlich sehr nett; wir haben viel gelacht. Der Cocktail-Geheimtipp in Walibo: die Kajüte.

*

Eine Ergänzung noch zu Berlin: Dort habe ich Christine Zureich kennengelernt, deren erstes Buch im Februar bei Ullstein erschienen ist – Garten, Baby! Eine Geschichte übers Gärtnern in der Stadt – das betrifft ja einige meiner Leserinnen und Leser -, es geht um Beziehungen, um Rosen und Zucchini, und es gibt ein Gartenmanifest: Wachsen und wachsen lassen!

Außerdem habe ich in Berlin Max getroffen. Max heißt Max Wolf und hat den Glücksreaktor geschrieben, der Mitte August bei Hoffman & Campe erscheint.  Ein Roman, der in Franken in den 90ern spielt – mit elektronischer Musik, Pubertät, Marihuana, Rebellion und Rave. Spannend war, dass Max im richtigen Leben das Verhalten von Fischen erforscht; ich habe mich an dem Abend also längere Zeit mit einem gut aussehenden Mann über Amazonenkärpflinge unterhalten, und es war weder seltsam noch waren wir über die Maßen betrunken.

Christine und Max waren rundum sympathisch und humorvoll. Wenn Sie also ihre Bücher kaufen, kaufen Sie nicht nur Geschichten, sondern auch etwas von netten Menschen. Das macht’s ja immer noch schöner.

*

Während ich eine Woche lang unterwegs war, ist der Garten eskaliert. Eine bilddokumentarische Zusammenfassung:

Sechs Bilder aus dem Garten: Gurken, Tomatenkinder, Rosen, Buschbohnen und Salat, Pfingstrosen und Golddingens

*

Instagram: Ich folge jetzt Eden ISS. Das ist ein Projekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), bei dem Wissenschaftler in der Antarktis Gemüse anbauen. Damit finden sie heraus, wie das im All gehen könnte. Das Projekt hat auch eine Facebook-Seite, der man folgen kann.

Gelesen: Landflucht – Lange Leben im Dorf über die Gemeinde Walmerod im Westerwald und ihre Bemühungen, den Ort attraktiv für Zuziehende und Dableibende zu machen.

Angeguckt: den SZ-Koalitionstracker. Die Süddeutsche Zeitung hat ein Aufgabenboard für die Große Koalition gemacht und trackt den Fortschritt. Die Washington Post macht das Gleiche zur Trump-Regierung.

Christian und ich reden über Gleichberechtigung

Ein weites Feld, das wir gerade einmal angerissen haben: In der aktuellen Folge unseres Podcasts Ein Mann. Eine Frau. Ein Gespräch. sprechen Christian und ich über Gleichberechtigung.

Wir reden über gläserne Decken, übers Nägellackieren für Jungs, über die Frauenquote, über Diversität in Unternehmen und über unsere eigenen Erfahrungen – als Mann zwischen lauter Frauen und als Frau in Bewerbungsgesprächen und beim Auto- und beim Küchenkauf.

Nach der Aufnahme hat mich das Thema noch weiter beschäftigt – und ich habe einige Gedanken dazu zu Papier gebracht. Mehr dazu auf meiner Website: Diversität in Unternehmen ist Innovation – warum fördern wir Unterschiede dann nicht viel mehr?

Ich gehe der Frage nach, warum wir Frauen und Diversität in Unternehmen fördern sollten. Außerdem stelle ich Überlegungen an, warum gerade Deutschland bei der Anzahl der Frauen und bei der Diversität in Führungspositionen so sehr hinterherhinkt.

Obwohl wir 40 Minuten lang sprechen, haben wir das Thema nicht mal annähernd bearbeitet. Wir haben am Ende einfach aufgehört, damit’s nicht ausufert. Ich sehe diese Folge deshalb als Ausgangspunkt, immer mal wieder über Gleichberechtigung zu reden. Übrigens nicht nur über Gleichberechtigung zwischen Männer und Frauen und Frauen und Männern, sondern auch über die Gleichberechtigung von Meinungen, Erfahrungen, menschlichen Eigenschaften und Kulturen.

Zum Weiterlesen:

Die Folge gibt’s wie immer bei iTunes, Soundcloud und Podigee, als mp3 zum Download und als RSS-Feed (gesamter Podcast als mp3, aac). Alle Folgen findet Ihr unter anderem hier im Blog.

Mittwoch, 23. Mai

Kurzzusammenfassung: Pfingstkirmes, Erdbeerkuchen, Tick Tack Bumm, ICE nach Berlin, Gartensitzen in Wandlitz, Fest feiern in Clärchens Ballhaus, Gespräche, Fahrt zurück ins Ruhrgebiet, schnell Wäsche waschen, denn morgen: Weiterfahrt nach Ostwestfalen.

Berlin: Haushohes Graffiti einer Person von hinten, die eine Werbeanzeige an die Hauswand sprüht

Warum ich in Berlin war: Es wird ein neues Buch von mir geben.

Das kam so: Ende vergangenen Jahres habe ich mich mit meinem Agenten besprochen, ob die Idee, die ich habe, Sinn macht. Vor dem vergangenen Weihnachtsfest habe ich ein erstes Exposé verfasst. Im Januar und Februar habe ich das Exposé erweitert. Als ich vor meiner Italienreise in München war, habe ich dort recherchiert. Während ich in Italien war, hat mein Agent die Idee und das Exposé mit zur Buchmesse genommen. Und jetzt – jetzt gibt’s einen Verlag und ein neues Buchprojekt.

Es wird etwas komplett Anderes als das erste Buch: ein biographischer Roman einer realen Frauenpersönlichkeit. Erscheinungstermin möglicherweise Herbst/Winter 2019.

Gestern war ich auf dem Fest meiner Agentur, heute war ich im Verlag und habe meine Lektorin kennengelernt. Demnächst immer mal wieder etwas mehr Infos, wenn alles in ganz, ganz trockenen Tüchern ist.

Ich freue mich!

Donnerstag, 17. Mai

Heute habe ich mich den ganzen Tag mit der Datenschutzgrundverordnung beschäftigt. Ich bin gelassen, aber ein bisschen was war doch zu tun. Ich habe an Datenschutzerklärungen rumgedengelt und mich über Etliches belesen. Das aus meiner Sicht Sinnvollste angesichts der vielen, schwer deutbaren Texte ist vom schleswig-holsteinischen Minister Jan Philipp Albrecht, den man nach der Lektüre ein bisschen heiraten möchte, so sympathisch ist das geschrieben – und das bei solch einem drögen Thema. Ich empfehle aber auch, die Replik von Sascha Lobo in den Kommentaren zu lesen, die Kritik ist nämlich ebenso prima und ebenso berechtigt – genauso wie weitere Kommentare, etwa der von Thorsten. Das ist eine sehr gute Debatte, und es ist sehr erfreulich, dass sich ein Politiker, sogar ein Landesminister, unmittelbar und nahbar beteiligt. Mehr davon.

Ich habe außerdem meinen Buchhaltungsservice wegen eines Datenverarbeitungsvertrags angeschrieben, und ich habe den Anlass genutzt, mich um Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Daten zu kümmern, die ich in die Cloud lege. Das mache ich jetzt mit Boxcryptor. Als Übersprungshandlung habe ich zwischendurch Rasen gemäht, um auch etwas Handfestes gemacht und eine Sache erledigt zu haben, bei der man einen Fortschritt sieht.

*

Als ich vor fünf Jahren meinen Bildungsbandscheibenvorfall hatte, hätte ich niemals gedacht, dass meine Füße meine Hände wiedersehen. Ich konnte mir in der Akutphase noch nicht einmal an die Knie fassen, so eingschränkt war ich. Socken anziehen war ein grandioses Schauspiel, wirklich comedyesk; es nahm enorme Zeit in Anspruch. Jeden Morgen ein kleines Projekt.

Inzwischen kann ich schon seit Langem wieder meine Füße berühren, auch mit gestreckten Beinen. Verstärktes Fittiturnen und Dehnen führt jetzt dazu, dass ich – dehnend – nicht nur an meine Fußspitzen komme, sondern noch viel weiter. Es ist geradezu beängstigend, wie gelenkig ich bin. Ich habe den Eindruck, dass mein Körper mir ein Signal geben möchte. Zum Beispiel, dass ich doch noch eine Ballerina werden soll. Eine dicke Seniorenballerina.

*

Auf Twitter hat mich jemand auf einen Schlag zu drei Listen hinzugefügt: „Wichtig“, „Interessante Accounts“ und „Wissen“. Nun fehle ich nur noch auf der Liste „Attraktive Ladies“ – aber hey: Irgendwas muss für Euch ja auch noch bleiben.

*

Gelesen: Nonnen sollen nicht mehr so viel twittern. Hätte nicht gedacht, dass das ein drängendes Thema ist.



In diesem Kaffeehaus werden anonym Daten verarbeitet. Indem Sie auf „Ja, ich bin einverstanden“ klicken, bestätigen Sie, dass Sie mit dem Datenschutz dieser Website glücklich sind. Dieser Hinweis kommt dann nicht mehr wieder. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen