Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Samstag, 17. März

17. 03. 2018  •  8 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Als ich heute Morgen erwachte, regnete es. Nach Tagen des Sonnenscheins war ich erst nicht in der Lage, die Geräusche zu deuten. Dann fiel es mir ein.

Beim Frühstück schaute ich in die Wetter-App: Ab 12 Uhr sollte es trocken werden. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr Richtung Ancona. Heutiges Tagwerk: Wanderung am Monte Conero, ein Kalkgebirge am Meer. Die Steinbrüche waren lange Zeit Erwerbsquelle der Bevölkerung. In großen Öfen wurde aus den Steinen Kalk gebrannt.

Die Wanderung begann damit, dass ich zum falschen Ausgangspunkt fuhr. In der Gegend gibt es nämlich zwei Kalksteinöfen mit einem großen Schornstein. Der erste, den man von der Straße aus antrifft, ist es nicht. Merkt man dann, wenn die Wegbeschreibung nicht auf die dort vorhandenen Wege zutrifft. Ich hab’s zum Glück recht rasch gecheckt und den zweiten Kalksteinofen gefunden.

Die Wanderung am Monte Conero verläuft so: Erst steigt man zwei Stunden lang auf der Landseite auf. Es geht durch Wald. Das ist der Pflichtteil. Dann beginnt man, den Berg auf der Meerseite zu umrunden. Das ist die Kür. Weil wir hier alle miteinander ein Team sind, gehen Sie mit mir auch durch den ersten Teil. Kann ja nicht sein, dass Sie nur die Panoramabilder bekommen, während ich mich im Schweiße meines Angesichts den Berg hochschleppe. Durch Wald:

Monte Conero: Waldweg

Über umgefallene Bäume:

Monte Conero: Laubbaum auf dem Weg

Manchmal auch darunter durch:

Monte Conero: Laubbaum auf dem Weg

Warum sieht das auf den Bildern eigentlich alles so flach aus? Vielleicht ist das wie mit dem Matsch. Den sieht man auf den Bildern auch nicht.

Irgendwann kam ich aus dem Wald heraus und betrat eine Ebene. Auf der Ebene war es ein bisschen nebelig.

Monte Conero: Schotterweg auf grüner Ebene mit Nebel

Es geht übrigens immer noch bergauf. Wir sind ungefähr bei Stunde 1,5. Tut mir leid. Sie müssen da gemeinsam mit mir durch.

Weiter oben sollte man eine wunderbare Aussicht ins sattgrüne Tal und in die dahinterliegenden Berge haben. Hat man bestimmt auch. Nur heute nicht.

20180317_Conero_05Monte Conero: Blick in die neblige Ebene

Danach ging es weiter bergauf durch Wald. Es war feucht und ein bisschen kühl, der Wald duftete sehr schön, und die Luft war angenehm auf der Haut. Überhaupt war es, obwohl es recht frisch war, ein angenehmes Wanderwetter und sehr prima im Wald.

Dann der erste Aussichtspunkt: Belvedere Nord mit Blick auf die Adriaküste bei Ancona. Ich verweilte etwas.

Monte Conero: Adriaküste aus der Höhe

Der Weg ging danach mal am Steilhang entlang, mal ein Stück wieder in den Wald hinein, erst noch ein ganzes Stück bergauf, dann über einen steilen Pfad bergab.

Im Rother-Wanderführer steht, man benötige 1,5 Stunden bis ganz hinauf. Nach ein paar Wanderungen hier in der Gegend kann ich sagen, dass die Gehzeiten im März nicht ganz hinhauen; das war auch in den Abruzzen so. Es gibt um diese Jahreszeit etliche Hindernisse, die das Vorhaben verlängern: umgefallene Bäume, glitschige Steine oder einfach nur viel Matsch, der es unmöglich macht, schnell zu gehen, und der gerade beim Bergauf- oder Bergabgehen rutschig ist. Man kann gut wandern, aber es braucht ungefähr ein Drittel mehr Zeit.

Auf dem Weg traf ich einen Kiosk. Er hatte tatsächlich geöffnet und ich kaufte mir ein Eis. Großartig. Bild von der Rast – mit Schlammdeko:

Rast mit dreckigen Schuhen und matschiger Hose

Nun, da wir oben sind und es nur noch bergab geht: Panorama. Erst geht es noch diesen Waldweg entlang.

Monte Conero: Pfad am Kloster

Dann geht es los.

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Monte Conero: Aussicht auf die Adria

Nach 14 Kilometern war ich wieder an meinem zweiten, also dem richtigen Kalkofen und an meinem Auto. Eine sehr schöne Tour. Danke an meine Gastgeberin M für den Tipp.

Die Wanderung ist Tour Nr. 34 im Rother-Wanderführer Marken/Adriaküste. 450 Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Länge circa 12 Kilometer. Wenn Sie erst am falschen Kamin parken, sind es 14,5 Kilometer.

*

Nach meiner Heimkehr wartete ein tolles Abendessen auf mich: M hatte mich zu selbst gemachter Pasta al Forno eingeladen. Was gibt es nach einer Wanderung Schöneres als eine Dusche und danach ein gutes Essen!

Pasta al Forno

Wir plauderten viel und lange, über Dieses und Jenes, Deutschland und Italien, das Schwabenländle und das Ruhrgebiet und huch, was ist das? Ein Tiramisu.

Tiramisu

Neben mir auf dem Stuhl am warmen Ofen:

Schlafende weiße Katze

Ein großartiger Abend!

*

Musik heute: Annalisa – Il Mondo Prima Di Te. Ich möchte nicht verhehlen, dass ich die Interpretin nervig finde. Da das Lied im Radio aber rauf und runter gespielt wird und ich meine Chronistenpflicht ernst nehme, will ich es Ihnen nicht vorenthalten.

Freitag, 16. März

16. 03. 2018  •  2 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Reisetag – aber nur ein kurzer. Denn ich bin nur 100 Kilometer gefahren: von Capelle sul Tavo an die Küste, ein Stück auf der Autostrada Adriatica nach Norden, wieder ein Stück ins Landesinnere.

Ich bin nun in den italienischen Marken. Die Region liegt zwischen der Adria und dem Appenin. Google Maps hat das schön umkringelt. Wie schon die Abruzzen sind die Marken eine sensationelle Landschaft. Ich stehe einfach auf die Kombi Berge plus Meer; ich hab’s immer schon geahnt, aber hier wird es mir noch einmal richtig bewusst. Tolle Gegend. Habe ich schon gesagt, dass es super hier ist?

Wenn Sie auch mal hierher kommen möchten: Von Frankfurt/Hahn aus können Sie nach Pescara fliegen. Das geht ganz flux.

Ich bin zu Gast bei M. Sie ist Schwäbin und wohnt seit 14 Jahren in Italien. Als ich darüber nachdachte, auf meiner Tour in der Nähe von Ascoli Piceno zu verweilen, schrieb sie mich an. „Dann kannst du zu mir kommen!“ Vielen Dank für die Gastfreundschaft! Ich bin sehr dankbar und freue mich auch ausgesprochen über die Gesellschaft.

Das ist die Aussicht aus meiner Residenz:

Aussicht auf hügelige Felder

Ich bin heute direkt den ersten Tipps von M gefolgt und habe zwei Orte in der Nähe besucht: Ripatransone (La Ripa) und Grottammare.

Es ist hier alles sehr ländlich, Sauerland auf Italienisch quasi: Hügel, Felder, Weinberge, Olivenhaine, in der Ferne die richtig hohen Berge. Also schon ein bisschen hübscher als Sauerland. Und auch mit besserem Eis. Und besserem Schinken. Und besserem Wein. Und mit Meer. Alles in allem also doch nicht wie Sauerland.

Ripatransone: Aussicht

La Ripa liegt auf einem Hügel, tut, was es kann, um gut auszusehen, und macht dabei eine ziemlich gute Figur. Wie immer darf man viel hoch- und runterlaufen. Erfreulicherweise geht mir das inzwischen sehr leicht von der Hand. Ich bin geradezu beschwingt, wenn ich eine steile Gasse sehe, und fühle mich aufgefordert, sie zu erklimmen.

Ripatransone mit Meer

A propos Gasse: In La Ripa gibt es die schmalste Gasse Italiens (#serviceblog Wissen). Sie ist nur 43 Zentimeter breit. Also schmaler als mein Kreuz. Hindurch ging’s nur mit eingeklappten Schultern oder im leichten Seitstep.

Ripatransone: Schmalste Gasse

Nachdem ich Ripatransone fertig erkundet hatte und vor allem: Nachdem keine Eisdiele geöffnet hatte, fuhr ich weiter nach Grottammare. Also ans Meer, das ich bis dahin schon aus dem Auto und vom Berg aus angucken durfte.

Jetzt wird es leider sehr hart für Sie – besonders für diejenigen unter Ihnen, bei denen es schon wieder schneit. Angeblich soll es in meiner Heimat in dieser Nacht minus acht Grad kalt werden – ich erhielt Nachrichten auf mein Handy, aus denen ich herauslas, dass sie mit zitternden Fingern getippt worden sind. Vor Kälte – oder vor Wut über die Kälte, ich weiß es nicht.

Für alle deutschen Winteropfer nun also die abendliche Atmosphäre in Grottammare:

Grottamare: Strandpanorama mit Bergen

Auf der Promenade stand das Jungvolk herum, spielte Fußball, bandelte an und neckte sich. Mir ist bewusst, dass die Palmenoptik unverschämt ist. Ich kann nichts dafür.

Grottamare Promenade

In der kleinen Innenstadt fand ich eine Eisdiele. Es war zwar schon 18 Uhr. Aber für ein gutes Eis ist es niemals zu spät. Die heutige Auswahl: Stracciatella, Milcheis mit Nutella und Nuss.

Eis im Hörnchen

*

Lied zum Wochenende: Mudimbi – Il Mago

Donnerstag, 15. März

15. 03. 2018  •  6 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

In meiner Nähe gibt es eine Stadt, die wie Pasta heißt: Penne. Das genügte mir als Antrieb, diesen Ort zu besuchen. Außerdem hat Penne eine Altstadt aus Terrakotta. Das sieht man ja auch nicht so oft. Dritter Grund: Penne hat 14.000 Einwohner – und deshalb sicherlich eine Eisdiele. Also auf nach Penne.

Der Weg von Capelle sul Tavo nach Penne führt über Landstraßen, Stradi Provinciali. Wenn ich gewusst hätte, was das für ein schöner Weg ist, wäre ich ihn schon öfter gefahren, immer hin und zurück: sattgrüne, hügelige Landschaft vor einer Bergkulisse mit schneebedeckten Gipfeln. Dazu Wein, Wein und nochmals: Wein. Großartig.

Commune di Penne: rechts ein Olivenbaum, Blick ins hügelige Tal, in der Ferne ein schneebedeckter Berg

Das Angenehme in den kleinen Städten wie Penne oder L’Aquila ist: Es gibt eine Straße, die auf den Ort zuführt, und dort parken alle. Also stellt man sich einfach dazu. Keine Parkplatzsuche, kein Rumgekrauche in irgendwelchen Einbahnstraßen, keine Parkhäuser, bei denen ich mich frage, wie das hier jetzt wieder funktioniert.

Blick auf Penne

Die Stadt Penne gibt es bereits seit der Zeit vor Christus. Karl der Große ernannte den Ort 773 zur Provinzhauptstadt. Die Stadt zieht sich über zwei Hügel. Das Bild oben zeigt den einen, ich stehe auf dem anderen.

Es gibt, Sie ahnen es bereits, viele Kirchen. Ich war nur in einer, der Chiesa della SS. Annunziata, denn so langsam reicht’s mir auch mit den Kirchen. Als ich sie betrat, dachte ich: „Das gibt‘s doch nicht! Da liegt schon wieder ’ne Leiche im Kasten.“ War aber nur ein Holzjesus.

Kirche, rechts ein Glaskasten mit einer liegenden Figur

Ich bin ein bisschen traumatisiert von meinem Reliquienfund in Montefiascone.

Das Schöne hier in Italien: Man spart sich den Sport. Immer geht es auf und ab und auf und ab. Man geht Hügel hinauf, kann hinunterschauen, geht wieder hinunter und kann hinaufschauen. Die Eisdiele ist übrigens immer oben. Oder, wenn man oben ist: unten.

In Penne haben sie in den steilen Gassen sogar einige der Terrakottabacksteine aus dem Boden gelassen, damit man im Winter gut zurechtkommt.

Gasse mit Katze

Mehr Eindrücke aus den Gassen:

Penne, Gasse mit Bergen

Penne, Gasse mit Blumen vor dem Haus

Penne

Der Blick von Penne hinab ins Tal – in Richtung Meer:

Penne: Blick in die hügelige Landschaft

Eis gab’s übrigens ganz Hervorragendes: Stracciatella, Nuss und Pistazie in kleinen Kugeln. Dazu einen caffè. Ausgezeichnet.

*

Auf dem Hinweg war ich an zwei Weingütern vorbeigefahren. Weil der Montepulciano gestern Abend so gut geschmeckt hat, dachte ich mir: Da kann man ja mal anhalten.

Also stoppte ich erst bei der Familie Contesa, danach bei der Familie Mazzochetti und kaufte ein klitzekleines bisschen ein – rot und weiß und etwas Prosecco. Und Olivenöl.

Azienda Agricola Col Del Mondo

Liebe Daheimgebliebenen, lieber Stammtisch: Ihr werdet Begünstigte sein.

*

Als ich heute Abend gerade das Essen auf dem Herd hatte und die Wäsche reinholte, rief es unter meinem Balkon auf Deutsch: „Hallo! Gehört Ihnen das Auto aus Dortmund?“ Ich war schwer irritiert. Es war erste Mal seit drei Wochen, dass jemand auf der Straße mit mir Deutsch sprach.

Ich beugte mich über die Brüstung. Im Halbdunkel standen eine runde Frau und ein unrunder Mann.

„Ja, ist meins“, sagte ich.
„Wie toll!“, rief die Frau zu mir hinauf. „Wir haben 50 Jahre lang in Hagen gelebt! Endlich kann ich mal wieder Deutsch sprechen. Hörst du“, sie knuffte ihn in die Seite, „endlich können wir wieder Deutsch sprechen.“
„Ihr seid Italiener?“ frage ich.
„Jaja, aber fünfzig Jahre! In Hagen! Hart gearbeitet. Hach, ist das schön. Findest du nicht auch?“, *knuffknuff, „Schön, oder? Eine Stimme aus der Heimat!“

50 Jahre Hagen, das muss man tatsächlich erstmal überstehen.

Sie erzählte, dass sie seit Juni hier im Ort wohnten, im Haus nebenan – gemeinsam mit ihrer Tochter. Sie seien seit einem Dreiviertljahr Rentner und hätten alle Hände voll zu tun: das Haus, die Tochter, die Einkäufe, sie wisse gar nicht, wo ihr der Kopf stehe. Die deutsche Rente, sagte sie, reiche hier wunderbar hin, und die Nähe zur Tochter – sie ist schon vor zehn Jahren hergezogen – sei toll, eine neue alte Heimat, noch dazu viel wärmer. Nur Deutsch könne sie hier nicht mehr sprechen, das sei wirklich traurig. Doch plötzlich habe da dieses Dortmunder Auto gestanden, da sei ihr das Herz aufgegangen. Sie habe in den vergangenen Tagen schon immer anklingeln wollen.

„Wie lange bist du noch da?“ fragte sie.
„Nur noch bis morgen.“
„Ach, wie schade. Dann sehen wir uns gar nicht mehr. Oder doch? Wann fährst du?
„So gegen 11 Uhr.“
„Ich schau dann mal.“

*

Gelesen: Diese kleinen Leute – wie sähe Politik für die „kleinen Leute“ (Zitat Seehofer) aus? Wer sind überhaupt die „kleinen Leute“? Eine Putzfrau, ein Taxifahrer, eine Verkäuferin und ein Buchhändler erzählen aus ihrem Leben.

Gesehen, während ich diesen Blogbeitrag schrieb: Eisenbahnromantik. Ich bin ja jetzt 40, da kann ich mich mit Rentnersendungen befassen. Folge: Schienenpilger zwischen Latium und den Abruzzen. Für die Pufferküsser unter Ihnen: Man kann meinen Tripp also auch mit dem Zug machen.

*

Morgen geht es weiter: Zum ersten Mal wieder gen Norden. Die Heimreise beginnt. Eine lange Heimreise. Denn es ist ja erst Mitte des Monats.

Nächstes Ziel: Carassai in den italienischen Marken in der Provinz Ascoli Piceno, 1.000 Einwohner.

Landkarte

*

Musikalischer Abschluss: Ultimo – Il Ballo delle Incertezze

Mittwoch, 14. März

14. 03. 2018  •  52 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Heute: 40!  In der Mitte des geschenkten Monats: Geburtstag.

Ich stand früh auf und fuhr in die Abruzzen, in den Nationalpark des Gran Sasso mit dem höchsten Gipfel des Abruzzesischen Appenins, dem Corno Grande (2.912 Meter). #serviceblog-Wissen: Hier ist auch der südlichste Gletscher Europas, der Calderone.

Bevor ich in Assergi von der Autostrada 24 abfuhr, musste ich unter dem Gebirgsmassiv hindurch. Dazu fährt man durch den Gran-Sasso-Tunnel. Der ist ziemlich lang, zehn Kilometer. #serviceblog: Er ist der längste zweiröhrige Tunnel Europas.

In Nebenanlagen des Tunnels befinden sich die Versuchslabore Laboratori Nazionali di Gran Sasso – #serviceblog: die größten unterirdischen Versuchslabore der Welt zur Untersuchung von Elementarteilen (Website). Die Labore sind durch die 1.400 Meter umgebenden Felsen von kosmischer Strahlung abgeschirmt. Bis zum Erdbeben im Jahr 2009 konnte man die Anlagen besuchen. Seither sind sie außer Betrieb. Ich bin überirdisch zum Besucherzentrum gefahren. Doch es war geschlossen und mit Ketten verhängt. Gespenstisch.

Ich fuhr daraufhin weiter in die Berge hinauf in Richtung Campo Imperatore, dem Hochplateu des Gran-Sasso-Massivs. Nach rund zehn Kilometern war die Straße allerdings wegen Schnees gesperrt. Ich parkte und beschloss, ein Stück zu Fuß den Berg hinauf zu gehen.

Straße mit Schnee

Das war eine gute Idee. Das Wetter war toll, schon nach der ersten Kurve gab es eine wundervolle Aussicht – und sie wurde noch besser. Ich stieg bis auf Passhöhe hinauf. Zum Genießen:

Gran Sasso: Blick ins Tal

Gran Sasso: Blick in die Berge mit tief hängenden Wolken

Gran Sasso: Panorama

Gran Sasso: Blick in die Berge

Gran Sasso: Blick ins Tal mit Weidekätzchen im Vordergrund

Das Wetter ist hier seit fünf Tagen durchgehend gut: 15 Grad und Sonne. In der Höhe waren es vier Grad. Beim Bergaufgehen in der Sonne wurde mir aber gehörig warm. Nur der Wind blies kräftig.

Danach fuhr ich weiter nach L’Aquila. L’Aquila wurde im Jahr 2009 fast komplett von einem Erdbeben zerstört, und ich hatte überlegt, ob ich überhaupt hinfahren sollte. Ich wollte keine Katastrophentouristin sein. Andererseits ist das Beben neun Jahre her, und es nützt den Leuten nichts, wenn weitere neun Jahre keine Menschen kommen und ein bisschen Geld in die Stadt bringen. Also fuhr ich hin.

L'Aquila: Blick auf die Dächer mit Baukränen

Der Zustand der Stadt ist leider nachwievor erschreckend – und das nach vergleichsweise langer Zeit. Die Altstadt ist praktisch nicht betretbar: Es gibt auch nach neun Jahren kaum intakte Häuser, überall Baugerüste, teils scheinen es noch die ersten zu sein, die die Häuser abstützen.

L'Aquila 2018

Zwar wird überall gewerkelt: In jeder Straße sind Bauarbeiter. Doch es scheinen mir nicht sehr viele angesichts des Ausmaßes der Zerstörung. Die Stützen und Gerüste stützen ab, was abzustützen gibt. Ich hatte den Eindruck, es wird versucht, möglichst viel von der Bausubstanz der Altstadt zu erhalten. Doch mehr als abstützen ist an zahlreichen Stellen noch nicht geschehen.

L'Aquila 2018

Vereinzelte Häuser sind saniert. Merkwürdigerweise handelt es sich entweder um Behörden, Kirchen oder um  Palazzi. Kaum eines der normalen Wohnhäuser in der Altstadt scheint inzwischen instand gesetzt zu sein. Sie liegen noch immer in Schutt. Drumherum sieht es etwas besser aus: Dort stehen moderne Mehrfamilienhäuser.

Das Epizentrum des Bebens lag seinerzeit fünf Kilometer südwestlich des Stadtzentrums von L’Aquila, in einer Tiefe von rund neun Kilometern statt. 308 Menschen starben. Fast 70.000 wurden obdachlos. Rund 15.000 Gebäude wurden beschädigt.

L'Aquila: Beschädigte Kirche

Trotz dieses Ausmaßes ist es verstörend, wie wenig der Aufbau der Stadt seither vorangegangen ist. Die Welt hat dazu einen Artikel veröffentlicht: 30 Sekunden Beben. Der Wiederaufbau? 30 Jahre lang. In dem Artikel geht es um Behördenversagen und um Geld, das in mafiösen Strukturen versickert. Außerdem stellt er die Frage, wer in Zukunft in der sanierten Altstadt wohnen soll: Die Menschen haben sich inzwischen andernorts ein Zuhause gesucht. Zur Ergänzung: Ein weiterer Artikel der Südwest-Presse.

Es gibt aber auch schöne Orte in L’Aquila: Die Stadt hat tolle Parks und eine wunderbare Aussicht auf die Berge.

Park in L'Aquila, im Hintergrund ein schneebedeckter Gipfel

Außerdem hat sie die beste Eisdiele der bisherigen Reise. Sie sehen im Bild: Pistazie und Stracciatella.

Eishörnchen

*

Auf dem Rückweg hielt ich an meinem kleinen Supermarkt in Montesilvano, um mir frisches Brot zu kaufen. Die Dame von der Theke erkannte mich direkt wieder.

„Bleiben Sie länger? Was machen Sie hier?“
„Nur noch bis Freitag. Ich bin Touristin.“
„Ein bisschen die Abruzzen anschauen, ja? Das ist eine gute Idee!“
„Ich nehme noch fünf von den Biscotti di latte.“
„Das sind unsere besten Kekse. Wollen Sie auch den Wein probieren? Montepulciano, 2014. Ein sehr guter Wein.“
„Na klar. Nehme ich mit.“

Glas Wein vor Abendsonne

Ich muss ihr zustimmen: ein wirklich guter Tropfen. Ich werde wohl noch ein drittes Mal hinfahren und ein paar Flaschen für die Daheimgebliebenen kaufen müssen.

*

Lied des Tages, passend zum Schnee auf den Berggipfeln: Giorgia & Marco Mengoni – Come neve

Dienstag, 13. März

Dieser Tag wird eine Enttäuschung für Sie sein, denn: Ich bin nirgendwohin gefahren.

Ich habe den Tag in meinem Appartment und auf meinen zwei Sonnenbalkons verbracht: Den Vormittag auf dem Balkon nach Osten, und den Nachmittag auf dem Balkon nach Südwesten. Es gibt also weder etwas zu berichten, noch gibt es tolle Bilder. Ich kann Ihnen aber zumindest Bilder von meinen Balkonen zeigen.

Die Aussicht vom Vormittagsbalkon mit blühendem Bäumchen:

Ostbalkon mit Blick auf blühenden Kirschbaum

Die Aussicht vom Nachmittagsbalkon mit Bergen:

Südwestbalkon in die Berge

Ich brauchte den Tag, weil ich arbeiten wollte. Ich hatte Auftragsanfragen bekommen und habe einige Telefonate geführt. Ist das nicht wunderbar? Man sitzt in Italien, tut nix, und die Aufträge kommen rein. So habe ich mir das vorgestellt. Zugegeben, aufs Jahr gesehen ist das Konzept noch nicht kostendeckend und es fehlt noch die ein oder andere Überlegung, aber der Ansatz stimmt schonmal.

Zwischenzeitlich hat ich kurz Sorge, der Nachbarhund sei verstorben:

Nachbarshund, auf dem Rücken liegend

Aber er hat sich nur sehr ausführlich entspannt.

*

Der Alltag in Italien ist überraschend teurer als in Deutschland. Der Einkauf im Supermarkt kostet circa 10 bis 20 Prozent mehr als bei uns – auch in großen Supermärkten, nicht nur im Tante-Emma-Laden im Bergdorf. Gleichzeitig legen die Menschen hier enorm viel Wert auf gute Lebensmittel. Jeder kleine Ort hat seinen traditionellen Bäcker, seinen Metzger und einen Laden, in dem es guten Käse gibt. Meist auch eine Fischtheke. Es gibt tollen gekochten und rohen Schinken in verschiedenen Varianten, Parmesan und anderen Käse, Büffelmozzarella. Das kostet Geld, die Leute kaufen es. Es ist auch ungemein lecker. Es macht große Freude, die guten Lebensmittel zu essen.

Ich bin immer wieder erstaunt, welche Schätze sich hier verbergen. Gestern Abend war ich zum Beispiel auf der Suche nach einem Supermarkt, wo ich nur kurz drei Dinge einkaufen wollte. Mir fehlten Spüli und Waschmittel, ich brauchte noch Brot fürs Frühstück. An einer viel befahrenen Ortsdurchfahrt im recht hässlichen Ort Montesilvano hielt ich an einem kleinen Supermercato an. Eindruck von außen: leicht schrammelig. Dort im Innern, hinten vor Kopf: das Käse- und Wurstparadies – frische Schinken in verschiedenen Varianten, Mozzarelle, Parmigiano unterschiedlicher Reife. Außerdem traditionelles, selbst gemachtes Brot und dazu einige Spezialitäten des Hauses: Minipizzen zum Aufwärmen, gefüllte Teigrollen und Gebäck. Das Ganze herzlich verkauft von einer fülligen Dame, die jeden Schinken persönlich zerlegte, bevor sie ihn in dünne Scheiben schnitt. Vor mir standen fünf Leute in der Schlange, und es war sehr gesellig.

Was mir daran auffällt: Wie wenig Wert wir in Deutschland inzwischen auf unsere Alltagslebensmittel legen. Nicht Sie persönlich, meine ich, sondern gesamtgesellschaftlich. Ich nehme mich davon selbst nicht aus, auch wenn ich durchaus bewusst einkaufe und gerne gute Lebensmittel genieße. Gleichzeitig ist das hier einfach nochmal eine andere Liga. Deshalb mein Vorsatz nach der Rückkehr: Noch mehr Wert auf gute Lebensmittel legen, nicht nur am Wochenende oder wenn Besuch kommt, sondern einfach so. Es macht Spaß.

*

Benzinpreise: Super circa 1,50 Euro, Diesel um die 1,40 Euro. Wenn man den Service eines Tankstellenmitarbeiters in Anspruch nimmt, kommt eine Servicegebühr pro Liter hinzu. Als ich auf der Autobahn unterwegs war, kostete der Liter Diesel an der Tankstelle 1,86 Euro. Ich habe spontan beschlossen, dass die vorhandene Füllung noch bis zum Ziel reicht. Da sag noch einer, Raststätten in Deutschland wären teuer.

Hinzu kommt die Mautgebühr für Autobahnen. Immer, wenn man auffährt, zieht man ein Kärtchen. Immer, wenn man abfährt, bezahlt man die zurückgelegte Distanz. Von Rom nach Capelle sul Tavo waren es 25 Euro. Wandern in Roccamorice hin und zurück circa 7 Euro.

Die mautpflichtigen Autostrade sind tipptopp gepflegt, kein Schlagloch, nichts. Auf den Bundesstraßen, den Strade Statali,  sieht’s schon nicht mehr so gut aus. Die Kommunalstraßen sind übel.

*

Gelesen: Bitcoins in leichter Sprache. Bitte mehr Erklärungen in leichter Sprache.

*

Die heutige musikalische Abschluss: Ermal Meta & Fabrizio Moro mit Non mi avete fatto niente.

Das Lied ist der Beitrag Italiens für den Eurovision Song Contest 2018 und ein Lied für den Frieden.

Montag, 12. März

12. 03. 2018  •  3 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Zunächst möchte ich heute ein Geheimnis verraten: Ich reise gar nicht allein. Seit München habe ich einen Begleiter.

Ich habe ihn im Supermarkt in Waldperlach gekauft, und er ist mit mir zuerst in die Emilia Romagna, dann nach Lazio und nun in die Abruzzen gereist. Ich habe ihm einen Namen gegeben: Sagen Sie Hallo zu Gregor.

Schnittlauch Gregor I.

Gregor ist ein unerwartet robuster Schnittlauch. Er wächst schneller, als ich ihn essen kann. Deshalb trägt er einen Man Bun.

*

Für heute hatte ich zwei Tagesziele ausgelobt:

  1. gucken, ob das Meer noch da ist
  2. ein Eis essen

Um diese Ziele zu erreichen, bin ich  in den Ort Ortona an der Adriaküste südlich von Pescara gefahren.

Ortona: Blick auf den Hafen

Das Meer und der Himmel waren tatsächlich so blau. Ich habe nicht am Farbregler gedreht.

Ortona trägt den Namen „das Stalingrad Italiens“. Die Stadt war im Dezember 1943 Ort erbitterter Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und den kanadischen Streitkräften. Die Deutschen hatten zu dem Zeitpunkt mehrere Verteidigungslinien von Süd nach Nord durch den italienischen Stiefel gezogen, von denen die Briten bereits zwei genommen hatten. Die dritte Linie, die Gustavlinie, war schwer umkämpft. Ihre östliche Flanke war Ortona.

Eigentlich war Ortona für die Deutschen nicht mehr von Wert: Die Alliierten hatten den Hafen längst genommen. Nichtsdestotrotz erhielten die Soldaten den Befehl, die Offensive aufzunehmen und Ortona hart zu verteidigen. Die sprengten Häuser und verteilten den Schutt in den Straßen, versteckten Maschinengewehr- und Panzerabwehrstellungen und verminten das Gelände. Um Weihnachten 1943 folgte ein erbitterter, achttägiger Häuserkampf.

In der Schlacht um Ortona starben 1.300 Zivilisten; im „blutigen Dezember“ starben 1.200 kanadische Soldaten in ganz Italien. Das Denkmal auf der Piazza Plebscito erinnert daran:

Ortona: Denkmal

Die Stadt selbst war heute recht verschlafen. Es war Montag, und viele Läden und Kneipen hatten geschlossen.

Zum Glück hatte die Eisdiele geöffnet:

Zwei Bällchen Eis im Hörnchen

Wichtige Vokabeln (#serviceblog):

die/eine Kugel: la/una pallina
mehrere Kugeln: le palline
das Hörnchen: il corno
Zwei Kugeln im Hörnchen bitte: „Due palline nel corno, per favore.“ 

Wenn es keine Kugeln gibt, sondern das Eis mit einem Löffel aufs Hörnchen gestrichen wird, sagt man: „Due gusti, per favore.“ – Zwei Geschmacksrichtungen, bitte.

Ortona: Häuser

Direkt am Meer gibt es eine Promenade, die nur für Fußgänger und Fahrradfahrer ist – und es gibt klare Verkehrsregeln:

Promenade

In der Unterkirche des Doms von Ortona liegen die Gebeine des Apostel Thomas. Sie kamen 1285 mit Kreuzfahrern aus dem türkischen Şanlıurfa, ehemals Edessa, nach Ortona.

Tommaso-Schrein

Weil die Stadt im Krieg vollständig zerstört wurde, sind die meisten Häuser aus den Jahren 1945 und später. Auch die Basilica San Tommaso Apostolo, eigentlich aus dem Jahr 1127, musste in den Jahren von 1946  bis 1949 vollständig wieder aufgebaut werden und sieht heute anders aus als vor dem Zweiten Weltkrieg.

Zwei Bilder aus den Straßen:

Ortona: Gasse

Ortona: Trattoria am Meer

*

Auf der Toilette des Cafés:

Questo non è un scarico. Per scaricare preme in basso a sinistra.

„Das hier ist nicht die Spülung. Um abzuziehen, Knopf unten links drücken.“

*

In den nächsten Tagen werde ich Ihnen einige italienische Künstler und Lieder vorstellen, die hier im Radio rauf und runter gespielt werden.

Den Anfang macht der Rapper Ghali mit Cara Italia:

Sonntag, 11. März

11. 03. 2018  •  1 Kommentar  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Sonntagsausflug ins Kirchlein. In eine besondere Kirche: Die Eremo di San Bartolomeo, ein Einsiedelei am Rande des Majella-Gebirges in den Abruzzen.

Ich fuhr bis in den kleinen Ort Roccamoricone. Als ich gerade parkte, begann es heftig zu regnen. Ich wartete im Auto, bis es aufhörte. Dann machte ich mich auf den Weg.

Majella

Der höchste Gipfel des Majella-Gebirges ist der Monte Amaro mit fast 2800 Metern Höhe. Oben auf den Bergen liegt noch dick Schnee.

Unten bei mir aber war es warm: mehr als 20 Grad. Wanderkleidung: unten kurz, oben kurz.

Valle Guimentina

Die Abruzzen sind schroff und haben tief eingeschnittene Täler. Mein Weg führte an der Guimenta-Schlucht entlang. In ihr fließt der kleine Fluss Torrente Capa Lavino.

Der Einstieg zur Eremo di San Bartolomeo:

Einstieg mit in den Stein gehauenen Stufen

Die Einsiedelei wurde im 11. Jahrhundert spektakulär in den überhängenden Fels gebaut und um 1250 noch einmal restauriert. Sie ist komplett erhalten.

Überhängender Fels

EInsiedelei: Kirche

Die Einsiedelei besteht aus einer kleinen Kapelle und dahinterliegenden Räumen.

Schlichte Kapelle

Danach stieg ich in die Schlucht hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf. Das war steil, anstrengend und matschig. Sagte ich schon, dass es steil und matschig war?

Die Emero die San Bartolomeo aus der Höhe der anderen Schluchtseite:

Eremo di San Bartolomeo vaus der Höhe der anderen Schluchtseite

Danach ging der Weg über die Hochebene La Cerratina. Hier stehen Trockensteinhäuser, so genannte Tholos. Sie gehörten Hirten. Es sind die höchsten Trockensteinäuser in den Abruzzen.

Ich hatte einen Blick auf das Majella-Massiv und einen langen, schneebedeckten Bergkamm, die Montage del Morrone.

La Cerratina

Auf der Ebene brannte die Sonne, und ein Wind fegte. Gleichzeitig war es sehr warm. Von Eisregen und knietiefem Schnee zu Sommer und T-Shirt in weniger als sieben Tagen. Verrückt.

Montage del Morrone

Der Rückweg verlief genauso wie der Hinweg: Wieder hinunter in die Schlucht und hinauf zur Einsiedelei – und weiter zum Auto.

Ich machte danach noch einen Abstecher: zur Eremo di Santo Spirito di Maiella, einer weiteren Einsiedelei und einer der bedeutendsten im Majellagebiet. Dafür fuhr ich einige Kilometer bis zu einer Schranke. Von dort aus sollte es nur noch ein kurzer Weg sein.

Nun, kurz ist relativ – nach einer Wanderung hinunter in eine Schlucht, wieder hinauf, wieder hinunter und wieder hinauf. Der Weg war zwei Kilometer lang und auf der gesamten Strecke so steil, dass ich irgendwann in Schleifen ging: auf dem Weg von links nach rechts nach links nach rechts – damit es ein bisschen flacher wird.

Vor jeder Kurve dachte ich: Dahinter ist es bestimmt. Und hinter jeder Kurve dachte ich: Okay. Aber hinter der nächsten.

Ich war ratzfertig, als ich oben ankam.

Eremo di Santo Spirito a Maiella

Die Eremo die Santo Spirito di Maiella wurde 1246 in den Berg gebaut – vom Benediktinerpater Pietro Angelari. Nun ja, wahrscheinlich hat er nur die Bauaufsicht gemacht, und Steine gekloppt haben andere Leute.

Der Pater lebte danach 40 Jahre lang in der Einsiedelei, bis er zum Papst Coelestin V. gewählt wurde. Nach fünf Monaten dankte er allerdings schon ab. Im 18. und 20. Jahrhundert wurde das Kloster restauriert. Heute sind dort eine Kapelle, Mönchszellen, eine Bibliothek, ein Kapitelsaal, ein Gästehaus und ein Refektorium.

Auf dem Rückweg war die Sonne hinter dem Bergkamm verschwunden.

Rückweg zum Auto über eine steile Straße

Tagwerk: 15 Kilometer, ca. 500 Höhenmeter. Der erste Teil zur Eremo die San Bartolomeo ist aus dem Rother Wanderführer Abruzzen, Tour 24.

Samstag, 10. März

10. 03. 2018  •  5 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Reisetag: Von Montefiascone nach Capelle Sul Tavo, von links nach rechts durch die Abruzzen.

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Im Kreuz Rom-Ost, nach rund 100 Kilometern auf dem Weg von der A1 auf die A 24, plötzlich: Druckverlust der Reifen. Ich musste kurz in eine Tüte atmen. Nothaltebucht, Warnweste – ich sah mich hinter der Leitplanke stehen und wieder auf den ragazzo vom Abschleppdienst warten.

Allerdings war es ein schlechter Ort fürs Anhalten. Also guckte ich erstmal auf die Reifendruckanzeige. Druckverlust links vorne und links hinten. Die ehemals kaputte Felge ist rechts vorne.

Okay, dachte ich, sammel dich. Das kann jetzt alles Mögliche sein. Die neuen Reifen sind warmgefahren. Vielleicht vorne mehr Druck als hinten. Oder der Azubi hat schlecht aufgepumpt. Oder er hat die Reifendruckkontrolle nicht reseted. Whatever. Ich stellte das Radio aus, lauschte, ließ mal das Lenkrad los, um zu gucken, ob der Wagen stabil fuhr. Tat er. Also erstmal keine Nothaltebuch, sondern Ausfahrt am nächsten Autogrill mit Tanke. Der kam erst nach 40 Kilometern.

Ich prüfte den Reifendruck – die Reifen hatten leicht unregelmäßigen Druck, den ich beseitigte. Dann ging ich ein Panino essen. Zum Panini-Sparmenü mit einem Panino mit Bresaola, einem kleinen Apfelmuffin und einem Kaltgetränk gab es ein Colaglas mit Fußballmotiv. Juchhuu.

Zurück am Auto prüfte ich nochmal den Reifendruck (alles gut) und stellte die Reifendruckanzeige neu ein. Dann Weiterfahrt.

A25: Torano - Pescara, mit Schnee bedeckte Berge in einer schroffen Landschaft

Auf dem Weg hielt ich noch einmal auf einem Parkplatz an.

Die Reifen hatten zwar nichts mehr gesagt, aber ich ging einmal ums Auto und genoss einfach die Aussicht.

Silbernes Auto vor Berglandschaft

Gegen 14 Uhr Ankunft in Capelle Sul Tavo. Der Ort ist sehr klein – so klein, dass mein Navi ihn nicht kennt. Googlemaps kannte ihn aber.

Capelle S.T.  hat 4.000 Einwohner, ist fünfeinhalb Quadratkilometer groß und liegt zwischen der Adria und den Bergen. Ich wohne zwischen dem Friedhof und dem Kreisverkehr. Die Aussicht von meinem Balkon:

Balkonaussicht in die Berge, unten steht ein Abschleppwagen

Una biondissima!“, rief der Nachbar erfreut, als ich aus dem Auto stieg: Eine Blondine! Er grüßte mich in der Folge sechsmal, während ich das Auto auslud und er sehr ausführlich seinen Hof fegte.

Der gelbe Wagen dort unten ist seiner: Er ist Pannenhelfer. Die Dinge beginnen, sich zu fügen. Ich habe mir direkt mal die Nummer notiert, die auf dem Auto steht. Es ist als Blondine immer hilfreich, einen Freund in der Not zu haben.

Hier nochmal die Karte, wo ich jetzt bin:

Landkarte

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Meine Vermieterin ist Y. Als ich ankam, hatte sie gerade Bratkartoffeln mit Salsiccia, scharfer Wurst, gekocht, und brachte mir kurzerhand einen Teller voll ins Appartment. Room Service!

Sie wird dieses Jahr ebenfalls 40 und schenkt sich einen Urlaub, genauso wie ich. Allerdings in Portugal. Verrückter Zufall.

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Dann musste ich fürs neue Heim einkaufen. Aber erstmal fuhr ich ans Meer.

Torre del Cerrano: Strand mit Holzturm der Strandaufsicht im Abendlicht

Ich war am Torre di Cerano, einem Turm aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, so genau weiß man das nicht – irgendein Ziel muss man ja haben. Das da oben ist aber nur der Baywatch-Turm.

Der Torre ist hier unten im Bild:

Torre di Cerrano: Strand

15 Grad im Schatten. 23 Grad in der Sonne. Sehr prima.

Die Gegend ist touristischer als die Orte davor. Die Straße, die an der Küste entlangführt, ist vollgepflastert mit Supermärkten, kleinen und großen Läden, Unternehmen und Tankstellen.

Ich ging danach im italienischen Lidl einkaufen und meine Güte! Was für ein Luxus-Lidl. Alles frisch, hübsch, farbenfroh und nett arrangiert. Ich war ganz perplex.

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Ich werde immer besser im italienischen Autofahren. Die beherzte Kreisverkehrnutzung beherrsche ich inzwischen perfekt. Das Reindrängeln in den fließenden Verkehr beim Linksabbiegen klappt auch gut.

Jetzt noch ein bisschen leidenschaftliches Gefuchtel, dann hab ich’s drauf.

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Endlich wieder WLAN! In Montefiascone habe ich mich mit meinem eigenen Hotspot durch die Blogbeiträge gerettet. Die Wohnung hätte eigentlich WLAN gehabt, aber … ach, reden wir nicht darüber.

Erstmal drölfzig Terabyte Videocontent runterladen.

Freitag, 9. März

Projekt Auto: abgeschlossen.

Der Wagen ist wieder da. Zwei neue Reifen vorne, Felge repariert. Hoffen wir, dass der Mechanikus einen guten Job gemacht hat.

Auf dem Rückweg habe ich sehr, sehr wachsam auf den Asphalt geschaut.

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Der Tag startete bereits heute Nacht: Um 00:30 Uhr ging ein Riesenfeuerwerk los. Ich war schon fest eingeschlafen und träumte zunächst, ich sei unter Beschuss. Explosionen, Blendgranaten, schweres Gerät. Als die feindliche Artillerie nicht abzog, erwachte ich und saß mitten im Getöse.

Nach 15 Minuten war der Spuk zu Ende, und ich hellwach. Ich brauchte sage und schreibe drei Stunden, um wieder einzuschlafen. Heute Morgen war ich ein bisschen matschig.

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Nach dem Frühstück packte ich meine Sachen, denn morgen geht es weiter in die Abruzzen. Ich reise mit zwei kleinen Koffern: einmal Sommer und wandern, einmal alles andere. Außerdem zwei Einkaufskörbe: einmal Arbeit, einmal Schuhe. Dazu MacBook, Jacken, Rucksack und inzwischen auch einige Mitbringsel.

Ich putzte Schuhe, die vom Regen und vom Matsch recht mitgenommen aussahen.

Montefiascone: Blick aus dem Fenster mit Wanderschuhen

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Gegen 13:30 Uhr fuhr der Bus nach Viterbo. Ich ging hinunter zur Haltestelle und setzte mich dort auf eine Bank. Himmel, diese Hitze. 15 Grad und gleißende Sonne.

Busfahren in Lazio ist wie Busfahren in Dortmund. Riecht genauso, ist genauso eng, und das Publikum ist ebenfalls das gleiche. Auf der Strecke nach Viterbo quasselte eine Olle zehn Minuten lange Sprachnachrichten in ihr Handy. Genauer gesagt: Sie hielt sich ihr Handy vors Gesicht und schrie es an. Resümee: Ihr Typ ist ein Arsch. Er kann sie mal. Sie fährt jetzt nach Rom. Die Katze kriegt auf jeden Fall sie; die kann er sich abschminken.

In Viterbo bin ich wieder an diesem charmanten Busbahnhof angekommen. Von da aus war der Weg in die Stadt ziemlich einfach: fünfzehn Minuten bergauf.

In Viterbo gibt es viele alte Steine. Erste Besiedelung: 310 v. Chr., ab dem 8. Jahrhundert n. Ch. Grenzfestung der Langobarden, dann Teil des Kirchenstaats, päpstliche Residenz und all sowas.

Ich schlenderte ziellos durch die Altstadt:

Blick auf Viterbo

Gasse mi Katze in Viterbo, im Hintergrund Kirchenkuppel

Gelbes Haus mit Durchgang und Blumenbewuchs

Viterbo: Schwarzes Käferauto vor altem Haus

Außerdem besuchte ich den Palazzo dei Papi, den Palast der Päpste und die Kathedrale von Viterbo, ging ins Museum und hörte mir Sachen auf dem Audioguide an.

Zusammenfassung: Alles sehr alt, die Bischöfe hatten es auch nicht leicht, ständig Streitereien mit den weltlichen Herrschern, und als sie sich mal nicht einigen konnten, wer neuer Papst wird, haben sie so lange nur Wasser und Brot gekriegt, bis ihnen jemand einfiel.

Viterbo: Alte Bögen am Palazzo dei Papi

Kathedrale von innen: Bogengang mit gemustertem Boden

Viterbo hat ebenso wie Orvieto ein System aus unterirdischen Gängen. Sie dienten den Etruskern zur Wasserversorgung und zum Abbau von Bodenschätzen. Später hausten dort Diebesbanden. Im Krieg wurden die Gänge als Bunker benutzt.

Gegen 17:30 Uhr ging ich mich zum Stadttor, wo ich die Taxis hatte stehen sehen – gegenüber vom Park mit dem Kinderparadies.

Park im Viterbo mit Karussels in der tief stehenden Sonne

Wir fuhren ins Instudriegebiet zur Werkstatt, wo ich das Auto abholte.

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Morgen Ortswechsel nach Capelle sul Tavo.

Donnerstag, 8. März

8. 03. 2018  •  8 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Den Morgen genutzt und ein wenig gearbeitet. Ich hatte noch Telefonate offen, unter anderem ging es um zwei Vorträge, die ich im April im Kontext einer Veranstaltung halte.

Dann war Mittag. Die Werkstatt hatte sich noch nicht gemeldet. Ich beschloss, das gute Wetter zu nutzen, zum Bolsenasee hinunter zu gehen und später von unterwegs anzurufen.

Bolsenasee von oben

Es führen mehrere Wanderwege zum Lago di Bolsena. Die Touristeninformation hatte mir eine Karte gegeben, die ich mitnahm.

Erst geht es zweieinhalb Kilometer steil bergab. Dann ist man im Tal, und der Weg verläuft sanfter. Unterwegs trifft man auf ein Kirchlein. Im Hintergrund mein Berg.

Kirche unter einem Baum, dahinter ein Berg

Nach etwa eineinhalb Stunden kam ich an den See. Dort: ein Kiosk mit Eiskarte. Das konnte kein Zufall sein! Der ältere Kioskbetreiber gratulierte mir erstmal zum Weltfrauentag und sagte dann, dass Langnese – beziehungsweise das italienische Pendant Algida – heute Sortimentswechsel hätte: Die Saison 2018 startet, alles muss raus! Da war ich doch gerne behilflich. Immer für die gute Sache unterwegs!

Ich setzte mich ans Ufer auf eine Bank und genoss mein Choc’n’Ball. Die Aussicht:

See mit Steg, intensivblaue Farbe

Danach führte der Weg am See entlang.

Vor einem Restaurant standen drei junge Männer.
„Hey“, rief einer auf Italienisch. „Bist du Holländerin?“
„Wie soll sie dich dann verstehen, du Idiot.“
„Du bist bestimmt Deutsche, oder?“, sagte der andere auf Deutsch.
„Stimmt“, sagte ich.
„Ich wohne auch in Deutschland. In Bayern. Seit vier Jahren.“
„Versteht sie dich überhaupt?“, fragte sein Kumpel auf Italienisch.
„Halt die Klappe, natürlich versteht sie mich.“ Und zu mir: „Du versteht mich doch, oder?“
„Klar“, sagte ich.
Zu seinem Kumpel: „Siehste, mein Deutsch ist gar nicht so schlecht.“
„Du kannst uns viel erzählen.“

Wir unterhielten uns ein bisschen.
Dann fragte er: „Und, wo findest du es schöner? In Italien oder in Deutschland?“
„Das Leben ist schon schön hier“, antwortete ich.
„Aber guck dir das an“, er deutete auf die Straße. „Guck dir an, wie die Straßen aussehen!“
„Mein Auto ist gerade in der Werkstatt.“
„Oh, che cazzo! Wegen einem Schlagloch? Einmal passiert es jedem!“
Da hat man doch direkt ein besseres Gefühl.

Boote am See

Auf dem Rückweg rief ich in der Werkstatt an. Morgen um 18.30 Uhr sei das Auto fertig, sagte der Mechaniker. Drücken Sie mir bitte die Daumen.

Strada Montarone: Schotterweg in Richtung Berg, rechts Weinreben

Der Weg ließ sich gut gehen. Nur die letzten zwei steilen Kilometer waren nach den vorangegangen 14 etwas beschwerlich. Aber auf mich wartete ja niemand.

Als ich oben auf meinem Berg ankam und mich die letzten Meter durch das Tor oberhalb der Piazza Vittorio Emmanuele schleppte, sah ich, dass der Abend wunderbar werden würde: Die Tür zum Paradies zur Pizzeria stand offen!

Pizzeria an steile Straße mit geöffneter Tür

Ich ging hinein, doch der Pizzabäcker winkte ab: „Der Ofen ist noch nicht heiß.“ Er ist ein sensibler Mensch, denn er hat mir sofort angesehen, welch schlimme Nachricht das für mich war. „Aber du kannst dir schonmal eine Pizza aussuchen. Ich mache sie dir dann für 19 Uhr fertig.“ Bester Mann.

Tagesaktivität:

81 Stockwerke; 16,2 Kilometer; 21.441 Schritte

Kompensationsmahlzeit: Pizza mit Prosciutto Crudo.

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Gelesen: Der weite Weg zum Glück – Interview mit dem Glücksforscher, Psychiater und Harvard-Professor George E. Vaillant über die Ergebnisse der Grant-Studie. In der seit 75 Jahren andauernden Langzeitstudie erforscht eine Gruppe Wissenschaftler, was Menschen glücklich macht. Erkenntnisse: Man soll sich wertschätzen, aber wenig an sich denken. Viel für andere tun. Einfühlsam sein. Lieben und verzeihen. Aus Erfahrung lernen. Humor entwickeln.



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