Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Der mit dem Käse spazierte

10. 05. 2017  •  9 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Allgemein«

In der Heimat gibt es einen kleinen Fluss. Der Fluss fließt an der Innenstadt entlang. Für Menschen, die an Flüssen wie dem Rhein oder der Elbe wohnen, ist es eher ein Bach, denn es kann kein Schiff darauf fahren, nicht einmal ein Boot. Einmal im Jahr fahren Badeenten auf dem Fluss. Dann gibt es ein Badeentenwettrennen. Das ist immer ein großes Hallo. Jede Ente hat eine Nummer, und die Nummer, die zuerst von der Oberstadt in die Unterstadt hinuntergeflossen ist, gewinnt einen Preis. Doch davon möchte ich nicht erzählen. Ich möchte von dem Mann erzählen, der eine Käsepackung am Fluss spazieren führte.

Ich sah den Mann zuerst von hinten. Er war klein und auf eine tatkräftige Art untersetzt. Er ging langsam und trug eine große Packung Tip-Schnittkäse Edamer in seiner Hand. So ging er am Fluss spazieren, im Strickjanker mit Hirschhornknöpfen.

Ich überholte ihn, denn er schlurfte hüftsteif, und wir lächelten uns an, als ich vorbeiging. Ein Stück weiter blieb ich stehen, um auf jemanden zu warten, und Herr Edamer zuckelte wieder auf mich zu. Als er mich schließlich erreichte, sagte ich: „Da hamwa uns wieder“, und er antwortete: „Aber ’nen Spitzkohl hab‘ ich davon immer noch nicht“, was zweifellos eine Entgegnung war, die weiterer Erläuterungen bedurfte.

„Ich soll einen mitbringen“, schloss er auch direkt an, „zum Abendessen, hat meine Frau gesagt, aber im Markt haben sie keinen mehr, und jetzt brennt zu Hause gleich der Baum.“

„Sie könnten Weißkohl mitbringen“, sagte ich. „Das ist fast genauso.“

„Sagen Sie. Und sage ich. Aber sagen Sie das mal meiner Frau.“

„Deshalb der Käse? Versöhnungskäse?“, fragte ich und deutete auf die Packung.

„Der war im Angebot und ich mag den so gerne. Aber eigentlich macht er alles noch schlimmer, denn jetzt habe ich Käse, den ich nicht mitbringen sollte, aber keinen Spitzkohl, den sie dringend braucht. Ich bin ja abends auch mit einem Butterbrot zufrieden, aber nein.“

„Das ist knifflig.“

„Jetzt wissen Sie, wie das ist, im Alter, mit der Ehe. Knifflig ist gar kein Ausdruck.“

(Dieser Beitrag wird Ihnen präsentiert von Frau Novemberregen und HappySchnitzel, die ich beide auf der re:publica geherzt habe, und die meinten, ich solle wieder mehr von dem aufschreiben, was ich erlebe. Außerdem haben Frau Novemberregen und ich bei einem gemeinsamen Maisküchlein festgestellt, dass wir Ansprechgesichter und deshalb immer diese skurrilen Begegnungen haben.)

Die Anderen: Eine Linkliste mit Gedanken

2. 05. 2017  •  11 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Die Anderen«

Dass ich zuletzt eine kommentierte Linkliste schrieb, ist mehr als zwei Jahre her. Zeit, es erneut zu tun!

Geisteswissenschaft und die Kurven im Lebenslauf

Tanja Praske spricht mit Anke Gröner über ihren Berufwechsel von der Texterin zur Kunsthistorikerin. Kunstgeschichte ist für viele Menschen ein Studiengang, der jenseits von Zweckmäßigkeit liegt. Eltern rollt es die Zehennägel auf, wenn ihre Kinder Kunstgeschichte studieren möchten, denn: Geisteswissenschaften – Himmel hilf, was will das Kind nur damit tun?

Dabei ist es kurzsichtig, sich über angeblich fehlende Bildung von Nachwuchskräften zu beschweren, über ihre mangelnde Lese- und Schreibkompetenz, über eine Verrohung der Sprache und über die angeblich fehlende Kompetenz mitzudenken; es ist seltsam, mangelnde Ethik in der Politik anzuprangern, „Haben wir denn aus der Geschichte nichts gelernt?“ zu fragen und den mahnenden Zeigefinger vor den Fortschritten in Gentechnik und Digitalisierung zu heben – aber gleichzeitig Geisteswissenschaften zu diskreditieren. Den unmittelbaren Nutzen dieser Fächer kann man nicht in Wertschöpfung messen – wohl aber im Zustand der Gesellschaft. Wer Ankes Blog aufmerksam liest, erfährt nicht nur etwas über das Wesen der Kunst, sondern übers Denken.

Tagebuchbloggen und die Perspektive des Familienvaters

Eines der besten Tagebuchblogs ist das von Herrn Paul. Herr Paul und seine Frau Jott wohnen in Berlin und haben drei Kinder im Windelalter, darunter Zwillinge. Ich bewundere die Familie (stellvertretend für viele Familien), denn es ist mir ein Rätsel, wie man mit so wenig Schlaf und einer so hohen Taktung beim Kinderversorgen, Arbeiten, Pendeln und Das-Leben-Organisieren klar kommen kann, ohne unmittelbar ein Burnout zu erleiden. Derartige Tagebuchblogs halte ich für sehr wichtig, um das Politische im Alltäglichen zu zeigen – und zu reflektieren, was uns als Gesellschaft wichtig ist und wie wir leben möchten. Überdies lese ich gerne die Perspektive von Männern auf Familie, Leben und Liebe – nicht nur in Blogs, auch in Büchern. Oft ist mir der Blick deutlich näher als der von Frauen.

Integration und viel Grau zwischen Schwarz und Weiß 

Am Wochenende geriet ich in eine Diskussion mit einem Rechtskonservativen. Er mokierte sich „über die Menschen, die die Regierung ins Land holt“, darüber, dass sie „so viel Geld kriegen“, und meinte, dass man ihnen doch „dort unten in Syrien“ helfen müsse, „wo sie herkommen“. Unsere Diskussion war heftig und unfruchtbar. Ich wies ihn darauf hin, dass niemand die Menschen holt, sondern dass sie zu uns kommen und dass Asyl ein Menschenrecht sei. Ich fragte ihn: „Wie viel Geld bekommen sie denn im Monat, die Flüchtlinge? Sag’s mir!“, und er meinte nur, dass sei im Detail ja nun nicht wichtig. Ich fragte ihn, wie wir den Menschen in Aleppo seiner Meinung nach helfen können, ob wir die Bundeswehr runterschicken sollten. Doch auch hier: keine Antwort, natürlich nicht. Ich war nach dieser Diskussion sehr müde. Dabei gibt es doch tatsächlich so viel zu diskutieren und auch zu kritisieren, allerdings nicht auf dieser populistischen Ebene, sondern vielmehr auf einer Ebene der reflektierten Kritik, wie sie die ZEIT in ihrem Stück über die Integration eines syrischen Arztes hat. Auch sehr lesenswert: der ausführliche Blick der New York Times auf die Integration von Flüchtlingen in Weimar.

In letzter Zeit höre ich wieder mehr Hörbücher und Podcasts – weil ich länger im Auto unterwegs bin und weil die erfolgreiche Überwindung der Erkältungssaison zu längeren Trainingseinheiten auf dem Crosstrainer und Laufband führt (andere Menschen laufen draußen, bei jedem Wetter, aber mal ehrlich: Es ist seit Wochen nur gefühlte drei Grad warm; das mag diese Leute nicht stören, mich schon). Jedenfalls: Podcast. Ein sehr gutes Hörstück, das an das Thema „Einwanderung“ anschließt, ist das ARD-Radiofeature „Freiwillige Abschiebung“ über Balkan-Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren. Nein, es ist alles nicht einfach.

Vertrauen und die Frage: Wie konnte das passieren?

Noch ein Podcast, allerdings ein ganz anderes Thema: „Der talentierte Mr. Vossen“ von Christoph Heinzle für den NDR. Heinzle erzählt in mehreren Folgen die Geschichte des Anlagebetrügers und Filmproduzenten Felix Vossen, der im März 2015 mit 60 Millionen Euro verschwand und ein Jahr später in Spanien gefasst wurde. Es geht um Einblicke in eine Welt, in der man Spielgeld zum Spekulieren hat, es geht um Moral und Charakter, es geht um Doppelleben: um einen Menschen, der täuscht, und um diejenigen, die sich täuschen lassen. Heinzle kommentiert nicht, er recherchiert und lässt uns teilhaben. Das ist angenehm – auch wenn es am Ende keine Antwort auf die komplizierte Frage gibt: Wie konnte das passieren? Aber das ist ja oft so.

Tun und Innehalten

Ein Text darüber, wie sich das Gehirn erholt und warum Auszeiten wichtig sind.  Ich halte es für ausgesprochen schwierig, dass die Leistung eines Menschen zum überwiegenden Teil in seiner Geschäftigkeit gemessen wird – und dass wir unseren Kindern beibringen: Produktiv und wertvoll ist nur, wer etwas arbeitet – im Sinne von „etwas herstellt, das unmittelbar messbar ist“. Zum einen ist auch Denken Arbeit. Zum anderen entsteht Weiterentwicklung meines Erachtens vor allem durch die Kombination aus Tun und Innehalten – und zwar im gleichen Maße. Passend dazu: der Blick aus dem Fenster von Kreativen.

Die Lieblingstweets im April

Twitterlieblinge 04/2017:

#bedforawayfans: Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es dazu machen

#bedforawayfans: The Internet is a great place, if we make it great
(English translation below)

Es ist kurz nach der Absage des Spiels des BVB gegen Monaco, als der Hashtag geboren wird: #bedforawayfans. Drei Stunden später sammele ich V. und seinen Freund P. am Stadion ein.

Es ist bereits mitten in der Nacht, halb zwölf, und die beiden stehen am Remydamm vor dem Gebäude der TSC Eintracht. Straßenlaternen beleuchten sie. Es ist still dort – auf dem großen Parkplatz in der Nähe des Stadions. Er ist leer. Der Wind weht leicht. Sie winken, als ich angefahren komme.

Am Mittag, erzählen sie, seien sie in Paris losgefahren, mit dem Fernbus. Dort wohnen und arbeiten sie. Eine Schande sei dieser Anschlag. Und eine Schande seien auch die Umstände. Nicht einmal das Stadion hätten sie von innen gesehen, denn ihr Bus habe stundenlang im Stau gestanden. Sie seien erst dort angekommen, als alle Leute es schon wieder verließen.

Wir fahren heim zu mir. Natürlich habe ich vorher abgewogen: Allein daheim, als Frau. Ist es da klug, zwei fremde Kerle einzuladen? Aber ich habe Befürchtungen satt, diese ständigen Bedenken, das Immer-vom-Schlimmsten-Ausgehen. Das hemmt einen nur, Tolles und Interessantes zu erleben, und was soll das auch, das ist doch alles Unsinn.

Wir schwatzen ein bisschen über dies und das, aber vor allem sind wir müde. Ich beziehe beiden ihre Oberbetten, P. bemerkt den Kerzenhalter mit den Weinkorken in meinem Wohnzimmer und meint anerkennend, dass ich sicher gerne Wein möge. „Ja,“ sage ich. Aber das, ich deute auf die Korken, sei die Sammlung einiger Jahre Beisammensein mit Freunden. „Bien sûr“, meint P., „natürlich einige Jahre. Und“, in seiner Stimme schwingt das sanfte Vibrato der Ironie mit, „natürlich viiiiieler Freunde.“ Wir verstehen uns.

Natürlich hätten sie heim fahren können nach Paris – mit dem Abendbus, wie geplant. Aber dann hätten sie den ganzen Weg auf sich genommen, ohne das Spiel zu sehen. Und auch ohne das Nachholspiel am nächsten Tag erleben zu können. Sicher: Sie hätten auch ein Hotel nehmen können, theoretisch. Doch bei 3.000 Franzosen in der Stadt, den üblichen Messe- und Geschäftsgästen und wenig Orientierung zu später Stunde – da ist es in der Praxis schwierig, ein Bett zu finden.

Als ich frage, ob die beiden Hunger haben, winken sie ab. Nein, nein, sagen sie. Nur keine Umstände. Und: Sie hätten Chips gehabt und einen Snack im Bus, das genüge für die Nacht.

Keinen Hunger? So kann ich nicht arbeiten. Ich habe Gastfreundschaft in Russland gelernt, da wird aufgetischt, bis sich die Tische biegen. Gäste, die nichts essen wollen? Undenkbar! Aber nun gut. Meine Stunde wird kommen.

Am Morgen hole ich Brötchen und decke den Tisch. Wir halten es unkompliziert: Frühstück an der Kücheninsel. V. freut sich über ein typisch deutsches Frühstück mit Aufschnitt und Marmelade, das sei ausgesprochen prima. Wir sprechen über Fußball und über Marine Le Pen. Über Europa und den Brexit, über Flüchtlinge hier und dort, über die anstehenden Wahlen, über die Auswirkungen auf die Wirtschaft (P. arbeitet bei der Bank und verwaltet Aktienportfolios seiner Kunden), über die Rolle der Medien (V. arbeitet bei einem Fernsehsender als Community-Manager) und wieder über Fußball. Die beiden bekommen Zahnbürsten und eine Dusche. Danach jeder ein Bergmannbier für den Weg, das beste und traditionellste der Dortmunder Biere – natürlich, das muss sein. „Was steht da?“, fragt mich P. und deutet auf das Etikett. – „Harte Arbeit. Ehrlicher Lohn.“ – „That’s me.“ Ich gebe ihnen auch eine kleine Skizze mit Tipps für den Zeitvertreib und mit dem Weg zum Stadion.

Als ich sie in die Stadt fahre, sagen sie: „Vielleicht sind wir heute Abend die einzigen im Gästeblock. Gestern sind so viele Fans direkt wieder abgefahren.“ Sie schauen sich an und schwingen ihre Oberarme. Ich lache. „Geht auf den Alten Markt“, sage ich. „Dort werdet ihr Freunde treffen.“

P. drückt mir ein Kärtchen in die Hand. Dann verschwinden sie in die Stadt.

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*

It was shortly after the match had been cancelled, yesterday evening: Borussia Dortmund – AS Monaco, when the hashtag #bedforawayfans was born. Three hours later I pick up V. and his friend P. at the stadium.

It is already late at night, half past eleven, when they stand at Remydamm in front of the club house of TSC Eintracht Dortmund. Street lights are spending a blunt brightness. It’s quiet and silent out there, at this vast parking space next to the stadium. A smooth wind is blowing. They wave at me when I’m coming closer.

It was noon, they tell me, when they started their bus trip from Paris to Dortmund.  Paris, that’s where they live and that’s where they work. The attack’s a shame, a disgrace, they say. „And it’s also a shame that we haven’t even seen the stadium!“ Their bus had stuck in traffic jams for hours. When they’d finally reached the stadium people were already leaving it.

We go home to my house. Of course, I’d reflected: Alone at home, as a woman. Is it a good idea to host two strangers? But I’m tired of all those fear and doubts, of always considering the worst. Fear is a show stopper in experiencing wonderful und interesting things. The heck with it!

We’re chatting about this and that, but primariliy we’re tired. I prepare their beds, and P. takes notice of my candle holder with the wine corks. Impressed by their number he asks if I like wine.

– „Yes“, I say. But well, I point at the corks, „this is the result of many years with friends.“

-„Bien sûr“, P. answers, and his voice vibrates with the soft timbre of subtle irony, „many years. And a lot of friends.“ We’re getting along.

Of course, V. and P. could have gone home to Paris, could have taken the latest bus from Dortmund back to Paris as they’d planned. But if so, they had made the whole journey for nothing. They won’t be able to see the stadium from inside and they won’t be able to the watch the rearranged match which will take place the next day. Surely they could have taken a hotel room, hypothetically. But with 3.000 French people in town, with the common business and trade fair guests and with little knowledge of Dortmund late at night – with all that it’s difficult to find a hotel room.

I ask them if they’re hungry. They shake their heads. No, they say. No trouble, please. They’ve had chips and a snack in the bus. That’ll be enough for the night.

Not hungry? That’s not the way I work. I once learnt hospitality in Russia. Where they dish up until the table breaks. Guests who don’t want to eat? Impossible! But well. My time is yet to come.

In the morning I go to the bakery and fetch some rolls. We keep it simple: breakfast at the kitchen island. V. says he likes typical German breakfast with meat and jam. We talk about football and Marine le Pen. About Brexit and Europe, refugees here and there, about the nearby elections, about their impact on the economy (P. is portfolio manager at a bank), about the role of media (V. is community manager at a TV station) and about … football. They get some tooth brushes and they take a shower. And they get two bottles of beer for their day in town, Bergmann Bier (Digger’s beer), Dortmund’s best and most traditional beer.

– „What’s written there?“, P. asks and points at the label.

– „For people who work hard.“

– „That’s me!“

They also get a draft with some sightseeing suggestions and the way from the centre to the stadium. When I drive them into town, they say:

-„Maybe we’re the only ones in the visitor’s block today. Many supporters left Dortmund yesterday.“ They look at each other and wave their arms enthusiastically.

I’m laughing.

-„Go to the Old Market“, I say. „There you’ll meet friends.“

P. hands me his business card with a note on the back. Then they disappear in town.

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Im Balkon-Office

4. 04. 2017  •  12 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Anrainer«

Nachmittags ab 14 Uhr kommt die Sonne rum. Dann verlege ich auf den Balkon. 18 Grad – das genügt zum Dasitzen und Arbeiten, warm und flauschig im Hoodie, wie diese hippen Internetmenschen das im Home Office eben tun.

Mein Balkon geht zur Straße raus – im Gegensatz zum Garten, der an einen anderen Garten grenzt, der an einen weiteren Garten grenzt, was eine parkähnliche Idylle ergibt. Der Balkon aber geht ins Leben.

Das Leben sitzt rechts von mir. Und es fährt unter mir herum.

Rechts sitzt meine Nachbarin, auch immer ab 14 Uhr. Sie geht morgens schon um 6 Uhr zur Arbeit, deshalb ist sie am frühen Nachmittag wieder da. Sie ist dann erschöpft und legt sich zur Erholung in ihre Balkonliege. Oder sie setzt sich – die Augen über der Brüstung, ein Kippchen auf den Lippen, den Blick auf die Straße. Nicht, dass sie jemand Bestimmten beobachtet – nein, nein. Es handelt sich eher um ein allgemeines, breit gefächertes Interesse.

Ich selbst schaue auch hinunter auf die Straße – unweigerlich. Denn ich sitze ja. Ich arbeite schließlich. Im Gegensatz zur Nachbarin bin ich nicht konkret am Geschehen auf der Straße interessiert oder sagen wir: war es bislang nicht. Mit dem Balkonsitzen ist es allerdings wie bei einer guten Serie: Man kommt langsam rein, und irgendwann nicht mehr raus.

Gegenüber zum Beispiel (also, nicht direkt gegenüber, etwas dahinter) ist jemand ausgezogen. Dort ziehen nun neue Leute ein. Das wäre völlig uninteressant, hätten sie uninteressante Möbel. Doch sie haben einen Geschmack, der zwischen Neuschwanstein 1869 und WWF-Club 1984 changiert: Glänzend rosa lackierte Bauernmöbel treffen auf mannshohe, selbst leuchtende Plastetulpen. Täglich kommen zwei Männer, die neue Möbel mitbringen, stets in einem Kleintransporter, der nur drei Teile fasst. Die Spannung steigt mit jeder Anlieferung. Zuletzt waren Balkonmöbel drin, die nicht auf den Balkon passten. Die neuen Nachbarn drehten und wendeten die großen Rattan-Lounge-Liegen. Erst linksherum, dann rechtsherum, dann über den Kopf um sich selbst. Aber es war nichts zu machen. Also wieder runter mit dem Zeug, zurück in den Kleintransporter.

Der Kleintransporter steht bei jeder Anlieferung fürchterlich im Weg. Denn meine Straße, eigentlich eine Anliegerstraße, ist baustellenbedingt derzeit eine Durchfahrtstraße. Allerdings eine Durchfahrtstraße, die immer zugeparkt und ohnehin eher eng ist – selbst ohne Kleintransporter, und mit erst recht. Das provoziert Emotionen.

Der UPS-Fahrer brüllt immer sehr laut. Ich höre ihn schon schreien, wenn ich ihn noch nicht sehe. „Fahr, du Penner!“, schallt es durch die Straße. „Verpiss dich, du Arsch!“ Er hupt dafür sehr wenig.

Volkswagen-Fahrer hingegen hupen überdurchschnittlich viel. Das ist mein Eindruck. Mercedes-Fahrer stehen dafür öfter im Weg, weil sie meinen, fahren zu müssen, wo sie nicht fahren können – in der Erwartung, der Entgegenkommende werde schon ausweichen. Tut er aber nicht. Denn er ist ein VW-Fahrer. Er hupt lieber.

„Dat wird immer schlimmer“, ruft mir die Nachbarin von rechts zu, die Nase über der Brüstung. „Ich kann kaum noch schlafen.“ Ob nachts oder am Nachmittag, ist nicht klar. „Fünf Monate soll das noch so gehen. Ich werd‘ verrückt!“

Vergangene Woche musste zweimal die Polizei kommen, weil Menschen sich die Außenspiegel abgefahren hatten. Großes Hallo! Da kamen dann auch die Rentner über uns auf den Balkon. Die, die bei diesen Temperaturen noch drinnen sitzen. Aber im Wintermantel ging’s, da war’s doch warm genug.

Gestern Nachmittag kam dann noch Vatta vorbei, auf eine Fassbrause. „Hier ist ja richtig was los“, meinte er, während wir auf dem Balkon saßen und der UPS-Mann den Kleintransporter anschrie.

„Prost“, rief die Nachbarin von rechts.
„Prost“, rief Vatta zurück und hob die Flasche. Und zu mir: „Ich glaub‘, ich komm‘ jetzt öfter.“

Die Lieblingstweets im März

Die Twitterlieblinge 03/2017:

https://twitter.com/5inigang/status/838040064219308033

https://twitter.com/sophie5965/status/843178649771786240

Welcome to the New World of Waffelkraft

27. 03. 2017  •  23 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Küche«

Mein Haushalt hat einen zweiten Mitbewohner. Einen, der mich sattglücklich macht. Ein neues Waffeleisen.

Nicht irgendein Waffeleisen. Sondern ein Profi-Waffeleisen. Eins aus der Gastronomie, 25 Kilo schwer, aus Edelstahl mit gusseisernen Platten und einem Temperaturregler für Hitze bis 300 Grad. Ich kann in meinem Waffeleisen auch ein Schwein braten.

Belasse es aber vorerst bei: Waffeln.

Kürbiswaffelteig

Wunderbar fluffige, eckige Waffeln. Waffeln, so dick wie Brote und so weich wie Babyspeck. Mit einer mundschmeichelnden Festigkeit, die, kurz vor einer leichten Kruste, am Gaumen zergeht und in einer wohligen Süße mündet. Waffeln mit einem Kern aus Liebe.

Das fluffigere Waffelinnere

Die Waffeln aus meinem neuen Waffeleisen sind auf der Internationalen Waffelskala™* mindestens eine 9. Wenn nicht gar eine 9++.

Damit Sie genau sehen, wie toll diese Waffeln sind, hier nochmal ein Foto:

Goldgelb gebackene Waffeln

Das Gute auch: Ich muss das Eisen nicht einmal groß saubermachen. Es reinigt sich quasi selbst. Einfach mit der Stahlbürste ausbürsten, fertig. Außenrum bleibt es tipptopp, denn es tropft fast nichts runter – was möglicherweise daran liegt, dass eine halbe Teigschüssel ins Eisen passt und dass der Deckel ungefähr zehn Kilo wiegt.

Ich werde meinem neuen Waffeleisen einen Namen geben müssen. Einen Männernamen. Chuck vielleicht.

Chuck verbraucht ein bisschen überdurchschnittlich Strom, glaube ich. Jedenfalls flackern in der Nachbarschaft immer kurz die Lichter, wenn ich ihn einstecke. Was er mehr an Strom verbraucht, spare ich allerdings an Heizkosten: Chuck und sein Gusseisen bleiben noch eineinhalb Stunden warm, nachdem ich ihn ausgeschaltet habe.

Falls Sie nachbacken möchten, hier zwei von einer ausgewiesenen Waffelexpertin** erprobte Rezepte:

Die klassischen Hauswaffeln:

250 g Butter
150 – 175 g Zucker, je nach Geschmack
2 Pk. Vanillezucker
6 Eier
1 Prise Salz
500 g Mehl, hälftig 550 und 405
2 Pk. Backpulver
500 ml Milch

Für Kürbiswaffeln habe ich mich an diesem Rezept orientiert und genommen:

500 g Kürbispürree (inkl. Wasser)
60 g geschmolzene Butter
2 Eier
3 EL Zucker
das Innere einer Vanilleschote
200 g Mehl
Backpulver
Zimt
250 ml Milch

*Skala, auf der sich die eindeutigen Waffelmerkmale „Geschmack“, „Bräunungsgrad“ und „Fluffigkeit“ in einer Zahl zwischen 1 (ganz übel) und 10 (der Himmel auf Erden) vereinen.

*von mir

Neues von den Kalendergirls, Neues vom A-Wort

19. 03. 2017  •  7 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Turnen«

Noch drei Spiele, dann ist Schluss. Dann ist die zweite Handballsaison beendet, die ich eigentlich nicht mehr spielen wollte.

Heldin der Kreisliga

Das A-Wort sprechen wir seit zwei Wochen nicht mehr aus, denn der Aufstieg, jetzt können wir ihn beim Namen nennen, ist erstmal vom Tisch: Wir haben gegen die direkten Konkurrentinnen mit einem Tor verloren – das einzige Spiel bislang, das wir verloren haben, aber eben das entscheidende Spiel, und so wird dem Aufstieg 2016 nicht direkt ein zweiter folgen. Das wurmt natürlich, denn mit 27:3-Punkten und dem besten Angriff der Liga möchten wir nach oben. Aber so ist das eben im Sport. So funktioniert Charakterbildung.

Immerhin sind wir mittlerweile die bestgekleidete Mannschaft der Liga: neuer Vereinspulli, neue Flauschhose, neues Warmmachshirt, und sogar Vereinssocken haben wir. Alles in schmeichelndem Blau. Wir sehen top aus.

Nur ein Thema haben wir noch nicht gelöst: das des fehlenden Physiotherapeuten. Drei Spiele vor Saisonende ist das Team ein einziges muskuläres Problem. Es zwickt und zerrt überall zwischen Nacken und Fußsohle. Dazu kommen die bestehenden Versehrungen aus 25 Jahren Handball: Innenbänder, Außenbänder, Kreuzbänder, Syndesmosebänder, Bandscheiben, Schultersehnen – jeder Wetterwechsel ist eine größere Herausforderung als der Gegner.

Der Trainer sagte nun, für die kommende Saison könne der Verein eine zweite Hallenzeit akquirieren. Das heißt: zweimal pro Woche trainieren statt einmal. Wir schwiegen betreten. Nun ja, meinte er daraufhin, wir müssten natürlich nicht zweimal trainieren. Aber schlecht sei es sicher nicht, auch das Publikum, so wandte er ein, habe sich in diese Richtung schon geäußert. Da wir in der kommenden Saison einen Euro Eintritt kosten werden, wolle man mehr geboten bekommen. (Hallo?! Noch mehr?)

Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, dass wir manchmal zweimal pro Woche trainieren werden: abwechselnd der Rückraum, die Außenspielerinnen, die Kreisläuferinnen, die Torleute. So ist jede alle vier Wochen dran.

Die Frage des Physiotherapeuten wird dadurch natürlich noch drängender.

Von Selbstbestimmtheit, Fremdbestimmtheit und dem Optimismus, dass es schon hinhauen wird

15. 03. 2017  •  25 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Broterwerb«

Seit dem 1. Februar bin ich offiziell selbstständig, und aktuell kann ich mir keine bessere Entscheidung vorstellen.

„Ich bewundere dich, dass du deine Komfortzone verlassen hast“, sagte neulich eine Freundin zu mir. Die Wahrheit ist: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich sie verlassen, sondern dass ich sie betreten habe. Denn ich arbeite zwar mehr als vorher. Es verteilt sich allerdings anders und fühlt sich deshalb entspannter an. Entspannt im Sinne von: arbeitsreich, aber erfüllend und deshalb gut für meine selische Gesundheit. Letztere hat mich in den vergangenen Jahren zunehmend verlassen – nicht ernsthaft und bedrohlich, aber ich habe das Arbeitsleben zunehmend als belastend empfunden, war viel erkältet und hatte einige Stressymptome.

Wir haben jetzt Mitte März, und im Angestelltenverhältnis war ich zu diesem Zeitpunkt immer schon das erste Mal durch. Meist hatte ich im November/Dezember den letzten Urlaub, also vier Monate zuvor. Ich fühlte mich müde, wurde dünnhäutig, sehnte die freien Ostertage oder den ersten Kurzurlaub herbei. Das ist jetzt nicht so, im Gegenteil, ich fühle mich sehr frisch, obwohl ich mich schon seit Anfang November um Businessplan und Krankenkasse, Finanzamt und Autokauf, um Geschäftstausstattung, -anbahnung und Auftragsvorbereitung (und allerlei mehr) bemüht habe – also sehr gut ausgelastet war.

Aber ich arbeite nun nur noch für mich und für den Kunden. Ich empfinde meine Arbeit deshalb bei jedem Handgriff als sinnvoll, selbst bei Aufgaben, die mir keinen Spaß machen. Die gibt’s ja auch als Selbstständige, sogar gar nicht so wenige, aber am Ende weiß ich, wofür ich welchen Job erledige, und profitiere unmittelbar vom Ergebnis meines Tuns.

Zweiter Punkt ist: Ich kann mir meine Arbeit selbst einteilen. Auch in Wochen, in denen ich viel auf dem Tisch habe, die Möglichkeiten zum Einteilen also begrenzt sind, schaffe ich mir Freiräume: mal eine halbe Stunde länger frühstücken, mal mittags ein Nickerchen – beides nur 30 Minuten, aber es ist einfach unglaublich befreiend, es tun zu können. Mal morgens joggen gehen, mal zwischendurch in den Garten zum Durchschnaufen und Sonne tanken. Die kleinen Dinge halt. Habe ich abends Termine, gehe ich morgens ins Fittnessstudio. Anderntags arbeite ich bis Mitternacht, weil’s gerade fluppt, und stehe am nächsten Tag erst um 9 Uhr auf. Natürlich bin ich auch jetzt fremdbestimmt. Ich habe die Dinge aber insgesamt viel mehr selbst in der Hand.

Es ist ja auch so, dass Homeoffice unglaublich effizient ist, zumindest wenn man keine Kinder im Haushalt hat. Ich bin ein Mensch, der keine äußeren Antriebe braucht, um zu arbeiten; ich stehe werktags um 7.30 Uhr auf, weiß, was ich tun möchte, und beginne den Tag. Der Arbeitsweg fällt weg, das ist massig viel Zeit. Ich kann nebenbei Wäsche waschen, wenn ich Zerstreuung brauche, und zwischendurch einkaufen gehen, wenn ich bei einer Sache nicht weiterkomme. Im Angestelltenverhältnis bin ich seinerzeit einfach ineffizient geworden, habe Kolleg*innen zugequatscht oder stumpf gewartet, dass der Feierabend kommt. Heute erledige ich stattdessen Haushaltskram, der früher obendrauf kam und der mich in meiner Freizeit zusätzlich stresste.

Home Office bringt auch mit sich: Es kommt niemand rein und stört mich. Die vielen kleinen Schwätzchen entfallen, und überhaupt ist die ganze Kommunikation sehr zweckgesteuert. Letzteres, na klar, ist nicht nur ein Vorteil: Zwischenmenschliche Wärme und Austausch fehlen natürlich. Dafür werde ich aber demnächst ab und an in ein Coworking Space gehen. Außerdem bin ich abends jetzt viel unterwegs – nicht nur, weil viele Networking-Termine stattfinden, sondern auch, weil ich dazu im Gegenatz zu früher die Energie habe.

Noch ist das Geld deutlich weniger als als Angestellte. Aber auf Dauer wird das schon alles hinhauen; ich bin guter Dinge. Es liegt jetzt alles in meiner Verantwortung. Das ist die schlechte Nachricht, aber vor allem auch: die gute.



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