Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Wandern auf Teneriffa – kleiner Ratgeber mit Fotos

1. 01. 2017  •  5 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Ein bisschen Wandercontent.

Für Leute, die auch gerne wandern. Und für Leute, die anderen gerne beim Wandern zugucken. Ist ja ein Serviceblog hier.

Wanderungen und Erlebnisse auf Teneriffa:

Osten:
Küstenwanderung bei Puertito de Güimar
(Rother-Wanderführer Teneriffa, Tour Nr. 11)

Länge: 7 Kilometer
Reine Gehzeit: 2 Stunden
Höhenmeter: 150 Meter im Auf- und Abstieg

Jeder Wanderurlaub braucht eine Einstiegswanderung. Wegen Klima und überhaupt – man muss sich ja erstmal gewöhnen. Ans Urlauben. Ans Rumlaufen. Ans gute Wetter. An alles.

Eigentlich ist es keine richtige Wanderung, sondern mehr ein Spaziergang.

Weg auf Vulkanfläche mit Kakteen

Das Spazierwandern nahe Güimar führt durch Lavafelder am Meer entlang. Auf der Lava wachsen Kandelaberkakteen. Sie sind sehr groß. Man kann sich daneben stellen und staunen. Und Fotos machen, die man dann zu Hause seinen Eltern zeigt. „Guckt mal, wie groß die Kakteen sind!“ Großes Hallo.

Auf dem Weg kommt irgendwo ein Erklärschild zu den unterschiedlichen Vegetationszonen im Küstenstreifen. Es gibt außerdem viele Geckos, die aufgescheucht umherlaufen und dann unter Steinen verschwinden. Den Geckos möchte ich immer zurufen: Leute! Bleibt doch einfach auf Eurem Stein sitzen. Dann bemerkt Euch auch niemand. Niemand! Aber so!

Der Blick geht links in die Berge, rechts aufs Meer. Als ich das Foto mache, habe ich das Meer im Rücken. Sie hören das Rauschen auch, ne?

Vulkanfläche mit grünen Sträuchern

Ausgangs- und Endpunkt der Wanderung ist Puertito de Güimar. Das ist ein kleiner Küstenort mit einem zentralen Platz, an dem es Tapas-Bars gibt, in denen die Leute Sachen durcheinander essen, zum Beispiel Runzelkartoffeln mit Mojo und kleine Fische mit Kopf. Dabei telefonieren sie laut. Ziemlich prima. Und es gibt eine Eisdiele mit wirklich cremigem Eis.

Die kleine Wanderung lässt sich gut mit einem Besuch bei den Pyramiden von Güimar vereinbaren. Thor Heyerdahl hatte die Terrassenbauten als Forschungsobjekt für sich entdeckt. Sie sind nach dem Sonnenstand ausgerichtet. Er fand das ominös und meint, dass sie von den Ureinwohnern Teneriffas, den Guanchen stammen. Andere sagen, dass ein paar Bauern einfach ein paar Steine aufeinander gestapelt haben, um Partys darauf zu feiern.

Pyramiden von Güimar

Im Museum von Güimar kann man Einiges mehr über Thor Heyerdahl erfahren und wie er mit einem Papyrusboot über den Atlantik segelte. Es gibt außerdem einen Garten mit Giftpflanzen. Falls Sie dahingehend ein Projekt planen, Züchtung oder Nutzung, sei der Besuch wärmstens empfohlen.

Das Schönste an der Wanderung: der Weg am Meer entlang.

***

Westen:
Ums Santioago-Tal (Rother Nr. 28)

Länge: 11,2 Kilometer
Reine Gehzeit: 4 Stunden
Höhenmeter: 500 Meter im Auf- und Abstieg

Dies ist eine der Wanderungen, die mit einem steilen Anstieg beginnen, und danach lange die Höhe halten. Im letzten Drittel des Weges geht man wieder ins Tal zurück. Wanderungen mit diesem Höhenprofil sind die besten: Am Anfang quält man sich, aber danach ist es über eine lange Strecke ziemlich toll.

Der Rother-Wanderführer ist bisweilen blumig in seinen Beschreibungen. Da steht dann sowas wie „leichte Wanderung mit sportlichen Einlagen“. Die sportlichen Einlagen, darauf können Sie wetten, sind mehr als einlagig, und danach ist man reif für ein Eis.

Ernst wird es aber erst, wenn Rother gerade nicht blumig umschreibt, sondern die Dinge beim Namen nennt – in diesem Fall: „steil ansteigende Dorfstraße Calle La Rosa“.

Steil ansteigende Dorfstraße zwischen Häusern

Die Autos hatten Unterlegkeile vor den Reifen.

Hinter der Straße geht es eineinhalb Stunden knackig berghoch. Beim Berghochgehen finde ich es nicht entscheidend, wie steil es ist, sondern wie der Weg beschaffen ist. Je kleiner die Schritte sind, die man machen kann, desto besser. Je unregelmäßiger und größer die Schritte, desto schlechter. Am blödesten ist, wenn man mit hüfthohen Schritten über Felsen steigen muss.

Hier geht das Bergauflaufen prima. Im Wanderführer steht, der Weg führe „gemütlich bergan (mitunter etwas verwachsen)“, und das stimmt im Großen und Ganzen. Die Fläche links ist der Weg:

Steiniger, steil ansteigender Steig

Überall wachsen große Brokkolanten. In Wirklichkeit heißen sie nicht Brokkolanten, sondern Balsam-Aeonium, aber der Name passt gut. Riesenbrokkolis.

Nach 500 Höhenmetern habe ich einen tollen Ausblick auf Tamaimo – das Dorf, in dem wir losgegangen sind. Die Insel am Horizont ist La Palma.

Blick auf Tamaimo, Meer im Hintergrund

Es geht noch ein bisschen bergauf, dann führt der Weg auf einem Pfad den Berg entlang. Das Santiago-Tal öffnet sich. Die Sonne scheint. Das ist sehr schön.

Links das Dorf: Arguyao; geradeaus Tamaimo, und rechts auf dem Weg geht es nach Santiago del Teide.

Blick ins Tal, Straße windet sich, im Hintergrund das Meer

In Santiago del Teide gibt es eine Schule, deren Schulhofmauer mit Minions und Peppa Wutz bemalt ist. Große Freude! Bilder ans kleine Patenkind!

Der Weg führt auf der anderen Seite des Tals zurück.

Dass Bergablaufen leichter ist als Bergauflaufen, ist  ja einer der großen Irrtümer des Wanderns. Der Rückweg geht bei dieser Wanderung zwar weniger steil bergab als der Hinweg bergauf. Am nächsten Tag hatte ich trotzdem Muskelkater in Hintern und Beinen.

Blick ins Tal, Rückweg

Der Hinweg führte oben über die gegenüberlegende Bergkette.

Das Schönste an der Wanderung: der Blick ins Tal und aufs Meer. Auf dem Rückweg aufs Meer zulaufen.

***

Süden:
Auf den Roque del Conde (Rother Nr. 38)

Länge: 5,2 Kilometer
Reine Gehzeit: 3,5 Stunden
Höhenmeter: 500 Meter im Auf- und Abstieg

Da oben, rechts auf der flachen Fläche – das ist der Gipfel. Dort geht’s hin:

Roque del Conde von unten

Doch zuerst geht’s bergrunter. Das ist immer verdächtig. Wenn es runter geht, muss man auch wieder rauf, und wenn man schon sieht, wie weit rauf, ist ein Einstieg bergab ein Zeichen deutlichen Ungemachs. Wir durchqueren also erstmal einen Barranco.

Danach geht’s geschmeidig bergan (von links nach rechts):

Blick aufs Meer

Ich stapfe vor mich hin und genieße die schöne Aussicht. Nach einer Stunde kommt ein kleiner Sattel, und wir haben zum ersten Mal einen freien Blick auf die Küste.

Panorama: Auf der Hälfte, rechts geht's weiter bergauf

Rechts geht es weiter den Berg hoch. Auf dem Foto sieht das ganz fluffig aus. Doch zum Größenvergleich: Der weiße Punkt oberhalb des Kaktus ist der Mitwanderer – und der Weg führt erstmal um den Berg herum, bevor man den Gipfel erreicht. Da kommt noch ganz viel Uff.

Oder in Zahlen: Es folgen 300 Höhenmeter auf einer Länge von zwei Kilometern. Mehr als 100 Höhenmeter pro Kilometer heißt immer: großes Herz-Kreislauf-Bootcamp! Schön, dass uns Gleitschirmflieger begleiten. Erst einer, dann drei, dann fünf.

Aufstieg mit Blick aufs Meer

Der Rother-Wanderführer sagt: „mittelschwere Wanderung“ auf „teilweise auf steilem Pfad“. So sieht er dann aus, der „steile Pfad“:

Kraxeln

Beim Abstieg greife ich ab und zu dankbar in einen Ginsterbusch, um mich nicht lang zu machen. Aber Obacht: Ein Kaktus ist kein Ginsterbusch. #fuerSiegetestet

Der Rundumblick auf dem Gipfel entschädigt für alle Mühen:

Gipfelglück: Blick auf den Nationalpark mit Teide

Sogar mit Gipfelkreuz! Naja … Gipfelrohr. Video von der Ankunft auf dem Plateau. 

Zurück geht’s auf dem gleichen Weg wie hin. So sieht das dann aus, wenn das Ziel – das Dorf – nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt ist, aber ein Barranco im Weg ist. Der gezackte Weg ist der Weg zum Eis.

Rückweg: Erst runter, dann wieder hoch

Das Schönste an der Wanderung: der Rundum-Blick auf dem Gipfel.

***

Nationalpark:
Arenas Negras und Altas de Guamaso (Rother Nr. 70)

Länge: 12,3 Kilometer
Reine Gehzeit: 3,5 Stunden
Höhenmeter: 350 Meter im Auf- und Abstieg

Diese Wanderung ist relativ schlicht: unspektakuläres Höhenprofil, kein Gipfel. Trotzdem ist sie ziemlich super, denn sie ist eine ideale Wanderung, um die Cañadas zu genießen. Die Caldera de Cañadas ist ein vulkanischer Einsturzkessel im Zentrum Teneriffas. Er hat einen Durchmesser von 17 Kilometern. Es ist, als ob man auf dem Mond spazieren geht.

Die Wanderung ist eigentlich zwei Wanderungen: eine Runde durch die Arenas Negras, eine zweite Runde um einen kleinen Berg. Das Ganze beginnt auf 2030 Metern. Der höchste Punkt liegt auf knapp 2300 Metern. Das ist noch nicht wahnsinnig hoch, trotzdem schlauchen die Steigungen mehr als auf Meereshöhe.

Karge Landschaft, Blick auf Teide

Das Schöne an der Wanderung: Man hat die ganze Zeit den Teide im Blick. Außerdem gibt es Canyons, Krusten, Furchen und schroffe Vulkanlandschaft zumn Sattsehen.

Arenas Negras

Es weht ein ambitionierter Wind, und wenn man in kurzer Hose läuft und sich vorher die Beine eingeschmiert hat, ist man hinterher schön bepudert.

Im zweiten Abschnitt geht’s auf einem Weg über den Wolken an einem Berghang entlang. Ich habe mich wie ein Englein gefühlt – nur nicht ganz so beschwingt.

Steiniger Weg über den Wolken

Sentero 14: Schild über den Wolken

Blick von oben auf die Küste

Weil die Wanderung am Berggasthaus von El Portillo startet, gibt es die Möglichkeit einzukehren. Oder sich ein Eis auf die Faust zu kaufen, um sich damit auf einen Stein zu setzen und versonnen ins Tal zu blicken.

Das Schönste an der Wanderung: die Weite der Landschaft und die Wolken.

***

Zwei Wanderungen, die ich nicht in diesem Jahr, sondern vor sieben Jahren machte, als ich schon einmal auf Teneriffa war, möchte ich auch erwähnen. Denn sie sind Klassiker.

Westen:
Masca-Schlucht (Rother Nr. 26)

Länge: 8,4 Kilometer
Reine Gehzeit: 6 Stunden
Höhenmeter: 650 Meter im Auf- und Abstieg

Die Wanderung auf Teneriffa: den Barranco de Masca hinunter. Eine sehr imposante Schlucht: Steilwände, Wasserläufe und Berge, die sich zum Meer hin öffnen. Sobald man hineinsteigt, bleibt die Zivilisation draußen. Hier kann man nur zu Fuß durch.

Ein paar Italiener sind seinerzeit in Flip Flops hinunter geschlappt, eine dreiköpfige Familie hat mich joggend überholt – ich hingegen habe mich in Wanderschuhen gut ausgestattet gefühlt. Denn die Tour ist nicht ohne: Man muss über Felsen klettern, und es zeigt sich mal wieder, dass Bergabgehen keine so tolle Sache ist, wenn man nicht weiß, wo man den Fuß hinsetzen soll. Mehrmals stand ich vor einem Rätsel, wie es weitergehen sollte.

Die meisten Touristen gehen nur hinunter, aber nicht wieder hinauf. Vom Strand unten fährt ein Boot ab – allerdings muss man vorab Fahrkarten buchen. Ich bin seinerzeit wieder hinauf gelaufen. Das ging ziemlich gut und war sogar deutlich weniger beschwerlich als der Abstieg. Kann man also machen.

Nationalpark:
Auf die Montaña Blanca (Rother Nr. 77)

Länge: 18,5 Kilometer
Reine Gehzeit: 7 Stunden
Höhenmeter: 800 Meter im Auf- und Abstieg

Die anstrengendste Wanderung, die ich bislang unternommen habe. Aufstieg von 2000 auf rund 2800 Meter, kein Baum, kein Strauch, der Weg steil, ein irrer Fallwind, und auf dem Rückweg zogen Wolken ein, so dass die Orientierung schwierig wurde und wir hoppigaloppi heim rannten. Tolle Sache für Leute, die über eine gute Kondition verfügen, die Höhe gut abkönnen und denen Wind nichts ausmacht. Allen anderen rate ich ab.

Von der Montaña Blanca aus kann man über die Altavista-Hütte auf den Teide aufsteigen. Das sind dann noch 1.000 Höhenmeter. Wer vor Sonnenaufgang losgeht und bis 9 Uhr den gehnehmigungspflichtigen Pfad zum Teide-Gipfel wieder verlassen hat, braucht keine Erlaubnis des Nationalparks. Das ist ein schönes Projekt, an das ich mich in diesem Jahr aber nicht herangetraut habe.

Die letzten Lieblingstweets des Jahres 2016

30. 12. 2016  •  1 Kommentar  •  Aus der Kategorie »Lieblingstweets«

Die Tweets aus November und Dezember:

https://twitter.com/mattslusser/status/812696991134347264

 

17 Bemerknisse zu einer Reise nach Teneriffa

29. 12. 2016  •  13 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

1. Es braucht nicht viel zum Glücklichsein. Wärme, Meer, Berge. Frisches Baguette, Manchego und ein bisschen Salami. Ein kaltes Getränk. Ein gutes Buch. Ach ja, und: Meer. Erwähnte ich die Berge schon? Und das Meer?

2. Das Meer. Es ist am schönsten, wenn es windig ist. Die Farbe, der Geruch, das Tosen der Wellen, die spritzende Gischt. Toll. Ich kann mir das lange anschauen. Dasitzen, auf einem Stein, zusehen, wie die Wellen ankommen, wie sie brechen, wie sie mal über die Steine rollen, gegen sie schlagen, sie verschlingen, sie verschonen.

Teneriffa: Porís de Abona, Strand

3. Die Wärme. Erstaunlich, was Sonne mit Menschen macht. Alles ist viel wärmer, und damit meine ich nicht nur die Luft, nicht nur die Haut. Es ist das Leben. Es ist leichter, es ist herzlicher, es ist angefüllt mit Freude. Nein, nicht nur, weil Urlaub ist. Vielleicht liegt es auch an der Siesta. Man sieht die Wärme richtig:

Teneriffa: Wanderung auf den Roque de Conde, Rückweg

4. Die Pflanzen: alles riesig. Die Weihnachtssterne: mannshohe Büsche. Die kleinen Zimmerpflanzen von Ikea: bis zum Bauchnabel. Lustige Dickblattgewächse. Ficusse wie Eichen. Kakteen wie Häuser. Und eine Würgefeige wie aus Avatar.

Teneriffa, Botanischer Garten. Würgefeige

5. Bananen. Ich finde es ja immer super, die Dinge, die bei uns im Supermarkt liegen, in freier Wildbahn zu sehen.

Im Bananenwald

6. Im Urlaub schmecken sie viel besser. Weil im Urlaub alles anders schmeckt. Natürlich kann es auch an der vorab zurückgelegten Wegstrecke liegen. Denn die traditionelle kanarische Stützbanane gibt es erst nach der Hälfte des Wanderweges. Dann schmeckt sie besonders gut.

Teneriffa: Banane vor Palmenkulisse

7. Feigen!

Feigen am Baum

8. Nach der Wanderung gibt es ein Eis, das muss so, das steht in der von mir noch zu verfassenden Allgemeinen Wanderbibel. Der spanischen Eismarke Kalise gehört in diesem Zusammenhang ein Orden verliehen: für die Evolution des Sandwich-Eises. Statt einer harten, hellen, styroporesken Strukturwaffel begleitet eine weiche, glatte Kakaowaffel den Inhalt und wertet das schnöde Sandwich-Eis erheblich auf. Geschmack, Mundgefühl – hamma. Geradezu Kunst. Ich empfehle das Werk „Kubanito“.

Teneriffa: Kubanito-Eis

9. Pinke Mützen sind bei jeder Wanderung hilfreich. Bei Wind halten sie warm. Denn auch wenn die Hose kurz ist, fegt’s oben oft heftig um die Ohren. Und man ist inmitten des schwarzen Vulkangesteins immer zu finden. Deshalb: mehr pinke Wandermützen.

Pinke Wandermütze

10. Wolken, ne: super. Von oben. Das ist wirklich erhebend: über den Wolken laufen, atmen, sein. Diese Fluffigkeit. Wie sie fließen. Wie sie sich in die Berge schieben. Wie sie sich in Fetzen verlieren und zu Kissen sammeln. Wie sie in den Wald hinein kriechen.

Teneriffa: Wolken kriechen in den Wald

11. Ganz oben über den Wolken, auf 3.600 Metern Höhe, sieht man, wie der Horizont sich biegt. Großartig. Abgesehen davon ist es kalt. Und sehr, sehr windig. Wenn man fünf Schichten übereinander zieht, geht’s – auch wenn man sich dann wie ein Wanderklops fühlt.

Teide: Auf 3.600 Metern Höhe knapp unter dem Gipfel - Blick nach unten

12. Die erstaunlichste Erfahrung: Was die Höhe mit mir macht. Es fühlte sich an, als hätte ich leicht einen sitzen. Ging es bergauf, war das Kraxeln überraschend anstrengend. Wie das Herz dann von innen gegen die Rippen hämmert – spooky. Auf Meereshöhe wird die Luft mit 1.000 mbar in unsere Lungen gepresst, auf 3.600 Metern nur noch mit 650 mbar, ich hab’s nach der Expedition nachgelesen, um sicher zu gehen, dass ich mir meine Benommenheit nicht eingebildet habe.

Teide: Blick auf La Gomera und La Palma

13. Die Städte auf Teneriffa sind hübsch hässlich: Santa Cruz können Sie sich knicken. Puerto de la Cruz ist schon netter. Es ist auch zugebaut, es gibt auch viele Ecken, die nicht so schön sind, aber die Stadt hat Charakter. Die Hanglage, das viele Grün, die Altstadt – das ist alles einladend.

Teneriffa, Puerto de la Cruz: Altstadt

14. Schonmal so ein Graffiti gesehen? Hamma, ne? Gibt es Puerto de la Cruz, irgendwo in der Altstadt. Man geht dort entlang, der Blick schweift in Richtung Häuserwand, und dort ist das:

Puerto de la Cruz: Graffiti

15. Manchmal ist das Leben ja Loriot: Ab zum Strand, 30 Kilometer Weg. Auto parken. Liege aussuchen. Die hier am Rand? Oder lieber eine in der Mitte? Mit Schirmchen? Ach, lieber die hier vorne, nah am Wasser. Liege mieten. Liege einstellen: halb hoch, zum Lesen und Schlummern. Handtuch ausschütteln. Handtuch ausbreiten. Frei machen. Klamotten ins Schirmchen hängen. Einschmieren. Und als ich mich gerade gebettet habe und das Buch raushole, zack: Wolke vor der Sonne. Und noch eine Wolke. Wind. Regen. Aus dem Nichts! Das ist doch Truman Show!

16. In Spanien gibt es diese Seniorenspielplätze: Trainingsgeräte, die irgendwo herumstehen. Manchmal sieht man dort tatsächlich Leute turnen – warum auch nicht. Ich mache das auch, das ist prima: Man kann mit den Beinen schlenkern und fühlt sich gut. Besonders mit dieser Aussicht:

Frau Nessy von hinten auf einem Seniorenspielgerät am Meer

17. Fliegen. Auch wenn ich schon 40-, 50-, vielleicht 60-mal geflogen bin: Ich finde es weiterhin faszinierend. Ich möchte auch jedesmal einen Fensterplatz. Die Wolken, die Welt von oben, die Berge, die Meere, die Risse in der Oberfläche, das Erkennen aller Strukturen – Wahnsinn.

Teneriffa von oben

Weil das hier ein Serviceblog ist, folgt demnächst noch eine Übersicht der Wanderungen. Mit Fotos von der schönen Aussicht, ohne dass Sie selbst hochkletten müssen.

Weihnachtspause bei den Kalendergirls

5. 12. 2016  •  8 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Turnen«

Noch ein Spiel, dann ist Weihnachten bei den Kalendergirls. Dann haben wir zehn Spiele gespielt, also schon ganz schön viele, und das Schöne ist: Wir sind alle gesund. Keine Brüche, Risse und Zerrungen. Na gut, einmal Meniskus hatten wir, aber der ist schon älter, von vor der Saison, und am Wochenende gab’s ein blaues Auge.

Es gab auch keine Alterswehwehchen, keine verrenkten Rücken oder steifen Nacken, nur ein paar Befindlichkeiten. Aber da wir nur einmal in der Woche trainieren, und das am Donnerstag, bleibt vom Spiel am Sonntag bis zum Training am Donnerstag und vom Donnerstag bis zum Spiel am Sonntag ausreichend Zeit, wieder beizukommen – dank aktivierender Ruhetherapie, Entspannungsbädern, Wärmesalbe und Pralinés einer ausgeklügelten Ernährung.

Kalendergirls Kabine

Neben dem Gesundbleiben haben wir es geschafft, acht Spiele zu gewinnen, dazu einmal Unentschieden gegen den Spitzenreiter, der nur Spitzenreiter ist, weil er ein Spiel mehr hat als wir, sonst wären wir Spitzenreiter. Aber so ist es schon ganz gut: Verfolger sein ist besser als Anführer, denn dieser Druck! Der würde uns nur raschelig machen.

Außerdem ist unser Ziel der Klassenerhalt und nicht das A-Wort, das Eine-Liga-höher-Wort, das wir hier nicht nennen möchten. Obwohl wir uns natürlich schon überlegt haben, wie es wäre, eine Liga höher, wie es dort riechen würde und ob wir das noch schaffen könnten, nicht körperlich, das würde wohl noch gehen, aber zeitlich. Müsste man dann nicht zweimal pro Woche trainieren? Wie geht das konform mit den Entspannungsbädern und der aktivierenden Ruhetherapie? Und überhaupt, die ganze Sportwäsche. Einige von uns haben drei Kinder, die anderen zwei, wir haben alle schon genug Wäsche. Wenn dann noch mehr Sportwäsche dazukommt, brauchen wir eine Mannschaftselfe – oder einen Elf, einen Trikot- und Leibwäschenwart, so eine Art Cristiano Ronaldo fürs Waschen und Bügeln. Dann wiederum würden wir es natürlich hinkriegen. Auch motivatorisch.

Am Wochenende hatten wir aber erstmal Weihnachtsfeier: erst Glühwein, dann Buffet beim Thailänder. Das Glühweinbüdchen war am Ende so beseelt von uns, dass wir Kekse geschenkt bekamen – und einen Weihnachtsstern und zwei Packungen Champignons. Fragen Sie nicht, das würde jetzt zu weit führen.

Als wir beim Thailänder ankamen, bemerkten wir, dass der Oktober fehlt. Der Oktober wollte nachkommen, familiäre Verpflichtungen, doch statt dem Oktober tauchte in unserer WhatsApp-Gruppe ein Foto vom Bahnhof Fröndenberg auf, einem Ort im Sauerland, begleitet von den Worten: „Mädels, ich fahre gerade bis Pusemuckel!! Falsche Regionalbahn!!“ Wir konnten gar nicht schnell genug mit Emojis antworten, nur: „Danach kommt irgendwann Willingen! Skifahremoji! Aprè-Ski-Emoji!“, als schon das nächste Foto erschien, der Oktober mit einem sympathischen Herrn: „Habe einen Gleichverwirrten getroffen!! Wir fahren jetzt zurück!! Der Sekt ist schon halb leer!“

„Das is‘ doch mein Nachbar! Was macht der denn in Fröndenberg?“, rief der Juli, und tatsächlich! Der Nachbar ist jetzt als Edelfan zu einem unserer Spiele eingeladen – mit freier Auswahl beim Hallenverkauf. Also einmal Mettbrötchen für umsonst. Außerdem überlegen wir nun, nach Saisonende eine Mannschaftsfahrt nach Fröndenberg zu machen, wenn man dort so nette Leute trifft. Mallorca kommt natürlich auch in Frage, aber Fröndenberg wäre ein alternativer, zukunftsweisender Ansatz. Denn dort gibt es ein Hotel mit Wellness und Golf, und wer weiß, wo wir alle sportlich mal enden. Wir könnte mit dem Fahrrad hinfahren – von Dortmund aus geht es sogar nur bergab. Und zurück nehmen wir die Regionalbahn, den Bahnsteig finden wir ja jetzt.

Bis dahin müssen wir aber erst noch ein paar Spiele spielen. Spätestens zum Showdown gegen den Spitzenreiter werde ich Sie hier an dieser Stelle wieder informieren. Vielleicht möchten Sie dann vorbeischauen? 60 Minuten dynamischer Spitzensport voller taktischer Finessen – also, ich würde mir das nicht entgehen lassen.

Was schön war – Kalenderwoche 47 und 48, 2016

Die tödliche Männerbronchitis ist weg. Halleluja. Nach fünf Wochen endlich wieder Sport. Im Spiel mit den Kalendergirls und auch im Fitti war ich noch etwas kurzatmig. Aber das wird schon.

Was schön war:

  • Gartenäpfel verwertet und zweimal für Vatta Apfelpfannkuchen gemacht. „Hatte ich schon ewig nicht mehr!“, sagte er. Ich auch nicht. War super.
  • „Einmal noch in den Tempel!“ Weil sie an den Neckar in die fußballerische Diaspora zieht (Hoffenheim zählt nicht), habe ich A. meine Karte für das Champions-League-Spiel BVB – Warschau vermacht. Und was ist passiert? Der BVB macht acht Buden. Alta! Acht! Und der Gegner vier. Zwölf Tore! Ich habe schon Handballspiele mit weniger Toren gesehen. Da gibste einmal ’ne Karte ab! Habe mich für A. gefreut.
  • Am Wochenende danach dann Umzug. Starke Männer waren da. Für Speis und Trank war gesorgt.  Wir haben Klamotten aussortiert; A. hat Unmengen an Klamotten. „Möchte dieser Poncho mit an den Neckar?“ – „Darin habe ich 1998 W. kennengelernt!“ – „Also ja.“ – „Nein! Gott bewahre!“ … „Möchte dieses T-Shirt mit …“ – „Das hatte ich beim ersten Date mit J. an.“ – „Also nicht.“ – „Doch!“ Die guten und die schlechten Erinnerungen, eingewebt in Textilien.
  • Besuch bei S. und A., die gerade etwas sehr Tolles in Essen machen – unter anderem eine Porschewerkstatt, aber nicht nur das. Das wird wirklich unfassbar gut. Ich möchte glatt mit einziehen. Von dieser Stelle aus: Weiterhin viel Erfolg und gute Nerven! Ihr schafft das! //*Motivationsfaust
  • Was aktuell sehr schön ist: Ich investiere Zeit in Aus- und Weiterbildung, höre zu, lerne Menschen kennen, das ist echt super. Es passiert so viel in dieser Stadt und im Ruhrgebiet, und es gibt so viele Dinge, die ich noch nicht weiß. Überhaupt interessiert mich viel zu viel, das ist das Paradoxe: Je älter ich werde, je mehr ich sehe und je mehr ich lerne, was ich alles noch nicht gelernt habe, desto mehr möchte ich wissen.
  • Einen 20-Euro-Schein verloren. Mich kurz geärgert. Mir dann vorgestellt, wie derjenige sich freut, der ihn findet. Mich dann auch gefreut.
  • Aus der Abteilung „Erste Male“: eine Session für die re:publica 2017 eingereicht.
  • Weihnachtsfeier mit den Kalendergirls. Es fielen die Worte „Mannschaftsfahrt“ und „Mallorca“. Aber auch die Worte „Mannschaftsfahrt“ und „Fröndenberg“, was ebenfalls charmant, wenngleich ein ganz anderer, innovativer Ansatz wäre. Wir sind noch unsicher. Ich denke, es wird Zeit, dass ich mal in einem Update berichte, wo wir im Projekt Klassenerhalt stehen.
  • Beim Frühstück mit Jawl darüber gesprochen, wie viele tolle Menschen wir schon übers Bloggen und übers Internet kennengelernt haben. Dabei opulent getafelt und Kleinstadtneuigkeiten ausgetauscht. So muss das.

Frühstückstisch mit Brötchenkorb, Rührei und allerlei leckerem Zeug

Podien, Männer, Frauen und Wut

29. 11. 2016  •  6 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Am vergangenen Freitag besuchte ich den DWNRW Summit 2016, den Tag der Digitalen Wirtschaft NRW, auf der Zeche Zollverein.

Aus vielen Gründen war das eine gute Veranstaltung: breites Themenspektrum, Vorstellung der neu entstehenden Hubs in Nordrhein-Westfalen – darunter das hub.ruhr – und eine tolle Location, die das reflektiert, worum es geht, den Strukturwandel. Eine Konferenz, die dem Ruhrgebiet gut zu Gesicht steht.

Doch eine Anmerkung möchte ich machen – exemplarisch für viele Veranstaltungen:
51 Vortragende, davon 45 Männer.

Das macht mich wütend.

Homogenität hemmt, wenn man Fortschritt gestalten möchte. In einem Markt, der heterogene Innovationen erfordert, weil Kundenwünsche immer individueller werden. In Unternehmen, die auf crossfunktionale Teams setzen, um aus unterschiedlichen Richtungen auf Produkte und Prozesse zu blicken – damit möglichst ganzheitliche Lösungen herauskommen. In einer Welt, in der wir alle leben. Und alle konsumieren.

Wenn es sich um die Jahreshauptversammlung pensionierter Bergleute oder um die „Fachkonferenz Hodenhochstand“ handeln würde: geschenkt. Aber doch nicht bei Themen wie digitale Transformationpolitische Kommunikation, meinetwegen auch Thrombose oder, ganz ironiefrei, die Macht des tradierten Denkens.

Die Unterrepräsentation von Frauen hat unter anderem mit der Sehnsucht nach Vorständen bei der Besetzung von Podien zu tun. Vorstände können mir interessante Dinge über strategische Ausrichtungen von Konzernen sagen. Sie sind damit aber auch nur eine Perspektive von vielen. Ich höre genauso gerne denen zu, die an der Basis arbeiten und operativ umsetzen.

Entsprechend waren beim DWNRW Summit die interessantesten Wortbeiträge diejenigen, in denen MacherInnen auf der Bühne standen: der Geschäftsführer von Foto Koch in Düsseldorf, der sein Einzelhandelsgeschäft umkrempelt. Oder Robin Metz, der mit Helmade online Individualisierungen für Motorradhelme anbietet. Die Haltung, möglichst viele aus der A-Riege auf der Bühne zu haben, damit es eine gute Konferenz wird, erschließt sich mir nicht. Es macht auch die anschließende Kontaktaufnahme und den kommunikativen Austausch schwierig. Denn möchte man MittelständlerInnen zusammenbringen, damit sie gemeinsam an Herausforderungen wachsen, hilft Augenhöhe – und nicht das Manifestieren von Hierarchien mittels unidirektionaler Vortragsformate mit Alpha-Entscheidern in Richtung einer breiten, lauschenden Masse. Paradoxerweise betonen alle in jeder Session, dass flexible Netzwerke unbedingt traditionelle Hierarchien ersetzen sollen, um innovatives, grenzenloses Denken zu fördern.

Ich möchte nicht behaupten, dass Frauen die klügeren Wortbeiträge haben. Es geht um etwas anderes: Da ist einmal die weibliche Perspektive, die bei gesellschaftlichen Debatten ebenso wie bei Produktentwicklungen und Prozessen fehlt. Genauso wie es Perspektiven aus verschiedenen Kulturkreisen und Altersgruppen gibt, basierend auf unterschiedlicher Erfahrung, unterschiedlichen Denkmustern, unterschiedlicher Prioritätensetzung und unterschiedlichen Bedürfnissen in unterschiedlichen Lebensphasen. Diversität zu berücksichtigen – und damit die Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen, ist bares Geld.

Zum anderen ist da die Sache mit der Identifikation. Ich bin eine Frau, und ich möchte repräsentiert sein. Ich möchte mich identifizieren können. Ich möchte Meinesgleichen, die auf Podien sitzen, und mir zeigen, was sie geleistet haben. Oder: womit sie gescheitert sind. Und meinetwegen auch: wie dumm man auch als Frau daherquatschen kann.

Es ist wie seinerzeit an der Uni, als Nicht-Akademikerkind, als ich mich plötzlich in einer Welt mit einem fremden Habitus wiederfand, mit einer anderen Haltung gegenüber Wissen, das nicht direkt der handwerklichen Anwendung dient, und Studiengängen, die zu keinem Berufsabschluss führen. Ohne familiären Wegweiser. Ohne Vorbilder, die einem sagen, wie man’s macht und wozu man’s braucht. Oder die einfach nur da sind, als Wegmarke, die man auch erreichen möchte.

In einem Land, dessen Rohstoff Ideen und Wissen sind, brauchen wir Köpfe, die aus unterschiedlichen Richtungen Lösungen erdenken.

Ich identifiziere mich nicht gleichermaßen mit einem Mann. Männer mögen das nicht nachvollziehen können, denn sie sind auf Veranstaltungen ja immer repräsentiert. Versuchen wir es deshalb einmal so, Männer: Haben Sie gegenüber den Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen das gleiche Gefühl wie bei gegenüber den männlichen Sportlern? Schauen Sie zu ihnen auf, sind sie ein Idol, geben Sie Ihnen eine Richtung vor? Oder orientieren Sie sich, was Erfolg angeht, doch eher am eigenen Geschlecht?

Symbolbild:

https://twitter.com/Dr_Mama_/status/788285269170647040

Mehr zum Thema: 

Von Pubertät und Podien (Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach)

„Um es klar zu sagen: Ich halte es für eine Veranstaltung für schädlich, wenn sie an einem Format festhält (also vor allem Vorträge, Vorträge, Vorträge, dieses pubertäre Format), das systemimmanent nicht nur überwiegend uninteressant ist, sondern auch viele Frauen, die ich kenne und für gute Lehrerinnen und Erzählerinnen halte, ausschließt.“

Mädchen mit Spielzeugen und ablenkende attraktive Wissenschaftlerinnen (Markus Pössel)

„Während solcher Karriere selbst gibt es dann viele andere kleine Puzzlesteine. Als einzige Studentin unter lauter Männern in Vorlesung oder Seminar zu sitzen. Dumme Sprüche zu hören bekommen. Häufig von männlichen Kommilitonen unterbrochen zu werden, wenn man etwas sagt. Sobald man darauf einmal begonnen hat, zu achten: Noch eine Podiumsdiskussion ohne weibliche Teilnehmer. Und noch eine. Und noch eine.“

Frauen zählen (Anne Schüßler)

„Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der uns an jeder Ecke vermittelt ist, dass Mannsein der Normalzustand ist und Frausein das andere. Es ist ein bisschen subtiler geworden und man muss ein bisschen genauer und bewusster gucken (und zählen), aber dann ist es doch sehr einfach zu erkennen.“

Was schön war – Kalenderwoche 45 und 46, 2016

20. 11. 2016  •  7 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Was schön war«

Die vergangenen zwei Wochen: immer noch Husten und Schnupfen des Todes. Zweimal beim Arzt gewesen, weil der ganze Brustkorb schmerzte und ich befürchtete, dass etwas Ärgeres dahinter steckt: Entzündung der Lunge oder sonstwas. War aber nicht. Trotzdem: lästig. Husten ist jetzt weg. Schnupfen auch fast. Ich muss dringend wieder Sport machen, fühle mich wie ein rostiger Trecker. Nächste Woche ist Einsteigerfitness angesagt.

Was schön war:

  • Mit den Handballveteraninnen, von denen nur die wenigsten noch Veteraninnen sind, weil sie allesamt wieder angefangen haben zu spielen, „Bridget Jones‘ Baby“ angeschaut. McDreamy hat’s optisch rausgehauen, die Handlung ist ansonsten eher mau.
  • Mini-G gehütet, während die Mannschaftskameradin bei der Rückbildung war. Denn ohne Kinderhüterin kann sie nicht rückbilden und ohne Rückbildung kann sie nicht wieder Handball spielen. Da muss man zusammenhalten. Alles für den Dackel, alles für den Club.
  • A propos Club: Die Kalendergirls haben das zweite Spitzenduell gewonnen. Tabellenplatz Zwei – wegen eines Spiels weniger als der Spitzenreiter – ist vorerst gesichert. Der Trainer hat erstmals das A-Wort ausgesprochen. Wir haben so getan, als hätten wir es nicht gehört, und sind rasch ins Thema „Weihnachtsfeier“ gewechselt. Siegessekt nach Lokalderby:

Kalendergirls stoßen mit Sekt an

  • Auf dem Rückweg von der Halle durch den Herbst spaziert. Macht man viel zu wenig.

Herbstwald mit viel Laub auf der Erde

  • Mit dem großen Patenmädchen Kaffee im neuen Kaffeehaus in der Heimat getrunken. Die Kleinstadt hat ihr traditionelles Alte-Damen-Café renoviert, es ist jetzt ein Alte-Damen-Café in modernem Plüsch. Das ist sehr gelungen, ich mag den Ort. Vielleicht, weil ich über viele, viele Jahre jeden Freitagnachmittag mit meiner Oma dort war. Sie: Blätterteigröllchen mit Hackwurst. Ich: Zimtschnitte und die Kondensmilch ihres Kaffees. Warme Wangen, wohliges Gefühl.
  • Das Kinofest Lünen besucht und drei Filme angeschaut: „Fritz Lang“, „90 Minuten – bei Abpfiff Frieden“ und „Kästner und der kleine Dienstag“. Erstaunlich, wie anders Fernsehfilme wirken, wenn man sie im Kino anschaut. Und erstaunlich, wie viel mehr man sich im Kino auf  die Handlung einlässt – im Gegensatz zum eigenen Wohnzimmer. „Fritz Lang“ hat mir stilistisch sehr gut gefallen: die Adaption des Stummfilm-Stils für einen Film über die Entstehung des ersten Tonfilms des Stummfilm-Regisseurs Lang. Falls das nicht verständlich war: anschauen. Finzi, Ferch, Regie, Bild und Ton sind sensationell. Nach dem Erich-Kästner-Film (toll! toll! toll!) war ich ein bisschen neben der Spur, was nicht nur daran lag, dass Florian David Fitz den Kästner spielt, sondern auch, weil er es sehr gut tut. Ein Teil der Filmcrew (kein Fitz, aber zweimal kleiner Dienstag):

Ein Teil der Filmcrew vor der Kinoleinwand des Kinofestes Lünen

  • Mit Freundinnen Pizza gegessen, Sushi gegessen, mit Institutsveteraninnen und -veteranen erstaunlich lange und mitten in der Woche (Sodom und Gomorrha!) umgetrunken und mit den Clübchen Stammtisch gehalten. Es waren sehr gesellige zwei Wochen.
  • Zum ersten Mal selbst Sommerrollen gemacht. Es war eine riesige Sauerei, aber irgendwann hatte ich die Technik raus. Lecker.

Sommerrollen fertig und in der Herstellung: Collage aus vier Bildern

  • Die Initiale besucht, viele Gespräche geführt, Dinge ge- und erarbeitet und sehr viel weitergekommen. Gruß an die Dortmunder Wirtschaftsförderung, die machen wirklich einen guten Job. Mehr zu gegebener Zeit.

Die Wahl der Entmachteten

10. 11. 2016  •  48 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Schaut man aufmerksam hin, ist es nicht überraschend: dieses Rücken nach Rechts, das Suchen nach Extremen, der Wunsch nach jemandem, der die sichere, kleine Welt ins eigene Leben zurückholt. In den USA nicht, und hier in Deutschland auch nicht.

Es ist die Summe kleiner Niederlagen, die viele Menschen hinnehmen müssen – und es ist der Finger, der nach jeder Niederlage auf sie zeigt: selbst schuld. Egal, ob sie arbeitslos oder alleinerziehend werden. Ob ihre Rente nicht ausreicht oder sie so wenig verdienen, dass sie eben zurechtkommen. Die gesagt bekommen: Hättest du mal mehr geleistet, wärst nicht so unflexibel, hättest einen anderen Beruf gewählt, hättest du einen anderen Arbeitgeber gewählt, etwas Sinnvolleres studiert, wärst du nicht so unbedacht schwanger geworden, hättest zurückgesteckt und mehr für deine Ehe gekämpft, dann ginge es dir jetzt besser. Andere schaffen es doch auch.

Sie hören, wie immer und immer wieder an ihre Eigenverantwortung appelliert wird, während andernorts Menschen auf Positionen sitzen, weil sie den Habitus der Etablierten von Klein auf erlernt haben und in ihn hineinerzogen werden, weil sie von den Kontakten profitieren, die ihre Herkunft ihnen verschafft, weil sie nicht nur einen besseren Start hatten, sondern auch, weil es Helfer gibt, die ihnen die Hindernisse aus dem Weg räumen, in die andere hineinrennen.

Doch wenn sie dies ansprechen, hören sie das zweite Argument nach „Selbst schuld!“. Es ist: „Du bist doch nur neidisch!“

Dabei geht es nicht um Neid. Nur die wenigsten Menschen sind neidisch auf diejenigen, die sich ihren sicheren Wohlstand mit Arbeit, Bildung und Cleverness, ja sogar mit dem Glück des Zufalls erarbeiten. Es geht nicht um das, was die anderen haben. Sondern um das, was viele auch mit bester Leistung niemals erreichen können. Dem Anderen Neid zu unterstellen, weil er Kritik übt, ist das gleiche wie der Verweis auf die Eigenverantwortung: die Umkehrung der Kritik zur Wahrung des Ungleichgewichts.

Denn bei allem geht es um soziale Ungleichheit. Und es geht um Verhältnismäßigkeit. Dem Verhältnis vom Durchschnittsgehalt zum Gehalt des Bankvorstandes, dem Verhältnis der eigenen Mühen zu den Mühen derjenigen, die als Funktionäre auch nach kläglichem Versagen immer neue Posten angedient bekommen, dem Verhältnis des Erbes, das die Kinder dieser Funktionäre und Vorstände erhalten, zu dem Erbe, das die Kinder von Thomas Mustermann erwartet, nachdem sie ihren Vater gepflegt und ihre Mutter im Heim versorgt haben.

Jener Thomas Mustermann, der als Maschineneinrichter oder Industriekaufmann, als Ingenieur oder als Krankenpfleger arbeitet, der zwei Kinder hat, geschieden ist, der mit der Scheidung das Eigenheim der Frau überlassen musste und trotz 40-Stunden-Job, mit Wechselschicht und Überstunden, nur mittelmäßig über die Runden kommt. Thomas, der jedes Jahr seinen Rentenbescheid bekommt, auf dem die Zahl 1.413 steht – wenn nichts dazwischenkommt, kein Krebs, kein Rückenleiden und keine Frühverrentung, denn noch hat er 14 Jahre, und von der Zahl 1.413 muss er später noch etwas an seine Ex-Frau abdrücken, Versorgungsausgleich, da bleibt nicht mehr viel. Thomas Mustermann schaut mit Sorge auf seinen Arbeitgeber, der umstrukturiert, abbaut und outsourced, der vor der Übernahme durch ein ausländisches Unternehmen steht. Best of both, sagen sie dort, das Beste aus beiden Unternehmen wird das Neue formen. Thomas war noch nie der Beste. Was soll aus ihm werden, wenn er jetzt, mit 51, entlassen wird? Seine Tochter hat vergangene Woche erfahren, dass sie nach ihrer Ausbildung nicht übernommen wird, wie soll er sie unterstützen? Sein Sohn hat den zweiten befristeten Vertrag – und das trotz guten, naturwissenschaftlichen Studiums. Dabei ist der Junge 28 – ein Alter, in dem Thomas schon ein Haus gebaut und zwei Kinder gezeugt hatte.

Dieser Thomas Mustermann hat einst SPD gewählt. Doch die SPD hat ihn verraten, hat ihm die Angst vor dem sozialen Abstieg eingebrockt. Wenn Thomas arbeitslos wird, hat er nicht einmal zwei Jahre, dann wird er seine Wohnung kündigen, in eine kleinere ziehen, sein Auto verkaufen und von 404 Euro im Monat leben müssen. Was soll er nächstes Jahr also tun? Die Grünen wählen, die sich um Veganer und Windräder kümmern? Die Linke, diese Kommunisten aus dem Osten? Die FDP kommt nicht in Frage und auch nicht die CDU, die nur eine Partei der Unternehmer und neuerdings auch der Asylanten ist.

Er fühlt sich machtlos, denn egal, was er tut: Er kommt nicht weiter. Es ist niemals richtig nach oben gekommen, es geht in letzter Zeit eher nach unten, und auch seine Kinder werden nicht weiter aufsteigen, wenn sie denn überhaupt so weit kommen, wie er gekommen ist. Ein Eigenheim kann sich ja heute kaum noch jemand leisten, in den Großstädten, dort, wo die Arbeit ist und wo sein Sohn wohnt. Der kann ja kaum die Miete bezahlen. Und als ob das alles nicht schon ungerecht genug wäre, hört und liest er in den Medien nur: „Arbeitslosigkeit auf Rekordtief“, „Fachkräftemangel bremst Firmen aus“, „Wohlstand in Deutschland so groß wie nie“.

Was aber will er eigentlich, der Thomas? Er lebt in einem Sozialstaat, er hat eine Arbeit, eine Krankenversicherung, eine Wohnung. Er kann sogar einmal im Jahr in den Urlaub fahren, zehn Tage Griechenland in der Nebensaison. Er wird auch im Alter versorgt werden – nicht üppig, aber dennoch: auskömmlich. Was hat er also, dieser undankbare Mann?

Er hat Angst. Er hat Wut. Und er hat niemanden, der ihn unterstützt. Wie viel besser würde er sich fühlen, wenn jemand da wäre, der zu ihm hält, der für ihn kämpft. Sein Vater damals – er hat auch malochen müssen. Aber er hatte einen Betrieb, der ihn versorgt hat, einen Firmenchef, der all seine Leute mit Namen kannte. Der Vater bekam zu Weihnachten ein Präsent von der Firma, alle Arbeiter bekamen eins, auch als sie schon in Rente waren, und am Geburtstag hatte er frei. In Thomas‘ Firma  hingegen wurde vor fünf Jahren das Weihnachtsgeld gestrichen, sein Vorgesetzter ist der dritte in vier Jahren, und der Urlaub am letzten Geburtstag wurde ihm verwehrt – zu viel zu tun. Am Ende hat er an dem Tag Däumchen gedreht, Fehlplanung von oben.

Was bleibt also für ihn, Thomas, 51, geschieden und mehr Mittelmaß als Mittelschicht? Er sucht sich jemanden, der ihn vertritt, der laut ist, der gehört wird, dessen Meinung in den Medien widerhallt, der endlich einmal dieses unsägliche System hinterfragt und an den Stühlen der Etablierten wackelt – um sie wach zu rütteln. Er wählt die Rechten, weil es die Linken nicht mehr gibt, weil es keine mächtigen Betriebsräte und Gewerkschaften mehr gibt, weil es die Grenzen nicht mehr gibt, die seinen bescheidenen Wohlstand zusammenhalten, weil es nur noch „Wir schaffen das!“ gibt. Natürlich wird das Land es schaffen – auf seine, Thomas‘, Kosten, so wie es in den vergangenen fünfzehn Jahren immer war. Wenn er Zuspruch bekäme statt immer einen reingewürgt, wenn es noch Moral und Zusammenhalt und Wertschätzung gäbe, dann wäre vieles anders. Aber so? Was soll er auch tun?

Linktipps:

Trump, eh?
„Diesbezüglich ist die Wahl von Trump auch als Rache am korrupten Neoliberalismus zu lesen, die gleichzeitig den Verlust linker Werte spiegelt: Die Wähler der weißen Mittelschicht verweigern ihren schwarzen und muslimischen Nachbarn die Solidarität und ermöglichen damit letztlich eine Institutionalisierung und Normalisierung rassistischer Strukturen […]“

Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz
„Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt, und jetzt kommt es uns so vor, als hätten alle Schranken sich geöffnet. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen […]“

Was schön war – Kalenderwoche 44, 2016

Die Erkältung geht nicht weg. Sie ist jetzt eine Bronchitis, und das ist alles recht unerfreulich. Seit mehr als zwei Wochen taumle ich schwer angeschlagen durch den Tag. Aber immerhin: Heute geht es erstmals besser. Denn: Die kleine Bronchitis hat fast durchgeschlafen. Jetzt wird es Zeit, dass sie auszieht.

Was schön war: der Arztbesuch und das Paket Medikamente, das ich in der vergangenen Woche bekommen habe. Toll, dass es das gibt. Nach Nutzung des Bronchialsprays hatte ich endlich wieder Lungenvolumen – und zwar direkt so eins, dass ich über eine Teilnahme den olympischen Spielen nachdachte. Hamma, was da möglich wäre.

Was sonst noch schön war:

  • Beim Bowling gewonnen. Bäm!
  • Die kleine Geburtstagsfeier beim Nachbarn, mit Hot Dogs und guter Gesellschaft. Es geht doch nichts über eine gute Nachbarschaft und eine gute Freundschaft. Was das angeht, bin ich Herdentier. Verschenkt: Schuss. Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs von Thomas Kistner. Habe ich als Hörbuch gehört, klare Empfehlung.
  • Mit den Kalendergirls gewonnen und Tabellenplatz 2 gesichert. Krankheitsbedingt nur passiv. Dafür beim Kinderdienst von K (2) vertrauensvoll bekuschelt und bespielt worden. Ich schrieb schonmal darüber: Es gibt Kinder, die ich unglaublich gut leiden mag, weil sie total super sind. Sie haben einfach ein freundliches Wesen, da ist direkt eine Verbindung, das hat auch nichts mit Bravsein oder sowas zu tun. Können Sie nachvollziehen, was ich meine? K gehört jedenfalls dazu. Sein Bruder auch. Tolle Typen.
  • Weihnachtskekse mit T gebacken. Mit Marmelade, Crunchy Erdnuss, Weißer Schokolade und Cornflakes. Wie immer sensationell. Leider werden die Kekse Weihnachten nicht erleben. Wahrscheinlich noch nicht einmal die Adventszeit. Was natürlich nur daran liegt, dass ich so viele verschenke. //*hüstelt
  • Dem Einzug ins Achtelfinale der Champions League beigewohnt. Mit Menschen, von denen ich nur ihre Spitznamen kenne. Solche Leute kennen Sie sicherlich auch, oder? Irgendwann nennt mal jemand den richtigen Namen, und niemand weiß, wer gemeint ist.

Hach:

Alle Kräfte mobilisiert, um die Jungs zu unterstützen. #bvb #cl #maennergrippe

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