Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Turnen«

Eröffnung der Laufsaison

4. 05. 2015  •  10 Kommentare

Es gibt eine Sache, die mich derzeit mit großer Freude erfüllt: Vor einer Woche habe ich wieder mit dem Joggen begonnen und bin direkt sechseinhalb Kilometer durchgelaufen.

Über den Winter war ich viel krank. Fünf, sechs Erkältungen hatte ich, im September lag ich das erste Mal flach, dann im November, im Dezember, im Januar und im März. Zwischendurch immer mal allgemeines Kopfschmerzschniefleiden. Sehr unerfreulich, wohl das Ergebnis einer ungünstigen Gemengelage.

Seit ich Handball-Rentnerin bin und nicht mehr regelmäßig trainieren muss, kuriere ich Erkältungen immer aus. Das hat sich diesen Winter bewährt: Nach zwei, manchmal drei Wochen Sportlosigkeit konnte ich im Fitti direkt wieder an die Vor-Schnuppen-Leistung anknüpfen (beginne ich hingegen zu früh, zieht sich das länger hin, röchelnd über den Crosstrainer gebeugt).

Vergangene Woche war ich dann das erste Mal wieder draußen laufen. Seit meinem Umzug habe ich eine neue Haus-Lauf-Strecke. Leider gibt sie mir nur die Möglichkeit, entweder zwei Kilometer oder sechseinhalb zu laufen (oder zehn, aber das lassen wir zunächst außer Acht); vormals konnte ich zum und im Park mehrere Wege, Pfade und Schleifen kombinieren, so dass fast alles zwischen drei und neun Kilometern möglich war.

Nach der ersten 6,5-Kilometer-Runde hatte ich vergangene Woche Muskelkater aus der Hölle. Die Oberschenkel waren tagelang Pudding. Das kenne ich aber von Jogging-Einstiegen aus vorangegangenen Jahren. Einmal muss ich immer leiden.

Heute dann die zweite Runde (nach Yoga und Fitti zwischendurch). Ich war sogleich zwei Minuten schneller, und Schmerzen hatte ich auch keine – alles ganz geschmeidig. Es ist erstaunlich, wie gut der Körper sich an Belastungen erinnert, an die er mal gewöhnt war.

Das Irre: alles vor dem Frühstück. Ich wage kaum zu denken, was nach zwei Käsebrötchen möglich ist.

//*geht Supernessy-Cape bügeln

Die Sache mit dem BVB

29. 04. 2015  •  17 Kommentare

Es geht nicht anders.

Es ist völlig undenkbar, in Dortmund zu wohnen und nichts am BVB zu finden. Es ist einfach nicht möglich.

Schon allein, weil man ja niemals alleine wohnt. Irgendwo in der Nähe wohnen andere Leute, und die sind BVB-Fans. Die kommen dann und sagen: Hier, du, am Samstag ist Fußball bei uns. Kommste gucken, ne. Und dann kommste gucken. Weil: Is hier so.

Erst bist du nur wegen der Geselligkeit dabei, und weil’s Gegrilltes gibt. Dann gehst du das erste Mal ins Stadion, trittst durch den Aufgang auf diese Südtribüne, und dann bist du drin. Echt jetzt, dann ist es vorbei, dann geht’s nicht mehr anders, dann bist du drin in dieser BVB-Sache. Dann hast du plötzlich einen Schal und ein Trikot und ein Käppi, und die Leute fragen dich nicht mehr, ob du zum Fußballgucken kommst, sondern du sagst: Am Samstag wie immer, ne? Ich bring Bier mit.

Wenn dann aber sowas kommt wie gestern, wie dieses Pokalhalbfinale, dann braucht es keine Wort mehr. Dann ist sowieso alles klar und abgemacht. Dann packst du um 20 Uhr dein Täschchen, steckst fünf Flaschen Bier rein und stapfst rüber. Darüber muss vorher niemand reden. Das ist blindes Verständnis.

Natürlich muss alles so sein wie beim letzten Sieg. Gleiche Leute, gleiche Kutte, gleiches Warmlaufen, gleiche Sitzordnung. Glückshaarspange und Glücks-BH. Und jeder seinen Stadionbecher.

Mats-Hummels-Becher mit Abnutzungserscheinungen
Mein Mats-Hummels-Becher ist nur noch wenig Mats Hummels. Aber es steckt noch alles in ihm! In Dortmund fightet selbst ein Becher bis zum Schluss.

Getanzte Liebe

26. 04. 2015  •  7 Kommentare

Es ist erstaunlich, was man mit Tanz alles tun kann.

Ich selbst hatte mit dieser Art von Bewegung immer wenig am Hut. Ein Grundkurs in der Tanzschule, als Teenager. Erst mit keinem, dann mit einem schwitzigen, jede Woche im selben Polyester gekleideten Tanzpartner. Das war nicht schön, für uns beide nicht. Man attestierte mir zudem, ich sei hüftsteif. Ein Urteil, das ich nicht so ganz annehmen kann und das ich irgendwann revidieren werde, dessen bin ich mir sicher. Mir fehlte bislang nur die Gelegenheit.

Ich habe mich seinerzeit zunächst anderen Sportarten verschrieben; Hobbys, in denen ich kurzfristig größere Erfolge erzielen konnte.  Seither bin ich, mit Tanz konfrontiert, immer wieder aufs Neue erstaunt, wie schön diese Form des Ausdrucks ist. Zum Beispiel in der aktuellen Inszenierung des Dortmunder Balletts: Drei Streifen Tanz.

Es heißt zwei „Drei Streifen“, aber es gibt nur zwei Teile, dafür im ersten Teil mit drei Pärchen, nacheinander. Jeweils Mann und Frau, und sie tanzen, sanft und zärtlich, bald innig und wild, wütend einander zugetan, abweisend und liebevoll vor einem ganz schlichten Bühnenbild, die einen nur zum Klavier, die anderen zu Rockmusik. Schön ist das, richtig schön und sehr intim.

Wenn ich mir so etwas anschaue, eine Vorführung oder auch einen Film, neige ich immer dazu, mich selbst dort zu sehen, in einer derartigen Situation, direkt oder im übertragenen Sinne. Das geht wirklich ans Herz.

Der zweite Teil ist anders. Dort wird ein Film nachgetanzt: das Piano. Ich bin dahingehend nicht so bewandert, ich dachte zunächst: Hä? Was spielen die im Wald Klavier?, aber dann habe ich es verstanden. Das war auch sehr schön, eine Erzählung, und verwunderlich ist, wie man eine ganze Handlung, einschließlich aller Gefühle, nur durch den Körper vermitteln kann. Das hat mir gut gefallen.

Im Grunde tanzt man ja auch viel zu wenig im Leben.

Teilzeitrentner, die mit Vollzeitrentnern turnen

22. 04. 2015  •  11 Kommentare

Montagsmorgens habe ich nun immer einen Termin: Ich gehe turnen. Im Fitti, mit einer Begleitung.

Meine Begleitung, nennen wir sie Richard, steht ebenso wie ich zwischen zwei Jobs. Im Gegensatz zu mir ist er bis zum Stellenwechsel kein Teilzeit-, sondern Vollzeitrentner – und hat deshalb Bedarf an regelmäßigen Vormittagsterminen, damit er weiß, wo ihm der Kopf steht. Vor lauter Freizeit.

Als Inhaberin eines Serviceblogs bin ich gerne bereit, ihm unter die Arme zu greifen. Wir treffen uns also immer Montagsmorgens, um aktiv und dynamisch in die Woche zu starten.

Unsere Dynamik wird von den zahlreich anwesenden, tatsächlichen Rentnern beflügelt. Um 10 Uhr morgens reißen wir den Altersschnitt im Fitti rasant nach unten, 70 Prozent der Anwesenden sind über 70. Das Generationenturnen ist prima:

Die Rentner bekommen etwas zu gucken und zu bereden, denn die älteren Damen freuen sich über Richard, die älteren Herren über mich, rein optisch zunächst, das ist ganz offensichtlich, aber auch inhaltlich. Sie beziehen uns gerne in ihre Gespräche ein. Es geht um Erfahrungsaustausch zwischen den Generation und darum, was man noch alles kann und was man damals konnte, wie ich das in meinem Alter mit dem Fahrradfahren halte, ob ich schon durch die Ardennen geradelt sei – nein? „Das solltest du tun, ich habe das damals gemacht, aber pass auf deinen Hintern auf, meiner brannte wie Feuer“, sagt er, wohingegen sie erwidert, ich solle besser wandern, aber nicht mit dem Partner, das gebe nur Knatsch, „mein Mann lief mir immer einen Kilometer voraus, jetzt ist er tot, damals hat die Wanderei fast zur Scheidung geführt, lass dir sich das einen Rat sein.“

Im Gegensatz zu den Feierabendsportlern, die allabendlich verbissen ihr Pensum abstrampeln, sehen die Rentner das Fitti eher als Begegnungszentrum. Ihre Muße überträgt sich auf mich, auf Richard und auf alle Anwesenden. Selbst Vormittags-Pumper, die vereinzelt im Hantelbereich stöhnen, beteiligen sich an Themen, die ich ihnen nie zugetraut hätte. Zuletzt tauschten sich zwei Maximalbemuskelte mit zwei Rentnerinnen zum Thema „Badeperlen“ aus, welche duftiger und welche schaumiger sind, für Erwachsene und für Kinder und für samtene Haut.

Wir stärken die Bauchmuskeln und reden dabei weiter – über Zaunaufbau, Bauarbeiten („Mein Sohn baut sich ein Dach über die Veranda“), und über den Kita-Streik, der die Rentner ebenso hart trifft wie Eltern, weil sie seit Wochen ständig auf ihre Enkel aufpassen müssen – was sie natürlich gerne tun, aber anstrengend ist es schon. Um die Aufpasserei in Zukunft durchzustehen und damit sie sich auch in einem Jahr noch in einen Sandkasten hocken können, halten sie sich im Studio fit – und müssen nun in die Beinpresse.

Ich verabschiede mich nach Hause, in den Garten. Das Gespräch setzen wir kommende Woche fort, morgens um 10. Denn das Leben braucht Struktur und einen dynamischen Wochenstart.

Der Hund, die Kobra und ich

16. 04. 2015  •  26 Kommentare

Eine Freundin macht eine Ausbildung zur Yogalehrerin.

„Ich brauche Opfer“, meint sie irgendwann. „Zum Üben. Hast du Lust?“

Yoga, denke ich, na klar. Ein bisschen turnen, ein bisschen atmen – warum nicht. Für Entspannung bin ich immer zu haben.

„Du musst auch nichts können“, schiebt sie hinterher und guckt ermunternd.

Das Ganze lässt sich gut an: Wir sitzen auf einem Kissen und atmen. Doch es dauert nicht lange, und ich hänge im Herabschauenden Hund. Wobei „hängen“ das falsche Wort ist: Ich stehe in meinen Armen, das zwiebelt ganz schön, entspannt ist dabei nichts, im Gegenteil, das ist anstrengend, und ich schaue auch nicht lässig hinab, auch wenn die Yogalehrerin mir liebevoll über den Rücken streicht und meinen Hintern richtet.

Vom Herabschauenden Hund geht es geradeaus in die Liegestütz, „wir werden ein Brett“, das kenne ich aus dem Bootcamp, dort sind wir alle immer Bretter; Bretter, die bisweilen etwas ausbeulen, aber innerlich sind wir hammamäßige Bretter.

Sie korrigiert ein wenig an mir herum, dann noch an meinen Nebenleuten; es haben sich insgesamt vier Opfer gefunden. Mein Nebenmann hängt etwas durch, die Freundin arbeitet an ihm, und arbeitet; immerhin, denke ich, hat meine jahrelange Saisonvorbereitung etwas gebracht, Körperspannung, ich bin ein bisschen stolz auf mich. Der erste Schweißtropfen rinnt meine Stirn hinab und perlt auf die Matte, der Nebenmann wird noch weiter situiert, und mir schwant langsam, dass das hier mehr wird als ein bisschen atmen. Das Brett in mir wird jetzt morsch, sehr morsch, immer morscher, meine Schultern rufen den Notstand aus, es wird schwer, wirklich SCHWER, du lieber Himmel, können wir jetzt mal langsam –

Gott sei Dank geht es im letztmöglichen Moment hinab in die Kobra, endlich hinlegen, denke ich, sapperlott.

„Wir öffnen das Herz“, sagt die Yogalehrerin, „und atmen langsam und bewusst ein und aus.“ Langsam! Haha! An langsam ist nicht zu denken, meine Muskeln brüllen: „SAUERSTOFF!“, und bewusst ist mir, dass sich das alles hier in die falsche Richtung entwickelt.

„Wir fühlen jetzt in unseren Körper hinein“, sagt die Lehrerin, aber ganz ehrlich: Ich brauche da nicht reinfühlen. Der kommt zu mir raus.

In dem Moment zieht die Freundin meine Schultern nach hinten. Und plötzlich: Oh! Was ist das? Wundersamerweise öffnet sich tatsächlich etwas, es ist der Brustkorb, ich atme ein, tief ein, eine ziemlich coole Sache.

Es geht weiter, über die Fersen wieder in den Herabschauenden Hund. „In diese Stellung kehren wir immer zurück.“ Ist das eine Drohung? Warum nicht die Kobra? Die war doch so schön.

In verschiedenen Variationen wiederholen wir die Sache, stehen zwischendurch, strecken uns,  dann geht es zurück in Hund und Kobra, es wird leichter mit der Zeit, und irgendwann, schwupps, sind wir Krieger.

Der vordere Oberschenkel gebeugt, das hintere Bein lang, und die Hüfte – die Freundin korrigiert – oh-a, jetzt zwiebelt’s richtig. Lassen Sie sich von den Links und den Bildern nicht täuschen, dort sieht das alles ganz flockig aus; die Wahrheit ist aber: Das brennt Ihnen die Oberschenkel weg, und wenn Sie dann noch die Arme heben, also dieselben Arme, die Ihren Körper bis anhin achtmal, neunmal, ach, was sag ich: hundertmal in den Hund gestemmt haben, dann wissen Sie, dass Sie leben.

Heute, was soll ich Ihnen sagen? Es ist wunderbar. Der Körper ist überall angestrengt. Der Rücken ist gerade. Ich stolziere aufrecht und mein Herz, das ist ganz weit und offen.

Ich bin jetzt öfter Opfer.

Sergej Polunin tanzt

25. 02. 2015  •  10 Kommentare

Schon allein für den ersten Sprung bei 0:32 lohnt es sich, das Video anzusehen.

Natürlich auch wegen der anderen Dinge, die Sergej Polunin da tanzt. Man kann sich zwischendurch spaßeshalber vorstellen, man wolle es nachmachen. Ich habe dadurch schnell bemerkt, wie großartig das ist, was da stattfindet.

Ich bin ja nicht erst an Ballett interessiert, seit das große Patenkind tanzt. Es begann Anfang der 1990er Jahre, beim Schüleraustausch mit Moskau. Damals wurden wir ins Bolschoi Theater ausgeführt – natürlich, das war obligatorisch. Es wurde Ballett gegeben, und entgegen meiner pubertierenden Vorurteile war es eine ziemlich beeindruckende Sache. Das Gebäude, die Atmosphäre und selbstverständlich: der Tanz.

Seither schaue ich mir das ganz gerne an. Nicht allzu oft freilich. Aber immer mal wieder. Zuletzt in Dortmund: Der Traum der roten Kammer. Und im April bald: Drei Streifen Tanz. Ich mag diese Kombination aus Musik und Aktion, aus akustischem und optischen Geschehen, aus Sport und Choreographie.

Außerdem hat Ballett mit meinem sonstigen Leben und meinem eigenen Können so gar nichts zu tun. Das ist auch immer ganz erfrischend.

Nicht im All: Ocean Gravity mit Freediver Guillaume Nery

5. 02. 2015  •  5 Kommentare

Sehr faszinierend: Guillaume Nery ist Freediver – taucht nur mit Maske und Flossen bis zu 125 Meter tief.

Unten am Meeresgrund lässt er sich offensichtlich gerne treiben. So sieht das dann aus:

[via Herr Winks, Website von Les films engloutis]

Diese Mädels können

23. 01. 2015  •  8 Kommentare

Sport ist für mich ja so etwas wie atmen.

Ohne Bewegung kann ich nicht. Muss ich eine Woche lang nur mal sitzen und arbeiten, fühle ich mich unwohl. Irgendwas verkrampft dann in mir, und ich werde unausgeglichen.

Sport England, eine Vereinigung zur Förderung des Breitensports, hat nun eine Studie in Auftrag gegeben, bei der herauskam, dass Frauen im Alter zwischen 14 und 40 Jahren weniger Sport treiben als Männer. Das kann natürlich viele Gründe haben. Sport England  hat nach ihnen gefragt. Heraus kam: keine Zeit, zu teuer. Aber auch: Sie schämen sich – davor, ihren Körper zu zeigen und beurteilt zu werden.

Daraufhin hat der Verband die Kampagne #ThisGirlCan gestartet.

http://youtu.be/aN7lt0CYwHg

Ich finde den Film sehr schön. Er macht echt Bock darauf, sich auszupowern.

Die Angst davor, beurteilt zu werden, liegt mir schon seit Langem fern. Ich schätze mal, weil mir ohnehin immer Leute beim Handballspielen zugeschaut und ihren Senf zur Performance abgegeben haben. Zuschauer auf der Tribüne können es ja bekanntlich immer besser – ich selbst in meiner Funktion als Sofa-Bundestrainerin weiß, wovon ich rede.

Trotzdem kann ich verstehen, dass nicht jede sofort dahinkommt, Sport zu machen, weil sie ihren Körper liebt – und nicht nur, damit sie ihn liebt.

Was mir das Video übrigens nebenbei bewusst gemacht hat: wie wenig durchschnittliche – und damit unterschiedliche – Menschen in Videos, Filmen und Serien mitspielen, vor allem hier in Deutschland. Wenn einer mal anders ist (dick, behindert, besonders klein, besonders groß …), dann nur, weil es explizit Thema ist.

[via Anna und Kaltmamsell]

Animalische Anstrengung

13. 08. 2014  •  20 Kommentare

Die Freistilstaffel wirft eine zweite Frage auf (hier die erste):

„Was richtig Kraft und Anstrengung erfordert, ist nicht clean, sondern immer etwas animalisch, schwitzig und kompetitiv und sei es nur mit mir selbst. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so viele Frauen mögen – richtig reinhauen, die eigene Kraft spüren und eher wild und ekstatisch als anmutig und gemäßigt sind.“

Zunächst zur Anstrengung: Ich kenne ebenso viele Männer wie Frauen, die sich nicht quälen können oder wollen. Das ist geschlechterunabhängig. Sie hören genau dann auf, wenn es beginnt, anstrengend zu werden, wenn die ersten Schmerzen kommen. Wenn aber nun der Eindruck entsteht, es gebe mehr Frauen, die nicht richtig reinhauen: Vielleicht machen Männer, die sich nicht anstrengen wollen, gar nicht erst Sport, während Frauen, die ebensowenig Lust darauf haben, es dennoch tun – weshalb der Beobachter meint, ambitionslose Frauen seien im Geschlechtervergleich in der Mehrheit.

Kommen wir aber zum Punkt „animalisch, schwitzig und kompetitiv.“ Ich möchte dazu zwei Sichtweisen präsentieren – Achtung, jetzt kommt das böse F-Wort: eine doll feministische und eine neutrale, oder, naja, nur ein ganz kleines bisschen weiblich geprägte. Nennen wir sie der Einfachheit halber die Naja-Theorie.

Der doll feministische Ansatz:

Mädchen wird von klein an signalisiert, dass sie erfreulicher sind, wenn sie sich zurücknehmen, wenn sie nicht zu ungestüm sind, wenn sie ihren Körper unter Kontrolle halten. Denn die Ideale des weiblichen Körpers sind Schönheit, Anmut, Grazie. Lob bekommen diejenigen Mädchen, die grazil, langhaarig und langgliedrig sind – nicht jene temperamentvollen von bäuerlichem Körperbau. Mädchen, die zupacken und über Zäune klettern, die raufen, schreien und rennen, sind als Kind noch süß, „eine kleine Susi Sausewind“, später „ein Wildfang“, im Teenageralter fällt irgendwann unweigerlich das Wort „burschikos“.

Für eine heranwachsende Frau, die gerade ihre Weiblichkeit entdeckt, die ihre Rolle sucht, die sich vom Männlichen abgrenzen möchte, um ihre Identität zu finden – für sie stellt das Wort „burschikos“ eine unglaubliche Verletzung dar, zumal es keine pubertäre Überempfindlichkeit ist, wenn ein Mädchen den besorgten, oft aber schlicht missbilligenden Tonfall ihrer Tanten und Onkel heraushört, der diese Einschätzung begleitet. Natürlich-burschikose Mädchen bemühen sich deshalb spätestens in ihrer Jugendzeit, ihr Verhalten abzustellen und durch ein gekünstelt-elegantes zu ersetzen; denn Zurückhaltung garantiert Zuspruch und Bestätigung. Schließlich möchten auch Jungs keine wie ihresgleichen, keine, die sich mit ihnen prügelt und sie beim Fußballspielen vorführt.

Falls es gerade in Ihnen brodelt, Sie seit zwei Absätzen schon widersprechen und rufen möchten: „Aber bei mir nicht! Das sind doch alles überkommene Stereotype!“ Glauben Sie mir: Alle, die Sie das hier lesen, die wir Geschlechterrollen in Blogs und auf Twitter diskutieren, die ihre Mädchen jungenhaft und ihre Jungs mädchenhaft sein lassen – wir sind eine zuckersüße Filterblase. Ich war eines dieser burschikosen Mädchen und habe das so erlebt; und wenn ich die burschikosen Mädchen von heute beobachte, höre ich die gleichen Reaktionen.

Aber naja:

Animalisch stöhnend in einem Fitnessgerät zu hängen, während man sich lachhaft übernimmt, ist schlicht und ergreifend unfassbar albern. Das finden nicht nur Frauen, das erkennt jeder Mensch, der nicht dutzedoof ist. Die einzigen, die das nicht peilen, sind die krassen Checker mit dem herb kleinen Erbsenhirn. Die peilen allerdings auch noch zig andere Sachen nicht.

Einschränkend muss ich sagen (und deshalb naja): Ich habe noch keine Frau getroffen, die im Fitnessstudio Tonnen von Gewichten auflegt, mit großem Zauber das Gerät besteigt, dann mühselig zwischen Sitz und Hebel hängt und auf diese Weise dem örtlichen Orthopäden zu einer auskömmlichen Existenz verhilft. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht, weil Frauen, auch wenn ihnen gerne Hysterie und irrationale Gefühlsgetriebenheit nachgesagt wird, bisweilen doch eher die Sachebene sehen. Gerade da, wo Männer sie verlieren: im Wettbewerb. Ich habe in Mannschaftssportarten zum Beispiel noch nie sich (ernsthaft!) prügelnde Spielerinnen erlebt – hingegen aber unzählige Männer, bei denen jegliche rationale Urteilskraft sich selbst und dem Schiedsrichter gegenüber abhanden gekommen ist. Ergebnis: absurdes Handgemenge, rote Karten, dicke Nasen, Spielsperren bis dorthinaus. Ebenso im Beruf: Bei Wettbewerb um des Wettbewerbs willen und Machtdünkel ohne Zielorientierung verabschieden Frauen sich gerne. Warum wild rumschnaufen, wenn die Übung, langsam und konzentriert ausgeführt, deutlich zielgerichteter und ihr Ergebnis besser ist? Na eben.

Weiter geht’s nochmal mit dem doll feministischen Ansatz,

denn: Sport und Bewegung erschaffen Körper. Sie bilden Muskeln, und Muskeln sind an Frauen nur so lange schön, wie sie nicht zu sehen sind, wie sie das Vorhandene nur formen und keine Masse hinzufügen. Frauen, die kompakt gebaut sind, müssen ungeachtet ihrer sportlichen Leistungen oft und unreflektiert Kritik einstecken, werden als massiv, als Wuchtbrumme und Amazone bezeichnet. Dabei kenne ich hochklassig spielende, wenngleich gedrungene, muskulöse Handballerinnen, die im Kraft-Ausdauer-Bereich ihre Kritiker in die Tasche stecken, während manch zierliches Mädchen die Körperspannung eines Trockentuchs aufweist und nicht einmal in der Lage ist, einen längeren Sprint zum Bus anzuziehen. Sie dürfen aber mal raten, wer den größeren Zuspruch, das meiste Lob für seinen Körper bekommt. Hübsch ist gleichbedeutend mit zart; die Anziehungskraft des Weiblichen liegt in Liebreiz und Bedürftigkeit, in Weichheit und Biegsamkeit, nicht in Härte, Kraft und Vehemenz. Denn Kraft und Vehemenz sind die kleinen Verwandten von Gewalt; Gewalt macht Angst, ist Bedrohung; sie ist dem Männlichen vorbehalten. Das heterosexuell Geschlechtliche sucht aber den Gegenpol, nicht die Gleichheit.

Gut gemeinte Aufmunterung wie „Du bist gut so, wie du bist“ und „Lass dich nicht beeinflussen“ und sogar das Wissen, dass der eigene Körper stark und leistungsfähig ist, sind zwar wahrhaftig, ändern aber nichts an erfahrener Ablehnung. Wer gespürt hat, dass nicht Kraft, sondern Schwäche und Grazilität gefragt ist, wer diese Grazilität aber nicht hat oder nicht meint zu haben, der müht sich zum Sport und trainiert dort eben nicht „wild und ekstatisch“, sondern entsprechend moderat – zwecks Verlust von Körpermasse und nicht für deren Aufbau.

Aber naja:

Ich selbst habe immer Sport getrieben, habe mehr als 25 Jahre lang Handball gespielt: ein kompetitiver, harter Sport mit viel Training. Ich habe in Trainingslagern geschwitzt, es war in jeglicher Hinsicht animalisch und körperlich; wir rannten und stießen, schrien und rangelten, feuerten uns an, sonderten dabei das Odeur einer Büffelherde ab – duschten und begannen von vorne. Ich habe diese Sache mit der Grazilität und ihrem Fehlen irgendwann überwunden und bin damit nicht die einzige. Wer dann jahrelang so trainiert hat, der klotzt auch im Fitnesstudio ran. Der hat ein Bewusstsein dafür, was sein Körper trotz oder gerade wegen seiner Bäuerlichkeit leisten kann und schert sich nicht darum, wie andere ihn dabei wahrnehmen. Hartes Training tut meinem Körper gut; er will das und hat es so gelernt; ich weiß zu schätzen, was er kann.

Allerdings – naja: Bewundernde Blicke oder gar einen Flirt mit den trainierenden Herren bekommt man dadurch nicht. Es verschreckt doch eher; und anmutig bin ich halt auch nie geworden. Das muss man aushalten können; dafür muss man sich lieben, sich seiner sicher sein. Aber geht es Männern anders, die keinen Men’s-Health-Coverboy-Body haben? Wer nicht das Selbstbewusstsein, nicht das Selbstbild und das Vertrauen erfahren hat, sich öffentlich gehen lassen, so richtig zu leiden und auch danach auszusehen, ohne sich zu fragen, was andere nun grad denken, der nimmt sich eben zurück. Egal ob Mann oder Frau.

Im Übrigen:

Möglicherweise sind die Unangestrengten auch einfach die Schlaueren.

Sportive Frauen, die durchs Wasser pflügen

12. 08. 2014  •  17 Kommentare

Die Freistilstaffel ist ein zauberhaftes neues Schwimmblog.

Ich selbst schwimme zwar sehr gerne und – so viel Eigenlob darf sein – auch durchaus gut, zumindest ausdauernd und in jeglichen Gewässern angstfrei, ich schwimme jedoch äußerst selten. Das bringt mich direkt zu einer Frage, die bei der Freistilstaffel aufgeworfen wird:

„Wo sind denn all die sportiven Frauen, die durchs Wasser pflügen?“

Für mich kann ich sie klar beantworten: im Fitti. Und früher: in der Handballhalle. Selten allerdings im Schwimmbad, höchstens im Sommer im Freibad. Dann zwar durchaus für einen bis drei Kilometer mit Schwimmbrille und Sportanzug im 50-Meter-Becken, niemals aber im Winter im Hallenbad.

Das hat zwei Gründe.

1. Mein eigenes Mittelmaß

Ich habe nie richtig schwimmen gelernt – im Sinne von Technik, Schwimmverein, Leistungssport. Ich kann mich gut über Wasser halten, erreiche auch passable Kilometerzeiten (das Beste war 22 Minuten/km), kann aber nur mäßig kraulen. Die Eleganz, die einem gelernten Schwimmer zueigen ist, geht mir also völlig ab. Mein Schwimmstil ist am treffendsten mit „Der Zweck heiligt die Mittel“ zu beschreiben.

Das hat zur Konsequenz, dass gleichzeitig trainierende, vor Ehrgeiz strotzende und lautlos durchs Wasser gleitende Triathleten mich in der Sportlerbahn absichtlich umpflügen und anrempeln, um mir zu signalisieren: Hau ab, Mädel, lern erstmal schwimmen. In den anderen Bahnen ist allerdings aufgrund diverser Hindernisse – zuvorderst der quer zum Beckenrand treibende Olympiakader von Helsinki 1952 – an schwimmen nicht zu denken, und weil ich nirgends hingehöre, fühle ich mich fürchterlich unwillkommen.

2. Die Umstände

Schwimmbad ist warm, stickig, schwül. Bin ich fertig mit Schwimmen, gehe ich duschen, und ich habe mich noch nicht ganz abgetrocknet, da kann ich schon wieder duschen. Eine Jeans ist kaum übers Bein zu kriegen, das Haar baumelt nass aufs Shirt, die Haartrockner fönen mir eine Tonsur, das Oberteil klebt mir an der Brust.  An ein „Vor-dem-Büro-schwimmen-gehen“ ist nicht zu denken, denn ich sehe auch zwei Stunden, nachdem ich das Wasser verlassen haben, noch aus wie frisch aus dem Becken gezogen. Schonmal versucht, in der Hallenbad-Umkleide ein leichtes Tages-Make-Up aufzutragen? Genauso gut können Sie einen Karpfen schminken.

Abends schwimmen gehen? Keine Chance, bei Hallenbadöffnungszeiten bis 19 Uhr, ein einziges städtisches Bad immerhin bis 21.30 Uhr, aber das liegt weder nahe an meiner Arbeit noch nahe an meinem Wohnort. Also gehe ich ins Fitnessstudio. Dort fühle ich mich dann auch nicht fehl am Platze, denn dort ist der Durchschnitt die Norm.

Es gibt noch eine weitere Frage, die die Freistilstaffel aufwirft – oder vielmehr: Sie stellt eine Theorie auf.

„Was richtig Kraft und Anstrengung erfordert, ist nicht clean, sondern immer etwas animalisch, schwitzig und kompetitiv und sei es nur mit mir selbst. Ich habe den Eindruck, dass das nicht so viele Frauen mögen – richtig reinhauen, die eigene Kraft spüren und eher wild und ekstatisch als anmutig und gemäßigt sind.“

Dieser Hypothese, liebe Genderfreundinnen und -freunde, widme ich mich dann in meinem nächsten Beitrag.

 

 



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