Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Tagebuchbloggen«

Mittwoch, 11. April

11. 04. 2018  •  27 Kommentare

Am Montag hat das Sommersemester begonnen, und ich hatte Seminarauftakt. An der TU Dortmund mache ich gemeinsam mit einer Kollegin ein Journalistik-Seminar. Thema: ungewöhnliche Lebensläufe und wie Bildung und Förderung heute aussehen sollte, um Menschen zum Erfolg zu bringen. Ziel ist es, journalistische Geschichten über Menschen zu publizieren, die trotz Hürden heute erfolgreich sind – und über Menschen, die diesen Erfolg möglich machen. Wir wollen herausfinden, welche Schlüsselfaktoren es gibt, die zum Happy End führen. Das Ganze war auch vor einem Jahr schonmal angedacht, kam seinerzeit aus organisatorischen Gründe nicht zustande. Jetzt sind es über 20 Teilnehmer*innen. Das ist super.

Wir haben zunächst geguckt, was wir als Maßstab für beruflichen Erfolg ansetzen. Das war schon sehr spannend. Ergebnis der Gruppe: Erfolg ist für die Studis finanzielle Sicherheit, Work-Life-Balance, Freude an der Arbeit, seine Berufung finden und ein Arbeitsplatz, der die Gesundheit erhält. Also ein harter Faktor und vier weiche. Arbeitgeber und Personalabteilungen: Das sind Eure zukünftigen Fachkräfte. //*Zaunpfahlwinken

Heute habe ich die Sitzung nachbereitet. Ich nutze im Seminar ein Kanban-Board und Trello und werde verschiedene Methoden einsetzen, um das Ganze munter und transparent zu zugestalten. Denn zum einen finde ich Frontalbeschallung immer fürchterlich ermüdend. Übrigens auch für denjenigen, der vorne steht; das ist echt anstrengend. Zum anderen können die Leute so auch methodisch mehr mitnehmen. Denn auch das Projektmanagement wird Aufgabe im Seminar sein. Ich halte es für sehr wichtig, sich selbst und andere organisieren zu können. Wird später im Job auch gebraucht, und es gibt Bedarf an Leuten, die das gut können.

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Die neue Podcastfolge ist online (Blogbeitrag). Christian und ich unterhalten uns über Zutrauen, Vertrauen und Selbstvertrauen. Hört mal rein – zum Beispiel bei Soundcloud.

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Semesteranfang, man merkt’s. Am Freitag gebe ich direkt das zweite Seminar, allerdings nur einen Tagesworkshop. Thema: Überschriften texten. Dafür habe ich die Gebrauchsanweisung meines Vorwerk-Saugroboters rausgekramt.

Gebrauchsanweisungen sind so sachlich, detailliert und bürokratisch formuliert, dass man damit wunderbar üben kann, Sachverhalte zu verkürzen und auf den Punkt zu bringen. Ich habe eine Übung d’raus gemacht.

Hin und her im Quadrat

Im normalen Reinigungsmodus reinigt der Saugroboter Ihre Böden in geraden, parallelen Linien, um sicherzustellen, dass Ihre Böden so effektiv wie möglich gereinigt werden. Dabei unterteilt er größere Räume in ca. 4 x 4 m große Bereiche.

Die Überschrift ist nicht Teil des Zitats, die ist von mir. Darum geht’s.

Jetzt sind Sie dran. Aufgabenstellung: Texten Sie eine knackige Überschrift mit Wörtern, die nicht mehr als zwei Silben enthalten!

Die Fernsteuerungsfunktion Ihres Kobold VR200 Saugroboters kann nur dann über die App bedient werden, wenn Ihr Smart Device und der Saugroboter mit demselben WLAN verbunden sind. Befindet sich der Saugroboter im Stand-by- Modus, kann er über die App aufgeweckt werden.

Wir machen natürlich auch noch anderes. Nachrichtliche Überschriften, Kreativtechniken, ein paar Boulevardspielereien und all so’n Zeug.

Für mein Seminar im Journalisten-Zentrum Haus Busch in Hagen sind übrigens noch Plätze frei. Termin: 24. und 25. April. Wir werden uns mit Storytelling beschäftigen, über verschiedene Kanäle. Je nach Interesse kann das mehr in Richtung Kampagnenplanung, Zielgruppen und Botschaften oder mehr in Richtung Inhalte und Geschichten gehen. Ich habe das beides in petto und richte mich immer danach, was die Leute brauchen, die teilnehmen.

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Sorry, nur Jobcontent heute. Aber im Home Office erlebe ich sonst nix. Außer verfressene Dompfaffen, streitende Eichhörnchen und die Ringeltaube, die nach zwei Jahren schnallt, dass die Sonnenblumenkerne nicht durch Magie auf dem Boden vor ihr erscheinen, sondern aus dem Futterspender im Baum zu ihr herunterfallen und sie ja auch mal oben gucken könnte.

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Gelesen„Das bisherige Modell ist veraltet und ungerecht“ – zum Grundsteuer-Urteil, wie ein neues Steuermodell aussehen kann und was es für Auswirkungen hätte.

Gelesen: „Wollt ihr weniger arbeiten und genauso viel verdienen?“ – Ein Agenturchef hat den Fünf-Stunden-Tag eingeführt.

Geschmunzelt über: einen Thread über Komplimente

Erstaunt über:  Namen deutscher Punkbands. Favorit: „Das Niveau singt“

Dienstag, 10. April 2018

10. 04. 2018  •  1 Kommentar

Das Gartenjahr ist gestartet: Die ersten Thorstens sind im Gewächshaus. Gurki ist auch wieder dabei.

Kleine Thorstis

Innerhalb einer Woche ist der Frühling ausgebrochen: Bäume sind grün geworden, die Kirsche blüht, die Gänseblümchen sind wach. Ich könnte auch schon das erste Mal Rasen mähen, höre aber in der Nachbarschaft noch keine Solidaritätsmäher. Bin verunsichert, was der Kodex für Anfang April vorsieht.

Ich habe Blumen für die Tontöpfe vom Bolsenasee geschenkt bekommen. Freue mich jeden Morgen, die Jalousien hochzuziehen und auf die Terrasse zu gucken.

Blümkes

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Am Wochenende habe ich unsere Handball-Nationalmannschaft angeguckt. Die Nachwuchs- Kalendergirls aus der A-Jugend durften am Spielfeldrand Spalier sitzen und auf Schiri-Zuruf den Athletenschweiß aufwischen.

Handball in der Westfalenhalle

Für solche Ereignisse habe ich im selben Alter acht Stunden Vorbereitung benötigt: duschen, Haare waschen, stylen, schminken. Nochmal duschen, nochmal Haare waschen (weil misslungen). Stylen, schminken, Deo, nochmal nachschminken, nochmal Deo, Klamotten auswählen, Klamotten auswählen, Klamotten auswählen, Klamotten auswählen, nochmal Deo, Klamotten auswählen, Klamotten auswählen, Klamotten auswählen, nochmal nachstylen, nochmal Deo, nochmal umziehen, nochmal Haare machen, abfahrbereit.

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Für Gäste gekocht: Basilikumspaghetti mit grünem Spargel und getrockneten Tomaten in Parmesan-Sahne-Schaum. Gute Sache. Rezept. Habe vergessen, ein Foto zu machen.

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Ebenfalls vergessen, ein Foto davon zu machen, wie ich von Sandra und Ferdi bewaffelt wurde. Ich hatte einen Kundentermin in Essen, und es bot sich an, im Anschluss bei den Beiden vorbeizuschauen und ihre neue Errungenschaft zu besichtigen: ein Waffeleisen. Zumal sie es nach mir benannt haben: Es heißt „Nessy Watzlaff“. Bin tief berührt. Es gab Kartoffel-Möhren- und Süßkartoffelwaffeln. Sehr schmackhaft. Ich werde das Rezept nachwaffeln.

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Auf dem Weg nach Essen habe ich ein Auto gesehen, dass komplett mit Kunstrasen beklebt war. Ein fahrender Grashügel. Sachen gibt’s. Ich hatte ausreichend Zeit, andere Autos zubegucken, weil ich heute drei Stunden im Stau stand: das normale Ruhrgebietsdesaster plus Streik im ÖPNV. Träumchen.

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Viel zu tun grad. Das ist aber sehr schön.

Donnerstag, 5. April

5. 04. 2018  •  15 Kommentare

Am Nachmittag in die Innenstadt gefahren und den lokalen Einzelhandel besucht. Die Aufgabe: Weingläser kaufen, außerdem einen Dekanter, Strumpfhosen, Sneaker und ein Milchkännchen für den Induktionsherd.

Dieses Konzept, bei dem man einen Haufen Läden vor sich hat, aber keine Möglichkeit, über eine Suchfunktion herauszufinden, welcher Laden welche Produkte führt, wird immer unbefriedigender. Die Herangehensweise, bei der man in Frage kommende Läden abklappert, dabei erstmal durch parfumdurchwaberte Abteilungen muss, sich dann durch zig Produkte wühlt, um festzustellen, dass das, was man braucht, nicht in benötigter Anzahl vorhanden ist. Dazu Verkaufspersonal, das belehrt, weil man ganz offensichtlich keine Ahnung von Ausschüttkanten und Beschichtungen hat, was aber bei den jungen Frauen heutzutage auch kein Wunder ist. Im Schuhgeschäft dann keine Möglichkeit, sich beim Anziehen hinzusetzen, weil alles voller Kartons steht; danach keine Möglichkeit, sich komplett anzusehen, weil alle Ganzkörperspiegel mit Regalen verdeckt sind. Verkäuferinnen, die behaupten, die gewünschten Strumpfhosen gebe es vom Hersteller nicht in der gewünschten Dichte und Größe, obwohl man genau diese Strumpfhose in genannter Dicke und Größe daheim hat, nur eben bereits verschlissen. Verkäuferinnen, die keine Alternative anbieten, obwohl man höchst einkaufswillig ist.  Der Hinweis, dass diese Kasse jetzt schließe und dass man bitte die Kasse am anderen Ende des Stockwerks aufsuchen solle, während man mit einem Arm voller Kartons in der Schlange steht, die man sich mühselig selbst zusammengesucht hat. Ein Einkaufen, bei dem man bei fünf zu kaufenden Produkten nicht ein einziges Mal Beratung oder Service erfährt. Dieses Erlebnis war in der Ballung aller Unnannehmlichkeiten wirklich schwierig. Nach zwei Stunden in der Innenstadt war ich aggro und wollte nur so schnell wie möglich nach Hause.

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Es gibt eine Twitter-Challenge: Describe yourself like a male author would. Bitte:

When I first saw her, I was impressed by her height. Although she had told me she was tall I had imagined her smaller in all directions, more of a gentlewoman and less peasant. Nonetheless she had an aura of courtesy and friendliness. Her facial lines were sensitive and finely chiselled and offered an antithesis to her lack of elegance and body shape. She remembered me of my prep school teacher, a woman of warm-hearted openness as well as binding sternness who always made me feel like a naughty schoolboy but also left plenty of well-being in my heart. She was a woman of third sight whose subtle allure derived from gazes, affection, keen perception and a smart humor. A woman who left me more astonished (and even afraid) than attracted so no wonder she was living alone.

Der New Yorker hat einen Artikel darüber.

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Bei der Kaltmamsell über Hazel Brugger gelesen, danach auf Youtube Videos von ihr angesehen. Die einleitenden Minuten ergänzen obige Beschreibung:

 

Mittwoch, 4. April

4. 04. 2018  •  3 Kommentare

Heute Morgen erstmals seit Wochen wieder vom Wecker geweckt worden.

Im Urlaub war ich irgendwann so erholt, dass ich täglich unaufgefordert um 6.30 Uhr erwachte. Das fühlte sich nicht nur extrem ungewohnt an, das war geradezu beängstigend und warf die Frage auf, ob etwas mit mir nicht stimmt. Die Folgen eines gestörten Schlaf-Wach-Rhythmusses und ungenügender Nachtruhe sind ja weithin bekannt: instabiler Melatonin-Haushalt, dadurch Dämpfung der antioxidativen Wirkung des Hormons, folgerichtig die Zunahme freier Radikaler im Blutkreislauf, Siechtum, Tod. Ich war besorgt.

Zugleich gab mir das frühe Erwachen das Gefühl von Tatkraft. Bereits um 11 Uhr hatte ich große Teile meiner Pläne erledigt, hatte Notwendiges gearbeitet, war zum Ausflug aufgebrochen, hatte das Ziel erreicht, erste Plätze erkundet und Neues gelernt. Unvergessen der Karsamstag nach meiner Rückkehr, an dem ich bereits um 10 Uhr das Auto gewaschen und ausgesaugt, Pfand weggebracht, Lebensmittel eingekauft und ein Ostergeschenk erworben hatte; zudem war ich im Fahrradgeschäft gewesen und saß schon wieder ermattet am Frühstückstisch.

Solch eine Effizienz hinterlässt nicht nur Freude. Sie schafft auch Leere: Was tun, wenn alles erledigt ist? Plötzlich ploppen Sinnfragen auf, die großen Fragen des Seins und der Liebe. Da lobe ich mir späteres Erwachen mit einer Aufgabenerledigung bis in den Abend hinein.

Nun verschiebt sich also meine ungewohnte Lerchenwelt wieder ins gewohnte Eulensein. Das ist einerseits bedauerlich, andererseits beruhigend.

*

Arbeitsschwerpunkt heute: Seminarvorbereitung. Thema: Überschriften texten. Es ist ja weniger einer Frage der fachlichen Inhalte als eine Frage der Methodik, sechs Stunden Texttraining abwechslungsreich zu gestalten.

*

Fitnessstudio, Wellnessbereich. Eine Dame betritt die Sauna.

Sie: Ist es warm hier?
Ich: …
Sie: Schon ziemlich warm hier.
Ich: Ist ’ne Sauna, ne.
Sie: Ja.
Ich: Ja.
Sie: Aber ein bisschen bleiben kann ich.
Ich: …
Sie: breitet Handtuch aus und legt sich hin

Sie: Manchmal ist es wirklich sehr warm.
Ich: …
Sie: Wärmer als sonst, meine ich. Aber heute nicht.
Ich: Nein.
Sie: Nein.
Ich: schließe wieder die Augen
Sie: Es ist doch ziemlich warm.
Ich: …
Sie: Ich gehe mal lieber.

*

Gelesen: Der schmale Bereich des Beschreibbaren – Buddenbohm Senior sinniert über Bloggenswertes und Bloggensunmögliches. Es kommt eine Wasserleiche vor. Ich möchte ergänzen, dass ich noch keine Wasserleiche gefunden habe, dass ich aber alles für beschreibbar halte, das Gute wie das Skurrile und das Schmerzhafte und das Grausame – vorausgesetzt, man hat die Muße dazu. Das allerdings ist die Herausforderung des Alltags: ausreichend Langeweile zu haben, um das Besondere im Kleinen zu formulieren, um den Bruch im Klischee zu finden und um Worte zu suchen für das Unsagbare.

Die erste halbe Stunde gesehen: Mord in Freiburg – der Fall Hussein K. – über die Ermittlungen und das Medienecho zum Mord an Maria L. aus Freiburg. Diese akribische Kriminaltechnik ist beeindruckend: Die Ermittler haben ein ganzes Gebüsch abgeholzt, sich mehrere Wochen lang jedes Blatt und jeden Zweig unter dem Mikroskop angeschaut und ein (!) Haar gefunden. An der Haarwurzel konnten sie DNA sichern und sie mit der Täter-DNA abgleichen, die am Opfer war. Die DNA stimmte überein: Das gefundene Haar gehörte dem Täter. Es war schwarz, schulterlang und in Teilen blondiert. Danach haben die Ermittler mehrere Wochen lang alle Videos des ÖPNV angeschaut und einen Mann mit schulterlanger, teilblondierter Frisur gesucht – und ihn gefunden. Sie gaben sein Foto in die Fahndung. Eine Streife hat ihn dann in einem Vorort erkannt und kontrolliert. DNA-Abgleich, Haftbefehl. Irre.

Angeschaut:  Diversity and Inclusion at The New York Times. Die New York Times hat ihre Belegschaft untersucht, um festzustellen, wie divers und gleichberechtigt sie ist. Das wäre auch ein schönes Projekt für unsere deutschen Medienhäuser. Ich habe ja eine Ahnung, wie es ausgeht.

Dienstag, 3. April

4. 04. 2018  •  Keine Kommentare

Gearbeitet, den ganzen Tag. Das erste Mal nach fünf Urlaubswochen wieder neun Stunden Arbeit am Stück, das war gar nicht so schlecht. Ich habe mich gefreut, mit meinen Kunden zu telefonieren. Das war sehr prima. Außerdem habe ich viel weggeschafft und angestoßen, das war auch super.

*

Es freuen sich viele Leute, dass ich wieder da bin. Das ist ein tolles Kompliment, das wiederum mich sehr freut.

Mit den Menschen freuen sich: der Nachbarskater Moritz und Nachbarshund Ida. Außerdem Amseln, Dompfaffen, Blaumeisen, Buchfinken, Tannenmeisen, Grünfinken, ein Rotkehlchen, eine Singdrossel, zwei Ringeltauben und drei Eichhörnchen. Aber wohl weniger über mich als über frische Sonnenblumenkerne. Zilpzalp und Zaunkönig gaben sich unbeeindruckt.

Die Meisen haben ihre Nistkästen bezogen und betreiben Familienplanung.

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Ich habe mein re:publica-Ticket verkauft. Keine #rp18 für mich in diesem Jahr. Sehr schade, aber das Datum ist äußerst ungünstig, eingerahmt von zwei Wochenendveranstaltungen und in Kollision mit Anderem. Das geht alles nicht.

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Abends Sushi. Ohne Sushifoto, weil: zu sehr geschnackt. Deshalb: Ingwerteecontent.

Zwei Tassen Ingwertee, zwei weitere Gläser, Servietten

Osterwochenende, 31. März bis 2. April

2. 04. 2018  •  2 Kommentare

Wieder angekommen, und es ist ein gutes Gefühl, besser als gedacht. Noch in Italien hatte ich schon wieder Fernweh, wollte nicht heim, wollte auf ewig bleiben oder zumindest für weitere fünf Wochen, mit Sonne auf der Haut und Wanderstiefeln an den Füßen. Doch nun daheim ist es fein. Es war eine gute Idee, in der Schweiz und in Heidelberg zu rasten, als Übergang.

Das ist es, was ich an Flugreisen nicht mag: dieses unvermittelte Hineingeworfenwerden ins Sicherholenmüssen und umgekehrt, ins Zurückindenalltag. Meine Seele bleibt dann immer noch eine Weile im Alten, auf dem Weg in den Urlaub ist sie noch tagelang daheim, die Gedanken sind bei der Arbeit und bei allem, was man tun müsste. Auf dem Weg zurück in den Alltag bleibt sie im Urlaub, um dann beim ersten Stress krachend zu landen, mit Steißbeinprellung. Vielleicht ist es besser, einmal im Jahr länger weg zu sein – dafür behutsam und mit Zeit für mein Herz, die Koffer zu packen, in die eine wie in die andere Richtung. Reisen als Prozess, nicht als Zielerreichung.

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Ich habe Gregor, den unerschrockenen Reiseschnittlauch, eingepflanzt. Er wohnt jetzt bei den anderen Schnittlauchs in der Kräuterschnecke, hell und erschöpft von den Strapazen.

Gregor und seine einheimischen Freunde

Gregor, mein Begleiter von München nach Rom, von den Abruzzen bis in die Lombardei: Du bist ein Held.

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Im Fitnessstudio gewesen, das erste Mal seit sechs Wochen Abwesenheit. Das Studio wurde während meiner Italienreise renoviert, die Geräte sind nun alle woanders, als hätte jemand einmal umgerührt. Vor den Wänden stehen Soldaten aus der tönernen Armee, dahinter Tapeten in Türkis und Gold und menstruationsrote Kacheln. So stelle ich mir einen Puff in der mongolischen Hauptstadt Ulanbataar vor, Vorstadt, gepflegtes Hinterhaus, Perlenvorhang in der Eingangstür. Davor das Hupen der Autos, in der Nase der Geruch schmorenden Hammels und eines Hauchs Kurkuma. Wobei ich gar nicht weiß, ob man in der Mongolei Kurkuma isst.

In der Sauna lobten die Damen auf den oberen Bänken das neue Ambiente. So würden sie sich demnächst auch ihr Schlafzimmer einrichten, Türkis und Gold an der Wand hinter dem Bett, ein Fell auf dem Boden, einen Kronleuchter und einen Spiegel unter Decke. Ich lag unten, die Augen geschlossen; ich habe sie auch nicht geöffnet, um das Bild der beiden Nackten im güldenen Ambiente einen Saunagang lang vor meinem inneren Auge zu konservieren. Im Ohr nomadischer Hirtengesang. Der Geruch frischer Pferdemilch auf dem Ofen. Jurtengefühl.

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Nach dem Fitnessstudio überlegt, in die Kneipe zu gehen, um das BVB-Spiel gegen die Bayern zu sehen und um mit Männern an der Theke zu stehen und Bier zu trinken, es dann aber doch gelassen. Herrje, das ist alles so bitter. Gefühlt sind wir in der Relegation. Ich wundere mich bei jedem Blick auf die Tabelle, wie wir uns da oben halten. Was sagt das über das Niveau der Bundesliga, wenn ein BVB in dieser Verfassung Dritter ist? Keine Abwehr, kein Sechser, beides seit ewig nicht. Die Vereinsführung holt Sammer. Ich fürchte, sie werden ihn aus Verzweiflung einwechseln.

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Der Osterhase hat lauter Zeug auf den Wegen und in den Wiesen verloren. Aber nur die Kinder haben es gefunden. Da stimmt doch was nicht.

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Gelesen: Ich stand nur kurz auf, um das Fenster zu schließen – über Trauerbewältigung.

Gelesen: Yühtüb – Mehrsprachige Kinder deutscher Eltern, in Frankreich wohnend, und die wahre Bedeutung der FDP (via Croco). Das Blog von Bertram Diehl ist nun auch im Feedreader.

GelesenHolt euch euren Körper zurück! – über Körpergefühl, Fitnessarmbänder und Ernährungstrends. Am Ostersonntag erhielt ich, noch im Bett, eine Benachrichtung von Runtastic: „60 Prozent sparen und Fett verbrennen!“ Ich muss dieses Zeug mal abbestellen.

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Morgen zurück an die Arbeit. Ich freue mich, fühle mich frisch und tatkräftig.

Gründonnerstag und Karfreitag, 29. und 30. März

31. 03. 2018  •  8 Kommentare

6 Uhr 41, und ich bin wach. Unglaublich. Seit meinem 40. Geburtstag, punktum, wache ich gegen 7 Uhr auf. Senile Bettflucht. Werde gleich zur Tanke fahren und das Auto aussagen, ist ja Samstag. Suche nur noch meinen Flanelljogger. Gibt es dafür eigentlich Rentenpunkte? Oder nur, wenn ich auch einen karierten Hut trage?

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Gründonnerstag

In Heidelberg beim Friseur gewesen. Es war nicht mehr auszuhalten. Im Dezember gab es beim Dortmunder Friseur ein Strähnchendesaster. Ich hatte schon einen Ansatz, als die Strähnchen erst eine Minute alt waren. Viel zu hell. Viel zu unregelmäßig. Viel zu … keine Ahnung. Ich sah aus wie Frauentausch. Ich habe nacharbeiten lassen. Das hat es nur verschlimmbessert.

Drei Monate lang kämmte ich also jeden Morgen diese Person mit diesen fiesen Strähnchen, und in den vergangenen Italienwochen ist die Optik nicht besser geworden. Ich war sehr froh, das loszuwerden. Fragen Sie nicht nach dem Preis. Ich brauchte Riechsalz.

Danach habe ich meine Zeit ziellos in Heidelberg verbummelt. Eis: Stracciatella und Crème brûlée. Über den Philosophenweg heimgegangen.

Blick auf Heidelberg

Am Abend mit der Turnschwester auf dem Sofa und Germany’s Next Topmodel geguckt. Herrjeherrjeherrje, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll mit der Rezeptionsanalyse. Ich lasse es lieber.

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Karfreitag

300 Kilometer nach Norden gefahren. Autofahren am Feiertag ist prima, weil: keine Lkws. Gleichzeitig ist es unprima, weil: alles voller Sonntagsfahrer. Himmel, es gibt Leute, die können sich nicht einmal auf der Autobahn einfädeln. Erschreckend viele. Da entstehen Situationen – so gefährlich war das Autofahren auf keinem der 5200 Kilometer vorher. In den Staumitteilungen nur Unfälle.

Was die Leute auch überfordert: Wenn der Standstreifen geöffnet wird. Die konsequenten Mittelspurfahrer werden dadurch zur zweitlinken Spur, verlassen sie aber trotzdem nicht. Die rechte Spur wird zur zweitrechten Spur – auch dort bleiben sie einfach. Die Leute, die den Standstreifen nutzen, machen ihren eigenen Club auf und fahren mit 130 an allen rechts vorbei, weil das immer noch ungefährlicher ist, als immer nach ganz links rüberzuziehen.

15 Kilometer vorm Ziel direkt vor mir nochmal ein Auffahrunfall in der Baustelle und 15 Minuten Totalstillstand.

Am Nachmittag Ankunft in Dortmund. In zwei Stunden war alles ausgepackt und verräumt und das Bett bezogen. Das ging gut. Dann kam auch schon Vatta fürs gemeinsame Karfreitagsessen. Das war schön.

Vatta hat in meiner Abwesenheit meinen Staubsauger repariert:

Weinkorken, unter den Hebel geklemmt

*

Jetzt erstmal Ostern. Ihnen allen schöne Feiertage!

Mittwoch, 28. März

28. 03. 2018  •  4 Kommentare

300 Kilometer geradeaus gefahren – von Langenthal nach Heidelberg zur Turnschwester.

Ich war gerade hinter der deutsch-schweizerischen Grenze, als sie anrief: „Bevor du ankommst, rufste nochmal durch, ja? So ’ne halbe Stunde vorher.“
„Willst du Rosenblätter streuen und Badewasser einlassen?“
„… und nichts essen auf der Fahrt.“

Ich meldete mich an und war gerade unten am Berg, als das Telefon erneut klingelte.
„Wo biste denn?“
„Unten am Berg.“
„An unserem Berg?“
„Jo.“
„Gut, gut. Dann bis glei-heich!“

Torte mit 10 Kerzen und einer 40

Tortenstück mit Kaffeetasse und Sektglas

Eine Überraschungsnachfeier! Hach! Der Rest des Nachmittags war Sekt, Torte, Klönschnack.

*

Zwischen Basel und Heidelberg bin ich kurz hintereinander an zwei schweren Unfällen vorbeigefahren, die gerade erst passiert waren; noch keine professionellen Helfer vor Ort. Der erste Unfall war auf einer Landstraße, während ich einen (unfallbedingten) Stau auf der A5 umfuhr: Eine Frau war mit ihrem Wagen auf einen Lkw aufgefahren. Motorhaube total weg, die Ersthelfer lagerten sie am Fahrbahnrand, der Krankenwagen fuhr gerade heran.

Der zweite Unfall nur wenige Kilometer weiter, nachdem ich gerade auf die A5 aufgefahren war. Ein Pkw hatte die Leitplanke durchbrochen, sich auf dem Feld überschlagen. Überall Trümmerteile. Ersthelfer hatten den/die Verletzte gerade aus dem Fahrzeug geborgen und telefonierten Retter herbei. Das einzig Gute: Es hatten jeweils viele Leute angehalten und halfen bereits. Niemand gaffte.

Ich war danach wirklich schockiert.

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Wenn man mehrere Wochen in einem Land mit Tempolimit auf Autobahnen gefahren ist, wird klar: Ein generelles Tempolimit macht sehr viel Sinn. Alle fahren ungefähr gleich schnell, es gibt keine großen Geschwindigkeitunterschiede, keine Bremsmanöver, keine Staus – auch nicht dort, wo wirklich viel los war. Es fließt, und es fließt sehr sicher. Man kann den Tempomat reinmachen und fahren, fahren, fahren.

Kaum war ich hinter der deutschen Grenze: Fahren mit Tempomat kaum möglich. Dann Stau ohne Grund. Wegen Unfall. Und wieder ohne Grund.

Montag und Dienstag, 26. und 27. März

28. 03. 2018  •  6 Kommentare

Kleine Verzögerungen im Betriebsablauf, was das Heimwegbloggen angeht. Ich war beschäftigt mit Raclette und Schweizer Pralinés und guten Gesprächen.

Außerdem ist die Europäische Union bei der Standardisierung von Steckdosen und Steckern hinterher. In Italien hatte ich das im Griff. Für die Schweiz war ich nicht vorbereitet. Wer kann denn ahnen, dass der deutsche Stecker nicht in die Schweizer Steckdose passt, der italienische Adapter aber auch nicht. Das Macbook durfte einen Tag schlafen.

Derweil hatte ich gestern ein Déjà vu:

Knietiefer Schnee

Ganz zum Schluss geht nochmal alles auf Anfang.  Aber von vorn.

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Montag

Am Montag bin ich am Lago d’Iseo aufgebrochen, das Auto voller Kram. Die ganze Karre roch allerdings nur nach Gregor, dem unerschrockenen Reiseschnittlauch. Völlig benebelt vom Schnittlauchdurft umkurvte ich Mailand.

Bevor ich durch den Gotthardtunnel fuhr, war das Wetter fantastisch: Sonne, 15 Grad, wunderbares Frühlingswetter. Dann fuhr ich in den Tunnel, starrte eine Viertelstunde lang in die Röhre, Tempomat auf 80, und sechszehn Kilometer später, auf der Nordseite des Gotthard: 4,5 Grad, Nebel und Nieselregen. Ich empfand heftige Spontanschwermut.

Auf dem Weg zu meinem Ziel in Langenthal hielt ich kurz in Luzern – ein wenig Mittagspause machen und mir die Beine vertreten.

Luzern, Brücke

Ich bin im ganzen vergangenen Jahr nicht so vielen Asiaten begegnet wie an diesem Tag in Luzern. Die ganze Stadt war voll von asiatischen Touristen, die genau das taten, was das Klischee von asiatischen Touristengruppen erwartet: Sie liefen unaufgespannten Schirmen hinterher, posierten neben Uhren, trugen Mundschutz, entstiegen Bussen und entschuldigen sich achtmal, wenn ich sie anrempelte. Irgendwann war ich gefangen in einer Gesellschaft älterer japanischer Herrschaften, die mir freundlich zunickten, mich dann aber systematisch einkreisten. Hätte ich nicht höllisch aufgepasst, säße ich jetzt im Bus nach Neuschwanstein und weiter nach Prag.

In Luzern gibt es einen asiatischen (natürlich!) Imbiss, und dieser asiatische Imbiss bereitet die schärfte Nudelsuppe der Welt zu. Und die heißeste. Himmel, ich wollte nur einen Snack und habe eine Dreiviertelstunde gebraucht, um diese Suppe zu essen. Zwei Taschentücher habe ich vollgeschnäuzt, meine Augen tränten; ich sah aus, als käme ich von einer Beerdigung. Aber lecker war’s.

Luzern, Altstadt

Danach fuhr ich weiter nach Langenthal, wo U mit erwartete. U hatte mir geschrieben, als ich ungefähr in den Abruzzen war: Wie denn mein Heimweg aussehe; wenn es passe, würde sie mich gerne in die Schweiz einladen.

So saß ich am Montagabend gemeinsam mit U am Abendbrottisch, wir tranken erst einen köstlichen selbstgemachten Aperitif auf Basis von Bitterorangen, Brandy und Roséwein, dann gab’s Lauch-Quiche und Crème brûlée, dazu einen guten Wein, und dann war es plötzlich sehr spät und wir waren sehr müde.

Lauch-Quiche

Crème brulée

*

Dienstag

Ein geschenkter Tag in der Nähe des Schweizer Jura – was mache ich da wohl? Genau: Hinauflaufen und hinunterschauen und danach ein Eis essen.

Ich fuhr nach Oberdorf in der Nähe von Solothurn, um auf den Weissenstein zu laufen. Bis ich dort war, war ich mir noch nicht sicher, ob ich wirklich hinauflaufen wollte. Denn es gibt eine Gondelbahn. Als ich dort ankam, war klar: Ich musste hinauflaufen wollen, denn die Gondelbahn hat derzeit ihre jährlich Revision und ist außer Betrieb. Also stapfte ich los.

Sehr schnell ging mir auf, warum es eine Gondelbahn gibt. Es ging steil bergauf. Also: wirklich steil. Biarnica-steil. Nur, dass der Weg deutlich länger war als vom Iseosee hinauf zu meinem Domizil.

Aufstieg zum Weissenstein

Auf den sonstigen Wanderungen geht es natürlich auch bergauf, zwischendurch flacht es aber immer mal ab. Hier war es von unten bis oben gleichbleibend steil. Hinterher schaute ich nach: 620 Höhenmeter auf 4 Kilometer. Das erklärt mein Schnaufen.

Aufstieg zum Weissenstein

Wie immer sieht das auf den Bildern gar nicht so wild aus. Und es sieht auch aus, als seien es nur 200 Meter gewesen.

Aufstieg zum Weissenstein

Nach ungefähr eine Stunde strammen Bergaufgehens Licht am Ende des Tunnels – beziehungsweise die Mittelstation der Gondelbahn am Ende der Kuppel.

Aufstieg zum Weissenstein

Ihnen fällt es vielleicht auch auf: Die Schneemenge nimmt zu. Nach der Mittelstation ging es um die Kurve. Dahinter sah es so aus:

Aufstieg zum Weissenstein

Ich prüfte zunächst durch bergauf- und wieder bergabgehen, ob ich denn auch wieder runterkommen würde. Denn bergauf ist ja alles immer schick, bergrunter wird es dann eine Rutschpartie – zumal, wenn der Schnee hart gefroren ist. Es ging aber einigermaßen. Also stapfte ich weiter bergan.

Aufstieg zum Weissenstein

Kurz vor dem Gipfel war der Schnee dann Schranken-hoch.

Aufstieg zum Weissenstein

Und ans Schaukeln war auch nicht zu denken.

Eingeschnaute Schaukel, nur noch ein Stück Kette guckt oben raus

Ich ging zum Kurhaus auf dem Weissenstein, ein Restaurant. Auch das Restaurant hatte Revision und war geschlossen. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass es geöffnet hatte, deshalb hatte ich mir ein Brot und einen Apfel eingepackt und stand glücklich im Wind auf dem Gipfel.

Weissenstein

Die Aussicht ins Tal war diesig – im Original aber schärfer als auf dem Bild. Das Auge kriegt die Darstellung besser hin als die iPhone-Kamera.

Ausblick vom Weissenstein

Danach schlitterte ich den Weg wieder hinunter. Und hinunter. Sackte zwischendurch mal ein. Und stapfte weiter hinunter. Vorbei an der Mittelstation. Und weiter hinunter. Und hinunter. Und hinunter. Und war irgendwann zurück am Auto.

Übrigens, wieder eine Frage an die Botaniker: Kennt jemand diese Knödelblume?

Knödelblume

Nach dem Aufstieg auf den Weissenstein gab es noch zwei Tagesaufgaben: Eis essen und Schweizer Schokolade kaufen. Dazu fuhr ich nach Solothurn. Um es kurz zu machen: Ich war in beidem erfolgreich, habe mir die Stadt angesehen und die Kathedrale besichtigt.

Solothurn

Solothurn: Einkaufsstraße mit Kathedrale

Kathedrale in Solothurn, Innenraum

Kathedrale in Solothurn, Kuppel

Für den Abend hatte mich U gefragt, ob ich Raclette möge – und wir machten Raclette. Mit Knoblauch und Speck, mit Ananas und mit Zwiebelsalat. Und mit Wein.

Raclette-Tisch

Am späten Nachmittag war ihre Tochter vorbeigekommen – mit einem Tablett voller Pâtisserie-Köstlichkeiten. Denn – wer hätte diesen Termin besser legen können? – sie hatte tagsüber einen Pâtisserie-Kurs besucht und acht Stunden lang Pralinen, Mousse und Schokolollis hergestellt. Ich möchte nicht viele Worte verlieren. Sehen Sie selbst:

Verschiedene Pralinés und Mousse, ein Schoko-Lolli, kandierte Mandeln

Zwei Sätze nur: Die rote Praline auf zwölf Uhr zergeht auf der Zunge, sobald man sie in den Mund legt. Der Mund füllt sich mit einem himbeerigen Geschmack, der sich mit dem Schmelzen der Schokolade zu einer paradiesischen Mélange vereint.

Dann war es plötzlich sehr spät, und wir waren sehr müde.

Sonntag, 25. März

25. 03. 2018  •  59 Kommentare

Der letzte Tag dieser Reise, Tag 30 des geschenkten Monats, den ich in Italien verbringe.

Der Wecker klingelte um 7 Uhr, denn ich wollte heute Großes vollbringen: Bötchen fahren! Ich fühlte mich allerdings sehr müde. Als ich die Küchenuhr sah, wusste ich auch, warum. Es war gar nicht 7 Uhr. Es war 6 Uhr. Sapperlot. Wochentage, Zeitumstellung, alles Schall und Rauch.

Ich frühstückte und stapfte dann den Berg hinunter zum Bootsanleger. Das Dorf schnarchte noch. Ich dachte erst, dass ich die Einzige sei, die zum Monte Isola übersetzen würde. Doch dann kam noch ein Paar mit Teenie-Sohn. Der Teenie-Sohn hatte ebenfalls die Zeitumstellung nicht verarbeitet.

Bootfahrt zum Monte Isola

Der See war morgenfrisch, diesig und leicht vernebelt. Die Sonne hatte es noch nicht über die Berge rundherum geschafft. An Deck war es frisch, aber nicht so kalt, dass ich drinnen sitzen musste.

Der Plan für den Tag: Hinauf auf den Inselberg steigen, hinunterschauen, wieder hinab gehen, hinaufschauen und ein Eis essen. Ich war nicht großartig vorbereitet, hatte nur gelesen, dass man am besten von Peschiera aus aufsteigt. Also fuhr ich mit dem Boot bis Peschiera Maraglio.

Dort ging ich einfach bergauf.

Monte Isola, Blick auf die Bergamasker Seite des Sees, blühender Busch

Das ist das Gute an dieser Art von Wanderausflügen: Die Orientierung ist einfach. Wenn der Weg sich gabelt, einfach immer die Abzweigung nach oben nehmen.

So stieg ich die Insel hinauf: über Pfade, über eine Straße, über Wiesen und durch das Dorf Cure.

Haus vor Bergkulisse

Weg nach oben, unten der See und Berge

Auf dem Monte Isola gibt es keine Autos. Die Einheimischen dürfen Motorroller fahren. Es gibt ein paar dieser dreirädrigen, kleinen Motocarri; die Bauern haben kleinere Traktoren, aber keine Autos.

Nach etwa einer Stunde kam ich auf dem Gipfel des Monte Isola an. Dort oben gibt es eine Kirche, das Santuario della Madonna della Ceriola.

santuario della Madonna della Ceriola

santuario della Madonna della Ceriola

Monte Isola: Blick vom Gipfel

Die Sonne schien sehr schön an eine Kirchenseite – dort, wo die Bänke stehen. Ich nahm das als Einladung und setzte mich eine halbe Stunde in die Sonne und genoss die Wärme.

Santuario: Bänke in der Sonne

Mit der Zeit kamen recht viele Leute – Italiener, die einen Sonntagsausflug machten und auch hinaufgestiegen waren: Freundinnen, eine Wandergruppe, ein Bergjogger mit Hund, ältere Paare, junge Paare und Familien. Sie mussten zur gleichen Zeit wie ich ein Schiff genommen haben, aber von der anderen Uferseite, der Brescia-Seite. Ich wohne auf der Bergamo-Seite.

Danach stieg ich wieder bis nach Cure ab, nahm dann aber den Weg nach Massa und nicht nach Peschiera, wo ich hergekommen war: Ich ging als statt nach 12 Uhr in Richtung 9 Uhr hinab. Das war ein sehr schöner Weg, mal gepflastert, mal unebener, aber immer gut begehbar.

Monte Isola, Abstieg

Monte Isola

Am Rande des Weges: Frühlingblumen. Yeah! Blühende Blumen in Weiß, Blau und Gelb, außerdem eine Blume, die ich noch nie gesehen habe. Vielleicht kennt sie jemand von Ihnen:

Blume

In Orzano, dem Küstenort unter Massa, ging ich gerade den Weg ins Dorf hinab, als ein Opa aus einer Tür trat. Ich bin sehr groß, der Opa war sehr klein. Er ging mir nur bis knapp über den Ellbogen.

„Kommst du von ganz oben?“, fragte er.
„Ja, genau. Von der Kirche.“
„Als ich ein junger Mann war, bin ich in siebzehn Minuten hochgelaufen. Siebzehn waren mein Rekord.“
„Siebzehn?! Von hier aus? Wow. Das ist gut.“
„Ich bin jetzt 85 Jahre alt. Nächsten Monat werde ich 86. Ich bin schon Urgroßvater. Bisnonno, sai? Nonno, Bisnonno – Urgroßvater.“
„Wohnen Ihre Enkel hier auf der Insel?“
„Nur einer. Meine Frau und meine Tochter wohnen auf der Insel. Und einer der Enkelsöhne.“
„Und Sie haben immer hier gewohnt?“
„Nur zwei Jahre nicht. Da habe ich in der Fischerei gearbeitet. Oder, naja, nicht gearbeitet. Ich habe in der Reederei nur beaufsichtigt. Also zwei Jahre nicht gearbeitet. Sonst immer hier. Wo wohnst du?“
„In Tavernola.“
„Dann kannst du gleich das Schiff dort unten nehmen. Hier die Straße runter, und dann rechts.“
„Gibt’s da unten auch eine Gelateria?“

Eine Eisdiele gab es nicht, dafür eine Bar mit einer gut gefüllten Tiefkühltruhe. Es war ja kürzlich Sortimentswechsel, wie wir wissen.

Ich nahm nicht das Schiff in Orzano, sondern ging am Ufer zurück bis nach Peschiera. Auf der Hälfte der Strecke: die Tankstelle des Ortes, 24 Stunden Self-Service.

Tankstelle

Peschiera Maraglio ist der touristischste Ort der Insel. An der Promenade gibt es einige Souvenirläden. Die meisten Besucher landen in Peschiera an.  Vor zwei Jahren waren hier auch die Floating Piers.

Ich hatte noch Zeit, bis mein Schiff abfuhr. Also ging ich ein wenig umher und setzt mich dann an die Promenade in die Sonne.

Peschiera

Der Rückweg:

Monte Isola vom Wasser aus

In Tavernola angekommen, musste ich den Berg, den ich heute morgen hinunter gegangen war, wieder hinauf. Sie kennen den Weg.

Das war der letzte Tag in Italien.

*

Trivia #1: Sandra schenkte mir, bevor ich abfuhr, ein Duschgel mit dem Namen „Der Tag gehört dir“. Ich nahm es mit auf die Reise. Heute, am letzten Abend, habe ich die letzten Tropfen verbraucht.

Duschgel

Trivia #2: Gregor lebt und wird gemeinsam mit mir zurück nach Deutschland reisen.

Gregor

*

Das Seltsame daran, dass ich abreise, ist, dass ich mich fühle, als wäre ich gerade erst angekommen. Nicht zeitlich. Zeitlich habe ich das Gefühl, ich sei bereits drei Monate unterwegs. Ich habe so viel mehr erlebt, als ich in einem Monat in meinem Alltag erlebe.

Was ich mit „Ankommen“ meine, ist: Anfangs war alles neu. Ich hatte keine Ahnung, wie die Dinge funktionieren: Wie man Auto fährt, ohne aufzufallen; an welches der Mauthäuschen man am besten heranfährt; wie die Dinge im Supermarkt angeordnet sind; wie es an der Käsetheke zugeht; welcher Radiosender annehmbare Musik spielt; wie der Tagesrhythmus ist; wann man Salve, wann Ciao und wann Buongiorno sagt. Überhaupt: das Reden. Es fällt mir deutlich leichter als vor einem Monat. Ich fühle mich nicht mehr fremd in Italien.

Nun fahre ich heim. Ich denke, ich werde irgendwann wiederkommen.

VG

Danke, dass Sie mich auf dieser Reise begleitet haben.



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