Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Sippe«

Problemgeschenke

16. 12. 2011  •  72 Kommentare

Jedes Jahr hat meine Familie einen Problem-Geschenkwunsch.

2010 waren es die Herrentaschentücher für den Vater. Heuer ist es der Abreißkalender für Unsaomma. Weil Unsaomma schlecht sieht, braucht sie ihn in ziemlich groß.

Es muss auch unbedingt ein Abreißkalender sein, tageweise. Kein Wochenkalender, kein Monatskalender. Unsaomma möchte jeden Morgen mit befriedigendem Eifer zur Wand gehen und dem vergangenen Tag adieu sagen. Wieder ein Stück näher am ewigen Leben! Der Herr sei gepriesen! Dazu die immer neue Bestätigung, dass ihre Tage gezählt sind – toll! Denn Unsaomma neigt zur Todessehnsucht, und das mit lebendiger Inbrunst.

Doch der Einzelhandel ist ihr nicht gewogen. Ich war bereits in acht Geschäften – nirgendwo gibt es Abreißkalender. Nicht im Warenhaus, nicht im Schreibwarenladen, nicht im Buchhandel und nicht im Lotto-Totto-wir-verkaufen-alles-Laden.

Was ich allerdings auf meinen Wegen ungesucht gefunden habe, sind Herrentaschentücher. Ich habe direkt zwei Packungen gekauft, ob der Vater sie dieses Jahr nun braucht oder nicht.

Steffi ist dick

25. 04. 2011  •  64 Kommentare

Dass sie dick ist, wurde mir vorab angekündigt.

„Die Steffi, die ist vielleicht dick.“
„Sie wird jedesmal dicker.“
„Nach der Schwangerschaft hat sie es ja nie wieder runtergekriegt.“
„Jetzt lässt sie sich den Magen wegnehmen.“
„Dabei hat sie doch schon ein Magenband.“
„Das hat sie sich weiten lassen.“
„Hat sie?“
„Sonst wäre sie doch nicht wieder so fett geworden.“

Steffi, das weiß ihre Schwägerin, wiegt 140 Kilo auf einsfünundsiebzig. Beim österlichen Mittagessen hat die Verwandtschaft ein waches Auge auf ihren Teller – und den ihres Sohnes.

„Hast Du gesehen? Ihr Teller schwamm vor Soße.
„Und der Junge. Schon vor dem Mittag Schokoladeneier.“
„Da sieht man, woher es kommt.“
„Aber es ist doch Ostern.“
„Omma! Auch an Ostern kann man Maß halten.“
„Aber doch kein Zweijähriger.“
„Gerade bei ihm müsste sie aufpassen. Ihm liegt das Dicksein doch schon in den Genen.“

Mit Steffi sprechen sie natürlich nicht darüber.

„Ich kann mit ihr einfach nicht darüber reden.“
„Ich auch nicht.“
„Sie nimmt sich nicht einen Ratschlag an.“
„Wenn ich so dick wäre, würde ich mir von den Dünnen doch mal etwas sagen lassen.

Is‘ klar.

Familienzuwachs

26. 12. 2010  •  29 Kommentare

Ich sitze bei Unsaomma im Besucherstuhl.

Die Heizung bollert und gluckert und faucht. Die Blätter des Drachenbaums, der sich mit spirreligen Ästchen über die Brüstung der Fensterbank lehnt, flattern in der aufsteigenden Hitze. Die Weihnachtspyramide daneben dreht wilde Kreisel – ohne dass eine Kerze brennt.

„Is‘ kalt hier, woll?“ fragt Unsaomma.
„Nee“, sage ich.
„Was?“
„Es ist sehr warm.“
„Was?“
„Warm! Hier!“

Unsaomma klemmt, ein bisschen frostig, ein bisschen trotzig, ihre Hände unter den Achseln fest und lässt ihren Kopf auf die Brust sinken. Es ist 16 Uhr, und zuvor war schon die Tante zu Besuch. Ein Tag ohne Mittagsschlaf ist für Unsaomma ein schlechter Tag.

Ich lasse meinen Blick über die Fotos an den Wänden schweifen. Die Familie versammelt sich in trauter Reihung. Neben dem Nachtschrank der kleine Enkel, damals eine raupenhafte Frühgeburt von 1000 Gramm. Daneben der Onkel mit nie wieder erlangter, hendrix-hafter Lockenpracht. Daneben die Schwiegertochter mit ihrem Bordercollie „Giselle“, man kann die Zwei kaum auseinanderhalten. Daneben ich, ein pausbäckiges Kleinkind vor einer braunmelierten Leinwand. Daneben – ich blicke zur Omma.

„Omma, gehören die jetzt zur Familie?“
„Was?“
„Ge-hö-ren die zur Fa-mi-li-e? Ne-ben mir!“ Ich deute mit dem Finger.

Dort hängen in einem goldenen Rahmen, inmitten der Verwandtschaft, zwischen der kleinen Nessy und dem Irokesencousin, als gehörten sie zur Schar der Enkelkinder dazu: Kronprinzessin Victoria und Prinz Daniel.

Unsaomma hebt den Kopf von der Brust, blickt zur Wand, blickt zu mir und sagt: „Ich hab‘ die doch so gern, woll.“

Der schönsten Großmutter

8. 12. 2010  •  62 Kommentare

Schwarz-Weiß-Aufnahme: Meine Großmutter in einem Kleid auf einer Wiese, im Hintergrund mein Großvater.
Immer, wenn ich bei ihr schlief, lag ich in ihrem großen Bett unter einer schweren Daunendecke und zählte die Blüten, die auf der Tapete wuchsen.

Das Frottee war rau, die Matratze weich. Ihr Kissen duftete nach Waschmittel, nach ihrem Parfum und nach ihr selbst – ein Geruch, der weich wie Watte war und sanft in der Nase kitzelte. Wir beteten das Vaterunser; dann schob sie einen Polstersessel vor mein Bett und ging ins Wohnzimmer, wo sie Sportstudio schaute. Ich lauschte den gedämpften Stimmen und schlief ein.

Sie schaute niemals Volksmusik, niemals Schlagersendungen oder Schmonzetten. Wir sahen uns gemeinsam „Der große Preis“, „Einer wird gewinnen“ oder Spiele von Bayern München an. Sie war ein großer Fan. Wir teilten uns Karlsberger Oblaten und kuschelten uns aneinander.

Wir machten gemeinsam Kreuzworträtsel. Sie war eine sehr gute Kreuzworträtslerin. Jeden Dienstag ging sie zum Kiosk und kaufte sich neue Hefte. Beim Schwedenrätsel war sie unschlagbar, sie wusste alles, sogar Sachen wie „Apostel der Eskimos“. Als sie nicht mehr sehen konnte, las ich ihr vor, sie sagte die Lösung und ich trug sie ein.

Sie war sehr hübsch. Sie war groß, schlank und elegant. Ihre Haut war sehr weich. Sie hatte viele Falten, aber ihre Haut war zart, im Gesicht und auch an den Armen. Sie hatte Sommersprossen auf ihren weichen Unterarmen, ganz viele kleine, und auf der Hand Altersflecken. Als sie nur noch im Bett lag, habe ich ihr warmes, weiches Gesicht gecremt. Sie liebte es, wenn ich sie cremte, weil ihre Haut oft trocken war, seit sie kaum noch aß und trank. Sie liebte es auch, wenn ich ihr Haar bürstete, ruhig etwas fester, das tat ihr gut. Wie ein weißer Teppich lag es danach auf ihrem Kopfkissen und glänzte im Schein der Deckenlampe.

An Weihnachten sagte ich ihr einmal, dass sie die beste Oma sei, die es gebe. Ich sagte es, weil ich wusste, dass es unser letztes Weihnachten sein würde. Sie nickte. Sie wusste es auch. Nicht ganz ein Jahr später, heute, am 8. Dezember vor neun Jahren, starb sie. Es war nachts um vier.

Ich besuchte sie noch einmal. Ich musste mich beeilen, denn ich hatte eine weite Anreise. Sie lag da wie die Monate zuvor in ihrem Bett. Ihr weißes Haar ergoss sich auf ein weißes Kissen, ihre Hände waren gefaltet. Sie trug ein Totenhemd und sah sehr erhaben aus.

Ich stand da und beobachtete sie. Es war seltsam, dass sie sich nicht regte, nicht atmete.

Ich wartete. Auf eine Bewegung. Auf ein Zeichen. Auf mein Begreifen.

Wenn ein Mensch im Raum ist, auch wenn es dunkel ist und wir ihn nicht sehen, spüren wir, dass er da ist. Es ist seine Wärme, seine Energie; es ist die Magie, die jeden von uns umgibt.

Ich berührte sie. Zuerst an den Händen, dann an den Wangen. Dann streichelte ich ihr Haar. Es war noch ganz weich. Aber ihre Haut war wie Kerzenwachs.

Sie lag da, aber ihre Magie war an einem anderen Ort.
Ich war allein im Raum.

Wir beerdigten sie an einem windigen Wintertag. Seitdem war ich nur wenige Male an ihrem Grab. Ich brauche nicht dorthin. Ich habe sie immer bei mir.

Ich rufe bei Muttern an.

26. 10. 2010  •  17 Kommentare

Es klingelt lange. Es ist auch schon neun Uhr abends.

Nessy: Warst du schon im Bett?
Mutter: Warum sollte ich schon im Bett gewesen sein?
Nessy: Nur so. Hat etwas gedauert, bis du rangingst.
Mutter: Was willst du mir damit sagen?
Nessy: Nichts. Nur, dass du schon hättest im Bett sein können.
Mutter: Sag mal, Kind, was denkst du von mir?!
Nessy: Nichts! Ich sagte es nur so.
Mutter: Sowas sagt man nicht einfach nur so.
Nessy: (seufzt)
Mutter: Jetzt seufzt du wieder.
Nessy: Ja.
Mutter: Als ob ich schon so früh schlafen ginge.
Nessy: Hätte. Ja. Sein. Können. Mache ich auch manchmal. Wie geht’s dir denn?
Mutter: Seit wann denn das?
Nessy: Mama. Schon länger. Wenn ich halt müde bin. 
Mutter:
Bist du schon wieder krank? Hörst dich aber ganz normal an.
Nessy: Ich bin ja auch nicht krank. Außerdem war ich nur erkältet.
Mutter: Kann auch ein Infekt gewesen sein.
Nessy: Ja.
Mutter: Jetzt sagst du einfach „ja“.
Nessy: Ja. Jetzt sag du mal, wie es dir geht.

Sie grummelt noch argwöhnisch. Fragt, ob ich meinen warmen Strickschal trage. Sagt, dass ich bloß nicht mehr Fahrrad fahren soll (Kälte, Blätter, Glatteis, Tod). Aber dann beginnt das Gespräch.

Die Fliegenfängerin

21. 09. 2010  •  30 Kommentare

Eins muss ich zur Erklärung vorwegschicken: Wir sind viele.

Meine Großmutter hatte neun Geschwister, die sich allesamt in solider Anzahl vermehrt haben. Ich habe also eine unzählbare Menge an Basen und Vettern, Großtanten und Großcousins – und um die Unübersichtlichkeit zu vervollständigen, geht es mit den Generationen auch noch drunter und drüber. Denn als meine Großmutter zur Welt kam, war sie bereits Tante – ihre älteste Schwester hatte schon ein Kind.

Das alles müssen Sie wissen, um sich eine Beerdigung im Kreise meiner Familie vorzustellen.

Vergangene Woche sagte meine Großtante zu sich und ihren Kindern: Es sei alles erledigt, sie könne jetzt sterben. Sie wartete, bis alle weg waren, dann schlief sie ein. Zwei Tage später wäre sie 97 Jahre alt geworden.

Meine Großtante war in vielerlei Hinsicht besonders. Als sie vor einigen Monaten das erste Mal in ihrem Leben in eine Klinik musste und man sie aufforderte, das Gebiss rauszunehmen und ihren Hausarzt zu nennen, hielt man sie für verstockt und dement – in Wirklichkeit aber hatte sie gar kein Gebiss und auch einen Hausarzt besaß sie nicht. Sie war einfach immer gesund gewesen: im Mund und überall sonst auch.

Zusätzlich zu ihrer legendären Gesundheit verfügte sie über eine spektakuläre Fähigkeit: Sie konnte Stubenfliegen mit der hohlen Hand fangen, egal ob sie auf dem Tisch saßen, an der Wand hingen oder durchs Zimmer flogen. Sie hatte dafür verschiedene Techniken entwickelt, die sie ansatzlos aus dem Handgelenk verwirklichte. Hatte sie eine Fliege erwischt, lauschten wir Kinder gebannt an ihrer Faust, in der es surrte und summte. Dann ließ sie die Fliege frei, um sie erneut zu fangen. Es war fabelhaft.

Wir hatten sie außerdem lieb, weil sie sich immer bekleckerte. Ihr Sohn pflegte zu sagen, er werde bald ein Bettlaken mit sich führen, durch das sie ihren Kopf stecken müsse, damit nicht so viel Wäsche anfalle. Einmal schaffte sie es, sich einen ganzen Nachmittag lang nicht zu bekleckern – kein Kaffee tropfte auf die Bluse, kein Ärmel blieb in der Sahne hängen. Doch beim Abendessen geschah es: Ihr Enkel zerdrückte eine Kartoffel in der Soße, die Kartoffel flutschte unter der Gabel hinfort mitten auf des Großtantes Rock – was ein Spaß!

Heute also haben wir sie beerdigt. Die Familie war beisammen, die Cousins und Cousinen und Großcousins und Großcousinen und Enkel und Urenkel und noch mehr Leute, die mich zwar beim Namen nannten, deren Gesicht ich jedoch nicht erinnerte, kamen ins Dorf. Wir weinten und lachten, aßen Schnittchen und Teilchen, und der Urenkel klopfte nochmal am Sarg an, um zu hören, ob die Omama auch wirklich tot ist. Natürlich erzählten wir uns vom Kleckern und vom Fliegenfangen, von ihrem Obstgarten und ihrem Wunsch, immer draußen zu sein an der frischen Luft. So kommen wir immer nur zusammen, wenn einer stirbt.

Das nächste Mal wird allerdings anders. Meine Großtante war die letzte ihrer Generation; nun sind als nächstes unsere Eltern und Tanten dran.

Das macht ein bisschen Angst.

Level Zwei

8. 09. 2010  •  36 Kommentare

Es gibt etliche Anzeichen dafür, dass Eltern älter werden.

Sie kennen das vielleicht: Sie besuchen Ihren Vater und Ihre Mutter, nehmen sich ein Getränk aus dem Kühlschrank und sehen beiläufig, dass die Marmelade schon Einiges überm Datum ist. Sogar mit flauschigem Pelz, grünen Einlagerungen und allem Zipp und Zapp. Die Reaktion: „Echt jetzt? Habe ich doch heute noch gegessen!“

Vorbote ist allerdings zunächst die Midlife-Crisis. Männer entsinnen sich ihres 1967 während des 18-monatigen Wehrdienstes erlangten Motorradführerscheins, verkloppen ihre Münzsammlung, kaufen sich eine Harley und fahren damit stotternd, das Herz voller Erinnerungen, bis an die Atlantikküste. Frauen tun sich währenddessen zu Grüppchen zusammen, besteigen ein Hurtigrutenschiff in Richtung Lofoten, stöhnen bei fünf Grad Außentemperatur über Hitzewellen und lästern 14 Tage lang über die plötzliche Jungenhaftigkeit ihres Mannes. Sollten Sie Ihren Eltern gegenüber Besorgnis über ihr Reisefieber äußern, kontern diese mit Worten wie: Wer wisse schon, wie lange sie das noch könnten, sie sähen täglich in Todesanzeigen, dass die Einschläge näherkämen und das letzte Hemd habe schließlich keine Taschen.

Das profanste körperliche Anzeichen für das gestiegene Lebensalter Ihrer Erzeuger, sozusagen Level Eins, ist allerdings die Lesebrille. Zunächst sind die elterlichen Arme noch lang genug – und mal ehrlich, wer will schon so genau wissen, welche Nebenwirkungen das Bluthochdruck-Medikament hat. Dann kaufen sie im Supermarkt heimlich eine Lesehilfe. Aber altersblind sind sie deshalb noch lange nicht! Sonst müssten sie ja zum Optiker.

Irgendwann führt aber kein Weg mehr an einer professionellen Vermessung der Sehkraft vorbei; der Optiker empfiehlt zudem dringlich einen Besuch beim Augenarzt – „In Ihrem Alter sollten Sie sich regelmäßig auf grauen Star untersuchen lassen.“ Ihre Eltern werden Ihnen später empört von diesem Wortwechsel berichten.

Die Lesebrille hat es nun aber an sich, ständig dort zu sein, wo ihr Träger nicht ist („Wo hab ich sie nur? Ich hatte sie doch eingesteckt!“) – und so kommt es dazu, dass Sie Ihren Eltern ab und an etwas vorlesen müssen. Sie tun das sehr pietätvoll und mit einer selbstverständlichen Non-Chalance, bloß kein Gewese darum machen, das könnte den Vater ja kränken – wo er sich nach seiner letzten Harleytour durch Nordfrankreich doch gerade wieder wie 59 fühlt, trotz der Rückenschmerzen.

Neulich saß ich also mit meinem Vater in einem Restaurant, als er mal wieder seine Brille nicht dabei hatte. Vielleicht hatte er sie im Büro vergessen oder auf dem Sofatisch neben der Fernsehzeitung. Vielleicht auch im Bad – „Nicht mal mehr einen Pickel ausdrücken kann ich mir ohne das Ding!“ Er regte sich ein bisschen auf.

Jedenfalls musste ich ihm die Speisekarte vortragen – eine sehr lange Speisekarte. Mein Vater konnte mir leider nicht einmal eine geschmackliche Tendenz nennen, in die er sich an diesem Abend bewegen wollte. Ich las also und las und schaute ab und an zu ihm auf, ob sich etwa bei den Fischgerichten ein Ausdruck des Missfallens bei ihm einstellen möge – dann könnte ich diesen Teil der Karte ja vielleicht etwas abkürzen. Allerdings: Nichts dergleichen geschah. Stattdessen rutschte er immer mehr mit dem Oberkörper nach vorne, beugte sich über die Tischdecke, streckte das Kinn vor, verzog den Mund zu einer Grimasse, rollte die Augenbrauen in Richtung Nasenspitze, hielt schließlich die Hand hinters Ohr und sagte: „Tut mir leid – was war das letzte? Ich verstehe dich so schlecht.“

Ich rief also „FORELLE MÜLLERIN MIT SALZKARTOFFELN UND GURKENSALAT!“ über den Tisch und wusste, dass wir in diesem Moment Level Zwei erreicht hatten.

Onkel Helmut

22. 08. 2010  •  Keine Kommentare
Onkel Helmut hat eine gute Verdauung, denn er isst nur Lebensmittel, die schon überm Datum sind.

Als seine Kinder noch klein waren, bekamen sie wochenlang Kirsch-Milchreis, kurz nach der Haltbarkeit. Kirsch ging nicht gut im Laden, aber wegschmeißen kam für Onkel Helmut nicht Frage. Als Kirsch leer war, gab es Himbeere, die ging auch nicht gut. Danach die nächste Sorte, immer eine Papp-Palette voll, bis sie leer war. Das Leben – für die Kinder war es eine einzige Vorfreude auf einen neuen Geschmack.

Warum ich das erzähle?
Onkel Helmut gibt nichts auf, solange es noch gut ist.

Er ist ein kleiner Mann. Nicht untersetzt, aber lebensfroh beleibt. Wenn er lacht, lachen seine Augen mit; und er lacht viel, das sieht man ihnen an. Sein Tante-Emma- oder besser gesagt: Sein Onkel-Helmut-Laden ist klein und vollgestopft mit allem, was man braucht, von jedem Ding eine Sorte.

Im Krämerkittel steht er hinter der Kasse und wartet auf seine Kunden: auf das kleine Mädchen, das sich Hubba Bubba kauft; auf die Hausfrau, der das Brot ausging; auf die alte Frau, die ab dem Zwanzigsten immer anschreiben lässt. Er kennt sie, und noch lieber als Brot verkauft er ihnen Neuigkeiten, Geschichten und Anekdoten. Niemals glänzen seine Augen so, wie wenn er Dönekes erzählt.

Für seine Kunden tut Onkel Helmut alles. Er bringt ihnen die Einkäufe ins Haus: fährt drei Kilometer, um ein Pfund Butter abzuliefern, schleppt Bierkästen in den vierten Stock, um zu hören: „Das Bier, das hätte ich lieber im Keller.“ Weil er über dem Laden wohnt, klingeln die Leute nachts bei ihm. Er öffnet ihnen und bedient sie zu jeder Zeit – nur diejenigen nicht, die Zigaretten oder Alkohol verlangen.

Seit Anfang August aber ist sein Geschäft dicht. Die Leute, sagt er, kaufen bei ihm nur noch das, was sie beim Discounter vergessen haben, mal drei Eier, mal ein Päckchen Salz. Es lohnt sich nicht mehr.

„Stundenweise können Sie noch was machen, oder?“ fragt ihn die Vermittlerin beim Arbeitsamt und macht sich eine Notiz in seine Akte. 62 ist er, drei Jahre noch bis zur Rente.

„Demnächst“, sagt er, und es schimmert in seinen Augen, „sitze ich bei Aldi anne Kasse.“ Niemals glänzen sie so, wie wenn er Dönekes erzählt.

Wie Sie einen tollen Tag verleben

19. 08. 2010  •  Keine Kommentare
  • Nehmen Sie den ersten sonnigen Tag der Woche.
  • Holen Sie das Cannondale aus dem Keller.
  • Radeln Sie 40 Kilometer in die Heimat und lassen Sie sich von Ihrer Mutter mit Stielmus und Heidelbeerpfannkuchen verwöhnen.
  • Hängen Sie in den folgenden zwei Stunden auf ihrem Balkon rum. Räkeln Sie sich ab und an.
  • Kurz, bevor Sie einschlafen, stehen Sie auf und radeln ein Häuschen weiter zu Opa Konni und seiner Frau Lina.
  • Lassen Sie sich dort mit frischem Salat und Toast Hawaii verwöhnen.
  • Wundern Sie sich nicht, dass Opa Konni wild telefoniert. Er freut sich, dass Sie da sind und möchte es allen mitteilen. Wenn er den Hörer an Sie weiterreicht, sprechen Sie einfach mit den Leuten am anderen Ende. Es ist der Beweis, dass Sie tatsächlich bei ihm sind.
  • Nehmen Sie die frisch gebackenen Kekse, die er Ihnen am Abend mitgibt. Packen Sie außerdem die Reste des Salats und fünf Brötchen ein.
  • Steigen Sie aufs Rad und fahren Sie 25 Kilometer in Richtung Zuhause. Genießen Sie die Abendsonne und die Stimmung in den Feldern. Halten Sie dabei aber den Mund geschlossen.
  • Steigen Sie nach 25 Kilometern an einem Bahnhof ab. Warten Sie auf den Zug nach Zuhause. Essen Sie dabei schon einmal die Hälfte von Opa Konnis Keksen. Fahren Sie die restlichen 15 Kilometer, auf denen es nur bergauf geht, mit der Bahn heim.
  • Wenn Sie zu Hause ankommen, duschen Sie schön warm. Legen Sie sich ins Bett und freuen Sie sich.

Mit Frikadellchen und Caprisonne

10. 08. 2010  •  Keine Kommentare
Ich erzähle Mutter, dass ich ein neues Fahrrad habe.

Mutter: Dann können wir jetzt zusammen Radtouren machen!
Nessy: Ähm …
Mutter: So wie früher … ach, ist das schön. Dann nimmst du die Kühltasche auf deinen Gepäckträger und ich …
Nessy: Ich habe keinen Gepäckträger.
Mutter: Ich dachte, du hast ein neues Fahrrad.
Nessy: Ja, aber es hat keinen Gepäckträger.
Mutter: Was hast du dir denn da andrehen lassen?
Nessy: Es ist halt ein anderes Rad als deins.
Mutter: Was willst du damit sagen?
Nessy: Mein Fahrrad ist etwas sportlicher.
Mutter: Willst du damit sagen, dass ich nicht sportlich bin?
Nessy: Doch, doch! Ich meine … nein!
Mutter: Ich bin manchmal sogar schneller als dein Vater!
Nessy: Der ja auch schon über 60 ist.
Mutter: Wir könnten uns ein Appartement an der See nehmen und Radurlaub machen.
Nessy: Ähm …
Mutter: [anklagendes Schweigen] Sag ruhig, wenn du nicht möchtest.
Nessy: Ich möchte nicht.
Mutter: Dabei hast du das früher so gerne gemacht. Mit Papa und mir auf dem Deich.
Nessy: Früher war ich sechs und durfte nicht alleine bleiben.
Mutter: Jetzt sag bloß noch, dass du auch nie Erbsen mochtest!
Nessy: …!!



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