Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Der Kuss

1. 01. 2008  •  Keine Kommentare
Es war dieses Silvester Mitte der 90er, als es minus 20 Grad hatte. Nur die Hauptstraßen unserer kleinen Stadt waren vom Schnee und vom Eis befreit. Auf den Nebenstraßen, den Anliegerstraßen und in den kleinen Gassen, auf den Höfen und Terrassen lag eine dicke, plattgetretene, gefrorene Schneeschicht, die so hart war, dass sie erst Wochen, nachdem sich erste Krokusse ans Licht gewagt hatten, geschmolzen war. Wir gingen hinaus mit Mütze und Handschuhen, in einer langen Unterhose und den Schal nicht nur um den Hals, sondern eng um Mund und Nase gewickelt. Männern mit Schnurrbärten gefror ihr Atem in den borstigen Haaren, und Frauen, die gerade geboren hatten, blieben mit ihren Kindern vor den Kaminen der Einfamilienhäuser sitzen und blickten versonnen ins Funkeln des Weihnachtsbaums, das sich im Fenster spiegelte.

Wir waren eine Gruppe von vielleicht acht Leuten, eine lose zusammengewürfelte Clique, die sich erst vor ein paar Monaten gefunden hatte. Es ergab sich, dass wir in einer hölzernen Gartenhütte in einer Reihenhaussiedlung feiern konnten, umgeben von zwei Heizlüftern, auf Campingstühlen und Plastikliegen. Wir saßen im Kreis um einen Tisch herum, machten Raclette, erzählten und lachten viel. Die Bravo Hits des Jahres quollen aus den Boxen eines CD-Kassetten-Decks, und wahrscheinlich wechselten sie sich ab mit Kuschelrock und Roxette, denn das war es, was wir zu dieser Zeit und zu dererlei Anlässen hörten.

Von Zeit zu Zeit, immer dann, wenn uns in dieser winzigen Hütte mit den zwei Heizlüftern zu warm wurde, öffneten wir die Hüttentür mit den Butzenscheiben und den dicken, gehäkelten Spitzengardinchen. Die Luft unter der Decke wurde augenblicklich zu Dampf und waberte in dicken Schwaden hinaus in die Kälte. Es war unwirklich und dauerte nur wenige Sekunden, ehe wir die Tür wieder zurissen und uns mit schlotternden Leibern wünschten, wir hätten sie nie geöffnet.

In einem dieser Momente blickte ich ihn zum ersten Mal an, wie er ebenfalls dasaß und zu frieren begann. Er war zu dieser Zeit mit Miriam zusammen, einer 17-Jährigen, die bereits vor Mitternacht von ihrem Vater abgeholt werden würde, weil sie nicht länger aus bleiben durfte. Sie war eine zarte, braunhaarige Elfe mit Porzellanhaut und Locken, die ihr auf den Rücken hinabhingen und bei jeder Bewegung sanft hüpften. Sie war schön im klassischen Sinne, doch sie war eine Puppe und reizte ihn nicht, das sah ich gleich. Wenn er sie umarmte und ihr einen kurzen Kuss auf die weißen Wangen drückte, hielt er die Augen geöffnet und ließ jene Innigkeit vermissen, wie sie Verliebten zu eigen ist, wenn um sie herum im Augenblick gegenseitiger Berührung die Umgebung in Bedeutungslosigkeit verschwimmt.

Um kurz vor elf wurde sie also abgeholt, obwohl Silvester war, obwohl wir alle wie in einem riesigen Schlafsaal im Wohnzimmer dieses Reihenhauses schlafen würden und obwohl sie bereits 17 war. Er drückte ihr wieder einen dieser scheuen Augen-auf-Küsse auf die Wange, während ihr Vater im Auto wartete und die Abgaswolken aus dem Auspuff des Wagens quollen. Als er zurück in die Gartenlaube kam – die warme Luft wurde sofort dunstig, als er durch die Tür schlüpfte -, setzte er sich neben mich in einen freien Campingstuhl. So saßen wir beeinander, ich bot ihm von den Chips an, und er blickte mich immer wieder von der Seite an.

Es wurde Mitternacht, und als wir mit gefüllten Sektgläsern, in Mützen und Handschuhen, die Schals über den Mund gezogen, auf dem plattgetreten Schnee in der Anliegerstraße standen und die ersten von uns Raketen steigen ließen, blickte er mich an, schob meinen Schal beiseite und küsste mich lange und innig. Dann ging er zu den anderen Jungs und knallte und lachte, während wir Mädels frierend zusahen und an unserem Sekt nippten.

Das Jahr, das mit einem Kuss begann, war eines, das bestimmt sein sollte von Veränderungen, aber noch mehr bestimmt von einer wilden Verliebtheit, die nicht Grund für die Veränderungen war, sie aber ebenso fürsorglich wie ungestüm begleitete.

Über die Unsicherheit

18. 11. 2007  •  Keine Kommentare
Am quälendsten ist die Unsicherheit, das Nicht-Wissen, was wird, vielleicht auch, was war und ob überhaupt noch oder jemals wieder.

Frau A. hat eine Antwort eingefordert und sie bekommen. Es ist keine schöne Antwort, doch meistens wissen wir schon, bevor wir fragen, dass das, was gesagt werden wird, genau das ist, was wir eben nicht hören wollen. Gerade, wenn wir lange warten müssen. Aber wir fragen trotzdem, nicht um des Fragens, sondern um der Gewissheit willen. Um abschließen zu können mit einer Episode im Theaterstück, das unser Leben ist, auf dass die Bühne frei und die Kulisse umgebaut wird für den nächsten Auftritt. Schließlich muss die Geschichte fortgeschrieben werden, wir wollen es, denn wir spielen zwar mit, doch wir kennen das Ende nicht. Das Kuriose ist, dass wir selbst, ohne es zu wissen, die Autoren sind, aber das merken wir immer erst dann, wenn wir straucheln und den Souffleur suchen, den es nicht gibt oder der gerade eingeschlafen ist auf seinem kleinen Stühlchen vor der Bühne und uns deshalb nicht zuflüstern kann, wie wir weiter agieren und welche Stichworte wir unseren Mitspielerin geben sollen, damit diese wiederum Stichworte geben an jene, die ebenfalls Stichworte geben und dem Stück seinen Fortgang schenken, den es ohne uns nicht hätte oder doch.

Unser aller Ziel ist es, fortzuschreiten in dem, was wir tun, was wir sind und was wir sein wollen, in dem, wonach wir streben, manchmal ohne zu wissen, was genau unser Ziel ist und ob wir überhaupt eines haben. Doch wir haben eins, wir alle, jeder Einzelne von uns – nicht immer vor Augen, aber in unserem Herzen. Wir möchten ankommen auf unserer Suche nach Zufriedenheit – einer Zufriedenheit genährt aus der Genugtuung, etwas bewegt und Menschen geliebt zu haben, kurzum: Gelebt zu haben, nicht nur im Großen, sondern auch im Alltäglichen. Wir wollen, und das ist unser Wesen als Existenzen in einer Welt, die, schaut man sie mit der Distanz von Zugvögeln an, keine Individuen kennt – wir wollen unsere Fußspuren hinterlassen, auch auf die Gefahr hin, dass der nächste Schnee sie zudeckt und der nächste Regen sie fortschwemmt. Mindestens einem sollen sie bis dahin den Weg gewiesen haben, mindestens einer soll hineingetreten sein, mindestens einer soll über sie stolpern dürfen, wie sie kleine Gruben bilden in getrockneter Erde.

Und so wünschen wir uns, einmal – mindestens einmal, doch eher scheint es mir, als sei es in jedem Lebensjahrzehnt einmal – mit einem Menschen so intensive Glücksmomente geteilt zu haben, einmal mit bloßen Händen seine Seele berührt zu haben, dass wir in sein Gedächtnis eingebrannt sind, so dass er noch an uns denkt, wenn unsere Halbwertzeit bereits verstrichen ist. Nicht immer gelingt es uns, den anderen von uns zu überzeugen, und dann ist es umso bitterer, wenn er uns bereits von sich überzeugt hat, denn Ungleichheit bringt nichts als Unzufriedenheit, und Unzufriedenheit ist eben genau das Gegenteil jenes Gemütszustands, den wir für uns erstreben.

Zurück aber zur Unsicherheit. Sie birgt immer dann Kraft in sich, wenn sie Neues gebiert und dabei unsere Geduld fordert, und immer dann Schmerz, wenn sie Altes zu Grabe zu tragen wünscht und dabei auf Schweigen stößt. Manchmal sind diese zwei Dinge eins, weil sie die Gelegenheit bieten, dem Theaterstück eine Wendung zu geben, manchmal sind sie nur ähnlich, weil sie lediglich Intermezzi sind, die Gefühle verwirren, uns aber nicht fortschreiten lassen, und manchmal ist das zweite die Voraussetzung für das erste, nur dass wir kaum bemerken, wann das Alte endet und wann das Neue beginnt. Erst, wenn wir der Unsicherheit ein Gesicht geben und sie in das Kästchen unserer Erfahrungen stecken können, wir sie damit ihres Selbst berauben und über sie triumphieren, stellt sich ein Funken der Zufriedenheit ein, der uns später gemeinsam mit anderen Funken Wärme spenden wird.



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