Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Milchwölkchen«

Fürchte dich nicht

12. 05. 2011  •  59 Kommentare

„Freiheit
bedeutet nicht Unabhängigkeit.
Man ist immer von irgendwem oder irgendwas abhängig.
Freiheit bedeutet Furchtlosigkeit. Sich nicht zu fürchten,
ist die einzige Freiheit, die wir jemals erlangen können.“

(Edda in: Astrid Rosenfeld, Adams Erbe, S.160)

Ich habe länger über diese Sätze nachgedacht; und ich glaube, dass sie stimmen. Wir sind niemals unabhängig. Wir sind immer abhängig von äußeren Zwängen – mindestens aber von den Fähigkeiten, die uns gegeben wurden. Wenn wir aber furchtlos sind, können wir diese Abhängigkeiten vergessen und uns in dem Rahmen, den sie schaffen und der größer ist, als wir denken und uns eingestehen möchten, frei bewegen.

Was aber bedrückt uns, dass wir unsere Freiheit nicht nutzen?

Es ist die Furcht loszulassen. Die Furcht, enttäuscht zu werden. Die Furcht, weniger zu gewinnen als zu verlieren. Die Furcht vor dem Alleinsein. Die Furcht, unseren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden – und die Erwartungen Dritter nicht zu erfüllen. Die Furcht, ein Tal zu durchschreiten, um zum nächsten Gipfel zu gelangen. Die Furcht vor dem Schmerz. Die Furcht vor unserem eigenen Mut. Die Furcht, uns selbst in die Augen zu sehen. Denn jede Änderung, die wir in unserem Leben herbeiführen, ist eine Konfrontation mit dem eigenen Ich: Wir befragen uns, wer wir sind und was wir wollen, gestehen uns unsere Fehler ein und blicken unseren Schwächen ins Auge.

Auch ich fürchte mich und kann nicht loslassen. Während der Kopf nach vorne schaut, blickt das Herz zurück – und fürchtet sich davor, Vertrautes zurück- und Neues zuzulassen.

Selbst denken

16. 03. 2011  •  36 Kommentare

Ich habe nun schon mehrfach gehört, zum Thema Japan werde zu viel berichtet: zu viele Informationen, zu widersprüchliche Informationen, zu reißerische Informationen.

Ich verstehe diese Haltung nicht. Zwar verstehe ich durchaus das Gefühl, mit der Ereignislage überfordert zu sein. Aber ich verstehe nicht die Schuldzuweisungen in Richtung der Fernsehsender, Onlineredaktionen und Social-Media-Plattformen.

Die Redaktionen berichten, was sie wissen. Sie sagen aber auch, was sie nicht wissen. Eine Nachricht ist eine Nachricht und gehört – ihre Folgen abwägend, aber schlussendlich immer – veröffentlicht.

Wenn ich höre: Brand in Fukushima, Brand gelöscht, Brand doch nicht gelöscht – ja, dann ist das so. Wenn ich außerdem höre, dass die Quelle der AKW-Betreiber Tepco ist, dann denke ich mir etwas dazu. Besonders, wenn die Nachrichtenlage dauerhaft widersprüchlich ist. Wichtig ist doch: Wer hat was gesagt? Wo befindet sich der Korrespondent? Was sind seine Quellen? Denken muss ich schon noch selbst. Offensichtlich meinen manche Couch Potatoes, jemand könnte ihnen das abnehmen.

Niemals früher hatten wir eine solche Vielzahl an Nachrichtendiensten und eine ebensolche Vielzahl an Social-Media-Quellen zur Verfügung. In ihrer Gesamtschau ergeben sie einen fabelhaften Überblick – soweit dieser Überlick überhaupt existiert. Soweit er sogar vor Ort überhaupt existiert.

Wie diverse Quellen zu bewerten sind, sollte inzwischen jeder wissen. Das Öffentlich-Rechtlichen sind okay, N24 ist nicht die ARD, und die BILD ist das KISS des Journalismus: laut, blutig und Zunge raus. Twitter hingegen ist meine Nachbarin, die mit Kittelschürze im Fenster hängt. Ja und? Immerhin kann ich durch ihr Fenster auf die Straße blicken.

Alle Informationen aller Quellen kann man doch erstmal hinnehmen, unter den genannten Vorbehalten. Dabei: selbst denken. Und akzeptieren, dass man manches einfach nicht weiß. Dass niemand es weiß. Aber das scheint wohl das Schwierigste zu sein.

Ein Versuch, Worte für die Ereignisse in Japan zu finden

15. 03. 2011  •  38 Kommentare

Es ist schwer , sich das alles vorzustellen.

Aber wenn ich es mir nun doch vorstelle.

Wenn ich mir vorstelle, dass alles wackelt, alles zerberstet. Dass Sirenen heulen. Dass ich zehn Minuten Zeit habe, um auf einen Hügel zu laufen. Dass ich in der Kleidung, die ich in dem Moment trage, in einer Jeans und in einem Sweatshirt, auf diesem Hügel stehe und sehe, wie schwarzes Wasser alles, was ist, zu Müll zermalmt.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich danach umherlaufe, mehrere Stunden. Dass ich auf Wasser und Trümmer blicke. Dass ich bei Einbruch der Dunkelheit, wenn es kalt wird, begriffen habe, dass ich nicht mehr nach Hause gehen kann, weil dieses Zuhause weg ist.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich dann in eine Schule oder eine Turnhalle oder wohin auch immer gehe. Dass ich mich dort in meinem Sweatshirt und meiner Jeans, also mit allem, was ich noch habe, zu den anderen Menschen auf den Boden setze und dort sitzenbleibe, weil: Was soll ich sonst tun? Wenn ich mir dies alles vorstelle, erkenne ich, dass ich mir das gar nicht richtig vorstellen kann. Und dass es vielleicht vermessen ist, überhaupt zu versuchen, sich in die Menschen, die dies erlebt haben, hineinzuversetzen.

Doch es geht weiter. Der Verlust des Hab und Guts, der vertrauten Umgebung. Es ist der nächste Morgen, und ich beginne zu verstehen, dass das Beben und das Wasser nicht nur meine Wohnung, sondern alle Wohnungen zerstört haben. Den Garten, die Nachbarschaft, den gesamten Ort, das Haus meiner Eltern, in dem ich aufgewachsen bin. Dass alles weg ist, die Zeugen meines Lebens, die Familienfotos, die Andenken und die Orte, die meine Identität geprägt haben. Dass meine Wurzeln, mein Ich, meine Erinnerungen, die immer irgendwo als Ort existierten, weg sind.

Ich sitze also da, in meinem Sweatshirt und meiner Jeans, auf dem Boden einer Turnhalle, orientierungslos in meiner zerstörten Umgebung und orientierungslos in mir selbst. Ich stehe auf und irre umher. Ich gehe und laufe, durchsuche die Umgebung nach Spuren von Menschen und Spuren von Dingen und Orten, die ein Teil von mir sind. Um irgendwie zu verstehen. Egal, was ich finde, ob es ein Buch ist oder ein Foto oder eine Socke. Ich nehme es mit, um mich daran festzuhalten.

„Und die Toten und Verletzten?“, fragen Sie. „Warum schreibt sie nur über Dinge, nicht über Menschen?“ Ja, die Menschen. Die Eltern, Kinder, Ehepartner und Freunde. Auch der Nachbar. Der Gedanke, dass sie in einer anderen Turnhalle liegen als meiner, verschnürt in einer Decke; dass sie ertrunken oder verbrannt sind; dass ich sie nicht einmal beerdigen kann; dass sie aufgedunsen zwischen Trümmern in halbhohem Wasser verwesen – das ist mit Worten nicht zu beschreiben. Das ist zu monströs.

Doch es geht weiter.

Soll ich Ihnen mal was sagen?

24. 01. 2011  •  41 Kommentare

Vermissen ist scheiße. Sehnsucht ist scheiße.
Und alle, die sagen, „Nee, falsch, Vermissen ist toll! Vermissen zeigt, dass du Gefühle hast! Vermissen zeigt, dass du geliebt hast! Wie viele Menschen können schon von sich behaupten, jemals richtig geliebt zu haben!“, sind schwätzende Gefühlshonks.

Vermissen ist scheiße. Es wird auch nicht weniger, je mehr Zeit vergeht. Die Sehnsucht wird weniger, aber das Vermissen nicht.

Vermissen, Sehnsucht – „Hä, was’n da der Unterschied?“
Also. Ich sag mal, wie das bei mir ist.

Sehnsucht – das ist in meinem Leben die Sucht, sich zu sehn. So ganz wörtlich. Nicht nur, sich zu treffen und dann zu sehen – sondern auch, sich so zu sehen, wie man gemeinsam sein will. Oder wie man war, als man zuletzt glücklich war.

Geht es auseinander, ist Sehnsucht nur noch die Sucht nach dem, „was war“. Der Wunsch nach dem, was nicht mehr da ist. Von dem der Kopf sogar weiß, dass es nicht mehr da ist, das das Herz aber trotzdem wiederhaben und in eine rosige Zukunft verfrachten möchte.

Dieser Wunsch verwächst sich nach ein paar Wochen. Oder Monaten. Oder whatever. Das sind die Wunden, die die Zeit heilt. Das ist die Sehnsucht.

Beim Vermissen geht es nicht um Zeit. Es geht nicht um die Vergangenheit, die wir einmal hatten, nicht um die Zukunft, die es hätte geben können. Es geht nur um das Heute. Es geht um die Momente, in denen ich dastehe und leise denke: „Das würde ich jetzt gerne mit dir teilen.“

Die Sehnsucht – sie geht weg. Aber diese Momente bleiben.

Die verlorene Leidenschaft

19. 12. 2010  •  45 Kommentare

Geht dem Leben mit der Zeit die Leidenschaft verloren?

Früher war das Sein verzaubert. Früher hatte ich Ehrgeiz zu gewinnen. Früher hatte ich das Talent, mich zu verlieben, von jetzt auf gleich.

Heute lebe ich ohne Aufgeregtheit. Heute möchte ich nicht mehr unbedingt gewinnen. Heute verliebe ich mich nicht einfach, nicht beim ersten und auch nicht beim zweiten Blick.

Ist das nun die allseits gepriesene Gelassenheit, die, zugegeben, vieles einfacher macht – aber auch weniger intensiv? Sind es Enttäuschungen, die zur Vorsicht mahnen? Oder ist es, und das ist der schlimmste Gedanke, eine unumstößliche Desillusion, die im schlechtesten Fall in Verbitterung endet und im besten nur das Leben entzaubert?

Manche Menschen

12. 10. 2010  •  11 Kommentare

Weil ich rührselig bin:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=OPIRV2LiHDk&fs=1&hl=de_DE&color1=0xe1600f&color2=0xfebd01]

Und jetzt noch eine Geschichte:

Die Sängerin im Video ist Vanessa Maurischat. Vanessa Maurischats Stimme erinnert mich an Mia.

Mia lebte in meinem Heimatort. Sie war dünn und rothaarig, auf eine Andrea-Sawatzki-Art-und-Weise apart, mit Sommersprossen und Gliedmaßen, die an ihr wirkten wie Äste im Winter. Sollte ich Mia einen Farbton zuordnen, wäre es Pastell. Oder Cremeweiß.

Ich lernte Mia über Sina kennen. Sina sang in einem Chor. Und weil wir Freundinnen waren, schaute ich Sina manchmal zu, wenn sie mit ihrem Chor einen Auftritt hatte. Mia sang zwar auch in diesem Chor, aber irgendwie auch nicht. Sie war nicht oft da, und wenn, dann stand sie im Publikum, ein bisschen gelangweilt, ein bisschen Dekoration.

Eines Tages aber, es war Winter, und wieder stand der Chor auf der Bühne, wieder saß ich im Publikum, trat Mia vor. Es wurde still im Saal. In der letzten Reihe klirrten leise Gläser.

Kein Klavier zum Einstieg. Der Chor senkte die Köpfe. Mia erhob die Stimme und sang das Lied der Maria Magdalena des „Jesus Christ Superstar“-Musicals. Aus dem kleinen Mädchen mit den roten Haaren, aus dem schmalen Körper mit den Ästen an den Seiten, aus diesem zerbrechlichen Pastellmenschen kam eine Stimme wie ein sattes Rot, voll und warm, durchdringend und verwöhnend. Nicht hoch. Sogar erstaunlich tief. Ihr Klang erfüllte den Saal, umhüllte mich, erfüllte mich, machte eine Atem stockende Gänsehaut. Eine Stimme wie ein Federbett, so dick und weich, dass ich mir wünschte, nie wieder daraus hervorkriechen zu müssen.

Nach diesem Auftritt verließ Mia den Chor, verließ die Stadt und ich hatte niemals wieder die Chance, sie singen zu hören.

Lebensweisheit aus dem Vierersitz

13. 09. 2010  •  20 Kommentare

Eine Mütterchen sitzt in einem Vierersitz in der Bahn. Sie ist klein und runzlig. Um ihr graues Haar wickelt sich ein buntes Kopftuch.

Ihr gegenüber sitzt eine Dreißigerin. Sie hat Make up und Parfum aufgelegt und klammert sich an ihre Handtasche.

Mütterchen: [mit russischem Akzent] Chast du noch Verabredung cheute abend? Schaust chubsch aus.
Dreißigerin:
In Münster.
Mütterchen:
In Munster! Fahrst du Munster jetzt? Wieso? Der Mann muss zu dir kommen und nicht du durch dunkle Nacht fahren! Ist es guter Mann, den du triffst?
Dreißigerin:
Es ist unser erstes Date.
Mütterchen: [murmelt russische Beschwörungsformel] Dann chabe ich Tipp fur dich. Schaust du nicht nur, dass Mann chilft dir mit deine Jacke und mit Tur und bezahlt Essen.  Wichtiger ist, dass Mann ist tuchtig und fleißig. Weil weißt du … gibt es Männer, die tanzen bei erste Verabredung um Frau und machen Chonig um Mund, aber chintercher sitzen sie nur auf Kautsch und schauen Glotze. Weiß ich, wovon ich rede! Deshalb sage ich immer: Lass Mann machen und gib Mann Verantwortung, dass er muss merken, dass er chat Chose an. Sonst wird er faul. Merke dir Spruch von weise Frau: Mann ist die Kopf von eine Beziehung, aber Frau ist die Chals, die sich dreht.

Ra(s)tlos

26. 01. 2010  •  Keine Kommentare
Denise war stets davon ausgegangen, dass das Leben sich langsam steigern würde, Leute sich vervielfältigen, Ereignisse sich drängen, dass das Leben mit dreißig ihr vorkommen müsste wie mit zweimal zwanzig. Sie hatte vermutet, es könnte sich überwuchern wie ein Garten. Aber es sah nicht danach aus. Zwischen zwanzig und dreißig schoss das Leben ins Kraut, mit dreißig dünnte es sich aus auf das, was man hegte und pflegte.
aus: Andrew Sean Greer. Die Nacht des Lichts, S.88

Was habe ich nicht alles zwischen 20 und 30 erlebt! Ich habe geliebt und mich entliebt, habe eine Wohnung eingerichtet, noch eine Wohnung und noch eine, hatte mal wenig, mal viel Geld, habe Städte erobert – für Wochen, Monate und Jahre, habe Meilen gesammelt und Autobahnkilometer gezählt. Ich bin nach China gereist, in die USA, nach Island, Schweden, Finnland, Norwegen, nach Russland und Italien, habe unter dem Eiffelturm Silvester gefeiert. Ich habe Menschen getroffen und Freunde gefunden.

Doch jetzt – und da spricht mir das Zitat aus der Seele – gibt es einen Status Quo, unweigerlich, ohne dass ich es wollte. Er stellte sich einfach ein. Ich habe in meinen rastlosen Zwanzigern einen Beruf erlernt (fast nebenbei, wie es im Nachhinein scheint) und Anstellungen gefunden; ich habe eine Partnerschaft, eine Wohnung, eine Rentenversicherung und einen Bausparvertrag.

Ich bin vorsichtiger geworden. Bedächtiger. Ich stürme nicht mehr los. Ich wäge ab. Wer etwas hat, hat etwas zu verlieren. Das ist neu. Das war früher nicht so.

Ich entdecke an mir, dass ich weniger beweglich bin, nicht mehr so offen und sorglos. Ich vertraue nicht mehr jedem, nenne nicht jeden meinen Freund; genau genommen habe ich nur wenige Freunde. Ich lasse Beziehungen im Sand verlaufen, vorsätzlich. Ich weiß jetzt zu unterscheiden zwischen denen, mit denen ich mein Leben teilen möchte, und denen, die nur in ihm vorkommen.

Die Dynamik des Aufbruchs ist verflogen. Schön war sie, ja. Nun bin ich glücklich mit dem Stillstand, dem Langsamerwerden, dem Hegen und Pflegen des Gewonnenen.

Oder kultiviere ich nur die Gewohnheit? Muss es tatsächlich bei dem einen Leben bleiben? Schließlich bin auch ich nicht nur die Eine; ich bin die Ruhige und die Lebhafte, die Mutige und die Ängstliche, die Realistin und die Träumerin.

In wilden Momenten möchte ich mit gestrecktem Arm meinen Büroschreibtisch leerfegen, die Tür hinter mir offen stehen lassen und fortlaufen zu einer zweiten Ich-Zentrale: einem Haus am See, wo ich Gemüse züchte und Bücher schreibe, zu einem Drei-Generationen-Loft, das ich plane und mit freundlichen Menschen bewohne, oder – weniger prätentiös – zu einem Einfamilienhaus von stattlicher Spießigkeit, in dem ich vier muntere Kinder aufziehe.

Nichts als Spinnereien. Du weißt doch gar nicht, was Du willst, sagt mein kritisches Ich. Du hast nur Angst, Dich festzulegen. Was Du auch änderst, wo Du auch landest, Du nimmst Dich selbst mit – denk dran.

Die Welt steht Dir offen, sagt mein wohlgemutes Ich. Sorge für die Basis und mach Dich fort. Niemand hält Dich auf. Du hast die Kraft, neu Wurzeln zu schlagen. Das Leben ist kurz, und es ist Deins, nur Deins allein.

Nessy, ra(s)tlos.

Der Kuss

1. 01. 2008  •  Keine Kommentare

Es war dieses Silvester Mitte der 90er, als es minus 20 Grad hatte. Nur die Hauptstraßen unserer kleinen Stadt waren vom Schnee und vom Eis befreit. Auf den Nebenstraßen, den Anliegerstraßen und in den kleinen Gassen, auf den Höfen und Terrassen lag eine dicke, plattgetretene, gefrorene Schneeschicht, die so hart war, dass sie erst Wochen, nachdem sich erste Krokusse ans Licht gewagt hatten, geschmolzen war.

Wir gingen hinaus mit Mütze und Handschuhen, in einer langen Unterhose und den Schal nicht nur um den Hals, sondern eng um Mund und Nase gewickelt. Männern mit Schnurrbärten gefror ihr Atem in den borstigen Haaren, und Frauen, die gerade geboren hatten, blieben mit ihren Kindern vor den Kaminen der Einfamilienhäuser sitzen und blickten versonnen ins Funkeln des Weihnachtsbaums, das sich im Fenster spiegelte.

Wir waren eine Gruppe von vielleicht acht Leuten, eine lose zusammengewürfelte Clique, die sich erst vor ein paar Monaten gefunden hatte. Es ergab sich, dass wir in einer hölzernen Gartenhütte in einer Reihenhaussiedlung feiern konnten, umgeben von zwei Heizlüftern, auf Campingstühlen und Plastikliegen. Wir saßen im Kreis um einen Tisch herum, machten Raclette, erzählten und lachten viel. Die Bravo Hits des Jahres quollen aus den Boxen eines CD-Kassetten-Decks, und wahrscheinlich wechselten sie sich ab mit Kuschelrock und Roxette, denn das war es, was wir zu dieser Zeit und zu dererlei Anlässen hörten.

Von Zeit zu Zeit, immer dann, wenn uns in dieser winzigen Hütte mit den zwei Heizlüftern zu warm wurde, öffneten wir die Hüttentür mit den Butzenscheiben und den dicken, gehäkelten Spitzengardinchen. Die Luft unter der Decke wurde augenblicklich zu Dampf und waberte in dicken Schwaden hinaus in die Kälte. Es war unwirklich und dauerte nur wenige Sekunden, ehe wir die Tür wieder zurissen und uns mit schlotternden Leibern wünschten, wir hätten sie nie geöffnet.

In einem dieser Momente blickte ich ihn zum ersten Mal an, wie er ebenfalls dasaß und zu frieren begann. Er war zu dieser Zeit mit Miriam zusammen, einer 17-Jährigen, die bereits vor Mitternacht von ihrem Vater abgeholt werden würde, weil sie nicht länger aus bleiben durfte. Sie war eine zarte, braunhaarige Elfe mit Porzellanhaut und Locken, die ihr auf den Rücken hinabhingen und bei jeder Bewegung sanft hüpften. Sie war schön im klassischen Sinne, doch sie war eine Puppe und reizte ihn nicht, das sah ich gleich. Wenn er sie umarmte und ihr einen kurzen Kuss auf die weißen Wangen drückte, hielt er die Augen geöffnet und ließ jene Innigkeit vermissen, wie sie Verliebten zu eigen ist, wenn um sie herum im Augenblick gegenseitiger Berührung die Umgebung in Bedeutungslosigkeit verschwimmt.

Um kurz vor elf wurde sie also abgeholt, obwohl Silvester war, obwohl wir alle wie in einem Schlafsaal im Wohnzimmer dieses Reihenhauses schlafen würden und obwohl sie bereits 17 war. Er drückte ihr wieder einen dieser scheuen Augen-auf-Küsse auf die Wange, während ihr Vater im Auto wartete und die Abgaswolken aus dem Auspuff des Wagens quollen. Als er zurück in die Gartenlaube kam – die warme Luft wurde sofort dunstig, als er durch die Tür schlüpfte -, setzte er sich neben mich in einen freien Campingstuhl. So saßen wir beeinander, ich bot ihm von den Chips an, und er blickte mich immer wieder von der Seite an.

Es wurde Mitternacht, und als wir mit gefüllten Sektgläsern, in Mützen und Handschuhen, die Schals über den Mund gezogen, auf dem plattgetreten Schnee in der Anliegerstraße standen und die ersten von uns Raketen steigen ließen, blickte er mich an, schob meinen Schal beiseite und küsste mich lange und innig. Dann ging er zu den anderen Jungs und knallte und lachte, während wir Mädels frierend zusahen und an unserem Sekt nippten.

Das Jahr, das mit einem Kuss begann, war eines, das bestimmt sein sollte von Veränderungen, aber noch mehr bestimmt von einer wilden Verliebtheit, die nicht Grund für die Veränderungen war, sie aber ebenso fürsorglich wie ungestüm begleitete.

Über die Unsicherheit

18. 11. 2007  •  Keine Kommentare
Am quälendsten ist die Unsicherheit, das Nicht-Wissen, was wird, vielleicht auch, was war und ob überhaupt noch oder jemals wieder.

Frau A. hat eine Antwort eingefordert und sie bekommen. Es ist keine schöne Antwort, doch meistens wissen wir schon, bevor wir fragen, dass das, was gesagt werden wird, genau das ist, was wir eben nicht hören wollen. Gerade, wenn wir lange warten müssen. Aber wir fragen trotzdem, nicht um des Fragens, sondern um der Gewissheit willen. Um abschließen zu können mit einer Episode im Theaterstück, das unser Leben ist, auf dass die Bühne frei und die Kulisse umgebaut wird für den nächsten Auftritt. Schließlich muss die Geschichte fortgeschrieben werden, wir wollen es, denn wir spielen zwar mit, doch wir kennen das Ende nicht. Das Kuriose ist, dass wir selbst, ohne es zu wissen, die Autoren sind, aber das merken wir immer erst dann, wenn wir straucheln und den Souffleur suchen, den es nicht gibt oder der gerade eingeschlafen ist auf seinem kleinen Stühlchen vor der Bühne und uns deshalb nicht zuflüstern kann, wie wir weiter agieren und welche Stichworte wir unseren Mitspielerin geben sollen, damit diese wiederum Stichworte geben an jene, die ebenfalls Stichworte geben und dem Stück seinen Fortgang schenken, den es ohne uns nicht hätte oder doch.

Unser aller Ziel ist es, fortzuschreiten in dem, was wir tun, was wir sind und was wir sein wollen, in dem, wonach wir streben, manchmal ohne zu wissen, was genau unser Ziel ist und ob wir überhaupt eines haben. Doch wir haben eins, wir alle, jeder Einzelne von uns – nicht immer vor Augen, aber in unserem Herzen. Wir möchten ankommen auf unserer Suche nach Zufriedenheit – einer Zufriedenheit genährt aus der Genugtuung, etwas bewegt und Menschen geliebt zu haben, kurzum: Gelebt zu haben, nicht nur im Großen, sondern auch im Alltäglichen. Wir wollen, und das ist unser Wesen als Existenzen in einer Welt, die, schaut man sie mit der Distanz von Zugvögeln an, keine Individuen kennt – wir wollen unsere Fußspuren hinterlassen, auch auf die Gefahr hin, dass der nächste Schnee sie zudeckt und der nächste Regen sie fortschwemmt. Mindestens einem sollen sie bis dahin den Weg gewiesen haben, mindestens einer soll hineingetreten sein, mindestens einer soll über sie stolpern dürfen, wie sie kleine Gruben bilden in getrockneter Erde.

Und so wünschen wir uns, einmal – mindestens einmal, doch eher scheint es mir, als sei es in jedem Lebensjahrzehnt einmal – mit einem Menschen so intensive Glücksmomente geteilt zu haben, einmal mit bloßen Händen seine Seele berührt zu haben, dass wir in sein Gedächtnis eingebrannt sind, so dass er noch an uns denkt, wenn unsere Halbwertzeit bereits verstrichen ist. Nicht immer gelingt es uns, den anderen von uns zu überzeugen, und dann ist es umso bitterer, wenn er uns bereits von sich überzeugt hat, denn Ungleichheit bringt nichts als Unzufriedenheit, und Unzufriedenheit ist eben genau das Gegenteil jenes Gemütszustands, den wir für uns erstreben.

Zurück aber zur Unsicherheit. Sie birgt immer dann Kraft in sich, wenn sie Neues gebiert und dabei unsere Geduld fordert, und immer dann Schmerz, wenn sie Altes zu Grabe zu tragen wünscht und dabei auf Schweigen stößt. Manchmal sind diese zwei Dinge eins, weil sie die Gelegenheit bieten, dem Theaterstück eine Wendung zu geben, manchmal sind sie nur ähnlich, weil sie lediglich Intermezzi sind, die Gefühle verwirren, uns aber nicht fortschreiten lassen, und manchmal ist das zweite die Voraussetzung für das erste, nur dass wir kaum bemerken, wann das Alte endet und wann das Neue beginnt. Erst, wenn wir der Unsicherheit ein Gesicht geben und sie in das Kästchen unserer Erfahrungen stecken können, wir sie damit ihres Selbst berauben und über sie triumphieren, stellt sich ein Funken der Zufriedenheit ein, der uns später gemeinsam mit anderen Funken Wärme spenden wird.



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