Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Milchwölkchen«

Ohne Filter

18. 11. 2015  •  7 Kommentare

Wir sitzen am Freitagabend auf dem Sofa, meine Freundin und ich. Wir schnacken, das Länderspiel läuft, dann ist es zu Ende. „Mach mal lauter“, sagt sie plötzlich. Das Publikum rennt aufs Feld, das ist ungewöhnlich. Doch mein erster Griff geht zum Handy; ich rufe Twitter auf.

Ja, da ist tatsächlich etwas, es muss etwas passiert sein. Ich wechsle zur Website von „Le Figaro“ – oder ist es „Le Monde“? „Fusillades.“ „Attaques.“ Der zweite Griff dann zur Fernbedienung; in Richtung n-tv und weiter zu einem französischen Sender. Polizeifahrzeuge, eine Absperrung, Sirenen. Wie stets bei solchen Ereignissen ist es gleichermaßen verstörend wie fesselnd – im  neutralen, wertfreien Sinne -, in Wolldecke im Wohnzimmer zu sitzen und durch eine Scheibe hindurch zu sehen, was in der Entfernung geschieht.

Binnen einer Stunde steigt die Zahl der Toten; ein Grauen, mit dem ich nicht konfrontiert sein möchte, das ich aber, einmal konfrontiert, nicht mit der Fernbedienung ausschalten kann, möchte. Als ob das Erfahren der Nachricht mir die Verantwortung aufbürdet, sie weiter zu begleiten. Vielleicht auch, weil das Dasitzen und Zugucken gleichzeitig ein Sichversichern ist, dass dieses Ereignis zwar nah, aber doch fernab geschieht. Eine Fortsetzung des Abends in seiner usprünglichen Form ist ohnehin nicht möglich; ein Insbettgehen ebensowenig, zu groß die Befürchtung, ich wache am nächsten Morgen auf und die Dimension des Angriffs hat sich vervielfacht, es hat gar weitere Attentate gegeben – als ob ein Wachbleiben dies verhindert. Natürlich verhindert es das nicht, aber Wachbleiben bewahrt mich davor, nach dem Frieden der Nacht davon überrascht zu werden.

Die Fernsehbilder zeigen weiterhin Sirenen und Einsatzfahrzeuge, und Twitter offenbart einmal mehr, was seine Stärke und seine Schwäche ist: Es ist die beste und gleichzeitig die verwirrendste Quelle. Authentisch – doch unreflektiert und spekulativ. Zusammenhangslos – ein Bild zeichnend. Informativ und sachlich – voller Gefühle; aller Gefühle, der passenden wie der unpassenden, der selbst empfundenen und der mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommenen.

Als erste Nachrichten aus dem Bataclan dringen – Nachrichten von Eingeschlossenen; Tweets von Menschen, die bitten, das Gebäude zu stürmen -, verspüre ich ein Erstarren. Das hier ist eine Grenze; hier wird gerade etwas überschritten, der Filter ist fort: Die, über die bis jetzt nur berichtet wurde, sprechen nun selbst, hier bei mir; ich halte mein Smartphone und auf dem Smartphone ihre Nachrichten in meiner Hand.

Doch sind es ihre Nachrichten? Bei allem weiß ich nicht, weiß niemand, was wahrhaftig ist; mir kommt kurz der Gedanke, dass Tweets und Posts  gesteuert, dass Meinungen und Empfindungen gelenkt sein könnten. Ich bleibe auf, um auch das zu erfahren: Was ist wahr?

Ich habe das Gefühl: Es ist nicht richtig, dem, was geschieht, weiter zu folgen. Aber die Menschen aus der Hand legen? Einen Knopf drücken, sie unsichtbar machen und zu Bett gehen? Nun, da ich ungewollt Zeuge geworden bin, ist es, als ließe ich sie allein, ginge ich schlafen. Dabei bin ich zu weit fort, um etwas anderes zu tun als zu gaffen. Wo aber ist die Grenze zwischen Voyeurismus und Anteilnahme? Zwischen der Hoffnung, alles möge gut ausgehen, zwischen dem Wunsch, diese Erleichterung zu erleben, jetzt, bald – und dem schockstarren Schrecken und seiner Anziehung?

Gegen ein Uhr gehen wir schlafen. Mit dem Empfinden, dass die schlimmsten Nachrichten nun gesendet wurden.

Merkel streichelt

16. 07. 2015  •  18 Kommentare

Tritt unsere Kanzlerin zum Bürgerdialog an, ist das kein Dialog. Es ist eine asymmetrische Kommunikation: Eine sendet, viele empfangen. Dazu gibt es ein paar Statisten, die Bürger.

In Rostock ist nun etwas passiert, das dieser Inszenierungsidee zuwider läuft: Eine dieser Statistinnen wird zur Akteurin und zwingt die Kanzlerin aus ihrer aktiven, kontrollierenden Rolle in die Defensive. Reem, ein palästinensisches Mädchen, erzählt von ihrer Abschiebesituation und beginnt nach abwiegelnden Worten der Kanzlerin zu weinen:

Im Gegensatz zu denen, die sagen, Merkels Reaktion sei unmenschlich, behaupte ich: Sie ist zutiefst menschlich – allerdings nicht Reem gegenüber, sondern bezogen auf Merkels eigene Situation.

Die Flüchtlingsfrage ist für Politikmanager eine abstrakte Frage, die sehr komplex ist, bei der es aber nur nachrangig um Humanität geht. Stattdessen geht es um Zahlen, um Infrastruktur und vor allem: um Interessensausgleich und um die Antizipation von Stimmungen – beim eigenen Volk, aber auch in der westlichen Gemeinschaft.

Die deutsche Mehrheit steht eher rechts von der Mitte, das zeigen die Wahlerfolge der CDU. Diese Ansprüche möchte Merkel befriedigen. Hinzu kommen die Ansprüche der europäischen Nachbarländer, anderer Staatsführer, der nationalen und internationalen Wirtschaftsführer, der Weltgemeinschaft. Das bestimmt ihr Handeln.

Jetzt sitzt da plötzlich ein Mädchen, ganz konkret, ein Einzelschicksal, wenn auch stellvertretend für eine Gruppe. Reem repräsentiert die immer noch aktuelle, seit Jahren durch politisches Aussitzen unangetastete Asyl- und Abschiebepraxis – und so behandelt Merkel sie auch: als abstrakte Stellvertreterin, als Platzhalterin, als Stichwortgeberin für politische Botschaften.

„Das ist manchmal auch hart, Politik … die einzige Antwort, die wir sagen, ist, bloß nicht so lange, dass es so lange dauert, bis die Sachen entschieden sind.“

Damit ist Reems Wortmeldung erledigt, abgehakt.

Doch dann passiert, was im Drehbuch nicht vorgesehen ist: Reem beginnt zu weinen und zieht damit nicht nur Aufmerksamkeit und Handlungshoheit von Merkel ab. Sie spiegelt Merkels kontrollierte Worte durch eine unkontrollierte Reaktion, sie übersetzt Phrasen in Handeln, indem sie die Konsequenzen dieses Handelns zeigt – und dadurch passiert etwas Erstaunliches: Die Rollen vertauschen sich.

Reems Weinen bringt Merkel dazu, ihr Reden zu unterbrechen. Merkel bricht damit aus ihrer Teflon-Professionalität aus, reagiert nur, scheint unbeholfen und hilflos – hält in ihrer Tapsigkeit aber an der Rollenzuschreibung von Reem als Stichwortgeberin fest:  

„Du hast das doch prima gemacht … weil du ganz toll dargestellt hast, in welche Situation man kommen kann …“

Das Tätscheln und Stammeln der Kanzlerin wirkt wie eine Übersprungshandlung, wie ein Konflikt zwischen zwei Instinkten: Der Instinkt der rationalen Staatsfrau trifft auf den Instinkt des, ja doch, Mitgefühls – allerdings ohne dass das Menschsein das Staatsfrausein unterminieren darf. Der überraschend eingeforderte Spagat, das sehen wir alle, funktioniert nicht, weil – ja, warum? Vielleicht, weil sich beide Ebenen, die politisch-abstrakte und die menschlich-konkrete, schon soweit voneinander entfernt haben.

Doch nur, was einen Menschen berührt, kann ihn aus dem Konzept bringen.

Reem hat Merkel und alle anderen politischen Entscheider deshalb hoffentlich daran erinnert, dass sie als Menschen für Menschen handeln – und nicht als Staatsmanager für Verträge und Kennzahlen.

Edit, 17. Juli: Die Szene in längerem Zusammenhang.

Kitastreik

28. 05. 2015  •  13 Kommentare

Letztens las ich morgens folgenden Tweet:

Mein erster Gedanke war: Ach!? Es ist immer noch Kita-Streik?!

Ich bin bekanntermaßen Nicht-Elter, habe nur Patenkinder, die weit aus dem Kita-Alter raus oder noch nicht drin sind. Mir war das nicht präsent.

Daraufhin begann ich mich zu wundern. Warum kriege ich das nicht mit? Warum hauen mir meine Nachrichtenquellen das Thema nicht um die Ohren?

Als die GDL streikte, wusste ich stets: Wer spricht grad mit wem (oder eben nicht), wie lange noch, wie sind die Befindlichkeiten in den verfeindeten Lagern, wie fühlt sich das am Bahnsteig stehende und sich auf Autobahnen stauende Volk – man hätte mich nachts wecken können: Ich konnte noch mit geschlossenen Augen sagen, wie die Situation am Gleis ist.

Der Kita-Streik geht hingegen an mir vorbei. Wo sind die Ökonomen, die öffentlich ausrechnen, was die Volkswirtschaft der Streik kostet? Wo ist die Druck machende, kennzahlenorientierte Arbeitgeberlobby, die Effizienzeinbußen hinnehmen muss, weil ihre MitarbeiterInnen ausfallen? Wo sind die Rufe der Berufsempörten nach einem Ende der Erpressung? Haben sich schon PolitikerInnen geäußert, laut?

Wo sind die großen Reportagen? Der Ü-Wagen vor der Kindertagesstätte, die Schalte ins Gewerkschaftslager, die aktuelle Lage auf Arbeitgeberseite? Wo ist die fortlaufende, penetrierende Berichterstattung – die sämtliche Aspekte beleuchtende, alle Emotionen bedienende Dauerbetrachtung, bis es uns aus den Ohren blutet?

Sind Kinder nicht so systemrelevant wie Züge? Als was sehen wir Kinderbetreuung – als ein Nice to Have für Frauen, die dank Streik endlich Gelegenheit haben, ihre mütterlichen Pflichten zu entdecken? Warum ist Kinderbetreuen Privatsache, während das Kinderhaben öffentlich gefordert wird?

Fragen über Fragen.

Als ich meine Verwunderung twitterte – und später meine Be-wunderung für die Eltern ergänzte -, schrieb mich Cathy Tarnow (34) an. Sie hat einen Sohn (2), wohnt in Hamburg und arbeitet als IT-Beraterin für Personalmanagementsoftware.

Sie sagte, sie habe kein Blog oder ähnliches, aber ich könne ihr gerne Fragen stellen. Das tat ich.

Wie stehst du zum Streik?

Cathy: Grundsätzlich stehe ich hinter den Forderungen im Sozialbereich. Die ErzieherInnen leisten äußerst wichtige Arbeit mit und an unseren Kindern. Die Arbeit ist körperlich und geistig anstrengend und fordert ständige Weiterbildung. Die Anforderungen an das soziale Personal steigen stetig und entsprechend sollte auch die Entlohnung steigen.

Aber:

Wenn es wahr ist, was man so hört, benehmen sich beide Streikparteien an Verhandlungstagen wie Kleinkinder. Keiner hört dem anderen zu, keiner will sich nur ein kleines Stück von seinem Standpunkt bewegen.

Außerdem finde ich, dass zuerst einmal alle ErzieherInnen bundesweit dasselbe Gehalt erhalten sollten. Warum gibt es immer noch Unterschiede zwischen den „alten“ und den „neuen“ Bundesländern?

Wie organisierst du die Betreuung während des Streiks?

Cathy:  Ich bin Elternsprecherin der Krippengruppe meines Sohnes. Als der unbefristete Streik angedroht wurde, habe ich die Organisation einer Elternbetreuung in unserer Kita übernommen. Die Idee dazu hat die Kita-Leitung selbst eingebracht, nur umsetzen können bzw. dürfen sie es nicht – die streiken ja selbst.

Ich habe unter dem Motto „Eltern helfen Eltern“  einen Aushang in der Kita gemacht und eine Rundmail an die Elternvertretungen versandt. In diesen rief ich dazu auf, dass wir als Eltern eine Notgruppe gründen sollten. Da auch betreuungsintensivere Krippenkinder betroffen sind, plante ich mit dem Schlüssel „ein Erwachsener – drei Kinder“.

Die Freiwilligen hielten sich anfangs zurück. Dazu muss man aber sagen, dass Hamburg eine Woche Ferien hatte und viele im Urlaub waren. Als aber deutlich wurde, dass der Streik über die Ferien hinaus geht, stiegen das Interesse und das Engagement. Es gab in der Zwischenzeit Tage, an denen wir bis zu sieben Erwachsene vor Ort waren.

Für diese Art der Notbetreuung sprechen diverse Vorteile:

  1. Man muss nicht jeden Tag der Woche frei nehmen (ob nun unbezahlt, Urlaub oder wie auch immer), da man sich abwechseln kann.
  2. Die Freiwilligen sind als ehrenamtliche Helfer in der Kita versichert.
  3. Man hockt nicht allein mit dem Kind daheim oder auf dem Spielplatz – die sozialen Kontakte für Kinder und Erwachsene sind gerade in diesen ungewohnten Zeiten enorm wichtig.
  4. Die Kinder sind trotzdem täglich in den Kita-Räumen, müssen sich also nach dem Streik nicht wieder völlig neu eingewöhnen.
  5. Unsere Kita-Leitung hat organisiert, dass wir verpflegt werden. Man muss also nicht täglich daheim kochen etc.

Unsere Kita bietet zwar glücklicherweise auch eine Notbetreuung durch vier ErzieherInnen an, die nicht der Gewerkschaft angehören. Dort werden aber ca. 45 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren betreut.

Meinen gerade zwei Jahre alt gewordenen Sohn Boas kann ich da nicht hingeben. Das würde er nicht verarbeiten können.

Wie wirkt sich der Streik auf deinen Job aus?

Cathy: Ich habe das große Glück bisher (nur) in Teilzeit zu arbeiten und einen äußerst verständnisvollen Chef zu haben. Er hat mir angeboten, erst einmal Minusstunden auf meinem Konto zu sammeln; durch Dienstreisen etc. werde ich die recht schnell wieder ausgleichen. Also konnte ich die erste Zeit täglich vor Ort sein.

Wenn im Job etwas Dringendes anlag, habe ich abends ein/zwei Stunden im Home Office gearbeitet.

Was belastet deine Familie am meisten?

Cathy:  Seit dem Streikbeginn schläft Boas sehr schlecht. Er findet abends schwer in den Schlaf und hat Alpträume. Dann wacht er auf, zieht zu uns ins Elternbett um, schläft da aber auch nur unruhig weiter. Eigentlich haben wir ein sehr ausgeglichenes Kind, aber die Schlafsituation wirkt sich natürlich auch auf die Tage aus, an denen er nun sehr launisch ist und wegen jeder Kleinigkeit explodiert. Das zieht sich dann entsprechend auch über die Wochenenden, die damit kaum noch Erholung bieten.

Außerdem habe ich natürlich trotzdem ein schlechtes Gewissen meinem Arbeitgeber gegenüber, was ich mit in meine Nächte nehme. Man sorgt sich, wie lange diese Situation noch anhalten wird und wie man in Zukunft weiter damit verfahren wird.

Wir sind alle sehr müde und gehen nervlich auf dem Zahnfleisch.

Unternimmst du etwas zur Unterstützung der ErzieherInnen?

Cathy: Ja, definitiv!

Gerade am Dienstagmorgen war ich mit einer weiteren Elternsprecherin in der Kita, um den ErzieherInnen der Notgruppe unseren Beistand zu zeigen. Wir hatten das Gefühl, dass sie mehr Kinder zu sich nahmen, als machbar war. Deshalb wollten ihnen verdeutlichen, dass sie auf sich selbst auch aufpassen sollen. Wir können es nicht gebrauchen, dass sie aufgrund von hieraus verschuldeter Krankheit ausfallen – während der Streikzeit nicht und auch nicht danach.

Ansonsten beteiligte ich mich in der Zwischenzeit an ein paar Aktionen, beide Vertragsparteien an den Verhandlungstisch zurück zu bekommen:

Am vergangenen Freitag haben wir beispielsweise ein Eltern-Kind-Picknick im Hamburger Rathaus ausgerichtet und Dienstagnachmittag sind wir gemeinsam mit dem LEA (Landeselternausschuss Hamburg) und einigen ErzieherInnen in der Hamburger Innenstadt demonstrieren gegangen.

Das Problem ist ja, dass die Arbeitgeber keinen wirtschaftlichen Schaden von dem Streik tragen. Vielmehr machen sie ein Plus, weil die meisten die Elternbeiträge für die Streikzeit nicht zurück erstatten, haben aber weniger Ausgaben. Die Gesetzeslage ist nicht ganz eindeutig, aber ich kann allen Eltern nur empfehlen, Anträge zur Rückerstattung bei ihrer jeweiligen Kita-Leitung zu stellen. Einige Träger bieten hierfür Formulare an, bei alle anderen reicht ggf. auch ein einfaches Schreiben.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Kinderbetreuung?

Cathy: Einen besseren Betreuungsschlüssel beispielsweise. Vor allem so, dass dieser auch in einem Großteil der Zeit eingehalten werden kann und nicht nur auf dem Papier Bestand hat.

Bei unserem Träger fiel gerade auf, dass Gelder gestrichen wurden, die Personalausfall wegen z. B. Weiterbildungen auffangen sollten. Eine der ErzieherInnen von Boas macht aktuell eine einjährige Weiterbildung und steht deswegen mindestens einen Tag pro Woche nicht für die Betreuung zur Verfügung. An diesem Tag ist meist ein Springer in der Gruppe. Fällt aber an anderer Stelle in der Kita weiteres Personal aus (Urlaub/Krankheit), muss der Springer dorthin und der gesetzlich vorgesehene Betreuungsschlüssel kann nicht eingehalten werden. Das ist für ein/zwei Tage vielleicht akzeptabel, aber für die Dauer eines Jahres finde ich das für die Kinder, gerade im Krippenbereich, schwer zumutbar. Es geht schließlich auch um pädagogische Arbeit und nicht nur Verwahrung der Kinder!

Gibt es sonst etwas, was du sagen möchtest?

Cathy: Ich finde es unverschämt, dass die Streikparteien so lange nichts tun; nur, weil der Schaden nicht auf ihren Schultern liegt.

Es kam mir sogar zu Ohren, dass ver.di Aktionen der Eltern fest für sich eingeplant hat – die Eltern für sich auf die Straße gehen lassen will. Am meisten leiden eben doch die Kinder, die das Durcheinander überhaupt nicht verstehen können. Die Kinder und die Eltern werden die Auswirkungen auch nach Aussetzen des Streiks noch lange spüren. Das wird sehr wahrscheinlich auch in Zukunft die Zusammenarbeit mit den Kitas negativ beeinflussen.

Auch wünsche ich mir etwas mehr Verständnis für den Unmut der Eltern, da gibt es teilweise wirklich kränkende Wortmeldungen im Internet und auf anderen Plattformen. Ich habe meinen Sohn nicht nur in die Kita gegeben, um arbeiten zu können, sondern auch, weil ich die pädagogische Arbeit gar nicht allein in diesem Umfang leisten kann. Es wäre schön, wenn er diese ganz bald wieder genießen kann!

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Lesenswerte Beiträge zum Thema:

Wer sich die Fragen nehmen möchte, nur zu! Ich verlinke gerne an dieser Stelle auf weitere Kitastreik-Beiträge.

#laterblog: Förderunterricht für Gefühle

11. 03. 2015  •  16 Kommentare

Heute las ich einen Tweet.

Tweet: Wenn die Zeit alle Wunden heilt und sich dabei auch noch beeilt, dann ist alles gut.

 

Dazu aus der bekannten und unterschätzten Abteilung „Geschriebene, aber liegen gelassene Blogartikel“, Sommer 2011:

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Statusmeldung

Beruf: gut. Körper: fit. Karma: keins. Gefühle: für’n Arsch.

Da mache ich nun alles, um drüber hinwegzukommen. Treibe Sport. Renne durch den Park wie ’ne Blöde. Inzwischen eine Stunde lang. Nur die Fünf-Kilometer-Runde? Zu kurz. Besser sechs, sieben, acht. Ich bin keine Läuferin, war nie eine. Eine Stunde laufen, das ist mein Gipfel der Fitness.

Ich fahre Rad. Habe meine Durchschnittsgeschwindigkeit zur Arbeit von 18 auf 21 km/h gesteigert. Fahre beide Berge in hohen Gängen. Zeit: 23 Minuten. Vier Minuten schneller als im Frühjahr. Verrückt.

Wenn ich nicht Rad fahre oder laufe, renne ich durch die Halle. Spurt zur Pilone, rückwärts zurück, seitwärts, vor. Oder springe Seil. Die Trainerin sagte neulich: „Was ist mit deinen Waden passiert?“ Das Gleiche, was mit meinen Armen passiert ist. Oder mit meinem Ruhepuls. Beim Blutspenden dachten sie, ich sei tot.

Wozu das alles? Glückshormone. Ich warte auf Glückshormone. Sport soll ja gut sein. Für Herzkreislauf und diese ganzen Dinge. Und fürs Befinden. Gegen Schwermut. Stimmt aber nicht. Fühle mich innen genauso schlecht wie im Januar, sehe von außen nur besser aus.

Überhaupt, außen. Ich gehe viel raus. Unter Leute. Sagt man: soll man. Ist gut, lenkt ab, hebt die Stimmung.

Ich schreibe lustige Geschichten. Wer will sich schließlich Geseiere anhören. Außerdem: Wenn man traurig schreibt, wird man traurig. Aus fröhlich schreiben folgt fröhlich sein.

Nun ja.
Einen Versuch war’s wert.

Die Zurückweisung nach so viel Vertrauen. Das war wie ein Tsunami. Zack, die Welle, alles weg. Ich stehe da, blicke auf die Trümmer und den Schlamm und denke: Das kann doch nicht sein.

Dazu die Stille. Schweigen. Statt Antworten. Das ist die eigentliche Verletzung. Anrufen? Traue ich mich nicht. Weggedrückt werden oder den Widerwillen, diese Abneigung in der Stimme hören, die sich einzig und allein gegen mich richtet, gegen das, was ich bin, wer ich bin – allein die Vorstellung ist Schmerz. So. Sehr. Großer. Schmerz.

Ich versuche, wütend zu sein, weil ich gelesen habe: Wut ist gut, dann kommt alles raus. Erst Nicht-Begreifen. Dann Wut. Dann wird alles gut.

Haha.
Schnapsidee.
Denn: Geht nicht.

Im Kopf – ja. Da habe ich alles klar, dort kann ich das. Im Kopf produziere ich gute, vorbildliche Wut; künstliche, synthetisch nach Polyester riechende, sich dramatisch an sich selbst abarbeitende Denkwut mit dekorativem Dramatikschleifchen.

Die ich mir nicht glaube. Weil: Das Herz, die dumme Sau, schnallt das nicht. Kriegt nichts mit. NICHTS! Und nichts auf die Kette. Verpasst jeden vermaledeiten, jeden VERFICKTEN Einsatz.

Okay, sag‘ ich mir.
Was soll’s, sag‘ ich mir.

Jeder lernt in seinem Tempo.
Wer’s nicht kapiert, kriegt eben Nachhilfe.
Förderunterricht für Gefühle.

Ich sage dem Herzen, lasse ihm ausrichten: Ist shit-egal, du scheiß Herz. Mach, wie du meinst. Ich mache trotzdem weiter.

Weiter laufen.
Weiter unter Leute gehen.

Dann lernst du das schon. Dann geht das weg. Das merkst du gar nicht, du kleines Arschloch. Irgendwann werde ich morgens aufwachen, mich strecken und mir denken: Krass, ich hab‘ gestern beim Einschlafen gar nicht geheult. Und überhaupt: Ich fühle mich schon seit dem Mittag fast normal. Seit fetten 20 Stunden.

So werde ich aufwachen. Irgendwann.

Wie geht das? Wie kann das? Man kann Gefühle doch nicht dressieren.

Aber natürlich: Ich muss das akzeptieren.
Es ist mein Ding, damit klarzukommen.

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Reply: Sie heilt sie, aber beeilt sich nicht.

 

70 Jahre

2. 02. 2015  •  10 Kommentare

Steven Spielberg hat einen Film produziert. Sprecherin ist Meryl Streep.

Das Thema: Auschwitz-Birkenau. Vor 70 Jahren haben sowjetische Truppen das Konzentrationslager befreit.

Der Film ist 15 Minuten lang und lohnt sich. Auch wegen der Mittel, die Spielberg nutzt, um das Thema zu transportieren.

http://youtu.be/GDxuAVDkDtY

Es ist schon circa 15 Jahre her, dass ich die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht habe (in Auschwitz war ich noch nicht). Wenn ich mich recht entsinne, stehen dort nicht mehr viele Gebäude; von den Baracken standen nur zwei nachgebaute. Sonst waren nur Grundrisse zu sehen.

Es gab eine Führung; die Führerin hat nur beschrieben, wie viele Menschen dort gelebt haben, wie ihr Alltag aussah. Zahlen, Daten, Fakten.

Trotzdem – oder gerade deswegen – hat mich der Besuch sehr bewegt. Die Beschränkung auf Sachliche, dazu die eigene Vorstellungskraft: Es muss monströs gewesen sein, was dort geschehen ist.

Am nachdenklichsten hat mich der Hinweis gemacht, dass die Lagerinsassen täglich in einem Marsch durchs Dorf geführt wurden, um in der Umgebung zu arbeiten.

Und die Menschen in Dachau? Haben sie gedacht, es habe schon alles seine Richtigkeit? Es müsse ja einen Grund geben, warum sie im Lager sind? Ahnten Sie, was vor sich ging? Wussten sie es und hatten einfach Angst?

Was hätte ich getan, wenn ich seinerzeit dort gelebt hätte?

Ich weiß es nicht. Und das macht es am schlimmsten.

[Film via Max]

Abschied

29. 01. 2015  •  13 Kommentare

Es gibt Menschen, die oft Abschied feiern müssen. Aus beruflichen Gründen. Oder aus persönlichen. Weil sie oft umziehen. Oder weil sie ihr Leben mit Menschen teilen, die sich ihrerseits verabschieden.

In früheren Zeiten mag es noch mehr Abschiede gegeben haben als heute. Die Menschen starben schneller. Sie wurden verschleppt. Oder verheiratet. Es gab Kriege.

Bei Zeit Online findet sich ein wunderbarer Beitrag übers Abschiednehmen und Loslassen. Er ist von Sven Stillich.

Sven Stillich schreibt:

Es gibt in Deutschland ein bekanntes Schild. Darauf steht: „Wir bitten Sie, diesen Ort so zu verlassen, wie Sie ihn vorgefunden haben“. Gilt das auch für Menschen? Kann man einen Freund oder Partner verlassen, wie man ihn angetroffen hat? Nein.

Ich lese das, mein Herz wird schwer. Es müsste nicht nur einfach ein „Nein“ dort stehen, sondern ein energisches „Nein!“, ein „Natürlich nicht!“. Mir kommt die Geschichte vom kleinen Prinzen in den Sinn, dem der Fuchs sagt: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Denn was passiert, wenn wir uns einander vertraut machen? Stillich:

Wir lernen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, übernehmen seine Angewohnheiten oder ihren Humor, tauschen Ideen aus. Die Nervenbahnen zweier Gehirne verdrahten sich – und es bildet sich etwas, was Wissenschaftler „transaktives Gedächtnis“ nennen. Wir lagern Wissen in den anderen aus: Ich weiß nicht, wo die Kerzen sind, aber ich weiß, dass mein Partner das weiß. […]

Was also geschieht, wenn Menschen verlassen werden? Sie verlieren buchstäblich ihren Kopf. Sie sitzen nun da mit einem Humor, der nicht der ihre ist, mit Ritualen, die kein Gegenüber mehr haben, mit Gehirnstrukturen, die sie früher nicht hatten – und die sich über Monate oder Jahre hinweg nicht neu verdrahten werden.

Wir verlieren nicht nur den Anderen, wir verlieren auch uns selbst.

„Warum hast du dich überhaupt in dem Anderen verloren!“, maulen entrüstet diejenigen, die noch nie geliebt haben; die vielleicht auch nicht lieben können. Aber das ist ja das Schöne an der Liebe: Das man sich im Anderen verlieren und sich selbst dort finden kann; dass man nicht weniger wird, wenn man liebt, sondern aneinander wächst. Ich bin ich, für mich allein, aber noch mehr mit dir. Wie der Raum, der größer wird, wenn eine seiner Wände ein Spiegel ist.

Wenn wir nun loslassen – wollen oder zum Loslassen gezwungen werden; wenn wir nun also Abschied nehmen, dann verlieren wir nicht unser Selbst. Wir verlieren nur die Möglichkeit, dieses Selbst in seiner Ergänzung zu leben. Wir werden unserer Entsprechung beraubt. Wo die Straße früher einen Bogen machte, endet sie nun in einer Schranke: Hier ist nun Ende. Hier hat jemand abgeschlossen. Es braucht neue Trampelpfade, um zu dem Ort zu gelangen, den es zwar immer noch gibt, der aber neu erschlossen werden muss.

Das Gute an alldem: Ist er schließlich neu erschlossen, haben wir durch den Abschied nicht nur jemanden verloren. Wir haben auch an Selbst gewonnen – an Erlebnissen und Empfindungen, an Achtung, Entschlusskraft und Erkenntnis. An neuen Wegen. So bleibt jeder Verlust immer ein Verlust. Und ein Gewinn; jeder Abschied ist ein neues Kennenlernen.

Und immer noch gilt, was ich vor nunmehr acht Jahren schrieb:

Die Einsicht, dass es im Leben keine Wiederholung gibt, dass die zweite Chance, wenn sie sich überhaupt bietet, nur die Illusion einer Möglichkeit und nicht das Original sein kann, macht einen kurzen Moment lang traurig. Doch dann fasse ich mir ein Herz und flüstere erhobenen Hauptes zurück: „Aber es gab uns. Das allein ist, was rückblickend zählt.“

Alles wird gut

1. 12. 2014  •  20 Kommentare

Noch zwei Jahre, hatten sie gesagt. Perfide präzise kommt der Tod nun. Schickt ein paar Metastasen vorbei, die ihr sagen: Die letzte Reise beginnt – bitte einsteigen, die nächste Fahrt geht vorwärts.

Es ist Juni. Seit drei Wochen ist sie im Hospiz. Oder seit vier? Ich sehe in den Kalender: Es sind erst zwei Wochen. Die Zeit verfliegt, und doch dehnt sie sich. Jede Stunde mit ihr ist Freude, Staunen, Wagnis und Traurigkeit in einem einzigen Moment. Und Furcht.

Sie isst jetzt am liebsten M&Ms. An manchen Tagen sind sie das einzige, was sie isst. Mit spitzen Fingern greift sie nach einer Nuss, legt sie sich in den Mund, zerbeißt sie. Dann nimmt sie ihre Schnabeltasse. Trinkt. Sie ist 57 Jahre alt. Jede Woche altert sie um ein Jahrzehnt.

Es wird Juli. Es ist heiß draußen.

Ich höre ihr zu, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Der Krebs, er verwäscht ihre Sprache. Dabei möchte ich jedes ihrer Worte hören, es festhalten, in der Hand halten, keines verpassen, es verwahren, es streicheln und niemals loslassen. Doch ihre Sätze gleiten dahin, zaghaft, leise, ein Hauch – und sind fort.

Wovor fürchte ich mich? Ist es überhaupt Furcht, die ich empfinde? Oder ist es eher Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Wucht der Tod kommt? Wie unbeirrt er sie aussaugt. Wie er Tag für Tag etwas von ihr mitnimmt – ihre Mimik, ihre Gestik, die Art und Weise, wie sie spricht, wie sie atmet.

Tage verstreichen. Und doch bleibt die Zeit vage. Ein Pfleger spritzt ihr Morphium in den Oberschenkel. Sie drückt meine Hand zu Mus.

Jeder Morgen, jeder Abend ein neues Befinden. Bei ihr. Bei uns. Natürlich wusste ich: Wenn die Metastasen da sind, auch wenn ich vorbereitet bin, wird es schlimm werden, werde ich hilflos sein. Aber ich bin nicht vorbereitet auf die Tiefe meiner Hilflosigkeit, auf die Schnelligkeit, mit der ein Mensch schwinden kann, auf die Leere und Stille in meinem Innern, die gleichzeitig so prall, so allumfassend, so voll und laut ist.

Ich weine nicht viel in dieser Zeit und wenn, dann nur kurz. Ein lautloses Seufzen, zwei Tränen vor dem Einschlafen, die es kaum die Wange hinab schaffen. Mein Inneres ist grau und stumpf.

Abends. Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Zeit stillstehen möge. Möchte jede Minute mit ihr genießen – und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu müde, zu fahrig bin; wenn ich fortlaufen möchte, wenn ich schreien möchte und nicht kann.

Liege ich im Bett, sehe ich Bilder von ihr. Als Blitzlichter tauchen sie vor meinem Auge auf. Wie sie auf dem Sofa sitzt. Wie sie in ihrer Küche steht. Wie sie spazieren geht. Ihre Bewegungen, der wiegende Gang. Wie sie ihre Hände hält. Wie sie ihre Enkel herzt. Ich höre sie sprechen – keine bestimmten Worte, nur den Tonfall. Ihr Lachen.

Ich sage mir: Du beginnst schon zu trauern, eh dass sie tot ist.

Der letzte Tag. Ich denke: Nein. Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Nicht so schnell. Wie kann man so schnell sterben, in nur 20 Minuten? Gestern war doch noch alles gut. Selbst heute Morgen war noch alles gut. So gut es eben sein kann. Aber doch, ja: gut.

Ich trete zu ihr und streichle ihren Arm. Ihre Haut ist weich, warm, wie immer. Aber ihr Gesicht ist verlassen. Sie ist fort.

Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr. Können sie streicheln. Können sie betrachten. Können verstehen. Zwischendurch sitzen wir im Garten. Die Menschen vom Hospiz, sie kommen dazu, herzen uns, plaudern – und scherzen. Sie arbeiten für die Lebenden.

Ich bin dankbar, jetzt, hier. Dass ich sie begleiten durfte.
Ich bin glücklich. Dass wir sie hatten.

Am Abend rufen wir den Bestatter.
„Möchtest du zusehen, wie er sie einpackt?“
„Ja“, sage ich.

Der nächste Tag. Abends kommen die Handballmädels. Ich habe überlegt, sie auszuladen, alle fortzuschicken, um alleine zu sein, um zu trauern. Aber das Leben fährt nur vorwärts, und es tut mir gut, die Mädels nah bei mir zu haben. Auch wenn ich weit weg von ihnen bin.

Anfang August. Als wir sie zu Grabe tragen, lassen wir Luftballons steigen, rote, in Herzform. Wer möchte, darf einen Zettel dranhängen und ihr eine Botschaft darauf schreiben. Mein Luftballon hat keinen Zettel. Es ist alles gesagt.

Die Sonne scheint. In den Bäumen rauscht der Wind. Ich lasse den Ballon los.

 **

Dies ist ein gekürzter Text. Den ungekürzten Text lesen Sie – gemeinsam mit Beiträgen vieler anderer AutorInnen – im E-Book „1000 Tode schreiben„. Das Buch ist in einer ersten Version heute im Frohmann Verlag erschienen. Es wird in den kommenden Tagen in allen eBook-Stores erhältlich sein. 

Mein Autorenhonorar geht wie alle Honorare und der Herausgeberanteil als Spende an das Kindersterbehospiz „Sonnenhof“ in Berlin-Pankow.

Sehr dankbar für eine Spende ist auch „ihr“ Hospiz – das Hospiz „Mutter Teresa“ in Iserlohn-Letmathe (Konto-Nr. 180 56 994, Sparkasse Iserlohn, BLZ: 445 500 45).

Max Mustermann wundert sich

26. 11. 2014  •  49 Kommentare

Das ist Max Mustermann:

… ))//((
.‹(◕ ¿ ◕)›
…◟ – ◞
…╚°╝

Max arbeitet in einer großen Firma. Die Firma hat zehn Abteilungen und sechs Dependancen in ganz Deutschland. Jede dieser zehn Abteilungen hat eine Abteilungsleiterin. Die Dependancen haben ebenfalls je eine Leiterin.

Max‘ Firma verändert sich ständig. Abteilungen fusionieren oder werden neu geschaffen. Personal kommt und geht. Alle zwei Monate steht eine neue Personalie im Intranet, darunter die Bitte der Geschäftsführerin, „die neue Kollegin bei ihren Aufgaben zu unterstützen“.

Max kommt es komisch vor, dass das alles Frauen sind; die Abteilungsleiterinnen, die Leiterinnen der Dependancen, alle Leute, die nachkommen und etwas zu sagen haben. Bei Abteilungen wie dem Marketing oder dem Kundenmanagement kann er das noch verstehen. Dort arbeiten in der Mehrheit Frauen. Aber in der Logistik sind die Männer sogar leicht in der Überzahl. In der Produktion und Materialentwicklung arbeiten fast nur männliche Kollegen. Sie werden trotzdem von einer Frau geführt.

Max hält sich selbst für recht fähig. Er ist mittlerweile in einem Alter, in dem viele der Frauen aus seinem Umfeld schon eine Stufe aufgestiegen sind. Er hat studiert, hat Fachwissen aus inzwischen drei beruflichen Stationen. Aber Karrierechancen? Er fragt sich, ob er nochmal die Firma wechseln soll. Doch er sieht bei seinen Kumpels: Auch sie sind auf der Suche nach neuen Stellen, möchten sich beruflich weiterentwickeln – aber es ist schwierig. Und das, obwohl auch sie studiert haben, obwohl sie seit Jahren erfolgreich im Berufsleben stehen und es genug offene Stellen gibt. Doch seit sie 30 sind, werden sie nur noch selten eingeladen und bekommen dann später mit, dass eine Frau den Job gekriegt hat.

Er fragt sich, ob er das Thema „Karriere“ mal intern ansprechen soll. Er macht sich lange Gedanken über die Wortwahl und tut es dann in seinem nächsten Personalentwicklungsgespräch. Seine Personalleiterin lehnt sich zurück und ist belustigt: „Sind Sie jetzt unter die Männerrechtler gegangen, Herr Mustermann?“ Dann, ernster: „Eins müssen Sie wissen: Bei uns gibt es keine Quotierung. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Wir gehen einzig und allein danach, wer am besten auf die Stelle passt.“ Sie beugt sich vor. „Oder wollen Sie damit andeuten, dass Sie meinen Job besser können?“

Max ist sauer. Darum geht es ihm schließlich nicht. Er wird in Feedbackgesprächen stets gelobt, fachlich und als Teamleiter, seinen Kunden sind zufrieden, seinen Kennzahlen sind sehr gut – aber das ist es dann auch gewesen.

Dass gute Leistungen allein nicht ausreichen, ist ihm mittlerweile klar. Die Damen und ihre Stellvertreterinnen treffen sich regelmäßig im Hof oder zum Mittagessen. Networking! Er bemüht sich schon länger, Anschluss zu finden, hat aber das Gefühl, dass er nicht so richtig reinkommt, in diese Klübchen. Ganz amüsant findet Max in diesem Zusammenhang Ratgeber-Artikel wie: „Männer in der Karrierefalle: Es liegt nicht nur an den Frauen.“ Darin steht, wie er sich weiblicher verhalten kann, angefangen bei der Wahl seiner Kleidung, dass er  das Haar offen tragen soll und insgesamt kommunikativer und weicher, weniger männlich-aggressiv wirken muss. „Passen Sie sich optisch und kommunikativ an und nutzen Sie die Gelegenheit, sich im Smalltalk darzustellen!“ Er hat sich die Haare ein Stück wachsen lassen und rosa Hemden angezogen. Aber das ist nicht er. Er fühlt sich verkleidet und bekommt zudem langsam Geheimratsecken. Außerdem: Wenn er bei seinen Chefinnen und Kolleginnen steht und versucht, an ihre Gespräche anzuknüpfen – nee, das klappt irgendwie nicht. Er merkt selbst, dass die Gespräche dann stocken. Einmal hört er im Weggehen, wie seine Vorgesetzte ihn als „überambitioniert“ charakterisiert.

Auf einer der letzten Partys hat Max sich mit einer Bekannten unterhalten. Sie arbeitet als Personalleiterin. Nach dem dritten Glas Wein meinte sie: „Ganz ehrlich, Max? Wir stellen in der mittleren und höheren Führungsebene nur ganz selten Männer ein. Wenn sie zwischen 30 und 45 sind, planen viele Männer Familie, wollen ein Haus bauen, handwerken ständig, das ganze Zeug. Damit sind die erfahrungsgemäß ausgelastet und nicht mehr belastbar. Seit es die Elternzeitregelung gibt, sind die meisten oftmals für mehrere Monate komplett raus. Ich hatte mal einen Typen, der innerhalb von drei Jahren zwei Kinder gezeugt hat. Parallel hat er dieses alte Zechenhaus renoviert. Okay, seine Frau hat ihm zwar viel unter die Arme gegriffen, aber seither stelle ich eigentlich grundsätzlich keine Männer mehr ein.“ Sie macht eine Pause. Dann ergänzt sie: „Meistens passt es auch einfach nicht. Vom Persönlichen her. So ein Team muss ja auch stimmig sein.“

Als in den Nachrichten kommt, dass es 2016 eine gesetzliche Männerquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte geben werde, ist Max einerseits erfreut. Er findet eine Männerquote zwar befremdlich, aber er hat in den vergangenen Jahren immer mehr den Eindruck gewonnen: Von alleine wird sich nichts bewegen. Erst gestern wurde er in größerer Runde wieder vorgestellt als „Herr Mustermann, unser Junge für alles“, dabei hat er einen festgelegten Aufgabenbereich. Andererseits: Was wird ihm persönlich diese Männerquote nützen? Sein Unternehmen ist keine AG, und Aufsichtsratmitglied wird er auch nicht werden.

Die Führungsfrauen reagieren mit  Zoten und Zorn auf die Nachricht. „Sehen wir’s positiv: Es gibt Frischfleisch!“, hört er die Leiterin Kundenmanagement im Hof sagen. Die Geschäftsführerin sagt der Lokalpresse auf Anfrage: Jetzt könnten wir nicht mehr nach Qualifikation einstellen; jetzt müssten wir auch diejenigen berücksichtigen, die sich nicht 100 Prozent fürs Unternehmen einsetzen werden.

Für Max klingt es kurios, wenn er hört, Männer wollten sich nicht einsetzen, sondern Familie und Handwerken – gerade wenn er an seine Kumpels denkt: Max2 ist ein kreativer Kopf, er ist ohnehin Single, er möchte in seiner Firma etwas bewegen; Max3 konzentriert sich ebenfalls auf seinen Job, er hätte zwar gerne Nachwuchs, ist aber zeugungsunfähig;  die Frau von Max4 ist gerade im Key Account aufgestiegen und will sich erstmal, O-Ton, „kein Kind ans Bein binden“. Max5 ist seit sechs Jahren verheiratet, aber schwul und hätte zwar gerne ein Kind, aber es ist kompliziert;  Max6 hat zwei Kinder und war jeweils nur vier Monate in Elternzeit – er und seine Frau teilen sich die Familienarbeit, doch auch er kommt seit der Geburt der Jüngsten nicht voran.

Alle seine Kumpels sind genervt. Denn in den Nachrichten wird – parallel zur Männerquote – die Berichterstattung über die demographische Entwicklung rauf und runter gespielt: „Männer im Zeugungsstreik! Deutsche Männer zeugen im Durchschnitt nur noch 1,3 Kinder.“ Es heißt, Männer wollten alles auf einmal (wie die Frauen vielleicht?), Männer wollten nur Karriere (haha!), ihre Kinder schieben sie ab (haben die keine Mutter?).

Max wird zunehmend zynischer. Er kapiert’s auch nicht mehr. Soll er nun Kinder zeugen oder nicht? Zeugt er welche, ist er im Job der letzte Honk. Zeugt er keine, muss er sich als Egoist und Rentenschmarotzer anpöbeln lassen – und beruflich geht’s trotzdem nicht weiter. Außerdem: Wenn, dann wollen ja wohl die Frauen nicht! Siehe Max4, der Mann der Key-Accounterin. Oder die Männer dürfen nicht – wie der schwule Max5. Oder sie wollen, können aber nicht (Max3, die arme Sau, bei ihm bewegt sich kein einziges Spermium). Oder … Max selbst hätte gerne Kinder, seine Frau auch. Doch bei der nächsten Umstrukturierung wird wohl seine Abteilung drankommen. Er weiß: Zeugt er jetzt ein Kind, darf er danach nur noch die Briefmarken in der Poststelle anlecken.

Aber vielleicht macht er es einfach, jetzt oder nie. Seine Frau ist Geschäftsführerin dreier Altenheime. Finanziell wäre es drin. Nach der Elternzeit geht er auf Teilzeit. Oder arbeitet freiberuflich – seine Karriere wird es kaum schmälern. Seine Frau kann eh nur zwei Monate zu Hause bleiben. Bei den meisten seiner Kollegen läuft es irgendwann so. Die Klischeefalle eben.

Klischee oder nicht, ihm ist es inzwischen egal, er schmiedet eigene Pläne. Gleich geht er mit seinen Kumpels einen trinken. Dann bequatschen sie ihre Idee: „Magazin M“, ein Web-Portal für Männerthemen. Sollen die Weiber doch machen, was sie wollen.



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