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Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Lektüre«

Im Hier und Jetzt lesen

12. 02. 2015  •  12 Kommentare

Es mag nun anmuten, als könne ich nicht genießen.

Diesen Gedanken möchte ich sogleich zurückweisen. Vielmehr beschäftigt mich ein ganz bestimmter Umstand. Es geht um das Gefühl der Ruhelosigkeit, das mich ab der Hälfte eines Buches ergreift.

Beginne ich ein Buch, so dauert es meist einige Seiten, bis ich hineinfinde. Manch eine Geschichte, meist sind es die guten, schafft es schneller, andere benötigen länger, was nicht per se gegen sie spricht. Zwei Drittel meiner Bücher lese ich noch analog, nicht elektronisch; das ist keiner Nostalgie, sondern dem Umstand geschuldet, das ich in meiner Mittagspause gerne auf Rabatttischen von Buchhandlungen stöbere und auf diese Weise, wenn ich den Laden erst einmal betreten habe, eins zum anderen kommt.

Halte ich also tatsächlich ein Buch in der Hand, eins aus Papier, schaue ich viel aufs Lesezeichen. Zu meinem Lesezeichen habe ich eine besondere Beziehung; sie währt bereits sieben oder acht Jahre, so lange begleitet es mich schon.

Lesezeichen: Happy End!

Lesezeichenliebe

 

Das Lesezeichen ist nicht nur Mittel zum Zweck, es wacht nicht nur über eine Seite im Buch; es ist mir Anker und Orientierung, gibt mir Auskunft über das, was hinter mir liegt, und das, was mich erwartet. Anders als das Lesebändchen, das Teil der Hardware ist, in gutbürgerlicher Pflichterfüllung lasch unten raushängt, steckt das Lesezeichen fest und stolz oben drin. Es sollte immer ein Stück aus den Seiten schauen, aber nicht zu viel, sonst knickt es in der Tasche um.

Ich lese also die ersten fünfzig oder hundert Seiten. Spätestens dann gucke ich meist: Wo ist die Hälfte? Ich gehe zum Ende, blicke auf die Seitenzahl, geteilt durch zwei, und gehe zu der Stelle, suche dort einen Absatz oder ein Kapitelende – hier ist das Zwischenziel, hier möchte ich hin. Bis dahin geht es bergauf, wie beim Tatort: um 21 Uhr der Break Even, dann kommen die ersten Verdächtigen, dann geht es auf die Lösung zu.

Ab da geht es plötzlich schnell. In raschen Schritten marschiert das Lesezeichen jetzt dem Ende entgegen, forsch und fordernd, und sind es irgendwann nur noch ein Fingerbreit Seiten, wird mein Lesen unsteter, oberflächlicher. Ich überfliege die Wörter, die Sätze, die Dialoge, picke mir nur noch das Wichtigste raus. Ein Schlussspurt, den Zieleinlauf in Sicht – und der Blick schon auf die Zeit danach, aufs nächste Buch.

Die letzten Seiten eines Buches – selten sind sie relevant. Bei Krimis wird kurz noch die Zweithandlung nach Hause gebracht, die Belletristik sucht, nach Klärung aller Konflikte, nach einem bedeutenden Schluss. Und doch bleibt ein fader Beigeschmack, ein Gefühl des Wettlaufs, des Nicht-Genusses.

Mein Vorsatz deshalb: mehr im Hier und Jetzt lesen. Auf allen Seiten.

#rumsblog

9. 02. 2015  •  8 Kommentare

Am Freitag war ich auf einer zauberhaften, kleinen Bloglesung.

Gelesen haben Patricia Cammarata aka das nuf, Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm. Veranstalter war die GLS-Bank um Johannes Korten, der auch zwei Stücke vorgelesen hat.

Frau Bogdan las einen Text aus „Sachen machen“, nämlich wie sie in Wacken war.

Frau Nuf las einen Bauchwobbeltext und über das Experiment Aufwachteller.

Herr Buddenbohm las einen Text übers Tanzen beziehungsweise sein Selbstbild als ausgelassener Hanseat. Außerdem einen Text über ein Liebespaar. Und über Playmobil und die Sehnsucht nach dem Klack.

Es war ein bisschen wie Klassentreffen. Denn es waren natürlich nicht nur die Lesenden dort, sondern auch andere Menschen aus dem Internet. Das war sehr schön.

In solch einem Fall möchte ich Sie bitten, sich einfach mit einem freundlichen „Hallo!“ an mich zu wenden. Am besten natürlich mit einer Waffel, es geht aber auch ohne.

Es ist nämlich so: Wenn Sie kein Bild von sich im Internet haben, erkenne ich Sie so schlecht. (Das ist überhaupt sehr spooky: erkannt zu werden, ohne selbst Leute zu kennen).

Noch mehr Nachlese:

Den Livestream des Abends soll es beizeiten auch als Video geben.

Bücher 2015 – 1

3. 02. 2015  •  Keine Kommentare

Gelesen im Januar 2015:

Bücher im Januar 2015: Beckett, Link, Pessl, de Waal

Simon Beckett. Voyeur
(Aus dem Englischen von Andree Hesse)
Ein früher Beckett, der viele schlechte Kritiken hat. Ich fand ihn allerdings gut – das scheint eine grundsätzliche Sache bei mir zu sein: Hochgelobte Bücher finde ich meist nur mittel, warum sollte ich als schlecht bewertete Bücher dann nicht gut finden? Darum geht’s: Donald Ramsey ist Gallerist in London und beinahe asexuell. Er hatte noch nie eine Beziehung; seine Erotik beschränkt sich auf die Sammlung frivoler Gemälde. Nachdem er seine Mitarbeiterin Anna zufällig beim Umziehen beobachten konnte, empfindet er plötzlich doch eine ihm bislang unbekannte Leidenschaft. Anna ist jedoch glücklich verliebt. Als sie beschließt, mit ihrem Freund in die USA zu ziehen, ergreift Donald die Initiative. Keine hohe Literatur, aber ein unterhaltender Krimi, der sich langsam entwickelt.

Charlotte Link. Wilde Lupinen
Der Titel führt in die Irre: Er klingt nach pilcheresk-schnulligem Frauenroman, hat jedoch deutlich mehr Tiefgang. Das Buch ist die Fortsetzung von Sturmzeit, in dem es um die Geschichte der Familie Lavergne während des Ersten Weltkriegs geht. „Wilde Lupinen“ ist nun in der Zeit des Zweiten Weltkriegs angesiedelt: Felicia  ist erfolgreiche Unternehmerin in München, ihre Tochter Belle Schauspielerin in Berlin. Als die Nazis an die Macht kommen, finden beide ihren eigenen Weg, um zu überleben. Es gibt zudem zahlreiche Nebenhandlungen. Eine gute Geschichte, durchaus vielschichtige Charaktere, lässt sich prima lesen. Ein bisschen stört der Schreibstil Links, der – recht adjektivlastig – nicht sehr viel Raum für eigene Gedanken lässt. Alles in allem ist das aber zu verschmerzen. Charlotte Link hat letztendlich eine ähnliche Trilogie geschrieben wie Ken Follett mit „Sturz der Titanen“, „Winter der Welt“ und „Kinder der Freiheit“ – aus meiner Sicht sogar die bessere.

Marisha Pessl. Die amerikanische Nacht
(Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler)
Ein Buch, das sein Potential verschenkt. Zuerst zur Geschichte: Ashley Cordova ist tot. Sie 24-Jährige liegt in einem Aufzuchtschacht, ein Suizid. Ihr Vater Stanislas ist ein ebenso berühmter wie eigenwilliger Regisseur, der Horrorfilme dreht und sich vor der Öffentlichkeit versteckt.  Legenden umranken seine Person. Der Journalist Scott McGrath und zwei Helfer machen sich auf die Suche nach der Wahrheit. Das Besondere an dem Buch ist die grafische Aufmachung: Autorin Marisha Pessl (ihr erstes Buch „Die alltägliche Physik des Unglücks“ fand ich großartig) arbeitet mit Zeitungsschnipseln, Bildern und Webseiten. Aus meiner Sicht die Zukunft des gedruckten Buches, die Idee ist wirklich super – wenn nicht die Geschichte so nichtssagend wäre. Ich habe sie nämlich nicht kapiert. Das heißt: Kapiert schon, aber die Basis, auf der die ganze Geschichte aufbaut, die Geheimniskrämerei um den Regisseur, ist mir ein Rätsel geblieben. Von daher: gut gemeint, aber leider nicht gut.

Edmund de Waal. Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi
(aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauser)
Das Buch wurde mir vor rund einem Jahr in den Kommentaren hier empfohlen. Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Bankiers- und Handelsfamilie Ephrussi, verfolgt die Spur von 264 Netsuke. Netsuke sind japanische Miniaturschnitzereien. Charles Ephrussi hat sie Ende des 19. Jahrhunderts gekauft und nach Paris gebracht, dann zur Hochzeit an Verwandte nach Wien verschenkt, wo die Haushälterin sie schließlich vor den Nazis rettete. Am Ende fanden sie den Weg zurück nach Japan. Die Figuren sind ein erzählerisches Mittel – eigentlich wird die Geschichte der Familie Ephrussi erzählt. Im ersten Kapitel (Paris) habe ich zwischenzeitlich einige Seiten überblättert; doch ab Wien wird das Buch besser. Ein lesenswertes Panorama.

#

Elektronisch gelesen:

Fabio Geda. Der Sommer am Ende des Jahrhunderts
(aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt)
Ein ganz tolles, geradezu wunderbares Buch. Ich bin absolut hingerissen. Für mich schon jetzt eines der besten Bücher 2015. Zeno ist zwölf und muss für einen Sommer zu seinem Opa ziehen: Bei seinem Vater wurde Leukämie diagnostiziert, er kommt in eine Spezialklinik, die Mutter begleitet ihn. Zeno wird also bei seinem Opa untergebracht  – den er nicht kennt, von dem er nicht einmal wusste, dass er noch lebt. Der Alte wohnt in einem Dorf in den Bergen, ist schroff und wortkarg. Die kleine Alm-Öhi Geschichte spielt abwechselt in der Gegenwart des zwölfjährigen Zeno und in der Vergangenheit, in der Zeit, als der Opa heranwuchs. Im Laufe der Lektüre fügen sich die beiden Geschichten wunderbar ineinander. Ein feines, leises, warmherziges und kluges Buch.

 

Bücher 2014 – 6: Winterlektüre

3. 01. 2015  •  16 Kommentare

Gelesen im November und Dezember:

Bücher im Dezember 2014

Giulia Enders. Darm mit Charme.
Nein, dieses Buch ist nicht überschätzt. Mir hat es gut gefallen, und ich habe einiges gelernt. Zum Beispiel, dass der Dickdarm samtig, rosa und sauber ist. Oder wie Darmbakterien und Gewicht zusammenhängen. Am interessantesten war das Kapitel zum Zusammenhang zwischen Darm und Hirn. Hier nochmal das Science-Slam-Video mit Giulia Enders.

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Die Frauen, die er kannte.
Der zweite Fall für den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann und das Team Torkel, Billy, Vanja und Ursula: In Stockholm werden Frauen ermordet – auf die gleiche Weise, wie es einst der Serienmörder Edward Hinde hat. Der aber sitzt hinter Gittern. Ist also ein Nachahmer unterwegs? Woher weiß er dann Dinge, die nie an die Öffentlichkeit gelangt sind? Ein solider Krimi mit Nebenhandlungen aus dem Privatleben der Ermittler. Gute Unterhaltung.

Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Die Toten, die niemand vermisst.
Der dritte Fall für Bergman & Co.: In den Bergen wird ein Grab mit sechs Leichen gefunden. Die Ermittler können zwei von ihnen identifizieren. Die anderen vier scheint niemand zu vermissen. Hinzu kommen der Unfalltod einer Frau und zwei vermisste, afghanische Männer. Wie hängen die Ereignisse zusammen? Und wie geht es bei Sebastian und Vanja, Torkel und Ursula weiter? Wieder gute Unterhaltung, diesmal mit leichten Längen – dafür am Ende mit einem Cliffhanger.

Micaela von Marcard. Der Patriarch.
Die Geschichte eines Mannes und einer großbürgerlichen Hamburger Familie. Unter Aufsicht von drei Frauen wächst ein Patriarch heran: Franz lebt an der Binnenalster, zieht in den Krieg, liebt, baut ein Geschäft auf, gründet eine Familie. In jungen Jahren lernt er seinen Gegenpart Paul kennen, dessen Spuren man ebenfalls folgt. Die Geschichte startet ganz wunderbar, der Schreibstil ist virtuos und detailreich – vom Geruch mottenzerfressener Perücken bis zur Beschreibung des Wetters und der Stimmungen im Bürgertum; außerdem schreibt Marcard in einer etwas altertümlichen Sprache, das hat mir sehr gefallen. Leider fällt die Geschichte nach hinten ab; ab der Hälfte liest sie sich, als sei sie unglücklich gekürzt worden. Deshalb nur drei von fünf Sterne.

Birgit Schlieper. Zum Wünschen ist es nie zu spät.
Ingrid, Hedda, Gudrun und Marie-Ann treffen sich seit fast sechzig Jahren. Doch das Leben ist vorhersehbar geworden: Seniorenbridge und Tanznachmittage, mehr kommt nicht mehr. Oder doch? Gerda hat plötzlich einen jüngeren Mann – das gibt der Damenkombo Auftrieb. Sie schreiben Wünsche auf Zettel und setze sie um. Das Buch war nicht unbedingt meins – der Stil ist mir zu robust und vorhersehbar. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es den Ingrids, Heddas und Gudruns dieser Welt gut gefällt. Entsprechend kann ich dieses Buch guten Gewissens als Geschenk für Mütter und Großmütter empfehlen.

Tina Soliman. Der Sturm der Stille: Warum Menschen den Kontakt abbrechen. 
Die Autorin ist Journalistin. Sie volontierte bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  und arbeitete anschließend die ARD-Politmagazine Panorama, Kontraste, Fakt und Report aus Mainz. In ihrem Buch (das zweite zum Thema; das erste kenne ich allerdings nichts) geht es um Menschen, die den Kontakt abbrechen – und denjenigen, die sie verlassen. Soliman bietet beide Blickwinkel; zudem erzählt sie von verschiedenen Konstellationen: Mutter – Tochter, Mann – Frau, zwei Freundinnen. Ab und an ist das Buch ein bisschen redundant, aber nicht so, dass es wahnsinnig stört. Ich habe mir etliche Stellen unterstrichen; es gibt erhellende Einblicke und Sichtweisen. Sehr gut.

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Elektronisch gelesen:

Gillian Flynn. Gone Girl.
Auf das Buch bin ich aufmerksam geworden, weil ich den Trailer des Films gesehen habe, der am 29. Januar anläuft. Die Story: Nick und Amy wohnen in New York. Als Nicks Mutter erkrankt, ziehen sie zu seiner Familie aufs Land. Die Ehe läuft zunehmend schlecht. Zwei Jahre danach verschwindet Amy. Hier beginnt die Geschichte. Schnell verdichten sich Hinweise, dass Nick Dreck am Stecken hat. Hat er seine Frau getötet? Wenn ja – wo ist die Leiche? Die Geschichte ist mittelmäßig spannend. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie im Film besser und komprimierter rüberkommt. Wer das Buch also nicht kennt, dem empfehle ich eher, ins Kino zu gehen.

Ken Follett. Kinder der Freiheit.
Der dritte Teil der Jahrhundert-Saga (Teil 1, Teil 2). Es geht um die politischen Ereignisse in den USA, Deutschland, England und der Sowjetunion in den Jahren 1960 – 1990. Der Schwerpunkt der Geschichte liegt allerdings auf den USA und ihren Rassengesetzen, auf der Ära Kennedy und Nixon. Pro: Guter Überblick über die jüngste Geschichte. Mein Geschichtsunterricht endete mit dem Jahr 1945 (und begann 1933) – deshalb ist es prima, Martin Luther King, Watergate und die Entwicklung des Kommunismus in bekömmlicher Form dargeboten zu bekommen. Contra: Obwohl das Buch wieder rund 1300 Seiten dick ist, bin ich den Charakteren nicht wirklich nahe gekommen; wie schon im zweiten Teil sind sie nur Mittel zum Zweck und dienen dazu, die geschichtlichen Ereignisse zu transportieren. Fazit: Jo. Ist okay.

Heidi Siller. Geboren in Bozen.
Heidi Siller (Blog, Twitter) erzählt die Geschichte von Helena und ihrem zu früh geborenen Sohn Arthur. Das Buch ist autobiographisch. Als Helena und ihr Mann Michael zu Besuch in Südtirol sind, setzen plötzlich die Wehen ein. Arthur wird als Extremfrühgeburt in der 25. Schwangerschaftswoche geboren – mit nur 900 Gramm Gewicht. In dem kleinen Buch erzählt Heidi Siller aus den Wochen nach der Geburt. Sie hat einen angenehm ruhigen und unaufgeregten Stil, der mir gut gefallen hat. Vier von fünf Sterne. Info: „Geboren in Bozen“ ist nur als eBook erhältlich. auch als Taschenbuch erhältlich.

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Fazit 2014: 67 Bücher (Januar und Februar, März und April, Mai und Juni, Juli, August und September, Oktober und November).

Top 10:

  1. Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
  2. Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch: Amerika
  3. Ann-Marie MacDonald: Wohin die Krähen fliegen
  4. David E. Hilton: Wir sind die Könige von Colorado
  5. Adriana Altaras: Titos Brille
  6. Pia Ziefle: Suna
  7. Curtis Sittenfeld: Die Frau des Präsidenten
  8. Rolf Dobelli: Massimo Marini
  9. Eva Stachnik: Der Winterpalast
  10. Willy Russell: The Wrong Boy

Top 3 Krimis:

  1. Kerstin Signe Danielsson & Roman Voosen: Rotwild
  2. Kerstin Signe Danielsson & Roman Voosen: Später Frost
  3. Die drei „Bergmans“ von Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt

Auf geht’s ins nächste Lesejahr! Aktuell auf dem Nachtschrank: „Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl.

Alla! Die Handwerker-Soap.

8. 12. 2014  •  1 Kommentar

Die Besucher der Außenterrasse kennen sie schon: die Handwerker-Soap.

Alle anderen möchte ich an dieser Stelle auf dieses feine Stück Twitteratur meiner Mitgärtnerin Pia hinweisen. Sie hatte in den vergangenen Wochen Handwerker zu Gast, die ihr Dach und Fassade gerichtet haben – und ihr in härtestem rheinhessischen Dialekt Vorlagen für eine Karriere als Dialekt-Twitterin lieferten.

Ich habe das Ganze in fünf handlichen Häppchen für Sie zusammengefasst:

Akt 1: „Tach! Mir wolle des Gerüst uffbaue!“
Schaffe, schaffe, Gewebe uffbringe – die Soap beginnt.

Akt 2: „Heit bringe mer noch Putz auf!“
Ob’s regnet oder nicht: Maler und Maurer kommen zur Schicht.

Akt 3: „Macht nix! Krieche mer hin!“
Erste Schwierigkeiten, ungeklärte Fragen zur Dampfsperrfolie und ein verstopftes Klo.

Akt 4: „Alla. Dann rede mer mol, was zu redde is.“
Der Tag, als plötzlich die Farbe vom Haus lief.

Akt 5: „Alla. Tschüss.“
Letzte Handgriffe. Quasi im Vorbeifahren. Und natürlich die Rechnung.

Alla. Viel Spaß beim Lesen!

Alles wird gut

1. 12. 2014  •  20 Kommentare

Noch zwei Jahre, hatten sie gesagt. Perfide präzise kommt der Tod nun. Schickt ein paar Metastasen vorbei, die ihr sagen: Die letzte Reise beginnt – bitte einsteigen, die nächste Fahrt geht vorwärts.

Es ist Juni. Seit drei Wochen ist sie im Hospiz. Oder seit vier? Ich sehe in den Kalender: Es sind erst zwei Wochen. Die Zeit verfliegt, und doch dehnt sie sich. Jede Stunde mit ihr ist Freude, Staunen, Wagnis und Traurigkeit in einem einzigen Moment. Und Furcht.

Sie isst jetzt am liebsten M&Ms. An manchen Tagen sind sie das einzige, was sie isst. Mit spitzen Fingern greift sie nach einer Nuss, legt sie sich in den Mund, zerbeißt sie. Dann nimmt sie ihre Schnabeltasse. Trinkt. Sie ist 57 Jahre alt. Jede Woche altert sie um ein Jahrzehnt.

Es wird Juli. Es ist heiß draußen.

Ich höre ihr zu, obwohl ich sie oft nicht verstehe. Der Krebs, er verwäscht ihre Sprache. Dabei möchte ich jedes ihrer Worte hören, es festhalten, in der Hand halten, keines verpassen, es verwahren, es streicheln und niemals loslassen. Doch ihre Sätze gleiten dahin, zaghaft, leise, ein Hauch – und sind fort.

Wovor fürchte ich mich? Ist es überhaupt Furcht, die ich empfinde? Oder ist es eher Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Wucht der Tod kommt? Wie unbeirrt er sie aussaugt. Wie er Tag für Tag etwas von ihr mitnimmt – ihre Mimik, ihre Gestik, die Art und Weise, wie sie spricht, wie sie atmet.

Tage verstreichen. Und doch bleibt die Zeit vage. Ein Pfleger spritzt ihr Morphium in den Oberschenkel. Sie drückt meine Hand zu Mus.

Jeder Morgen, jeder Abend ein neues Befinden. Bei ihr. Bei uns. Natürlich wusste ich: Wenn die Metastasen da sind, auch wenn ich vorbereitet bin, wird es schlimm werden, werde ich hilflos sein. Aber ich bin nicht vorbereitet auf die Tiefe meiner Hilflosigkeit, auf die Schnelligkeit, mit der ein Mensch schwinden kann, auf die Leere und Stille in meinem Innern, die gleichzeitig so prall, so allumfassend, so voll und laut ist.

Ich weine nicht viel in dieser Zeit und wenn, dann nur kurz. Ein lautloses Seufzen, zwei Tränen vor dem Einschlafen, die es kaum die Wange hinab schaffen. Mein Inneres ist grau und stumpf.

Abends. Ich habe den tiefen Wunsch, dass die Zeit stillstehen möge. Möchte jede Minute mit ihr genießen – und habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich zu müde, zu fahrig bin; wenn ich fortlaufen möchte, wenn ich schreien möchte und nicht kann.

Liege ich im Bett, sehe ich Bilder von ihr. Als Blitzlichter tauchen sie vor meinem Auge auf. Wie sie auf dem Sofa sitzt. Wie sie in ihrer Küche steht. Wie sie spazieren geht. Ihre Bewegungen, der wiegende Gang. Wie sie ihre Hände hält. Wie sie ihre Enkel herzt. Ich höre sie sprechen – keine bestimmten Worte, nur den Tonfall. Ihr Lachen.

Ich sage mir: Du beginnst schon zu trauern, eh dass sie tot ist.

Der letzte Tag. Ich denke: Nein. Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Nicht so schnell. Wie kann man so schnell sterben, in nur 20 Minuten? Gestern war doch noch alles gut. Selbst heute Morgen war noch alles gut. So gut es eben sein kann. Aber doch, ja: gut.

Ich trete zu ihr und streichle ihren Arm. Ihre Haut ist weich, warm, wie immer. Aber ihr Gesicht ist verlassen. Sie ist fort.

Wir haben den ganzen Nachmittag mit ihr. Können sie streicheln. Können sie betrachten. Können verstehen. Zwischendurch sitzen wir im Garten. Die Menschen vom Hospiz, sie kommen dazu, herzen uns, plaudern – und scherzen. Sie arbeiten für die Lebenden.

Ich bin dankbar, jetzt, hier. Dass ich sie begleiten durfte.
Ich bin glücklich. Dass wir sie hatten.

Am Abend rufen wir den Bestatter.
„Möchtest du zusehen, wie er sie einpackt?“
„Ja“, sage ich.

Der nächste Tag. Abends kommen die Handballmädels. Ich habe überlegt, sie auszuladen, alle fortzuschicken, um alleine zu sein, um zu trauern. Aber das Leben fährt nur vorwärts, und es tut mir gut, die Mädels nah bei mir zu haben. Auch wenn ich weit weg von ihnen bin.

Anfang August. Als wir sie zu Grabe tragen, lassen wir Luftballons steigen, rote, in Herzform. Wer möchte, darf einen Zettel dranhängen und ihr eine Botschaft darauf schreiben. Mein Luftballon hat keinen Zettel. Es ist alles gesagt.

Die Sonne scheint. In den Bäumen rauscht der Wind. Ich lasse den Ballon los.

 **

Dies ist ein gekürzter Text. Den ungekürzten Text lesen Sie – gemeinsam mit Beiträgen vieler anderer AutorInnen – im E-Book „1000 Tode schreiben„. Das Buch ist in einer ersten Version heute im Frohmann Verlag erschienen. Es wird in den kommenden Tagen in allen eBook-Stores erhältlich sein. 

Mein Autorenhonorar geht wie alle Honorare und der Herausgeberanteil als Spende an das Kindersterbehospiz „Sonnenhof“ in Berlin-Pankow.

Sehr dankbar für eine Spende ist auch „ihr“ Hospiz – das Hospiz „Mutter Teresa“ in Iserlohn-Letmathe (Konto-Nr. 180 56 994, Sparkasse Iserlohn, BLZ: 445 500 45).

Bücher 2014 – 5: Herbstlektüre

24. 11. 2014  •  7 Kommentare

Gelesen im Oktober und November:

Bücher im Oktober und November 2014

Marion Brasch. Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie.
Marion Brasch wurde 1961 in Berlin geboren. Ihr Eltern lernten sich im Exil in London kennen, ziehen dann nach Ostberlin. Der Vater möchte seine kommunistischen Ideale verwirklichen. Er bekleidet fortan hohe Ämter in der DDR. Marion wächst gemeinsam mit ihren vier Brüdern auf. In dem Buch erzählt sie die Geschichte der Familie – nüchtern, aber nicht unemotional. Ein guter Einblick in ein Stück DDR. Gern gelesen.

Rolf Dobelli. Massimo Marini.
Seine Eltern schmuggeln ihn in einem Koffer in die Schweiz. Heimlich wächst Massimo auf, während sie sich als Gastarbeiter verdingen. Erst später kann sein Vater ein Bauunternehmen gründen. Als Massimo erwachsen ist, übernimmt er es und  wird zum Erbauer des Gotthard-Basistunnels. Das Buch ist eine kleine Perle: zufällig entdeckt und sehr genossen. Die Geschichte wird aus Sicht von Massimos Anwalt erzählt. Denn sie ist auch ein Kriminalstück. Sehr lesenswert.

David Guterson. Ed King.
(Deutsch von Georg Deggerich)
Walter lebt als Versicherungsmathematiker davon, Risiken zu berechnen. Als die minderjährige Diane als Au-pair in seinem Haushalt auftaucht, geht er das größte Risiko seines Lebens ein und beginnt eine Affäre mit ihr. Sie wird schwanger, erpresst Walter und setzt das Kind aus. Der Junge wächst bei wohlhabenden Menschen aus, die ihn Ed nennen. Ed wird Internet-Tycoon, „King of Search“. Die Story hat ihren Reiz, dennoch hat sie mich nicht richtig gepackt. Dafür bleiben die Figuren zu hölzern, auch Ed komme ich nicht richtig nah. Fazit: Kann man lesen, muss man nicht.

Asa Larsson. Denn die Gier wird euch verderben.
(Deutsch von Gabriele Haefs)
Eine alte Frau namens Sol-Britt wird in der Nähe Kirunas ermordet. Staatsanwältin Rebecka Martinsson und ihr Nachbar finden sie. Als sie und die Polizistin Anna-Maria Mella zu ermitteln beginnen, stoßen sie auf seltsame Vorkommnisse: In der Familie des Opfers sind überraschend viele Menschen verunglückt. Der Krimi ist gut konstruiert: Die Handlung in der Gegenwart wechselt sich mit einer Erzählung aus der Vergangenheit ab – dort, wo alles seinen Anfang nahm. Spannend und sympathisch erzählt, innerhalb von vier Tagen durchgelesen.

Anne Michaels. Fluchtstücke.
(Deutsch von Beatrice Howeg)
1942: Der siebenjährige Jacob Beer wird Zeuge, wie Nazis seine Familie ermorden. Er kann fliehen. Der griechische Archäologe Athos findet ihn und nimmt ihn mit nach Griechenland. Dort wächst er auf. Später wandert Jakob nach Amerika aus und wird Dichter. Anne Michaels „Fluchtstücke“ ist ein eindringliches Buch, das Einblick in die Gefühle und das Leben der Holocaust-Nachfahren gewährt. Es beschreibt, aber macht keine Vorwürfe, es erzählt, ohne sich aufzudrängen. Sehr gut.

Curtis Sittenfeld. Die Frau des Präsidenten.
(Deutsch von Gesine Schröder und Carina Tessari)
Vorlage für dieses Buch ist das Leben Laura Bushs. Insofern ist die Geschichte sowohl wahr als auch fiktiv. In jedem Fall aber ist sie gut. Curtis Sittenfeld erzählt von Alice, wie sie in Riley/ Wisconsin gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter aufwächst, wie sie den aus reicher Familie stammenden Charles Blackwell kennenlernt, wie sie ihn heiratet, schließlich Gouverneursgattin und First Lady wird. Kurzweilig, unterhaltsam und wenig politisch, sondern eher auf persönlicher Ebene spielend. Ebenfalls gern gelesen.

S.J. Watson. Ich. darf. nicht.schlafen.
(Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Christine leidet unter Amnesie: Sobald sie einschläft, vergisst sie alles – wer sie ist, wo sie wohnt, wer ihre Angehörigen sind. Mit Hilfe eines Therapeuten beginnt sie, Tagebuch zu führen. Sie erinnert sich dunkel, dass sie angegriffen wurde. Aber von wem? Und warum? Je mehr Erinnerung sie sich erarbeitet, desto mehr gerät sie in Gefahr. Ein netter Thriller, den ich schnell durch hatte. Spannend, aber nicht überragend. Ein Buch für die Reise oder ein paar Mußestunden.

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Elektronisch gelesen:

Willy Russell. The Wrong Boy.
(Deutsch: Der Fliegenfänger)
Raymond ist ein ganz normaler Junge. Bis er seinen Schulkameraden das Fliegenfangen beibringt – mit dem Gemächt. Der Schuldirektor findet das harmlose Spielchen nicht lustig. Raymond wird als Perversling abgestempelt, muss die Schule verlassen, wird Außenseiter, bekommt eine Essstörung. In den kommenden Jahren läuft so manches schief. Ein Missverständnis nährt das nächste. Verletzlich, schnoddrig und bittersüß lässt Willy Russell den jugendlichen Raymond seine Geschichte erzählen. Eine gute Mischung mit vielen klugen Wortspielen.

Opa kriegt nichts mehr zu trinken!

7. 11. 2014  •  5 Kommentare

Es wird Zeit, dass hier im Kännchencafé Weihnachtsstimmung aufkommt. Bei mir im Büro werden schon die ersten selbstgebackenen Kekse verteilt.

Im Buchhandel gibt’s ab sofort ein zauberhaftes Werk zu kaufen – und ich bin dabei.

 

Weihnachtsbuch: Opa kriegt nichts mehr zu trinken

Dietmar Bittrich (Hg.):
Opa kriegt nichts mehr zu trinken!
Neue Weihnachtsgeschichten mit der buckligen Verwandtschaft

 

Worum geht’s?
Natürlich um Weihnachten. Und um die Mischpoke. 21 Autoren erzählen in 21 Geschichten von ihrem Weihnachten mit  der Sippe. Zum Lachen, zum Weinen, manchmal auch zum Melancholischwerden. Auf jeden Fall sehr kurzweilig.

Mit dabei sind unter anderem Nora Gantenbrink, Renate Bergmann und 11-Freunde-Autor Dirk Gieselmann. Ich habe eine Familiengeschichte beigesteuert und erzähle, wie Weihnachten bei uns im Sauerland ablief, als die schönste Großmutter noch lebte und wir uns alle bei ihr trafen.

Hier gibt’s eine Leseprobe (pdf).

Kosten und Darreichungsform:
Auf Papier im Buchhandel oder als eBook beim Händler der Wahl. Für 9,99€ gehört das Ding Ihnen.

Bücher 2014 – 4: Meine Sommerlektüre

2. 10. 2014  •  5 Kommentare

Gelesen im Juli, August und September:

Gelesen im Juli, August und September 2014

Friedrich Ani. Süden und die Schlüsselkinder.
Mein erster Krimi mit dem Privatdetektiv Tabor Süden. Er wird zu einem Kinderschutzhaus gerufen: Ein Junge ist verschwunden. Nur das Mädchen Fanny könnte wissen, wo das vermisste Kind sich aufhält. Süden macht sich auf, es zu finden. Das Buch ist dünn, nur 188 Seiten. Das ist kein Nachteil; das tut der Geschichte gut. Das Bemerkenswerteste an diesem Buch ist, wie schnörkel- und mitleidslos Friedrich Ani die Familien der Heimkinder präsentiert. Die Lösung des Falls kann man vielleicht erahnen; ich habe es nicht getan. Insofern: gute Sache. Es wird nicht mein letzter Ani sein.

Silvia Avalone. Marina Bellezza.
(Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn)
Marina und Andrea – beide aufgewachsen in den italienischen Alpen, dort wo es nichts gibt außer Berge und verlassene Höfe. Als Teenager haben sie sich schon einmal geliebt. Nun, drei Jahre später, treffen sie sich wieder und die Beziehung beginnt von Neuem. Aber es ist die Zeit der Wirtschaftskrise; beide versuchen, sich eine Existenz aufzubauen: Die hübsche Marina geht zu Castings und versucht sich als Sängern, der introvertierte Andrea möchte die Alm seines Großvaters bewirtschaften. Die Geschichte ist solide erzählt. Allerdings hat mir trotzdem ein wenig der Zugang gefehlt: Den pubertären Charakteren bin ich irgendwie entwachsen. Auch wenn Silvia Avalone es schafft, der Figur der Marina ein bisschen Tiefgang zu geben – bei Andrea verliert sie ihn wieder. Das Resümee insofern: okay bis gut, aber nicht bewegend.

Siri Hustvedt. Was ich liebte.
(Aus dem Englischen von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald)
Leo Hertzberg lebt in New York – in unmittelbarer Nähe seines Freundes, des Malers Bill Wechsler. Siri Hustvedt erzählt das Leben der beiden ab ihrem Kennenlernen, die verwebt ihre Schicksale und Schicksalsschläge. Das macht sie virtuos und gleichzeitig ohne Pathos. Nüchtern und abgeklärt lässt sie Leo Hertzberg  berichten – über Beruf, Ehe, Liebschaften, Freundschaft und Kinder. Auch wenn mich das Künstlermilieu zwischendurch genervt hat: Das Buch ein tolles Erzählstück.

Lola Lafon. Die kleine Kommunistin, die niemald lächelte.
(Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke)
Die Geschichte der Turnerin Nadia Comăneci. Mit 14 Jahren turnte sie bei den Olympischen Spiel in Montreal eine sensationelle 10.0 – als erste Turnerin, die diese Note erhielt. Die Welt bewunderte das zarte, disziplinierte und austrainierte Kind. Ihr Heimatland Rumänien machte sie zu einer Heldin der kommunistischen Jugend. Lola Lafon schildert das Leben Comănecis, ihr Verhältnis zu ihrem Trainer Béla Károlyi und ihre Flucht in die USA. Sie zieht außerdem eine zweite Ebene ein: den Entstehungsprozess des Buches und wie sie mit Nadia Comăneci um Absätze und Formulierungen rang. Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch beeindruckt haben: zum einen das menschenunwürdige Training, das Comăneci absolvierte, und das daraus resultierende, gestörte Verhältnis zu ihrem weiblichen Körper; zum anderen die heutige Reflexion – oder Nicht-Reflexion, wie man’s nimmt – über ihr damaliges Leben, ihre Rolle im Sozialismus und ihren Trainer Károlyi. Eine klare Empfehlung.

J.R. Moehringer: Knapp am Herz vorbei.
(Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit)
New York, Weihnachten 1969. Willie „The Actor“ Sutton wird aus dem Gefängnis entlassen. 17 Jahre lang hat er eingesessen – wegen Bankraubs. Gemeinsam mit einem Journalisten begibt er sich an die Stationen seines Lebens zurück und erzählt ihm, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Autor J.R. Moehringer kenne ich seit Tender Bar, einem feinen Buch, weshalb ich nun auch „Knapp am Herz vorbei“ gelesen habe. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Die Geschichte läuft flüssig; es ist ebenso kurios wie folgerichtig, wie Sutton zum Bankraub kam und dann dabei blieb.

Rose Tremain. Der unausweichliche Tag.
(Aus dem Englischen von Christel Dormagen)
Die Autorin hat mich mit „Der weite Weg“ nach Hause seinerzeit sehr beeindruckt. Doch „Der unausweichliche Tag“ ist ein Buch, das Sie gut liegen lassen können. Kurz zur Handlung: Anthony Verey, Antiquitätenhändler aus London, ist Mitte 60 und entschließt sich, sein altes Leben über Bord zu werfen und in der Nähe seiner Schwester Veronica ein Haus in Frankreich zu kaufen. Doch die Besitzer, ein schrulliges Geschwisterpaar, sind sich nicht einig. Leider ist die Geschichte vorhersehbar und noch dazu blutleer erzählt. Schade.

Aldo Maria Valli. Die kleine Welt des Vatikan. Alltagsleben im Kirchenstaat.
(Aus dem Italienischen von Renate Warttmann)
Ein Buch, das ich schnell wieder beiseite gelegt habe. Denn entgegen dem Titel gibt es darin keine Alltagsgeschichten aus dem Vatikan. Stattdessen beschreibt Valli die Gebäude und die Flagge, die verschiedenen Ämter und die Geschichte des Vatikan. Das ist sehr ermüdend. Ich hätte lieber etwas vom Vatikan-Apotheker und dem Mann gelesen, der den ganzen Blumenschmuck macht, von einem Soldaten des Schweizer Garde oder vom Pförtner. Doch Menschen kommen kaum vor. Sehr schade.

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Elektronisch gelesen:

Charlotte Link. Der Beobachter.
Samson ist arbeitslos. Aus Langeweile beobachtet er Frauen, träumt sich in ihr Leben, verliebt sich in sie. Dann werden zwei ältere Damen brutal ermordet. Schnell wird klar: Samson ist – trotz seines absonderlichen Hobbys – nicht der Mörder. Aber wer ist es dann? Und wo ist die Verbindung zwischen den Toten und den Frauen, die Samson beobachtet? Wer ist dieser John Burton, der plötzlich im Leben einer der Beobacheten auftaucht? Nicht der beste Link, aber solide.

Philipp Meyer. The Son. 
(Deutscher Titel: Der erste Sohn)
Das Buch wird gefeiert als „das Gründungymythos Amerikas“. Meyer erzählt die Geschichte der Eroberung des amerikanischen Westens als große Familiensaga über drei Generationen. Ich habe es nicht über das erste Drittel hinaus geschafft. Die Charaktere sind mir zu hölzern, die Szenen zu konstruiert, die Zeitsprünge gingen mir auf die Nerven.

Joachim Meyerhoff. Alle Toten fliegen hoch: Amerika.
Ein Meisterstück! Joachim Meyerhoff – eigentlich Schauspieler – erzählt, stark biographisch, wie er/der Erzähler als Austauschschüler ins ländliche Wyoming kommt. Und das eigentlich nur, weil er im alles entscheidenden Fragebogen bei der Austauschagentur angegeben hat, er sei ein genügsamer, naturbegeisterter und streng religiöser Kleinstädter – weshalb er nun hat, was (nicht) wollte: Blick auf die Prärie, Pferde und die Rocky Mountains. Doch was ernüchternd beginnt, entpuppt sich als ziemlicht nett, zumal bald die Basketballsaison startet. Meyerhoff erzählt wunderbar einfühlsam und selbstironisch von seinen Erfahrungen in den USA, dem Gefühl des Ausbrechens aus dem Elternhaus und wie es ist, als Jugendlicher in der Fremde zurechtzukommen.

Joachim Meyerhoff. Wann wird es endlich so, wie es nie war.
Die Vorgeschichte zu „Amerika“, wieder autobiographisch. Meyerhoffs Vater war Leiter einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Familie lebte in einem Haus auf dem Gelände. Meyerhoffs kindlichen Erfahrungen sind deshalb geprägt vom Leben inmitten von ganz dicken und ganz dünnen Jugendlichen, solchen, die nicht sprechen, und wieder anderen, die geistig oder körperlich behindert sind. Sein Vater indessen ist ein reiner Theoretiker und in praktischen Dingen völlig verloren, seine Mutter versucht, den Laden am Laufen zu halten, und seine Brüder ergehen sich in ihren Hobbys. „Wann wird es endlich so, wie es nie war“ ist nicht so gut wie „Amerika“, aber eine gute Ergänzung.

Kathrin Seddig. Eheroman.
Ava ist anders. Noch nie hat sie sich richtig zugehörig gefühlt. Dann verliebt sich der erst 12-jährige und deutlich jüngere Danilo in sie. Auch Ava fühlt sich zu ihm hingezogen. Als Danilo 16 ist, zieht er bei ihr ein. Danilo macht Avas Alltag zu etwas Besonderem, obwohl er nur sein eigenes, pubertäres Ding durchzieht. Ich konnte das Buch irgendwann nicht mehr weiterlesen. Die Geschichte war mir zu destruktiv, Ava zu misanthropisch, Danilo zu egoistisch.

Robert Seethaler. Ein ganzes Leben.
Seethaler kenne ich vom „Trafikanten„, eines der herausragendsten Bücher des vergangenen Jahres. Andreas Egger kommt als kleiner Junge in ein Tal, in dem er sein Leben verbringen wird. Er ist nicht besonders helle und auch nicht sehr kommunikativ. Er hat eine kleine, körperliche Behinderung. Trotzdem findet er Anstellung als Hilfsknecht und schließlich als Arbeiter für ein Seilbahnunternehmen. Er lernt die Liebe seines Lebens kennen und verliert sie wieder. „Ein ganzes Leben“ ist die Geschichte eines einfachen Mannes, sie ist schlicht wie die Figur und doch bewegend. Ich bin Andreas Egger gerne durchs Leben gefolgt. Ein gutes Buch.

Dave Eggers: Der Circle

23. 09. 2014  •  15 Kommentare

Aktuell in aller Munde:

Dave Eggers: The Circle

Die Geschichte:

Mae Holland ist 24 und stolz wie Bolle. Sie hat einen Job beim Circle bekommen – der hippsten und erfolgreichsten Technologiefirma, die es aktuell gibt. Der Circle hat Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt und entwickelt sie weiter.

Mae startet ihren Job in der Kundenbetreuung. Die Firma kümmert sich rührend um ihre Mitarbeiter: Freizeitangebote, Gesundheitsvorsorge – es gibt nichts, was es nicht gibt. Doch die Anforderungen an Mae steigen schnell; Multitasking ist angesagt. Zudem sind die Freizeitmöglichkeiten im Circle weniger Angebote als Pflicht; es wird erwartet, dass Mae sie nutzt – und online über alles schreibt, was sie tut. Das Ganze nimmt mit der Zeit absurde Ausmaße an. Mae jedoch ist begeistert, Teil einer Bewegung zu sein – auch wenn ihr Privatleben zunehmend zerbricht.

Und?

„‚Schöne neue Welt‘ reloaded“, ein neuer Aldous Huxley – so wird das Buch angekündigt. Die Moral von der Geschicht‘ ist deshalb von vorne herein klar: Seid aufmerksam! Wenn Ihr nicht aufpasst, ist Datenschutz bald nicht mehr existent. Ein Monopolist wird alles bestimmen.

Diese Vorhersehbarkeit stört erstmal nicht, denn die Idee des Buches ist aktuell, gerade vor dem Hintergrund, was die neue Apple Watch alles können wird. Außerdem schreibt Dave Eggers zwar ohne stilistische Finesse, aber solide und flüssig. Ein gutes Alltagsbuch also.

Aber:

Die Geschichte kommt mit dem Holzhammer daher: Der Charakter der „Mae“ ist dümmlich und naiv – ein unreifes, oberflächliches Mädel, das nicht in einer einzigen Szene eigenständig denkt. Entsprechend begibt sie sich begeistert in die Hände des Circle, bis sie 24/7 eine Webcam mit sich herumträgt und für die Öffentlichkeit vollkommen transparent wird. Und als ob das nicht genügte, läuft sie in der Liebe einem Mann hinterher, der ihr seine Identität nicht offenbart, den sie aber, gerade weil er so geheimnisvoll ist, wahnsinnig anziehend findet.

Das ist alles schwierig zu ertragen. Man möchte geradezu schreien angesichts dieser stereotypen Figur. Mit einem geistig beschränkten männlichen Protagonisten wäre es mir genauso ergangen, aber die Figur einer arglos-dummen, dem mysteriösen Liebhaber hinterherlaufenden Frau ist maximal klischeehaft und hat es mir schwer gemacht, der Geschichte einen Wert beizumessen. Sie wäre ungleich spannender, wenn im Mittelpunkt der Story jemand stünde, der kritisch denkt und meint, sein digitales Leben im Griff zu haben – und am Ende überrascht wird, wie wenig seine Vorkehrungen nützen. Also jemand, mit dem ich mich tatsächlich hätte identifizieren können.

Die Motive der anderen Seite, des Circle, bleiben im Übrigen völlig im Dunkeln. Warum will der Circle, dass die Menschen möglichst viel von sich preisgeben? Macht? Geld? Beides? Wie werden die Daten verwertet? Worin liegt genau der Profit? Als Leser kann ich es nur ahnen. Das finde ich sehr schade; es hätte das Thema erhellt.

Fazit:

Kann man lesen. Muss man nicht.

Das Buch wurde mir vom Verlag Kiepenheuer & Witsch zur Rezension zur Verfügung gestellt.



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