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Archiv der Kategorie »Lektüre«

Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod

27. 07. 2015  •  5 Kommentare

Buch gelesen:

Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod

 

Darum geht’s:

Ernst Hoffmann ist Komiker, Holländer und Halbjude* Jude. Er wird in ein Konzentrationslager in Polen deportiert. Dort erleidet er ungeheure Qualen und beobachtet ungekannte Grausamkeiten – bis sein Humor ihm ein besseres Leben verschafft: Er darf vor SS-Offizieren auftreten. Oder besser gesagt: Er muss.

Es ist kein Vergnügen. Jeder Witz muss wohl überlegt sein, und das, was er darbietet, wird ein eigener Überlebenshumor, eine Lagerhumor, eine Mischung aus Zynismus, Verachtung und ab und an ein wenig vorsichtiger Ironie.

Und? Gut?

Dieses Buch überschreitet Grenzen. Ich habe schon viele Bücher über den Holocaust gelesen, alle haben Grausamkeiten beschrieben. „Das Lachen und der Tod“ geht einen Schritt weiter. Es beschreibt Gräuel, wo andere Bücher aufhören, und ist deshalb ungeheuer wichtig.

Doch das Buch ist nicht nur schonungslos. Es ist auch warmherzig.

Es ist unfassbar, wie ein Mensch nach Erlebnissen, wie Ernst Hoffmann sie machen musste, weiterleben kann. Aber es geht wohl. Das macht Hoffnung.

Lesen Sie das Buch. Erwarten Sie das Schlimmste, das Menschen Menschen antun können. Und erwarten Sie das Beste, das ein Buch zu tun vermag: bewegen.

*Hinweis in den Kommentaren

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Bücher 2015-5: Gelesen im Mai

3. 06. 2015  •  8 Kommentare

Die Bücher des vergangenen Monats:

Bücher im Mai

Thommie Bayer. Vier Arten, die Liebe zu vergessen
Emmi, eine Lehrerin, ist tot. Vier ihrer Schüler, alle in den Vierzigern, finden sich an ihrem Grab ein. Thomas ist ein desillusionierter Geschäftsmann mit einem Alkoholproblem, Bernd ein peinlicher Schürzenjäger, Wagner ein verbitterter Linker. Michael, der vierte von ihnen, lädt sie zu sich nach Venedig ein, wo die Männer, die nach ihrem Wiedersehen wenig miteinander anfangen können, einige Tage verbringen. Ein netter Roman – eine kurzweilige Urlaubslektüre mit kleinem Spannungsbogen. Jedoch nicht so tiefgreifend, wie ich es erwartet habe. Aber das liegt vielleicht an mir.

Alexander Gorkow. Mona
Blum ist ein Spezialist für Kühlkettensysteme und fliegt für einen Auftrag nach Bukarest. Er soll sicherstellen, dass der Transport von Schlachttieren, der kreuz und quer durch Rumänien führt, kühlungstechnisch einwandfrei vonstatten geht. Die Verhandlungen mit den Geschäftspartnern verlaufen zunächst zufriedenstellend. Doch Mona, eine rumänische Prostituierte, bricht wie eine Naturgewalt in Blums Leben herein. Wieder zu Hause, häufen sich dann die Probleme: Blum ist nicht nur verliebt, er hat auch die rumänische Gesamtstromlage nicht ausreichend berücksichtigt. Ein Roman, in der ersten Hälfte grandios schräg. Leider lässt er in der zweiten deutlich nach.

Jan Guillou. Die Brückenbauer
(Deutsch von Lotta Rüegger und Holger Wolandt)
Lauritz, Oscar und ihr Bruder Sverre sind norwegische Fischerjungen. Als ihr Vater stirbt, bekommen sie die Gelegenheit, ein Ingenieurstudium aufzunehmen. Fortan arbeiten sie als Brückenbauer: Oscar in der Kolonie Deutsch-Ostafrika, Lauritz baut in Norwegen die Bergenbahn. Ein historischer Roman, ganz okay, im ersten Teil sehr unterhaltsam, im zweiten mit deutlichen Längen – die 800 Seiten zogen sich am Ende. Die Geschichte um Oscar setzt für meinen Geschmack zu viel auf Exotik. Kann man lesen, muss man nicht.

Andrea Maria Schenkel. Finsterau
Bayerischer Wald, 1944: Die junge Afra kehrt zurück in ihr Elternhaus. Sie ist schwanger und nicht verheiratet, eine Schande. Einige Zeit später ist sie tot. Der Vater soll es gewesen sein. Doch war er es tatsächlich? Ein kleiner, feiner Krimi, nur 160 Seiten stark.

Martin Suter. Allmen und die Libellen
Allmen, ein eleganter Lebemann und Feingeist, ist über die Jahre finanziell in die Bredouille geraten. Zwar pflegt er noch seine kostspieligen Routinen und hält sich auch noch einen Assistenten, steht dafür aber bei diversen Leuten in der Kreide. Nach einer Nacht mit einer gealterten Schönen findet er hinter ihrem Schlafzimmer fünf Jugendstil-Schalen, die ihn auf eine Idee bringen. Das Buch ist kein Geniestreich, aber ausgesprochen angenehm zu lesen, mit eigenem Stil und toller Atmosphäre. Mein erster Suter, aber gewiss nicht mein letzter. Zumal die Geschichte der Auftakt für ein Ermittlerduo und der Start einer Krimiserie ist.

Fabio Volo. Il giorno in piú
(Deutsch: Noch ein Tag und eine Nacht)
Giacomo ist Ende 30 und ohne feste Beziehung, ein Romantiker mit wechselnden Frauengeschichten. Auf der täglichen Fahrt in der Straßenbahn verliebt er sich in eine Frau, die er sich lange nicht traut anzusprechen, und als er es dann doch tut – nun, ich möchte nicht zu viel verraten.

Die Handlung ist eine klassische Schnulzenhandlung, aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken. Volo versteht es, ihr Tiefsinn zu verleihen. Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Zeitebenen, mit denen er erzählt, vielleicht auch an seiner Fähigkeit, alltägliche Dinge und Gefühle so zu beschreiben, dass ich fortwährend nicken möchte. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass Volos Figuren nicht – wie in so vielen anderen Romanen – Anfang 20, sondern Ende 30 sind. Ihre Erfahrung bereichert die Geschichte.

Die Geschichte wurde in Italien verfilmt – mit dem Autor in der Hauptrolle. Wenn Sie nichts verstehen, ist es nicht so schlimm. Für die Atmosphäre:

Trivia:

Julia Bähr über eines meiner Lieblingsbücher, „Die Frau des Zeitreisenden“:

Romantiker! Lest das Buch, klappt es in der Mitte zu, denkt euch irgendwas von „Happily ever after“ und geht einen Tee trinken. Lest nicht weiter. Ehrlich jetzt, hört auf meinen Rat, ich meine es nur gut.

Und für jene von euch, die eine Axt suchen für das gefrorene Meer in sich: Dieses Buch ist aber so was von eine Axt. Tretet beiseite, wenn die Späne fliegen.

Bücher 2015 – 4: Sylvain Tesson. In den Wäldern Sibiriens

28. 04. 2015  •  2 Kommentare

Ein Buch über den Baikalsee, das Leben in einer Holzhütte und das einfache Leben:

Tessain: In den Wäldern Sibiriens - Cover

 

Darum geht’s:

Sylvain Tesson, französischer Reisender und Schriftsteller, zieht für sechs Monate in einer Blockhütte an den Baikalsee. „Einfach mal weg sein: die Einladung, ein anderes Leben zu führen“, das ist es, was er möchte.

Das nächste Dorf ist fünf Tagesmärsche entfernt, um Tesson herum: nur Schnee, Eis, der See, Wald und ab und an ein Vogel. Die Temperaturen liegen im Winter bei minus 30 Grad, ein Ofen beheizt die Hütte.

Gefällt’s?

Nein, tut mir leid. Gefällt nicht. Sylvain Tesson verbringt Monate in Einsamkeit, erlangt offensichtlich jedoch keinerlei Erkenntnisse. Er beschreibt lediglich seinen Alltag, er hackt Holz, geht auf den See hinaus, ab und an besteigt er einen Berg, marschiert zu seinem nächsten Nachbarn oder bekommt Besuch.

Vielleicht liegt die mangelnde Relevanz seiner Ansichten daran, dass er sich quasi unentwegt mit Alkohol zukippt. Es scheint fast so, als hätte der Autor sich nur zurückgezogen, um seiner Alkoholsucht zu frönen: Entweder trinkt er alleine oder mit Besuch, auf jeden Fall erwähnt er sein Trinken ohne Unterlass, er säuft Wodka, Bier und Cognac.

Tessain: In den Wäldern Sibiriens - beispielhafte Seite

 

Steigt Tesson mal in seine Gedankenwelt hinab, ist sie verworren; vielleicht kommt man ihm näher, wenn man das Buch betrunken liest. Das könnte helfen.

Alternative:

Hauke Trinks Dessen Tagebuch über eine Forschungsreise in die Polarnacht – Trinks ist Physikprofessor und Extremforscher – ist weitaus ergiebiger, kurzweiliger und sympathischer.

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Bücher 2015 – 4: Max Scharnigg. Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

17. 04. 2015  •  7 Kommentare

Literarischer Roman über drei Generationen, die auf der Hofstatt Pildau wohnen.

Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau - Cover

 

Darum geht’s:

Jasper Honigbrod ist sechs Jahre alt. Er wohnt mit seinem Vater Max und seinem Opa Ludwig auf dem Bauernhof Pildau.

Die Drei leben autark. Es gibt kaum Berührungspunkte mit anderen Menschen. Jasper verlebt eine fantastische Kindheit – in jeglicher Hinsicht: Der Hof ist eine eigene Welt für ihn. Es gibt die Hofstange, die jedes Jahr gelängt wird – zu Ehren der Jungfrau Maria und aus allerlei anderen, eher weltlichen Gründen. Ab und zu kommt die Lene-Mama, eine Freundin des Vaters, und irgendwann wohnt auch Lada auf dem Hof, ein kleines Mädchen, das – aus Gründen – nach einem Auto benannt ist.

Max Scharnigg erzählt aus der Sicht Jaspers, kapitelweise auch aus der Vergangenheit Ludwigs und Lenes. Wir erfahren, wie die Rüben-Erntemaschine The Original Pildauer erfunden wurde, und wie man Kinder erziehen kann.

Und? Gut?

Ja. Das Buch erschließt sich allerdings erst langsam. Zu Beginn habe ich mich des Öfteren gefragt: Mmmh? Worauf läuft’s hinaus? Wovon leben die eigentlich? Das ist doch alles irgendwie … Quatsch.

Nee, ist es nicht.

Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

 

Die Geschichte läuft immer knapp am realen Leben vorbei. Das ist gewollt und das ist gut so. Denn so ist die kindliche Wahrnehmung; da fehlen manchmal Versatzstücke, damit es wirklich schlüssig ist; der Schwerpunkt liegt auch nicht immer auf dem, was Erwachsene wichtig finden, sondern was für Jasper im Fokus steht.

Ab und an finden sich außerdem wirklich schöne Sätze und Wörter. So beschreibt Jasper seinen Vater als einen „unentwegt in Fußnoten denkenden Mann“ (S.21), und die Leute sterben nicht einfach:

Der Großvater Honigbrod hatte den Fisch gefangen, als er selbst noch jung war, in einem Altwasser, das es nicht mehr gibt. „Das Altwasser ist verlandet, und der Altopa wird bald verhimmelt sein“, so pflegte er bisweilen den Verlauf der Zeit festzustellen, wenn er unseren Klappkalender in der Küche einen Monat weiterdrehte, worauf mein Vater, der sonst ein weitgehend unaufmerksamer Mensch war, sich gezwungen sah, eine Geräusch zu machen, irgendeines, das die lange Sekunde nach einer großen Wahrheit auffüllte.“ (S.21)

Großvater Honigbrod – damit verrate ich nicht zu viel – verhimmelt tatsächlich im Laufe der Geschichte, im wahrsten Sinne des Wortes. Überlegen Sie schon einmal, wie das passieren kann, denn damit ist genug gesagt.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch so gekauft hätte.  

Bücher 2015 – 4: Kevin Maher. Nichts für Anfänger.

15. 04. 2015  •  6 Kommentare

Das Leben des jungen Jim Finnegan, das plötzlich aus den Fugen gerät.

Kevin Maher: Nicht für Anfänger - Cover

Darum geht’s:

Jim ist der jüngste Spross einer achtköpfigen Familie. Er lebt mit seinen Eltern und seinen fünf Schwestern in Dublin. Es sind die 1980er Jahre. Das Leben wird von der Politik und der IRA bestimmt – und für Jim nimmt es plötzlich rasant an Fahrt auf.

Alles fängt damit an, dass Helen MacDowell einen Hockeyball ins Gesicht bekommt. Danach gerät irgendwie alles außer Kontrolle: Er lernt den halbstarken Mozzo kennen, verliebt sich. Dann kommt ein Pfarrer ins Spiel, und zu guter Letzt wird auch noch sein Vater krank.

Gefällt’s?

Kevin Maher erzählt aus der Sicht des 14-jährigen Jim – in seiner jugendlichen, rotzigen Sprache. Es gibt keine wörtliche Rede. Das Buch ist praktisch ein Erzählfluss.

Kevin Maher: Nicht für Anfänger - Summer Loving

 

Das stört aber nicht: Es liest sich locker weg, und auch der Erzählton, der im Verdacht stehen könnte, irgendwann zu nerven, passt gut zur Handlung.

Das macht das Besonderes des Buches aus: Jims Haltung ist zum einen naiv und emotional, distanz- und sorglos, zum anderen kühl, berechnend und zynisch. Ich war Jim beim Lesen sehr nahe. Es hat Spaß gemacht, seine Entwicklung zu verfolgen.

Ein Buch über das Heranwachsen, über ein schwieriges Teenagerleben. Hat mir gut gefallen, bleibt hängen.

Gefällt Leuten, die auch „Tender Bar“ gut fanden.

Und sonst?

Im letzten Drittel war die Handlung rund ums esoterische Heilen überflüssig, hat das Leseerlebnis im Großen und Ganzen aber nicht getrübt. Starke, ganz starke Passagen rund um die Pfarrer-Handlung.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch so gekauft hätte.  

Bücher 2015 – 4: Giuseppe Catozzella. Sag nicht, dass du Angst hast.

7. 04. 2015  •  1 Kommentar

Das zweite Buch im April, gelesen an Ostern:

Sag nicht, dass du Angst hast: Cover

 

Darum geht’s: 

Ein Roman nach einer wahren Geschichte: Die junge Somalierin Samia möchte eine große Läuferin werden. Schon mit acht Jahren weiß sie, dass sie Talent hat – und setzt alles daran, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Sie trainiert wie besessen – trotz schlechter Bedingungen.

Der Traum wird wahr: Sie tritt 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking an. Doch danach beginnt eine Odyssee: Sie flieht aus ihrer Heimatstadt Mogadischu. Zunächst nach Äthiopien, wo sie aber nicht trainieren kann; sie ist illegal im Land. Sie vertraut sich Schlepperbanden an. Ihr Ziel: Helsinki. Dort lebt ihre Schwester.

Gefällt’s?

Eine eindringliche Geschichte. Die einfache Sprache macht es leicht, sich Samia zu nähern. Zunächst geschieht nicht viel; Catozzella schildert, wie Samia in Mogadischu trainiert, schildert ihre Kindheit, das Leben ihrer Familie. Doch die Situation spitzt sich von Seite zu Seite zu.

Ein kleines Buch, nur 250 Seiten, das viel Eindruck hinterlässt.

Sag nicht, dass du Angst hast: Kapitel 2

 

Samia:

Samia Yusuf Omar ertrank am 2. April 2012 nach 6-monatiger Flucht  vor Lampedusa bei dem Versuch, Taue zu erreichen, die ein italienisches Schiff ausgeworfen hatte.

Das Video ihres Laufs in Peking über 200 Meter: Sie kam zehn Sekunden nach der Siegerin Veronica Campbell-Brown ins Ziel (ab 1:45). Das Publikum hat sie frenetisch gefeiert.

Im Buch beschreibt Catozzella, unter welch widrigen Bedingungen Samia trainierte: Sie hatte kaum etwas zu essen und musste die meiste Zeit über in einer Burka trainieren – oder nachts, wenn sie niemand sah.

Einen Trainer hatte sie nicht – und nur ein einziges Paar Schuhe, das ihr Vater ihr geschenkt hat. Ebenso wie das weiße Stirnband, das sie in Peking trägt.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch so gekauft hätte.  

Bücher 2015 – 4: Kristine Bilkau. Die Glücklichen.

4. 04. 2015  •  1 Kommentar

Das erste Buch im April:

Kristine Bilkau: Die Glücklichen - Cover

 

Darum geht’s:

Georg und Isabell leben in einer Altbauwohnung in der Großstadt. Ihr Sohn Matti ist noch klein; Isabell kehrt gerade in ihren Beruf als Cellistin zurück. Doch ihre Bogenhand zittert. Bei Georg sieht es beruflich auch nicht rosig aus: Der Tageszeitung, bei der er arbeitet, geht es schlecht. Isabell und Georg werden arbeitslos.

Getrieben von Erwartungen an sich selbst, an einander und an das Leben beginnen die beiden, sich aufzureiben.

Gefällt’s?

Grundsätzlich ja. Eine Handlung, die sich langsam entspinnt, sich nicht aufdrängt. Zwei Figuren, die ich als Leserin nach und nach kennenlernen kann; die mir nicht unbedingt sympathisch, die aber schlüssig sind. Zwei Menschen, die alles haben, die sich zu ihrem Glück nur selbst im Weg stehen.

Kristine Bilkau neigt zu Bandwurmsätzen. Das Gute: Die Sprache fließt dahin; sie spiegelt damit gut das Leben der beiden Protagonisten wider, die getrieben sind, im Strom schwimmen und erst mit der Zeit versuchen, Einfluss zu nehmen. Die Worte gleiten von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel; es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Nachteil: Manchmal nervt’s.

Kristine Bilkau: Die Glücklichen - Kapitel 1

 

Die Stimmung ist alles in allem recht trübsinnig – was nicht negativ ist; schließlich geht es um die Schwierigkeiten des Alltags. Es empfiehlt sich dennoch, das Buch zu lesen, wenn man guter Dinge ist.

Und sonst?

Er ist Redakteur, sie ist Musikerin, gemeinsam wohnen sie in einer Altbauwohnung – das ist alles klischeehaft berlinesk. Es macht die Geschichte nicht zwingend schlechter; es hätte dem Buch nur gut getan, gesamtdeutsch-provinzieller zu sein.

Das gilt übrigens für etliche Bücher, in denen es um Lebenseinstellungen und Befindlichkeiten geht: Sie sind oft sehr aus dem Autoren- und Künstlermilieu heraus gedacht. Ich möchte mal ein Buch lesen, in dem der Mann Handwerker und die Frau Pförtnerin ist; in dem das Paar in einem miefigen Mehrfamilienhaus in Arnsberg oder Rostock oder Schweinfurt wohnt. Hätten sie dann dieselben Gedanken und Probleme wie Isabell und Georg?

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch so gekauft hätte.  

Bücher 2015 – 3: März

31. 03. 2015  •  2 Kommentare

Gelesen im März:

Bücher im März 2015

Friedrich Ani. Süden
Tabor Süden war Polizist; er hat in der Vermisstenstelle gearbeitet. Nach längerer, privater Zeit in Köln kehrt nach München zurück. Er sucht seinen Vater – und den Wirt Raimund Zacherl. Als Privatdetektiv macht er sich auf die Suche nach dem Gastronomen. Was ich an den Süden-Büchern mag: Es sind keine klassischen Krimis, mehr Erzählungen, und es geht immer um Menschen und ihre Entscheidungen. Dieser Band hat allerdings einige Längen; die Geschichte um Südens Vater hat mich genervt.

Beverly Jensen. Die Hummerschwestern
(Deutsch von Beate Brammertz)
Ein Buch, das stark anfängt, um dann stark nachzulassen: Die Schwestern Avis und Idella wachsen gemeinsam mit ihrem Vater an der Steilküste New Brunswicks auf. Ihre Mutter ist bei der Geburt einer dritten Schwester gestorben. Das Buch erzählt ihr Leben und steigt stark ein: Der Alltag der Kinder an der Küste, unter Männern, ist gut zu lesen. Dann ziehen die Schwestern fort und die Geschichte verliert an Drive. Im letzten Drittel verwässern die Charaktere. Trotzdem eine nette Urlaubslektüre.

Karl Ove Knausgard. Lieben
(Aus dem Norwegischen von Paul Berf)
Ein viel gelobtes Werk des Norwergers Knausgard. Er erzählt autobiographisch aus seinem Leben, in diesem Band besonders aus seinem Liebesleben und der Beziehung zu seiner Partnerin und seinen Töchtern. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Buch – allen voran, weil der Protagonist keinerlei Entwicklung durchmacht. Das Werk ist eine einzige Introspektive, aufgrund des In-sich-selbst-Gefangenseins des Erzählers leider ohne Erkenntnisgewinn. Die gänzliche Abwesenheit einer tatsächlichen Handlung – im Sinne von tatsächlichem Aktivwerden der Personen oder dem Eintreten von Ereignissen – hat es mir schwer gemacht, meine negativen Gefühle gegenüber dem Erzähler Ove zurückzuhalten; ein Unsympath. Der Kinderdoc hat das Buch auch gelesen.

Favel Parrett. Jenseits der Untiefen
(Aus dem Englischen von Antje Rávic Strubel)
Die drei Brüder Joe, Miles und Harry wachsen an er Küste Tasmaniens auf. Ihre Mutter lebt nicht mehr, der Vater ist unberechenbar. Die Geschichte begleitet die Jungen ein Stück in ihrem Leben. Es erzählt sehr ruhig. Langsam offenbart sich ein Geheimnis. Das Ende ist wuchtig und kommt mit Gewalt. Ein zunächst unscheinbares, dann aber gutes Buch.

John Williams. Stoner
Anfang des 20. Jahrhunderts: William Stoner verlässt die Farm seiner Eltern und beginnt ein Agrarstudium. Recht bald entdeckt er jedoch seine Liebe zur Literatur und wechselt das Studienfach. Er beginnt eine Universitätskarriere und entkommt damit zwar dem kargen Dasein auf der elterlichen Farm; er wird jedoch auf andere Weise Gefangener seines Lebens. Eine gute, durchdachte, niemals bevormundende, sehr leise Geschichte, die schon 1965 geschrieben wurde. Unbedingt empfehlenswert. Anke Gröner hat das Buch auch gelesen, der Kinderdoc ebenso.

Im April werde ich Rezensionsexemplare lesen, die dann in Einzelbeiträgen erscheinen.

 

Bücher, die ich dieses Jahr bestimmt lesen werde

26. 03. 2015  •  4 Kommentare

Ein Stöckchen! Thema: Welche 5 Bücher werde ich dieses Jahr definitiv lesen?

Praktischerweise habe ich meinem Regal ein passendes Fach. In das stelle ich Bücher, die ich bekommen oder gekauft habe und noch lesen möchte. Wenn ich ein Buch fertig gelesen habe, brauche ich dort nur hingehen und reingreifen.

In dem Fach stehen allerdings immer mehr als fünf Bücher. Meistens ist es proppenvoll.

Mein Büchervorrat

Mein Büchervorrat: links Privatkäufe, rechts Rezensionsexemplare.

 

Rezensionsexemplare, die ich mir ausgesucht habe:

Privatkäufe:

Auf dem Kindle liegt noch:

Mein Amazon-Wunschzettel gibt auch Auskunft über zukünftige Pläne.

Im August kommt außerdem das Buch von Frau Nuf Patricia Cammarata auf den Markt: Sehr gerne Mama, du Arschbombe – Tiefenentspannt durch die Kinderjahre. Darauf freue ich mich schon wie Bolle. Das werde ich ganz sicher auch verschenken.

Im März lese ich zunächst die Rezensionsexemplare des neuen Bloggerportals von Randomhouse. Das sind die ersten fünf Bücher von rechts – von Maher bis Bilkau. Anders als sonst stelle ich die Bücher dann einzeln vor und nicht in einem Beitrag am Monatsende.

Ich rezensiere übrigens ausschließlich Bücher, die ich mir auch privat gekauft hätte. Mit dem Lesen ist es nämlich wie mit Essen: Dinge, die ich nicht mag, kriege ich nicht runter.

 

Bücher 2015 – 2: Februar

3. 03. 2015  •  2 Kommentare

Gelesen im Februar 2015:

Bücher im Februar 2015

Ceridwen Dovey. Der Koch, der Maler und der Barbier des Präsidenten
(Aus dem Englischen von Sabine Roth)
Ein nicht näher benanntes Land. Der Präsident wird gestürzt. Sein Koch, sein Maler und sein Barbier dienen ab sofort dem neuen Herrscher. Sie und ihre Frauen erzählen ihre Sicht der Dinge. Keiner von ihnen hat Namen, weshalb das Buch den Anspruch einer universellen Moral erhebt. Für mich war es kein Höhepunkt. Die Idee hat mich zwar anfangs gereizt, doch letzten Endes fehlte mir der Tiefgang, das Besondere.

Anne Holt. Schattenkind
(Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs)
Der kleine Sander ist tot. Er wurde acht Jahre alt. Polizeipsychologin Inger Johanne Vik kennt die Eltern. Sie geht auf Spurensuche. Schnell wird der Verdacht der Kindesmisshandlung laut. Doch die Spuren sind nicht eindeutig. Ein durchschnittliches Buch, ein vorhersehbarer Plot. Nichts Besonderes.

Charlotte Link. Die Stunde der Erben
Der dritte und letzte Band der Sturmzeit-Trilogie nach „Sturmzeit“ und „Wilde Lupinen“. Nicht ganz so stark wie der zweite Teil, aber dennoch durchweg prima. Die Handlung spielt im Deutschland der 1970er Jahre. Die Geschichte umfasst wieder das Leben mehrerer Mitglieder der Familie Lombard-Marty: Die Matriarchin Felicia ist alt, sie übergibt ihre Firma an ihre Enkelin Alexandra. Die jedoch hat ihre eigenen Probleme. Cousine Julia lebt in der DDR und versucht zu fliehen. Alexandras Bruder Chris lebt im Umfeld der Anti-Atom-Bewegung. Ein unterhaltsames Gesellschaftsportrait, keine hohe Literatur, aber dennoch ein Buch, das sich gut weglesen lässt.

Jo Nesbø. Leopard.
(Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries)
Harry Hole, Ermittler mit Alkohol- und Drogenproblem, entlaufener Familie und auch sonst maximal gebeuteltem Dasein, löst seinen achten Fall. Gesucht wird der Mörder dreier Frauen. Schnell wird die Gemeinsamkeit zwischen den dreien deutlich. Dann gibt es auch schon das nächste, bestialisch ermordete Opfer. Die ersten 300 Seiten sind prima, dann entwickelt die Geschichte deutliche Längen – 700 Seiten sind für einen Krimi einfach zu viel. Dazu die geschundene Ermittlerseele und unglaubwürdige Zufälle. Alles ein bisschen over the top.

Samuel Shem. House of God
(Aus dem Amerikanischen von Heidrun Adler)
Roy ist Assistenzarzt im ersten Jahr, ein sogenannter Intern. Gemeinsam mit fünf anderen tritt er sein Internship im House of God an. In der Ausbildung geht es nicht um Medizin. Vor allem die vielen alten, dementen Patienten sind eine Herausforderung; die Interns nennen sie „Gomers“: Go Out Of My Emergency Room. Die erste Regel lautet: „Gomers sterben nicht.“ Die zweite Regel: „Gomers gehen zu Boden.“ Weitere Regeln: „Sie können dich immer noch mehr quälen.“ Und: „Die einzig gute Aufnahme ist eine tote Aufnahme.“ Das Buch ist ein Klassiker aus den 70ern, ein ernüchternder Roman über den Klinikalltag. Unglaublich bissig, unglaublich bitter. Und sicherlich nicht unwahr.

Paolo di Stefano. Giallo d’Avola.
(Keine deutsche Übersetzung)
Nach einer wahren Begebenheit: Nachkriegszeit in Sizilien, die Welt der Kleinbauern. Salvatore Gallo wird verdächtigt, seinen Bruder getötet zu haben, gemeinsam mit seinem Sohn. Beide kommen ins Gefängnis. Dabei gibt es nicht einmal eine Leiche, der Bruder ist nur verschwunden. Irre Geschichte, vor allem wegen des überragenden Gesellschaftsportraits. Die Sprache spiegelt die brodelnde Gerüchteküche wider: archaisch, verschachtelt, undurchdringlich. Allerdings hat der Plot einige Längen und Redundanzen. Deshalb Abzüge in der B-Note.

Fabio Volo. Il tempo che vorrei
(Deutsch: Zeit für mich und Zeit für dich)
Vorab: Der italienische Titel „Die Zeit, die ich möchte“ passt deutlich besser zur Geschichte als die deutsche Übersetzung „Zeit für mich und Zeit für dich“, die pilchereske Assoziationen auslöst. Das gleiche gilt für den deutschen Klappentext. Lassen Sie sich davon also nicht abschrecken.

Lorenzo weiß nicht zu lieben: Seine Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen. Er trauert seiner Ex-Freundin nach, möchte sie zurückhaben. Zweite Baustelle in seinem Leben ist die Beziehung zu seinem Vater, ein einfacher Mann, der die Zuneigung zu seinem Sohn nicht auszudrücken vermag. Dann erkrankt der Vater.

Fabio Volo erzählt leise und unglaublich großartig, mit feinem Sinn für Zwischentöne. Er lässt seine Figuren sprechen, drängt sich nicht auf. Ich bin absolut hingerissen von diesem Buch. Auch, weil man es wirklich bis zum letzten Satz lesen muss, um tatsächlich ans Ende der Geschichte zu gelangen. Ein seltenes Glück.

Ich streiche mir in Büchern selten Textstellen an. Bei diesem Buch schon. Zum Beispiel:

„Quando leggi un libro che ti piace, quelle pagine un po‘ ti cambiano; quando rileggi, sei tu che cambi loro.“ (p. 103)

„Wenn du ein Buch liest, das dir gefällt, verändern dich die Seiten ein bisschen; wenn du es ein weiteres Mal liest, bist du es, der sie verändert.“

So ist es, ja: Lese ich ein Buch noch einmal, lese ich es immer anders. Denn ich bin eine andere geworden in der Zwischenzeit. Zugegeben, nicht viele Bücher lese ich zweimal. Oft stöbere ich eher in den Büchern, die ich behalten und nicht weggegeben habe. Trotzdem.

Übers Kennenlernen:

„Una volta per corteggiare una donna dovevi prima convincerla a uscire, poi dovevi cercare di farti conoscere il più possibile, parlando per delle ore e mettendo un sacco di carne al fuoco. Oggi con il SMS puoi creare subito un rapporto e darle un’idea di te, di che tipo sei. La prima volta che ci esci a cena, se ti sei messaggiato un po‘ con lei, sai già più o meno con chi hai a che fare. La cena è divantata la finale, non è più una partita delle qualificazioni.“ (p. 181)

„Wenn du dich seinerzeit um eine Frau bemüht hast, musstest du sie erst überzeugen, mit dir auszugehen. Dann musstest du versuchen, dass ihr euch so gut wie möglich kennenlernt, du hast stundenlang geredet und eine Menge in die Waagschale geworfen. Heute, mit SMS, kannst du sofort eine Beziehung aufbauen und ihr eine Vorstellung davon vermitteln, was für ein Typ du bist. Das erste Mal, wenn du dann mit ihr essen gehst und nachdem du ein bisschen mit ihr geschrieben hast, weißt du mehr oder weniger, mit wem du es zu tun hast. Das Abendessen ist das Finale geworden, es ist kein Qualifikationsspiel mehr.“

(Bitte entschuldigen Sie die stümperhafte Übersetzung, ich bin Laie.)

Bis zu dieser Textstelle hatte ich noch nie darüber nachgedacht, aber ja. Das Schreiben von E-Mails und Nachrichten kann eine sehr intime Sache sein, auch wenn manche Botschaft nur aus zwei, drei oder vier Wörter besteht. Es reduziert und komprimiert die Kommunikation und den Menschen, der dahinter steckt; es ist ein Extrakt und deshalb bisweilen unglaublich intensiv. Und ja: Man kann sich über diese Nachrichten ineinander verlieben. Neu oder auch immer wieder.



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