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Archiv der Kategorie »Lektüre«

Daniel Woodrell: In Almas Augen

20. 11. 2015  •  1 Kommentar

Gelesen:

Woodrell_Almas_Augen

Darum geht’s:

Missouri, Sommer 1929. Eine Tanzveranstaltung in einer Kleinstadt. Es kommt zu einer Explosion. 42 Menschen sterben.  40 Jahre später: Alma DeGeer Dunahew ist Haushälterin; sie hat seinerzeit ihre Schwester Ruby bei dem Unglück, dessen Ursache nie geklärt wurde, verloren. Während sie ihr aktuelles Leben lebt, kommt nach und nach Licht ins Dunkel der Vergangenheit.

Wie gefällt’s?

Das Stärkste am Buch sind das Sittengemälde, das es zeichnet, und die Atmosphäre, die es erschafft. Die Kleinstadt im Süden, ihre Piefigkeit, die gesellschaftlichen Stände, die Persönlichkeiten, die dort wohnen. Das ist fein und trägt das Buch. Die eigentliche Handlung verblasst vor diesem Hintergrund etwas. So richtig Spannung will bei der Klärung der Unglücksursache nicht aufkommen. Darum geht es in dem Buch vielleicht auch gar nicht – dennoch: Sie fehlt ein wenig. Deshalb: eine solide Geschichte, gute Charaktere, durchschnittlicher Spannungsbogen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Astrid

22. 10. 2015  •  3 Kommentare

Als Kind hatte ich einige Bücher, an die ich mich heute noch genau erinnere.

„Lotta aus der Krachmacherstraße“ gehört dazu. „Die Kinder aus Bullerbü“ und „Madita“. Natürlich auch die „Wawuschels“, „Die unendliche Geschichte“,  „Oh wie schön ist Panama“ und „Konrad aus der Konservendose“. Am liebsten mochte ich aber Lotta, die Rad fahren lernt – mit dem Fahrrad von Tante Berg.

Als ich die Biografie von Astrid Lindgren sah, dachte ich deshalb sofort: Die möchte ich lesen.

Andersen_Astrid_Lindgren

Denn Astrid Lindgrens Figuren, wer kennt sie nicht? Michel aus Lönneberga, Karlsson und Lillebror, Ronja Räubertochter und Bork Borkasohn, Tjorven und Bootsmann von Saltkrokan, die Brüder Löwenherz und natürlich Kalle Blomquist und Pipi Langstrumpf. Aber Astrid Lindgren selbst?

Mit 18 Jahren wird sie ungewollt schwanger. Sie bekommt das Kind in einer dänischen Klinik, in der sie nicht den Namen des Vaters angeben muss. Später heiratet sie Sture Lindgren und bekommt noch eine Tochter. Sie beginnt zu schreiben – erst Märchen, mehr schlecht als recht, dann Pippi Langstrumpf. Der erste Verlag lehnt das Werk ab: zu progressiv – ein ungezogenes Mädchen, das tun und lassen kann, was es will, wo gibt’s denn sowas. Doch dann findet Astrid einen Verlag, und das Buch geht sofort durch die Decke.

Jens Andersen erzählt das Leben der Schriftstellerin – ein langes Leben: Astrid Lindgren ist 94 Jahre alt, als sie 2002 in Stockholm stirbt. Pippi Langstrumpf war tatsächlich ihr erstes, wirkliches Werk für Kinder – Ronja Räubertochter (1981) das letzte. Dazwischen liegen viel persönliche Entwicklung, Zeitgeschichte und unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen.

Leseprobe [pdf].

Ich habe die Biographie sehr gerne gelesen, auch wenn sie im hinteren Drittel ein paar Längen hat. Aber das bleibt bei 94 Jahren, die zu erzählen sind, nicht aus. Interessant fand ich vor allem die persönliche Ebene: das ungeplante Kind, die Ehe, ihre Haltung zu Kindern und zur Kindererziehung und den Mut, sich gegen den konservativen Mainstream zu stellen. Aber auch die Hintergründe zu Pipi Langstrumpf sind erhellend: Astrid hat die Geschichte während des Zweiten Weltkrieges geschrieben, und sie enthält zahlreiche Anspielungen.

Manchmal allerdings wirkt Andersens Erzählstil etwas zu lobhudelnd: Da hätte ich mir mehr Neutralität vom Autor gewünscht.

Sehr gerne angeschaut habe ich übrigens die Bilder: Das Buch enthält zahlreiche Fotos aus Lindgrens Leben.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Sarah Armstrong: Nachts schwimmen

14. 10. 2015  •  3 Kommentare

Gelesen:

Armstrong_Nachts_Schwimmen

Darum geht es:

Quinn ist Arzt. Er und seine Frau Marianna probieren seit längerem vergeblich, ein Kind zu bekommen. Das Thema wird immer drängender, verkrampfter. Quinn nimmt eine Stelle im Umland an und kann Marianna und ihrer dringenden Sehnsucht nach Nachwuchs so ein paar Tage pro Woche entfliehen. Dort lernt er Rachel kennen. Die beiden beginnen einen Affäre – und es wird komplizierter, als man es als Leserin ohnehin schon ahnt.

Und – gut?

Ja, ein gutes Buches, das mir sehr gefallen hat. Wenn man die Inhaltsangabe so liest, denkt man zunächst: Vorhersehbare Story, oder? Ja und doch nein. Denn gerade die Story ist prima umgesetzt: Von Beginn an eröffnen sich Konflikte und Spannungen, ich war sofort in der Geschichte drin und habe das Buch innerhalb weniger Tage durchgelesen.

Die Charaktere sind zudem vielschichtig: Quinn, Rachel und Marianna – ich hatte für jeden der Dreien Sympathien und fand sie trotzdem manchmal doof, konnte für alle Drei Partei ergreifen und doch nicht. Ein Pluspunkt ist das Ende, das ich jetzt nicht verrate, aber wenn Sie es lesen, wissen Sie, was ich meine. Fünf von fünf Sternchen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Bücher im Sommer

29. 09. 2015  •  2 Kommentare

In den vergangenen Monate habe ich zahlreiche Rezensionexemplare gelesen, aber natürlich auch selbst Bücher gekauft:

Buecher_Sommer_2015

Kai-Eric Fitzner. Willkommen im Meer.
Gekauft, als Johannes Korten die Aktion „Ein Buch für Kai“ ins Leben rief. Darum geht’s im Buch: Tim ist ein Lehrer mit Idealen. Er möchte seinen Schülerinnen und Schülern beibringen, die Dinge zu hinterfragen, selbst zu denken, sich eine eigene Meinung zu bilden. Als er an seiner neuen Schule anfängt, läuft die ganze Sache etwas aus dem Ruder: Plötzlich wohnt ein Schüler in seinem Haus, Schwiegermutter reist an und seine Frau heckt auch etwas aus. Die Geschichte ist eine temporeiche Komödie mit Hintersinn, etwas, das gut in einen Fernsehfilmabend im ZDF passt – und das meine ich nicht negativ: gute Unterhaltung, manchmal etwas holzschnittartig, hier und da ein paar Längen, aber alles in allem eine kurzweilige Sache.

Luca di Fulvio. Das Kind, das nachts die Sonne fand.
(Deutsch von Katharina Schmidt)
Der dritte Di Fulvio nach „Der Junge, der Träume schenkte“ und „Das Mädchen, das den Himmel berührte“. Offensichtlich wechseln sich die Geschlechter ab, denn diesmal geht es wieder um einen Bub: Der junge Marcus ist Sohn des Landesfürsten von Raühnval, einem Herrschaftsgebiet in den Ostalpen. Als die Burg seines Vaters überfallen wird, verliert er seinen Stand und muss sich verstecken. Er wird Mikael, der Leibeigene, und ist fortan der Willkür des neuen Fürsten ausgesetzt. So weit, so klassisch der Plot: Dem edlen Prinzen widerfährt Unrecht, und er muss sich Gerechtigkeit erkämpfen. Liebe kommt auch vor, das Ganze auf 832 Seiten – mindestens 300 Seiten zu viel, wenn Sie mich fragen. Die Story ist auch leider so platt, die Charaktere sind nichts als Stereotype für Gut und Böse. Den vierten Di Fulvio werde ich mir klemmen.

Tom Rachman. The Rise and Fall of Great Powers.
(Aufstieg und Fall großer Mächte)
Von Tom Rachman „Unperfekten“ war ich begeistert – ein leiser, relevanter Roman zur Zeitungskrise mit guten Charakteren und scharfer Beobachtungsgabe. Deshalb war es keine Frage, dass ich „Aufstieg und Fall großer Mächte“ direkt kaufte, als ich es in der Buchhandlung sah. Ich vermutete hinter dem Titel ein Gesellschaftsthema, etwas Franzen-haftes, eine ebensolche Studie wie „Die Unperfekten“. Stattdessen erzählt das Buch die Geschichte von Tooly Zylberberg, die einen Buchladen in Wales hat, früher auf der ganzen Welt wohnte und die keine richtige Beziehung eingehen kann. Der Aufbau, insbesondere der Charaktere, ist verworren; es wird erst nach und nach klar, wie Tooly zu den einzelnen Menschen steht, wer ihr Vater ist und wer ihre Mutter. Dazu die Zeitsprünge und ihr Charakter, der wenig Halt hat – nicht in sich selbst und nicht in Beziehung zu den Menschen. Das ist alles nicht meins, tut mir leid, Tom Rachman.

Fabio Volo. È una vita che ti aspetto.
Das erste Buch von Fabio Volo, das mich nicht begeistert hat – im Gegenteil: Es hat geradezu knausgårdsche Züge. Wie in vielen von Volos Büchern geht es um einen Mitdreißiger, diesmal ist es Francesco, der zufrieden-unzufrieden ist. Er hat einen job, wechselnde Beziehungen, ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern. Im Gegensatz zu Volos übrigens Büchern, in denen es einen Spannungsbogen, eine Entwicklung des Protagonisten gibt, mäandert die Geschichte diesmal vor sich hin – viel Selbstreflexion, wenig Substanz. Lesen Sie lieber Volos andere Bücher, damit fahren Sie besser.

John Williams. Butcher’s Crossing.
John Williams ist einigen von Ihnen womöglich bekannt durch „Stoner“. Das Buch at mir außerordentlich gut gefallen: Es ist leise, mit einem guten Gefühl für Zwischentöne. „Butcher’s Crossing“ ist ein früheres Werk; es spielt 1870, und es geht um den jungen Städter Will Andrews, der im Wilden Westen das Abenteuer sucht. Er schließt sich eine Gruppe Cowboys an, um Büffel zu jagen, und erlebt die Härten der Natur und die Unerbittlichkeit des Tötens. Leider fehlt der Geschichte ein Spannungsbogen. Die Beschreibungen der Natur, der Landschaft und der Gemeinschafts der Cowboys reichte nicht aus, um mich fesseln.

Mir fällt gerade auf, dass ich bis auf Kai-Eric Fitzner keinen Autor und keine Autorin das erste Mal gelesen habe. So auch Pia Ziefle, von der ich im Sommer das zweite Werk las:

Pia Ziefle. Länger als sonst ist nicht für immer.
Den Erstling „Suna“ habe ich im Andalusienurlaub gelesen; er war wunderbar stimmungsvoll. Die Erwartungen ans zweite Buch waren also hoch. Die Handlung: Es ist der Sommer 1976. In Ostberlin kommt der 9-jährige Lew in eine neue Familie, nachdem seine Eltern Republikflucht begingen. In einer schwäbischen Kleinstadt wird ein Mädchen namens Ira geboren. In Jugoslawien begibt sich der 4-jährige Fido mit seinem Großvater auf die Reise nach Deutschland. Die Protagonisten finden zusammen oder auch nicht – einiges bleibt vage. Ich bin leider nicht so richtig in die Geschichte reingekommen: Viele Figuren, aber keiner komme ich nahe; die Geschichte ist für mich nicht schlüssig. Es gibt bislang kein Buch, über das ich das behauptet habe, dies ist das erste: Mehr Seiten hätten der Geschichte gut getan.

Hier auch nochmal die Rezensionsexemplare:

Nickolas Butler. Shotgun Lovesongs
Eine Geschichte über Freundschaft in der Provinz.

Patricia Cammarata. Sehr gerne, Mama, du Arschbombe
Das Buch zum Nufblog: Geschichten aus dem Familienleben, fernab von Perfektion.

Einzlkind. Gretchen
Eine schrullige alte Dame reist zwangsweise nach Island.

Esther Verhoef. Gegenlicht
Ein Beziehungsdrama: Frau, Ehemann, Geliebter – Lebenskrise.

Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod
Auschwitz, ein Komiker – der Gegensatz macht das Grauen noch unfassbarer.

 

Das Nufbuch: Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe

8. 09. 2015  •  2 Kommentare

Beginnen wir einmal ganz von vorn, quasi bei der Erfindung des Blogs:

Es gibt in diesem Internet ein Blog – ich möchte behaupten: Dieses Blog ist die Mutti aller Muttiblogs. Es besteht seit 2004, einer Art paläodigitalem Zeitalter, in dem wir mit Klapphandys telefonierten und unsere Rezepte im Dr.-Oetker-Schulkochbuch googelten, in dem wir mit gewaltsam gegen den Knick gefalteten Falk-Plänen durch Städte gingen und es noch zwei Jahre dauern sollte, bis Twitter erfunden wird.

Vor elf Jahren also, als Gerhard Schröder Bundeskanzler war und die Gartenbohne das Gemüse des Jahres wurde, setzte sich die Mutter der Mutti aller Muttiblogs an einen Schreibtisch und begann zu bloggen.

Diese Frau, die Pionierin des Erzähltippens, heißt Patricia Cammarata, formally known as Das Nuf. Und Patricia hat nun ein Buch veröffentlicht.

Patricia-Cammarata-Mama-Arschbombe

Endlich!, möchte man sagen, nach so vielen Jahren. Denn ich mag Patricias Schreibstil: entspannt und selbstironisch, satirisch und humorvoll – das passt alles wunderbar. Insbesondere zum übergeordneten Thema des Blogs passt es gut: Leben mit Kindern.

Patricias nicht vorhandene Leidenschaft für Brotdosen, ihr ebenso engagierter wie erfolgloser Versuch als Bastelmutti, ihr nimmermüdes Engagement in Sachen Aufwachteller – das alles macht sie unglaublich sympathisch (ein Eindruck, der sich übrigens besätigt, wenn man sie trifft). Darüber hinaus bloggt Patricia auch über Nicht-Eltern-Themen – ein großes Qualitätsmerkmal eines Elternblogs, wie ich finde.

Ein Buch also. Es heißt „Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe“ – ein Titel, der den Inhalt treffend zusammenfasst.

Eigentlich bräuchte ich nun nicht weiter fortfahren, denn hey! Ein Nufbuch! Außerdem hat  Christian vom Familienbetrieb bereits alles über das Buch gesagt. Trotzdem ein paar Worte meinerseits:

Das Buch bündelt Beiträge aus dem Blog; es ist eine Art Kurzgeschichtensammlung. Manch einer mag das kritisieren, ich halte das für ein Format, das seine Berechtigung hat. Schön kompakt zum Durchblättern die Höhepunkte aus elf Jahren Blog (und ungefähr so vielen Jahren Familienleben), in mundgerechten Häppchen und handlich verpackt zum Immer-wieder-in-die-Hand-nehmen, zum Aufs-Klo-legen und Beim-Bahnfahren-Lesen. Und natürlich zum Verschenken – für all die vielen Menschen, die Blogs noch nicht für sich entdeckt haben.

Ich selbst kannte übrigens nur rund ein Drittel der Beiträge und habe mich gefreut, die anderen zu lesen.

Am Ende noch zwei Kritikpunkte, die aber eher in Richtung Lektorat gehen. Zuerst zur Sortierung der Geschichten, denn die Chronologie ist irreführend:  Mal ist Kind 1.0 klein, in der nächsten Geschichte ist es Teenager, dann wieder klein; das hätte man besser machen können – hängt aber möglicherweise mit der Untergliederung in Kapitel zusammen, die sich mir nicht erschlossen hat. Einfach chronologisch hintereinander weg, ohne künstlische Themeneinteilung, das wäre besser gewesen. Zweiter Wehrmutstropfen ist der Untertitel „Tiefenentspannt durch die Kinderjahre“. Die Erzählerin (von der Autorin weiß ich es nicht) ist mitnichten immer tiefenentspannt – das macht es doch gerade so gut! Warum also dieser Mainstream-Untertitel?

Insgesamt: schöne Lesefreude mit ein paar wirklich herzlichen Lachern und vielen Schmunzlern. Ich habe das Buch schon dreimal verschenkt.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich hätte es mir aber auch so gekauft, als alter Nufgroupie. 

Esther Verhoef: Gegenlicht

5. 09. 2015  •  Keine Kommentare

Gelesen:

Ersther Verhoef: Gegenlicht

Darum geht’s:

Vera ist Ende 30 und verheiratet mit Lucien. Doch die Ehe steht auf der Kippe: Lucien und sie leben nebeneinander her. Vera hat bereits seit einiger Zeit einen Liebhaber. Sie ist rastlos und kann nicht mit ihrer Vergangenheit abschließen: Ihre Mutter erkrankte an Depressionen, als Eva etwa 10 Jahre alt war. Sie verbrachte die meiste Zeit in psychiatrischen Kliniken. Veras Vater und Großmutter schwiegen die Mutter daraufhin tot. Zudem wurde Vera in der Schule gehänselt.

So war’s:

Das Buch wechselt kapitelweise von der Gegenwart in die Vergangenheit, so dass es zwei Handlungsebenen gibt: die der Vera im Alter von Ende 30 und die im Alter von ungefähr 10 Jahren. Die Vergangenheit erkärt Veras Verhalten in der Gegenwart, wo Vera dabei ist, sich, ihre Ehe und ihre Vorstellungen vom Leben zu finden.

Dem Handlungsstrang in der Gegenwart mochte ich gerne. Esther Verhoef zeichnet die Paarbeziehung mit ruhiger Hand. Das lässt sich gut verfolgen und flüssig runterlesen – auch wenn ich mir ein etwas differenzierteres Bild gewünscht hätte, vor allem von den Nebenfiguren: dem Ehemann Lucien als auch von Liebhaber Nico. Die Beziehung zu letzterem kam mir bei der Lektüre deutlich zu kurz; in ihr finde ich auch die Figur der Vera nicht schlüssig.

Nicht glücklich bin ich mit dem Handlungsstrang in der Vergangenheit. Ich hatte den Eindruck, Esther Verhoef versucht sich sowohl sprachlich als auch im Denken auf die Ebene des Kindes zu begeben. Das wirkt sehr bemüht. Die Gefühlswelt des Kindes ist mir dabei zu eingeschränkt und deshalb nicht authentisch; ein innerer Widerstreit findet kaum statt; die Figuren sind mir zu holzschnittartig.

Nichtsdestotrotz kein schlechter Roman – ein solides Werk.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Einzlkind: Gretchen

19. 08. 2015  •  11 Kommentare

Noch ein Buch gelesen:

Einzlkind: Gretchen (Buchabbildung)

Darum geht’s:

Gretchen Morgenthau ist eine Legende des Theaters, eine grantige und überhebliche noch dazu. Die Karriere als Intendantin hat sie beendet, den Gottesstatus aber behalten. Wegen einer Unachtsamkeit wird Gretchen zu vier Wochen auf einer Vulkaninsel bei Island verurteilt. Sie soll mit den Einheimischen ein Theaterstück aufführen.

Und? Gut?

Leider nein. Das Buch kommt eloquent daher, achtet sehr auf eine außergewöhnliche Sprache. Doch die Konzentration auf die Formulierung wirkt nach einem Drittel zunehmend bemüht, die eigentliche Geschichte kommt zu kurz.

Warum Gretchen nach Island muss – ein Gerichtsurteil geht voraus -, erschließt sich nicht – es sei denn, man tut die Geschichte als Anarcho-Roman ab. Dafür aber ist das Buch nicht geeignet. Die Betonung darauf, die unnahbar und arrogant Gretchen ist, wird immer und immer wieder wiederholt. Das ermüdet. So eine Hauptfigur möchte ich nicht lange begleiten.

Das Buch hat mich sehr an den Hundertjährigen erinnert, der aus dem Fenster stieg. Die Geschichte fand ich damals – auch wenn viele das Buch gerne gelesen haben – ebenfalls schnell nervig und platt. Wenn Sie also den Hundertjährigen gut fanden, wird Ihnen auch Gretchen gefallen. Das ist nicht negativ gemeint. Die Geschmäcker sind ja unterschiedlich.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs

16. 08. 2015  •  3 Kommentare

Buch gelesen:

Nickolas Butler: Shotgun Lovesongs (vor Balkonkulisse)

Darum geht’s:

Fünf Freunde: Kip, Ronny, Lee. Und Henry und Beth. Kip heiratet. Lee heiratet. Ronny heiratet. Henry und Beth haben bereits Kinder, bewirtschaften eine Farm. Sie alle sind Jugendfreunde und leben in Little Wings, Wisconsin, auf dem Land. Das Buch begleitet die Freunde, die Freundschaft und die Lieben, die nicht allesamt bestehen bleiben, bisweilen aber wieder aufflammen.

Und? Gut?

Ein schönes Buch für den Sommer auf dem Balkon oder den Winter auf dem Sofa. Es passiert nicht allzuviel, hauptsächlich Zwischenmenschliches. Konflikte tauchen auf, klären sich – manchmal, manchmal auch nicht. Doch das Buch ist nie langweilig, die Geschichte trägt sich. Eine prima Sache.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod

27. 07. 2015  •  5 Kommentare

Buch gelesen:

Pieter Webeling: Das Lachen und der Tod

 

Darum geht’s:

Ernst Hoffmann ist Komiker, Holländer und Halbjude* Jude. Er wird in ein Konzentrationslager in Polen deportiert. Dort erleidet er ungeheure Qualen und beobachtet ungekannte Grausamkeiten – bis sein Humor ihm ein besseres Leben verschafft: Er darf vor SS-Offizieren auftreten. Oder besser gesagt: Er muss.

Es ist kein Vergnügen. Jeder Witz muss wohl überlegt sein, und das, was er darbietet, wird ein eigener Überlebenshumor, eine Lagerhumor, eine Mischung aus Zynismus, Verachtung und ab und an ein wenig vorsichtiger Ironie.

Und? Gut?

Dieses Buch überschreitet Grenzen. Ich habe schon viele Bücher über den Holocaust gelesen, alle haben Grausamkeiten beschrieben. „Das Lachen und der Tod“ geht einen Schritt weiter. Es beschreibt Gräuel, wo andere Bücher aufhören, und ist deshalb ungeheuer wichtig.

Doch das Buch ist nicht nur schonungslos. Es ist auch warmherzig.

Es ist unfassbar, wie ein Mensch nach Erlebnissen, wie Ernst Hoffmann sie machen musste, weiterleben kann. Aber es geht wohl. Das macht Hoffnung.

Lesen Sie das Buch. Erwarten Sie das Schlimmste, das Menschen Menschen antun können. Und erwarten Sie das Beste, das ein Buch zu tun vermag: bewegen.

*Hinweis in den Kommentaren

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Bücher 2015-5: Gelesen im Mai

3. 06. 2015  •  8 Kommentare

Die Bücher des vergangenen Monats:

Bücher im Mai

Thommie Bayer. Vier Arten, die Liebe zu vergessen
Emmi, eine Lehrerin, ist tot. Vier ihrer Schüler, alle in den Vierzigern, finden sich an ihrem Grab ein. Thomas ist ein desillusionierter Geschäftsmann mit einem Alkoholproblem, Bernd ein peinlicher Schürzenjäger, Wagner ein verbitterter Linker. Michael, der vierte von ihnen, lädt sie zu sich nach Venedig ein, wo die Männer, die nach ihrem Wiedersehen wenig miteinander anfangen können, einige Tage verbringen. Ein netter Roman – eine kurzweilige Urlaubslektüre mit kleinem Spannungsbogen. Jedoch nicht so tiefgreifend, wie ich es erwartet habe. Aber das liegt vielleicht an mir.

Alexander Gorkow. Mona
Blum ist ein Spezialist für Kühlkettensysteme und fliegt für einen Auftrag nach Bukarest. Er soll sicherstellen, dass der Transport von Schlachttieren, der kreuz und quer durch Rumänien führt, kühlungstechnisch einwandfrei vonstatten geht. Die Verhandlungen mit den Geschäftspartnern verlaufen zunächst zufriedenstellend. Doch Mona, eine rumänische Prostituierte, bricht wie eine Naturgewalt in Blums Leben herein. Wieder zu Hause, häufen sich dann die Probleme: Blum ist nicht nur verliebt, er hat auch die rumänische Gesamtstromlage nicht ausreichend berücksichtigt. Ein Roman, in der ersten Hälfte grandios schräg. Leider lässt er in der zweiten deutlich nach.

Jan Guillou. Die Brückenbauer
(Deutsch von Lotta Rüegger und Holger Wolandt)
Lauritz, Oscar und ihr Bruder Sverre sind norwegische Fischerjungen. Als ihr Vater stirbt, bekommen sie die Gelegenheit, ein Ingenieurstudium aufzunehmen. Fortan arbeiten sie als Brückenbauer: Oscar in der Kolonie Deutsch-Ostafrika, Lauritz baut in Norwegen die Bergenbahn. Ein historischer Roman, ganz okay, im ersten Teil sehr unterhaltsam, im zweiten mit deutlichen Längen – die 800 Seiten zogen sich am Ende. Die Geschichte um Oscar setzt für meinen Geschmack zu viel auf Exotik. Kann man lesen, muss man nicht.

Andrea Maria Schenkel. Finsterau
Bayerischer Wald, 1944: Die junge Afra kehrt zurück in ihr Elternhaus. Sie ist schwanger und nicht verheiratet, eine Schande. Einige Zeit später ist sie tot. Der Vater soll es gewesen sein. Doch war er es tatsächlich? Ein kleiner, feiner Krimi, nur 160 Seiten stark.

Martin Suter. Allmen und die Libellen
Allmen, ein eleganter Lebemann und Feingeist, ist über die Jahre finanziell in die Bredouille geraten. Zwar pflegt er noch seine kostspieligen Routinen und hält sich auch noch einen Assistenten, steht dafür aber bei diversen Leuten in der Kreide. Nach einer Nacht mit einer gealterten Schönen findet er hinter ihrem Schlafzimmer fünf Jugendstil-Schalen, die ihn auf eine Idee bringen. Das Buch ist kein Geniestreich, aber ausgesprochen angenehm zu lesen, mit eigenem Stil und toller Atmosphäre. Mein erster Suter, aber gewiss nicht mein letzter. Zumal die Geschichte der Auftakt für ein Ermittlerduo und der Start einer Krimiserie ist.

Fabio Volo. Il giorno in piú
(Deutsch: Noch ein Tag und eine Nacht)
Giacomo ist Ende 30 und ohne feste Beziehung, ein Romantiker mit wechselnden Frauengeschichten. Auf der täglichen Fahrt in der Straßenbahn verliebt er sich in eine Frau, die er sich lange nicht traut anzusprechen, und als er es dann doch tut – nun, ich möchte nicht zu viel verraten.

Die Handlung ist eine klassische Schnulzenhandlung, aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken. Volo versteht es, ihr Tiefsinn zu verleihen. Vielleicht liegt es an den unterschiedlichen Zeitebenen, mit denen er erzählt, vielleicht auch an seiner Fähigkeit, alltägliche Dinge und Gefühle so zu beschreiben, dass ich fortwährend nicken möchte. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass Volos Figuren nicht – wie in so vielen anderen Romanen – Anfang 20, sondern Ende 30 sind. Ihre Erfahrung bereichert die Geschichte.

Die Geschichte wurde in Italien verfilmt – mit dem Autor in der Hauptrolle. Wenn Sie nichts verstehen, ist es nicht so schlimm. Für die Atmosphäre:

Trivia:

Julia Bähr über eines meiner Lieblingsbücher, „Die Frau des Zeitreisenden“:

Romantiker! Lest das Buch, klappt es in der Mitte zu, denkt euch irgendwas von „Happily ever after“ und geht einen Tee trinken. Lest nicht weiter. Ehrlich jetzt, hört auf meinen Rat, ich meine es nur gut.

Und für jene von euch, die eine Axt suchen für das gefrorene Meer in sich: Dieses Buch ist aber so was von eine Axt. Tretet beiseite, wenn die Späne fliegen.



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