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Archiv der Kategorie »Lektüre«

Meines Vaters Land

21. 09. 2016  •  16 Kommentare

Im Frühjahr habe ich ein Buch geschenkt bekommen. Es heißt „Meines Vaters Land“ und erzählt das Leben Hans Georg Klamroths.

Klamroth war am Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt und wurde dafür in Plötzensee hingerichtet. Seine Tochter Wibke Bruhns hat seine Biographie aufwändig rekonstruiert.

Ich möchte Ihnen dieses Buch ans Herz legen.

Buchcover: Meines Vaters Land

Zunächst einmal, weil es sich sehr gut runterlesen lässt. Das trifft nicht auf viele Sachbücher zu, auf Biographien schon gar nicht. Das liegt daran, weil Biographien meist von Menschen handeln, die irgendwie berühmt sind, deren Leben aber außer der Sache, deretwegen sie bekannt wurden, wenig hergibt, schon gar nichts Widersprüchliches. Widersprüche machen einen Menschen aber interessant. Man sollte deshalb viel mehr Biographien von unbekannten, aber widersprüchlichen Menschen veröffentlichen, das wäre besser. Doch das ist ein anderes Thema.

Klamroth also. Stauffenberg, den kennt man, aber Klamroth eher nicht. Bis zum Ende des Buches bleibt auch offen, wie genau er am Attentat beteiligt war. Es ist aber auch nicht so wichtig.

Denn was ich am beeindruckendsten an dem Buch fand, waren die Gegensätzlichkeiten in Klamroths Charakter – und die Beschreibung der deutschen Gesellschaft zwischen 1918 und 1939, also zwischen den Weltkriegen. Hier leistet Wibke Bruhns etwas ganz Großes, indem sie am Beispiel ihres Vaters beschreibt, wie man gleichzeitig antisemitisch und freundlich gegenüber Ausländern sein kann, wie man die Nationalsozialisten ablehnt und sich doch stolz zur SS meldet. Da kann man viel übers Heute lernen.

Sie waren keine Antisemiten, jedenfalls nicht mehr als üblich und dem gesellschaftlichen Anstand angemessen. Juden waren nicht ihr Thema. Noch nicht. National waren sie in der Tat. Das schloß den Wunsch nach Verständigung mit anderen Nationen nicht aus, ihre Klassenzugehörigkeit trugen sie über Grenzen. Sie waren nett, rechtschaffen, in Maßen liberal und stolz nicht auf das „Blut“, sondern auf die Leistung der Vorfahren, die ihnen Verpflichtung bedeutete. (S. 218)

Hans Georg Klamroth – Bruhns kürzt ihn mit „HG“ ab – hat im ersten Weltkrieg gedient, hat dort traumatische Erfahrungen gemacht. Empfindet aber auch das tiefe Gefühl einer Niederlage, von Erniedrigung – wie viele Menschen in der deutschen Gesellschaft nach 1918.

HG ist weltoffen – seine Frau hat eine dänische Mutter und dänische Verwandtschaft -, er hat nichts gegen Juden – einige seiner wichtigsten Mitarbeiter sind Juden -, doch er blickt mit Stolz auf seine Vorfahren und das, was sie aufgebaut haben.

Er ist Unternehmer. Seine Familie hat immer in Richtung Adel gestrebt, so war das als Großbürger um die Jahrhundertwende. Er ist Jemand – und er lebt den Klassenunterschied:

Welten liegen zwischen den Deutschnationalen, den Großlandwirten, dem Reichsverband der Deutschen Industrie, die der Restauration das Wort reden, und dem Pöbel der Nazis. Mit denen setzt man sich nicht an einen Tisch. (S. 236)

Sich abgrenzen, das ist HG wichtig. Vor allem nach unten. Und unten: Da sind die Nazis. Mit denen möchte er nichts zu tun haben. Aber er muss auch ein Unternehmen führen, muss Gewinne machen, sich gut stellen. Er möchte wahren, was er und seine Vorfahren aufgebaut haben.

Die Atmosphäre im Land empfindet HG als „zunehmend schwül“. Das ist die verheerende wirtschaftliche Situation, die Konkurse häufen sich, Theater schließen aus Geldmangel. […] Ich sehe HG ratlos und auf der Suche nach Orientierung. (S. 239)

Die alte Ordnung bricht zusehends auseinander. Es gibt keinen Adel mehr, zu dem er aufschauen kann; keinen Kaiser, der alles regelt, der die Welt im Griff hat.  Die Alternative: Parteien. Doch sind sie eine Alternative?

Ich spüre die Vermeidungsstrategie hinsichtlich Hitlers Mannen. Was soll er auch machen, wenn ihm der Weg zu Sozialdemokraten oder – Gott behüte – Kommunisten versperrt ist? Katholisch ist er nicht, als fällt das „Zentrum“ aus, mit Bayern hat er auch nichts zu tun, das verschließt ihm die „Bayerische Volkspartei“. (S. 241)

Das ist mit dem Heute nicht vergleichbar. Es gibt keine vor Kurzem erlittene, verheerende Kriegsniederlage – die letzte ist lange her, und es besteht kein Zweifel, das es eine gute war. Aber da ist dieser Verlust an Orientierung: Niemand, der aus einer natürlichen Ordnung heraus für die Geschicke des Volkes verantwortlich ist. Niemand, der eindeutig sagt, wo es langgeht. Es gibt keine Identifikationsfigur, nichts, wo man hinstrebt. Alles ist plötzlich verhandelbar.

Wenn Parteien sich zu Wort melden, dann sind es nicht solche, von denen man sich etwas vorschreiben lassen möchte. Es sind solche, die fern vom eigenen Leben sind.

Und man muss ja auch ans eigene Wohlergehen denken!

Aber wenn schon dabei sein, dann besser frühzeitig, wird HG sich gedacht haben. Wie war das noch, als er seiner Einberufung zuvorkommen musste, damit er Junker werden konnte und nicht bei den Pionieren ohne Prestige landete? […] Frühzeitig also, sonst sind die Führungsposten besetzt. Und HG steht nach seinem Selbstverständnis eben vor einer Kompanie, nicht in der dritten oder siebten Reihe unter Leuten, die alle gleich aussehen. Fürs Geschäft ist es auch nicht verkehrt. (S. 249)

Klamroth schließt sich also den Nazis an, was soll es auch. Letztendlich bringt es nur Vorteile, und man muss ja nicht jede Haltung teilen.

Dabei gäbe es, wenn man genau hinguckte, tief Beunruhigendes zu entdecken. Da dürfen Juden, deutsche Staatsbürger, nicht mehr wählen […]. Juden wird die Lizenz als Dolmetscher, Wirtschaftsprüfer, Amtstierarzt und Schornsteinfeger entzogen […]. Juden können nicht mehr promovieren, Studenten ist es untersagt, bei jüdischen Repetitoren zu lernen. […] Doch wer guckt schon hin? Wer in einer Bevölkerung von 70 Millionen kennt denn einen jüdischen Repetitor oder einen jüdischen Schornsteinfeger bei bloß einer halben Million Juden in Deutschland, von denen 125.000 schon weg sind? Die Deutschen sind froh über die Nürnberger Gesetze von 1935, weil seither der Vandalismus der immer wieder aufflackernden Pogrome aufgehört hat und das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen irgendwie ordentlich geregelt scheint. (S. 278)

Vieles ist heute, in 2016, anders als in den 1920er und 1930er Jahren. Unsere Großeltern und Urgroßeltern wurden in eine andere Gesellschaft hineingeboren, haben andere Erlebnisse und andere Werte gehabt.

Doch manches ist gleich: Plötzlich öffnet sich die Welt, öffnen sich physische wie soziale Grenzen. Die Folge: Alles wird komplexer, jede Alltäglichkeit. Entscheidungen werden diskutiert. Lösungen sind kompliziert. Zwischen Schwarz und Weiß ist viel Grau – und das Grau, für das ich mich entscheide, kann ein anderes Grau als das meines Freundes sein; und doch ist es für den jeweiligen Menschen das richtige Grau. Das muss man differenzieren, und das muss man aushalten.

Vielen Menschen ging es damals nicht gut – und es ist nicht mehr gottgegeben: Armut ist nicht mehr von Kaisers Gnaden, Armut ist plötzlich selbstverschuldet. Es könnte uns besser gehen, wären wir selbst besser – besser in unserem Tun, besser im Sein. Auf der einen Seite also: die Verantwortung; die wirkliche oder die zugeschobene, das tut nichts zur Sache. Auf der anderen Seite: die Machtlosigkeit; die wirkliche oder die empfundene.

Denn die Lebensumstände seinerzeit sind tatsächlich schwierig: Inflation statt Wohlstand, Verlust statt Gewinn. Damals das Gleiche wie heute: Wer nicht vorne mit dabei ist, hat es schwer. Das ständige Gefühl, abgehängt zu werden. Da versucht jeder das zu kriegen, was er kann. Auch, wenn es zu Lasten des Nachbarn geht.

Dazu der verletzte Stolz. Früher, da war man wer. „Ich bin Deutscher“, das war ein Machtwort. „Ich bin bei Hoesch“, das war wie ein Orden. Doch jetzt? Ist es schwieriger mit dem Prestige. Hat man nichts, was man vorzeigen kann. Oder man hat weniger als andere – das ist fast noch schlimmer. Jetzt schwingt Scham mit, wenn man von sich erzählt. Die Gewinner, das sind die anderen.

Wie nur holt man sich am besten Selbstbewusstein? Indem man sich mit denen vergleicht, denen es noch schlechter geht. Oder die außen vor stehen, die nicht dazugehören. Gibt es niemanden, der draußen steht, grenzt man jemanden aus. Dann hat man sie: die Vergleichsgruppe, die man dringend braucht, gegenüber der man der Bessere sein kann, derjenige, der Recht hat.

Das bringt auch einen schönen Nebeneffekt: dieses kuschelige Gemeinschaftsgefühl, das bislang fehlte – beim Kampf um die knappen Ressourcen; beim anstrengenden Unterscheiden der Grautöne. Endlich mal wieder etwas Weißes und etwas Schwarzes. Endlich ein gemeinsames Ziel.

Am Ende, ich schrieb es weiter oben, wird der stolze Deutsche Klamroth von noch stolzeren Deutschen hingerichtet. Weil die Zweifel, die in ihm waren, neu erwachten.

Mögen unsere Zweifel niemals schweigen.

Brigitte Roßbeck: Franz Marc

6. 03. 2016  •  7 Kommentare

Detailreiche Biographie für Kunst-Interessierte.

Wie ich darauf komme, mich mit Franz Marc zu beschäftigen? Ich war bereits öfters in Kochel, zuletzt im August 2014. In Kochel gibt es das Franz-Marc-Museum; Franz Marc selbst ist auf dem Kocheler Friedhof begraben. Ich habe beides jedoch nicht besichtigt – bei keinem meiner Aufenthalte. Deshalb nun die Biografie.

Krasse Feuilletonistenlektüre. Leben am literarischen Limit. / Funky feuilletonistic bedside reading.

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Um wen es geht:

Franz Marc war ein deutscher Maler. Er lebte von 1880 bis 1916. Er starb während des Ersten Weltkriegs bei Verdun. Wer ihn und seine Kunst kennt, kennt vor allem seine Tiergemälde.

Die Biographie:

Franz Marc lebte ein Künstlerleben, frei und unstet, jenseits der gesellschaftlichen Regeln und mit teilweise drei Liebhaberinnen.

Die Biographie ist detailreich recherchiert. Roßbeck zeichnet das Leben Marcs in seiner ganzen Fülle nach – auf künstlerischer wie auf privater Ebene. Das ist sehr schön: Man erfährt viel über sein Denken und Handeln.

Die akribische Recherche ist aber auch anstrengend, wenn man das Buch als leichte Freizeitlektüre angeht. Teilweise sind die Passagen fast schon wissenschaftlich; wer das Buch nur zur Unterhaltung liest, schaltet dann schnell ab.

Ganz spannend ist – neben der Biographie – die Welt, in der Franz Marc lebt und die in Roßbecks Darstellungen durchscheint: Auffassungen, Erwartungen, Zwänge und Strömungen, die Haltung gegenüber Frauen, die politische Landschaft und die Künstlerszene rund um München. Da tauchen einige bekannte Persönlichkeiten auf.

Fazit:

Es ist eine Biografie für Interessierte, nicht für Zwischendurchleser. Ich habe mich dem Buch mit anderen Erwartungen gewidmet und hatte mir den Inhalt etwas schmissiger vorgestellt.

Die Detailtreue und Präzision Roßbecks ist kein Argument gegen das Buch – wie sollten sie auch -, aber ein Hinweis: Wer es zur Hand nimmt, sollte die Zeit und Muße haben, sich ganz auf das Thema einzulassen.

Rolf Bauerdick: Pakete an Frau Blech

25. 02. 2016  •  Keine Kommentare

Ein unterhaltsames, leicht anarchisches Buch:

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Was ist die Geschichte?

Maik Kleine reist nach Berlin: Sein väterlicher Freund, der exzentrische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, wird zu Grabe getragen. Kaum ist er unter der Erde, tauchen verstörende Gerüchte auf: Bellmonti soll für die Stasi gearbeitet haben. Zusammen mit Szymbo, dem Kapellmeister, und Albina, der schwebenden Jungfrau, begibt Maik sich auf  Spurensuche in die DDR-Vergangenheit – die Bellmontis und seine eigene.

Woher kennt man den Autor?

Vom Sachbuch „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“.

Was gefällt?

Bauerdick erzählt sehr unterhaltend. Es gibt wenig Längen im Buch, die Geschichte baut locker-flockig aufeinander auf, verwebt mit Zeitsprüngen Gegenwart und Vergangenheit. Denn bis zur Hälfte des Buches wechseln die Kapitel zwischen Jetzt und Damals, zwischen der aktuellen Spurensuche des Trios und der Kindheit Maik Kleines. Maiks Geschwister starben bei einem Brand, er musste mit 12 Jahren seine Mutter und die DDR verlassen – die Gründe sind mysteriös, die Verbindung zur Gegenwart ist es auch.

Fazit:

Eine bellestrische Kriminalgeschichte vor der Kulisse der deutschen Geschichte. Vier von fünf Sternen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Rolf Bauerdick: Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

8. 02. 2016  •  12 Kommentare

Das Erste, was ich mich bei diesem Buch fragte, ist: „Zigeuner? Darf man das überhaupt sagen?“

Rolf Bauerdick: Zigeuner

Rolf Bauerdick nähert sich dem Thema schrittweise. Er ist Journalist, hat unzählige Reportagereisen unternommen. Viele davon nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien, aber auch in andere Länder. Dort hat er Zigeuner besucht: Roma, Sinti, Tzigani, Kalderasch, Ursani, Xoroxane – es gibt unterschiedliche Gruppen und Abstammungen.

In zwölf Kapiteln beschreibt Bauerdick die Lebenswirklichkeit der Zigeuner – so, wie er sie sieht, muss man anfügen, denn seine Sicht ist eine Außensicht, auch wenn er eine zeitlang mit den Menschen gelebt hat. Er beschreibt die Lebenssituationen in den Dörfern Rumäniens und Bulgariens sowie in westeuropäischen Städten. Die Umstände sind meist nicht einfach: Viele Zigeunerfamilien leben in Armut. Bauerdick berichtet von Menschen, die auf Müllkippen in unglaublichem Elend hausen, von Tzigani, die stehlen, und von vergeblichen Versuchen, sie zu integrieren.

Bauerdick hat immer einen freundlichen Blick auf die Menschen, von denen er erzählt. Er benennt aber auch deutlich Verantwortlichkeiten – sowohl auf Seite von Regierungen und Politikern, die Chancen versäumen und Fehlentscheidungen treffen, als auch auf Seiten der Zigeuner, die sich nicht an die Gesellschaftsordnung halten und Straftaten begehen.

Im achten Kapitel geht er schließlich der Frage nach, ob „Zigeuner“ ein Begriff ist, den man benutzen darf. Er nennt Für und Wider und schreibt über die

[…] Gedankenlosigkeit, westeuropäische Sinti und südeuropäische Roma ständig in einem Atemzug zu nennen. (S. 180)

Es sei keinesfalls richtig, statt von Zigeunern, einfach von „Sinti und Roma“ zu sprechen. Das seien zwei verschiedene Volksgruppen – und Tzigani eine weitere.

[…] wenn in den Innenstädten Menschen mit devoten Demutsgesten um Almosen betteln, so hocken in den Fußgängerzonen nie Sinti und Roma, auch wenn die Medien das immer wieder vermelden. Die Bettler sind meist rumänische Tzigani. (S. 180)

Zahlreiche Zigeuner, von denen er berichtet, seien stolz, Zigeuner zu sein – und verfolgen die Debatte um politische Korrektheit mit Amusement. Bauerdick zitiert den Jazzmusiker Markus Reinhardt:

Ihr dürft uns  Zigeuner nennen. Die Vorsicht im Umgang mit dem Wort ist Blödsinn. Die neuen Begriffe haben Politiker erfunden. Wir Zigeuner haben uns krummgelacht, als man entschieden hat, dass man nicht mehr Zigeuner sagen darf. (S. 176)

Rolf Bauerdicks „Zigeuner“ ist Buch, das ich mit Interesse gelesen habe. Nach hinten raus geht ihm allerdings etwas die Puste aus, und es wird redundant. Insgesamt aber ein guter Einstieg, um sich dem Thema zu nähern.

Mich würde nun interessieren, wie ein Sinto oder eine Romni das Buch liest.

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Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Catherine McKenzie: Letzte Nacht

4. 02. 2016  •  Keine Kommentare

Catherine McKenzie: Letzte Nacht

Ein Mann stirbt. Zwei Frauen trauern.

Jeff Manning kommt bei einem Autounfall ums Leben. Er hat eine Frau und einen Sohn, Claire und Seth. Doch nicht nur die beiden trauern um ihn. Auch für Tish, eine Arbeitskollegin, bricht eine Welt zusammen. Sie fährt zur Beerdigung – als Abgesandte der Firma und als Vertraute Jeffs.

Ein gutes Buch?

Mir hat es gefallen. Es ist keine hohe Literatur, auch die Tiefe der Figuren ist überschaubar, die Handlung entwickelt sich ohne große Überraschungen. Aber die Geschichte hat mich gut unterhalten. Ich habe sie innerhalb weniger Tage durchgelesen, wollte unbedingt wissen, wie sie endet, und so soll es ja auch sein. Kategorie: solide Strand- und Bahnfahrlektüre fürs Lesen ohne Nachdenken.

Randbemerkung

„Letzte Nacht“ ist genau die Art von Büchern, die ich zwischendurch sehr gerne lese, deren AutorInnen mich aber mit einem Stilmittel an den Rand des Wahnsinns treiben: das Sich-selbst-Korrigieren.

„Es geht nicht auf. Ich kann Claire und Seth einfach nicht aus der Gleichung streichen. Aber – und du ahnst nicht, wie schwer mir das fällt – wenn ich dich aus der Gleichung streiche, geht sie auf. Dann gibt es eine Lösung. Zumindest denke ich das.“ (S. 385, Fettung von mir)

Ich krieg‘ Puls! Die Hauptfigur zieht Schlussfolgerungen und dann: Handbremse! Ich möchte in diesen gefühlsduseligen Büchern einmal erleben, dass eine Hauptfigur eine wichtige Sache denkt, schreibt oder sagt und dann kein „zumindest“ nachschiebt. Lieber Lektorinnen und Lektoren – ich flehe Euch an, auf Knien: Tötet das Wort „zumindest“!

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Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Bücher im letzten Quartal 2015

9. 01. 2016  •  5 Kommentare

Eine Sache fehlt noch, um das Jahr 2015 abzuschließen: die Bücher des letzten Quartals. Gelesen und gehört im Oktober, November und Dezember 2015:

Bücher Ende 2015

Gerbrand Bakker. Birnbäume blühen weiß
(Deutsch von Andrea Kluitmann)
Klass und Kees sind Zwillinge. Gemeinsam mit ihrem Bruder Gerson sind sie ein eingeschworenes Team. Dann passiert ein Unfall und Gerson erblindet. Ein kleines Buch, nur 140 Seiten dick. Besonderer Clou ist die besondere Form der Ich-Erzählung: Klass und Kees erzählen in der Wir-Form. Hat gefallen.

Zsusza Bánk. Die hellen Tage
Das Mädchen Seri lebt in Süddeutschland. Ihre beste Freundin ist Aja, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt. Aja wohnt mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand; der Vater kommt einmal im Jahr. Die beiden Mädchen verbringen Tag und Tag im Garten; später kommt Karl hinzu. Der Junge, dessen Bruder verschwunden ist, verliert den Halt in seiner Familie und findet ihn bei Seri und Aja. Es ist eine leise Geschichte, die bis ins junge Erwachsenenalter Seris, Ajas und Karls führt. Es ist aber nicht nur eine Geschichte über die Kinder, sondern auch über die Mütter. Schön.

Judith Lennox. An einem Tag im Winter
Ellen ist Naturwissenschaftlerin. Sie bekommt eine Stelle im Cambridgeshire; es sind die 1950er Jahre, Frauen sind als Wissenschaftlerinnen noch nicht sehr präsent. Dann stirbt einer der älteren Professoren und ein Verwirrspiel beginnt. Ellen ist sich im Gegensatz zur Polizei sicher, dass es kein Unfall war. Ein launiger Roman, der sich aber nicht entscheiden kann, ob er sich nun dem Kriminalfall oder der Wissenschaftsgesellschaft widmen möchte. Die ganz große Spannung bleibt deshalb auf der Strecke.

Javier Marías. Mein Herz so weiß
(Deutsch von Elke Wehr)
Teresa ist gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt. Sie erhebt sich vom Esstisch ihrer Eltern, geht ins Bad und erschießt sich. Ihr Mann Ranz heiratet danach wieder: ihre Schwester Juana. Die Geschichte erzählt die Liebe der beiden, das Mysterium um den Tod Teresas. Erzähler ist der Neffe Teresas – Sohn von Ranz und Juana. Er geht dem Tod seiner Tante nach. Ein sehr literarischer Roman, der sich für meinen Geschmack aber bisweilen etwas zu sehr in sich selbst verliert.

Fabio Volo. Esco a fare due passi
Ich bin bekennender Fabio-Volo-Fan, wobei ich jetzt, nachdem ich mehrere Bücher von ihm gelesen habe, gut erkennen kann, mit welchen Büchern er das Schreiben begonnen und wie er sich weiterentwickelt hat. „Esco a fare due passi“ ist eines der älteren Bücher, geschrieben 2001. Es geht um Nico, der Ende 20 und Radio-DJ ist. Das Buch ist ein Brief Nicos an sich selbst – an sein eigenes Ich in fünf Jahren. Er erzählt von seinem bisherigen Leben und wie er es empfindet. Ein typischer Volo: Mann, um die 30, der in seinen eigenen Augen wenig erreicht hat, der bislang wenig verantwortungsbewusst war, keine längere, feste Beziehung hatte und Selbstzweifel hat. Das Buch kann nicht mit anderen mithalten, z.B. „Il tempo che vorrei“, lässt sich aber gut lesen.

Meg Wollitzer. The Interestings.
(Deutsch: Die Interessanten)
Die Geschichte von Julia Jacobson. Und die Geschichte ihrer Freunde Ethan, Jonah, Cathy, Ash und Goodman. Die New Yorker Teenager lernen sich während eines Feriencamps kennen. Meg Wolitzer erzählt die Freundschaft der Sechs bis ins höhere Erwachsenenalter hinein. Ein gut zu lesender Gesellschaftsroman über Freundschaft, Erwachsenwerden und das, was man im Leben möchte.

*

Elektronisch gelesen

Bov Bjerg. Auerhaus
Hoch gelobt, zuletzt sogar im Literarischen Quartett. Doch wie es mit vielen hoch gelobten Büchern ist, habe ich auch mit diesem meine Schwierigkeiten. Die Geschichte spielt in den 80ern. Erzählt wird sie aus der Sicht von Höppner; er ist Abiturient. Sein Schulkamerad Frieder wollte sich umbringen, hat es aber nicht geschafft. Frieder und Höppner ziehen gemeinsam mit ein paar anderen Leuten in ein altes, baufälliges Haus: Frieder soll keinen neuen Versuch starten. Schule läuft nebenher. Sie trinken schlechten Rotwein, nehmen Drogen, hängen ab. Mich haben die Charaktere fürchterlich angenervt; ich kann mit Teenager-Anarchie nichts anfangen. Warum man Alkohol trinken, Joints rauchen und schlecht in der Schule sein muss, um Revoluzzer zu sein, weiß ich auch nicht. Ich glaube, ich bin nicht Zielgruppe.

Emma Healey. Elizabeth wird vermisst
(Deutsch von Rainer Schumacher)
Eine Ich-Erzählung aus Sicht einer Alzheimer-Erkrankten: Maud ist betagt und vergisst immer mehr – wo sie zuletzt war, was sie getan hat, was Menschen ihr erzählt haben. Sie versucht, ihre Defizite zu vertuschen, schreibt sich Zettel. Doch es hilft nichts; sie kann ihre Notizen schon Minuten später nicht mehr nachvollziehen. Sie versteht auch nicht, was mit ihrer Freundin Elizabeth los ist; Elizabeth ist fort. Maud beginnt, sie zu suchen, und wird zunehmend verzweifelter. Parallel dazu rutschen Mauds Gedanken immer wieder in die Vergangenheit, als kurz nach dem Krieg ihre Schwester verschwand. Etwas vorhersehbar, aber insgesamt eine gut zu lesende Geschichte.

Ruth Herzberg. Wie man mit einem Mann glücklich wird
Ein fragmentarisches Buch: Gedankenblitze, Anekdoten, kurze Texte mit absurden Wendungen. Teils stark, teils sehr experimentell. Muss man mögen.

Jojo Moyes. Ein ganzes halbes Jahr
(Deutsch von Karolina Fell)
Louisa ist irgendwas Mitte 20, und als das Café zumacht, in dem sie arbeitet, sucht sie einen neuen Job. Sie landet bei Will, der Tetraplegiker ist, und den sie sechs Monate lang bei Laune halten soll. Das erweist sich als nicht ganz einfach: Will hat nach seinem Unfall keinen Lebensmut mehr und möchte sterben. Louisa macht es sich zur Aufgabe, ihn vom Leben zu überzeugen. Wie naiv Louisa ist und wie sie Will bevormundet, ist allerdings schwierig zu ertragen. Das Buch ist voll von Stereotypen und Ableismus. Moyes‘ Stil ist noch dazu extrem schlicht; nicht, dass ich einen einfachen Schreibstil nicht schätzen würde, aber das ist mir dann doch zu banal. Andererseits: Die permanente Bevormundung durch die Autorin lässt einen Wills Situation gut nachvollziehen.

Victoria Schwartz. Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde
Die Geschichte von Victoria Schwartz hatte ich seinerzeit, als sie sie in ihrem Blog veröffentlichte, im Augenwinkel mitbekommen. Im Oktober dieses Jahres erschien ihr Buch dazu. Es geht um Real-Fakes: Menschen, die sich im Internet eine eigene Identität aufbauen, um andere um des Täuschens willen zu täuschen – und das mit großem Aufwand. Victoria verliebte sich damals im Internet in einen Mann; der Kontakt war innig, er übersandte sogar Geschenke, die beiden teilten Gedanken und Interessen und viel Zeit miteinander. Sie telefonierten stundenlang, doch ein persönliches Treffen blieb aus. Irgendwann war klar, warum: Die Person als solche gab es nicht. Im Buch erzählt Victoria Schwartz die Geschichte vom Kennenlernen bis zur Entdeckung: ein unglaublicher Krimi, den ich verschlungen habe. Im zweiten Teil liefert sie außerdem ein paar Hintergründe, unter anderem ein Interview mit einer Psychologin. Absolut lesenswert.

Curtis Sittenfeld. Prep
(Deutsch: Eine Klasse für sich)
Lee Fiora kommt aus dem mittleren Westen. Sie bekommt ein Stipendium für die Bostoner Elite-High-School Ault – und kommt als Außenseiterin in die Welt der Reichen und Privilegierten. Curtis Sittenfeld, deren „Frau des Präsidenten“ mir schon sehr gut gefallen hat, erzählt sehr fein, intelligent und mit guter Beobachtungsgabe die Geschichte von Lee und ihren Klassenkameraden. Sie urteilt nicht, sie beschreibt. Sie teilt nicht in Gut und Böse – auch Lee hat negative Charaktereigenschaften, an denen man sich als Leser reiben kann.  Hervorragend.

*

Gehört:

Susanne Fröhlich, Constanze Kleis. Frau Fröhlich sucht die Liebe
Sich neu verlieben mit fünfzig Jahren: Susanne Fröhlich und Constanze Kleis erzählen von ihren Erfahrungen auf dem Single-Markt. Das ist sehr vergnüglich und genau das Richtige für eine Autofahrt. Es geht natürlich um Singlebörsen im Internet und ums Kennenlernen via Mail und Messages, aber auch um Versuche im realen Leben, um Speed-Dating und das spontane Treffen an der Käsetheke. Es wird nicht nur auf Männern herumgehackt, sondern auch auf Frauen: Die beiden tarnen sich zu Recherchezwecken auch als Herren und was sie erleben, ist erhellend. Zu empfehlen.

Wolff-Christoph Fuss. Diese verrückten 90 Minuten
Kommentator Wolff-Christoph Fuss erzählt vom Leben mit dem Fußball, aus beruflicher Sicht und im Allgemeinen. Leider konnte ich den Ausführungen nicht lange folgen. Herr Fuß trägt in einem so laut-machohaften, besserwisserischen Ton vor, dass ich abgeschaltet habe.

Werner Gruber, Martin Puntigam, Heinz Oberhummer. Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln: Was wir von Tieren über Physik lernen können
Die Science Busters über Tiere und ihre Fähigkeiten, über den Menschen und was ihm abgeht: ein kurzweiliges Œuvre, vorgelesen und im Dialog gesprochen. Wir erfahren etwas über die Spiegelneuronen von Hunden, über die Fäkalien von Pingiunen, Juwelenkäfer und  Schrödingers Katze. Ab und an wirken die Kalauer etwas bemüht, aber alles in allem eine schöne Sache für Spaziergänge, Autofahrten oder fürs Bügeln.

Arnaldur Indriðason. Menschensöhne
(Gelesen von Frank Glaubrecht, Deutsch von Coletta Bürling)
Ein pensionierter Lehrer wird in der Innenstadt von Reykjavík brutal ermordet. Zur gleichen Zeit begeht einer seiner ehemaligen Schüler in der psychiatrischen Klinik Selbstmord. Erlendur und seine Kollegen begeben sich auf die Suche nach dem Zusammenhang. Leider aber ist die Geschichte nicht sehr gut: Ich habe den Eindruck, immer, wenn ein Krimi-Autor nicht weiterweiß, erfindet er entweder einen irren Massenmörder oder Menschenexperimente durch die Pharmaindustrie.

Thomas Kistner. Schuss: Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs
(Gelesen von Julian Ignatowitsch)
Journalist Thomas Kistner zeigt anhand von Beispielen, wo und wie im Fußball gedopt wird und wie Schmerzmittel und andere Medikamente eingesetzt werden. Er trägt dabei eine beeindruckende Faktensammlung zusammen, deren einzelne Punkte vielleicht nicht erwähnenswert wären, die in der Gesamtheit aber ein deutliches Bild zeichnen. Dabei sind absurde Geschichten rund um den Brasilianer Ronaldo, Indizien zu den Helden von Bern und zu Spitzenkickern der italienischen, aber auch der deutschen Liga. Zudem liefert er Hintergründe, wie Dopingmittel wirken – das lässt so manche Verletztengeschichte in der Bundesliga in anderem Licht erscheinen. Gut gelesen von Julian Ignatowitsch.

Hörbücher

25. 11. 2015  •  22 Kommentare

Ich bin eine Antwort schuldig.

Vor Kurzem fragte mich Kaffeehausgast Alwin:

Was halten Sie von diesen Vorlese-Büchern, ich meine Audio-Büchern oder „audibles“, wie man die wohl neuerdings nennt? Könnten Sie da mal einen Blogeintrag drüber schreiben? Ich schlafe nämlich regelmäßig nach 15 Minuten ein, wenn ich etwas vorgelesen bekomme, und verstehe nicht, warum visuell nicht oder kaum eingeschränkte Menschen für sowas Geld ausgeben sollten, wo es das beste Einschlafmittel (eine Flasche Grafensteiner Bier) bereits für 40 Eurocent (inklusive Pfand) beim Netto gibt. Was meinen Sie?

Das fasst die Sache bereits sehr gut zusammen. Nichtsdestotrotz nutze ich Hörwerke.

Zum Einschlafen

15 Minuten, wie Herr Alwin schreibt – dann wird’s nicht nur bei ihm, sondern auch bei mir sowas von dunkel, da passt kein Buch mehr zwischen mich und meinen Freund, den Schlaf.

Ich bin kein auditiver Mensch. Ich kann sehr schlecht Monologen zuhören – meine Gedanken schweifen binnen Minuten zu anderen Dingen ab. Ich empfehle daher jedem, der mir etwas zu erzählen hat, sich entweder kurz zu fassen, unterhaltsam zu sein oder darstellerische Qualitäten.

Das Leben als auditive Nullnummer bringt mit sich, dass ich bei Ratespielen à la „Erkennen Sie das Lied am ersten Takt, „Das geheimnisvolle Geräusch“ oder „Wir spielen den Song rückwärts ab, nennen Sie den Titel“ eine Vollhupe bin. Rhythmusgefühl habe ich auch keins.

Dafür habe ich in meinen Kopf visuelle Landkarten kontinentartigen Ausmaßes. Wörter und Zahlen haben Farben, und ich orientiere mich anhand von Landmarken und Sonnenstand sehr gut im Raum. Aber zurück zu Hörbüchern.

Ich nutze Hörwerke tatsächlich gezielt zum Einschlafen, gerade wenn meine Gedanken mal rotieren, was zum Glück selten vorkommt. Oder ich höre mir beim Zugfahren oder beim Sonnenbaden etwas an –  was letztendlich auch dazu führt, dass ich einschlafe; außer, ich habe im Urlaub bereits >14 Stunden gepennt. Das passiert wiederum oft.

Ich höre dann Podcasts, zum Beispiel das ARD Radiofeature, WDR ZeitZeichen, die Reportage des Deutschlandradios oder den WDR 2 Montalk. Das entspricht meiner Aufmerksamkeitsspanne.

Beim Autofahren

Keine Sorge: Beim Autofahren bleibe ich wach – auch wenn ich Hörbücher höre. Beim Autofahren kann ich gut folgen: Mein Hirn hat ja etwas Visuelles zu tun.

Ich habe mir früher für längere Reisen Kassetten und CDs mit ins Auto genommen. Seit ich ein Auto fahre, das Audiostreaming via Bluetooth kann, spiele ich nur noch vom Handy ab. Tolle Erfindung! Seither höre ich auch deutlich mehr Hörbücher während der Fahrt, seltsamerweise eher Sachbücher, die ich als richtiges Buch so gut wie nie lese.

Grob kann man sagen: Beim Zu-Fuß-Lesen bevorzuge ich Fiktives, in das ich mich hineinfantasieren und bei dem ich mich geistig entspannen kann; beim Hören Reales, das langweilige Autofahrten intellektuell anfüttert.

Zuletzt habe ich „Die geheime Doping-Geschichte des Fußballs“ von Thomas Kistner gehört (Empfehlung!). Letzte Käufe:  „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln: Was wir von Tieren über Physik lernen können“ und „Russland verstehen: Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“ von Gabriele Krone-Schmalz.

Daniel Woodrell: In Almas Augen

20. 11. 2015  •  1 Kommentar

Gelesen:

Woodrell_Almas_Augen

Darum geht’s:

Missouri, Sommer 1929. Eine Tanzveranstaltung in einer Kleinstadt. Es kommt zu einer Explosion. 42 Menschen sterben.  40 Jahre später: Alma DeGeer Dunahew ist Haushälterin; sie hat seinerzeit ihre Schwester Ruby bei dem Unglück, dessen Ursache nie geklärt wurde, verloren. Während sie ihr aktuelles Leben lebt, kommt nach und nach Licht ins Dunkel der Vergangenheit.

Wie gefällt’s?

Das Stärkste am Buch sind das Sittengemälde, das es zeichnet, und die Atmosphäre, die es erschafft. Die Kleinstadt im Süden, ihre Piefigkeit, die gesellschaftlichen Stände, die Persönlichkeiten, die dort wohnen. Das ist fein und trägt das Buch. Die eigentliche Handlung verblasst vor diesem Hintergrund etwas. So richtig Spannung will bei der Klärung der Unglücksursache nicht aufkommen. Darum geht es in dem Buch vielleicht auch gar nicht – dennoch: Sie fehlt ein wenig. Deshalb: eine solide Geschichte, gute Charaktere, durchschnittlicher Spannungsbogen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Astrid

22. 10. 2015  •  3 Kommentare

Als Kind hatte ich einige Bücher, an die ich mich heute noch genau erinnere.

„Lotta aus der Krachmacherstraße“ gehört dazu. „Die Kinder aus Bullerbü“ und „Madita“. Natürlich auch die „Wawuschels“, „Die unendliche Geschichte“,  „Oh wie schön ist Panama“ und „Konrad aus der Konservendose“. Am liebsten mochte ich aber Lotta, die Rad fahren lernt – mit dem Fahrrad von Tante Berg.

Als ich die Biografie von Astrid Lindgren sah, dachte ich deshalb sofort: Die möchte ich lesen.

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Denn Astrid Lindgrens Figuren, wer kennt sie nicht? Michel aus Lönneberga, Karlsson und Lillebror, Ronja Räubertochter und Bork Borkasohn, Tjorven und Bootsmann von Saltkrokan, die Brüder Löwenherz und natürlich Kalle Blomquist und Pipi Langstrumpf. Aber Astrid Lindgren selbst?

Mit 18 Jahren wird sie ungewollt schwanger. Sie bekommt das Kind in einer dänischen Klinik, in der sie nicht den Namen des Vaters angeben muss. Später heiratet sie Sture Lindgren und bekommt noch eine Tochter. Sie beginnt zu schreiben – erst Märchen, mehr schlecht als recht, dann Pippi Langstrumpf. Der erste Verlag lehnt das Werk ab: zu progressiv – ein ungezogenes Mädchen, das tun und lassen kann, was es will, wo gibt’s denn sowas. Doch dann findet Astrid einen Verlag, und das Buch geht sofort durch die Decke.

Jens Andersen erzählt das Leben der Schriftstellerin – ein langes Leben: Astrid Lindgren ist 94 Jahre alt, als sie 2002 in Stockholm stirbt. Pippi Langstrumpf war tatsächlich ihr erstes, wirkliches Werk für Kinder – Ronja Räubertochter (1981) das letzte. Dazwischen liegen viel persönliche Entwicklung, Zeitgeschichte und unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen.

Leseprobe [pdf].

Ich habe die Biographie sehr gerne gelesen, auch wenn sie im hinteren Drittel ein paar Längen hat. Aber das bleibt bei 94 Jahren, die zu erzählen sind, nicht aus. Interessant fand ich vor allem die persönliche Ebene: das ungeplante Kind, die Ehe, ihre Haltung zu Kindern und zur Kindererziehung und den Mut, sich gegen den konservativen Mainstream zu stellen. Aber auch die Hintergründe zu Pipi Langstrumpf sind erhellend: Astrid hat die Geschichte während des Zweiten Weltkrieges geschrieben, und sie enthält zahlreiche Anspielungen.

Manchmal allerdings wirkt Andersens Erzählstil etwas zu lobhudelnd: Da hätte ich mir mehr Neutralität vom Autor gewünscht.

Sehr gerne angeschaut habe ich übrigens die Bilder: Das Buch enthält zahlreiche Fotos aus Lindgrens Leben.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Sarah Armstrong: Nachts schwimmen

14. 10. 2015  •  3 Kommentare

Gelesen:

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Darum geht es:

Quinn ist Arzt. Er und seine Frau Marianna probieren seit längerem vergeblich, ein Kind zu bekommen. Das Thema wird immer drängender, verkrampfter. Quinn nimmt eine Stelle im Umland an und kann Marianna und ihrer dringenden Sehnsucht nach Nachwuchs so ein paar Tage pro Woche entfliehen. Dort lernt er Rachel kennen. Die beiden beginnen einen Affäre – und es wird komplizierter, als man es als Leserin ohnehin schon ahnt.

Und – gut?

Ja, ein gutes Buches, das mir sehr gefallen hat. Wenn man die Inhaltsangabe so liest, denkt man zunächst: Vorhersehbare Story, oder? Ja und doch nein. Denn gerade die Story ist prima umgesetzt: Von Beginn an eröffnen sich Konflikte und Spannungen, ich war sofort in der Geschichte drin und habe das Buch innerhalb weniger Tage durchgelesen.

Die Charaktere sind zudem vielschichtig: Quinn, Rachel und Marianna – ich hatte für jeden der Dreien Sympathien und fand sie trotzdem manchmal doof, konnte für alle Drei Partei ergreifen und doch nicht. Ein Pluspunkt ist das Ende, das ich jetzt nicht verrate, aber wenn Sie es lesen, wissen Sie, was ich meine. Fünf von fünf Sternchen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.



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