Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Lebenslage«

Warum es mich nervt, dass angefeindet wird, wer mit dem Auto fährt

12. 06. 2017  •  24 Kommentare

In den letzten Monaten lese ich viele Artikel zum Thema Mobilität, Parkgebühren, autofreie Innenstädte, Fahrverbote. Und natürlich über Staus.

Vor allem das Stauproblem bewegt mich, denn ich stehe derzeit selbst viel drin. In NRW sind fast ein Drittel aller deutschen Staus. Es nimmt absurde Züge an. Für eine Strecke von Dortmund nach Essen, das sind rund 40 Kilometer, benötigte ich zuletzt eineinhalb Stunden, für eine Fahrt von Dortmund nach Düsseldorf, die eigentlich eine Stunde dauert, benötigte ich zweieinviertel Stunde. In beiden Fällen hatte ich Termine – beim letzten kam ich trotz doppelt angenommener Anfahrtszeit eine Viertelstunde zu spät.

Was soll die Lösung sein? Die eigentliche Reisezeit zukünftig mal drei nehmen – und den Großteil seiner wertschöpfenden Arbeitszeit auf der Autobahn verbringen?

Bahnfahren!, rufen Sie jetzt, nicht wahr? Nun – wenn ich in meiner Region Ruhrgebiet/Rheinland nur von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof fahren möchte, ist alles in Ordnung. Doch ich wohne nicht neben dem Hauptbahnhof – und mein Ziel ist auch selten das Ibis-Hotel.

Nehmen wir also die Fahrt zum Termin nach Düsseldorf: Um zum Hauptbahnhof zu gelangen, steige ich in den Bus, von dort steige ich in die Stadtbahn um, von der Stadtbahn steige ich am Dortmunder Hauptbahnhof in den Regionalexpress und fahre mit ihm nach Düsseldorf. Am Hauptbahnhof Düsseldorf steige ich wieder in eine Stadtbahn um – und von der Stadtbahnhaltestelle gehe ich noch gute zehn Minuten zu Fuß zum Zielort. Das ergibt eine reine Wegzeit mit dem ÖPNV von 2 Stunden 30 Minuten – wohlgemerkt, wenn alle Anschlüsse pünktlich und reibungslos funktionieren, was auf dieser Strecke eigentlich nie passiert. Preis für Hin- und Rückfahrt: fast 60 Euro.  Es muss nicht erwähnt werden, dass dieselbe Rechnung nach 20 Uhr, also bei geringerer Taktung, deutlich ungünstiger ausfällt, der Preis aber gleich bleibt.

Menschen, die auf dem Land leben, lachen ohnehin laut auf, wenn sie die Worte „Bus und Bahn“ hören.

Während ich also im Stau stand, machte ich mir Gedanken. Denn es macht mich wütend, dass alleinig dem Autofahrer die Schuld daran gegeben wird, dass er Auto fährt. In vielen Artikeln in Kommentarspalten und in der öffentlichen Diskussion schwingt die Haltung mit: Der Autofahrer ist ignorant. Der Autofahrer ist eine Umweltsau. Der Autofahrer müsste nur mal weniger bequem sein. Soll er doch Rad fahren! Soll er doch Bahn fahren!

Seltsam finde ich, dass alle Kritiker stets nur im Kontext „Verkehr“ argumentieren – und die Lösungen für Verkehrsprobleme lediglich in Verkehrslösungen sehen. Doch liegt die Ursache für unsere Verkehrsprobleme nicht woanders?

  1. Die Arbeit ist immer weniger planbar. Conti-Schichten, Früh-, Spät-, Nachtarbeiten, Bereitschaftszeiten, spontane Mehrarbeit, Zeitverträge, Zeitarbeit, Aushilfsverträge. Das alles führt dazu, dass Menschen keine Fahrgemeinschaften bilden, dass sie pendeln und dass sie – weil der Vertrag befristet ist – dem Arbeitsplatz erstmal nicht hinterherziehen.
  2. Beide Partner sind erwerbstätig. Weil sie es müssen, weil sie es wollen und weil sie es wollmüssen – weil ein Einkommen zwar ausreichen könnte, wenn man zu Viert auf 60 Quadratmetern wohnte; weil jedoch im Falle einer Trennung einer der Partner sofort in Hartz 4 und damit in Armut rutschte – von Armut im Alter ganz zu schweigen. Zur Arbeit müssen sie hinkommen, vor allem, wenn sie als Erzieher*in, in der Pflege oder im Einzelhandel in Schichten, in Teilzeit oder als Aushilfen arbeiten.
  3. Flexibel kollidiert mit starr. Der Arbeitnehmer soll flexibel sein. Die Kinderbetreuung ist es nicht. Das Kind muss pünktlich abgeholt werden, der Chef wünscht aber noch eine spontane Besprechung. Und dann noch auf den Bus warten, der zu spät kommt, wo eh immer alles so knapp ist?
  4. Der Alltag hat sich verdichtet. Die Schlagzahl auf der Arbeit ist hoch: just in time, Service-Level-Reaktionszeiten, immer weniger Personal. Der Vertrag ist befristet, das Unternehmen wird umstrukturiert. Die Kinder müssen von der Betreuung abgeholt werden, die Mutter ist dement, der Schwiegervater braucht Hilfe im Haushalt. Die Steuererklärung ist überfällig, der Antrag für die Pflegestufe auch, im Keller ist die Wand nass. Der Gatte muss nächste Woche auf Dienstreise – ausgerechnet, wo die große Tochter eine Zahn-OP hat. Und jetzt das Auto stehen lassen und über nicht ausgebaute Radwege 15 Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit und zurück fahren? Oder das Doppelte der Wegzeit in Kauf nehmen, um mit Sack und Pack in der unklimatisierten Bahn zu sitzen?
  5. Immer mehr Lastverkehr. Der Personenverkehr hat zwischen 1991 und 2015 zwar um ein Drittel zugenommen – der Güterverkehr aber um zwei Drittel (Quelle). Weil es immer mehr Güter gibt, aber auch, weil diese Güter längere Wege zurücklegen. Wenn man sich durch bilaterale Güterstromanalysen hindurchwühlt, stellt man zum Beispiel fest, dass die Güterströme zwischen den europäischen Ländern allesamt immens zugenommen haben. Woran das liegt? Keine Ahnung. Meine Vermutung: Öffnung des europäischen Binnenmarktes und preiswertere Produktionsorte. Güter durch die Lande zu karren ist eben preiswerter als einen Standort in West-Europa zu unterhalten (oder Güter zu lagern). Dafür fahren immer mehr Menschen mit der Bahn, auch wenn es sich auf der Straße nicht so anfühlt. Wer mal zu Stoßzeiten im RE1 durchs Ruhrgebiet fahren möchte: Bon voyage im Viehtransport.

Wenn wir das Verkehrsproblem lösen möchten, müssen wir gesamtwirtschaftliche Themen lösen. Das ist politisch, nicht indivuell. Ein bisschen mehr Fahrrad zu fahren, mag im Einzelfall richtig und hilfreich sein. Aber die große Herausforderung löst es nicht.

Praktische Hinweise zum Thema Manspreading von einer großen Frau

9. 06. 2017  •  22 Kommentare

Das Thema Manspreading ist grad mal wieder aktuell: Männer, die sich so breitbeinig hinsetzen, dass sie zwei Sitzplätze benötigen – oder Nebensitzer an die U-Bahn-Wand verweisen. Viele Frauen bringt das auf die Palme.

Dazu möchte ich einige praktische Hinweise geben:

Männer sind im Durchschnitt größere Menschen als Frauen. Größere Menschen haben längere Beine. Lange Beine sind hilfreich beim Laufen, Fahrradfahren oder Rudern. Sie sind nicht hilfreich beim Sitzen.

Auf normalen Stühlen liegen die Beine langer Menschen nur mit dem hinteren Teil – und damit zu höchstens einem Drittel – auf der Sitzfläche auf. Manchmal gar nicht, denn Langbeinige haben nicht nur lange Oberschenkel, sondern auch lange Unterschenkel, länger als das Stuhlbein. Die fehlende Auflage ist bei längerem Sitzen unangenehm. Deshalb verschränken langbeinige Menschen die Beine oft unter der Sitzfläche und legen dort einen Fuß auf die Ferse des anderen. Oder sie klemmen die Füße hinter die Stuhlbeine. Dadurch sitzen sie oberhalb der Sitzfläche automatisch breitbeinig.

Langbeinige machen das auch, weil es ihnen an alternativen Sitzhaltungen mangelt. Beine auszustrecken, geht oft nicht. Denn dann okkupiere ich den Tanzbereich des Gegenübers. Oder es gibt ein Hindernis, wie zum Beispiel bei Tischen, die in der Mitte einen Sockel haben. Apropos Tisch: Beine übereinander schlagen geht auch nicht. Wenn ich auf einem Stuhl mit Tisch sitze, ist die Tischplatte nicht hoch genug, damit die Beine darunter passen. Mein Unterschenkel plus der darübergeschlagene Oberschenkel des anderen Beins sind höher als die Tischkante. Deshalb kann ich am Tisch sitzend nicht die Beine übereinander schlagen. Das gilt auch für Vierertische in der Bahn.

Damit sind wir bei öffentlichen Verkehrsmitteln. Die DIN-Norm 33402 befasst sich mit den Körpermaßen des Menschen. Sie hat Einfluss auf Beinraum- und Fußraumtiefen, Abstützhöhen und Sichtgeomtrie. 90 Prozent der deutschen Frauen sind zwischen 1,53 und 1,72 Meter groß, 90 Prozent der deutschen Männer zwischen 1,65 und 1,85 Meter (Quelle). Ich bin eine der restlichen zehn Prozent, sogar eine der zehn Prozent bei den Männern.

Öffentliche Verkehrsmittel sind für den Durchschnitt gemacht, für den Durchschnitt aus dem durchschnittlichen Mann und der durchschnittlichen Frauen. Also für Menschen um die 1,70 Meter mit durchschnittlich langem Ober- und Unterkörper (Durchschnittsgröße deutscher Männer: 1,80 Meter).

Wenn ich ÖPNV fahre, mache ich Manspreading. Es geht nämlich nicht anders. In Sitzreihen kann ich entweder nur breitbeinig sitzen oder die Beine zusammennehmen und in den Gang richten. Denn es gibt einfach nicht genug Beinraum. Im Gang sind die Beine dann im Weg, die Leute treten dagegen (autsch!). Außerdem tut auf längeren Fahren der Rücken weh, denn ich verdrehe mich ja in der Hüfte. Also breitbeinig.

Im Vierersitz habe ich keinen Sitz vor mir, aber mir sitzen Leute gegenüber, die ebenfalls Beine haben. Damit beide ihre Beine unterkriegen, gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Einer schließt sie, der andere öffnet sie. Der, der sie geschlossen hat, steht in den Manspreading-Beinen des anderen – perfekt. Nur nicht für den Nebensitzer.
  2. Alternativ öffnen beide die Beine leicht und machen das Reißverschlussverfahren: Seins, meins, seins, meins. Das ist etwas schicklicher.

Das ist sogar vonnöten, wenn der Gegenüber kürzere Beine hat, also normal groß ist: Öffentliche Verkehrsmittel sind nämlich nicht einmal dafür gemacht, dass nur einer lange Beine hat. Ist ja auch logisch: Der durchschnittliche Beinraum im Vierersitz ist für zwei durchschnittliche große Menschen gemacht. Ist einer durchschnittlich groß, der andere aber größer, passt es schon nicht. Außerdem müssen Menschen auch aufstehen und sich hinsetzen, das heißt, es gibt einen Bewegungswinkel. Oft hat mindestens einer von beiden eine Tasche – oder einen Hund oder fährt seinen Tannenbaum spazieren, was auch immer. (Die Sache mit dem Gepäck ist für Verkehrsunternehmen, so scheint es mir, übrigens eine vollkommen irre, allenfalls theoretische, insgesamt ziemlich surreale Idee – aber das ist ein anderer Blogbeitrag.)

Was ich damit sagen möchte: Es ist nicht immer Manspreading. Manchmal ist es nur einfach schwierig, anders zu sitzen. Oder auf Dauer unbequem. Solange insgesamt genug Platz für alle da ist, verdrehe ich mir nicht aus vorauseilendem Gehorsam den Rücken. Sondern manspreade. Das heißt ja nicht, dass man sich nicht arrangiert, wenn jemand zusteigt.

Pfingsten und die zwei Ks

5. 06. 2017  •  2 Kommentare

Pfingsten ist in meiner Heimatstadt traditionell mit zwei Ks verknüpft: Kirmes und Klassentreffen. Beide stehen zueinander in kausaler Beziehung: Weil es Kirmes gibt, gibt es Klassentreffen, denn zur Pfingstkirmes kommen alle heim.

Pfingstkirmes Menden: Riesenrad vor der Vincenzkirche

Pfingstkirmes in Menden, das sind Karussells vor Fachwerkkulisse, das sind Los- und Schießbuden, das ist der Geruch von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Das sind Softeis und Wahrsagerinnen, Stände mit Lederwaren und batterbetriebenen Hundefiguren, und das ist Kokosnuss, die ihr Volumen im Mund zu einem trockenen Brei verdreifacht.

Kirmes ist überdies ein dicker, weicher Haufen Nostalgie: Kirmes war der Höhepunkt meiner Kinderjahre. Sie war nicht nur Erleben, sie war das Leben, das reine Leben, der Sinn des Lebens, Zucker und Glück, verpackt in Dosenwerfen, Schaumwaffeln und Musikexpress.

Kirmes – das ist auch die emotionale Wucht meiner Teenagerjahre: Es war Schaulaufen von der Ober- in die Unterstadt, untergehakt bei den Freundinnen, es war Herumstehen am Autoscooter, Kreischen im Breakdance und die Sehnsucht nach Knutschen.

Pfingstkirmes Menden: Riesenradgondel vor Fachwerkhaus

Pfingstkirmes Menden: Karussell vor Himmel

Meine Instagram-Story

Die diesjährige Kirmes ist die zwanzigste Kirmes seit meinem Abitur – weshalb sich am Samstagabend 56 Ex-Abiturient*innen in einem Fachwerkhaus trafen, um miteinander zu trinken.

Sie tranken lange, bis nachts um vier, und erzählten sich Geschichten: von einst, von heute und von dem Dazwischen; das eindimensionale Damals wurde ein Damals der vielen Perspektive – und die Wege zum Heute enthielten ein paar gute plot twists.

Wenn sich Menschen wiedersehen, die einst gemeinsam losliefen und sich dann konsequent aus den Augen verloren haben; wenn diese Menschen allesamt angekommen sind im Leben; wenn darunter Menschen sind, die überraschenderweise genau das wurden, wovon sie niemals dachten, dass sie es werden wollten; wenn außerdem Menschen darunter sind, die über sich und ihre Durchschnittlichkeit, ihre Besonderheit, ihr besondere Durchschnittlichkeit und ihre durchschnittliche Besonderheit lachen können; wenn sie aus Spanien, Belgien und der Schweiz anreisen, um einander zu erzählen – dann ist das eine zauberhafte Veranstaltung. Ein großer Dank an die Organisatoren;  Tobi und Hendrik, wenn Ihr das lest: Das war super.

Die Nacht verbrachte ich dann bei Tante und Onkel – auch so ein Ort. Auf den ersten Blick ein normales Wohnhaus. Doch wenn Sie genau hinschauen, wenn Sie die Details suchen, entdecken Sie Ihre Kindheit, die Kindheit Ihrer Eltern und die Kindheit aller in den 60er und 70er Geborenen.

Schild "Dusche" auf alten Kacheln

Als ich gegen Mittag erwachte und in die Küche kam, lag auf dem Resopaltisch eine Platzset, darauf lagen ein Holzbrettchen, auf dem Brettchen lag ein Messer und daneben stand ein hartgekochtes Ei. Meine Tante stand am Herd, rühte in Töpfen und sagte: „In 25 Minuten sind die Klöße fertig.“

Auf Reisen habe ich gelernt: Brot und Ei sind, was Frühstück angeht, im internationalen Vergleich in der Minderheit. Warum also darauf pochen? Ein Rinderrouladenfrühstück passt ohnehin besser zur vorangegangenen Nacht. Wieso also nicht?

Rinderrouladen, Klöße, Rotkohl

Natürlich – Sie wissen es sowieso – ist das nur der Teller fürs Foto. Nach der Aufnahme bekam er vier weitere Löffel Soße, im Nachschlag einen Zusatzkloß; außerdem einen Schlag Gurkensalat, dessen Sahne sich mit der Rouladensoße zu einer fulminanten Mélange vereinte. Die nachfolgende Götterspeise ist nicht dokumentiert.

Danach ging ich in die Stadt und fuhr Riesenrad.

Kann Spuren von Senf enthalten

12. 05. 2017  •  12 Kommentare

Wo wir gerade über Ansprechgesichter reden: Ich war heute im REWE. Zum Wocheneinkauf. Den mache ich jetzt immer freitags um 10, weil Google mir sagt, dass die große Einkaufswelle erst ab 14 Uhr  losgeht.

Ich stehe in der Regalreihe „Backen, Milchreis und alle Salzsorten dieser Erde“, als eine Frau mich fragt: „Wie kann im Salz Senf sein?“
„Was meinen Sie?“
„Hier. Auf der Packung. Da steht: Kann Spuren von Senf enthalten.“

Ich gucke sie an. Was soll ich darauf sagen? War das eine rhetorische Frage? Oder sehe ich aus, als sei ich Senfexpertin? Wie heißen eigentlich Senfexperten? Senfperten? Sinapisten?

Sie sagt: „Wissen Sie auch nicht, oder?“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Komisch ist es schon.“
„Sind denn auch Erdnüsse im Salz?“
„Wieso Erdnüsse?“
„Sonst steht auf Packungen doch immer: ‚Kann Spuren von Erdnüssen enthalten‘.“
„Ja?“
„Die sind jetzt sogar in Brötchen. Am Mittwoch war ich in Berlin am Bahnhof. Ich habe mir ein belegtes Brötchen gekauft, und die Verkäuferin sagte mir: ‚Das Brötchen kann Spuren von Erdnüssen enthalten.“
„Wo war das?“
„In Berlin. Die Bäckerei vor Gleis sieben.“
„Gegen Erdnüsse habe ich nichts.“
„Aber gegen Senf.“
„Nein. Gegen Senf habe ich auch nichts.“
„Dann ist es ja nicht schlimm, dass im Salz Senf sein könnte.“
„Ich kaufe es besser trotzdem nicht“, sagt die Frau und geht grußlos Richtung Speisenatron davon.

Was schön war im Januar – mit Gedankenspielen zu Kotlas in Nordwestrussland

2. 02. 2017  •  11 Kommentare

Die Rubrik „Was schön war“ ist ein bisschen eingeschlafen. Deshalb hier die Erweckung.

  • Den Liedermacher Nils Koppruch entdeckt. Und erfahren, dass er schon gestorben ist. Oh mann. Aber trotzdem schön, dass er so tolle Musik gemacht hat. Das Lied hier höre ich gerade sehr gern:

  • Die Eichhörnchen im Garten werden mehr, mutiger und zutraulicher. Sie sind jetzt zu Dritt und jeden Tag zu Gast auf der Terrasse, wo sie Nüsse und Sonnenblumenkerne essen. Verfressenes Pack.
  • Die Turneinheiten im Fitti werden intensiver, und bald ist das Wetter auch so, dass ich wieder draußen joggen gehen kann. Theoretisch kann ich natürlich bei jedem Wetter joggen, aber nach der Bronchitis des Todes und immer wieder aufflammendem Mimimi aus den Bronchien bin ich bei Temperaturen unter zehn Grad vorsichtig und trainiere lieber inhouse. Das Fitti hat außerdem einen neuen Cardiopark, Laufbänder und Fahrräder und Rolltreppen, die mir entgegenlaufen und die ich hochsteigen kann, dazu Crosstrainer, bei denen ich die Schrittlänge selbst variiere. Das ist toll.
  • Die Übernachtungen für die re:publica gebucht, Die Fabrik in Kreuzberg. Die Fabrik ist fünf Kilometer von der Station entfernt. Das kann man gut mal laufen. Außerdem sind zwei Parks in der Nähe, falls es mich überkommt und ich joggen möchte (unwahrscheinlich). Ich werde von Sonntag bis Donnerstag bleiben, ganz gechillt, um viele Menschen zu treffen. So sind erstmal die Planungen.

Die geplante Reise nach Sankt Petersburg wird nichts: Der Sohn meiner russischen Freundin wird nicht wie vorgesehen sein Basketballtrainingslager dort haben. Also treffen wir uns auch nicht dort. Stattdessen reist seine Mannschaft nach Kotlas – eine Unternehmung von Dynamo Moskau, um benachteiligte Regionen Russlands zu fördern. Kotlas, 60.000 Einwohner, gelegen in der Oblast Archangelsk, ist Zentrum der russischen Holz- und Papierindustrie, etwa 1.000 Kilometer nordöstlich von Moskau. Es gibt viel Gegend dort beziehungsweise ist, wie meine Freundin ironisch schreibt, „very remoted.“ Der Zug, schreibt sie weiter, der die Kinder 23 Stunden lang von Moskau nach Kotlas fährt, fahre weiter bis nach Vorkuta, Sibirien, direkt ins Gulag, „lovely territory“. Die Kinder „werden eine unvergessliche Woche dort verbringen“, Zwinkersmiley.

Ich bin bekanntermaßen für abseitige Aktionen zu haben. Schließlich bin ich auch mit estnischen Fernbussen bis an die estnisch-russische Grenze gereist, um in einer Turnhalle zu sitzen und dem Jungen beim Ballspielen zuzuschauen. Bei derartigen Reisen erlebt man am meisten und außerdem die unerwartetsten und schönsten Dinge. Gerade Reisen an völlig untouristische Orte sind super; die Menschen in Kotlas sind bestimmt sehr gastfreundlich. Aber von Deutschland nach Moskau und von dort einen Tag und eine Nacht lang mit dem Zug in die russische Top-Destination für Papierliebhaber – und einige Tage später alles wieder zurück: Das ist dann auch eine Zeitfrage. Wir werden uns ein anderes Ziel für unseren nächsten russisch-deutschen Austausch suchen.

Aufregung im Einkaufszentrum

30. 01. 2017  •  14 Kommentare

Es ist eines dieser Einkaufszentren im Ruhrgebiet. Ladenketten, Bäckereien und untendrin ein Supermarkt, downtown in der Fußgängerzone; ein Ort für Teenager auf Sinnsuche zwischen Lippenpflege und Skinny Jeans.

Ich sitze an einem der Eingänge in einem Bäckerei-Café und überbrücke die Zeit zwischen zwei Terminen mit Milchschaum und Brainstorming, so wie man es von Menschen in Berlin annimmt, nur dass meine Aussicht nicht die efeuberankten Altbauten eines Szenekiez sind, sondern ein Schuhladen, der für Winterstiefelschlussverkauf ab 19,90 Euro wirbt und in dessen belüftetem Eingangsbereich eine winzige Verkäuferin in der Warmluft steht.

Mein Blick auf sie wird durch vier silberhaarige Damen unterbrochen, die, jede einen Kakao und ein Stück Butterstreusel vor sich, ihre gesundheitliche Situation besprechen. Es geht um Hüften, Eierstöcke und die Serviceleistungen von Krankenhäusern in kirchlichen Trägerschaften, wobei man sich einig ist, dass evangelisch besser als katholisch, katholisch aber immerhin besser als städtisch ist, zumindest was das Nachmittagsgebäck in Orthopädie und Gynäkologie angeht.

Plötzlich Aufruhr: Polizei und Feuerwehr betreten die Szenerie und laufen ins Einkaufszentrum. Blaulicht flimmert in den Scheiben. Großes Hallo. Die Damen erheben sich leicht aus den Sesseln, so wie es ihre Hüften eben zulassen, und wenden sich der Fensterfront zu. Die Schuhverkäuferin dreht nur leicht den Kopf. Es scheint etwas Besonderes vor sich zu gehen, aber so wirklich gibt es nichts zu sehen. Das Geschehen findet um die Ecke statt.

Etwa zwanzig Minuten später kommen Frauen in Kitteln ins Café, auf der Kleidung das Emblem einer Drogeriekette. Ein junger Mann, heißt es, habe mit Reizgas um sich gesprüht, nichts Schlimmes, aber in diesen Zeiten weiß man ja nie. Die Verkäuferinnen werden mit Gratis-Kaffee versorgt. Die Silberdamen sind beim außerplanmäßigen zweiten Kakao, der Butterstreusel ist aufgegessen, aber es ist alles so aufregend. Noch aufregender wird es, als zwei Feuerwehrleute und ein Notarzt das Café betreten, junge Männer, die sich in warmem Tonfall erkundigen, ob noch jemand Hilfe benötige.

Die Damen erheben sich erneut und synchron in ihren Sesseln, setzen sich leicht um und lassen sich wieder sinken; es ist etwas deutlich Lorioteskes in dieser Geste. Ihr Blick ist nun nicht mehr gemeinschaftlich aus dem Fenster, sondern auf die Einsatzkräfte gerichtet. Eine der Frauen ergreift eine Serviette und fächelt sich Luft zu.

„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragt der Notarzt. Er hat braunes, lockiges Haar und erfüllt alle Voraussetzungen für eine Krankenhaus-Vorabendserie.

„Und wie, Herr Doktor“, antwortet sie. „Und wie.“

20 Jahre danach

26. 01. 2017  •  34 Kommentare

In diesem Sommer feiert meine Stufe ihr 20-jähriges Abitreffen.

20 Jahre sind erstaunlich viel Zeit, mehr als mein halbes Leben. Entgegen anderslautender „Als wäre es gestern gewesen!“-Ausrufe fühlt sich meine Abizeit allerdings tatsächlich wie 20 Jahre entfernt an – und nicht wie gestern. Auch nicht wie vorgestern. Eher wie damals, als Otto der Große König des Ostfrankenreichs war.

Denn emotional war meine Gymnasialzeit Mittelalter, eine Mischung aus Hexenverbrennung und Beulenpest; ein neunjähriger Feldzug gegen mich selbst, den ich, anstatt ihn in meinen 20ern aktiv posttraumatisch zu verarbeiten, zu einem pürree-artigen Erinnerungsmatsch eingestampft habe. Das Ergebnis ebenso aktiven Verdrängens wie passiven Vergessens ist ein Mash-up aus Gedichtanalyse, Tuffi-Kakao und nach Pubertandenumkleide riechendem Gruppendruck – diffuse Gefühlsreminiszens ohne konkrete Szenen. In Vorgriff auf das Treffen erzählte mir eine Freundin letztens zahlreiche Schulzeit-Episoden, Anekdoten von Feueralarmen, Turnstundendramen und Wermitwem. Nach mehreren Gedächtnisanstupsern begann ich, mich an einige Geschichten zu erinnern, allerdings auf eine nebulöse Art und Weise, kaum mehr als Blinzler in einem Film, den ich verschlafen habe.

20 Jahre Abi also, und im Sommer treffen wir uns wieder. Im Gegensatz zu all den Menschen, die sich vor Klassentreffen geradezu körperlich gruseln, freue ich mich. Eine Parallele zu einst: Das gegenwärtige Abitreffen scheint das Pendant zu den damaligen Bundesjugendspielen. Niemand findet sie gut – außer ich.

Bundesjugendspiele, das als Einschub, waren seinerzeit die einzige Gelegenheit für mich, mit meinen Körper erfolgreich zu sein. Bei den Jungs in meiner Stufe erhielt ich nämlich nicht einmal eine Teilnahmebescheinigung; ein Umstand, den ich heute mit ironischer Distanz belächele, der mich als 15-Jährige jedoch ausgiebig bedrückte, um nicht zu sagen, in tiefes seelisches Leid stürzte. Ich brauchte Jahre, ja, fast ein Jahrzehnt, um mich von der Schmach meines unerwiderten und zugegebenermaßen auch sehr subtil vorgetragenen Knutschverlangens zu erholen und mein Flirtverhalten grundlegend zu überarbeiten.

Unzureichend zu sein, in der Liebe wie in der Freundschaft und vor allem vor mir selbst, war mein alles überstrahlendes Schulzeitgefühl. Es wurde durch Klassenkameraden wie M bestärkt, der mich „Fetti“ nannte – dabei war ich niemals dünner als zu diesen Zeiten, in denen ich mich zu dick fühlte – und der mich zu diversen Gelegenheiten piesackte. Einmal riss er mir meinen Stuhl weg, als ich mich gerade hinsetzen wollte, zur Belustigung der Klasse. Schlimmer als die Tat selbst war dabei der Umstand, dass meine MitschülerInnen im Ergebnis nicht mehr nur metaphorisch, sondern tatsächlich auf mich hinabblickten.

Zusammengefasst waren die Jahre bis zum Abi eine Mischung aus amoröser Charly-Brownigkeit und mitmenschlichem Mordor.

Schon 2007, beim 10-jährigen Abitreffen, führte mein mangelndes Erinnerungsvermögen dazu, dass mir manche Anwesenden vollkommen unbekannt waren. Nicht nur, dass ich mich nicht an ihre Namen erinnern konnte. Ich war mir sicher, sie noch nie gesehen zu haben. Vor ein paar Tagen ging die Liste der Leute herum, die im Verteiler für 2017 noch fehlen: Kennt sie jemand? Hat wer Kontakt? Ich schwöre erneut Stein und Bein, einige der Namen noch nie gehört zu haben.

Es wird also eine tolle Veranstaltung: Ich werde viele neue Menschen unvoreingenommen kennenlernen.

Kaffeetrinken auf 55 Quadratmetern

12. 01. 2017  •  15 Kommentare

Wir kennen ihn nun schon seit über einem Jahr. Er ist nicht sehr groß für einen Mann. Wenn er spricht, halten seine Hände einander fest. Sein Blick sucht nach Zuspruch – für das, was er sagt, und noch mehr dafür, dass wir ihn überhaupt erst sprechen lassen, dass er hier sein darf.

Zuletzt, es war Anfang Dezember an einem der Tage, an dem der gefrorene Raureif auch am Mittag noch Bäume und Gärten bedeckt; zuletzt rief er an und sagte, er wolle nicht stören, es sei ihm wirklich sehr unangenehm, aber ob jemand kommen könne. Es gebe da eine Sache in der Wohnung, eigentlich schon länger, aber jetzt gehe es nicht mehr. Es tue ihm leid, diese Umstände zu bereiten –  aber ob wir mal schauen könnten.

Ich fahre hin. Er wohnt gemeinsam mit seiner Mutter auf 55 Quadratmetern, er ein Zimmer, sie ein Zimmer sie, dazu eine kleine Küche. Die Wohnung ist zu klein für zwei Personen, noch dazu für einen jungen Mann Anfang 20, der seinen eigenen Weg gehen möchte. Aber die Umstände sind, wie sie sind.

Wir begrüßen uns. Die Mutter trägt heute kein Kopftuch; ich bin eine Frau, da braucht sie keins. Ich sehe sofort den Schimmel in den gegenüberliegenden Zimmern, jeweils die Außenwände, flächig in den Ecken. Das ist nicht schön, gar nicht schön.

„Gut, dass Sie angerufen haben“, sage ich zu ihm.

„Ich möchte nicht … keine Umstände“, sagt er, von einem Fuß auf den anderen tretend. Das Wort „Umstände“ kennt er, außerdem Wörter wie „Genehmigungsverfahren“, „Gesamtgeltungsdauer“ und „Ermessensentscheidung“. Ich selbst schaffe es kaum, mir „Danke“ und „Guten Tag“ auf Arabisch zu merken.

Wir besprechen die Lage. Er hat vorher Vokabeln gelernt: „Schimmel“ und „Tapete“, „Fensterscheibe“ und „Luftzug“; man merkt, dass er die Wörter zum ersten Mal ausspricht. Doch wir verstehen uns. Er spricht überhaupt gut Deutsch, jetzt, nach nur einem Jahr schon; und ich merke: Er lernt auch in diesem Gespräch. Sein Körper richtet sich mit jedem Nicken, dass ich ihm gebe, auf. Sein Blick wird wach und wacher. Wir klamüsern das aus, und ich telefoniere nochmal kurz mit einer Freundin. Sie macht Wasserschadenssanierung. Ich schicke ihr Fotos und schildere die Lage.

„Na sowas“, sagt sie. „Genau dein Problem war letztens erst Thema auf den Schimmelpilztagen!“

Ich denke: Schimmelpilztage. Was bitte ist das für ein Name für einen Kongress? Mein Name ist Lohse, ich besuche die Schimmelpilztage. Möchten Sie meine Pilzkollektion sehen? Ich habe hier 28 Schimmelpilze in jeder Qualität, da ist bestimmt auch einer für Sie dabei. 

„Die haben“, sagt meine Freundin, „da unten ja ’ne ganz andere Bausubstanz. Das ist alles nicht so gedämmt. Und dann das andere Klima. Ist jetzt ganz viel Thema unter den Kollegen. Viel Schimmel. Auch in den Heimen. Ich schick Dir mal so’n Infoblatt. Sind die Wände denn trocken, hast du gemessen?“

Die Wände sind trocken. Wir checken noch ein paar andere Kriterien ab, gehen Maßnahmen durch. Nachdem wir aufgelegt haben, bespreche ich alles mit ihm. „Ich helfe!“, sagt er entschlossen. „Natürlich! Ich helfe! Was machen?“ Ich erkläre es ihm.

Als ich gehen möchte, steht seine Mutter plötzlich mit einem Kaffeetablett im Wohnzimmer. Ich weiß: Ihr ging es sehr schlecht, als sie nach Deutschland kam. Ihr Mann ist gestorben, totgebombt im eigenen Haus. Ihre Gesundheit ist angeschlagen. Sie hat oft Schmerzen. Nur der Bruder und der Sohn sind ihr geblieben. Der Sohn, der seit einem Jahr lernt und lernt, Deutsch und den Alltag im fremden Land, weil er sich sein eigenes Leben aufbauen möchte, weil er fort möchte aus der Enge mit ihr, seiner Mutter, die ihn am liebsten niemals mehr loslassen möchte. Es ist nicht einfach.

Ich lehne die Kaffee-Einladung ab, doch ich sehe sofort die Enttäuschung in ihrem Gesicht. Also bleibe ich noch. Wir setzen uns ins Wohnzimmer.

„Sehr gut“, sage ich und deute auf den Kaffee. Ich sage es nicht aus Höflichkeit. Der Kaffee ist wirklich außerordentlich lecker: ein Geschmack, rund und voll, aber nicht bitter.

„Arabischer Kaffee“, übersetzt der Sohn die Erklärung seiner Mutter. „Ist besser als deutsche.“ Sogleich zuckt er zusammen, hebt die Hände. „Deutsche Kaffee auch gut!“, sagt er hastig. „Sehr gut, deutsche Kaffee!“

„Nein“, sage ich. „Filterkaffee schmeckt nicht. Da habt ihr Recht. Aber der hier“, ich hebe die Tasse an, „ist sehr lecker.“ Seine Hände sinken erleichtert herab. Ich lasse mir weiter den Unterschied zwischen Kaffees erklären, dann schweift das Gespräch ab zu anderen Dingen, zum Wetter, zur Lage in Damaskus; darüber, wie gerne er mehr Kontakt zu Deutschen hätte; über die Schwierigkeiten, Arbeit zu finden – oder eine Lehrstelle oder ein Praktikum als Installateur. Als ich gehe, nimmt die Mutter meine Hand und drückt sie mit ihren beiden, warmen Händen.

Seither ließ sie mir schon zweimal ausrichten, wie toll doch der Nachmittag gewesen sei. Wir haben jetzt beschlossen, dass wir mal gemeinsam kochen, deutsch-syrisch. Damit ich nicht nur den Kaffee kennenlerne.

Der Schimmel ist übrigens weg, und neu tapeziert ist auch. In Gemeinschaftsarbeit, mit kleiner Lerneinheit zu Lüftung und Dämmung. Bis jetzt ist alles prima.

Vier Jahre nach Bildungsbandscheibe

9. 01. 2017  •  24 Kommentare

Bisweilen werde ich gefragt: Wie geht’s eigentlich deiner Bandscheibe? Meist von Leuten, die einen Bandscheibenvorfall haben, unter akuten Schmerzen leiden und auf der Suche nach einem Strohhalm der Hoffnung sind.

Deshalb hier mal mein Fazit vier Jahre nach Bildungsbandscheibe – zum Mutmachen:

Ausgangssituation:

Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule mit Bewegungsstörungen und Taubheit im Bein. Ich hatte sehr starke Schmerzen, wirklich, wirklich stark. Bei bestimmten Bewegungen, vor allem reflexhaftem Husten, stand ich, ich übertreibe nicht, kurz vor der Ohnmacht. Das war … beeindruckend.

Erstversorgung:

Hausarzt und MRT. Durch Vitamin B bin ich binnen 24 Stunden an einen MRT-Termin gekommen. Rückblickend hat das erheblich zur Heilung beigetragen.

Das MRT war eindeutig; auch für mich als Laiin war dort zu erkennen, was los ist. In Absprache mit dem Hausarzt verzichtete ich auf eine Überweisung zum Orthopäden, denn mal ehrlich: Beim Orthopäden sitze ich dann vier Stunden im Wartezimmer (oder stehe vielmehr, sitzen geht ja nicht), er guckt zwei Minuten auf die Bilder, sagt mir, dass ich einen Bandscheibenvorfall habe und verschreibt mir Physio.

Der Hausarzt und ich beschlossen, dass wir das auch können – wobei eher ich den Hausarzt in seiner Diagnose und Therapieempfehlung unterstützt habe als umgekehrt.

Das Thema „Operation“:

Direkt im ersten Gespräch kam der Hausarzt auf das Thema „Operation“ zu sprechen – in dem Sinne, dass er sagte, es gebe halt die konservative Methode und immer auch die Möglichkeit einer OP. Ich besprach mich mit ihm und belas mich im Internet zu dem Thema. Die Meinungen dort: Man kann operieren, es ist aber oft überflüssig. Im Grunde geht es bei einem Bandscheibenvorfall nämlich erstmal darum, dass der Körper Wasser abtransportiert und dass Entzündungen und Verkrampfungen zurückgehen müssen. Das lindert dann schon die Symptome. Dafür benötigt er körperliche und seelische Entlastung, Bewegung und später: Sport und Muskelaufbau.

Faszienmassage und Spazierengehen:

Schon zwei Tage nach Bandscheibe begann ich, spazieren zu gehen. Sitzen ging eh nicht, liegen so lala, also 600er Ibu eingeworfen und los. Ich bekam außerdem Faszienmassage bei der Physiotherapeutin. Falls Sie solch eine Behandlung noch nicht genießen durften, aber auf Nahtoderlebnisse stehen, kann ich sie wärmstens empfehlen: Wenn die Folterkraft das Bindegewebe vom Muskel schiebt, ist das wie lebendig häuten. Eine super Sache für Freunde von Grenzerfahrungen.

Faszienmassage hilft allerdings sehr gut (langfristig, währenddessen muss man sich das leise vorsummen), und ich habe gelernt, dass die Faszien bei mir tatsächlich ein Schwachpunkt sind, auch heute noch – bei Belastung im Garten oder wenn ich mich seelisch und körperlich verspanne.

Die Entscheidung „keine OP“:

Nach zwei Wochen hatte ich das Thema „Operation“ abgehakt. Ich war noch weit entfernt davon zu sagen: „Mir geht es gut“, aber ich spürte, dass das, was ich tat, das Richtige und alles nur eine Frage der Zeit war. Meine sportliche Erfahrung hat mir sicherlich dabei geholfen, dieses Selbstbewusstsein und das Vertrauen in meinen Körper zu haben. Wenn Sie das nicht haben, seien Sie versichert: Ihr Körper kann das auch. Trauen Sie ihm etwas zu.

Die Komplikation „Piriformissyndrom“:

Immer, wenn ich jemandem vom Piriformis erzähle, sagt er: „Piri- was?“ Und: „Das denkst du dir doch aus.“ Der Name ist tatsächlich seltsam, wenn man aber Probleme mit dem Piriformis-Muskel hat, sind diese sehr real und total un-komisch.

Durch mein Durch-die-Gegend-Gelatsche hat sich der Muskel im Po bei mir so verkrampft, dass er schlimmere Symptome als der Bandscheibenvorfall selbst hervorgerufen hat: Ich konnte nicht mehr liegen, stechender Schmerz zog über viele Wochen in Kniekehle und Wade. Am Ende half: dehnen, dehnen, dehnen und sich auf einen Tennisball legen. (Diese Tennisballsache trägt nicht grad zur Versachling des lustigen Muskelsyndroms bei.)

Medikamente:

Haben Sie keine Angst davor, Schmerztabletten zu nehmen. Dröhnen Sie sich zu. Je nach Konstitution dürfen Sie bis zu 2.400 mg Ibuprofen pro Tag nehmen. Ich habe das voll ausgenutzt. Anders geht es nicht, und nur so bildet sich kein Schmerzgedächtnis. Also hauen Sie rein.

Außerdem habe ich Keltican genommen (Marketingseite des Herstellers), dessen Wirkung allerdings nicht erwiesen ist.  Ich hatte das Gefühl, dass es ein bisschen was bringt. Das kann aber auch Einbildung gewesen sein.

Erste richtige Besserung:

Geringe Besserung nach zwei Wochen. Weitere Besserung nach vier Wochen. Wirkliche Besserung nach drei Monaten.

Tiefschlag Hexenschuss:

Nach einem halben Jahr sowie nach einem Jahr hatte ich jeweils einen Hexenschuss. Beim ersten Mal eher leicht, beim zweiten Mal so, dass ich mich kein Mü mehr bewegen konnte. Echt: Es ging nix, ich konnte mich nicht selbst herumdrehen, mich nicht selbst aufsetzen, nicht gehen. Pflegestufe 3.

Beim ersten Mal hat mir mein Arzt ein Medikament verschrieben, dessen letzte Tablette ich wie meinen Augapfel hüte. Es heißt Tolperison, ist ein nicht-sedierendes Muskelrelaxans und wird zum Beispiel bei Spastiken nach Schlaganfall eingesetzt. Das Zeug kann zu schweren Überempfindlichkeitsreaktionen führen; ich hatte nix, bei mir wirkte es Wunder: Nach nur einer Tablette und vier Stunden warten konnte ich mich wieder bewegen. Wahnsinn, was mit den richtigen Drogen alles möglich ist. Es war auch meine Rettung, denn ich war gerade in einer Berghütte in Spanien.

Nach dem Hexenschuss hatte ich fortwährend Muskelprobleme im Rücken – kleine Feuerstöße wie vor einem Krampf. Dafür nehme ich regelmäßig Magnesium, das hilft.

Sport:

Ja. Bewegung, Bewegung, Bewegung. Wenn ich micht nicht bewege, kriege ich Probleme. Dinge zu Fuß erledigen, joggen, gezielt den Rücken stärken. Und den Bauch! An dem geht nix vorbei. In jeder Fitti-Runde und auch zu Hause mache ich Übungen für die Bauchmuskeln.

Nach Hexenschluss #2 hatte ich mir geschworen: Erst, wenn ich ein Jahr lang keine Rückenprobleme habe, fange ich wieder mit dem Handball an. Zweieinhalb Jahre nach Bandscheibe war es soweit. Erst trainierte ich sehr vorsichtig, ich hatte eine riesige Blockade im Kopf. Die ist mittlerweile weg – auch wenn ich immer noch sehr sensibel auf meine Rückenmuskulatur lausche.

Yoga und Gymnastik:

Ich mache regelmäßig Übungen, mit denen ich auch in der Lage bin, Blockaden selbst zu lösen. Sollten Sie nicht nachmachen, deshalb hier keine Details. Zwischendurch habe ich mal Yoga gemacht. Das ist gut für den Rücken, ich habe das nach jeder EInheit positiv bemerkt. Aber insgesamt ist es nicht meine Sportart. Sollten Sie Yoga mögen, ist das ’ne tolle Sache.

Wenn Sie Fragen oder Ergänzungen haben: gern.

2017 als Fragebogen

2. 01. 2017  •  25 Kommentare

Mit dem Zurückblicken habe ich es nicht so. Deshalb gibt es hier nichts über 2016. Dafür eine Vorschau auf 2017. Fragebogen in Anlehnung an Don Dahlmann.

Beste Entscheidung:
Freiberuflich arbeiten. Im Februar geht’s los.

Schlechteste Entscheidung:
Freiberuflich arbeiten. Ich werde fluchen. Ich werde zweifeln. Ich werde hadern. Und am Ende wird alles gut werden. Das ist der Plan.

Beste Anschaffung:
Das Auto, das ich mir kaufe. Es ist mein erstes Auto – was sich ein bisschen seltsam anfühlt, immerhin fahre ich seit mehr als 20 Jahren, und ich fahre nicht wenig, sowohl Auto als auch Bahn, aber ich habe noch niemals ein Fahrzeug gefahren, das auch auf meinen Namen angemeldet war. Ich werde es jeden Morgen streicheln und vielleicht auch in aller Öffentlichkeit mit einem Mikrofasertuch abfeudeln. Ich kann für nichts garantieren.

Dämlichste Anschaffung:
Vermutlich ein Kleidungsstück, das mir fast passt. Nur noch minus fünf Kilo.

Schönster Absturz:
Ich stürze nicht ab. Ich betrinke mich nur intensiv. Nur zur Sicherheit, damit keine Gerüchte entstehen: nicht als regelmäßige Einrichtung. Manchmal halt. Mit Genuss. Es wird auch 2017 vorkommen. Und es wird super werden.

Dämlichster Absturz:
Ich bin eine nur eine begrenzt hemmungslose, vielmehr kontrollierte, dabei aber ausgesprochen freudige Nicht-Abstürzerin.

Bestes Getränk:
Cocktails von Björn. Sie sind allesamt gerne eingeladen, die Cocktails von Björn zu toppen und mich auf etwas Besseres einzuladen. Wird aber schwierig.

Ekelerregendstes Getränk:
Seit ich mit mir überein gekommen bin, dass Tomatensaft und Filterkaffee in meinem Leben keine Rolle spielen, ist die Gefahr eines ekelerregenden Getränks geringer geworden. Vielleicht wird es etwas Asiatisches sein. Wenn ich es denn bis nach Indonesien schaffe. Steht aber auf meiner Liste für 2017.

Bestes Essen:
Viele Mahlzeiten, die ich esse, sind fantastisch. Das Projekt „Gut essen“ habe ich schon vor längerer Zeit begonnen und ziehe es durch. Ganz vorne sind natürlich Essen in Gesellschaft, dazu zählt der Stammtisch aus – haha! – Essen, der Handballerstammtisch aus Dortmund, der Stammtisch mit Herrn und Frau F. und überhaupt: Kochstammtische! Ich koche aber auch gerne alleine. Im Winter ist eine Neuauflage meiner einmal jährlichen Sauerbratenaktivitäten geplant, außerdem Rotkohl und Rouladen, im Sommer wieder Zucchinipuffer und ach .. Sie ahnen es alles gar nicht. Nicht zu vergessen die Sushi-Verabredungen.

Schlimmstes Essen:
Unterwegs. Irgendein Nothefeteilchen.

Beste Musik:
Konzert. Phil Collins im Juni in Köln.

Schlimmstes Gejaule:
Mein eigenes Brummsummen beim Singen mit Frau Höpker im Februar. Aber hey – es geht nicht ums Können, es geht ums Tun. Wie bei so vielen Dingen.

Eigene, schönste musikalische Wiederentdeckung:
Dr. Alban auf der 90er-Party. Muss, ne.

Beste Idee/Frage:
Noch ein Buch?

Dämlichste Idee/Frage:
Alpenüberquerung?

Beste Lektüre:
Meine Amazon-Wunschliste ist lang, außerdem gibt es noch eine Kindle-Wunschliste. Dazu viele gute Blogbeiträge, journalistische Reportagen – ich bin sicher, ich werde literarisch glücklich werden. Manche Geschichten darf man ja auch ansehen, als Film, das ist nicht ganz so fantasievoll wie lesen, dafür emotional kompakter. Beides wird mich ergreifen. Ich freue mich schon.

Langweiligste Lektüre:
Es gibt Menschen, die Bücher gnadenlos zu Ende lesen, ohne Rücksicht auf Verlust der Lebenszeit oder möglicher alternativer Erlebnisse, zum Beispiel Kuchen backen. Ich gehöre nicht dazu. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, lege ich es weg.

Schönster Moment:
Bestimmt etwas mit Liebe und Knutschen.

Schlimmster Moment:
Es wird einen geben – natürlich. Vermutlich an einer Stelle der eigenen Biographie, wo ich ihn am wenigsten erwarte. Sonst wäre das Leben nicht das Leben. Vielleicht werden es auch mehrere. Ich bin mir selbst sehr dankbar, dass ich in den vergangenen Jahren eine gesunde Resilienz entwickelt habe. Wirklich – ich bin gut darin, Dinge wegzustecken. Ich kann aber auch darauf verzichten.

Zunehmen oder abnehmen:
Abnehmen. Nicht, weil ich mich schlimm finde. Mit Freude habe ich vor ein paar Tagen dazu Journelles Beitrag gelesen, „Vom Glück eine dicke Frau zu sein“. Ich möchte aber gerne meine Fitness steigern, fluffiger um den See laufen, öfter laufen, länger laufen, weiter laufen, viel Sport machen, stark sein. Das geht dann automatisch mit Gewichtsverlust einher.

Haare länger oder kürzer:
Die Problemfusseln haben 2016 ihre Idealfrisur getroffen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger:
Die Entwicklung geht unweigerlich in Richtung gleitsichtiger. Wird aber nicht 2017 passieren, hoffe ich.

Mehr ausgeben oder weniger:
Ich gebe immer so viel aus, wie ich zur Verfügung habe – minus ein paar Kröten für Rücklagen. Es kommt also darauf an, wie die beruflichen Pläne anlaufen. Das meiste Geld werde ich ohnehin in Reisen investieren; die sind anpassungsfähig. Auf einer Skala zwischen Schlafsack und Ritz Carlton bin ich frei skalierbar, kann alles genießen und bin in jeder Situation glücklich. Einzige Bedingung: Geschlafen wird im Liegen.

Der hirnrissigste Plan:
Ich mache manchmal ungewöhnliche Pläne. Oft mache ich gute Pläne. Genauso oft mache ich aber auch gar keine Pläne, sondern habe nur ein ungefähres Ziel vor Augen und folge dann meinem Instinkt und den Möglichkeiten, die sich bieten. Das hat bislang gut funktioniert und macht mich allein schon dadurch zufrieden, weil ich nicht wirklich scheitern kann.

Die gefährlichste Unternehmung:
Ach, was ist denn schon wirklich gefährlich?

Die teuerste Anschaffung:
Das Auto.

Die meiste Zeit verbringen mit:
Mir. Am Schreibtisch. Im Garten. In Projekten bei Kunden. In Seminaren. Beim Laufen um den See. Im Fitnessstudio. Auf Reisen.

Die schönste Zeit verbringen mit:
Reisen. Es sind Ausflüge nach Bern und nach Sankt Petersburg geplant, vielleicht nach Jakarta. Ob Namibia etwas wird, dahinter steht ein großes Fragezeichen. Alles zusammen wäre auch ein bisschen viel. Innerhalb Deutschlands wird es zur re:publica nach Berlin gehen, sicherlich mehrmals nach Heidelberg und ins Osnabrücker Land, vielleicht in die Münchener Gegend und an noch viele weitere Orte.

Vorherrschendes Gefühl 2017:
Freudige Anspannung.

2017 zum ersten Mal tun:
Man sollte immer ausreichend Dinge zum ersten Mal tun. Das ist überhaupt das Tolle am Älterwerden: Man hat viele Dinge genügend oft getan, um erste Male mit Ruhe und Gelassenheit zu überstehen. Ich bin sicher, dass sich genügend erste Male auftun werden. Ich freue mich!

2017 nach langer Zeit wieder tun:
Unterrichten.

2017 wird mit einem Wort:
Genuss.



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