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Archiv der Kategorie »Konsumwelt«

Selbstbestimmt geknetet, selbstbestimmt gegessen werden – eine Studie zur multikulturellen Kekskultur

7. 11. 2016  •  13 Kommentare

Dortmund. (nes) Sie sind viele, und sie haben eine klare Vorstellung davon, wie sie leben und wie sie sterben möchten: die Kekse des Jahres 2016. Das zeigt eine Studie aus Dortmund. Wir Menschen können ihnen dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen. 

Pünktlich zur Adventszeit hat das Dortmund Research Institute for Suicidale Cookies (DRISC) eine Studie veröffentlicht, die uns alle aufatmen lassen kann. Ihr Ergebnis: Kekse wissen genau, was sie wollen. Und es ist ganz im Sinne aktueller Entwicklungen.

Das DRISC hat in aufwändigen Untersuchungen mehr als 5.000 Kekse verschiedener Sorten befragt. Schwerpunktthemen waren in diesem Jahr ihre Einstellung zu einer multikulturellen Kekskultur vor dem Hintergrund eines vermehrten Zuzugs auswärtiger Plätzchensorten. Außerdem ging es um ihre Vorstellung eines selbstbestimmten Sterbens unabhängig von religiösen Traditionen.

Zustimmung zu einer weltoffenen Keksgesellschaft

Die Studie zeigt: Kekse befürworten mit großer Mehrheit ein Leben in einer heterogenen Gesellschaft und den Zuzug von Keksen aus anderen Ländern. Nur Kekse aus dem konservativ-etablierten Milieu, darunter die traditionellen Vanillekipferl, stimmten der Aussage zu, dass es eine Obergrenze für den Kekszuzug geben solle. Alle anderen Kekse äußerten sich weltoffen.

In qualitativen Leitfadeninterviews gab sich sogar der ansonsten als traditionell geltende Gewürzspekulatius eindeutig: Seine Zutaten seien seinerzeit allesamt aus dem Orient zugezogen und bereicherten seither die europäische Küche. Dieser Tatsache gelte es nun, Rechnung zu tragen, indem man auch Kekssorten wie Crunchy Peanut, die dem prekären Milieu zuzuordnen seien, wohlwollend aufnehme.  „In Gottes Keksdose ist Platz für viele Cookies“, werden die Teilnehmer der Studie einhellig zitiert. Vielfalt stärke letztendlich die Kernkompetenzen der einheimischen Sorten.

Genuss ohne religiöse Schranken

Zweites Thema der Studie war die Frage eines selbstbestimmten Sterbens unabhängig von religiösen Traditionen. Bereits jetzt, Anfang November, beginnt in vielen Küchen das Backen. Die Folge: Zahlreiche Kekse erleben die Adventszeit gar nicht erst.

Auch hier zeigten sich die Befragten tolerant. 89 Prozent stimmten der Aussage zu, dass ein religiöser zeitlicher Hintergrund nicht notwendig für den Genuss von Weihnachtskeksen sei. „Es geht auch ohne brennende Kerze auf dem Adventskranz“, heißt es aus Spritzgebäckkreisen. Vielmehr helfe der Akt des Essens, egal zu welchem Zeitpunkt, den Keks als solchen zu würdigen. Das sei Religion genug. Weitere 72 Prozent der befragten Plätzchen sagten sogar, dass ein frühes Ableben ganz in ihrem Sinne sei. „Viele Kekse wollen sofort gegessen werden“, wird ein Zimtstern zitiert. „Da geht es nicht um den passenden Zeitpunkt. Der ist für mich schon gekommen, wenn ich noch warm bin.“

Na dann: Guten Appetit! Auch jetzt schon, Anfang November.

Das kleine Wochenendglück

11. 07. 2016  •  9 Kommentare

Am Samstag war ich im Baumarkt.

Bummeln im Baumarkt ist besser als Bummeln in der Innenstadt. Die Menschen sind in tatkräftiger Welterneuerungsstimmung und verteilen sich auch, wenn sie viele sind, angenehm gleichmäßig zwischen Holzzuschnitt, Pfettenankern und Zierteichpflanzen.

Außerdem gibt es im Baumarkt immer etwas  Interessantes zu entdecken: modular erweiterbare Werkbänke, saisonale Blühstauden, neue Exzenterschleifer – Produkte, in denen man sich als fantasiebegabte Kundin rettungslos verliert, für Stunden. Allein die vielen Brausearmaturen, mit denen man sich in die Bäder dieser Erde träumen kann!

Ich kann also auch einfach mal so in den Baumarkt fahren.

Gerade am Samstag ist es im Baumarkt ausnehmend super. An keinem anderen Tag ist das Publikum so gemischt:

In einem Gang der sensible Erstanstreicher mit Beratungsbedarf im Dispersionsfarbensegment. Eine Reihe weiter die Laienfliesenlegerin nach VHS-Kurs-Erfahrung, aber ohne eigenen Gummirakel. Wieder zwei Gänge weiter, kurz vor dem Außengelände, eine Kleinfamilie in diskursiver Auseinandersetzung zwischen Motivtapeten und herablassend augenrollendem Präpubertier. An der Hauptkasse: die alliterative Quengelwarenzielgruppe „humorvoller Hobbyhandwerker“ vor dem Namenszollstockregal – auf der Suche nach dem eigenen Ich.

Mein Lieblingsbaumarkt ist so riesig, dass man ihn am besten durchquert, indem man mit dem Einkaufswagen Anschwung nimmt, sich auf den Griff stützt und dann in schwebendem Dreisprungschritt durch den Hauptgang elft.

 

Leider war am vergangenen Wochenende nicht der erhoffte Schlussverkauf, was bedauerlich, aber nicht weiter schlimm war. Denn just in dem Moment, in dem ich den Baumarkt betrat, fiel mir siedend heiß ein, dass ich ja schon seit Wochen und nunmehr sehr dringend ein neues Handschüppchen brauchte (Sollbruchstelle in der Kelle nach drei Jahren Garteneinsatz!). Wie gut, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte.

Mit so einem Schüppchen ist es natürlich nicht getan: Einzugrabende Pflanzen sind auch wichtig, als Initiationsritus fürs Werkzeug und überhaupt – seelischer Ausgleich. Blumen holen mich ja nochmal ganz anders ab. Ein emotionales Feuerwerk, so eine Gartenabteilung.

Weshalb ist das erzähle? Deshalb:

Hier also ist er, der Report: Schüppchen und Blumen.

Bleibt noch zu erwähnen, dass mein Lieblingsbaumarkt im Foyer einen Kartoffelbrötchenbäcker hat, der sich auch hervorragend aufs Waffelhandwerk versteht: Ohne enttäuschende Sortimentsvariationen backt er warme, eckige Waffeln, die zuverlässig eine leidenschaftliche Neun auf der internationalen Waffelskala erreichen. Waffel-Champions-League!

Blumen, Werkzeug, Waffeln. Was braucht es mehr fürs kleine Wochenendglück!

Integrative Obstarbeit

8. 07. 2016  •  9 Kommentare

Die Obst- und Gemüseabteilung ist gut besucht. Es ist Freitag, das Wetter ist gut, die Leute wollen grillen. Sie kaufen Salat und was sie sonst noch brauchen können – Tomaten, Gurken, Paprika und dererlei Dinge. Mancher auch Obst. Die Erdbeeren sind in den letzten Zügen.

Die zwei Männer betreten die Abteilung sehr bedächtig. Sie schlurfen hinein und bleiben stehen, Seite an Seite. Als sie sich umsehen, der eine nach links, der andere nach rechts, stehen sie Rücken an Rücken aneinander – zwei Ritter vor dem Angriff der Zuchhiniarmee.

Die Zwei, sie haben nackte Füße und tragen lederne Schlappen und einen Rock. Oder nein, das ist kein Rock, es sieht nur so aus. Das ist eine Art Gewand – ein etwas schmuddeliges Gewand, darüber eine Weste. Ihre Haare sind schwarz, ihr Bart auch. Sie sind sehr hager und unverkennbar nicht von hier, doch woher sie kommen, das kann man nur ahnen.

Die Leute starren sie an, eingefroren in der Bewegung, ihre dünne Plastiktüte haltend, vorgebeugt im Griff nach einer Birne. Zwei, vielleicht drei Sekunden geht das so, in denen die Obstabteilung stillsteht – dann setzt die Zeit wieder ein, die Birne kommt in die Tüte, die Tüte zur Waage, der Aufkleber auf die Tüte, die Tüte in den Einkaufswagen.

Die beiden Männer – sie beobachten einen Augenblick das Treiben, nehmen sich dann einen Apfel, gehen zur Waage, starren aufs Display mit dem Nummernfeld, starren auf den Apfel und wieder aufs Display und nehmen den Apfel ratlos in die Hand.

„Darf ich mal“, fragt eine alte Frau ohne Fragezeichen, wummst ihre Wassermelone aufs Blech, drückt die Drei und die Eins und „Eingabe“, das Klebeetikett surrt heraus, und sie wuchtet die Melone zu den Erdbeeren in den Wagen.

Die beiden Männer blicken sich an, legen ihren Apfel zurück auf die Waage, drücken die Drei und die Eins und „Eingabe“, das Klebeetikett surrt heraus, und die Frau sagt ohne zu atmen: „Dat is’n Apfel, keine Melone, dat is’ne andere Nummer, dat kennt’a nich‘ woll, kommt ma‘ mit, dat is’n bissken kompliziert hier.“

Sie marschiert voran, mit dem Arm die Männer resolut hinter sich herwinkend. Die Zwei schluffen hinterdrein. Die Alte nimmt ihnen den Apfel aus der Hand, hält ihn gegen die anderen Äpfel, hält ihn vor das Schild mit der Zweiundzwanzig, sagt: „Twäntituu“, die Drei gehen wieder zur Waage, Zwei, Zwei und „Eingabe“, und sie drückt dem Linken den etikettierten Apfel in die Hand, während der Rechte lächelt und wild nickt und etwas sagt.

„Wat braucht’a noch?“, fragt die Oma, wirbelt mit der Hand über dem Kopf, die Obstabteilung durchkreiselnd, die Augenbrauen hochgezogen.

Sie etikettieren noch einen Apfel und zwei Bananen und zwei Feigen, die Männer lächeln und nicken und sagen Dinge, die Frau sagt „Wan!“ und „Fortifoar!“ und „Twäntituu ägän!“ und „Habt’a getz verstanden, woll?“ Dann schiebt sie mit ihrer Wassermelone von dannen, und ich höre sie murmeln: „Na bitte, dat war dann wohl Intigrazjon.“

Die Suche nach der Hefe

14. 12. 2015  •  65 Kommentare

Sprechen wir über Hefe. Nicht über Hefe in Bier, sondern über Backhefe.

Es gibt diese Produkte in Supermärkten, die man immer sucht. Kokosmilch ist so ein Fall.

Kokosmilch ist Zeug in der Konserve. Doch sie steht nicht bei den Konserven. Sie steht auch nicht im Themenspektrum „Uncle Ben’s“, obwohl sie Teil asiatischer Gerichte ist. Stattdessen schieben Supermärkte gut integrierte Kokosmilch in ein Ghetto für Migrationslebensmittel – eine Art Nahrungsmittelbanlieu am Rande der einheimischen Waren, zusammen mit Avjar, russischen Marmeladenkeksen und einem in Thailand von Johann Lafer handgeschöpften Öl.

Neben Migrationslebensmitteln gibt es Produkte, die zwar sinnvoll verräumt werden, die aber, weil jeder sie benötigt, nicht auffällig beworben werden. Deshalb sind sie quasi unsichtbar. Eines dieser Mimikry-Produkte ist Alufolie, die sich immer irgendwo zwischen Abflusssieben, Staubsaugerbeuteln und Zündhölzern befindet. Sie hat sich – bar jeglicher Aufsteller, Etiketten oder farbiger Verpackungen – so perfekt ihrer Umgebung angepasst, dass sie auch für geübte Augen kaum zu entdecken ist.

Ich bin sicher, dass es in der Ausbildung zur Einzelhandelsfachkraft einen Kurs gibt:

Denken wie ein Regaleinräumer

Implikationen der Relevanzlogik in praktischer Anwendung auf Nahversorgungsstätten unter konsequenter Nichtberücksichtigung gelernten Endverbraucherverhaltens

Ein ebensolches Chamäleon wie Alufolie ist Backhefe. Bei Backhefe kommt erschwerend hinzu, dass Supermärkte heutzutage Kühlabteilungen antarktischen Ausmaßes haben. Man will nur 42 Gramm Hefe kaufen und denkt, man betritt Königin-Maud-Land. Irgendwo zwischen Südgeorgien und Mount Sidley, hinter fünf Adelie-Pinguinen, befindet sich also ein zwei Quadratzentimeter kleiner Würfel, den es Shackleton-gleich zu finden gilt. Wie geht man da vor?

Ausschlussverfahren! Beim Pudding? Nein. Beim Fertigfleischsalat? Unwahrscheinlich. Bei der Butter? Kann gut sein!

„Moment“, sagen Sie jetzt, „bei mir im Supermarkt ist die Hefe beim Käse“, und da haben wir schon das Problem: Hefe ist das unverstandendste Produkt im Supermarkt; Hefe ist die Ware, die am willkürlichsten verräumt und der die wenigste Standortkontinuität zugesprochen wird. Ich schätze, jeder Aushilfseinräumer, der Joghurts mit Knusperpops und Spekulatiusgeschmack und Chilinote und die neue Buttermilchsorte mit Guarano und besonders streichfreudige Butter aus handmassierten Eutern Vorderwälder Hochalm-Kühen in den Kühltheken platziert, gelangt irgendwann an die Hefewürfel und denkt sich: „Was’n das? – Ach, egal. Ich guck gleich mal, wo’s noch hinpasst.“

Für die Hefe ist das vielleicht ganz schön. Sie kommt ein bisschen rum, schließt neue Bekanntschaften, kann ihren Horizont erweitern. Bananen zum Beispiel können das nicht von sich behaupten; sie bekommen ja nicht mal wechselnde Abwiegenummern, sondern immer und überall nur die Eins.

Für den geknechteten, hefeinteressierten Endverbraucher ist der Hefekauf hingegen ein Suchspiel, das ihm den Verstand aus dem Kopf treibt.

Deshalb: Mehr Rechte für Hefe! Aktionsbündnis für ein neonbeleuchtetes Hefefach!

12 alternative Erklärungsmodelle zum Edeka-Spot

1. 12. 2015  •  43 Kommentare
  1. Die vergangenen zehn Weihnachtsfeste mit Opa waren ganz und gar nicht harmonisch.
  2. Die Kinder sind Krankenpfleger und Ärztin und müssen während der Feiertage arbeiten.
  3. Kinder müssen nicht arbeiten, haben aber nur am 1. und 2. Weihnachtstag frei und wollen die wenige freie Zeit ihren eigenen Kindern widmen.
  4. Opa ist stramm rechts.
  5. Die Kinder verbringen das Weihnachtsfest wechselweise bei ihrem und bei seinen Eltern.
  6. Die Eltern lehnen das wechselweise ab und sind in dem Jahr, in dem die Kinder nicht kommen, beleidigt.
  7. Opa ist seit 1986 von Oma geschieden, hat danach nur schwarz gearbeitet, um keinen Unterhalt zu zahlen; erst seit seinem Oberschenkelhalsbruch 2014 und der Scheidung von seiner zweiten Frau ist er an Familienleben interessiert.
  8. Die Kinder mussten vor Weihnachten noch unerwartet eine Zahnarztrechnung bezahlen und sind deshalb zu knapp bei Kasse für eine Anreise.
  9. Opa ist ein gewalttätiger Säufer, der an Weihnachten immer ’nen Sentimentalen kriegt.
  10. Die Kinder nutzen die Weihnachtsferien, um in den Urlaub zu fahren.
  11. Die Kinder haben Opa schon 20-mal eingeladen, Weihnachten bei ihnen zu verbringen, um nicht von Opa zu Oma zum anderen Opa und zur anderen Oma (zwei geschiedene Elternpaare, die Königsdisziplin jedes Weihnachtsfestes!), zum Bruder und zur Schwägerin, zur Urgroßmutter ins Heim und dann noch zur stets unfreundlichen, aber einsamen Großtante zu hetzen – das alles an drei Tagen. Opa findet aber, alle Kinder sollen zu ihm kommen, so sei es früher auch immer gewesen und so gehöre sich das.
  12. Opa ist ein manipulativer Sausack.

Dreizehn: Vielleicht ist es auch einfach nur gutes Marketing.

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal Lebensmittel im Internet kaufte

7. 10. 2014  •  23 Kommentare

Es ist noch nicht lange her, da habe ich an dieser Stelle über Wassermelonen und über Supermärkte geschrieben.

Dass Dinge mal vorhanden sind und mal nicht und falls ja, dann nicht dort, wo man sie vermutet oder wo sie sonst gewöhnlich sind.

Ich habe gerade zum ersten Mal Lebensmittel im Internet bestellt: Tiroler Schüttelbrot.

Schüttelbrot gibt es auch in meinem Supermarkt um die Ecke – in der Brot-Abteilung. Aber eben nicht immer. Manchmal ist es da, manchmal nicht. Manchmal liegt es auch woanders. Derzeit zum Beispiel in der „Aktionsecke Südtirol“, gemeinsam mit Schinken und Kaminwurzen. Nach drei vergeblichen Runden durch den Markt habe ich es schließlich entdeckt – vor dem Regal mit dem Senf. Allerdings nicht, wie man passend zur Aktion vermuten könnte, zu einem Aktionspreis. Der Hersteller ist nun ein anderer, es sind nur noch 100 statt 200 Gramm in der Packung, dafür kostet es dasselbe.

Denkt der liebe Einzelhändler, ich merke das nicht? Denkt er, ich habe Spaß daran, mir ständig mein Zeug zusammenzusuchen, wenn ich abends nach dem Job durch den Markt schiebe? Stell Deine Aktionen gerne auf, wo Du willst. Ich freue mich, wenn ich überrascht werde. Ich gebe dafür auch gerne Geld aus. Aber zusätzlich. Zusätzlich Geld ausgeben, zusätzlich aufstellen. Und alles andere bleibt dort, wo es ist. Dieses ständige Suchen ist nämlich das, was zermürbt. Weshalb ich Dinge online bestelle.

Ich habe übrigens zusammen mit dem Schüttelbrot das Produkt „Bayer Schädlingsfrei“ bestellt – weil zwei meiner Zimmerpflanzen Läuse haben. Zuvor war ich im Supermarkt, wo sie Blumendünger und Seramis führen, wo es Mittel gegen Fliegen, Motten, Ameisen und Silberfische gibt, aber nichts gegen Läuse – wem erschließt sich das? Daraufhin bin ich sechs Kilometer in einen Baumarkt mit Gartenabteilung gefahren, um festzustellen, dass „Läusespray erst nächste Woche wieder reinkommt“.  Wenn der Einzelhandel es irgendwie schafft, transparent zu machen, ob es ein Produkt a) gerade führt und b) wo genau, wäre das für mich schon die halbe Miete.

Nun bekomme ich übermorgen also zwölf Packungen Schüttelbrot geliefert. Es ist ein Jahr lang haltbar und  sollte die Sucherei für die nächsten zehn Wochen beenden. Es war übrigens teurer als im Einzelhandel. Aber für Verlässlichkeit zahle ich eben gerne.

 

First World Problems: Kernarme Wassermelonen und ihre Verfügbarkeitsprognose

11. 08. 2014  •  19 Kommentare

Es gibt etwas an Supermärkten, das mich wahnsinnig macht.

Zum einen ist das die Umräumerei. Wenn die Marmelade plötzlich nicht mehr beim Brot steht, sondern neben den Cornflakes, wohingegen die Cornflakes nun nicht mehr neben den Backwaren, sondern direkt hinter dem Obst sind, bei den Eiern, neben der Milch (wo sie vielleicht frühstücksthematisch hingehören, aber dann müsste auch das Brot …!). Das ist der Todesstoß für jedes positive Einkaufserlebnis, das ist ein solcher Blutdrucktreiber, dass ich, sollte ich noch dazu die Kokosmilch nicht finden, weil die Kokosmilch seit heute nicht mehr bei den Konserven steht, sondern neben Lafers exotischem Sondersortiment, zwischen den Grillsaucen und der polnischen Erlebnisecke -, das macht mich also so irre, dass ich kurz davor bin, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, meinen Einkaufswagen zu nehmen und alle vorhandenen 20 Gläser Senf an die Kühltheke zu fahren und neben die Bratwurst zu räumen und noch dazu die Magen- und Darm-Tees zum Klopapier zu sortieren. Sollen sie doch mal fühlen, wie das ist!

Zum anderen macht mich wahnsinnig, wenn sechs Wochen lang kontinuierlich dieser unfassbar großartige Walnusskäse da ist, danach aber zwei Wochen nicht, dann zwei Wochen wieder doch, dann wieder drei Wochen nicht.

Oder Leberpastete. Ich esse gerne Leberpastete, aber sie hat offensichtlich nur um Weihnachten herum Saison, wobei für den durchschnittlichen Kunden mit durchschnittlichem Temperatur- und Festtagsempfinden niemals eindeutig ist, wann Weihnachten beginnt und endet und wann es im November und im Februar Pause hat, zu Ostern aber wieder einsetzt, mithin auch zu Pfingsten, zum Erntedank aber wiederum nicht. Es ist völlig undurchschaubar, wann die Supermärkte in meiner Umgebung Leberpastete führen.

Oder Wassermelonen. Derzeit befinde ich mich in einer knallharten Wassermelonenphase, und ich bin eigen: Sie müssen kernarm sein, sonst macht das alles keinen Spaß. Das ist doch dann eine Riesensauerei, es dauert ewig, die schwarzen Kerne rauszupulen, und im Büro – nein, das muss nicht sein. Also: kernarm. Es gibt aber nicht immer kernarme Wassermelonen, manchmal gibt es überhaupt keine Wassermelonen, dann wieder paletten- und kistenweise. Heute war ich in drei Supermärkten, die grundsätzlich kernarme Wassermelonen führen: Einer hatte gar keine, der andere hatte nur welche mit Kerne, der dritte hatte sie da. Aber warum muss ich deswegen rumfahren? Kann man in Zeiten von Warenwirtschaftssystemen dem Kunden nicht zugänglich machen, ob Wassermelonen, Leberpastete und Walnusskäse da sind? Warum muss ich immer wieder enttäuscht werden? Ikea kann das doch auch.

Als ich im dritten Laden dann endlich die Wassermelone kaufte, habe ich natürlich noch Fetakäse gekauft und Klopapier, Butter und dieses Tiroler Schüttelbrot, das so unfassbar teuer, aber auch so super ist. Wäre für mich also ersichtlich, dass es diese eine Produkt zuverlässig an diesem einen Ort gibt, würde ich dort natürlich gezielt hinfahren und auch alles andere einkaufen.

Oder ich bestelle meine Wassermelone halt irgendwann online.

Pfand-Cents, ein vielschichtiges Problem unserer Zeit

6. 05. 2011  •  56 Kommentare

Mein Büro ist ein Zentrum der Wertschöpfung.

Besonders, was die Finanzierung meines Lebens durch Pfandflaschen angeht. Kaum schaue ich ein paar Tage nicht hin, vermehren sie sich unkontrolliert. Eine offensichtlich verbreitetes Mysterium – zumal im Foyer meines Arbeitgebers ein Getränkeautomat steht.

Der Arbeitgeber hat das Problem erkannt und steuert nun mit einem Pfandautomaten dagegen. Dieser nimmt allerdings, obwohl anders konzipiert, jede Flasche nur einzeln an. Nach jeder Flasche zahlt er 15 Cent aus, in Fünf-Cent-Stücken. Bei zehn Flaschen sind das 1,50 Euro oder 30 Fünf-Cent-Stücke. Das macht nicht nur die Geldbörse dick wie Guilia Siegels Dinger. Man wird die Münzen auch schwierig wieder los.

Gehen Sie mal in eine Bäckerei, kaufen Sie zwei Brötchen und bezahlen Sie mit Fünf-Cent-Stücken. Die Leute hinter Ihnen revidieren unverzüglich ihre Meinung über samstags einkaufende Rentner und demonstrieren Ihnen ungefragt, wie ostentativ sie ausatmen können. Man glaubt, man sei im Yoga-Kurs; oder bei der Geburtsvorbereitung. Die Verkäuferin fragt indes – und das hört man auch selten: „Haben Sie es nicht ein bisschen größer?“

Die Szene wiederholt sich in der Kaffeebar, im Ghettonetto und wo auch immer Sie hingehen. Ergänzend stellt sich ein zweites Phänomen ein: Wenn Sie krumme Beträge brauchen, um die kleinen Braunen loszuwerden, kostet Ihr Einkauf nur glatte Summen – egal, wie viele Teile Sie aufs Band legen. Versuchen Sie es mal.

Ich könnte die Cents nun sammeln, um etwas Schönes daraus zu basteln. Dann bin ich vorbereitet, wenn wieder jemand heiratet.

Hosenkauf

30. 03. 2011  •  103 Kommentare

Manchmal packt es mich, und ich gehe in hippe, kleine Mädchenläden. Solche Läden, in denen zwar „L“ in der Kleidung steht, aber „S“ gemeint ist. In denen Verkäuferinnen knapp über 16 sind, einsfünfzig, vierzig Kilo, dritter Platz im Hannah-Montana-Lookalike-Contest.

Sie kommen auf mich zu, während ich im Hosenstapel wühle, fragen: „Welche Größe suchst du denn?“ und schon sitze ich in der Falle. Schon stehe ich in einer Kabine und ziehe die erste der drei Hosen an, die Hannah mir herausgesucht hat – obwohl ich weiß, dass sie nicht passen wird. Obwohl ich nur gucken wollte, was mir passen könnte – wenn ich nicht ich wäre. Obwohl ich als mündiger Kunde hätte nein sagen und gehen sollen.

Doch Hannah steht jetzt vor der Kabine und wartet. Ich fühle mich unter Druck wie bei einer Urinprobe.

Ich streife die erste Hose über und merke schon an meiner ausgeprägten Wanderwade, dass wir nicht zusammenkommen werden. Von der anderen Seite des Vorhangs ruft es: „Und? Wie schaut’s aus? Passt sie?“ Ich halte den Bund fest, hüpfe mich im Kreis in die Hose hinein und rufe mit gespielter Souveränität durch den Vorhang zurück: „Äääh … joooo … aber im Schritt ist sie etwas knapp.“

Also die nächste. „Slim Fit“, steht auf einem Zettel am Bund. Ich lege sie zurück und nehme direkt Hose Drei. Ich bin schon ein bisschen verschwitzt und würde gerne gehen.

„Und die anderen Hosen? Passt von denen eine?“ Hose Drei presst gerade mein Schenkelfleisch zusammen. Eine Thrombosehose, überlege ich, ist in meinem Alter vielleicht gar nicht schlecht. Mit schmerzenden Fingerkuppen pule ich den Knopf durchs Loch. Wenn ich mich hinsetze, kriege ich Darmverschluss. Jetzt nur nicht ausatmen. „Sie fällt ein bisschen kurz aus“, japse ich, weil es mir zu peinlich ist, die Wahrheit in die unsichtbare Welt jenseits der Kabine hinauszurufen. Es könnte ja sein, dass grad die Chippendales dort stehen. Ich hoffe, damit raus aus der Nummer zu sein und gehen zu dürfen.

„Ach!“ erstaunt sich Hannah. „Dabei sehen Sie gar nicht danach aus.“ Ich bemerke soeben, dass das kein Kompliment war, als auch schon eine mit Strasssteinen manikürte Hand den Vorhang beiseite schiebt und eine andere Hand eine weitere Hose hineinreicht. „Die ist eine Nummer länger.“ Kurz blickt Hannah auf meinen Hosenbund. „Oh. Und obenrum fällt sie wohl auch etwas knapp aus.“ Nein, das sieht nur so aus.

Hose Nummer Drei A. Ich würde nun wirklich gerne gehen. Natürlich trete ich mir auf den Saum, während ich erneut versuche, fünf Kilo zu viel in die Hose zu hüpfen. Hannah spürt die Erschütterungen. „Die gibt im Bund noch nach“, sagt sie, und wir wissen beide, dass sie lügt.

Ich erwidere nichts und spüre Ratlosigkeit durch den Vorhang sickern. In meiner Kabine steht die Luft. Ich möchte sagen, dass ich ja eigentlich nur schauen wollte, vielen Dank für Beratung. Da flötet es: „Ich gucke mal, ob wir noch eine Nummer größer dahaben.“ Das „noch“ betont sie, als können sie nicht fassen, wie jemand so verwachsen sein kann. Dann sagt sie, wiederkommend: „Diese Hose habe ich nur noch mit einer 26er Bundweite.“ 26/36. Janee, is klar. Ich ziehe mich an.

Als ich den Vorhang beiseite schiebe und aus meiner Ein-Mann-Sauna trete, blickt sie mich mitfühlend an. „Tja, dann räume ich die Hosen wohl alle mal wieder weg. Tut mir leid für dich.“ Mir auch für dich.

Im nächsten Laden suche ich mir zwei Hosen aus, probiere sie an und kaufe sie. Ein Glück. Ich bin doch nicht verwachsen.

Beobachtungen aus der Promillewelt

25. 02. 2011  •  90 Kommentare

Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute Alkoholiker sind.

Ungefähr bei jedem zweiten Einkauf steht ein Mensch vor mir in der Schlange, der drei Flaschen namenlose Cola und zwei Flaschen Weinbrand kauft, manchmal auch Korn, manchmal auch Wodka,  es tut nichts zur Sache. Dazu eine Packung Mortadella und eine Packung geschnittenes Brot – vielleicht, weil er es essen möchte, vielleicht, weil er damit den Alkohol nach einem normalen Einkauf aussehen lassen will. Er hebt kein einziges Mal den Blick, legt dem Kassierer das Geld aufs Band,  stopft das Brot, die Wurst und die Flaschen in einen Rucksack und verlässt den Laden, ohne jemanden angeschaut zu haben.

So ist es im Ghettonetto. Dort erkennt man sie sofort. Im Ghettonetto erwartet man sie schließlich auch. Rotnasig, aufgequollen, in abgetragenen Strickwesten und mit steifen, zittrigen Händen.

Männer kaufen Bier und Schnaps. Frauen kaufen Bier, Sekt und manchmal Wein aus dem Tetrapack. Männer sagen nichts, Frauen schieben mit dem Geld auch eine Entschuldigung zum Kassierer. „Meine Freundin aus Breckerfeld kommt heute zu Besuch, wa.“ Dabei hat der Kassierer gar nicht gefragt. Er weiß sowieso, was los ist, und die Frau weiß auch, dass er weiß, dass die Freundin schon seit drei Jahren nicht mehr da war und in den nächsten drei Jahren auch nicht kommen wird. Dass sie erst wiederkommt, wenn die Alte sich zu Tode gesoffen hat, mit einem Kranz und einem schlechten Gewissen.

Am Bahnhofsyormas steht eine andere Klientel. Da sind es nicht die, denen man ansieht, dass sie verloren haben. Da sind es die Berufstätigen, die Dienstbeflissenen. Aber nicht die Anzugträger. Meistens sind es Männer vom Typ Buchhalter in Bundfaltenhose und einem Pullover, der niemals modern war. Es ist später Nachmittag, und sie sind auf dem Heimweg zu ihrer Frau; die Kinder sind längst aus dem Haus. Oder sie kehren in ihr Zwei-Zimmer-Appartment mit Kochnische zurück, das sie seit der Scheidung bewohnen. Sie stellen ihre Aktentasche auf die Ablage vor der Glastheke, hinter der sich die Salamibaguettes stapeln. Sie sagen „Zwei Bier, bitte“, wühlen in ihrer ausgebeulten Ledertasche und holen drei leere Dosen Pfand heraus. In dem Moment weißt du: Die hat er sich heute morgen gekauft, bevor es ins Büro ging. Dann bezahlt er, steckt eine Dose ein, die zweite öffnet er schnalzend und setzt sie sofort an. Ein kühles Blondes nach der Arbeit, wer will ihm das verdenken.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute Alkoholiker sind. Achten Sie mal darauf.



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