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Bemerknisse zu einer Reise nach Lettland

9. 08. 2016  •  17 Kommentare

Es begibt sich, dass ich dieser Tage öfter mal nach Osten reise: Zum vergangenen Weihnachtsfest war ich in Polen, zu Ostern war ich in Estland. Nun Lettland.

Vorwort

Sowohl in Estland als auch jetzt in Lettland habe ich meine Moskauer Freundin und ihre Familie getroffen. Wir kennen uns seit einem Schüleraustausch 1993. Sie hat inzwischen drei Söhne: K1 ist zwölf, K2 ist neun und K3 fünf. Alle Kinder spielen Basketball bei Dynamo Moskau, K1 sogar sehr amibitioniert – mit Camps und Turnieren im Ausland, meist im Baltikum.

Die Konstellation „Mit Russen reisen“ ist eine ausgesprochen glückliche, nicht nur wegen ihrer Improvisationskunst: Nie wäre ich sonst auf die Idee gekommen, nach Estland oder Lettland zu fliegen. Zudem ist es interessant, das Verhältnis Russen – Letten und Russen – Esten aus einer neutralen Position zu beobachten. „Sie nennen uns Besatzer“, sagt die Freundin naserümpfend, „als ob wir hier jemals etwas besetzt hätten.“ Die Esten und Letten sehen das naturgemäß anders. „Dabei sprechen alle Leute Russisch“, sagt die Freundin. Allerdings nicht immer freiwillig: Manche weigern sich gar, obwohl sie die Sprache können.

Es empfiehlt sich zu lächeln und zu beobachten.

Falls Sie mögen und es nicht schon auf Instagram getan haben: Folgen Sie mir auf meiner Reise.

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Riga

Hansestadt, Hauptstadt, wirtschaftliches Zentrum: Ein Drittel der Letten lebt in Riga. Trotzdem ist die Stadt vergleichsweise klein: 700.000 Einwohner – mehr sind es nicht, die in Riga wohnen. Es bleibt alles sehr überschaubar.

Als Tourist besucht man als erstes die Altstadt – das historische Zentrum am Fluss Daugava mit Kirchen, Kneipen, Kaufmannshäusern. Das lässt sich alles gut anschauen.

Riga_Altstadt_01

Nachdem ich nun Danzig und auch Tallin besucht habe, ebenfalls alte Hansestädte, empfinde ich es als sehr beeindruckend, wie wichtig die Hanse einst gewesen sein muss – und wie reich und mächtig die Kaufleute waren. In den Gassen riecht alles nach dem einstigen Wohlstand: Handelshäuser, Kopfsteinpflaster, prunkvolle Fassaden – es fällt nicht schwer, sich das Treiben hier vorzustellen.

Riga_Altstadt_02

Es gibt viele Touristen, aber insgesamt ist es nur überschaubar voll.

Tipp:

  • Besuch des Doms mit Orgel (mehr als 6.700 Pfeifen!) und Kreuzgang.

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Wohnen in Riga

Die Orientierung in der Stadt ist einfach: Jenseits der Altstadt geht’s über den Fluss nach Westen – danach ist schnell Litauen ausgeschildert. Zur anderen Seite, Richtung Osten, führen drei große Straßen von Zentrum und Daugava weg, durchkreuzt von vielen kleinen Parallelstraßen: ein Schachbrett.

Die Gebäude dort: Altbauten mit unrenovierten Fassaden. Es erinnert alles an Gera 1993. Mancherorts ist der zarte Beginn eines Aufbruchs zu spüren: Straßen mit Cafés und Kultur, mit kleinen Läden und handgemachten Snacks – was im Web und im Reiseführer vollmundig angekündigt wird, gibt es erst sehr vereinzelt.

Hinter den Fassaden mag es freilich anders zugehen. Die kleine Wohnung, in der wir übernachteten, war sehr hübsch:

Riga_Wohnung

Tipp:

  • Wohnen irgendwo zwischen Krišjāņa Valdemāra iela und Aleksandra Čaka iela. Dann ist alles fußläufig erreichbar.
  • Kleine Cafés, Designläden und Schokofabrik an der Miera iela, danach auf Bier und ein Abendessen zu Alus darbnīca Labietis an der Aristida Briāna iela 9A2, direkt nebendran.

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Der Punsch ist Vater des Gedankens

Was sofort auffällt: die unglaublichen Mengen an Alkohol. In großen und kleinen Supermärkten oder in Spirituosenläden – Schnaps und Bier sind allgegenwärtig. Die Fläche, die der Alkohol im Supermarkt einnimmt, ist zwei- bis dreimal so groß wie die Gemüseabteilung. Es gibt 1,5-Liter-Bierflaschen. Die Auswahl ist riesig: viele Sorten aus Lettland, aber auch aus dem Ausland – Pils, Ale, mit Geschmackszusätzen und ohne.

Alkohol_Lettland

Tipp:

  • Beim Radlerkauf auf die Verpackung achten – es ist nicht immer nur Limo im Bier. Die Mischung aus lettischem Bier, Limone und Pfefferminz läuft jedem WC-Reiniger den Rang ab.
  • Populäres Stadtgetränk ist der Schwarze Balsam, ein Likör. Gibt es in Touristengeschäften, aber auch in jedem Supermarkt.

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Die Provinz: Ein Ausflug nach Odziena

Wer ein Land kennenlernen möchte, sollte die Hauptstadt verlassen. Das gilt auch für Lettland

Wir fuhren auf einen Ausflug nach Odziena, um ein altes Landgut mit angeschlossener Brauerei anschzuauen, dazu ein Schloss und ein tolle Landschaft. So haben wir es gelesen. Entfernung von der Hauptstadt: 97 Kilometer, Fahrtdauer: eineinhalb Stunden. Der Weg führte erst über die gut ausgebaute Landstraße, dann wurde es rumpeliger, am Ende kam das Ortseingangsschild – und dann auch schon das Ortsausgangsschild. Sollte hier nicht …? Also wieder zurück. Die touristischen Höhepunkte – es braucht ein geschultes Auge für sie in Lettland.

Da standen wir also auf dieser Kreuzung: vor uns das kleine, rote Haus. Daneben, an der Wiese rechts in einem ebensolchen Gebäude: der einzige Supermarkt des Ortes, ein frisch renovierter Elvi. Die dortige Mannschaft hat sogar einen Eintrag auf der Elvi-Website.

Odziena_Elvi

Was sich in Riga schon andeutete, fand im Elvi von Odziena seinen Meister: Der Markt, nur halb so groß wie ein Handballfeld, ist zweigeteilt. In der einen Hälfte: Katzenfutter, Klopapier und ein paar Lebensmittel. In der anderen Hälfte: Alkohol. Die zwei Damen hinter der Kasse: Sprangen sofort auf, als ich hereinkam. Natürlich könne ich die Toilette benutzen, gerne, gerne. Eine kalte Cola? Nein, die hätten sie nicht, nur das Bier sei kaltgestellt, aber wie wäre es mit einem Eis am Stiel? Das sei sehr kalt, pantomimten sie mit Lettisch.

Tritt man mit seinem Eis aus dem Laden, sieht man das hier:

Odziena_Panorama

Man kann sich zum Fotografieren ruhig mitten auf die Straße stellen. Da kommt keiner, wirklich gar niemand, außer vielleicht mit dem Rad. Und wenn doch ein Auto kommt, sieht und hört man es sehr rechtzeitig.

Auf der Website von Ort, Schloss und Brauerei kann man sich für eine Führung anmelden, auch in englischer Sprache. Wir riefen einen Tag vorher an – und taten auch gut daran, denn als wir so auf der Kreuzung standen, war sonst niemand da, im ganzen Ort nicht, nicht ein Mensch – außer den Damen im Elvi natürlich. Irgendwann schluffte ein Mann heran, um die 70, gelbes T-Shirt, Crocks und weißes Haar. In astreinem British English sagte er, er sei der Guide, wo wir denn anfangen wollten.

Naja, sagte ich, also … ich schaute auf den linken Teich, dann auf den rechten Teich und machte eine ausladende Handbewegung.

Die Teiche seien künstlich, sagte der Guide, sie gehörten die Schloss und zur Brauerei – die Sehenswürdigkeiten, an denen wir zunächst vorbeigefahren sind. Das Schloss, ein Steinbau aus dem 19. Jahrhundert, habe allerdings nur knapp 50 Jahre überdauert, dann kamen 1905 die Russen und Revolution, und es brannte nieder.

Odziena_Pils_02
In der Sowjetzeit wurden im Keller Kartoffeln gelagert. Im Obergeschoss war ein Kinosaal, in dem einmal pro Woche ein Bollywood-Streifen gezeigt wurde. Auf den Zinnen wohnen nun zwei Storchenfamilien mit acht Tieren. Sie kommen Ende März und fliegen Mitte August, danach wird es Herbst. Im Keller leben im Winter Fledermäuse.

Odziena_Pils
Das Gebäude wird renoviert – seit einigen Jahren, wie es ausschaut, und wohl auch noch für einige weitere. Man kann es mieten und eine Hochzeit darin feiern, es gibt eine Bar, einen Saal und ein paar Zimmer zum Schlafen. Geheizt wird mit dem Ofen.

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Es sei ganz gut angenommen, sagte der Guide, und ich fragte ihn, wovon die Leute hier so leben – auf dem Land, eineinhalb Stunden von der Hauptstadt entfernt, zwischen Störchen.

Tja, sagte er, es seien halt alles Rentner. Oder Alkoholiker. Oder beides. Sie lebten von ihrem Garten, von der staatlichen Rente und vom Schnaps. Das sei eine schwierige Sache. Aber das hier jetzt, das Schloss und die Brauerei, das sei eine Hoffnung für die Region: Es kämen Leute hierher, um zu feiern, und gerade seien auch wieder zwei Familien mit Kindern in den Ort gezogen. Das sei ein guter Anfang. Und manchmal kämen auch Touristen. Also wir.

Ich fragte ihn, ob er mal im Ausland gelebt habe. Nein, sagte er, oder: Ja. Er sei Engländer, habe sich in eine Lettin verliebt und lebe nun hier. Man müsse es wollen, sagte er schulterzuckend, es sei ein Lebensentwurf. Aber wenn man sich erstmal dazu entschlossen habe, dann sei es sehr schön.

Wir gingen in die Brauerei, ein kleines Gebäude am Teich: Oben wird das Malz gemahlen, es kommt in großen Säcken aus Heidelberg. Unten wird das Bier gelagert und abgefüllt: zehn Tanks à 1.000 Liter.

Odziena_Brauerei

Das Bier wird nur in kleinen Mengen verkauft: im Elvi im Ort und in ausgesuchten Geschäften in Riga. Es werden verschiedene Sorten gebraut, eine schmeckt leicht nach WC-Reiniger Orange, die andere tendiert in Richtung Ale und ist tatsächlich sehr lecker.

Tipp:

  • Bier Odziena 1905, 375 ml-Flasche, vor Ort 1,50 Euro. Benannt nach dem Jahr, in dem der Palast niederbrannte.
  • Wer ein Restaurant sucht, muss 20 Minuten weiter bis nach Ergli fahren: Im Hotel Kore kann man gut essen.

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Die Werkskantine von Kipsala

In Riga, gegenüber der Altstadt und auf der anderen Seite der Daugava, gibt es eine Halbinsel. Sie heißt Kipsala.

Man geht über die große Vanšu-Brücke, die längste Schrägseilbrücke Eurpoas, und ist auf der anderen Seite – mit einem sehr schönen Blick auf die Altstadt und auf den Hafen.

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Am Hafen ankern manchmal Kreuzfahrtschiffe, kleine Schiffe, die vor der Promenade dennoch riesig wirken.

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Es gibt einen Strand, schöne Holzhäuser und ein paar internationale Botschaften – die australische hat ein Känguruh auf dem Dach.

Es war warm, und der Weg vom Appartment bis nach Kipsala dauerte etwa eine Stunde. Irgendwann sagte Vatta: „Ich brauch’n Bier“.

Das wird einfach sein, dachte ich. Wir schmissen Google Maps an, entdeckten ein Café und marschierten vom Ufer weg in die Mitte der Insel. Eine Technische Universität tauchte auf – und die Messe Riga. Oder genauer gesagt: eine Mehrzweckhalle. Wir gingen hinein, und dort war auch das Café: eine Kantine mit Selbstbedienung. Die letzte Ausstellung, sagte die Dame hinter der Theke, die Messe „Hund und Katze“, werde gerade abgebaut, aber wir seien herzlich willkommen. Die gefüllten Paprika waren erstaunlich lecker.

Bier gab es auch, allerdings mit Cranberries – geschmacklich nahe an einem Mix aus Kirschsaft und Malzbier mit einem Schuss Nutella. Vatta schlug sich tapfer.

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Konditerija & Kafejnica

Nicht nur Schnaps und Bier gibt es überall. Auch Backwerk. In Riga reiht sich eine Konditerija an die nächste. Eine Orientierung mit „An der Ecke mit der Konditerija rechts – da ist unsere Wohnung“, bietet sich deshalb nicht an.

„Life is hard. You must sweeten it“, meinte meine russische Freundin als Erklärung für die vielen Bäckereien. Das erscheint mir einleuchtend. Ihr Mann, der immer Hunger hat, war in Lettland jedenfalls ein glücklicher Mann.

Riga_Brot

Eine Spezialität scheint die gemeine Puddingschnecke zu sein: Es gibt sie in zahlreichen Ausführungen – groß und klein, geringelt und gerollt, mit Blaubeeren, Ananas oder Pfirsichen und auch als Puddingschnecke calzone.

Tipp:

  • Brot, lettisch maize, ist allgegenwärtig. Besonders bekannt ist das saldskāba maize, ein dunkles, leicht süßlich schmeckendes Roggenbrot. Meins war es allerdings nicht.

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Jūrmala: Der Strand der reichen Russen

Direkt westlich von Riga, an der Ostseeküste, liegt Jūrmala, ein langgezogener Badeort mit 40 Kilometern Sandstrand. Schon wenn man es sich vorsagt, ist das ziemlich lang. Wenn man dann aber auf diesem Strand steht, ist es wirklich sehr, sehr lang, auch wenn der Strand ab und an mal eine Kurve macht und man gar nicht bis ans Ende der 40 Kilometer gucken kann.

Nacheinander reihen sich die Teilorte Ķemeri, Jaunķemeri, Sloka, Kauguri, Vaivari, Asari, Melluži, Pumpuri, Jaundubulti, Dubulti, Majori, Dzintari, Bulduri, Lielupe und Priedaine aneinander – ich liste die Namen alle auf, weil ich sie so sympathisch finde. Holzvillen stehen neben Holzvillen, durch ein kleines Wäldchen von der See getrennt.

Jurmala_Asari_Strand_01

Jūrmala ist das größte Seebad des Baltikums, und alles hier ist Russisch: die Touristen, die Besitzer der hölzernen Sommerhäuser, auch die Leute in den Restaurants sprechen direkt Russisch, ohne Umweg übers Lettische. Die Stadt scheint wie eine russische Enklave. Der Deutschlandfunk hat ein Stück darüber gemacht.

Jurmala_01

Die Rigaer Bucht ist ruhig, sehr ruhig. Das Wasser liegt still und ist sehr flach: Männer in gemusterten Badehosen stiefeln hinein, fünfzig Meter, hundert Meter, bis ihnen das Wasser bis zur Hüfte reicht. Dann lassen sie sich nach vorne fallen und tauchen prustend wieder auf. Kinder spielen am Strand – es gibt fast keine Wellen. Die Familien, die hierherkommen, sind zahlreich – weil der Strand aber sehr lang ist, ist trotzdem noch sehr viel Platz.

Ein schöner Ort, um Ferien zu machen.

Tipp:

  • Teilort Asari. In der Kapu iela 95 befindet sich neben dem Haus eine Durchfahrt zum Parkplatz am Strand. Spaziergang am Strand bis zum Büdchen nach Kauguri, circa 8 Kilometer hin und zurück.
  • Hauptort ist Majori. Hier gibt es eine hübsche Promenade mit Attraktionen und vielen Restaurants.

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Das Moor von Kemeri

Wenn man von Jūrmala aus weiter in Richtung Westen fährt, kommt man nach Kemeri – und in den Nationalpark von Kemeri. Lagunen, Seen, Sümpfe, Moore, jede Menge Vögel, Ruderboote und Holzstege durchs Schilf: Kemeri ist ein toller Ort.

Kemeri_Nationalpark_01

Ich habe ein Video gemacht, wie ich durchs Schilf laufe.

Kemeri_Nationalpark_Panorama

Mitten im Moor gibt es einen hölzernen Aussichtsturm. Man kann hinaufsteigen, um hinabzuschauen. Bis zum Horizont sieht man Wasser und Schilf und Wolken, und ab und an einen Fischreiher. Es ist sehr ruhig und sehr schön.

Dort oben trafen wir eine Frau, sie war Mitte 20, Deutsche, und hatte eine Isomatte ausgerollt.

Es windete, aber sie war warm angezogen. Sie übernachte hier, sagte sie auf Nachfrage. Vor etwa einer Woche sei sie nach Helsinki geflogen und trampe nun durch das Baltikum bis zurück nach Deutschland. Eigentlich habe sie im Süden des Landes Freunde treffen wollen, doch die hätten sich um zwei Tage verspätet, und nun bliebe sie diese zwei Tage lang eben hier, auf dem Aussichtsturm, schaue die Landschaft an und schlafe auf den Planken.

Kemeri_Nationalpark_02

Tipp:

  • Wir waren am Kanieri-See: Die Straße hat keinen Namen, aber Sie können sich das auf Google Streeview anschauen. Man kann sich ein Bötchen leihen, dort rudern und angeln.

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Zentralmarkt

Die großen Supermarktketten in Lettland sind Rimi und Elvi. In Riga gibt es aber noch einen anderen Ort, an dem man einkaufen kann: den Zentralmarkt (Bericht bei Spiegel Online).

Der Rigaer Zentralmarkt befindet sich in fünf Markthallen und hat eine Fläche von 50.000 Quadratmetern. 140.000 Menschen kommen am Tag hierher. Es gibt Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Es sind viele heimische Waren, die hier verkauft werden, besonders beim Gemüse: Äpfel und Waldbeeren, Gurken, Tomaten und große Mengen Knoblauch.

Riga_Zentralmarkt

Die Waren sind für unsere Verhältnisse preiswert. Die handgeschriebenen Preise auf dem oberen Bild sind Kilopreise: Ein Kilo Tomaten kostet zwischen 1,20 Euro und 2 Euro, ein Kilo Heidelbeeren gibt es für 3 Euro. Und für 10 Euro bekommt man eine sehr ansehnliche Menge Kaviar.

Riga_Zentralmarkt_Fleisch

Tipp:

  • In den Speichergebäuden am Zentralmarkt, am Ufer der Daugava, entsteht ein Künstlerviertel. Dort ist das Ghettomuseum Riga, und es gibt Cafés.
  • Die Markthallen grenzen an die Moskauer Vorstadt. In nur zehn Minuten Fußweg ist man an der Lettischen Akademie der Wissenschaften. Auf der Aussichtsplattform im 15. Stock hat man einen super Blick über Riga. Eintritt: 5 Euro.

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Laima und die schwarze Magie

Schoki! Neben Alkohol und Puddingschnecken die dritte Spezialität des Landes. Hatte ich schon geschrieben, dass mir die kulinarische Ausrichtung Lettlands entgegenkommt?

Die lettische Schokomarke Laima (die englischsprachige Website startet mit „Choose Love“ und meint damit: „Wählen Sie Ihre Schokosorte“ – muss man da noch mehr sagen?) hat in gefühlt jeder dritten Straße Rigas einen Laden, was zwar nur halb so viele Dependancen umfasst, wie es Konditoreien gibt. Aber es ist auskömmlich: Ich lag niemals auf dem Trockenen.

Weiterer Anlaufpunkt für Schokoladenliebhaber in Riga: die Bar Black Magic in der Altstadt. Hier gibt es den berühmten Balsam in Kombination mit Trinkschokolade und in Pralinen. Außerdem ist der Laden urig.

Riga_Black_Magic

Tipp:

  • Ich habe mich sehr ernsthaft um einen ausführlichen Schokoladentest bemüht. Leider ist es mir trotz aller Anstrengungen nicht gelungen, alle Laima-Sorten zu probieren. Ich kann aber sagen, dass die Popcornschokolade und die Sorte mit dem gesalzenen Karamell sehr gut sind. Außerdem war der Espresso im Laima-Laden der beste der Reise.
  • Bar Black Magic, Kalku iela 10, in der Altstadt von Riga. Falls Sie von den zehn Pralinensorten aus der Speisekarte nehmen: Ich fand Nougat gut.

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Das Burgfräulein von Sigulda

Östlich von Riga liegt Sigulda, eine Burgenstadt. Die Teilorte Sigulda, Turaida und Krimulda hören sich nicht nur an, als besuche man einen Mittelaltermarkt – das Ganze ist wahrscheinlich einer der schönsten Orte Lettlands für mittelalterliche Rollenspieler.

Sigulda_Pils

Es gibt ein Schloss, eine livländische Ordensburg und eine Gondelbahn über das Tal der Gauja – außerdem einen Vergnügungspark für Familien, in dem man alles Mögliche tun kann, zum Beispiel Sommerrodeln oder Riesenrad fahren. Wer mag, kann aus der Gondelbahn springen.  Ich mochte nicht.

Auf der Burg in Sigulda darf man alles anfassen, seinen Kopf in Folterwerkzeuge stecken, Armbrust schießen und auf den Thron klettern. Außerdem gibt es freies Burg-WLAN, was ich sehr ritterlich finde.

Sigulda_Lady_Vanessa

Wenn man das Armbrustschießen um die Notfallkekse im Auto gewinnt, sind die Verlierer allerdings weniger ritterlich.

Tipp:

  • Wer nach Sigulda fährt, sollte einen ganzen Tag für verschiedene Burgen, Schlösser, Gondelbahn und Rodelbahn einplanen. Oder auch zwei Tage, wenn man es langsam angehen lassen möchte, kleine Kinder dabei hat und/oder viel Zeit im Freizeitpark verbringen möchte. Der Ort bietet nämlich viel – wir haben nur einen Bruchteil erkunden können.
  • Unterhalb der Burgruine Krimulda, im Gauja-Nationalpark, befindet sich die größte Höhle des Baltikums: die Gutmannshöhle. Wir waren nicht dort, hört sich aber toll an.

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Die Daugava und das Meer

Nördlich von Riga fließt die Daugava in die Ostsee. Dort soll man angeblich die besten Sonnenuntergänge erleben. Ob es tatsächlich der beste Sonnenuntergang meines Lebens war, weiß ich nicht: Es kommen schließlich noch viele, und ich möchte mich nicht voreilig festlegen. Es war jedenfalls ein sehr schöner. Ich kann das zum Nachmachen empfehlen.

Mangalsalas_Mol

Tipp:

  • Mangaļsalas Mols, der Pier von Mangaļsala – oder einfach irgendwo am Strand östlich davon.

Falls Sie Lust haben, nach Riga zu reisen: Der Hinflug war auch schon ein Erlebnis – mit dem Bombardier-Propellerflugzeug der Air Baltic ab Düsseldorf.

Ende.

Wie ich einmal in Island war, wo die Leute sehr freundlich sehr wenig sagten

3. 07. 2016  •  30 Kommentare

Es ist schon etliche Jahre her, da war ich mal auf Island.

Jökullsalon

Ich bin einmal drumherum gefahren, in einem Hyundai Accent. Wir hatten damals nicht so viel Geld – also ein bisschen schon, deshalb konnten wir uns die Reise leisten, aber nicht genug, um ein Auto zu mieten, das offroad fuhr.

Wir fuhren also nicht ins Hochland, sondern nur über die Ringstraße, die zu dem Zeitpunkt zu 80 Prozent geteert war – einmal um die Insel und mal ein bisschen nach links, mal ein bisschen nach rechts.

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Wir setzten einige Male hart auf, in einer Baustelle, auf einem Pass und auf Nebenstraßen, aber der Wagen erwies sich als sehr robust. Die Steinschläge machten dem Auto nichts aus, sondern es nur schöner, und als wir mal steckenblieben, ließ er sich leicht anschieben.

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Wir waren also in diesem Wagen unterwegs, meistens 200 bis 300 Kilometer am Tag, beginnend in Reykjavík, und dann im Uhrzeigersinn rundherum. Der Reiseveranstalter spendierte uns einen unteramdicken Island Atlas, einem Straßenatlas, 450 Seiten. Jede Seite widmete sich einem Kilometer Wegstrecke – mit einem Kartenausschnitt und Beschreibungen der touristischen Höhepunkte.

Die meisten Kilometer auf Island sehen ungefähr so aus:

Snaefellsness mit Schafen

Möglicherweise fragen Sie sich nun, in Hinblick auf den Atlas: Was gibt es da bitte zu beschreiben? Eine ganze Seite pro Kilometer!

Viel. Der Isländer schätzt sein Land, und man muss nur genau hinschauen, dann entdeckt man sie auch, die kleinen Kostbarkeiten. Auszüge aus dem Reiseatlas des Islenska Bókautgáfan, des Isländischen Buchverlags, 1996:

Haedarsteinn, großer Stein am südlichen Ende der Passhöhe. (S. 17)

Tjarnheidi, Grasfläche östlich von Fúlakvísl, zwischen Hvítárnes und Kjalhraun. (S. 389)

Island lehrt seine Besucher: Es sind die Details, auf die es im Leben ankommt.

Stóll, sehr schöner Berg, an dem sich das Tal gabelt. (S. 336)

Manchmal hat ein Berg Bewohner. Im Atlas steht dann „der Sage nach“ oder „laut Überlieferung“; überlesen Sie diese Zusätze einfach – dann macht alles Sinn.

Fanntófell (901 m), Hyaloklastitberg. Laut Überlieferung einst Wohnstätte von Trollen. (S. 391)

Búrfell (536 m), Berg und gleichnamiger Bauernhof. Der Gipfelkrater ist mit einem kleinen See gefüllt. Der Sage nach soll dort ein Ungeheuer wohnen. (S. 143)

Álfaborg (dt. Elfenburg), Felshügel, von dem der Fjord Borgarfjördur seinen Namen ableitet. Galt als Wohnort von Elfen. Freizeitgebiet. (S. 365)

Anfangs dachten wir, wenn wir auf einen Straßenabschnitt schauten: Da kommt gleich ein kleines Städtchen. Kam aber nicht. Sondern es kam nur ein Bauernhof. Größere Höfe sind größer eingezeichnet, das sieht auf dem Papier dann aus wie eine Ortschaft.

Es gibt keine Hütte, die nicht Erwähnung findet:

Dagverdareyri. Hof. Seit fast zwei Jahrhunderten von der gleichen Familie bewohnt. Eine Zeitlang stand hier eine Heringfabrik. (S. 337)

Hrappsstadir, Bauernhof. Hier ging zur Sagazeit das bösartige Gespenst Hrappur um. (S. 207)

Krossavík, historischer Hof auf der Ostseite von Vopnafjördur. Hier wohnten Geitir und sein Sohn Porkell, von denen in der Vopnfirdinga Saga berichtet wird. Um 1800 Wohnsitz des Bezirksvorstehers Gudmundur Pétursson. (S. 371)

Kross, Bauernhof und Pfarrhof bis 1920. Hier kam es 1417 zu tödlichen Auseinandersetzungen, die ein längerwährendes Nachspiel hatten. (S. 121)

Welches Nachspiel, das steht dort leider nicht, obwohl die Geschichte an dieser Stelle natürlich erst interessant wird.

Verlassener Hof bei Höfn

An einem Tag – wir sind zur Hälfte um die Insel rum -, steht im Reiseführer, dass es auf dem Weg einen Elchbauernhof gebe. Die Betreiber, heißt es, freuten sich, wenn man vorbeischaue.

Elche, wie wunderbar, denken wir, und biegen nach rechts von der Ringstraße in ein Tal ab. Nach zehn rumpeligen Kilometern überqueren wir einen Wasserlauf und parken vor dem Wohnhaus. Außer uns ist niemand da. Der Wind ist frisch, und ich fühle mich unwohl. Das ist alles sehr privat hier, sehr untouritisch – auch wenn kein Zweifel besteht, dass wir richtig sind. Einen anderen Hof gibt es nicht, nicht im Umkreis von 30 Kilometern.

Die Tür des Wohnhauses öffnet sich, und ein junger Mann tritt heraus. Ich sage auf Englisch: „Hallo“, und mich erklärend: „Im Reiseführer steht, Sie haben Elche und man könnte sie besuchen.“

Der Mann deutet mit dem Daumen über seine Schulter, den Berg hinauf, und nickt. Entgegen dem Text im Reiseführer freut er sich ausgesprochen verhalten über unseren Besuch.

„Die Elche sind da oben?“, frage ich.
Wieder nickt er wortlos. Ich schaue den Berg hinauf, sehe aber nichts. Der Mann ist nicht viel älter als ich. Er steht da und schaut mich an. Ich fühle mich weiterhin unwohl. Wieso sagt er nichts? Von ferne blökt es.
„Schafe haben Sie auch?“, frage ich, die Gelegenheit ergreifend, dem Gespräch etwas Schwung zu geben.
Er nickt und steckt die Hände in die Hosentaschen. Sehr ostwestfälisch steht er nun da, mit derselben ausgelassenen Offenheit. Die Luft ist feucht und tief gesättigt. Blöken.
„Ja, äh“, sagte ich. „Haben Sie denn viele Schafe?“
Bedächtig sagt er: „Five thousand.“
Fünftausend! Halleluja. „Jaaaa …“, sage ich. „Das sind … viele.“
Er blickt über den Hof, vor sich und hinter sich. Der Wind ist frisch. Wir ziehen alle die Schultern hoch. Blöken.
„Und, äääh“, fahre ich fort. Ich möchte Interesse zeigen. „Wie fangen Sie die im Herbst ein? Mit Pferden?“
„No. Motorbike.“ Er reckt das Kinn vor – in Richtung eines Quad, das auf der Wiese parkt, ein paar Meter den Hang hinunter.
„Natürlich“, sage ich. „Motorbike, ist ja klar. Als Tourist, da denkt man … uhmm … wie auch immer.“
Blöken. Ob ich nochmal nach den Elchen fragen soll? Schließlich sind wir deshalb hier, und es ist weit und breit kein Elch zu sehen. Aber vielleicht besser nicht. Vielleicht sollten wir lieber wieder fahren.

Ich rege mich gerade zum Aufbruch, als er, sich dem Wohnhaus zuwendend, sagt: „Come in.“ Wir schauen uns an. Das können wir jetzt schlecht ablehnen – und gehen hinterher. Wir treten durch die Tür, er streift die Schuhe ab, wir streifen die Schuhe ab, und gehen in die Stube. Sie ist warm, meine Wangen röten sich. Mir ist das alles fürchterlich unangenehm. Jetzt stehe ich auch noch hier im Haus.

Auf einer Bank sitzt eine Frau, älter als der junge Mann. „My mother“, sagt er, und wir geben uns die Hand.

Es ist gemütlich hier, Holzbänke, ein großer Tisch, ein paar Vitrinen mit Elchdingen darin: Taschen, Felle, Haarspangen, lederne Messerscheiden. Die Mutter steht auf, geht in einen Nebenraum und kommt mit einem Tablett zurück: Teekanne und Teetassen. Sie schenkt ein. Der Sohn und sie hocken uns gegenüber und sehen uns an.

Jetzt sitzen wir hier, denke ich. Sie lächelt, und ich lächle zurück. Er lächelt auch. Immerhin ist es wohl okay, dass wir hier sitzen. Aber trotzdem. Wenn sie doch nur etwas sagen würden.

Schlürfend trinken wir Tee, er ist heiß, schmeckt komisch, aber okay. Sie schaut mich wieder an und lächelt, dann macht macht sie mit der Hand einen Kreis um ihren Kopf, deutet auf mein Gesicht und sagt etwas.

„Face beautiful“, sagt der Sohn. „And hair.“
Ich sage: „Oh. Danke.“ Und lächle.
Sie lächelt auch. Dann sitzen wir weiter da.

Irgendwann ist die Tasse leer. Ich bin ganz froh, denn so angenehm ist mir das alles immer noch nicht, trotz Lächeln und Kompliment. Wir stehen auf, ich sage: „Danke“. Und nochmal: „Danke. Auch für den Tee.“ Die beiden begleiten uns in die Diele. Wir ziehen unsere Schuhe an und sind wieder draußen.

„Tschüß“, sage ich, und die beiden sagen auch etwas. Die Mutter, sie lächelt jetzt sehr einnehmend – mit dem Mund, mit den Augen und mit dem Herzen. Ich schäme mich, dass ich mich so unwohl fühle, dass ich so doofe Fragen gestellt habe, dass ich ihr nichts abgekauft, nur ihren Tee getrunken habe.

„Bye“, sagen wir und steigen ins Auto. Als wir vom Hof fahren, winken die beiden. Wir winken uns, bis wir uns nicht mehr sehen.

Island, dieses überwältigende Stück Erde. Ich habe seither nichts Beeindruckenderes gesehen als diese Natur –  obwohl ich seither viele Länder besucht und viel anderes Erstaunliches erlebt habe.

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Besuchen Sie dieses Land, wenn Sie können. Fahren Sie drumherum und mitten rein, entdecken Sie Wiesen, Hügel und Kurven, Elfe und Trolle.

Erleben Sie Wasserfälle über Wasserfälle – die Sie schon aus vielen Kilometern Entfernung hören, so mächtig sind sie. Essen Sie Skyr. Erfühlen Sie die warme Erde. Baden Sie unter Regenbögen in heißen Töpfen und schwimmen Sie im Freien, ohne zu frieren. Duschen Sie im Schwefeldunst.

Blicken Sie in Vulkankrater und eisblaue Seen und fahren Sie mit dem Boot aufs Nordmeer. Fahren Sie mit dem Amphibienfahrzeug auf den Jökulsárlón und stehen Sie am Strand neben Brocken klaren Eises, das der Gletscher über tausende von Jahren so dicht gepresst hat, dass es auch bei 20 Grad nicht taut.

Aber vorher, heute Abend, drücken wir Islands Fußballern die Daumen, ja? In meinem damaligen Reiseführer (Quack, Ulrich: Island. Reisehandbuch. Iwanowskis Reisebuchverlag. 4. aktualisierte Auflage 2001), heißt es im Kapitel „Island Sportlich“:

Natürlich kann man von solch einem Land keine fußballerischen Wunderdinge erwarten, doch verzeichnen die Berichterstatter immer wieder aufsehenerregende Erfolge auch auf internationalem Parkett. (S. 190)

!!!!!   Hu   !!!!!

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P.S.: Man kann Island auch mit dem Rad durchqueren – oder darüber lesen, wie jemand es tut. Empfehlung!

Eine Reise in eine Turnhalle nach Lettland

26. 05. 2016  •  12 Kommentare

Die nächste Reise steht an. Es geht nach Riga, wieder zum Basketballtraining mit Dynamo Moskau, ich deutete es an.

Es ist die Fortsetzung der Tallinn-Reise, des Ausflugs in eine Turnhalle nach Estland: eine Woche mit den Russen – meine Moskauer Freundin, ihr Mann, Sohn Eins (13), Sohn Zwei (8) und Sohn Drei (5). Sohn Eins und Zwei sind zum Trainieren in Riga, Basketball, ihre Mannschaften sind dort: Anreise mit dem Teambus, Wohnen in der Jugendherberge, vier Wochen lang Drill und Bootcamp in Lettland, dazu ein paar Testspiele. Wir, also die Eltern und ich, schließen auf und kommen dazu. Die Terminfindung war etwas schwierig im Wust zwischen Projektdeadlines, den Russen, dem Trainingscamp, der Abstimmung mit feriengebundenen KollegInnen und Vatta, der auch mitkommt. Aber nun haben wir’s.

Es war die Idee der Freundin, meinen Vater zu fragen, ob er mich nach Riga begleiten wolle: Das sei doch eine gute Sache, regte sie in Tallinn an, Sohn Eins lerne seit einem Jahr Deutsch, und Vatta spreche doch nur Deutsch, oder? Dann könne Sohn Eins zuhören und anwenden, listen and repeat, gezwungenermaßen, das sei wunderbar. Außerdem sei es immer gut, einen Opa für die Kinder dabei zu haben, ob nun der eigene oder ein geliehener, ein russischer oder ein deutscher: Das Alter nötige den Kindern Respekt ab, der ganze Urlaub werde durch einen Opamenschen friedvoller – was bei drei Jungs dringend geboten sei, um unser aller Seelenfrieden willen. Zur Not müsse Vatta nur eine Augenbraue heben, ganz langsam, und dabei vernehmlich brummen; das sei internationaler Standard, das erfordere nicht einmal Russischkenntnisse, dann sei jegliche Sache geritzt. Ich glaube ihr das: Das klappt selbst bei mir noch ganz gut, bei meinen Russen haben die Älteren dazu noch einen anderen Stellenwert – da wird in beeindruckender Weise strammgestanden, und ein geliehener Opa ist dann nochmal ’ne Schippe drauf.

Ich freue mich also auf einen erneuten deutsch-russischen Urlaub in einem Drittland, inzwischen der vierte gemeinsame – nach Zypern, Kochelsee und Tallinn. Es ist sehr angenehm, sich dem Familien- ebenso wie dem russischen Rhythmus anzugleichen, dieser Mischung aus Kascha und Tee, Aberglauben und zuckersüßen, dreischrittig steigerbaren Verniedlichungsformen: Dima … Dimka … Dimotschka .., alles in zügiger Langsamkeit: Wir kommen voran, doch niemand ist in Eile, und wir tun ausreichend Kinderdinge, schauen Tiere an, suchen Stöcke und werfen Steine ins Wasser, hören Straßenmusikanten zu, freuen uns aneinander und essen Eiscreme. Also alles, was ich sonst auch gerne tue.

Das ist ja auch so eine Sache: der Urlaub als Kinderlose mit einer Familie mit drei Kindern. Das traut einem ja niemand zu, viele Eltern meinen spontan, man sei ungeeignet: die Nerven zu dünn, die Ohren zu empfindlich, der Langmut zu kurz – dabei finde ich das sehr prima. Es geht ja weniger darum, wie alt die Mitreisenden sind, sondern ob sie gute Gefährten sind; es gibt Menschen, Kinder wie Erwachsene, mit denen würde ich niemals verreisen wollen, nicht einen Tag lang, auch wenn ich sie im Alltag sonst gut leiden mag. Andere wiederum sind hervorragende Begleiter für Expeditionen ins Unbekannte, Menschen mit  Neugier und Abenteuergeist, aber ohne Aktionismus, mit einem ausgewogenen Streben gleichermaßen nach Müßiggang wie nach Entdeckungen, ohne Drama, mit Kompromissbereitschaft und Duldsamkeit. Menschen mit diesen Eigenschaften gibt es in allen Altersklassen, mit zwei Jahren ebenso wie mit zweiundachtzig – und ebenso auch nicht. Rücksicht muss man ohnehin aufeinander nehmen; der eine braucht Brei um Drei, der andere möchte Bier um Vier.

Ich reise also nach Riga und freue mich wie Bolle. Das wird toll, ganz sicher.

Irgendwas zwischen Schluss machen und heiraten

25. 04. 2016  •  18 Kommentare

Es gibt Tage, an denen trage ich mein „Erzähl mir was“-Gesicht. Dann erzählen mir die Menschen Dinge, nach denen ich nicht gefragt habe.

Dieser Tage sitze ich mit meinem „Erzähl mir was“-Gesicht in der Bahn; wir sitzen zu Zweit nebeneinander, die junge Frau, die vielleicht 23, vielleicht 28 Jahre alt ist, und ich. Wir lächeln uns kurz an; ich lächle in solchen Situationen immer, denn lächeln kann man nie genug, besonders in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie fragt, wohin ich fahre, dann erzählt sie, dass sie unterwegs zu ihrem Freund sei. Dabei wisse sie gar nicht, ob er noch ihr Freund sei, vielleicht mache sie bald Schluss, was allerdings schade sei, denn sie habe zuvor viele Jahre auf ihn gewartet, weshalb er vielleicht auch bald ihr Mann werde, also nicht sehr bald, aber in der Zukunft.

Ich wende ein, dass „Schluss machen“ und „Heiraten“ aber doch zwei Pole einer Skala seien; und von „Schluss machen“ bis „Heiraten“, dazwischen sei eine ziemliche Strecke – erfahrungsgemäß. Dazu muss man wissen, dass ich, wenn ich mein „Erzähl mir was“-Gesicht trage, niemals Fragen stelle, sondern immer nur Dinge feststelle, denn ich möchte nicht aufdringlich sein. Mittlerweile vermute ich, dass genau das die Menschen dazu ermutigt, weiterzuerzählen.

Sie sagt, ja, natürlich, das sei schon ein Unterschied, das sei ihr klar, aber ich müsse wissen, dass ihr erster Freund – nicht dieser, sondern der davor, der habe ihr immer eine runtergehauen. Zwar nicht ins Gesicht, denn dann wäre sie schon nach dem ersten Mal gegangen, weil: ins Gesicht gehe gar nicht, aber in die Rippen habe er geschlagen und am Arm habe er sie gepackt, deshalb habe sie es einige Jahre mit ihm ausgehalten, aber dann, als sie ein paarmal in die Notaufnahme musste, habe sie ihn doch irgendwann angezeigt. Nach ihm habe sie erstmal keinen Freund gehabt, denn sie habe auf ihn gewartet, also auf den jetzigen, vier Jahre lang. Weil: Er war damals noch liiert, aber sie habe immer gewusst, dass das auseinander gehe, nur er habe das nicht sofort erkannt.

Aha, sage ich. Was will man auch anders sagen.

Jetzt sei er frei für sie, sagt sie, aber er finde, er sei auch frei für andere, also allumfassend frei für alles, für eine Frau und für noch eine und für seine Kumpels und seine Familie, weshalb er sich nicht für sie entscheiden könne, noch nicht, sondern seine Zeit hier und dort verbringe, aber nicht mit ihr – nicht immer. Eigentlich nur selten mit ihr, dieses Wochenende zum Beispiel auch nicht. Doch das komme bestimmt bald, das Schicksal habe ihn ihr ja schon in die Hände gespielt, der Rest werde sich ergeben, wenn sie nur lieb genug zu ihm sei.

Ich denke: Wo will man da anfangen?, hole Luft und setze gerade zu einer vorsichtigen Zusammenfassung der Situation an, als sie fortfährt und meint: Das Problem sei auch, dass sie gerade einen neuen Job angefangen habe, als Pflegehelferin, was an sich super sei, aber wenn sie jetzt schwanger werde – sie müsse ihre Familie versorgen, zwar kein Kind, denn das Kind damals, das von dem ersten Freund, das habe sie verloren. Aber ihre Mutter sei angefahren worden und habe sich das Becken gebrochen und das, wo doch ihr Bruder gerade fort gezogen sei; sie könne sich das einfach nicht vorstellen, jetzt eine Familie zu gründen.

Mir schwirrt der Kopf, es wird auch langsam sehr warm im Zug. Wir sitzen in einem ICE, und ein ICE hält nicht an vielen Orten, manchmal nur einmal in der Stunde, weshalb nicht so oft Leute ein- und vor allem  nicht aussteigen. In einem Regionalexpress hätte ich sie jetzt schon irgendwo zwischen Hamm und Bochum-Wattenscheid ins Draußen verabschiedet.

Ich sage etwas wie „Ach herrje, das ist aber vertrackt“, denn mal ehrlich: In all das jetzt und hier tiefer einzusteigen, übersteigt meine Kapazitäten, die meines Gleichmuts und die meines Sendungsbewusstseins. Sie beginnt gerade, mir von ihrer Kindheit zu erzählen, wie sie mit neun Jahren nach Deutschland kam und sich mit niemandem unterhalten konnte, als ihr Telefon ein Geräusch macht. Sie schaut aufs Display; ihre Gesichtszüge werden weich, sie tippt etwas, ich sehe im Augenwinkel Herzen und Emojis, dann schaut sie auf und sagt: „Na endlich. Er liebt mich.“

Zehn Bemerknisse zu einer Reise nach Estland

6. 04. 2016  •  27 Kommentare

Über Ostern machte ich eine Reise. Ich fuhr in einer Turnhalle in Estland, um dort Teenagern beim Basketballspielen zuzuschauen. Ich berichtete seinerzeit von den Planungen. Nun bin ich wieder da – und möchte Ihnen die wesentlichen Erkenntnisse nicht vorenthalten.

#1 Die Reise

Die Idee kam von meiner Freundin aus Moskau: Ihr ältester Sohn (sie hat drei) spielt ambitioniert Basketball bei Dynamo Moskau und absolviert regelmäßig Turniere in der Baltic Boys Basketball League, einer internationalen Veranstaltung für Jugendliche. Über Ostern spielte die Liga in Tartu, Estland. Meine Freundin fragte mich, ob ich nicht nach Tartu kommen wolle, das sei doch eine prima Gelegenheit, sich mal wieder zu sehen.

Blick aus dem Flugzeug auf Tallinn

Ich reiste also:

  • am Gründonnerstag mit dem ICE von Dortmund nach Frankfurt
  • flog von Frankfurt nach Tallinn im Norden Estlands
  • verbrachte eine Nacht in Tallinn
  • fuhr am Karfreitagsmorgen mit dem Fernbus 2,5 Stunden nach Tartu im Süden Estlands
  • blieb zwei Tage und Nächte mit den Russen in Tartu (auf mein Bett sind Sie bestimmt sehr, sehr neidisch)
  • fuhr am Ostersonntag mit dem Fernbus zurück nach Tallinn
  • blieb noch zwei Tage und Nächte in Tallinn
  • flog von Tallinn zurück nach Frankfurt und
  • fuhr mit dem ICE von Frankfurt zurück nach Dortmund

Das schreibe ich so genau, weil: Es lief alles maximal geschmeidig und fluffig. Alles pünktlich, jeder Einstieg, Umstieg und Zustieg war super und entspannt, ich betrat exakt zum ersten Viertel des ersten Basketballspiels die Turnhalle in Tartu und begann sogleich, die Mannschaft anzufeuern.

Überhaupt ist mir bei diesem Ausflug mal wieder aufgefallen, wir angenehm das Reisen sein kann. Die Deutsche Bahn macht einen guten Job (ja, tatsächlich), die Lufthansa war prima (dieser fiese Eierschleim auf dem Sandwich ist allerdings inakzeptabel), Tallinns ÖPNV-Busfahrer sind sehr hilfsbereit, und diese estnische Fernbussache ist sowieso der Hammer: ein picobello Abfahrtserminal, russische Quarkriegelchen im Kiosk, beinahe seelsorgerische Busfahrer und eine Multimedia-Station im Vordersitz – mit Internet, Spielen und aktuellen Kinofilmen (ich schaute „Der Marsianer“ – Trailer – und evakuierte Matt Damon). Spitzenmäßig.

Ich hätte mit LuxExpress übrigens auch nach Riga, Wilnius, St. Petersburg, Moskau oder Kiew fahren können, und vielleicht kommt ein Tag, an dem ich das tue.

Rundum empfehlenswert, auch mit diesem Reiseaufbau.

#2 Die Tage in Tallin

Tallinn ist eine unglaublich tolle Stadt, ich war überrascht. Nicht, weil ich andere Erwartungen hatte. Sondern weil ich gar keine Erwartungen hatte, was für den Erfolg einer Sache ja immer  besonders gut ist. Mit Estland hatte ich mich bislang nämlich noch nicht beschäftigt, da gab’s keine Berührungspunkte.

Entsprechend überrascht war ich auch, dass überall noch Schnee lag, zumindest auf Feld, Wald und Wiesen. Das war etwas naiv von mir, denn: März, Flug nach Nordosten, gleicher Breitengrad wie die Südspitze Grönlands – da hätte man drauf kommen können.

Wie dem auch sei.

Immerhin: Tallinn selbst war weitgehend schneefrei. Dort reiste ich nicht in die Eiszeit, sondern ins Mittelalter: Türmchen, Gassen, Stadtmauern, pittoreske Häuser, eine stattliche Basilika, ein Hügel zum Runtergucken und im Hintergrund die Ostsee.

Tallinn_Katariina_kaeik

Tallinn_Stadtmauer

Tallinn_Altstadt_Tuer

Tallinn_Save_the_Camera

Tallinn_Altstadt_von_unten

Tallinn_Restaurant_Fahrrad

Außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gibt’s jede Menge Einkaufsmöglichkeiten und neuzeitliche Architektur – wie die Linnahall, die ehemalige Stadt- und Multifunktionshalle Tallinns. Sie ist hübsch hässlich und seit 2009 nicht mehr in Betrieb. Die Zeit arbeitet auch eher gegen sie.

Tallinn_Linnahall_Stufen

Wenn ich allerdings nochmal 17 wäre und in Tallin wohnte, würde ich mich an lauen Sommerabenden ganz sicher mit meinem Freund dort treffen und rumhängen. Adoleszente Romantik entfaltet ihre Kraft schließlich am besten vor der morbiden Kulisse des Verfalls.

Tallinn_Linnahall_Eingang

#4 Die Abende in Tallinn

Was bei Tag hübsch ist, ist es noch mehr bei Nacht: Tallin wird in den Abendstunden prima beleuchtet, das sollten Sie, wenn sie einmal dort sind, mit einem Spaziergang würdigen.

Flanieren ist unumgänglich, wenn man in eine der vielen Kneipen und Cafés möchte oder gegen Abend dort einkehrt und irgendwie hängenbleibt, was gut passieren kann. Kneipen und Cafés gibt’s nämlich einige, und sie sind allesamt ziemlich toll, besonders in der zweiten und dritten Gasse jenseits der Touristenplätze. Zu essen bieten sie alles, was man haben möchte: Fleisch, Fisch, vegetarisch, vegan, estnisch, italienisch, asiatisch, Kaffee und Kuchen oder Knoblauch.

Tallinn_Olde_Hansa

Tallinn_Altstadt_Nacht01

Tallinn_Altstadt_Nacht02

Tallinn_Altstadt_Nacht05

Tallinn_Altstadt_Nacht06

Tallinn_Altstadt_Nacht04

Tallinn_Altstadt_Nacht03

#5 Die Nächte in Tallinn

Die Nächte verbrachte ich im Hotel Cru – im Nachhinein eine optimale Wahl.

Hotel_Cru_Zimmer

Das Hotel liegt in der Tallinner Altstadt, alles ist fußläufig zu erreichen. Es befindet sich außerdem in einem der ältesten Häuser der Altstadt, ist verwinkelt und urig. Alle Zimmer sind Unikate.

Frühstück gab’s bis 11, was ich jetzt auch nicht schlimm fand.

#6 Die Tage in Tartu

In Tartu habe ich, natürlich, die Sporthalle besichtigt, die Ülikooli Spordihoone. Das scheint mir so eine Art Leistungszentrum zu sein, genau konnte ich das nicht feststellen; jedenfalls haben sie dort nicht nur eine Turnhalle, sondern auch Anlagen für Leichtathleten, Krafttraining und alle möglichen anderen Dingen. Das Ganze machte einen sehr professionellen Eindruck mit Pokalen in Vitrinen.

Wir schauten nicht nur bei den Spiele zu, sondern verbrachten einen Teil der Zeit auch damit,

  • den Gatten und den kleinen Sohn der Freundin zu füttern und
  • den Basketball-Jungs Essen zu bringen,

denn wir waren die einzigen, anwesenden Fans mit einem Pkw (das Team selbst war mit dem Bus gekommen) und deshalb in der Lage, die Catering-Schachteln von der Sporthalle ins Hotel zu bringen, die hungrigen 13-Jährigen zu beliefern, und den leeren Karton wieder zurück zu fahren.

Der Gatte und der Bub der Freundin haben außerdem immer Hunger, auch schon zwei Stunden nach dem Frühstück wieder, weshalb wir, nachdem wir die Teenager abgefüttert hatten, postwendend den nächsten Hesburger aufsuchten (weil es dort auch Burger mit gesundem, dunklen Brot gibt – man kann es sich auch schönreden), und dort die Auslage leerfrästen. Der Freundinnengatte ist nämlich ehemaliger Tennisspieler, also so richtig, mit Listung bei der International Tennis Federation, Weltranglistenplatz und Teilnahme an der russischen Meisterschaft; er hat mich auch mal zum Tennisspielen eingeladen – also damals, vor vielen Jahren, als ich das noch nicht wusste; ich bin mit wehenden Fahnen in eine Falle getappt, aber das ist eine andere Geschichte … wo waren wir? Ach so: Der Mann hat jedenfalls einen gesunden Appetit.

Tartu selbst ist vergleichsweise frei von Höhepunkten. Oder anders, denn ich möchte nicht gemein sein: Es ist halt eine nette, beschauliche Kleinstadt. Es gibt eine Engelsbrücke …

Tartu_Engelsbruecke

… einen kleinen Park auf einem Hügel mit einer Kirche, die hinten intakt und vorne verfallen ist, aber schön verfallen, also irgendwie gewollt. Das war hübsch zu besichtigen, das kann man machen.

Tartu_Rotund

Tartu_Dom

Tartu_Dom_Ruinen

Wie ich auch schon weiter oben sagte: Wäre ich Teenager und hätte eine Liebschaft … Sie wissen schon.

Hier sieht man jetzt auch den Schnee, der tatsächlich da war, aber schon vor sich hin taute, weshalb es überall unglaublich matschig war. Also so richtig matschig, mit ausrutschen und alles vollsauen. Eine einzige Fango-Packung.Tartu_Potschta

Am Karfreitagabend entzündeten die Esten übrigens Kerzen vor dem Rathaus. Ich dachte erst, das habe etwas mit Ostern zu tun. Tatsächlich fand mein Ostern in Estland überhaupt nicht statt: Mein Karfreitag war kein Feiertag, und auch an Ostersonntag hatten die Geschäfte geöffnet. Es gab auch nirgendwo Eier oder Hasen. Entweder feiern die Esten nach dem orthodoxen Kalender oder sie feiern eben nicht. Ich konnte es nicht herausfinden.

Die Kerzen jedenfalls entzündeten die Tartuer in Gedenken an die Opfer des sowjetischen Regimes. Das machen sie immer am 25. März.

#7 Die Fahrt nach Alatskivi

Die Dynamo-Jungs hatten am Samstagabend ihr letztes Spiel. Am Sonntag hatten wir deshalb Zeit für einen Ausflug.

Wir setzten uns ins Auto und fuhren zum Schloss Alatskivi. Das liegt Jott-Weh-Deh nordöstlich von Tartu und ist nach Vorbild des schottischen Balmoral Castle errichtet. Man biegt im Dorf zwischen Tannen und Moosen um die Ecke, und da steht dieses Dingen:

Alatskivi_Loss

Dort wohnte dereinst Sophie Heloise Marie Euphrosine von Stackelberg, die Tochter des Barons von Alatskivi und spätere Frau des Barons von Luunja, Ernst Friedrich von Nolcken. Das hört sich alles sehr deutsch an, ist es auch. Migrationshintergrund quasi.

Was ich mich allerdings vor allem fragte, als ich in ihrem Wohnzimmer stand und in den Wald hinausblickte: Was hat Sophie Heloise hier bloß den ganzen Tag lang gemacht? Gestickt? Sich frisiert? Die Ländereien durchgezählt? Im Grünen zu wohnen, ist ja sehr schön – ruhig und reizarm und so -, aber Alatskivi … das ist noch deutlich, uhmmm, erholsamer als Brandenburg.

Naja, hübsch hatte sie es jedenfalls.

Alatskivi_Loss_Treppenhaus

Alatskivi_Loss_Raum

Alatskivi

Alatskivi_Loss_hinten

#8 Der Peipussee

Das Schloss liegt in der Nähe des Peipussees. Ich hatte von diesem See noch nie etwas gehört, im Gegensatz zu meinen Russen, die eine geradezu mythische Verbindung zu dem Gewässer hatten. Das mag daran liegen, dass es eine Schlacht gab, die Schlacht auf dem Peipussee, die dem westlichen Geschichtsunterricht nicht so wichtig ist und mir deshalb unbekannt war, für Russen aber legendär ist und in der der Nowgoroder Fürst Alexander Newski im Jahr 1242 eine Streitmacht des Livländischen Ordens vernichtend schlug.

Die Ritter waren seinerzeit mitnichten mit Schiffen unterwegs, sondern zu Pferd, denn der See war zugefroren – so wie bei meinem Besuch.

Peipussee01

Staunend und mit offenem Mund verharrte ich minutenlang am Ufer und starrte in die weiße Leere. Denn hey: Ich kenne den Sorpesee und den Möhnesee und dann noch den bayerischen Kochelsee, aber das sind allesamt Pfützen gegen den Peipussee, der fast 150 Kilometer lang und 50 Kilometer breit ist, Kilometer – das muss man sich mal vorstellen; das kann man sich gar nicht vorstellen. Er bildet fast die gesamte Ostgrenze Estlands zu Russland.

Folglich sieht man, wenn man am Ufer steht, nicht das andere Ufer, sondern nur weiß. Zwischendrin türmt sich Eis auf oder Schnee oder gefrorene, zusammengeschobene Gischt, was immer es sein mag.

Peipussee02

Ich dachte erst: Hui, ob ich den betreten kann? Aber der See friert 50 bis 60 Zentimeter tief zu, da kann ein Auto drüberfahren. Ich bin darauf herumgelaufen, es hat nicht mal geknackt, es war auch nicht glatt, es war wie auf einem Feldweg. Das war ein ganz neues Erlebnis.

Peipussee03

Ulkig war, dass das Wetter an Ostersonntag sehr sonnig war, wir hatten fast zwölf Grad. Die ersten Esten kreuzten in T-Shirt und kurzer Hose auf, während wir inmitten des Eises standen. Das war surreal.

#9 Die Jungs von Dynamo Moskau

Nun auch ein paar Worte zum Anlass meiner Reise, den Dynamo-Jungs. Ich hatte gedacht: Naja, das ist halt eine C-Jugend, die wie eine C-Jugend spielt; sie geben sich Mühe, werfen sich den Ball zu und manchmal auf den Korb, und die Eltern stehen am Rand und klatschen, weil sie Eltern sind.

Auch das war eine naive Annahme, denn die U12 von Dynamo Moskau trainiert sechsmal pro Woche. Trainer ist ein ehemaliger Basketballprofi, die Jungs werden für die Turniere von der Schule freigestellt, das ist alles sehr professionel und sieht dann im Ergebnis alles andere als nach der C-Jugend von, sagen wir, Eintracht Stoppelbeck aus. Es war eine Freude zuzusehen – und Sie ahnen es nicht: Ausgerechnet die kleinsten und schmächtigsten Burschen werfen einen Dreier nach dem anderen, da berührt der Ball nicht mal den Ring.

Aus diesem Jahr gibt es keine Videos, deshalb hier mal eins aus 2014, dieselbe Altersklasse, ebenfalls in Tartu:

Zwei Spiele gewonnen, zwei verloren, das letzte mit 60:61 gegen das Heim-Team von Tartu Rock, das war bitter – für die Zuschauer aber super, weil richtig spannend.

#10 Würde ich es nochmal machen?

Na klar! Im Prinzip mache ich das auch: Denn im Sommer hat Dynamo Moskau ein Trainingscamp in Riga. Dort soll es ja auch sehr schön sein.

Eine Reise in eine Turnhalle in Tartu

21. 03. 2016  •  22 Kommentare

Eine Reise steht an. Ich werde vor meinem Haus

  • in einen Bus steigen,
  • mit dem Bus zur U-Bahn fahren,
  • mit der U-Bahn zum Bahnhof fahren,
  • am Bahnhof in einen Zug steigen und
  • mit dem Zug nach Frankfurt reisen.

In Frankfurt

  • steige ich in ein Flugzeug und
  • fliege nach Tallinn in Estland.

In Tallinn steige ich

  • in einen Fernbus und
  • fahre nach Tartu.

Das ist auch in Estland.

In Tartu werde ich nichts anderes tun als das, was ich sonst in Dortmund-Aplerbeck tue, nämlich in einer Sporthalle sitzen.

Es wird nach Pubertandenschweiß riechen und beim Hallenverkauf wird es vielleicht keine Bockwurst, sondern Piroggen geben, was allgemein zu begrüßen ist. Aber sonst wird alles wie in Dortmund-Aplerbeck sein. Oder nein: Ein bisschen anders wird es doch sein, denn ich werde in Tartu kein Handball schauen, sondern Basketball, genau genommen Spiele der U11-Mannschaften der Baltic Boys Basketball League. Zum Beispiel Dynamo Moskau gegen BC Tarvas/Rakvere SK 2003.

Der größte Kleine meiner russischen Freunde – Sie erinnern sich: mein deutsch-russischer Schüleraustausch von 1992, ihr Mann und die drei Kinder (wir leben den Austausch noch immer, seit 24 Jahren); der älteste Sohn also spielt ambitioniert Basketball, und ich werde dabei sein, um ihn anzufeuern. Die Baltic Boys Basketball League ist ein „first small step for our next big basketball stars“, ein internationales Turnier für Jugendmannschaften aus Estland, Lettland, Litauen, Russland, Weißrussland, Finnland und Kasachstan.

Ich werde also mit ambitionierten Eltern aus diesen Ländern auf der Tribüne sitzen, und wir alle wissen, was „ambitionierte Eltern“ heißt, wenn es um den Sport der Kinder geht. Ich rechne mit wüsten Rufen und Flüchen. Ich werde diese Rufe und Flüche nicht verstehen, aber das macht nichts: Esten, Kasachen und Weißrussen werden ihren Kindern, dem Schiedsrichter und dem Gegner nichts anderes zubrüllen als deutsche Eltern. Oder vielleicht doch, vielleicht wird alles vollkommen friedlich und gesittet zugehen, vielleicht werden die Nationen sich in den Armen liegen und Lieder schunkeln. Ich werde an dieser Stelle berichten.

Nachdem ich mit meiner russischen Freundin (die dem Spiel – im Gegensatz zum Vater des Kindes – eher emotionslos gegenübersteht) wie Waldorf und Stettler zwei Tage in der Turnhalle gesessen habe (wir werden auf harten Tribünenbänken sitzen und reden, denn wir müssen eine Menge durchsprechen, eineinhalb Jahre nämlich, seit wir uns das letzte Mal trafen), werde ich wieder in den Bus steigen, von Tartu nach Tallinn fahren, mir Tallinn ansehen und dann heim reisen.

Diese Unternehmung ist ziemlich gaga, allein weil der einzige, für mich erreichbare Direktflug nach Tallinn nur von Frankfurt aus geht, und nach Tallinn muss ich ja gar nicht, sondern in eine Sporthalle nach Tartu, was von Dortmund aus gesehen wirklich maximale Pampa und total jeck ist – für nur zwei Tage. Deshalb habe ich, als sich die Reise ankündigte, direkt gesagt: Bin dabei. Eine Unternehmung, die dermaßen irrational ist, ist es wert, gemacht zu werden.

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Danziger Bemerknisse #10 – Wrzeszcz

7. 01. 2016  •  13 Kommentare

Die letzten Bemerknisse aus Danzig.

Am letzten Tag war ich in Wrzeszcz – ein Vorort von Danzig. Er liegt ebenfalls an der großen Aleja Grunwaldzka, die Danzig mit seinen zwei Schwesterstädten Gdynia und Sopot verbindet, zwischen Oliwa und der Innenstadt.

Wrzeszcz: Häuserfronten nahe der Kirche

Hier in Wrzeszcz ist Günther Grass aufgewachsen. Man kann sein Geburtshaus, seine Schule, einen Platz mit einer Bronzestatue, die Kirche, in der er getauft wurde, und allerlei Blechtrommel-Orte besichtigen.

Ich nehme das zur Kenntnis, mein Blick gilt aber anderen Dingen.

Haus in Wrzeszcz mit roter Tür

Was ich mag, sind die Alltäglichkeiten: Türe, Fassaden, Eishörnchenbemalung – mit Ausrufezeichen, schließlich ist Eis immer dringlich.

Wrzeszcz: Haus mit Aufschrift "Lody" und Eishörnchen

Heute ist der kälteste Tag des Danzigurlaubs: minus 11 Grad bei Windstille. Windstill ist es allerdings nicht, es geht eine Brise; sie tut weh an den Wangen und kühlt die Beine aus, bis ich nichts mehr fühle. Gefühlte minus 16 Grad, sagt die Wetter-App zum heutigen Tag. Ich trage zwei paar Handschuhe, ein Paar Kniestrümpfe, eine Strumpfhose und darüber nochmal Socken.

Trotzdem der Kälte könnte das Wetter nicht schöner sein: der Himmel strahlend blau, Pfützen und Seen sind hart gefroren.

Wrzeszcz: Stadtvillen

In Wrzeszcz gibt es Stadtvillen und Konsulate. Hübsch sehen sie aus. Raureif liegt auf Dächern, Wegen und Wiesen und lässt manche Gebäude wie Schneeschlösser aussehen.

Hinter den Villen gibt es – wie in Oliwa auch – einen Wald. Ich habe freie Sicht auf Gärten, Parks und Terrassen. Schön muss es hier sein im Sommer.

Wrzeszcz: Blick aus dem Wald auf Stadtvilla

In Wrzeszcz ist auch die Technische Universität Danzigs. Rund 25.000 Leute sind hier eingeschrieben und dürfen unter anderem in einem tollen Neorenaissance-Gebäude lernen.

 

TU Danzig

Tipp #10:
Fukafe, veganes Café, Wajdeloty 22 – „for vegans, coffee freaks and other disasters“. Leckeres Zeug, nette Inhaber, schöne Straße.

Wohntipp Danzig:
Sun & Snow Appartments Aura, gebucht über airbnb. Voll ausgestattete Ferienwohnung 10 Gehminuten von der Altstadt. Mit Tiefgarage und kleinem Supermarkt im Gebäude.

Übernachtungstipps für Hin- und Rückfahrt:

Hotel Horda, Słubice. Innenstadt Słubice und Frankfurt/Oder 10 Autominuten entfernt, Autobahnauffahrt 5 Minuten. Zweckmäßig, gutes Preis-Leistungsverhältnis.

Pension Alter Speicher, Brandenburg an der Havel. Charmantes, kleines Hotel mit persönlichem Service, toller Location und gutem Frühstück. Hier kann man auch länger Ferien machen.

Danziger Bemerknisse #1Danziger Bemerknisse #2Danziger Bemerknisse #3Danziger Bemerknisse #4Danziger Bemerknisse #5Danziger Bemerknisse #6Danziger Bemerknisse #7, Danziger Bemerknisse #8, Danziger Bemerknisse #9, Danziger Bemerknisse 10

Danziger Bemerknisse #9 – Sopot

6. 01. 2016  •  7 Kommentare

Der vorletzte von zehn Beiträgen aus Danzig, diesmal mit Meer-Content, Neobarock und Seebad-Gefühl. Denn es geht mondän zu, wenn man von Danzig aus nach Westen fährt.

Sopot: Mole

Dort, nach 20 Minuten Fahrt über die Aleja Grunwaldzka, liegt Sopot: Kur- und Badeort mit Strand, Restaurants und Kneipen. Nicht ganz 40.000 Einwohner hat der Ort – und ist recht übersichtlich: eine kleine Fußgängerzone, Strand und Kuranlagen.

Und ein Grand Hotel.

Sopot: Grandhotel in der Dämmerung

Seit ich den Film Grand Budapest Hotel gesehen habe, komme ich stets nicht umhin, mir in derartigen Bauten Monsieur Gustave H. und seinen Lobby Boy Zéro vorzustellen. Sehen Sie, im Mittelturm, das erleuchtete Fenster unter dem AN? Dort dienen sie gerade Madame.

Es lässt sich hier sehr schön flanieren, die kleine Fußgängerzone hinunter, am Kurhaus vorbei, die Seebrücke zunächst rechts liegen lassend, durch die Alleen nahe des Strandes.

Sopot: hinterm Strand. Baumallee und kleines Café

Sehen Sie auch, wie sie hier abends flanierten, die feinen Herrschaften, nachdem sie über Tag mit Badekarren ins Meer gefahren sind, bekleidet mit Pumphose und Trikot?

Die Seebrücke Sopots ist eine der längsten in Europa: 511 Meter lang, einen Kilometer hin und zurück. Da ist man beim Flanieren ein Weilchen unterwegs – länger, als es vom Strand aus zunächst den Eindruck macht. Ein ausreichendes Stück Weg, um zu sehen und gesehen zu werden. Der Seesteg in Kühlungsborn, zum Vergleich, ragt nur halb so weit ins Meer: 240 Meter.

Es ist sehr hübsch und windig dort auf dem Wasser. Am Ende ist ein Restaurant, das jetzt im Dezember aber nicht geöffnet hat.

Im Winter ist alles illuminiert: Die Brücke, die Hotels, die Promenade und das Kurhaus.

Sopot: Kurhaus im Dämmerlicht

Das ist das Gute am Reisen im Winter: Alles ist sehr schön erleuchtet. Der Nachteil: Es ist nur sechs Stunden am Tag tatsächlich hell, was durchaus eine Herausforderung ist, wenn man nicht zu den frühen Vögeln gehört.

In der kleinen Innenstadt gibt es noch das Krzywy Domek, das Krumme Häuschen. Es ist nichts Besonderes darin, nur Läden und ein Radiosender. Aber es ist schon recht kurios anzuschauen, zumal wenn man sich sicher ist, nüchtern zu sein.

Schiefes Haus in Sopot

Tipp #9:
Häkeldeckchenatmosphäre im Café Stella, Tadeusza Kościuszki 3, Sopot. Dort Apfelkuchen mit Vanilleeis und Sahne – der beste der gesamten Reise, und glauben Sie mir: Ich habe viele getestet.

Danziger Bemerknisse #1Danziger Bemerknisse #2Danziger Bemerknisse #3Danziger Bemerknisse #4Danziger Bemerknisse #5Danziger Bemerknisse #6Danziger Bemerknisse #7Danziger Bemerknisse #8Danziger Bemerknisse #9Danziger Bemerknisse 10

Danziger Bemerknisse #8 – Oliwa

3. 01. 2016  •  Keine Kommentare

Es gibt eine Straße, die man unweigerlich entlang fährt, wenn man aus Danzig hinaus oder nach Danzig hinein möchte. Es ist die Aleja Grunwaldzka; sie verbindet die Dreistadt Danzig, Sopot und Gdynia.

Die Aleja Grunwaldzka ist ein Monstrum von Straße, nicht nur wegen ihres Verkehrs, sondern auch wegen der Dichte ihrer Geschäfte, Büros und Businesspaläste. Autohaus reiht sich an Autohaus, Bürokomplex an Bürokomplex, dazwischen flughallengroße Einkaufszentren und die Uniwersytet Gdański, die Danziger Uni. Das ist beeindruckend, so verdichtet habe ich das in Deutschland noch nicht kennengelernt.

Die Straße durchquert zwei Stadtviertel, eines davon ist OliwaDer Reiseführer schlägt einen Spaziergang durch das Viertel vor. Fürs Umherlaufen und Indiegegendgucken bin ich immer zu haben, also los.

Straßenzug in Oliwa

Schon wenige Minuten fernab der großen Straße wird es beschaulich: Ein Wohnviertel eröffnet sich. Alte Häuser, neue Häuser – es ist ein schöner Stil, der sich hier durch die Straßen zieht, gemütlich mit Holzvorbauten und Vorgärten.

Auf der Rückseite des Stadtteils grenzt ein Wald an. Man kann hineingehen, einen Hügel hinaufsteigen und hinuntergucken. Das Laub knackt unter den Füßen.

Oliwa: im Wald

Oliwa hat einen Park. Der Park ist gar nicht mal so klein, mehr als 11 Hektar, und mir scheint, er ist das Zentrum des Stadtteils: Alleen, Wiesen und Wasserbecken, ein Bachlauf, ein Spielplatz, Enten, Spatzen und Möwen.

An diesem Neujahrsmittag endet gerade die Messe im Oliwaer Dom. Familien entern den Park, füttern die Vögel, flanieren, den Kopf tief in Schals gesteckt, unter den kahlen Bäumen umher.

Park Oliwski: zugefrorener See mit Enten und Möwen

Die Teiche sind fast zugefroren. Seit Tagen bleiben die Temperaturen unter Null, trotz Sonnenschein. Es ist schneidend kalt; die Enten wirken allesamt ein wenig entrüstet, wie sie aufgeplustert auf dem Eis hocken.

Tipp #8:
Pierogarnia Mandu, das Piroggenparadies in Oliwa, ulica Kaprów 19D. Die Frauen dort sind supernett, machen nur Piroggen, die aber in Perfektion: traditionell, exotisch, deftig oder süß. Zum Niederknien. Außerdem schönes Interieur.

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Danziger Bemerknisse #7 – Malbork

2. 01. 2016  •  5 Kommentare

Der größte Backsteinbau Europas. Hört sich erstmal nicht nach einer super Urlaubsbeschäftigung an. Fällt eher in eine Kategorie mit „Nationales Museum der Häkelkunst“ und „Größte Sammlung zeitgenössischer Hufeisen“.

Wenn Sie wüssten.

Malbork - Marienburg von außen

Der größte Backsteinbau Europas ist die Marienburg in Malbork – und die ist ein Knaller: riesig, wuchtig, tricky. Und drei Burgen in einer: Vorschloss, Mittelschloss, Hochschloss. Plus Kirche. Und Garten.

Von außen sieht die Marienburg schon hammamäßig aus. Innendrin ist sie auch super:

Malbork: Remter der Marienburg

Wenn ich in solchen Räumen stehe, denke ich immer an Anke Gröner und frage mich, was sie mir beim Besichtigen alles erzählen könnte.

Gelernt: das Wort „Remter“, das ich nur als „Refektorium“ kannte.

Sehen Sie im Bild oben übrigens die kleinen, glänzenden Punkte vor der hintersten Säule? Das ist die Zentralheizung. Kein Witz. 1309 erbaut, und die Mönche, die alten Haudegen, hatten eine Fußbodenheizung. Sie haben Feldsteine erhitzt, und die warme Luft strömte durch ein Röhrensystem im Boden (genaue Erklärung, pdf).

Gut gegessen haben sie auch. In einer Traumküche mit 4 mal 5 Meter großer Dunstabzugshaube:

Malbork: Küche

Fahren Sie mal dorthin, wenn Sie in der Gegend sind. Es gibt noch mehr zu entdecken.

Sonst hat Malbork leider nicht viel zu bieten. Es riecht auch nicht sehr angenehm; irgendwas ist dort in der Stadt, das die Luft verpestet.

Tipp #6:
Marienburg in Malbork mit Schlossmuseum, Starościńska 1. Montags geschlossen.

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