Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Anrainer«

Einszehn

6. 07. 2010  •  2 Kommentare
Neben dem langsamsten Dönermann befindet sich ein Büdchen. Über dem Büdchen hängt in Leuchtreklame:
TRINKHALLE
Chef der Trinkhalle ist Einszehn, ein Mann um die 50 mit mediterranen Wurzeln. Die Natur hat Einszehn übel mitgespielt: Sein halsloser Kopf hat die Form eines Luftballons. Zudem schaut sein linkes Auge nach rechts, sein rechtes nach links, und beide ähneln denen eines Chamäleons: Sie rotieren außerhalb ihrer Höhlen.

Am ersten Tag kaufe ich zwei Flaschen Apfelschorle.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am zweiten Tag kaufe ich einen Liter Zitronenbrause und ein Mars.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am dritten Tag kaufe ich ein Radler und eine große Flasche Cola.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am vierten Tag – Fußballgucken! – kaufe ich fünf Radler und lege ihm fünffünfzig hin. „Kennste du schon meine Preise“, sagt er anerkennend und erklärt sein Geschäftsmodell:

„Einszehn iste gute Preis: einszehn, zweizwanzig, kapieren die Leute. Und kuksdu: Cola iste bei mir immer große Cola, iste immer eins komma funf. Denken die Leute: Oh, so große Cola, so billig, iste super! Aber! Bier iste kleine Flasche, iste nur null drei. Und mit Bier und Cola iste so: Bier trinken die Leute, weil sie mussen trinken Alkohol. Cola trinken sie fur die Genuss. Muss iste teuer, Genuss iste billig. Iste große Suggestion hier. Große Geschäft fur mich.“

Der langsamste Dönermann der Welt

5. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Wenn Sie umziehen, kommen Sie nicht umhin, sich eine zeitlang aus der Tüte zu ernähren. Denn selbst, wenn Sie bereits eine Küche aufgebaut haben, steht Ihnen nach mehrstündigen Renovierungsarbeiten, verschwitzt und farbbekleckst, nicht der Sinn nach aufwändigem Garen und Dünsten. Deshalb gehen Sie zum Imbiss an der Ecke und essen aus der Schachtel.

In der näheren Umgebung meines neuen Domizils befinden sich die Schnellpizzeria „Da Carlo“, der langsamste Dönermann der Welt und ein Büdchen.

Carlo verdient keine nähere Erwähnung; er bietet grundsolide Verpflegung: Pizza Salami für unter vier Euro, dazu ein Union Pils – und Sie sind mit einem Fünfer dabei.

Der Dönermann bietet wahrscheinlich auch sehr gute Produkte an. Doch weil Dönermann der langsamste Schnellimbiss der Welt ist, habe ich dort bis anhin nur in einer Warteschlange gestanden.

Die Schlange besteht aus genau zwei Personen: mir und einer dürren Bebrillten Anfang Vierzig, die für sich und ihren Sohn einmal Pommes Schranke und einmal Lahmacun verlangt. Dönermann sucht zunächst die Fladen mit dem Hack, findet nur welche ohne Hack, sucht dann das Hack – auf der Theke, unter der Theke, im Verschlag hinter der Theke und findet es schließlich in der Kühlung. Gottlob. Er bestreicht den Fladen mit dem Hack, schiebt ihn in den Ofen und wartet. Dabei schaut er entrückt an mir und der Bebrillten vorbei auf die Straße, wo eine Oma ihren Hackenporsche über den Bürgersteig zerrt.

„Möchten Sie nicht auch die Pommes heiß machen?“ fragt die dürre Bebrillte nach einer Weile. Dönermann schreckt aus seinen Gedanken hoch, starrt sie an, greift dann zu seinem Holzschieber, öffnet den Ofen, wendet das Lahmacun, stellt den Schieber wieder auf Seite und seinen Blick zurück auf unendlich.

„Pommes. Wir wollten auch Pommes“, sagt die dürre Bebrillte. Das Vibrato in ihrer Stimme verheißt nichts Gutes. Dönermanns Blick verharrt in der Tiefe des Raumes, als er antwortet: „Mach isch erst Lahmacun. Mach isch eins nach andere.“

Die Bebrillte schnauft vernehmlich. Das Kind, das bislang reglos neben ihr stand, schaut zu ihr auf, ergreift ihre Hand und flüstert: „Keine Pommes heute?“ – „Doch, Thimon, bald.“

Dönermann holt den Fladen aus dem Ofen und legt ihn auf den Tresen vor seinem Bauch. „Mit alles?“ Die Bebrillte nickt. Dönermann füllt das Lahmacun. Dann geht er nach rechts, tippt auf seiner Kasse und sagt: „Swei Euro funfzig.“
„Ich hatte auch Pommes bestellt.“
„Nicht Lahmacun?“
„Doch. Aber auch Pommes.“
„Aber hab ich keine Pommes heute.“

Ich schaue sofort Thimon an und blicke auf seine Unterlippe, die jedoch kein Stück zuckt. Stattdessen stemmt er seine kleinen Hände in die knochigen Hüften und sagt zu Dönermann: „Dann gehe ich eben in den Paradiesgrill. Dort schmecken die Pommes sogar nach Himmel!“

Ich komme mit.

Morgen erzähle ich von dem Büdchen, in dem alles einszehn kostet.

Feierabend!

21. 06. 2010  •  Keine Kommentare
Es ist Abend. Ich gehe die Straße zu meiner Wohnung entlang, als ich in fünf Metern Höhe den Oberinspektor entdecke, wie er in seinem Küchenfenster lehnt und sich lüftet. Sein graues Haar zauselt in der leichten Brise, er trägt seinen blauen Frotteejogger und winkt majestätisch zu mir hinab.

Oberinspektor: Feierabend?
Nessy: Für heute.
Oberinspektor: Müssen’Se morgen wieder?
Nessy: Ich fürchte.
Oberinspektor: Dann mach ich morgen auch weiter.
Nessy: Schön zu hören!
Oberinspektor: Muss ja, wa!
Nessy: Dann ’n schönen Abend noch.
Oberinspektor: Ich guck noch ’n büschn ausm Fenster.
Nessy: Frische Luft ist wichtig.
Oberinspektor: Sag ich auch immer.
Nessy: Sagen Sie mir Bescheid, wenn was Wichtiges passiert, ja?
Oberinspektor: Ist doch Ehrensache. Tschüsskes, Frau Nessy, woll.
Nessy: Tschüsskes auch!

Ohne sie

6. 03. 2009  •  1 Kommentar
Sie war tot, ausgesprochen tot. Blass, wächsern und sehr regungslos. Ihre Hände gefaltet, oder nein – mehr ineinander verknotet. Das haben sie nicht gut hingekriegt.

Am Hals dunkle Flecken. Das Kostüm lila mit einer Brosche. Die Haare gebürstet. Fast hätte ich sie nicht erkannt, so steif, wie sie dalag. Lebend hat sie immer gelacht, war munter, pumperlrund und hatte etwas von einem Apfelbäumchen – fest verwurzelt, an der Rinde ein bisschen knorrig, aber doch immer fröhlich, mit wiegendem Schritt und geröteten Bäckchen.

Der Moment, in dem sie den Sarg zu Grabe lassen, ist ja immer der schlimmste. In diesen zehn Sekunden manifestiert sich die Endgültigkeit des Verlusts. Deshalb ist es auch dieser Augenblick, in dem der Oberinspektor alle Contenance verliert, das verstohlene Schnäuzen sein lässt und zu weinen beginnt. Einsamer kann ein Mensch nicht sein als dieser alte Mann, der im strömenden Regen seiner Frau eine letzte Blume auf den Sarg wirft.

„‚Vatta‘, hat meine Tochter am Dienstach zu mir gesacht‘, ‚getz musse dir aber ma wat weißes Hemd kaufen für die Beerdigung vonne Mutti'“, erzählt er beim Kaffeetrinken nach der Beisetzung. „Da bin ich im Kaufhof und hab mir wat weißes Hemd gekauft. Aber guckense ma, Frau Nessy,“ – er zieht den Arm aus dem schwarzen Jacket – „hab ich wat für’n Sommer erwischt. War dann doch wat kalt am Grabb!“ Er lacht und gibt mir einen freundschaftlichen Stupser. Seine trüben Augen schimmern wässrig.

Drei Tage nach dem Tod seiner Frau, sagt er, habe er zum ersten Mal gekocht: Bratkartoffeln. „Hab ich meine Tochter angerufen und gefracht, wat ich da machen muss. Und ich muss sagen: Hab ich gut gemacht. War nur’n bissken wat wenig. Dat hatte meine Frau besser raus mit mein‘ Appetit.“

Als ich mich für heute von ihm verabschiede und noch einmal herzliches Beileid wünsche, zwinkert er mir zu. „War ich doch die Tage immer inne Totenhalle und hab mit meine Frau wat Zwiesprache gehalten. Hab se gefracht, wie et da oben aussieht im Himmel. Und wissense was, Frau Nessy? Sie hat mir nich geantwortet, auch nache fünfte Frage nich. Aber dat is wie inne letzten 40 Jahre auch: Ich kann ihr einfach nich böse sein.“

Wir müssen jetzt ein bisschen auf ihn achtgeben.

The Nessy Burbank Show

28. 01. 2008  •  1 Kommentar

Begebenheiten in meinem Leben lassen mich vermuten, dass es auf dem Dachboden meines Hauses eine Regie gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mein Leben spannender zu gestalten.

Ich bin mir sicher, dort sitzen Menschen vor Monitoren und geben den Nachbarn Anweisungen, wann sie meinen Weg kreuzen sollen. Ab und an lassen sich die Leute da oben eine Pizza kommen, schmeißen Kippen aus dem Fenster, und wenn ich schlafe, blenden sie Werbung ein. Diesen komischen, zauseligen Junggesellen aus dem vierten Stock, der täglich Einkaufstüten durchs Treppenhaus schleppt, obwohl er alleine niemals so viel essen kann, haben sie angemietet, damit er ihnen Cola und Klopapier hochträgt. Und der papierdünne Opa von gegenüber, der jeden Morgen rauchend in Schlappen vor der Haustür steht, der Sonne beim Aufgehen zusieht und nur zwei Gesichtsausdrücke kennt, nämlich stumpf und sehr stumpf, ist eine Attrappe. Irgendwann, wenn es zu sehr windet, wird er vornüber aufs Gesicht kippen, und ich werde den kleinen, surrenden Motor in seinem Rücken sehen.

Was mich zu diesem Schluss kommen lässt? Immer, wenn ich meine Wohnung verlasse, treffe ich den Oberinspektor. Kehre ich in meine Wohnung zurück, treffe ich den Oberinspektor. Treffe ich ihn nicht, treffe ich den Mann mit dem kleinen, weißen Hund. Ich kann niemals unbehelligt durchs Treppenhaus gehen, egal zu welcher Uhrzeit. Und das – und jetzt kommt der Clou – obwohl ich diese Menschen jeweils fünf Minuten zuvor in ihr Auto steigen sah. Wie können sie weggefahren, aber gleichzeitig noch im Haus sein?

Ich gehe davon aus, dass in den Räumen über mir mindestens fünf Oberinspektor-Komparsen in der Maske sitzen. Verlasse ich meine Wohnung, gibt die Regie einem von ihnen über Funk Anweisung: „Sie tritt aus der Tür. Los, schnell die Treppe runtergehen. Gebeugt! Sie sind ein alter Mann! Faseln Sie wirres Zeug! Das Publikum will ein Gespräch!“

Wenn von den Oberinspektor-Komparsen zwei wegen eines gelben Scheins ausfallen, zwei gerade zum Mittag am Büdchen sind und der fünfte austreten ist, schicken sie den Mann mit dem kleinen, weißen Hund vor die Tür. Der Hund, er bellt nie. Ich wette, er ist innendrin hohl, eine batteriegetriebene Mechanik steuert seinen Schwanz, und nach Feierabend wird er shampooniert, ausgebessert und neu aufgeföhnt.

Die Ketchup-Kinder und der Mann mit der Geige

15. 07. 2007  •  1 Kommentar

Bei mir gegenüber wohnt die Ketchup-Familie. Sie heißt Ketchup-Familie, weil die Kinder eine ganze Menge Ketchup-Flecken auf ihrem Gesicht und ihrer Kleidung spazieren tragen und weil sie den Eindruck machen, als gäbe es bei ihnen nur Dinge zu essen, zu denen Ketchup passt. Wobei Ketchup natürlich zu allem passt, wenn man Kind ist, aber davon mal abgesehen.

Die Ketchup-Familie ist eine jener Großstadt-Familien, in der zwar keine Kinder verhungern, sie aber auch keine besondere Beachtung finden. So werden die drei Buben der Ketchups, nennen wir sie Marvin, Melvin und Justin, morgens auf die Straße geschickt und erst abends wieder reingeholt. In der Zwischenzeit laufen sie orientierungslos den Bürgersteig entlang, dreschen aufeinander ein, bis einer heult, oder sitzen einfach nur da und graben mit Stöcken in den Blumenrabatten, bis einer der Passanten mit ihnen schimpft.

Marvin, Melvin und Justin haben eine Mama und ein paar Männer, die vielleicht ihre Papas sind. Die Mama hat blond gefärbte Haare und trägt unter ihrem Top einen kleinen Hängebauch von den Schwangerschaften. Sie ist noch keine 30, aber ihre Gesichtshaut ist fahl und ihr Blick stumpf. Manchmal schubst sie die Kinder hinaus und ich sehe sie an der verglasten Tür des Mehrfamilienhauses, eine Kippe in der einen Hand, ihr Handy in der anderen. Es gibt Tage, da kehrt sie mit ihren drei Buben von einem unbekannten Ort zurück, die Kinder laufen vor ihr her, schlagen sich mit gefundenen Ästen und schreien „Fick dich!“ durch die Straßenschluchten, während sie SMS tippt.

Wenn einer der Papas vorfährt, heften sich Marvin, Melvin und Justin an seine Beine, kaum dass er aus dem Auto gestiegen ist. Mit fahrigen Bewegungen fährt seine Hand über die Köpfe der Kinder. Aber eigentlich will er zur Ketchup-Mama, die die Treppe hinunter kommt, weil sie das Jubelgeschrei der Buben gehört hat. Die beiden gehen ins Haus, und während sie in der Wohnung sind, klingeln die Kinder vor der verglasten Haustür so lange, bis der Papa hinunter kommt und sie ausschimpft.

Seit einigen Wochen haben Marvin, Melvin und Justin einen neuen Freund, den Mann mit der Geige. Der Mann mit der Geige ist ein großer Asiate mit vollem, fast langem Haar und feinen Gesichtszügen. Er wohnt in einem der Appartments in der Nachbarschaft, die auf Zeit vermietet werden. Jeden Tag steht er an der Straße, den Geigenkasten über der Schulter, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben und wartet auf seinen Chauffeur. Es dauert immer nur wenige Minuten, dann kommen die Ketchup-Kinder und umschwirren ihn wie kleine Motten das Licht. Sie lieben ihn, denn er kniet sich hin, wenn er mit ihnen spricht, fragt nach, wenn sie ihm etwas erzählen und berührt sie vorsichtig am Arm, wenn er mit ihnen lacht. Jedesmal, wenn der Mann mit der Geige bei seinem Chauffeur ins Auto gestiegen ist, laufen die Ketchup-Kinder winkend neben dem Wagen den Bürgersteig entlang, bis er um die Ecke und auf die Hauptstraße gebogen ist. Dann gehen sie gesenkten Hauptes wieder zurück, setzen sich an ein Blumenrabatt und schlagen mit Stöcken auf die Pflanzen ein.



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