Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Adoleszenz«

Warum man den Eltern nicht gehorchen sollte

27. 10. 2011  •  38 Kommentare

In der U-Bahn. Ein Mädel zur Freundin:

„Es ist voll wichtig, dass du nicht auf deinen Vatta hörst. Denn wenn du jetzt lieb bist und gehorchst und so, dann ändert das deinen Geist. Dann wirst du willensschwach, so voll unterwürfig, verstehst du. Dann stehst du hinterher auf diese besitzergreifenden Typen, die dich schlagen und so. Dann macht der dir ’n Kind, haut dir eins in die Fresse und du hockst zu Hause, weil du Hartz Vier hast und voll devot bist. Und das alles nur, weil du immer brav warst. Weil: Das polt dich um im Hirn. Deswegen besser jetzt voll Streit mit den Eltern haben und hinterher glücklich mit ’nem Kerl.“

Wiedersehen

21. 08. 2011  •  74 Kommentare

In meinem Leben hatte ich bislang zwei schlechte Küsser.

Den Zweiten traf ich auf einem Turnier. Wir waren beide 19 oder 20. Er gab mir zwei Whiskey-Cola aus und steckte mir dann seine Zunge in den Mund. Sie lag dort wie ein rohes Schnitzel. Ich war kurz vorm Ersticken. Ich versuchte, etwas mit dem Schnitzel anzustellen, aber es war nicht viel zu machen. Er fummelte eine Weile an mir herum, nahm  dabei seine Zunge aus meinem Mund, steckte sie wieder rein, raus, rein, raus, rein. Dann wollte er mich mit in sein Zelt nehmen. Doch ich lehnte ab. Es bestand keine Hoffnung auf Unschnitzeliges.

Der Erste war ein Italiener. Klein wie eine Parkuhr, gedrungen wie ein Ringer. Wir arbeiteten zusammen. Ich verdingte mich neben meinem Studium als Aushilfe, er ebenfalls. Ich stand im Arbeitsraum. Er kam herein, schloss die Tür hinter sich und knutschte mich, dass ich husten musste. Er war das Gegenteil von totem Schnitzel. Er quirlte wie ein Mixer in meinem Mund herum und produzierte dabei eine große Menge Speichel. Er drückte meine Brüste, und ich dachte nur: „Au! Was tut er bloß?“ Ich schob ihn weg und sagte, wir passten nicht zusammen. Er erwiderte, im Liegen seien wir alle gleich groß, ich solle mir darüber keine Gedanken machen. Dann ließ er von mir ab. Ein paar Wochen später, als wir gemeinsam in einem Auto zu einer Erledigung fahren mussten, fuhr er rechts ran und probierte es erneut. Aber es wurde nicht besser. Kurz danach hatte er einen neuen Job.

Gestern morgen liege ich in meinem Bett und schlummere noch ein bisschen. Mein Schlafzimmerfenster geht zum Hof. Ich höre, wie ein Auto einfährt, parkt und der Motor ausgeht. In meinem Hof sind ein paar kleinere Gewerbe. Morgens kommen öfter Autos. Jemand steigt aus, dann klingelt ein Handy. Der Autofahrer meldet sich mit seinem Namen. Es ist der Name des italienischen Mixers.

Wie vom Blitz getroffen richte ich mich auf, hülle mich in eine Decke und gehe zum Fenster. Tatsächlich. Dort steht er. Klein und noch gedrungener. Ein Mann vom Typ Rauhaardackel, kurze Beine, graue, borstige Haare. 15 Jahre älter, aber unverkennbar er.

Seit gestern hängt ein neues Schild an der Hausmauer. Er hat jetzt ein Büro in meinem Hof.

Ich glaube, ich bin jetzt groß

12. 06. 2011  •  64 Kommentare

Dass ich erwachsen bin, habe ich gestern daran gemerkt, dass …

  • ich vor dem Ausgehen nicht mehr Stunden vor dem Kleiderschrank verbringe, sondern einfach anziehe, worin ich mich wohlfühle. Ein guter Abend hängt schließlich nicht vom Outfit ab.
  • ich in der Kneipe von einer Altherrenmannschaft angemacht werde und denke: „Da sind aber ein paar knackige Typen bei!“
  • Mitglieder einer Altherrenmannschaft mich überhaupt für eine lohnenswerte Begleitung halten.
  • ich nach der Kneipe in den Club wechsle und keine Angst mehr vor den Türstehern habe.
  • ich im Club den Garderobenservice nutze, anstatt einen Euro zu sparen und die Jacke auf einen Heizkörper zu knüllen.
  • ich nicht mehr in Kleingruppen tanze.
  • es mir scheißegal ist, wie ich dabei aussehe.
  • ich mich darüber freue, dass a) Security da ist, b) die Getränke in kleinen Flasche ausgegeben werden (K.O.-Tropfen!), c) die Typen, die auf dem Klo Drogen rauchen, sofort rausfliegen, d) überhaupt nur draußen geraucht werden darf.
  • ich denke: „Gute Mukke hier“, und erst später das Plakat sehe: „11. Juni: 90er Revival Party“.
  • ich im Laufe der Nacht 20 Euro mit Cola und Wasser versaufe, weil die Alten Herren in der Kneipe schon so viele Cocktails ausgegeben haben und ich keinen Schädel kriegen will.
  • ich nach dem Nachhausekommen nachts um 4 dusche und danach sogar den Spritzschutz abflitsche, weil ich denke: „Morgen früh ärgere ich mich sonst über die Kalkflecken.“

Aus dem Leben der jungen Nessy

3. 05. 2011  •  65 Kommentare

Gestern beim Aufräumen gefunden:

Katz und Sittich

Die Katze gehörte den Nachbarn. In dem Käfig befand sich ein Fink, zu dem ich eine Beziehung aufgebaut hatte. Er hieß Pumuckl. Zum Zeitpunkt der Bildaufnahme flog er aber so schnell durchs Gehäuse, dass man ihn jetzt nicht sehen kann. Lichtgeschwindigkeit, im Grunde.

Das im Vordergrund bin ich. Die Schürze habe ich um, weil ich zum Pflaumendöppen oder Dickebohnenpulen versklavt war.

Die Socken in den Sandalen trug man so. Wegen der Fußkälte, die 1984, vor dem Klimawandel und zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, noch herrschte.

Irrtümer des Lebens (IV): Das Christkind

23. 12. 2010  •  29 Kommentare

Bei uns zu Hause bringt das Christkind die Geschenke.

Nach dem Frühstück am Heiligen Abend brachen mein Vater und ich stets zu vorgeschobenen Erledigungen auf. Unter anderem besorgten wir Baguette für das abendliche Mahl und aßen danach in einer Pommesbude zu Mittag. Beides war eine Attraktion: mit meinem Vater einkaufen gehen und ungesunde Pommes essen – und deshalb schon für sich genommen ein Geschenk.

Wenn wir am frühen Nachmittag nach Hause zurückkehrten, waren wir bis zum Stehkragen voll mit Ketchup und Fritten (in dieser Reihenfolge) und das Wohnzimmer still, dunkel und abgeschlossen – damit das Christkind kommen konnte. Denn das Christkind kommt nur, wenn keiner guckt.

Für den Rest des Nachmittags saßen wir in meinem Kinderzimmer auf kleinen Stühlen, tranken Kaffee, aßen Plätzchen und spielten Spiele. Mein Vater schlief, der Schnitzelstarre erlegen, auf meinem Bett ein und schnarchte.

Als wir am Abend nach der Messe nach Hause kamen, verschwand meine Mutter sofort im Wohnzimmer, um dem Christkind beim Kerzenanzünden zu helfen. Der Rest der Familie musste draußen bleiben. Weil Durchs-Schlüsselloch-Gucken verboten war und Fehltritte streng geahndet wurden, saß ich in der angrenzenden Küche auf der Arbeitsplatte, baumelte nervös mit den Beinen und lauschte den Geräuschen hinter der Wohnzimmertür. Erst nach gefühlten 100 Minuten, wenn Mutter und das Christkind fertig waren, bimmelte ein Glöckchen, und wir durften eintreten. Ich war natürlich die erste an der Tür – und betrat das lichterglänzende Wohnzimmer doch mit Scheu und Ehrfurcht.

Bald erreichte ich ein Alter, in dem ich mir gewisse Fragen stellte:

Wie kam das Christkind Anfang Dezember an meinen Wunschzettel, den ich immer innen auf mein Fensterbrett legte?
(Mutter: „Es kann durch Glas fliegen.“)

Wie kam das Christkind an Heiligabend in unser Wohnzimmer?
(Mutter: „Ich lasse die Balkontür offen.“)

Wo es aber Anfang Dezember noch durch Glas fliegen konnte! Erster Widerspruch.

Wie kann es gleichzeitig so viele Kinder auf der Welt beliefern?
(Mutter: „Wegen der verschiedenen Zeitzonen auf der Erde muss es das nicht gleichzeitig machen.“)

Das klang schlüssig.

Warum kann das Christkind die Kerzen nicht alleine anzünden?
(Mutter: „Weil es noch ein Kind ist, und Kinder dürfen nicht mit Feuer spielen.“)

Na klar.

Warum dürfen nur Mütter dem Christkind helfen?
(Mutter: „Darum.“)

Das war verdächtig.

Nach Abwägen aller Widersprüche war Sherlock Nessy klar: Es gibt Ungereimtheiten in der Causa Christkind. Allerdings gibt es auch keine stichhaltigen Beweise für die Nicht-Existenz des Christkindes. Im Grunde gibt es sogar gute Gründe für das Christkind: Denn woher kommen die Geschenke, während wir in der Messe sind?

Bis ich acht oder neun war, glaubte ich ans Christkind. Daran konnten selbst meine Schulkameraden nichts ändern.

[Teil I: Tennis, Teil II: Sex, Teil III: Roman]

Teenie-Tagebuch, 3. Juli 1995

28. 09. 2009  •  2 Kommentare

Lieber N. Hallo N.,

die ganze Zeit muss ich an Dich denken. wahrscheinlich wunderst Du Dich, dass Du einen Brief von mir bekommst. Ich hoffe, Du erinnerst Dich noch an mich. Ich bin Nessy aus der Ferienfreizeit letztes Jahr, mit der Du von der Du ein Foto machen wolltest und mit der Du manchmal beim Abendessen geredet hast.

Du bist mir damals sofort aufgefallen, als Du in den Bus stiegst. Ich wusste sofort, dass Du ein besonderer Junge Mann etwas Besonderes bist. Deshalb konnte ich Dich nicht vergessen.

Ich habe gehört, dass Du bald zur Bundeswehr gehst. Macht es Dir etwas aus, vorher mit mir Gerne würde ich Dich vorher noch einmal sehen.

Ruf mich bitte an.
Wollen wir mal telefonieren?

Wir könnten ein Eis essen ins Kino gehen uns nach dem Montagssport treffen.

Deine
Liebe Grüße

Nessy“

Teenie-Tagebuch, 30. Juni 1995

22. 09. 2009  •  Keine Kommentare

Wenn ich nur wüsste, ob N. mich liebt.

Noch zwei Monate, dann ist es ein Jahr her, dass wir auf der Freizeit waren. Da hat er mich angeflirtet! Sowas kann man sich nicht einbilden! Sandra hat mir auch gesagt, dass er was von mir will. Warum kennt er mich jetzt nicht mehr? Hat er keine Sehnsucht? ICH habe voll Sehnsucht!

Wenn er jetzt zur Bundeswehr geht, muss ich vorher was machen. Sonst vergisst er mich.

Scheiß-Situation. Wenn ich ihn anrufe, ist bestimmt seine Mutter dran. Oder sein verklemmter Bruder. Wie peinlich!

Vielleicht sollte ich ihm einen Brief schreiben. Dann muss ER anrufen, und ich muss nicht mit seiner (peinlich!) Mutter oder seinem (peinlich peinlich!) Bruder telefonieren.

Mama und Papa meinen übrigens, dass ich in den Sommerferien nicht mit dem Arsch zu Hause sitzen soll. „6 Wochen Ferien! Du bist jetzt 17, da kannst du 3 Wochen arbeiten!“ Ich soll mich entweder in der Fabrik bewerben oder irgendwo ein Praktikum machen. Ich komme mir vor wie auf der Galeere!

Erstmal den Brief an N.
Das ist wichtiger.

Teenie-Tagebuch, 23. Mai 1995

14. 07. 2009  •  Keine Kommentare

Heute ist Dienstag. Seitdem ich das letzte Mal geschrieben habe, ist Einiges passiert.

Am Samstag hatten wir das Spiel in I. Wir haben 16:6 gewonnen. Danach Fete in Carolins Ich-bin-süß-und-gepudert-Club. 18. Geburtstag. Sandra & Christian, Tanja und ich sind um neun Uhr hingegangen. Also 21.00 Uhr. Es waren schon viele da: 1. Mannschaft, 2. Mannschaft, A-Jugend, ein paar aus unserer Stufe und ein paar, die ich nicht kannte.

Am Anfang standen wir nur so rum, und Christian fing an rumzumuffeln. Ob wir nicht gehen sollten, er wollte fernsehen. Der alte Langweiler. Natürlich sind wir nicht gegangen. Blabla – unterhalten, undsoweiter.

Irgendwann kurz vor Mitternacht sind Sandra und Christian rausgegangen. Ich dachte, sie wollten weg, aber Tanja meinte, sie wollten fummeln. Wir also gewartet. Und Bowle getrunken. Und gewartet. Und Bowle getrunken. Blabla.

Es wurde dann aber lustiger. Irgendwann war es kurz vor Eins. Weil keiner die Nummer von einem Taxi wusste, sagte Tanja, ich solle bei ihr schlafen. Also zu Tanja. Sandra und Christian immer noch weg.

Tanja hatte einen Schwips. Ich nicht so doll. Als wir bei Tanja waren, waren ihre Eltern noch auf. Ich hatte ein bisschen Schluckauf, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Eltern nichts gemerkt haben.

P.S.: Heute erfahren: N. hat sich die Haare abgeschnitten, weil er zur Bundeswehr muss. Dann ist er ein Jahr weg. Ich mag gar nicht dran denken.

Teenie-Tagebuch, 15. Mai 1995 (besagter Montag)

30. 06. 2009  •  Keine Kommentare

Eben war ich beim Montagssport mit N. Sandra war auch mit.

N. hat plötzlich kurze Haare. Sieht ein bisschen fusselig aus, aber nicht schlecht. Ich glaube, er kriegt später mal eine Glatze. Macht aber nix. Dann ist er vielleicht nicht mehr so süß, aber ich bin dann ja auch keine 17 mehr, sondern eine Frau und finde Männer mit Glatze bestimmt gut.

Wir haben einen Parcour gemacht. So eine Art Zirkeltraining, aber nicht anstrengend.

Was soll ich sagen? Der Abend heute war weder gut noch schlecht. Kein + und kein -. Wir haben aber miteinander geredet. So richtig. Er hat sich auch entschuldigt, dass er mich nicht gegrüßt hat am Samstag. Er hat mich nicht gesehen.

Die Weiber waren aus seiner Stufe. Er sagt, er hat nix mit ihnen (Ich habe ihn aber nicht direkt gefragt. Mehr so durch die Blume. Sonst denkt er noch, ich stehe auf ihn.). Ich will ihm das mal glauben.

Adiós, wie man in Spanien so sagt.
(Morgen = Spanisch-Klausur).

Gute Nacht.

Teenie-Tagebuch, 14. Mai 1995 (Sonntag nach besagtem Samstag und vor besagten Montag)

23. 06. 2009  •  Keine Kommentare

Ach ja. N. Er lässt mir doch keine Ruhe.

Also auf der Ferienfreizeit, ich möchte es echt schwören: Wir haben geflirtet! Es war alles so, wie man es überall liest! Und jetzt kennt er mich nicht mal mehr.

Nächsten Samstag bin ich bei Carolin auf den Geburtstag eingeladen. Sie wird schon 18. 80 Leute kommen. Diese ganzen „Süßen“ vom Handball undsoweiter. Ich werde das Beste draus machen.

N. kommt natürlich nicht. Wie soll er auch. Carolin und N. kennen sich ja gar nicht. Andererseits … es muss doch auch mal Vorteile haben, in diesem Kaff zu wohnen. Vielleicht kennen sie sich ja doch irgendwie. Oder sie sind verwandt. (In Bio machen wir gerade Genetik, fällt mir dazu ein. Mendel und so. Drosophila melanogaster.)

Nächste Woche vor der Fete spielen wir in I. Das Hinspiel haben wir 3:22 verloren.

Das ist also mein Leben. Meine Damen und Herren, das ist ihr Leben! Sie spielt seit drei Jahren erfolglos B-Jugend und wird auf ewig ungeküsst bleiben!

Dann doch lieber so eine scheiß Taufliege sein und von Thomas Hunt Morgan gekreuzt werden. Dann hatte ich wenigstens einmal in meinem Leben Sex.

Morgen Montagssport. Morgen mehr.
Gute Nacht an die Welt!



In diesem Kaffeehaus werden Kekse gereicht. Indem Sie sich hier aufhalten, Bestellungen aufgeben und rumklicken, stimmen Sie der Nutzung dieser Cookies zu. Rezeptinformationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen