Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

Archiv der Kategorie »Adoleszenz«

Schule muss abgehen

14. 12. 2012  •  38 Kommentare

Zwei Jäuster in der U-Bahn.

„Nächste Woche wird Schule voll lutsche. In Englisch gucken wir den Film weiter, in Deutsch gucken wir auch ’nen Film, in Sport … pffff … vergiss es, ey. Alta, aber Mathe. Der zieht das echt voll durch.“

„Finde ich aber gut, Alta, dann hängst du nicht so rum. Dieses Filmgeglotze, davon wirst du doch krank, ey. Da kann ich auch zu Hause bleiben. Der Name Mathelehrer ist echt noch so’n Lehrer alter Schule. Da komm‘ ich viel besser drauf klar als auf diese ganzen Versager, ey, die nur einen auf Harmonie machen.“

„Schule is‘ nich‘ Harmonie, Schule muss auch mal krass abgehen. Sonst gehst du hinterher arbeiten und bist voll überrascht, wie das da abgeht.“

Es besteht also noch Hoffnung für unsere Renten.

Neues von der Trendpolizei

26. 11. 2012  •  42 Kommentare

Dieses Blog ist ein Serviceblog. Auch in Sachen Trends.

Deshalb jetzt der Pro-Tipp für alle Mopedrocker, die noch melonenhäftengroße Kopfhörer auf ihre Schädel schnallen: Ihr seid absolut unkultig. Im Ruhrgebiet – und wir wissen ja alle, dass die naturcoolsten Upstyler aus dem Pott kommen – hört man die Lalla neuerdings mit lässig über die Ohrmuschel gehängten Stöpseln.

Neuer Trend: Baumelstöpsel

Nachgestellte Szene

Allein heute habe ich in meiner Funktion als Style-Polizistin vier Pubertanden mit Baumelstpöseln gesichtet – unabhängig voneinander! Klar, der Sound kommt nicht so gut rüber, wenn die Hörer außerhäusig bammeln, aber Ihr müsst halt entscheiden: entweder Klangorgasmus oder derber Hipster. Dreht einfach die Lautstärke auf Vuvuzela, dann geht sich’s schon aus. Wenn’s zu sehr dengelt, keine falsche Scham: Die U-Bahn hört gerne mit.

Die Mutterkuh

22. 11. 2012  •  40 Kommentare

Frau Barbamolle kommentiert, dass sie ihre erste Bühnenerfahrung als Baum sammelte, ein Einsatz, der leider in keine großen Karriere gemündet habe. Ein guter Anlass, um von meiner ersten Bühnenrolle zu sprechen. Es war im Kindergarten, und ich erinnere mich außerordentlich gut: Ich war die Mutterkuh.

Das Stück handelte vom kleinen Kälbchen Fridolin. Was dem Kälbchen widerfuhr, habe ich vergessen, aber nicht, wer die Hauptrolle bekam: Es war meine Kindergartenkameradin Sonja, mit der mich eine intensive Hassliebe verband. Einerseits spielten wir recht gerne miteinander, ich besuchte sie oft zu Hause, sie hatte ein fantastisches, von ihrem Vater selbstgezimmertes Holzhaus im Garten, und ihre Familie besaß einen Dackel, für den die Bezeichnung „phlegmatisch“ noch deutlich zu lebhaft ist, der mir aber in tranfunzeliger Ergebenheit zugetan war. Ich spielte gerne mit Sonja und ihrem Dackel, doch Sonja hatte auch die Angewohnheit, ziemlich hinterfotzig zu sein. Als wir im Kindergarten einmal kochten, fragte sie mich, ob ich Pilze möge. Als ich verneinte, sagte sie, dann würde sie sie nun besonders klein ins Gulasch schneiden, damit ich sie auf keinen Fall raussuchen könne. Gegenüber der Kindergärtnerin behauptete sie, sie habe so viele ins Gulasch geschnitten, weil ich sie so gerne möge. Ich werde diese Szene und meine sprachlose Ohnmacht, die ich in dem Moment angesichts dieser grundlosen Gehässigkeit empfand, nie vergessen.

Sonja spielte also die Hauptrolle in unserer Aufführung, und ich sollte ihre Mutter sein. Ich war ein groß gewachsenes Kind, was auch in den Folgejahren dazu führte, dass ich immer die Mutterrollen zugeschustert bekam, oder noch schlimmer: in Ermangelung schauspielinteressierter Jungen männliche Rollen spielen musste, was ich ziemlich daneben fand und mich letztendlich davon abhielt, mich intensiver dem Theater zu widmen, obwohl mir das Schauspiel an sich viel Freude bereitete.

Neben den Rollen des Fridolins und der Mutterkuh gab es eine Menge Bäume und Sträucher, die nach ausgiebigem Casting ebenfalls besetzt wurden. Letztendlich durfte ich mich glücklich schätzen, dass ich eine Sprechrolle hatte, auch wenn diese sich schlimmer anfühlte, als ein Baum zu sein, denn welchem Erwachsenen auch immer ich stolz von meinem bevorstehenden Auftritt berichtete, er reagierte stets mit einem gewissen Amusement – einer Belustigung, von der ich nicht viel, aber dennoch genug verstand, um sie als Spott zu empfinden. So kam es, dass ich mich während meines Auftritts als Fridolins Mama in Grund und Boden schämte.

Fünfzehn Jahre später spielte ich noch einmal eine Mutter: Frau Bergmann in Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“. Ich selbst hatte meinen Kindergarteneinsatz zu dem Zeitpunkt lange vergessen, wurde aber ziemlich bald nach Besetzung der Rolle mit verwandtschaftlichen Kommentaren daran erinnert: Auf Mutterkuh sei ich wohl gebucht. Danach habe ich das Theaterspiel aufgegeben.

Neue Arbeitszeitmodelle: Ideen der Jugend

11. 09. 2012  •  41 Kommentare

Ein Chick in der U-Bahn quasselt ins Telefon:

„… ’sch bin voll fertich, ey, wegen Schule. Wegen mir könnten die nach den Ferien ers’ma so’ne Anlaufphase machen, so zum Warmwerden ers’ma nur drei Stunden am Tach, so von zehn bis eins oder so, damit du nich‘ gleich voll am Rad am Drehen bis‘. Und dann wär‘ gut: sieben Tage Schule am Stück und dann eine Woche frei statt fünf Tage und dann Wochenende und dann nochma‘ fünf Tage. Kommt aufs Selbe raus, aber dann biste nich‘ so im Arsch, Alta, ich schwör dir, ich bin total am Ende, und heute is‘ ers‘ Montach, ich bin vom Wochenende total am Ende. Wenn gestern jetz‘ nich‘ Wochenende gewesen wär‘, sondern Schule, weißtu, sieben Tage Schule halt, dann wär‘ heute frei und ich wär‘ voll gechillt. Auch für später, für’s Arbeiten fänd‘ ich das gut: sieben Tage arbeiten, dann eine Woche frei, verstehe gar nicht, warum das noch keiner eingeführt hat, Alta, so gehste doch kaputt, ey, immer fünf Tage arbeiten, nur zwei Tage frei und dann wieder fünf Tage, Alta, und wenn du irgendwo anne Kasse sitzt, ey, kannste samstags auch noch arbeiten, das ist voll hart. Deswegen, ich sach‘ dir, ich und Kasse, niemals, ey, eher mach‘ ich Tierarzthelferin, da kannste dich dann auch mal verdrücken und Tiere streicheln und so, dann biste nich‘ schon am Montach so total durch.“

M ist voll schwabbel

6. 09. 2012  •  59 Kommentare

Feierabend, Berufsverkehr.
Drei Mädels um die 15 sitzen im Vierersitz der U-Bahn.

– Hast du Marie gesehen? Beim Sport, in der Umkleide? Die is‘ voll schwabbel.
– Die trägt M. Ich würd‘ mich umbringen, wenn ich M tragen müsste.
– Die hat bestimmt schon L.
– Meinst du? L ist echt meeeega. Das ist 42 oder so.
– In der Pause hat die immer voll die fette Brotdose mit.
– Ich ess‘ höchstens mittags mal was.
– Ich auch. Ich habe morgens gar keinen Hunger.
– Hast du mal ihre Bilder auf Facebook gesehen? Da gibt’s eins, wo sie mit ihrem Bruder am Strand steht. Ich hab‘ Gänsehaut gekriegt vor Ekel.

Ein Mann mittleren Alters sitzt im Vierersitz daneben: erste graue Haare, Hemd, Aktentasche auf dem Schoß – ein Vatertyp. Er blickt von seinem Smartphone auf, schaut zu den drei Mädels hinüber und sagt: „Marie hat wenigstens Titten und Arsch im Gegensatz zu euch. Da stehen die Typen drauf. Werdet ihr aber erst später merken.“ Dann wendet er sich wieder seinem Handy zu.

Hexenhaar

3. 09. 2012  •  65 Kommentare

Mein Körper ist ein wunderlicher Ort.

Seit zwei Jahren habe ich auf der linken Hand einen Altersfleck. Ich finde ihn, ehrlich gesagt, ziemlich hübsch, denn er schaut aus wie eine dicke Sommersprosse. Überhaupt finde ich Altersflecken schön, genauso wie ich Sommersprossen schön finde, weshalb ich einigermaßen glücklich bin, dass ich seit ein paar Jahren auf der Nase und auf dem Jochbein welche kriege, ein ganz paar.

Was ich allerdings auch habe, sind drei Haare am Kinn:

  1. |
  2. |
  3. |

Sie wachsen allerdings nicht gleichzeitig, sondern nacheinander: Haar A wächst, Haar A wird gezupft, dann wäscht B, B wird gezupft, dann C, dann wieder A. Es besteht also ständig die Gefahr, dass ein Haar rausstakst, wo keins hingehört, was optisch nicht von Belang ist, denn die Haare sind blond. Aber dieses Gefühl! Wenn ich das Hexenhaar erst einmal mit der Fingerspitze entdeckt habe, kann ich nicht mehr von ihm lassen.

Sie kennen das vielleicht aus der Pubertät. Es ist wie diese Pickelsache. Sie merken, wie der Pickel wächst, wissen aber, dass in diesem Stadium noch nichts zu machen ist. Der Pickel wird praller und praller, Ihre Finger suchen ihn immer und immer wieder, Sie drücken leicht, aber immer noch lässt sich nichts machen. Im schlimmsten Fall endet es so, dass der Pickel sich von selbst zurückbildet, es nichts zu drücken gibt, Ihre Hände unbefriedigt bleiben, Sie keine Erleichterung verspüren dürfen.

Mit dem Haar ist es so: Morgens vor dem Spiegel prüfe ich immer kurz, ob in meinem Gesicht alles in Ordnung ist – dass die Augenbrauen nicht über Nacht zugewuchert sind und dass ich mir beim Frühstück keinen Milchbart angesoffen habe. Sie wissen ja: Ich neige zu einer ausgeprägten Bridget-Jones-Haftigkeit, erst vergangene Woche ist mir beim Mittagessen eine Nudel in meine Tomatensoße geklatscht, natürlich an einem Tag, an dem ich – Tollpatsch-Grundgesetz §1 – eine weiße Bluse trug. Ich gucke also vorsichtshalber auch aufs Kinn, damit dort nicht ausgerechnet heute Haar B wächst.

Wenn ich bei der Inspektion feststelle: alles in bester Ordnung, kein Nutella im Mundwinkel und keine Zahnpasta am Kinn, keine Haare an ungewöhnlichen Orten, kein Sand mehr im Auge, kein Popel im Nasenloch – dann gehe ich zur U-Bahn. Und auf diesen 300 Metern, Sie werden es nicht glauben – auf diesen 300 Metern von meiner Haustür bis zur U-Bahn, zwischen meinem Sofa, dem Ghettolemmi und der Trinkhalle  wächst Haar B! Ich habe dafür keine Erklärung. Aber es passiert immer wieder.

Chantalismus in den 80ern

26. 02. 2012  •  102 Kommentare

Inzwischen ist es wohl allseits bekannt: das Chantalismus-Blog.

Die Jüngeren unter Ihnen sind vielleicht der Meinung, Chantalismus und Kevinismus seien ein Phänomen der jüngeren Zeit. Dabei gab es auch damals™ schon typische Ghettonamen.

Die Chantalle der 80er war in meinem Viertel die Sandra. Kevin hieß Dennis. Wenn Kinder nach Prominenten benannt wurden, hießen sie nicht Brad und Angelina. Stattdessen kannte ich die Geschwister Paola und Kurt und Albano und Romina.

Und bei Ihnen?

Unerfüllte Weihnachtswünsche

22. 11. 2011  •  237 Kommentare

Ich wollte immer eine Carrera-Bahn.

Eine Carrera-Bahn mit mindestens einem Loping, so wie sie mein Freund Olli hatte. Die Kollegin, die mir gegenüber sitzt, sagt: „Ein Parkhaus mit Aufzug für die Autos.“ Und der Kollege: „Ein BMX-Rad.“ Wir sprechen über unerfüllte Weihnachtswünsche.

Ein BMX-Rad wollte ich auch gerne haben. „So was kommt uns nicht ins Haus“, sagten meine Eltern. Ein Rad ohne Licht und Reflektoren, mit kleinen Rädern und zu niedrigem Sattel. „Darauf kann man ja gar nicht vernünftig fahren.“

Und Sie? Was haben Sie sich als Kind gewünscht, aber niemals bekommen?

Nurhan

1. 11. 2011  •  35 Kommentare

Deutschland feiert 50 Jahre Anwerbeabkommen bei der Türkei. Die Leute sprechen über das Zusammenleben von Deutschen und Türken. Ich möchte dazu eine Geschichte erzählen.

Es war mein erster Tag in der Grundschule – der erste richtige Tag nach der Einschulung. Die Tische standen in der Form eines U. Ich saß mit dem Rücken zum Fenster. Ich war schüchtern, weil ich niemanden kannte. Mir gegenüber, am anderen Ende des Raumes, mit einer Uhr aus Bastelkarton im Rücken, saß Nurhan. Ich wusste damals noch nicht, dass sie so heißt. Sie sah mich und lächelte. Sie war auch allein.

In der großen Pause ließ ich sie mit meinem Seil springen. Sie war dick und konnte es nicht gut. Aber es war egal. Wir waren jetzt Freundinnen. Zu Hause fragte ich, ob ich Nurhan einmal einladen dürfe. Meine Mutter fragte: „Nurhan? Was ist das für ein Name? Ist das eine Türkin?“

Ich sagte, ich wisse es nicht. Ich hatte noch nicht darüber nachgedacht. Ich sagte, sie sei meine Freundin in der Schule.

Ein paar Tage später kam Nurhan zu mir. Sie hatte ihre kleine Schwester dabei. Meine Mutter sagte nur: „Das war so nicht abgemacht.“

Die kleine Schwester war ein bisschen ungezogen und hüpfte über unser Sofa. Am Ende des Tages sagte meine Mutter, Nurhan dürfe nicht mehr wiederkommen.

„Auch nicht allein?“ fragte ich.
„Sie kommt sowieso nicht allein. Die bringen immer ihre ganze Familie mit.“

Ein paar Mal war ich noch bei Nurhan spielen. Sie hatte keine Barbies und auch kein Lego, nur eine einzige Puppe. Wir spielten Vater-Mutter-Kind oder malen. In der Wohnung roch es komisch. Es war immer laut, weil Nurhan nicht nur eine Schwester, sondern auch zwei Brüder hatte. Wenn der Vater oder die Mutter sprachen, verstand ich sie nicht. Ich spürte, dass sie sich freuten, dass ich da war. Sie streichelten mir über den Kopf, drückten mich und sagten dann etwas, das sehr weich klang. Aber ich fühlte mich komisch. Ich wusste nicht, ob ich alles richtig machte. Irgendwann ging ich nicht mehr hin.

In der Schule lächelten wir uns weiterhin an, verstohlen wie Verliebte. Wir sprangen Seil, teilten uns Lakritz und beim Völkerballspielen nahm ich sie an die Hand und zog sie übers Spielfeld, weil sie nicht sehr flink war und die anderen sie immer als erstes abwerfen wollten. Am Ende der Grundschule kam Nurhan zur Hauptschule. Sie hatte nicht gut lesen und schreiben gelernt. Ich ging aufs Gymnasium.

Vor ein paar Jahren traf ich Nurhan wieder, in meiner Heimatstadt. Sie hat inzwischen Kinder und einen türkischen Mann. Wir lächelten uns an wie früher und unterhielten uns kurz. Dann gingen wir wieder auseinander.



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