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Mittwoch, 7. November

Schreibknast. Zwischenstand im Buchprojekt „Käthe Paulus“:

//52.000 Wörter, 324.500 Zeichen, 1.430 Absätze, 5200 Zeilen

Die Handlung umfasst inzwischen die Jahre 1887 bis 1893. Nach erfolgreicher Überwindung der Hürde „Sexszenen schreiben in öffentlichen Cafés“, einer Schwangerschaft und einer Geburt folgte heute der erste Ballonaufstieg des Fräulein Paulus. In den Abendstunden absolviert sie nun ihren ersten Fallschirmabsprung.

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Der Marburger Soziologe Martin Schröder hat sich intensiv mit Generationenforschung auseinandergesetzt und kommt zum Ergebnis, dass Generationen im Nachkriegsdeutschland sich in ihren Haltungen und Einstellungen nicht unterscheiden. Es gebe keine „Generation X“ oder „Generation Y“, die anders ticke als „Babyboomer“.

Schröder hat Umfrageergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus den vergangenen 34 Jahren auf Kohorteneffekte untersucht und konnte keine Unterschiede in Bezug auf Lebensziele, Sorgen, politisches oder gesellschaftliches Engagement feststellen: Im Jahr 2000 Geborene haben die gleichen Werte und Ziele wie im Jahr 1965 Geborene, als sie im gleichen Alter waren. Das mache Studien wie die Shell Jugendstudie obsolet.

Ich halte das Generationenkonstrukt auch für überstrapaziert. Meiner Empfindung nach sind Unterschiede innerhalb bestimmter Alterskohorten größer als zwischen ihnen. Das sehe ich auch für andere Gruppen so, die aufgrund ihrer äußeren Merkmale, zum Beispiel Geschlecht oder Herkunft, als Gruppen betrachtet werden: Die Unterschiede, bezogen auf Lebensweise und persönliche Werte und Ziele, sind innerhalb einer Gruppe von 100 Frauen sicherlich größer als zwischen 100 Frauen und 100 Männern.

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Nichtsdestotrotz halte ich es für wichtig, Positionen in Unternehmen divers zu besetzen – also mit Männern und Frauen. Aber auch gleichermaßen mit alten und jungen Menschen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund oder Behinderung; außerdem mit Menschen unterschiedlicher sozialer oder örtlicher Herkunft.

Das führt nämlich dazu, dass mittelalte Männer aus Reiheneckhäusern nicht nur andere mittelalte Männer mit der gleichen Lebenssituation, den gleichen Einstellungen und einem ähnlichen Reihenmittelhaus fördern. Das wiederum stärkt die Innovationskraft und erhöht die Rendite von Unternehmen, macht sie widerstandsfähiger und flexibler – vgl. die Untersuchung „Diversität und Erfolg von Organisationen“ [pdf]. Denn: Je ähnlicher sich Menschen sind, desto eher stimmen sie sich gegenseitig zu. Entwicklung aber entsteht aus unterschiedlichen Perspektiven und der Auseinandersetzung mit ihnen.

Umso erstaunlicher ist es, dass so wenige Frauen in deutschen Vorständen sitzen. Noch erstaunlicher ist, dass sich die Unternehmen in ihren Geschäftsberichten auch weiterhin die „Zielgröße Null“ setzen. Das besagt der neueste Bericht der AllBright-Stiftung.

Nach § 111 (Abs. 5)  Aktiengesetz legte der Aufsichtsrat eine Zielgröße für den Frauenanteil im Vorstand der KRONES AG von 0% fest. Grund hierfür war, dass der Aufsichtsrat bislang keine geeignete Kandidatin für den Vorstand finden konnte und davon ausgeht, dass die in naher Zukunft auch schwierig bleibt.

(Krones, Geschäftsbericht 2017, S.121, zitiert nach AllBright)

Hintergrund des Zitats ist, dass börsennotierte Unternehmen seit dem 30. September 2015 gesetzlich verpflichtet sind, feste Zielgrößen für die Steigerung des Frauenanteils in ihren Vorständen zu veröffentlichen. Es ist jedoch möglich, eine „Zielgröße 0 Prozent“ zu benennen.

Sehr schön ist diese Formulierung, insbesondere der letzte Satz:

In einer Sitzung vom 15. März 2017 hat der Aufsichtsrat nach erneuter Abwägung beschlossen, am bislang bestehenden Frauenanteil im Vorstand festzuhalten und die bis zum 30. Juni 2020 zu erreichende Zielgröße für den Frauenanteil im Vorstand erneut auf 0% festzulegen, wobei diese Festlegung ausdrücklich unberührt lässt, dass der Aufsichtsrat nachwievor bemüht ist, wie bisher insgesamt eine Diversität bei Personalentscheidungen zu berücksichtigen. Hintergrund dieser Entscheidung ist, dass bisher noch keine Frau im Unternehmen identifiziert werden konnte, die in diesem Zeitraum die hohen Anforderungen für die Besetzung einer Vorstandsposition unserer Gesellschaft erfüllen würde.

(HeidelbergCement: Geschäftsbericht 2017, S. 11, zitiert nach Allbright)

Es wundert mich nicht einmal, dass sie keine Frau finden, die mitmachen will. Bevor ich meine begrenzte Lebenszeit in einem Gremium mit Menschen verplempere, die solchen Überzeugungen anhängen, mache ich lieber mein eigenes Ding. Viel Spaß, Jungs.

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Gehört„Er arbeitete umsichtig und gewissenhaft“ – über den Krankenpfleger Niels Högel, der auf der Intensivstation des Krankenhauses Delmenhorst und im Krankenhaus in Oldenburg insgesamt mindestens 103 Menschen tötete – mehr dazu auch bei Spiegel Online:

Die Sterberate stieg mit Högels Dienstbeginn rapide an. Zuvor verstarben pro Jahr durchschnittlich 84 Patienten auf der Station. In den Jahren 2003 und 2004 gab es 177 und 170 Todesfälle. Mehr als doppelt so viele Tote – und niemand stellte Fragen. Wie konnte das sein? Auch der hohe Verbrauch des selten eingesetzten Medikaments Gilurytmal machte niemanden stutzig. Die Leitung stufte vielmehr die Anforderungen für die Bestellung in der Krankenhausapotheke am 13. April 2004 herunter. Das machte es Högel noch leichter.

Högel injizierte den Patienten das Medikament Gilurytmal, um sie dann wiederzuleben. Er tötete sie, reanimierte sie, tötete sie. Es verschaffte ihm Befriedigung und Anerkennung. Sein letztes Opfer starb, nachdem Högel am Tag zuvor in flagranti erwischt worden war. Die Klinik wollte sich erst beraten und zog nicht sofort die Polizei hinzu. So konnte Högel noch ein letztes Mal töten.

103 Morde konnten Högel nachgewiesen werden. Es ist anzunehmen, dass es eine Dunkelziffer gibt, weil in Frage kommende Verstorbene, die eine Feuerbestattung bekamen, nicht exhumiert und untersucht werden können. Das Deutschlandfunk-Feature ist ein sehr gut gemachtes Hörstück, das mehrheitlich aus O-Tönen besteht, die klar machen, wie das System Krankenhaus die Morde deckte. Unglaublich.

Notiz am Rande: Högel ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die polizeiliche Kriminalstatistik für 2016 eine vergleichsweise hohe Anzahl von Tötungsdelikten aufweist. Rechte Parteien setzen dies gerne in den Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingen im Vorjahr. Tatsächlich aber wurden zu diesem Zeitpunkt die Morde von Niels Högel als solche entdeckt und gingen in die Statistik ein. 72 der 373 registrierten Opfer sind seine.

Weitere 149 Tötungen aus 2016 gehen übrigens auf das Konto von Andreas Lubitz, dem Germanwings-Piloten. Die Ermittlungen zum Flugzeugabsturz endeten in diesem Jahr und fütterten danach die Statistik. Zwei deutsche Männer töteten also 221 der 373 Menschen. Die AfD kratzt sich ratlos am Kopf.

GelesenVW baut Software-Zentrum in Lissabon auf – mit strengen Regeln für seine Entwickler. Arbeitsbeginn um 8:30 Uhr mit gemeinsamem Frühstück, keine E-Mails, nur eingeschränkter Internetzugang, 17 Uhr Feierabend. Dafür freie Hand und volle Verantwortung für das Produkt.

Gelesen: Viel zu den Midterms ins den USA und was das Wahlergebnis bedeutet. Ich stimme mit Stefan Kornlius überein (Trump kennt nur Vernichtung), der mutmaßt, das das Ergebnis Trump noch radikaler werde lasse. Buzzfeed zeigt einige  Historic Firsts, die Hoffnung geben, dass die Zukunft offener und diverser wird. Darunter sind die erste muslimische Kongressabgeordnete, der erste schwule Governor und Texas‘ erste beiden Latinas, die in den US-Kongress einziehen. Die Huffpost hat ein Interview mit der ersten Native American Woman des Kongresses geführt: Wie es ist, als Frau und Ureinwohnerin Wahlkampf in Trumps USA zu machen.

Kommentare

2 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. ANNA sagt:

    Service und Bildungsblog galore!Danke dafür

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