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Willkommen im Kännchen-Blog! Nehmen Sie sich einen Keks und schauen Sie sich um. Wenn Sie mögen, besuchen Sie die Verkaufstheke und wählen Sie aus dem reichhaltigen Angebot an Texten.

Donnerstag, 25. Oktober

Aufregung im Sauerland: Bald ist Allerheiligen, das kommt immer ganz unvorhergesehen, und die Gräber sind noch nicht winterschön. Das ist beunruhigend, spirituell wie kardiologisch, denn wo ich herkomme, gilt es als geradezu gottlos, am 1. November noch keine Heide auf den Gräbern zu haben.

Deshalb: schnelle Familienkonferenz – was muss gemacht werden? Wir projektieren, ein Backlog wird eingerichtet, Vatta wird Product Owner.

Das Sprint Planning sieht nun vor: Morgen Kick Off bei Blumen Risse – Blumenerde und Winterbepflanzung kaufen, Grabkonzeption. Samstag Hands-on-Umsetzung. Auf dem Friedhof gibt’s neuerdings nicht nur Gießkannen zu leihen, sondern auch Schubkarren, das vermindert den Aufwand, damit sind wir in weniger als drei Stunden durch. Anschließend kurzes Review mit der Tante. Nach Weihnachten ausgiebige Retrospektive bei Kaffee und Gewürzspekulatius.

Ich sag’s ungern, aber: Agil, Scrum – alles Firlefanz. Das ist keine Erfindung aus den USA. Das machen wir aufm Berg seit Jahrzehnten so, dazu Mettbrötchen und’n Kurzen.

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Die Nachbarn sind im Urlaub. Ich muss die Blumen gießen. Richten Sie sich auf eine Hitzewelle ein. Immer, wenn ich dort oben unterm Dach Blumen gießen muss, herrscht maximales Gießwetter – jahreszeitenunabhängig. Da hilft es auch nichts, dass die Nachbarin auf Kakteen umstellt, die „Mr. Easycare“ heißen.

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Der Landkreis Schmalkalden-Meinungen wirbt auf dem Hintern junger Volleyballerinnen mit dem Claim „Prachtregion“. So ein feiner Gag! Da haben sich die Herren Landräte bestimmt auf die Schenkel geklopft. Super Werbung! Dafür zahlt der deutsche Michel gern. Das fällt auf und wirft ein gutes Licht auf den hügeligen Thüringer Wald! Und an alle humorlosen, ungebumsten Feministinnen: Die Mädels sollen sich mal nicht so haben, ist doch lustig!

Findet die Juristin Nina Katrin Straßner auch. 

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Im November findet in Essen der Digital Future Congress statt – eine Veranstaltung, die mit dem Claim „Digitalisierung trifft Mittelstand“ wirbt. Speakerliste: 34 Vortragende, davon zwei Frauen (aufgerundet sechs Prozent, #serviceblog).

Ich wurde gefragt, ob ich sprechen wolle, und habe gesagt: Klar! Mache ich! Der Veranstalter wollte allerdings, dass ich Geld bezahle, um sprechen zu dürfen. Ich habe erwidert, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird, dass ich nämlich gerne Geld nehme, wenn Veranstalter mich buchen. Wir sind dann nicht zusammengekommen.

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Ich bin ja Mitglied im Dortmunder Ladies‘ Circle. Das ist eine Organisation von Frauen, die Spenden für wohltätige Zwecke sammeln. Nebenbei klönen wir und treffen uns zum Dattel-Dip-Essen; natürlich klönen wir ganz selten, wir sind sehr diszipliniert und zielorientiert. Sie können sich das vorstellen.

Aktuell machen wir beim Weihnachtspäckchenkonvoi mit. Bei der Aktion packen Kinder Päckchen für Kinder. Der Ladies‘ Circle fährt die Päckchen gemeinsam mit Männern vom Round Table – das ist die männliche Partnerorganisation – nach Osteuropa und verteilt sie dort.

Zwei Ladies aus Dortmund, Melanie und Katharina, fahren mit nach Rumänien und übergeben die Päckchen persönlich. Das haben sie auch 2017 schon gemacht und die Jahre zuvor. Wer mehr davon sehen oder hören will, findet auf der Facebookseite Bilder, und es gibt ein Interview mit Katharina beim Dortmunder Radio 91.2.

Wenn Sie in Dortmund oder Umgebung wohnen, ein Päckchen packen wollen oder sogar Lehrer oder Lehrerin, Erzieher oder Erzieherin sind und mit vielen Kindern mitmachen wollen, freuen wir uns. Mehr Infos, wie man mitmacht und was am besten in so ein Päckchen kommt: hier und auch in einem Flyer [pdf]. Oder bei mir.

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Ergänzung noch zum Thema „Klönen und Dattel-Dip“: Gestern gab es beim Circle-Abend Keksteig zum Löffeln, dieses „Höhle der Löwen“-Ding. Ich kannte das nicht, ich gucke im Fernsehen ja nur die Lindenstraße.

Seltsames Produkt. Auf künstliche Aromastoff-Weise irgendwie lecker. Liegt allerdings schwer im Magen.

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Gelesen: Hase, du bleibst hier – über den Männerüberschuss in ländlichen Regionen, vor allem im Osten Deutschlands, aber auch in Süddeutschland.

In Parchim in Mecklenburg-Vorpommern kommen auf vier junge Männer nur noch drei junge Frauen. In der Gemeinde Weißkessel im Landkreis Görlitz stehen 100 Männer nur noch 56 Frauen gegenüber. Das größte Frauendefizit hatte 2009 die Gemeinde Schönbeck in Mecklenburg-Strelitz mit 17 Männern und keiner einzigen Frau im Alter von 20 bis 24 Jahren.

Die Folgen für die Gesellschaft sind gravierend. Denn vergleicht man die Landstriche mit den Wahlergebnissen rechter Parteien, so zeigt sich: Wo die Frauen fehlen, werden mehr Nazis gewählt. Es gibt mehr Rassismus, mehr Fortschrittsfeindlichkeit und mehr Rückwärtsgewandtheit. Das ist kein ursächlicher Zusammenhang. Aber es ist ein Zusammenhang.

Warum die Frauen fehlen, ist offensichtlich: Sie sind besser gebildet als die Männer.

In Löbau-Zittau stellen Frauen nur 35 Prozent der Schulabgänger mit Hauptschulabschluss, aber 61 Prozent der Abiturientinnen.

Wer sich entwickeln will, wandert in die Städte ab. Das ist überall so. Das war auch bei mir so: Ich habe nach dem Abi das Sauerland verlassen und bin nicht zurückgekehrt. Ich wohne seither in Großstädten, denn dort gibt es Arbeit, Perspektive und einen offeneren Geist.

Was in den Regionen wegbricht, wenn Frauen in großer Zahl gehen und nicht zurückkehren, ist die soziale Infrastruktur, sind der Dienstleistungssektor, die sozialen Ehrenämter und das Engagement für die Gesellschaft.

In Gegenden mit eklatantem Frauenmangel breche bürgerschaftliches Engagement teils gänzlich zusammen, so Gabler: „In Regionen mit Männerüberschuss hält die soziale Kälte Einzug.“

Die AfD liefert das passende Programm dazu: Die Frau soll gefälligst am Herd bleiben, die Hetero-Familie ehren, sich „um die Keimzelle der Gesellschaft“ kümmern.

Die Krux an der Sache: In den Landkreisen entsteht ein Teufelskreis. Die Frauen, die noch da sind oder die dort aufwachsen, möchten umso weniger in diesem Umfeld bleiben, je männerdominierter es wird.

Kommentare

8 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. zwerg sagt:

    Das mit dem Teufelskreis kann man auch ganz positiv sehen. Fortpflanzung findet da wohl nicht statt und dann mangelt es an Nachwuchs.
    Dauert aber leider so lange mit dem generationsgekoppelten politischen Wandel.

  2. Barbara sagt:

    Guten Morgen,
    der FB-Link zu Nina Katrin Straßner funktioniert so nicht, dieser geht: https://www.facebook.com/juramama/posts/1929377723844416?__tn__=K-R
    Herzliche Grüße!

    1. Vanessa sagt:

      Korrigiert. Danke!

  3. Alexandra sagt:

    https://www.sueddeutsche.de/politik/frauen-das-kleine-bisschen-glueck-1.2468158

    „Zwei Drittel der Bevölkerung waren Frauen. In Hamburg zum Beispiel kamen 1946 auf 100 Männer zwischen 20 und 25 Jahren 160 Frauen.“ Deutschland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Spontan aus dem Bauch heraus sage ich, ab da ging es politisch? gesellschaftlich? jedenfalls deutlich erstmal um „Entfaschisierung“ (Peak: Studentenunruhen, 1967) sowie Richtung Abrüstung (Reagan & Gorbatschow, 1987 zum Beispiel) und Umweltschutz (Art. 20a, GG, 1994) also pathetisch ausgedrückt (und vielleicht ein bisschen ironisch, aber nur ein bisschen!) näher an den Weltfrieden.

    Wäre interessant zu wissen, wie es aktuell überregional in Deutschland so mit den Geschlechterverhältnissen aussieht … da tut sich ein Feld auf, ein weites.

    Geschlechterfreundschaft wär’s doch, oder?

  4. Alexandra sagt:

    Und dass es die nicht gibt, die Geschlechterfreundschaft (die humorlosen, ungebumsten Feministinnen sollen sich mal nicht so haben vs. die Bilder, die mit der Formulierung „die Herren Landräte“ heraufbeschworen werden) wird ja mit dem Artikel über die „Prachtregion“ (geschmacklos as hell) überdeutlich.

    1. Vanessa sagt:

      Dass es eine Geschlechtefreundschaft gar nicht gibt, würde ich nicht sagen. Führt aber hier zu weit.

    2. Alexandra sagt:

      Gut, es ist wie immer durchgegangen mit mir. Es gibt sie, da stimme ich zu!

  5. Der Agilitätsteil – Super. Habe es hier im Büro rumgeschickt, alle lagen vor Lachen auf dem Boden!! Danke.

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